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Für die Außenwelt ist Dawn McConnell eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Niemand weiß, dass sie Tag und Nacht von ihrem Ehemann Stuart kontrolliert wird. Jahrelang ist sie seiner Tyrannei ausgesetzt - wird missbraucht, bedroht und geschlagen. Er macht ihr das Leben zur Hölle, droht ihr, dass sie ihm gehört und dass er ihr schreckliche Dinge antut, wenn sie ihn verlässt. Dann, eines Tages, findet Dawn die Kraft, sich gegen Stuart zu wehren. Doch für ihre Freiheit muss sie alles riskieren ...
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Seitenzahl: 631
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Über dieses Buch
Über die Autorin
Titel
Impressum
Prolog
Teil I Zu Hause
Sommerferien
Alles ganz normal
John Jay
Das letzte Mal
Das »Schoolhouse«
Stuart
Teil II Verloren
Ärger im Paradies
Showdown
Mein Junge mit den schwarzen Augen
Weder hier noch da
Bargeschäfte
Teil III Erwachsen werden
Meine Bar
Enthüllungen
Der Sadist
Elvis auf Kunstrasen
Hotel zur Hölle
Das letzte Aufbegehren
Perspektivwechsel
Ein Betrug wird aufgedeckt
Teil IV Flucht
Platztausch
Bryce
Erwachen
Hinter dem Vorhang
Das Ende
Teil V Die Kriegerin
Der Feind in den eigenen Reihen
Das Blatt wendet sich
Eskalation
Mein Tag vor Gericht
Epilog
Für die Außenwelt ist Dawn McConnell eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Niemand weiß, dass sie Tag und Nacht von ihrem Ehemann Stuart kontrolliert wird. Jahrelang ist sie seiner Tyrannei ausgesetzt – wird missbraucht, bedroht und geschlagen. Er macht ihr das Leben zur Hölle, droht ihr, dass sie ihm gehört und dass er ihr schreckliche Dinge antut, wenn sie ihn verlässt. Dann, eines Tages, findet Dawn die Kraft, sich gegen Stuart zu wehren. Doch für ihre Freiheit muss sie alles riskieren ...
Heute lebt die Autorin glücklich mit ihrem zweiten Ehemann in Schottland.
Dawn McConnelin Zusammenarbeit mit Katy Weitz
Mein Zuhause war ein Gefängnis
Wie ich mich aus der toxischen Ehe mit meinem Peiniger befreite
Aus dem Englischen von Ralph Sander
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © Katy Weitz and Dawn McConnell 2017
German edition published by arrangement with Eulama Lit. Ag.
Für die deutsche Ausgabe:
Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Covergestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de
unter Verwendung von Motiven © wavebreakmedia/shutterstock
eBook-Erstellung: 3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 978-3-7517-1566-9
www.be-ebooks.de | www.luebbe.de
www.lesejury.de
Nemo me impune lacessit
»Niemand kann mir ungestraft schaden«
Lateinisches Motto des Order of the Thistle und des Royal Regiment of Scotland, auch bekannt als »Black Watch«, der Scots Guard und der Royal Scots Dragoon Guards
Während ich auf den kalten harten Terrakotta-Fliesen saß, zog ich die Beine an, bis die Knie gegen meine Brust drückten, und schlang meine bloßen Arme um die Schienbeine. Wie um alles in der Welt hatte ich nur in diese verfahrene Situation geraten können?
In der Villa – in meiner Villa, meiner wunderschönen portugiesischen Villa – war mein Mann Stuart zwischenzeitlich damit beschäftigt, sich noch ein Glas Rotwein einzuschenken. Durch die gläserne Balkontür betrachtete ich ausgiebig seinen Hinterkopf, während er sich auf unsere brandneue Couch setzte und den Ton am Fernseher lauter drehte, um sich eine Episode der Sopranos anzusehen. Ich konnte es noch immer nicht fassen, dass ich hier draußen war, mitten in der Nacht auf den eiskalten Fliesen, in nichts weiter als eine dünne Weste und eine Jogginghose gekleidet. Was sollte ich tun? Gegen die Glasscheibe trommeln? Um Hilfe rufen? Ihn anflehen, mich wieder reinzulassen?
Nein. Nach fast zwanzig Jahren kannte ich meinen Ehemann gut genug, um zu wissen, dass ich mit einer solchen Taktik nur sein Gelächter oder seinen Spott oder sogar noch Schlimmeres heraufbeschwören würde. Außerdem war es ja nicht so, als hätten wir irgendwelche Nachbarn, die herkommen und mich retten könnten. Unsere inmitten von Hügeln gelegene Villa konnte man nur über eine schmale, aus roter Erde bestehende Straße erreichen. Ringsum gab es nichts anderes als Orangenhaine und Olivenbäume. Lediglich die Ziegen drangen bis hier oben vor. Ich wusste, es gab keinen Ausweg aus dieser Misere, der um meinen Mann herumgeführt hätte. Es war eine von diesen Situationen, die ich einfach über mich ergehen lassen musste. Und so saß ich da in der Dunkelheit und Kälte, betrachtete die Sterne und fragte mich, wie ich bloß in diese Falle hatte laufen können ...
Erst vor ein paar Stunden war ich noch das Sinnbild der erfolgreichen Geschäftsfrau gewesen, mit überhöhter Geschwindigkeit von meinem Büro quer durch Glasgow auf dem Weg zum Flughafen, um mich mit meinem Ehemann in unserer gerade erst gekauften Villa zu treffen. Die lag in einer malerischen portugiesischen Hügellandschaft mit Blick auf die Algarve. Rund ums Haus gab es noch so viel zu tun, dass Stuart darauf bestanden hatte, bereits in der Woche herzukommen, damit er Handwerker bestellen, Baumaterial kaufen und damit beginnen konnte, die Wände von der hässlichen dunklen Vertäfelung zu befreien, die der vorherige Eigentümer angebracht hatte. Ich arbeitete Vollzeit, was bedeutete, dass ich nur am Wochenende hinfliegen konnte. Aber ich musste es tun, da ich es nicht erwarten konnte zu sehen, was Stuart in dieser einen Woche bereits geschafft hatte. Am Flughafen von Faro rief ich ihn an und rechnete fest damit, von ihm abgeholt zu werden. Stuart sagte mir jedoch, er sei nicht mehr fahrtüchtig, da er zum Mittagessen ein paar Gläser Wein getrunken hatte. Mein Magen verkrampfte sich, denn das verhieß nichts Gutes.
Als ich am Nachmittag in unserer Villa ankam, erfüllten sich meine schlimmsten Erwartungen. Während ich mir einen Weg zwischen leeren Bier- und Weinflaschen hindurch bahnte, wurde offensichtlich, dass Stuart noch nicht einmal angefangen hatte, an irgendeiner Stelle die Vertäfelung zu entfernen. Stattdessen lag er auf dem Sofa und litt unter den lähmenden Folgen eines einwöchigen Saufgelages. Ich konnte nicht anders, ich flippte aus.
»Was hast du angestellt? Das Haus ist ein einziger Saustall! Ich arbeite die ganze Woche lang, und du trinkst dich hier fröhlich um den Verstand? Sieh dich bloß an! Du hast ja jetzt noch immer einen Rausch! Wie widerwärtig!«
Ich tauschte meine Geschäftskleidung gegen Weste und Jogginghose, dann machte ich mich daran, unser neues Haus zu putzen und zu schrubben. Als drei Stunden später alles sauber und die Bettwäsche gewechselt war, packte ich einen Teil der soeben gewaschenen Wäsche und brachte alles nach draußen auf die Terrasse, um die Sachen dort zum Trocken aufzuhängen.
Die ganze Zeit über hatte Stuart auf dem Sofa gelegen, seinen Rotwein getrunken und mir von Zeit zu Zeit einen bösen Blick zugeworfen. Soll er mich doch anstarren! Ich schätzte, dass nur noch ein paar Gläser fehlten, bis er in einen Vollrausch sinken würde. Es war bereits spät am Tag, als ich die Wäsche aufhängte. Die Märzluft war so kühl, dass ich ein wenig fröstelte. Am Himmel fand sich keine einzige Wolke, ich hätte jeden Stern zählen können. Mein Atem trieb in weißen Wölkchen von mir weg, während ich ein Teil nach dem anderen mit Wäscheklammern an der Leine festmachte. Die Kälte bereitete mir eine Gänsehaut. Dann auf einmal ...
Die Verandatür glitt mit lautem Knall zu, und als ich mich umsah, entdeckte ich einen boshaft lächelnden Stuart, der den Türgriff von innen entgegen dem Uhrzeigersinn drehte, bis die Schiebetür verriegelt war. Dann kehrte er zum Sofa zurück und machte den Fernseher wieder an. Ignorier ihn einfach, sagte ich mir. Er spielt nur seine Spielchen. Das hier war seine Antwort auf meinen Wutausbruch kurz nach meiner Ankunft. Er wusste, wie sehr ich Kälte hasste und wie schlecht ich sie ertrug. Aber ich sagte mir, dass er mich bestimmt zwanzig Minuten hier draußen ausharren lassen würde, um mich zu bestrafen. Es ging ihm immer darum, mich zu bestrafen.
