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Mit 38 Jahren hat Michael Imhof erreicht, was er sich vom Leben gewünscht hat. Doch auf einer Wanderung in den Dolomiten muss er sich eingestehen, dass zwischen Familie und Karriere eins auf der Strecke geblieben ist, seine Fitness. Zurück aus Südtirol fasst er deshalb einen Entschluss: So kann es nicht weitergehen. Was für ihn im Sommer 2000 als Notwendigkeit beginnt, wird schnell zur Passion, führt ihn auf Bodybuilding-Bühnen, mit dem Hund über die Alpen, zum Ironman nach Almere und immer weiter. In seiner Autobiografie blickt Imhof zurück auf sein bewegtes Leben, auf seine Kindheit in Nordhessen, prägende Erlebnisse, sportliche Ambitionen und darauf, wie es ihm gelang, mitten im Leben ein zweites Mal Anlauf zu nehmen, um fitter zu werden als je zuvor. Die Lebensgeschichten anderer Menschen haben mich schon immer fasziniert, auch jener, die nie im Rampenlicht standen. Denn gerade von diesen habe ich oft besonders viel für mein eigenes Leben gelernt. Doch wie selten genau diese Geschichten überliefert werden, fiel mir auf, als ich mich fragte, was ich eigentlich wirklich über das Leben meiner Eltern und Großeltern weiß. Zu wenig. Oder jedenfalls weniger, als ich gern gewusst hätte. Dieses Buch ist deshalb ein Versuch, mein bisheriges Leben genauer auszuleuchten und mit Blick auf meine Biografie zu zeigen, dass es auch mit Vierzig nicht zu spät ist, sich neue sportliche Ziele zu stecken.
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Dieses Buch ist meinem Freund Ralf gewidmet. Er starb am 7. April 2019 an den Folgen einer Krebserkrankung. Ich werde ihn nie vergessen!
Sommer 2001, Wolkenstein (Südtirol), Italien A
Mein Bruder Torsten, unser Freund Bernd und ich machten uns auf den Weg nach Wolkenstein, ein kleines Bergstädtchen in Südtirol, eingerahmt von den mächtigen Gipfeln der Dolomiten. Von meiner Heimat Frankenberg an der Eder waren es gut sieben Stunden Autofahrt. Je näher wir dem Grödner Tal kamen, desto schroffer wurden die Berge. Grau und steil ragten sie auf, mit Schneeflecken in den Rinnen, die selbst im Hochsommer nicht verschwanden.
Wir wollten fünf Tage wandern. Schon am ersten Tag stellte ich an jedem Anstieg fest: Mit 38 Jahren war ich konditionell in der schlechtesten Form meines Lebens. Meine Beine waren kraftlos, ich war kurzatmig, und der Schweiß rann mir über den Rücken. Die Biere am Abend machten es nicht besser – im Gegenteil, sie raubten mir die Kraft und die Motivation für den nächsten Tag.
Besonders bitter wurde es am zweiten Tag. Der letzte Anstieg zur Bergstation verwandelte sich für mich in einen Wettlauf gegen die Zeit. Torsten und Bernd stiegen locker und konzentriert bergauf, während ich Meter um Meter zurückfiel. Meine Schritte wurden kürzer, die Pausen länger. Mit letzter Kraft erreichte ich die Gondel – als allerletzter Fahrgast. Eine Minute später und wir hätten ohne Licht durch die Dunkelheit ins Tal absteigen müssen.
Am letzten Tag stand ich als Zuschauer am Start eines Bergmarathons. Drahtige, fokussierte Athleten machten sich bereit, einen ganzen Marathon über die Pässe zu laufen – genau dort, wo ich in den vergangenen vier Tagen schon beim Wandern an meine Grenzen gestoßen war. Ich war erschöpft und ehrlich gesagt froh, dass es bald wieder heimwärts ging. Laufen, dazu noch einen Marathon in den Bergen, lag völlig außerhalb meiner Vorstellungskraft.
In diesem Moment wurde mir klar: So konnte es nicht weitergehen. Ich hatte eine Grenze erreicht – nicht nur körperlich, sondern auch innerlich. Damals wusste ich noch nicht, wohin mich diese Erkenntnis führen würde. Doch eines war mir klar: Sport würde fortan wieder Teil meines Lebens sein – und mein Leben verändern.