Doch zwanzig Minuten vergingen, ohne dass sich Stuart vom Sofa erhob. Da es keine Sitzgelegenheit auf der Terrasse gab, kauerte ich mich in einer Ecke auf den kalten Terracotta-Fliesen hin. Es ging kein Wind, und das einzige Geräusch, das ich hören konnte, war das leise Läuten der Glocken, die die Ziegen um den Hals trugen. Ansonsten herrschte völlige Ruhe. Die feuchte Wäsche hing wie ein imaginärer Schutzschild über meinem Kopf, aber nichts konnte mich vor der Kälte der Nacht abschirmen, die in die Poren eindrang und dafür sorgte, dass meine Haut weiß wurde.
Durch die Verandatür sah ich mit an, wie Stuart nach und nach noch zwei Flaschen Wein öffnete. Durch diese Tür, die wie eine gläserne Wand wirkte, verfolgte ich mit, wie sich Stuart insgesamt drei Sopranos-Episoden ansah. Dann bereitete er für sich ein Steak-Sandwich zu, stellte Kräcker und Käse auf den Tisch, warf ein Weinglas um und schenkte sich einen großzügig bemessenen Brandy ein. Ich musste meine Finger aneinander reiben, weil sie vor Kälte zu schmerzen begannen, während ich das alles beobachtete. Ich war wie ein Fernsehzuschauer, und mein Zuhause war wie ein großer Bildschirm, dessen Programm nur ich zu sehen bekam.
Geduldig wartete ich ab, während die Temperatur sich dem Gefrierpunkt näherte. Dann ging ich auf der Terrasse hin und her, gelegentlich hüpfte ich auf der Stelle, um in Bewegung zu bleiben. Doch die meiste Zeit über saß ich da und ließ die Kälte bis in meine Knochen vordringen, wobei meine Finger und Zehen so kalt wurden, dass ich sie schließlich kaum noch bewegen konnte. Wie hatte es so weit kommen können?
Nach außen hin war ich eine erfolgreiche Geschäftsfrau, eine Frau, die ihr Schicksal selbst in der Hand hatte. Und dennoch saß ich hier, gefangen auf meiner eigenen Terrasse und dabei eisiger Kälte ausgesetzt. Mit meinen vierunddreißig Jahren wusste ich, dass es mir jetzt endgültig reichte. So konnte ich nicht weitermachen. Ich fasste den Entschluss, dem allem zu entkommen.
Als früh am Morgen die Sonne hinter den Hügeln aufstieg, spürte ich, dass der neue Tag mein neues Ich begrüßte. Es war gegen zehn Uhr, als Stuart endlich seinen Rausch ausgeschlafen hatte. Bis dahin war ich von der warmen Sonne Portugals bereits komplett aufgetaut worden. Er stolperte über eine leere Weinflasche und schien sich für einen Moment zu erschrecken, als er sich umsah und mich auf dem Balkon entdeckte. In der nächsten Sekunde wurde ihm klar, was er getan hatte, und dann fing er, von seiner eigenen Boshaftigkeit angestachelt, an zu lachen. Er entriegelte die Tür und schob sie auf. Als ich an ihm vorbei nach drinnen ging, würdigte ich ihn keines Blickes. Ich sprach kein Wort mit ihm, stattdessen zog ich die Sachen an, in denen ich am Vortag hergekommen war, und bestellte ein Taxi, das mich zum Flughafen bringen sollte.
Dinge wie diese ereignen sich, um uns auf die Probe zu stellen. Es gab einen guten Grund, warum das passiert war. Ich nahm mir in dieser Nacht vor, die Stunden auf dem Balkon niemals zu vergessen. Er konnte mich nicht für alle Zeit einsperren. Eines Tages würde ich weggehen und niemals zurückschauen.
»Komm schon, Dawn!«, schnaufte meine Mutter ungeduldig, während sie ihren großen braunen Lederkoffer in das wartende Taxi wuchtete. »Beeil dich, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«
Ich folgte ihr, so schnell ich konnte, aber es war für mich nicht immer so leicht, mit dem hohen Tempo mitzuhalten, das meine Mum vorgab. Mit ihren eleganten beigefarbenen hohen Absätzen gab sie sich wie eine Frau, die eine Mission zu erfüllen hatte und die auf keinen Fall zuließ, dass die kurzen Beine einer Fünfjährigen darüber bestimmten, wie schnell sie selbst gehen durfte. Erst recht nicht, wenn wir uns in Paris im Gare du Nord befanden und auf dem Weg in unseren üblichen vierwöchigen Italienurlaub waren. Meine Mutter Penelope McConnell hatte die vergangenen zwei Wochen damit verbracht, für meinen Bruder, meine Schwester und mich alles zu packen. Unsere Koffer lagen auf dem dunkelgrünen Fußboden im Esszimmer verteilt und warteten darauf, mit unserer gewaschenen und gebügelten Kleidung in der Reihenfolge gefüllt zu werden, in der alles fertig wurde. Jeden Abend hatte sie in diesen zwei Wochen vor den Koffern gehockt, eine Tasse Kaffee neben ihr auf dem Boden, einen Notizblock in der Hand, auf dem sie ihre Listen abhakte, die alles aufführten, was für jedes von uns Kindern als notwendig erachtet wurde.
Abends war ich oft eingeschlafen, während ich sie leise reden hörte, wie sie wieder und wieder alles überprüfte. »Zwei Hosen, ein Rock, zwei Kleider, sechsmal Unterwäsche, zwei Shorts ...«
Wir waren drei Kinder in unserer Familie. Mit meinen fünf Jahren war ich die Jüngste, meine Schwester Susy war zehn, und dann war da noch unser großer Bruder John. Im Sommer 1974 war er fünfzehn, ein großer Junge und damit zehn Jahre älter als ich.
Obwohl wir in einem der schlechteren Viertel von Glasgow lebten, war Mum der Ansicht, dass unsere Familie ein ganzes Stück besser war als die üblichen Gestalten, die im The Drayton Arms abstiegen – dem Hotel, das uns gehörte. Auf jeden Fall hob sie sich durch ihren vornehmen Edinburgher Akzent von der Masse ab. Es war ein kleines Hotel mit zehn Zimmern, mit Bar und Restaurant und einem Saal, der von den Leuten aus dem Viertel genutzt wurde. Im Speisesaal fanden oft die Feiern zu Hochzeiten und Beerdigungen statt. Außerdem versorgten wir die Hotelgäste mit Frühstück und – falls es von ihnen gewünscht wurde – mit Abendessen. Mum und Dad arbeiteten dort Tag und Nacht, sie pendelten ständig zwischen dem Hotel und unserem großen Haus hin und her, das sich gleich nebenan befand. Es war eine unerbittliche Methode, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, aber sie funktionierte. Ich wusste, in unserem Viertel gab es nicht viele Kinder, die eine Privatschule besuchen konnten und deren Eltern mit ihnen vier Wochen Urlaub im Ausland verbrachten.
Aber so viel harte Arbeit machte diese Urlaube auch zu etwas Kostbarem, das entsprechend perfekt geplant sein wollte. Schon früh am Morgen hatte Mum den letzten Koffer zugemacht und dann die Reisetasche mit Aspirin, Zahnpasta, Zahnbürsten, Malbücher und Ersatzhosen gepackt. Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass alle Fahrkarten vorhanden waren, war es Zeit gewesen aufzubrechen.
Nur vier McConnells quetschten sich mitsamt Gepäck in dieses Pariser Taxi. Dad war diesmal nicht mitgekommen, nachdem er sich im Jahr zuvor fast während der gesamten Ferien nur lautstark über alles beklagt hatte. Mürrisch war er den Strandboulevard entlanggegangen und hatte immer wieder auf Restaurants gezeigt, in denen er zu Mittag essen wollte. Aber wir besuchten nie eines dieser Lokale, weil wir im Hotel Vollpension hatten. Das hatte für viel gereizte Stimmung zwischen meinen Eltern gesorgt.
»Alles ist im Preis inbegriffen und wir haben dafür bezahlt«, hatte Mum ihm in aller Ruhe gesagt, während Dad sich zum Mittagessen noch ein Glas Wein einschenkte und sie missmutig ansah. Sie war nie davon angetan gewesen, wenn er Alkohol trank, aber sie konnte nur wenig dagegen ausrichten. Schon gar nicht in diesem Jahr, da wir ohne Dad in die Ferien fuhren und er sich ganz allein um das Hotel kümmerte.