Teil Eins 1962–2001
Dreiklang
Frühe Lebensjahre
Grundschuljahre und Sport als Kind
Gymnasium und Fußball im Verein
Geschichten aus Kindheit und Jugend
Fachoberschule und Disko
Meine erste große Liebe
Bundeswehr und der Listenbach
Studienplatz in Berlin
Maschinenbau-Studium in Gießen
Mein erster Arbeitgeber
Wie ich Beate kennenlernte
Fußball – zurück in die Steinzeit
Wolkenstein – sportlicher Tiefpunkt
Teil Zwei 2001–2025
Ein schmerzhafter Verlust
Kraftsport – meine neue Leidenschaft
Mein Freund Ralf
Tattoos
Mit Torsten auf dem Jakobsweg
Als Bodybuilder auf die Bühne
Marathondebüt in Freiburg
Mit Cosmo über die Alpen
Vom Marathon zum Triathlon
Ironman – mein größter Triumph
Mehr Verantwortung bei Viessmann
Brevets – eine neue Welt
Radreise – Iron Curtain Trail
Megamarsch – 100 km zu Fuß
Bikepacking Radtouren
Ötztaler Radmarathon
Unruhestand
Aktiv bleiben
Touren, die verbinden
Epilog
Quellennachweis
Ein Leben gleicht manchmal einer Melodie. Sie besteht aus einzelnen Tönen – jeder für sich bedeutend –, doch erst ihr Zusammenspiel ergibt einen Klang, der uns prägt. Manche Passagen sind harmonisch und fließend, andere dissonant oder brüchig. Doch erst die Mischung aus Spannung und Ruhe, aus Rhythmus und Stille, macht ein Stück lebendig.
So empfinde ich auch mein eigenes Leben – als Dreiklang aus Familie, Beruf und Bewegung. Jede dieser Stimmen hatte ihre Zeit, mal laut, mal leise, mal dominant, mal begleitend. Und wie in der Musik lag die Herausforderung nicht darin, einen Ton perfekt zu treffen, sondern im Einklang zu bleiben, ohne sich selbst zu verlieren.
Dieses Buch erzählt von diesem Dreiklang. Es ist keine Partitur aus Erfolgen, sondern ein Weg voller Umwege, Neubeginne und Einsichten. Kein Fachbuch über Trainingsmethoden, keine Anleitung zur Leistungssteigerung, sondern die Geschichte eines Menschen, der gelernt hat, Bewegung als Haltung zu begreifen – als Ausdruck von Lebendigkeit und innerem Gleichgewicht.
Der Sport steht dabei nicht im Zentrum meines Lebens, aber im Zentrum dieses Buches. Denn er war in all den Jahren der sichtbarste Ausdruck innerer Veränderung – das, woran sich vieles ablesen lässt: Ehrgeiz, Disziplin, Rückschläge, Mut und Erneuerung. Über den Sport lässt sich erzählen, wie ich mein Gleichgewicht suchte – und immer wiederfand.
Der Sport war für mich nie Selbstzweck. Er war stets Teil eines größeren Ganzen, ein Resonanzraum für das, was mich bewegte – körperlich wie geistig. Wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich, dass dieser Dreiklang mir half, Krisen zu überstehen, Ziele zu formulieren und Balance zu finden. Familie, Beruf und Bewegung beeinflussten sich gegenseitig, manchmal ergänzten sie sich, manchmal standen sie in Spannung zueinander. Doch ohne diese drei Stimmen hätte mein Lebenslied seine Melodie verloren.
Wenn die sportlichen Abschnitte in diesem Buch ausführlicher geraten als andere, liegt das nicht an ihrer größeren Bedeutung, sondern an ihrer besseren Dokumentation. Die frühen Jahre lebe ich in der Erinnerung, die späteren kann ich anhand von Aufzeichnungen, Blogbeiträgen, Fotos und Tagebucheinträgen noch einmal durchschreiten. Was sich dabei verändert, ist nicht der Inhalt, sondern die Perspektive – aus Erlebtem wird Erkanntes.
Der Wunsch, all dies aufzuschreiben, wuchs mit den Jahren. Nach unzähligen Blogbeiträgen und den positiven Rückmeldungen meiner Leserinnen und Leser wollte ich die Fäden zusammenführen – nicht, um zu zeigen, was ich erreicht habe, sondern um zu teilen, was mich auf diesem Weg getragen hat.
Ich schreibe dieses Buch für meine Familie, für meine Freunde und für alle, die Freude daran haben, Lebenswege zu entdecken, die nicht geradlinig verlaufen. Vielleicht ist es auch ein stiller Versuch, etwas Bleibendes zu hinterlassen.
Denn wie gern wüsste ich heute mehr über das Leben meiner Eltern und Großeltern – über ihre Träume, ihre Hoffnungen, ihre Zweifel. Viele dieser Erinnerungen sind verblasst, manche ganz verloren gegangen. Dieses Buch soll ein Gegengewicht dazu sein: ein Klang, der nachhallt, wenn die Melodie längst verklungen ist.
Jede Lebensmelodie hat einen Ursprung, einen ersten Ton, der alles ins Schwingen bringt. Um meinen Dreiklang wirklich zu verstehen, muss ich dorthin zurückkehren, wo alles begann – in eine Zeit, die längst vergangen scheint und doch bis heute nachklingt.