»Er wird da glücklicher sein«, hatte Mum mit aufgesetztem Lächeln gesagt, als er uns bei der Ausfahrt aus dem Glasgower Bahnhof hinterhergewinkt hatte. »Er hat ja seine Spirituosen, die ihm Gesellschaft leisten.«
Als ich das hörte, wünschte ich fast, ich wäre diejenige, die ihm Gesellschaft leistete, denn die Augusthitze am Gare du Nord war einfach unerträglich. Die schwarzen Ledersitze im Taxi waren sengend heiß und klebten an meinen nackten Oberschenkeln.
»Le Bristol, s'il vous plaît«, sagte Mum in ihrem besten Französisch zu dem jungen Taxifahrer, und dann ließen wir auch schon das Chaos am Bahnhof hinter uns zurück. Das Fünf-Sterne-Hotel im Herzen von Paris war für eine Nacht unser Zwischenstopp auf dem Weg nach Italien. Mum liebte den Glamour des Hotels aus den Zwanzigerjahren und wurde nie müde, uns zu erzählen, dass Könige dort schon genauso abgestiegen waren wie Prominente, unter anderem Mick Jagger und Sophia Loren.
Kaum hatten wir das Hotel betreten, schien Mum sofort etwas gerader dazustehen, so als würde der Anblick von so viel Pracht sie dazu veranlassen, den Rücken durchzudrücken und die Schultern zu straffen. Auf der Treppe strich sie mit einer Hand über das auf Hochglanz polierte Messinggeländer.
Sie liebte es hier, das konnte ich ihr anmerken. Wenn ich sah, wie sie uns anlächelte, dann war mir klar, dass meine Mutter das hier mehr wollte als alles andere: das vornehme Leben eines Luxusurlaubs und die einem damit zuteilwerdende Aufmerksamkeit. Hier kümmerte sich zur Abwechslung jeder um sie und ihre Wünsche, während sie sonst diejenige war, die für ihre Hotelgäste da sein musste. Hier war sie mal der Gast!
Später ging Mum mit uns zum Abendessen, der Weg führte durch die engen Straßen von Paris hin zu einem kleinen Café in einer der vielen Gassen. Ich atmete die Fremdartigkeit dieser Szenerie ein – Menschen jeden Alters und von unterschiedlichster Herkunft, Schicht und Hautfarbe, die sich in den exotischsten Sprachen miteinander unterhielten. Mum bestellte für sich ein Glas Sancerre, wir bekamen jeder eine Fanta. Sie wirkte hier so entspannt, wie ich sie in unserem Hotel noch nie erlebt hatte. Ohne meinen Dad an ihrer Seite wirkte sie glücklich und gelassen.
»Genau danach sehne ich mich«, gestand sie schließlich seufzend. »Nach allem hier! Ich hätte schon vor Jahren auf den Kontinent umziehen sollen. Ich hätte in Italien bleiben sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte. Gott allein weiß, wieso es mich nach Glasgow verschlagen hat, in dieses schäbige kleine Hotel, in dem ich Tag und Nacht schuften muss ...«
Und so ging es dann weiter. Es war ein vertrautes Klagelied. In der Zwischenzeit vertrieben Susy und ich uns die Zeit, indem wir mit Knabberstangen einen Schwertkampf vortäuschten. Als beide Stangen durchbrachen und auf dem Boden landeten, sahen wir schuldbewusst Mum an, weil wir fest damit rechneten, dass sie mit uns schimpfen würde.
Aber sie bekam davon gar nichts mit. Ausnahmsweise beobachtete sie uns nicht wie sonst auf Schritt und Tritt, wenn sie nur darauf achtete, ob es an unserem Erscheinungsbild oder an unserem Benehmen etwas auszusetzen gab. Nein, an dem Abend schien sie verträumt in die Ferne zu schauen, so als würde sie einen Blick auf ein anderes Leben werfen, das sie viel lieber führen würde.
Am nächsten Tag begannen wir unsere letzte Etappe auf unserer Reise in die Toskana. In Rom mussten wir umsteigen, dann trafen wir erst spät am Tag im noblen Badeort Forte Dei Marmi ein, der nicht ganz sechzig Kilometer von Pisa entfernt lag. Untergebracht waren wir in einem beeindruckenden Hotel, die Zimmer mit hohen Decken, überall opulente Farben und edle Stoffe. Der Manager persönlich hieß uns willkommen. Ich mochte Signor Adammo sehr, und kaum hatte ich ihn entdeckt, rannte ich zu ihm und sprang in seine Arme, während ich meine kurzen Arme um seinen Hals schlang, so gut ich konnte.
»Du hast mir so gefehlt!«, quiekte ich.
Mum lachte nervös, da sich durch meine öffentliche Bekundung meiner Zuneigung für diesen Mann in Verlegenheit gebracht fühlte. Sie umarmte niemanden, und erst recht küsste sie niemanden – dafür trat sie viel zu erhaben auf.
»Komm schon, Dawn, jetzt verärgere nicht Signor Adammo«, ermahnte sie mich.
»O nein, Signora«, erwiderte er und fuhr nachsichtig durch meine Haare. »Alles in Ordnung, kein Problem.«
Dann wandte er sich mir zu und fragte: »Ciao, Dawn, come stai?«
»Siamo molto bene!«, antwortete ich auf Italienisch, so gut ich das konnte. Endlich waren wir angekommen, jetzt konnte der Urlaub losgehen!
Diese Sommertage vergingen so rasend schnell. Sie huschten vorbei wie die Fische, die in alle Richtungen davonschossen, wenn ich ihnen beim Planschen im strahlend blauen Meer mit meinen kleinen Füßen zu nahe kam. Spätestens nach einer Woche hatten wir in unsere vertraute Routine gefunden.
Jeden Morgen nach dem Frühstück gingen wir vier zum Strand, wo wir ein paar Stunden blieben. Ich liebte es, Sandburgen zu bauen und im flachen Wasser herumzutollen, während mein Bruder und meine Schwester sich beim Volleyball oder Schlagball im Sand verausgabten. Häufig trafen sie sich mit anderen Kindern und spielten mit ihnen zusammen. Mir genügte es, bei meiner Mutter zu sitzen, kleine Gräben auszuheben und meine Sandburgen mit Muscheln zu verzieren, während Mum in ihrem eleganten Einteiler Sonne tankte.
Das Mittagessen lief immer gleich ab. Nachdem wir den Strand verlassen hatten, gingen wir duschen und zogen uns um, dann ging es weiter in den Speisesaal unseres Hotels. Das Personal hielt für uns immer den gleichen Tisch bereit, ein großer runder Tisch an einem der Fenster, sodass wir freie Sicht aufs Meer hatten. Es war eine richtig große Sache, und ich glaube, das war genau das, was meine Mutter so sehr liebte. Gesteigert wurde das Erlebnis noch durch die makellos weißen Tischdecken, das teure Tafelsilber und durch die Weingläser aus Bleikristall. Susy und ich stritten uns um den Korb mit den Grissini-Knabberstangen, während mein Bruder sein Glas mit San Pellegrino-Sprudelwasser auffüllte. Kellner in schneeweißen Jacketts und mit weißen Handschuhen huschten hin und her und brachten uns Teller mit Nudeln oder Risotto oder dampfender Suppe. Ich liebte Spaghetti Arrabbiata über alles, und ich musste nie auf ein kühlendes Eis zum Nachtisch verzichten.
Am Nachmittag war der Tag noch lange nicht gelaufen. Zwar mussten wir uns nach dem Essen für eine einstündige Siesta auf unser Zimmer zurückziehen, aber danach ging es für den Rest des Tages zurück an den Strand. Am Abend suchten wir nach einem Bad und einer ordentlichen Portion After-Sun-Lotion für die Haut wieder das Restaurant auf, um zu essen. Danach ging es dann sofort ab ins Bett, während meine Haut von der vielen Sonne immer noch strahlte.
Oh, wie habe ich das geliebt! Ich habe das alles geliebt. Jeden Morgen, an dem ich in diesem Urlaub aufwachte, hätte ich vor Freude platzen können, dass noch ein so perfekter Tag vor uns lag. Es war einfach großartig. Und es war so völlig anders als die kalte graue Welt, die wir hinter uns gelassen hatten.
Ich konnte nicht wissen, dass Sonnenschein nicht ewig währt.
Ich konnte nicht wissen, dass auf meine unschuldige Kindheit ein jähes Ende wartete.
Als ich nach vielen Jahren zurückblickte, musste ich mich schon fragen, ob sich Mum jemals Gedanken über sein Verhalten gemacht hatte. Ich meine, warum sollte ein Fünfzehnjähriger sich anbieten, seine fünfjährige Schwester zum Duschen aufs Zimmer mitzunehmen? War das normal?
Ich kann nur vermuten, dass Mum aufgehört hatte, sich zu fragen, was John tat oder auch nicht tat, nachdem sie ihn jahrelang seinem Vater gegenüber verteidigt und sich immer zwischen ihren hünenhaften Ehemann und ihren vor Angst zitternden Sohn gestellt hatte. Oder aber sie war der Ansicht, dass John gar nichts verkehrt machen konnte.