August 1962, Frankenberg (Eder)
Während ich am 6. August 1962 in Frankenberg (Eder) das Licht der Welt erblickte, stand die Welt am Abgrund. Nur wenige Wochen danach erreichte die Kuba-Krise ihren Höhepunkt. Washington und Moskau bedrohten sich mit Raketen, und die Welt hielt den Atem an. Viele Menschen fürchteten, dass ein einziger Fehltritt den Dritten Weltkrieg auslösen könnte. Heute, Jahrzehnte später, denke ich unweigerlich an die aktuelle Ukraine-Krise: russische Kampfjets, die in den NATO-Luftraum eindringen, Drohnen, die über Polen, Norwegen oder Deutschland gesichtet werden. Wie damals schwebt wieder das Gefühl in der Luft, dass ein einziger falscher Schritt alles ins Wanken bringen könnte.
Frankenberg ist eine Kleinstadt im Ederbergland in Nordhessen. Es liegt 35 Kilometer nördlich von Marburg und 70 Kilometer südlich von Kassel entfernt. Eingerahmt wird die Stadt vom Burgwald im Süden, dem Kellerwald im Osten und dem Rothaargebirge im Westen. Mitten durch Frankenberg fließt die Eder, bevor sie zwanzig Kilometer weiter in Herzhausen in den Edersee mündet. Bis heute prägen Fachwerkhäuser, enge Gassen und Reste der alten Stadtmauer das Bild der wunderschönen Altstadt.
In den sechziger Jahren war die Kreisstadt mit rund 12.000 Einwohnern überschaubar, dörflich geprägt, und man kannte sich untereinander. In meinen ersten Lebensjahren wohnten meine Eltern im Hotel Schmidtmann in der Neustädter Straße, einer damals stark befahrenen Hauptstraße im Zentrum von Frankenberg. Heute befindet sich dort die Fußgängerzone, die bis in die Altstadt führt. Das Hotel verfügte sogar über eine eigene Kegelbahn, wo noch „Kegeljungen“ die Kugeln von Hand zurückrollten und die Kegel aufstellten – eine Arbeit, die bald schon von Maschinen übernommen wurde. In den oberen Geschossen wurden einige Zimmer als Wohnungen vermietet – so auch an uns. Die kleine Dachwohnung war eng und spartanisch eingerichtet. Das Bad war weder beheizt noch gab es fließendes Wasser. Nur in der winzigen Küche und im Flur waren Zapfstellen. Eigene Erinnerungen habe ich an diese Zeit nicht mehr; nur vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos dokumentieren sie. Heute dient das Gebäude als Mietobjekt, doch das Fachwerk ist noch gut erhalten und erinnert an jene frühen Jahre.
Mit meinen Eltern, 1964
Vater, 1962
Mutter, 1962
Meine Mutter
Meine Mutter Gerda wurde 1939 in Haubern geboren, einem kleinen Dorf ganz in der Nähe von Frankenberg. Nach ihrem Schulabschluss arbeitete sie als Haushaltshilfe, zunächst in Haina (Kloster). Haina war berüchtigt – schon damals befand sich dort die große psychiatrische Einrichtung, in der auch Straftäter und geistig behinderte Menschen untergebracht waren. Wenn einer ausbrach, ging sofort das Gerücht durchs Land: „Einer aus Haina ist weg!“ Der Ort hatte einen schlechten Ruf, den er nie loswurde. Auch heute noch wird getuschelt, wenn jemand nach Haina eingeliefert wird – automatisch denkt man an Depressionen, Alkoholprobleme oder eine Straftat.
Der Weg nach Haina war für meine Mutter beschwerlich: drei Kilometer bis zur Bushaltestelle, die sie zunächst zu Fuß zurücklegen musste, ehe ihr Vater ihr ein Fahrrad beschaffte. Doch es war kein Geschenk – sie musste es in Raten von ihrem kargen Lohn abstottern. Später, noch bevor sie meinen Vater auf der Heidelbeerkirmes in Wiesenfeld kennenlernte, arbeitete sie als Haushaltshilfe im Modefachgeschäft Heinemann, das damals vor allem für seine Pelzmoden bekannt war.
Mein Vater
Mein Vater Willi kam ebenfalls 1939 zur Welt und wuchs in Wiesenfeld auf, einem kleinen Bauerndörfchen in der Gemeinde Burgwald, nur knapp zehn Kilometer von Frankenberg entfernt – ebenso nah wie Haubern, der Heimat meiner Mutter. Wiesenfeld war ein typisches Dorf jener Zeit: Landwirtschaft bestimmte das Leben, die meisten Familien hielten Vieh, die Männer halfen auf den Feldern, die Frauen im Stall und im Haushalt. Das Leben spielte sich auf den Höfen, in der Kirche und bei den Vereinsfesten ab, bei denen das ganze Dorf zusammenkam. Nach der Mittleren Reife an der Edertalschule absolvierte mein Vater eine Ausbildung bei der Krankenkasse in Frankenberg, die später in Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) umbenannt wurde. Er spielte leidenschaftlich gern Fußball, im Nachbarort Ernsthausen, weil Wiesenfeld keine eigene Mannschaft hatte. 1961, nur ein Jahr nachdem er meine Mutter kennengelernt hatte, heirateten die beiden. Ich war bereits unterwegs und kam bald darauf zur Welt.