Auf jeden Fall hatte sie nichts dagegen einzuwenden, als er nach dem Tag am Strand ganz beiläufig diesen Vorschlag machte. »Ich bringe Dawn nach oben aufs Zimmer«, sagte John und wischte etwas Sand von seinem T-Shirt. »Ich gehe mit ihr nach oben, dann können wir uns fertigmachen, wir können baden und duschen, bevor ihr dann auch raufkommt.«
»Das wäre sehr hilfreich, danke«, antwortete Mum, die ihren breitkrempigen Hut und die Sonnenbrille trug. Dann drehte sie sich zu mir um: »Jetzt geh schon mit deinem Bruder mit. Und halt seine Hand fest, wenn ihr diese belebte Kreuzung überquert. Wir kommen bald nach.«
Ich fasste nach der Hand meines Bruders und sah ihn an, da ich hoffte, dass er mich auch anschauen würde. Es fühlte sich gut an, dass er beschlossen hatte, mit mir zum Hotel zu gehen. Immerhin nahm er meistens gar keine Notiz von mir, und manchmal ging ich ihm sogar richtig auf die Nerven. Er sah stur geradeaus, während er sich mit mir zusammen einen Weg durch die nachmittägliche Menschenmenge bahnte, die den Strand bevölkerte. Nicht ein Mal richtete er seinen Blick auf mich.
Sein glattes hellbraunes Haar wies durch die Sonne bedingt vereinzelte blonde Strähnen auf, und seine völlig gerade Nase war mit hellbraunen Sommersprossen überzogen. So wie ich hatte er blaue Augen und einen breiten Mund. Unsere Schwester Susy hatte zwar ebenfalls einen blassen Teint, doch ihre Haare waren von einem kraftvollen Rot. Susy war klein und stämmig, während John und ich groß und schlank waren damit ganz nach unserer Mutter kamen.
Unser Dad Duncan war dagegen ein hochaufragender, schwergewichtiger Mann, dem natürlich aufgefallen war, wie gering die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn doch war.
»Sieh ihn dir an! Wie ein Strich in der Landschaft«, sagte mein Dad und grinste John gehässig an.
Aber ich war nicht wie mein Dad. Für mich als Fünfjährige war John ein großer Junge, den ich in jeder Hinsicht anhimmelte.
Ich hielt mich fest an seine Hand geklammert, als wir die Hauptstraße zwischen Strand und Hotel überquerten. Johns Augen zuckten wachsam nach links und rechts, während wir im Zickzack über die Straße liefen, auf der es von Autos und Motorrollern wimmelte. Danach lotste er mich durch Menschenmengen, die sich in der Lobby drängten, ging mit mir hinauf in den ersten Stock und schloss die Tür zu unserer Suite auf. Ich folgte ihm nach drinnen und zog schon mal mein Strandkleid aus, damit ich bereit war für ein schönes heißes Schaumbad.
»Okay, sollen wir jetzt dein Bad einlassen?«, fragte John mich auf eine ausgelassene Weise. »Damit deine Haare vom Sand befreit werden?«
Ich lächelte und nickte begeistert.
Die große freistehende Wanne in unserem marmornen Badezimmer lief schnell voll, und nachdem ich meinen blauen Badeanzug abgelegt und auf den Boden hatte fallen lassen, hob mein Bruder mich behutsam hoch und setzte mich ins Wasser. Er tauchte einen Becher in die Wanne, dann drückte er meinen Kopf leicht nach hinten und ließ das Wasser über meine Haare laufen. Erst dann griff er nach dem Shampoo, verrieb es, bis es schäumte und er meine Haare formen konnte.
»Mach Hörner! Mach Hörner!«, rief ich und betrachtete mich im Spiegel an der Wand gegenüber. John formte meinem Wunsch entsprechend zwei große, spitze Hörner auf meinem Kopf. Dann nahm er etwas von dem Schaum und verrieb ihn auf meinem Rücken.
»Steh auf«, forderte er mich auf. »Dann kann ich dich ganz sauber machen.«
Ich stellte mich hin und streckte die Arme in die Höhe, während er den Schaum auf meinen Schultern und auf der Brust und auch unter den Armen verteilte. Als er an meinem Po angelangt war, nahm er sich besonders viel Zeit. Langsam schob er seine Hand zwischen meine Beine und lächelte mich dabei auf eine seltsam erwartungsvolle Art an.
»Fühlt sich das gut an?«, fragte er.
Ich zuckte mit den Schultern. Ja, sicher fühlte sich das gut an, aber warum ließ er sich so viel Zeit? Alles war voller Schaum, aber er rieb mit seinen Fingern nur weiter über diese Stelle. Diese eine Stelle da unten.
Meine Gedanken begannen abzuschweifen. Mir fiel ein, dass am Abend irgendeine Veranstaltung im Hotel stattfand. Dann trage ich wieder mein weißes Matrosenkleid, überlegte ich. Das gefällt mir am besten. Aber was findet da noch mal statt? Eine Disco? Oder eine Liveband? Ich weiß ni...
Autsch! Ein Schmerz schoss durch meinen Unterleib. Was war denn das gerade gewesen? John hatte seinen Finger in mich gesteckt. Zwar nur ein bisschen, aber das tat weh. Ich sah ihn überrascht an, und er starrte mich wieder wachsam an.
»Das ist gut«, sprach er bedächtig und leise, dabei ließ er mich nicht aus den Augen. »Das ist etwas, was ganz besondere Brüder und Schwestern zusammen machen. Aber es muss unser Geheimnis bleiben, okay?«
Ich sagte kein Wort. Mit beiden Händen drückte er meine Beine noch weiter auseinander, damit er den Schaum zwischen meinen Oberschenkeln und in mir drin verteilen konnte. Alles geschah ganz gemächlich und sehr behutsam.
Was soll das? Warum macht er das? Mir gefällt das nicht. Mir gefällt das überhaupt nicht! Er berührt mich, obwohl er da nichts zu suchen hat, und es tut mir weh.
Aber ich wusste nicht, wie ich ihm sagen konnte, dass er damit aufhören sollte. Er war mein großer Bruder, und er kannte sich mit den Dingen besser aus als ich. Es ist etwas, was ganz besondere Brüder und Schwestern zusammen machen. Das hatte er so zu mir gesagt.
Nach einer Weile hörte er auf, und ich war schon erleichtert, weil ich dachte, dass er jetzt den Schaum abspülen und mich aus der Wanne holen würde.
Doch John griff nicht nach dem Duschkopf, sondern stellte sich hin und zog sein T-Shirt und die Badehose aus. Dann stieg er in die Wanne und setzte sich mir gegenüber hin, wobei er die ganze Zeit über mit einer Hand sein Ding zwischen seinen Beinen festhielt.
»Setz dich hin, Dawn«, forderte er mich auf, dann zog er mich so zu sich, dass ich zu ihm gewandt auf seinem Schoß saß und meine Beine sich rechts und links von seiner Taille befand.
Mit einer Hand hielt er immer noch sein Dingsda fest, mit der anderen manövrierte er mich so, dass ich mich draufsetzen sollte.
O nein. O nein! Schmerz fuhr durch meinen Körper
»Tut das weh?«
Ich nickte, da ich so verängstigt war, dass ich keinen Ton rausbekam. Ich war völlig durcheinander und fürchtete mich davor, etwas Falsches zu tun.
Sein Ding war in mir. Er schob die Hände unter meine Achseln und hob mich vorsichtig an, bis ich genau über ihm war. Dann schloss er die Augen, verschränkte die Hände hinter meinem Nacken. Dann folgte eine brutale Bewegung, bei der er sein Becken nach oben drückte und mich gleichzeitig nach unten presste.
Ich wollte laut schreien, denn es fühlte sich an, alle wäre alles in mir drin entzweigerissen worden. Ich kauerte reglos da, während sich das Badezimmer rot verfärbte.
»Schhhhht«, machte er und strich mir über die Haare. »Beim ersten Mal ist es immer ein bisschen unangenehm. Aber je öfter wir das machen, umso leichter wird es dir fallen. Als dein großer Bruder verspreche ich dir, dass es wirklich leichter wird.«
Ich legte die Arme um seinen Hals, während er sein Ding immer wieder in mich reinrammte. Ich vertraute ihm und ich vertraute auf seine Worte, dass er mir nicht wehtun würde. Ich zitterte, in meinem ganzen Körper hallten die Schwingungen von jenem ersten Stoß nach. Und jeder weitere Stoß hatte die Schmerzen nur noch schlimmer werden lassen.
Wenn er das noch länger macht, wird mich das ganz bestimmt zerreißen. Ich geriet in Panik, aber ich hatte zu viel Angst davor zu schreien. Ich wollte ihn nicht gegen mich aufbringen, außerdem merkte ich, dass die Schmerzen nicht ganz so schlimm waren, wenn ich ganz starr blieb.