Siegener Straße
Als ich zwei Jahre alt war, erfolgte der Umzug in eine größere Wohnung in die Siegener Straße. Heute befindet sich an dieser Stelle das Einkaufszentrum Frankenberger Tor. In unserem Haus roch es überall nach Heizöl, weil wir es in Zehn-Liter-Kannen aus dem Keller in den ersten Stock hinaufschleppen mussten. Aber die Wohnlage war ideal: Mein Vater arbeitete gleich nebenan, die Krankenkasse befand sich nur etwa hundert Meter entfernt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Für ihn war das ideal – und auch für mich.
Regelmäßig besuchte ich meinen Vater sowie seine Kolleginnen und Kollegen, zu denen ich schon bald ein freundschaftliches Verhältnis hatte. Das Gebäude war ein markanter Flachbau mit zwei Etagen und einem Keller. Im Erdgeschoss lag die Schalterhalle mit mehreren Schaltern nebeneinander, wie in einem Bahnhof. Die Angestellten trugen weiße Kittel – auch mein Vater. Sein Büro befand sich zunächst im Erdgeschoss, gegenüber den Schaltern: eine Reihe hässlicher Glaskästen, aneinandergereiht mit Türen dazwischen. Später wechselte er in ein anderes Büro im ersten Stock, wo keine weißen Kittel getragen wurden. Dort saß er mit einer dicken Hornbrille an seinem Schreibtisch, vor sich eine monströse, schwere Rechenmaschine, die laut klackerte und gerade einmal die vier Grundrechenarten beherrschte.
Vater am Arbeitsplatz, 1966
In der AOK entdeckte mein Vater den Tischtennissport für sich und spielte nur noch gelegentlich Fußball. Gemeinsam mit seinen Kollegen trainierte er im Kellerarchiv der Krankenkasse. Zwischen verstaubten Aktenschränken und bei grellem Neonlicht schmetterten sie sich die weißen Bälle hin und her – und oft war ich derjenige, der sie als kleiner Junge wieder unter Schränken und Regalen hervorkramte. Aus diesen Anfängen entwickelte sich später ein offizieller Tischtennisverein: Grünweiß Frankenberg. Viele Jahre später erfolgte die Fusion mit der Tischtennissparte des TSV Frankenberg, der mein Vater bis zu seiner Krebserkrankung als aktiver Spieler treu blieb.
Die Siegener Straße war mein kleines Paradies. Einen Kindergarten besuchte und vermisste ich nicht. Mein Abenteuerland waren die Straßen, die Höfe und das Gelände der Baustofffirma Balzer, wo ich in Kartons die Lkw-Auffahrt hinunterrollte, wenn die Arbeiter Feierabend hatten und ich mich unbeobachtet fühlte. Manchmal warf ich Vollgummibälle, die mir mein Vater mitgebracht hatte, so fest auf den Boden, dass sie hoch in die Luft schnellten und häufig auf Dächern oder in Nachbarsgärten verschwanden. Oder ich fuhr mit meinem Roller die Straße rauf und runter. Ein Fahrrad besaß ich leider noch nicht.
Doch eines Abends brachte mein Vater ein Jugendrad mit nach Hause. Es stammte von Herrn Montay, einem Arbeitskollegen, dessen Sohn gerade ein neues Rad bekommen hatte. Für mich war es ein Geschenk des Himmels. Das Rad war zwar defekt, aber mein Vater versprach, es zu reparieren. Die Kette sprang ab, die Bremsen funktionierten nicht und auch das Licht war kaputt. Leider war mein Vater kein Fahrradmechaniker. Deshalb blieb das schöne Jugendfahrrad im Keller stehen, Monat für Monat. Ich schlich immer wieder hinunter, strich über den Lenker, drehte die Pedale ein Stück, stellte mir vor, wie ich damit durch die Straßen rollte. Doch es blieb ein Traum. Ich fuhr es nie. Ich war enttäuscht. Und es sollte nicht die einzige Enttäuschung mit Fahrrädern bleiben.
Weil ich ständig draußen war, verschliss ich meine Schuhe in rasantem Tempo. Zum Glück gab es Onkel Walter, den Cousin meiner Mutter. Er war Schuhmacher in Haubern und führte mitten im Ort, schräg gegenüber der Kirche, ein kleines Schuhgeschäft. Wenn ich oder jemand aus der Familie neue Schuhe brauchte, fuhr mein Vater mit uns zu Onkel Walter. Wir probierten so lange verschiedene Modelle aus, bis wir was Passendes gefunden hatten. Ich suchte mir meistens die gleichen aus, so genannte Haferl-Schuhe mit seitlicher Schnürung, wie sie in Bayern getragen werden. Stabile Schuhe nannten sie meine Eltern, doch so stabil waren sie nicht, denn nur wenige Tage später war das noch glänzende Leder an den Schuhspitzen wieder abgewetzt oder der Bast ab, wie meine Eltern zu sagen pflegten.
Schon damals machte ich mir Gedanken um meine Berufswahl, ich wollte Baggerfahrer werden. Wenn wieder einmal die Straße aufgerissen wurde, um Kabel oder Abwasserrohre zu verlegen, stand ich daneben und konnte es kaum fassen, wie schnell ein Bagger mit seinen riesigen stählernen Schaufeln mehrere Meter tiefe Löcher ausheben konnte. Er zertrümmerte mit den Zähnen der Schaufel den Asphalt, hob mit einer Leichtigkeit die Erde aus und kippte sie auf Lastwagen. Für mich ein Schauspiel, dem ich stundenlang zuschauen konnte.
Mit zunehmendem Alter wurde mein Aktionsradius größer. Ich war neugierig und wollte die Welt um mich herum erkunden. Direkt neben der Krankenkasse lag der Bauernhof von Familie Wilhelm. Sie hatten hauptsächlich Pferde, die auf den Wiesen rund um den Hof grasten. Ich mochte Pferde. Besonders ans Herz gewachsen war mir ein kleines Pony. Sobald ich den Stall betrat, der immer angenehm nach Pferden und frischem Heu roch, kam es auf mich zu und begrüßte mich. Ich besuchte es jeden Tag, fütterte es und streichelte sein Fell. Ich hätte es gern geritten. Vielleicht hätte ich irgendwann den Mut gehabt, zu fragen, ob ich auf ihm reiten darf, doch dazu kam es nicht mehr. Von einem auf den anderen Tag war es plötzlich verschwunden. Die Wilhelms hatten es verkauft. Für mich brach eine kleine Welt zusammen, und ich weinte bittere Tränen.
Meine Freundin Lydia tröstete mich. Sie war eine junge, hübsche Frau mit hellblonden Haaren, Anfang zwanzig und arbeitete beim Roten Kreuz, direkt gegenüber der Krankenkasse. In ihrer Mittagspause besuchte ich sie oft. Wir malten zusammen, erzählten uns Geschichten und sie teilte ihr Obst mit mir. Ich schwärmte kindlich für sie, ohne zu verstehen, was das bedeutete. Als ich erfuhr, dass sie einen Freund hatte und bald heiraten würde, traf mich das wie ein Stich. Doch an unserer Freundschaft änderte sich dadurch zum Glück nichts. Während meiner Schulzeit besuchte ich sie nur noch selten – bis wir uns ganz aus den Augen verloren. Letztes Jahr traf ich sie zufällig wieder; ihre Ausstrahlung war dieselbe geblieben. Wir unterhielten uns eine Weile und sie erinnerte sich wie ich an die schöne Zeit in der Siegener Straße.
Im Sommer 1968 änderte sich mit der Einschulung in die erste Klasse mein Leben. Da ich keinen Kindergarten besucht hatte, war die Gemeinschaft mit so vielen Kindern neu – und aufregend. Zum Zeitpunkt der Einschulung war ich erst fünf Jahre alt und musste deshalb einen sogenannten Reifetest absolvieren, den ich ohne Mühe bestand.
Der Unterricht machte mir Freude, die Welt des Lernens öffnete sich mir und die ersten vier Schuljahre vergingen wie im Flug. Neben der Schule blieb immer noch genügend Zeit, die Welt da draußen zu erkunden. Jede Jahreszeit hatte ihren eigenen Reiz. Ich liebte den Winter. Wenn die ersten Schneeflocken fielen und die Fensterscheiben von innen vereist waren, weil es noch keine Doppelverglasung gab, schaute ich hinaus und konnte es kaum abwarten, endlich wieder Schlitten zu fahren. Der Schnee blieb damals wochenlang liegen und die Eiszapfen hingen überall an den Dachrinnen. Ich machte mir einen Spaß daraus, Schneebälle zu formen und damit die Eiszapfen zu bewerfen, bis sie schließlich abbrachen und zu Boden fielen. Am liebsten mochte ich das Schlittenfahren und später auch das Skifahren. Dazu gab es in und um Frankenberg herum viele Gelegenheiten mit kleinen Rodelhängen. Nicht vergleichbar mit Wintersportgebieten, aber mir reichten Meiers Gründchen, der Sauhuppel und das Fuchsloch. Jeder Hügel hatte seinen eigenen Reiz.