»Klammer dich an mich«, wies er mich an, und sofort tat ich, was er mir sagte. Ich schlang die Beine um seine Taille und legte die Arme um seinen Nacken. So nah, wie ich meinem Bruder jetzt war, konnte ich den Geruch nach Meer wahrnehmen, der in seinen zerzausten Haaren hing. Und ich hörte seltsame Grunzlaute, die tief aus seinem Inneren aufstiegen. Während ich auf und ab wippte, richtete ich den Blick stur auf die Messingarmaturen. Seine Bewegungen wurden langsamer, dann seufzte er und es folgte ein letzter, tieferer Stoß, schließlich atmete er aus und kam zur Ruhe.
Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, als wir anschließend wie erstarrt verharrten. Schließlich hob er mich langsam von sich und strich mir übers Haar, dann zog er den Stöpsel aus dem Abfluss, und das blassrot gefärbte Wasser lief aus der Wanne.
Er drehte die Dusche auf und spülte den Schaum ab, der an uns klebte. Ich rührte mich nicht, und ich hatte sogar Angst zu atmen.
Die ganze Zeit über redete mein Bruder leise auf mich ein: »Das war sehr gut, Dawn. Das war wunderschön. Du hast deinen Bruder sehr glücklich gemacht. Was bist du doch für ein braves Mädchen. Bist du sauber? Ganz und gar? Gut, dann komm raus aus der Wanne.«
Er wickelte ein Handtuch um mich und trug mich ins Schlafzimmer.
»Nächstes Mal wird das angenehmer sein«, sagte er leise zu mir. »Das verspreche ich dir.«
Ich erwiderte nichts, sondern dachte nur: Nächstes Mal?
John hockte sich vor mir hin und sah mir jetzt auf einmal tief in die Augen. »Und vergiss nicht«, sagte er in ernstem Tonfall. »Das hier ist unser ganz besonderes Geheimnis. Wenn du irgendjemandem davon erzählst, was da gerade eben im Bad passiert ist, dann wird die Polizei dich abholen und wegsperren. Dann wirst du Mum und Dad nie wiedersehen und uns genauso. Für mich ist das in Ordnung, weil ich ein großer Junge bin, aber du bist nur ein kleines Mädchen, und deshalb musst du den Mund halten. Das ist unser Geheimnis, also sag niemandem auch nur ein Wort davon. Okay? Ich will dich nur beschützen.«
Ich lag da, weinte nicht, sondern dachte nur an den pochenden Schmerz zwischen meinen Beinen. Und an etwas anderes, Unheilvolles.
Wie soll es beim »nächsten Mal« angenehmer sein?
Nachdem John einmal damit angefangen hatte, schien er nicht mehr aufhören zu können. Jeden Tag brachte er mich vom Strand allein ins Hotel, um für mich ein Bad einzulassen und dann sein Ding in mich zu stecken. Ich verabscheute das zutiefst, aber ich wusste nicht, wie ich davon abhalten sollte. Er war mein großer Bruder, und ich musste tun, was er sagte. Wenn ich das nicht tat, würde er es Mum sagen, und dann würden sie mich »in Pflege« geben, was bedeutete, dass ich von zu Hause weggeholt und meine Familie niemals wiedersehen würde.
»Du bist ein braves Mädchen, Dawn«, flüsterte er mir anschließend ins Ohr. »Du behältst die Geheimnisse deines großen Bruders für dich. Und du machst mich sehr glücklich.«
Ich wusste nicht, was das zu bedeuten hatte, aber ich war zumindest froh darüber, dass ihn das glücklich machte. Also tat ich so, als sei alles wie immer, und hoffte, dass sich das Problem in dem Moment erledigen würde, wenn wir wieder daheim waren.
Als der Zug im Bahnhof von Glasgow einfuhr, war Dad nicht zu übersehen, da er jeden auf dem Bahnsteig überragte. Ich war so begeistert ihn endlich wiederzusehen. Ich liebte meinen Dad so sehr. Er war für mich wie ein großer Bär, denn er war der Einzige in meiner Familie, der mich knuddelte und der mich liebhatte.
»Seht euch nur an!«, rief er und lachte, als er uns alle der Reihe nach in die Arme nahm. »Ihr habt ja ordentlich Bräune abbekommen! Nur du nicht, John. Immer noch so weiß wie ein Bettlaken. Was ist passiert? Bist du die ganze Zeit über nicht vor die Tür gegangen?«
Zurück in unserem Hotel blieben uns immer noch drei Wochen Sommerferien. Für Mum allerdings nicht. Kaum hatte sie ihre teure Sommerkleidung in die schützenden Plastikhüllen aus der Reinigung gepackt, trug sie auch schon wieder ihre blaue Schürze und war bereit, sich wieder in die Küche zu begeben. Auch wir Kinder hatten unsere Aufgaben. An einer Wand in der Küche hing der Plan, der unsere Aufgaben für die kommende Woche auflistete – mit dem Hund Gassi gehen, den Abfall rausbringen, den Tisch decken, die Kohle reinbringen, den Tisch abräumen. Von uns dreien wurde erwartet, dass wir all diese Aufgaben dem Plan entsprechend erledigten.
»Heute bist du an der Reihe, mit dem Hund Gassi zu gehen«, sagte Mum zu John, als wir am Morgen nach unserer Heimkehr beim Frühstück beisammensaßen. Mein Bruder reagierte mit einem übertriebenen »O Mann!«, woraufhin mein Vater ihm einen zornigen Blick zuwarf.
»Komm schon, John«, warf Mum hastig ein. »Versuch nicht, dich davor zu drücken.«
»Ja, ja, schon gut«, murmelte er und aß weiter seine Cornflakes. »Dawn, willst du mitkommen?«
Als mein Name fiel, zuckte ich überrascht zusammen und sah verlegen von einem zum anderen. Er hatte mich vor der versammelten Familie gefragt, ob ich mit ihm mitgehen wollte! Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also sagte ich lieber gar nichts. Ich stand auf. Ich wollte nicht mitgehen, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich ablehnen sollte. Ich wollte keinen Streit auslösen.
Unser schokoladenbrauner Labrador Misty kam zu mir gelaufen, kaum dass ich die Leine vom Beistelltisch im Vorbau genommen hatte. Er konnte es nicht erwarten, sich die Beine vertreten zu dürfen. John führte uns beide zur Hintertür und von dort in den Garten, wo wir einem der vielen Trampelpfade folgten, die kreuz und quer zwischen den Bäumen und den Schuppen verliefen.
Anstatt aber durch den Garten zur Hauptstraße zu gehen, um zum Park zu gelangen, bog er in einen schmalen Seitenweg ein, auf dem wir vom Haus aus nicht mehr zu sehen waren.
Ich hielt Mistys Leine fest umklammert, während ich John folgte. Der Weg führte über ein paar Steinstufen nach unten, dann durch eine Wand aus Koniferen hindurch bis zum Schuppen des Gärtners.
Was haben wir hier verloren? John sagte kein Wort, während er die Holztür öffnete und eintrat. Zögerlich folgte ich ihm und verzog das Gesicht, als mir der Gestank des Komposts aus Gemüseresten in die Nase stieg, die in offenen Beuteln verrotteten. Daneben standen Säcke voll mit Krokus- und Tulpenzwiebeln, die im nächsten Jahr gepflanzt werden konnten. Es war ein muffiger, düsterer Schuppen, Sonnenschein drang durch die verdreckten Scheiben kaum herein. Alles war mit Spinnweben überzogen, sogar die einzelne Glühbirne, die von der Decke herabhing.
Ich stand in der Ecke, blinzelte in die Düsternis und strich Misty nervös über den Kopf. Sie sah mich an und wedelte gemächlich mit dem Schwanz, während wir beide stumm auf unsere nächsten Anweisungen warteten. Spinnen brachten sich in aller Eile in Sicherheit, als John Gartengeräte an der dreckigen Wand zur Seite stellte, um Platz zu schaffen.
Igitt! Ich hasste Spinnen. In dem Moment wollte ich einfach nur wegrennen. Ich wollte den Weg zurücklaufen, den wir gekommen waren, um in unser großes Haus zurückzukehren, in dem ich mich sicher fühlen konnte.
Aber ich konnte mich nicht rühren. Ich stand wie angewurzelt da.
John warf die größten Leinensäcke direkt an der Wand auf den Boden, damit sie als provisorische Sitzgelegenheit dienten. Dann drehte er sich zu mir um.
»Zieh deine Hose aus«, wies er mich an, während er den Reißverschluss seiner Jeans aufzog. Ich trug meine geliebte grün-weiß gestreifte Caprihose, wegen der ich meine Mutter in Italien angebettelt hatte. Jeder von hatte etwas Geld als »Urlaubsgeschenk« bekommen, und ich hatte unbedingt diese schöne und fröhliche Hose haben wollen.
Das Muster erinnerte mich an Pfefferminzbonbons.
Jetzt bekam ich es mit der Angst zu tun, als meine Hose auf dem dreckigen Boden landete. Die Hose wird schmutzig, dachte ich voller Sorge, und dann bekomme ich Ärger mit Mum, weil sie sagen wird, dass ich nicht gut auf meine Sachen aufpasse.