Besonders eindrücklich aber war ein Erlebnis in Wiesenfeld. Mein Vater nahm mich mit auf eine steile Wiese an der Straße nach Ernsthausen. Perfekt zum Schlittenfahren. Mehrfach schob er mich an, und ich raste jauchzend den Hang hinunter. Doch einmal setzte er den Schlitten schief an, gab mir einen Schubs – und plötzlich rollte ich quer über den Hang, bis ich erschrocken den Stacheldrahtzaun vor mir erkannte. Ich steuerte direkt darauf zu, unfähig auszuweichen. „Michael! Leg dich auf den Rücken!“, schrie mein Vater. Im letzten Moment ließ ich mich nach hinten fallen. Mein Glück war, dass von den drei Reihen Stacheldrahtzaun die unterste fehlte. Ich glitt mit klopfendem Herzen durch die Lücke hindurch und blieb unversehrt. Ein Schreckmoment, den ich nie vergessen habe.
1970 wurde die Wohnung in der Siegener Straße endgültig zu klein. Nach der Geburt meines Bruders Torsten im April 1965 und meiner Schwester Sonja im Februar 1969 brauchten wir mehr Platz und zogen in eine größere Wohnung in die Wilhelmstraße um.
Einschulung, 1968
1970–1972, Frankenberg (Eder)
Unsere neue Wohnung in der Wilhelmstraße lag in einem dreistöckigen Mietshaus, dessen graue Fassade von Autoabgasen und Straßenstaub gezeichnet war. An den Autolärm und den Abgasgestank gewöhnten wir uns mit der Zeit.
Wir wohnten im ersten Stock, zur Miete bei Onkel Walter, dem Schuhmacher aus Haubern, dem das Haus gehörte. Hinter dem Haus befand sich ein großer Garten mit Schaukel und Sandkasten, wo ich mit meinen Geschwistern spielte.
Ganz anders war die Atmosphäre im Keller: dunkel, feucht und muffig, der Putz bröckelte von den Wänden, und auf den unisolierten Heizungsrohren huschten Ratten entlang. Mein Vater erlegte einige mit seinem Luftgewehr, ob er sie alle erwischte – ich weiß es nicht mehr. Er war nicht nur ein guter Schütze, sondern auch ein exzellenter Tapezierer, ein Handwerk, das er nahezu perfekt beherrschte. Nur bei Mustertapeten kam er manchmal ins Straucheln. Besonders erinnere ich mich an eine Tapete mit Motiven aus dem Wilden Westen, die Torsten und ich uns für unser gemeinsames Zimmer ausgesucht hatten. Als er mit Tapezieren fertig war, fehlten den Pferden plötzlich die Schweife und den Indianern ihre Federn. Ein paar Zentimeter tiefer tauchten sie wieder auf – als würden sie in der Luft schweben.
Meine Mutter kümmerte sich um den Haushalt und um uns Kinder. Damals herrschte noch die klassische Rollenverteilung – die vielzitierten drei K: Kinder, Küche, Kirche. Der Mann ging arbeiten, die Frau sorgte für Familie, Haushalt und das geistige Zuhause. So war es auch bei uns, und meine Mutter erfüllte diese Rolle mit Hingabe, ohne viele Worte darüber zu verlieren.
Torsten und ich unterstützten unsere Mutter und holten Sonja vom Kindergarten ab, wenn wir nicht selbst in der Schule waren. Sonja war ein kleiner Wirbelwind und schon als Kind sehr selbstständig. Einmal war sie plötzlich spurlos verschwunden. Wir waren alle sehr besorgt und suchten zunächst die ganze Umgebung ab. Doch sie war wie vom Erdboden verschluckt – bis sich herausstellte, dass auch ihre Freundin Diana, die nebenan bei den Schneiders im Haus wohnte, vermisst wurde. Schließlich fanden wir die beiden auf dem Spielplatz in der Jahnstraße, dort, wo heute nur noch der Fußweg über die Eisenbahnbrücke entlangführt. In aller Ruhe saßen die beiden kleinen Mädchen auf der Schaukel oder im Sandkasten – so genau weiß ich das nicht mehr. Wir waren alle erleichtert, dass zum Glück nichts passiert war.
Meine Mutter war eine großartige Köchin. Ob Sonntagsbraten, Weihnachtsgans oder Geburtstagskuchen – alles schien ihr mühelos zu gelingen, meistens jedenfalls. Einmal war die Gans am Heiligabend so zäh, dass sie kaum genießbar war, aber wir fanden das lustig und nur deshalb erinnere ich mich noch daran. Sie nähte und strickte, flickte Hosen und Strümpfe, buk Plätzchen und hatte immer ein Auge darauf, dass es uns an nichts fehlte. Unsere Freunde und Freundinnen waren immer herzlich willkommen und wurden von unserer Mutter mitversorgt. Mittlerweile ist unsere Mutter 86 Jahre alt und kocht immer noch selbst. An ihrer Fürsorge hat sich bis heute nichts geändert: Mal schenkt sie uns selbstgebackenen Kuchen, mal eine rote Wurst oder ein paar gestrickte Socken.
Mutter in der Eisdiele, 2024 (85 Jahre alt)
Mein Revier und der Sport
Wie sich herausstellte, war die Wilhelmstraße ein noch besseres Revier zum Spielen als die Siegener Straße. Ganz in der Nähe fließt die Eder über zwei Wehre, zunächst über das Große und etwa fünfzig Meter weiter über das Kleine. Genau dazwischen liegt die kleine Wehrweide, wo der Pfingstmarkt jährlich ausgerichtet wird. Das war unser Revier. Hier tobte ich mich mit meinen Geschwistern, Nachbarskindern und Freunden aus. Auch der Stadtwald mit dem Wildgehege lag nur ein paar Hundert Meter entfernt.
Mittlerweile war ich alt genug, nicht nur draußen zu spielen, sondern auch im Verein Sport zu treiben. Es war üblich, dass Kinder früh verschiedene Sportarten ausprobierten: erst Turnen, danach Schwimmen, später Leichtathletik. Welche Sportart mich am Ende fesseln würde, war zu diesem Zeitpunkt noch völlig offen.
Wie so viele Kinder begann ich beim Turnen. Ich erinnere mich nur noch ans Bockspringen und an die Klimmzüge am Reck. Bockspringen liebte ich, aber an der Klimmzugstange hing ich wie ein nasser Sack. Sosehr ich mich bemühte, ich brachte mich keinen Zentimeter nach oben. Kraft war damals nicht meine Stärke. Ich war ein kleiner und schmächtiger Bub.
Nach dem Turnen folgte die Leichtathletik. Laufen machte Spaß, jedoch verfügte ich nicht über die nötige Grundschnelligkeit. Meine Zeiten über fünfzig und hundert Meter waren durchschnittlich. Auch im Weitsprung hatte ich ohne schnellen Anlauf nicht die nötige Explosivität. Am wenigsten lag mir Kugelstoßen, mir fehlte die Kraft und die notwendige Technik. Später, bei der Bundeswehr, musste ich eine Alternative für das Kugelstoßen auswählen, ansonsten hätte ich das Sportabzeichen nicht bestanden. Einzig in Ballweitwurf war ich gut. Für eine Leichtathletik-Karriere war das jedoch zu wenig. An Wettkämpfen nahm ich trotzdem teil, denn ich mochte die Gemeinschaft mit anderen Kindern und die besondere Atmosphäre bei solchen Veranstaltungen, auch wenn ich nicht auf dem Siegertreppchen landete.
Ein jährliches sportliches Highlight des Schulsports waren die Bundesjugendspiele, die am Sportplatz an der Eder ausgerichtet wurden. Am Tag des Wettkampfs roch es nach frisch gemähtem Gras und Markierungsfarbe für die weißen Linien, die Lautsprecher knisterten, und wir Schüler standen in Reih und Glied an den jeweiligen Stationen. Mein Bruder brachte regelmäßig eine Ehrenurkunde mit nach Hause, ich musste mich jedes Mal mit einer Siegerurkunde zufriedengeben. Ein wenig neidisch war ich schon, doch mir war bewusst, dass Leichtathletik nicht zu meinen Stärken zählte.
Schon bevor ich zur Schule ging, lernte ich in einem Schwimmkurs bei der DLRG das Schwimmen. Eine große Leidenschaft wurde Schwimmen nie, aber ein treuer Begleiter – bis heute. Schon früh zeigte sich mein Ehrgeiz: Es gab drei Abzeichen, die man nacheinander erwerben konnte – Freischwimmer, Fahrtenschwimmer und Jugendschwimmer. Beim Freischwimmer musste man 15 Minuten ohne Pause schwimmen, vom Beckenrand ins Wasser springen und wieder auftauchen. Der Fahrtenschwimmer war schon deutlich anspruchsvoller: 30 Minuten schwimmen, eine längere Tauchstrecke und einen Gegenstand aus etwa zwei Meter Tiefe heraufholen. Und für den Jugendschwimmer, die höchste Stufe, war neben einer noch längeren Schwimmzeit ein Kopfsprung vom 3-Meter-Brett ebenso Pflicht wie längeres Tauchen und das Abschleppen einer Person im Wasser. Die runden Stoffabzeichen – mit einer, zwei oder drei Wellen – ließ ich mir von meiner Mutter stolz auf die Badehose nähen. Im Freibad trug ich sie wie Auszeichnungen, sichtbar für jeden.
Im Hallenbad liebte ich vor allem das federnde 1-Meter-Sprungbrett, auf dem man sich wie auf einem Trampolin in die Höhe katapultierte und mit voller Wucht ins Wasser eintauchte. Stundenlang übte ich dort die unterschiedlichsten Figuren. Den einfachen und sogar den anderthalbfachen Salto beherrschte ich irgendwann perfekt.