Als hätte er meine wachsende Panik gespürt, bückte sich John und hob meine Hose auf, die er dann an einen rostigen Nagel hängte. Anschließend ließ er seine Boxershorts runter, und dann starrte es mir direkt ins Gesicht: sein Ding, das schon groß und hart war.
»Lutsch ihn mir.«
Ich tat, was er wollte, auch wenn sein Ding nicht sehr angenehm schmeckte und mir das Ganze gar nicht gefiel. Ich wollte es einfach nur so schnell wie möglich hinter mich bringen, um diesen Schuppen wieder verlassen zu können, der mir wirklich Angst einjagte. Die ganze Zeit über saß Misty geduldig in der Ecke und beobachtete uns mit ihren großen braunen Augen.
Nun setzte sich John auf einen der Säcke voll mit Blumenzwiebeln, schob die Hände unter meine Achseln und hob mich auf sein Ding. Nachdem er mich in die richtige Position gebracht hatte, begann er wieder, sein Ding in mich zu stoßen. Die Schmerzen waren unerträglich, und ich musste die Zähne zusammenbeißen. Während er mich auf und ab bewegte, betete ich, dass es schnell vorüber sein würde. Ich machte, was er mir sagte, und gab keinen Laut von mir, weil ich Angst hatte, ich könnte jemanden auf uns aufmerksam machen und als Folge davon »in Pflege« gegeben werden.
Als er fertig war und sein letztes, bebendes Stöhnen ausgestoßen hatte, hob er mich wieder hoch und setzte mich am. Dann gab er mir ein Stück sorgfältig zusammengelegtes Blatt Küchenpapier, das er in der Gesäßtasche versteckt hatte.
Anschließend nahm ich meine fröhlich gemusterte Hose von dem rostigen Nagel zog sie an. Meine Unterhose war feucht und fühlte sich unangenehm an.
»Noch nicht«, warnte er mich, als ich den Schuppen verlassen und nach Hause gehen wollte. »Wir sind noch nicht lange genug weg.« Mit einer Kopfbewegung deutete er auf Misty.
Die arme Misty war überhaupt nicht ausgeführt worden, und wir standen nun hier in diesem stinkenden Schuppen und warteten darauf, dass genug Zeit verstrichen war, um Mum glauben zu machen, wir wären mit dem Hund im Park gewesen. Misty tat mir leid.
Es konnten höchstens zehn Minuten gewesen sein, aber es kam mir so vor, als hätten wir stundenlang schweigend in diesem Schuppen zugebracht. John stand mit dem Rücken zu mir und nutzte die Wartezeit dazu, mit dem Ärmel ein Guckloch in den Dreck auf der Fensterscheibe zu wischen, um sich davon überzeugen zu können, dass draußen die Luft rein war.
Schließlich wurden Misty und ich wie zwei Gefangene aus der Haft entlassen. Schnell liefen wir die Steintreppe rauf, um zum Haus zurückzukehren.
Ich kam mir so schmutzig und entsetzlich vor, als ich an dem Morgen zum Haus ging. Bestimmt würde Mum mir doch den Geruch von verrottendem Essen anmerken oder an mir Reste vom Dreck im Schuppen entdecken. Hatte ich nicht irgendetwas an mir, das den Beweis dafür lieferte, was John mir angetan hatte? Ich hatte ein schrecklich schlechtes Gewissen, so als stünde mir das begangene Verbrechen ins Gesicht geschrieben.
Voller Angst ging ich nach oben zur Toilette und zog meine feuchte Unterhose aus. Im Schritt befanden sich mehrere Blutflecken, die ich im Bidet auswusch. Danach steckte ich das Teil in meinem Zimmer zum Trocknen hinter den Heizkörper. Ich wollte nicht, dass Mum sah, was John mit mir gemacht hatte. Ich wollte nicht, dass sie den Beweis für mein schändliches Geheimnis in der Wäsche entdeckte. Ich sehnte mich nach einem Bad, aber es war schlicht unmöglich, das Wasser einzulassen, ohne dass irgendjemand auf mich aufmerksam wurde. Außerdem ging die Heizung erst am Abend an, womit es früher am Tag kein heißes Wasser gab. Stattdessen griff ich daher zum Waschlappen und wusch mich im Stehen vor dem Becken.
So ging es dann weiter. Nach unserem Italienurlaub nahm mein Bruder mich regelmäßig mit zum Gartenschuppen oder zu einem baufälligen Schuppen gleich hinter dem Komposthaufen im Garten, um mich dort zu vergewaltigen.
Genau das war es: eine Vergewaltigung. Bloß kannte ich mit meinen fünf Jahren weder dieses Wort noch dessen Bedeutung. Jedes Mal blieben wir mindestens fünfzehn Minuten weg, also lange genug, um Mum glauben zu lassen, wir hätten den Hund ausgeführt, was natürlich nicht der Fall war. Jedes Mal hatte ich schreckliche Angst, dass man uns erwischen würde – vor allem wenn er mich zum Komposthaufen führte, der sich gleich unter dem Küchenfenster befand. In der Nähe dieses Fensters stand Mum oft, da sich dort das Spülbecken befand, in dem sie den Abwasch erledigte.
Der Gestank war da noch schlimmer als in dem alten Schuppen, da es verwesendem Fleisch und verfaulendem Gemüse stank. Ganze Fliegenschwärme tummelten sich dort. An manchen Tagen war der Gestank so schlimm, dass ich anfing zu würgen.
Wenn er mit mir dort hinging, mussten wir immer über Berge von Ziegelsteinen und über Teile von Dachverkleidungen aus Asbest klettern, bis John eine Stelle gefunden hatte, an der ich mit beiden Beinen festen Halt auf dem Untergrund hatte. Dann schob er meinen Rock bis zur Taille hoch und zog mir meine Unterhose aus. Den Blick zur Wand gerichtet stützte ich mich mit beiden Händen dort ab, dann hörte ich, wie er den Gürtel aufmachte und wie er seine Hose runterschob. Mit dem Knie drückte er meine Beine auseinander, dann drang er in mich ein. Die Hände legte er an meine schmalen Hüften, und ehe ich mich versah, lag ich auf dem Boden. Er hing dabei so auf mir, dass mein Körper fest zwischen seinen Beinen eingeklemmt war. Ich konnte mich in keine Richtung bewegen, ich saß in der Falle.
Seine Stöße kamen in rascher Folge, dabei keuchte und hechelte er wie ein Tier. Er wusste, am Komposthaufen konnte er sich keine Zeit lassen. Es musste schnell vorbei sein. Bei jedem Stoß konnte ich spüren, wie meine Haut etwas mehr riss. Seine Körperflüssigkeit brannte in den offenen Wunden. Anschließend wischte er mich mit seinem Ärmel sauber.
Ich hasste es von ganzem Herzen. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr es mir zuwider war. Aber ich wusste ja, dass ich mich an niemanden wenden konnte. Niemand konnte mir helfen. Wieder und wieder hatte John mir gesagt, dass das, was zwischen uns war, etwas ganz Normales für »ganz besondere Brüder und Schwestern« war. Dennoch durfte ich kein Wort darüber verlieren, denn dann würde ich riesigen Ärger bekommen.
»Es ist so, als würdest du dir aus der Süßigkeitendose einen Riegel Schokolade mehr nehmen, als du eigentlich darfst«, erklärte er mir. »Jeder macht so was ab und zu schon mal. Das ist völlig normal. Aber davon erzählst du Mom nichts, denn sie will ja, dass du nur einen Riegel nimmst. Richtig?«
Es gab so viele Dinge auf dieser Welt, die ich gar nicht verstand. Und das hier war nur eine weitere von diesen wunderlichen Aktivitäten, die für mich einfach keinen Sinn ergaben. Es war völlig normal, sagte John, andererseits aber auch nicht so normal, dass ich offen darüber hätte reden können.
Der Sommer verblasste, die Tage wurden kälter, und ich ging weiter zur Schule. Anstatt es draußen mit mir zu machen, verlangte mein Bruder nun von mir, dass wir es morgens vor dem Unterricht in seinem Zimmer machten. Eines Tages saß ich in der Schule, als ich etwas Klebriges, Feuchtes in meiner Unterhose bemerkte. Verlegen hob ich die Hand, so wie das an unserer Schule üblich war.
»Geh ruhig zur Toilette, Dawn, wenn du musst«, rief meine Grundschullehrerin Miss Vickers mir über die Köpfe meiner Mitschüler zu. Ich rutschte mit meinem Stuhl nach hinten und lief aus dem Klassenzimmer zu den Toiletten. Sie dachte, ich muss Pipi, aber darum ging es nicht. Es hatte mit John zu tun. Ich eilte in eine der Kabinen und warf die Tür hinter mir zu. Und dann stand ich da in meinem blau-weiß karierten Sommerkleid, meinen weißen Söckchen und meinen ganz neuen schwarzen Clarks-Lacklederschuhen – und wischte mir das Sperma meines großen Bruders aus dem Schritt.
Nacht für Nacht lag ich im Bett, vor Schmerz zusammengerollt, während ich nichts mehr wollte, als dem Ganzen ein Ende zu setzen. Warum musste er mir das antun? Ich wollte das nicht, und ich mochte es auch nicht. Meine Gedanken drehten sich unablässig im Kreis, aber meine Verzweiflung brachte mich zu einem Entschluss. Ich halte das nicht länger aus, dachte ich. Ich will einfach nur, dass es aufhört. Ich würde alles tun, absolut alles, damit es endlich aufhörte.
Also beschloss ich es zu sagen.
Auch wenn das hieß, dass ich deswegen Ärger bekam und vielleicht sogar »in Pflege« gegeben wurde – ich wusste, ich musste dem Ganzen ein Ende setzen.
An einem Sonntagnachmittag Anfang November nahm ich all meinen Mut zusammen und ging in die Küche, um nach meiner Mutter zu suchen. Wenn mir jemand helfen konnte, dann bestimmt sie. Wie erwartet traf ich sie in der Küche an. Schürze auf dem Rücken zusammengebunden, die Ärmel hochgekrempelt, gleich mehrere Kochtöpfe auf dem Herd, die alle munter vor sich hin blubberten. Sie stand vornübergebeugt da, und als ich um sie herumlief, konnte ich sehen, dass sie mit großer Sorgfalt die Teigstreifen auf einen Riemchenkuchen legte.
Da Sonntag war, schloss die Bar um 14.30 Uhr und öffnete wieder um 17 Uhr. Die meisten Angestellten machten geteilte Schicht, was bedeutete, dass es für sie keinen Sinn ergab, während der Pause nach Hause zu gehen, nur um sich dann doch gleich wieder den Weg zum Hotel zu machen. Daher kochte meine Mutter sonntags immer für das Personal und die Familie zusammen, was durch uns fünf und mindestens zehn unserer Angestellten stets eine geschäftige und laute Angelegenheit war. Genau dieses Mittagessen bereitete sie in dem Moment vor, als ich nervös neben ihr stand, sie aufmerksam in ihrem Element befindlich beobachtete und geduldig darauf wartete, dass sie eine kurze Pause einlegte. Erst dann wollte ich mein peinliches Geheimnis enthüllen, das mir solche Schmerzen bereitete.
Die Speisenfolge unseres Sonntagsmenüs variierte nur selten. Es gab immer eine selbstgemachte Brühe oder Linsensuppe, gefolgt von einem großen Rinderbraten mit allen dazugehörenden Beilagen. Danach gab es Torte oder selbstgemachten Streuselkuchen mit Crème double, schließlich Kaffee und literweise heißen Tee für das Personal, bevor die nächste Schicht begann. Das alles vorzubereiten war eine gewaltige Aufgabe, aber Mum griff nie zu einer einfachen Lösung, wenn es ums Essen ging: Alles wurde Schritt für Schritt und nur unter der Verwendung der besten Zutaten zubereitet.
Während ich ihr zusah, stieg Dampf auf aus jedem der großen Kochtöpfe auf dem Herd mit seinen acht Kochplatten. Mit flinken Fingern ordnete Mum die Teigstreifen auf dem Kuchen an, wobei sie so konzentriert dreinschaute, dass ihre Stirn in tiefe Falten gelegt war.
Ich war sehr geduldig gewesen, aber ich hielt es nicht noch länger aus. Mein Geheimnis kochte in mir hoch und wollte wie ein Wasserfall hervorsprudeln, der sich durch nichts und niemanden aufhalten lassen würde. Ich musste jetzt was sagen.
Also griff ich nach ihrer Schürze und zog fest daran.
»Mum! Mum! Ich muss dir was sagen, Mum.«
Doch meine Mutter schien ganz in ihrer eigenen Welt versunken zu sein. Sie war mit dem Geflecht auf dem Kuchen fertig und widmete ihre ganze Aufmerksamkeit nun wieder dem Ofen, wo sie mit einem Holzlöffel eine Soße probierte, die in einem der Töpfe köchelte.
»Nein, nein, nein«, murmelte sie ungehalten. »Mehr Gewürz.«
Dann griff sie nach dem großen Salzstreuer und gab etwas daraus in den Topf mit der Soße. Ich stand neben ihr und wollte von ihr beachtet werden. Mum war eins dreiundsechzig und damit für mich so groß wie ein Riese. An diesem Tag trug sie ihre grüne Schürze über einem beigefarbenen Jaeger-Kaschmirpullover und einem dazu passenden Wollrock. Allerdings konnte nie jemand die teuren Sachen sehen, die sie anzog, sondern immer nur die Schürze, die sie darüber trug – und an der ich jetzt wieder zog.
»Mummy, sag ihm, er soll damit aufhören. Er tut mir richtig weh.«
»Warte einen Moment, ja? Und geh vom Herd weg«, wies sie mich an, während ihre ganze Aufmerksamkeit den Kochtöpfen galt.
»Mum! Mum!«, redete ich weiter und war entschlossener als je zuvor. Bis hierhin hatte ich es jetzt geschafft, und ich würde jetzt nicht aufgeben. Ich musste es ihr sagen, damit sie dem Ganzen ein Ende setzte. Obwohl ich zu jung war um zu verstehen, was John eigentlich mit mir machte, und ich nicht die Begriffe kannte, mit denen ich hätte beschreiben können, womit er mir so wehtat, wusste ich doch, dass das nichts Gutes war, auch wenn mein Bruder es noch so oft als »normal« bezeichnete.
Dann endlich wischte Mum sich mit dem Unterarm über die Stirn und sah mich an.
»Wer?«, fragte sie energisch. »Wer tut dir weh?«
»John.«
»Okay, ich werde mit ihm reden. Ich werde mit deinem Bruder reden.«
Und das war es dann.
Sie unterbrach ihre Arbeit nicht mal lange genug, um mich zu fragen, was genau er denn mit mir machte. Sie sagte nur, sie würde mit ihm reden, und dann kümmerte sie sich nur wieder um das Essen auf dem Herd. Die Unterhaltung war damit beendet, denn sie hatte einen Zeitplan, und sie konnte ihren Arbeitsfluss nicht einfach unterbrechen.
Einen Moment lang stand ich noch neben ihr und wusste nicht so recht, was ich nun machen sollte. Da es offenbar nichts weiter zu reden gab, ging ich aus der Küche und ließ sie weiterkochen.
Später an diesem Abend und nach einer weiteren schmerzhaften Begegnung mit John lag ich auf dem Bett und fühlte mich elend. Vor meinem geistigen Auge sah ich immer wieder die Szene mit meiner Mutter ablaufen. Es hatte mir so viel bedeutet, ihr zu sagen, was sich ohne ihr Wissen abspielte. Vor Nervosität war mir den ganzen Morgen übel gewesen, da ich gewusst hatte, was ich tun wollte. Immerhin hatte John mir immer wieder eingeimpft, niemandem ein Wort zu sagen, weil dann die Polizei kommen und mich mitnehmen würde. Ich würde Mum und Dad niemals wiedersehen.
Er hatte mit Angst eingejagt mit seinen Worten, dass die Welt um mich herum zusammenbrechen würde, wenn ich auch nur einer Menschenseele ein Wort verraten würde, was er mit mir machte. Ich hatte alles aufs Spiel gesetzt, um es ihr zu sagen.
Und trotzdem hatte die Erde nicht aufgehört sich zu drehen. Mum hatte das Ganze völlig unbekümmert wahrgenommen und mich nicht mal gefragt, was er mir eigentlich antat und wieso ich so außer mir war.
Vielleicht hat John ja recht, überlegte ich. Vielleicht war das alles ja normal, und große Brüder behandelten ihre kleinen Schwestern tatsächlich so.
Ich hatte es Mum gesagt, aber es hatte nicht aufgehört.
Und jetzt? Was soll ich jetzt machen?
»Wer ist es?«, rief Mum an einem Samstagmorgen aus dem Wohnzimmer, nachdem Dad in der Küche den eingehenden Anruf angenommen hatte.
»Es ist John Jay«, antwortete Dad, während er die Sprechmuschel des Hörers zuhielt. Dann zwinkerte er mir zu, da ich am Küchentisch saß und in meine Mathematik-Hausaufgaben vertieft war, und flüsterte in einem verschwörerischen Tonfall: »Das ist wieder mal der Freund deiner Mutter.«
Ich reagierte mit einem Lächeln, so wie immer, wenn Dad das sagte, aber ich tat es mehr aus Gewohnheit als aus Belustigung. Zwar war ich erst sechs, aber der Name John Jay begleitete mich schon mein Leben lang. Er war Mums besonderer Freund aus Australien. Sie hatten sich vor vielen Jahren kennengelernt, als sie in Paris gearbeitet hatte.
»Oh, er sah sehr gut aus, wirklich sehr gut«, erinnerte sich Mum eines Abends im Jahr 1975, als die Unterhaltung auf John Jay gekommen war. Dad stand wie üblich hinter der Hotelbar, damit waren es Mum, Susy und ich, die sich unterhielten. Mum hatte das Bügelbrett aufgestellt und arbeitete sich durch einen ganzen Berg Wäsche. Sie redete gern über John Jay und erzählte uns alles darüber, wie sie beide sich kennengelernt hatten, als sie noch ein Teenager gewesen war und als Au-Pair bei einer reichen Familie gearbeitet hatte. Bei der Erinnerung an diese Zeit leuchteten ihre Augen auf, und ein seltenes Lächeln huschte über ihre Lippen. »Wir waren sehr verliebt, müsst ihr wissen. Aber er stammte aus dieser unglaublich vermögenden Familie, na ja, und die hatten bereits eine Frau für ihn ausgesucht, die Tochter eines berühmten Anwalts. Ich weiß nicht, warum sie sich für sie entschieden hatten, auf jeden Fall hatte John dabei nicht viel mitzureden. Er liebte sie nicht, doch sein Dad drohte ihm damit, ihn ohne einen Penny vor die Tür zu setzen, wenn er sie nicht heiratete. Also blieb ihm ja kaum eine andere Wahl, nicht wahr?«
Sie stellte das Bügeleisen zur Seite und sah uns erwartungsvoll an, woraufhin wir beide den Kopf schüttelten und »nein« sagten, auch wenn ich mir eigentlich gar nicht so ganz sicher war, was sie damit meinte.
»John war immer sehr ehrgeizig«, redete sie nachdenklich weiter, griff wieder nach dem Bügeleisen und nahm den Kragen von Dads Hemd in Angriff. »Äußerst ehrgeizig. Ich vermute, es war das, was ich an ihm so bewundert habe. Natürlich verstand ich seine Entscheidung. Wirklich wichtig war aber, dass wir Freunde blieben, und über die Jahre hinweg war er für deinen Dad und mich eine große Hilfe, genau genommen für unsere ganze Familie. Zum Beispiel brachte er uns mit dem Hotel auf den Weg, indem er uns einen wirklich großzügigen Geldbetrag überließ. Tja, er ist ein großzügiger Mann, müsst ihr wissen. Das ist seine Art.«
Die Freundschaft zwischen den beiden hatte die Jahre überdauert, und John Jay rief einmal die Woche aus Melbourne an, um sich mit meiner Mutter zu unterhalten. Dad schien mit dem Mann nicht viel zu tun haben, stattdessen zog er meine Mutter wegen dieser Freundschaft auf. Er nannte ihn »Mummys Freund« oder »Mummys anderen Mann«, doch Mum nahm davon nie Notiz. Sie entgegnete nur, es sei »kindisch« und »albern« von ihm, solche Bemerkungen zu machen. Jetzt lief sie rüber ins Esszimmer, um das teure Ferngespräch anzunehmen. Dad legte den Hörer auf und widmete sich wieder der Ingwerwurzel, die geschält werden musste.
Heute war ein Tag, an dem er eines seiner besonderen Currys zubereitete, für die er die ganze Küche als sein riesiges persönliches Forschungslabor betrachtete, da sich auf jeder freien Fläche Zwiebelschalen, Knoblauchzehen, Ingwerwurzeln, bergeweise gehackter Bockshornklee und Koriander sowie Dutzende kleine Gewürzdosen fanden, die mit so seltsamen Namen wie Kurkuma, Cumin, Chili und Galgant aufwarteten. Diese exotische Kombination war bereits in den Kochtopf gegeben worden, in dem ein ganzer Schweinskopf im Wasser trieb. Schon jetzt war der ganze Raum von einem intensiven, aromatischen Duft erfüllt.
Ich sah Dad gern zu, wenn er in der Küche experimentierte. Es sah nach jeder Menge Spaß aus, vor allem wenn man es mit dem Kochstil meiner Mutter verglich, der das Ganze wie eine Mühsal erscheinen ließ. Außerdem hatte ich an dem Tag niemanden zum Spielen, da Suzy den ganzen Tag Tennis spielte und John sich wie üblich nur in seinem Zimmer aufhielt. Aber er hätte ja ohnehin nicht mit mir spielen wollen ... na ja, jedenfalls nicht auf die Weise, die mir Spaß gemacht hätte.
Plötzlich fiel mir etwas auf.
»Daddy«, sagte ich, während ich nachdenklich an meinem Bleistift kaute.
»Ja, Dawn?«
»Ist das nicht lustig, Daddy, dass der australische John und unser John den gleichen Namen haben?«
»Hmmm?«
»Ist das nicht lustig, Daddy?«
Dad schälte weiter den Ingwer, sein Schweigen lastete schwer auf dem ganzen Raum.
»Dad?«
»Ja, Dawn. Sehr lustig.«
Allerdings sah er gar nicht so aus, als würde es ihn amüsieren.
Zehn Minuten später kam Mum in die Küche, die Wangen waren gerötet, und sie wirkte wie aufgedreht. Nach einem Blick auf die Arbeitsflächen schob sie die Ärmel bis zu den Ellbogen hoch, dann arbeiteten ihre Hände mit Lichtgeschwindigkeit und sammelten die Abfälle ein, stapelten benutzte Teller aufeinander und drehten den Wasserhahn auf, um Kochtöpfe mit angebrannten Resten einzuweichen.
»Ich weiß nicht, wieso du nicht nebenbei aufräumen kannst, während du arbeitest, Duncan«, fuhr sie meinen Dad an, während sie mit einem Lappen die Arbeitsflächen abwischte. »Sieh dir diese Küche doch nur an. Das ist ein Schweinestall!«
»Ach, hör auf zu meckern, Pip«, raunte Dad ihr zu.
»Nein, ich werde nicht aufhören. Ich bin schließlich diejenige, die ständig alles wieder aufräumen muss. Wärst du nicht so egoistisch und so faul, dann würde ich nicht immer nur in dieser verdammten Küche feststecken und dauernd nur aufräumen müssen.«
Dad warf mir einen Seitenblick zu und verdrehte die Auge, als wollte er mir damit sagen: Und wieder geht es los ...
»Ich kann es nicht fassen, wie es hier aussieht. Wenn du etwas mehr mithelfen und etwas weniger trinken würdest, müsste ich nicht die ganze Zeit wie eine Küchensklavin schuften. Ich könnte ausgehen, in Edinburgh oder London einkaufen gehen und das Leben führen, das mir eigentlich zusteht. Ich könnte meinen Spaß haben, anstatt ohne Ende hier zu stehen und zu schuften. Ich meine, sieh dir doch nur das hier an!«
In einer Hand hielt sie einen der Töpfe, die Dad benutzt und dann zur Seite gestellt hatte. Wir schauten beide rein und sahen, dass der Boden mit einer seltsam klebrigen, schwarzen Masse bedeckt war.
»Was ist das? Ich meine, was ist das für ein Zeugs? Warum kannst du so was nicht nebenbei sauber machen? Hmm? Weil du faul bist! Genau das bist du! Ein fetter, fauler Sack. Sieh dich nur an! Wie du schon rumläufst!«
Ich schaute zu Dad und entdeckte frische braune Flecken auf seinem Hemd, die von dem Curry stammten, von dem er eben erst probiert hatte. Seine rote Schürze hing offen um seinen Hals, die Hose, die unter seinem immensen Bauch hing, war aufgeknöpft.
»Igitt!«, rief Mum und wandte sich von ihm ab. »Ich ertrage deinen Anblick nicht!«
Basil und Sybil Fawlty, so wurden meine Mum und mein Dad von allen genannt – so wie das Ehepaar aus der Comedyserie Fawlty Towers. Die Angestellten waren die ständigen Auseinandersetzungen gewöhnt, die Gäste fanden das Ganze insgeheim ziemlich amüsant. Sie brüllte ihn immer an, und er ging hinter allen möglichen Türen in Deckung, sobald sie wieder mit Töpfen und Pfannen nach ihm warf. Je mehr er lachte, umso wütender wurde sie. Er zog sie auf, als wäre das alles nur ein Katz-und-Maus-Spiel, aber ihr Abscheu, mit dem sie ihn ansah, war nicht bloß gespielt, sondern tatsächlich vorhanden.
Ziemlich kurz nach ihrer Trennung von John Jay hatte meine Mutter begonnen, mit meinem Dad auszugehen. Zu der Zeit lebten sie beide in Frankreich, beide arbeiteten sie in einem großen Kaufhaus: sie als Verkäuferin, er als Einkäufer. Meiner Mutter zufolge war Dad ein großer, gut aussehender Schotte, ein charmanter Mann, dessen blonde Haare und seegrünen Augen seine Abstammung erkennen ließen. Er war ein Mann, der von jeder Frau begehrt wurde.
»Aber ich hab ihn gekriegt!«, verkündete sie gern, wobei ihre Augen triumphierend funkelten.