Im Sommer, wenn das Hallenbad geschlossen war, verbrachte ich viel Zeit mit meinen Freunden im Freibad. Die weiten Liegewiesen, das große 50-Meter-Becken und sogar ein Bolzplatz mit Toren machten es zum Mittelpunkt unserer Ferien. Zwischen Schwimmen, Tauchen, Lachen und Sonne ergaben sich die ersten Annäherungen an die Mädchen – kleine Abenteuer, heimliche Küsse unter Wasser, unschuldig und doch voller Aufregung.
Als junge Erwachsene kletterten wir nachts nach der Disko heimlich über den zwei Meter hohen Zaun des Freibads. Splitternackt sprangen wir ins Wasser und verwandelten das Becken in unseren nächtlichen Spielplatz. Heimlich, mit Herzklopfen, im Wissen, dass wir etwas Verbotenes taten.
Auch wenn ich nie ein richtiger Schwimmsportler wurde, prägten mich diese frühen Erfahrungen. Turnen, Schwimmen und Leichtathletik machten mir deutlich, wo meine Grenzen lagen – aber sie legten auch ein Fundament. Beweglichkeit, Körpergefühl, Ausdauer: All das waren Werte, die mir später beim Fußball, im Triathlon und in vielen anderen Bereichen zugutekamen.
Und doch kristallisierte sich bald heraus, wohin mein Weg mich führen würde. Durch das ständige Bolzen auf der Straße und schließlich meinen Eintritt in den Verein fand ich die Sportart, die mein Leben prägen sollte: den Fußball.
Bücher und Musik
Wenn ich nicht draußen unterwegs war, nahm ich gern ein spannendes Buch zur Hand, zum Beispiel die Fünf Freunde, oder ich hörte Musik – zunächst im Radio oder Fernsehen.
Farbfernsehen war gerade eingeführt worden, aber wir hatten noch ein Schwarz-Weiß-Gerät mit nur drei Programmen: ARD, ZDF und HR – empfangen über eine Dachbodenantenne. Oft war das Bild verrauscht, und einer von uns – meist mein Vater oder ich – kletterte nach oben, um die Antenne so lange hin- und herzudrehen, bis aus dem Wohnzimmer jemand rief: „So ist es gut!“
Musikverfügbarkeit, wie sie heute selbstverständlich ist, war damals noch nicht einmal eine Vision, denn das Internet hatte man noch nicht erfunden. Schallplatten, Radio und Fernsehen waren die einzigen Medien. Eines der Highlights im Fernsehen war die ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck, in der hauptsächlich deutsche Schlager von Heino, Michael Holm, Tony Marshall und vielen anderen gesungen wurden. Mir gefiel diese Musik, und schon bald konnte ich viele Lieder auswendig singen – etwa „Heute hau’n wir auf die Pauke“ von Tony Marshall. In der Küche lief häufig das Radio, und ich sang mit, wann immer meine Lieblingslieder gespielt wurden.
Damit ich meine Musik jederzeit genießen konnte, wünschte ich mir zu Weihnachten ein Tonbandgerät, mit dem ich Lieder aus dem Radio oder Fernsehen mitschneiden konnte. Und tatsächlich lag unter dem nächsten Weihnachtsbaum eines – ein echtes Highlight für die damalige Zeit und ein Geschenk für die ganze Familie. Ich war überglücklich und zeichnete fortan alles auf, auch meinen eigenen Gesang. Mein Vater nahm sonntags Blasmusik auf, und wir mussten mucksmäuschenstill sein, damit keine Störgeräusche mit aufgenommen wurden. Er erzählte seinem Chef, Herrn Tripp von der AOK, von unserem neuen Tonbandgerät, und der bat ihn, es einmal ausleihen zu dürfen. Ich war skeptisch, aber mein Vater war zu gutmütig – und so kam das Gerät einige Wochen später defekt zurück. Das Tonbandgerät wurde weder repariert noch ersetzt. Ich war traurig und wütend.
Zum Glück entwickelte sich die Technik schnell weiter. Schon bald lösten Kassettenrekorder die Tonbandgeräte ab. Statt sperriger Spulen und empfindlicher Magnetbänder nutzte man nun handliche Kassetten, die sich schneller wechseln und ohne Mikrofon per Kabel bespielen ließen. Etwa ein Jahr später, wieder zu Weihnachten, schenkten mir meine Eltern den ersten Kassettenrekorder. Von meinem Ersparten kaufte ich mir außerdem ein Kofferradio der Marke ITT Schaub Lorenz – mit einer Buchse zum Anschluss eines Überspielkabels. So konnte ich Radio und Kassettenrekorder verbinden und Musik ohne Mikrofon und störende Nebengeräusche aufnehmen. Woche für Woche zeichnete ich die Radiosendungen von Werner Reinke (Hitparade International) und Mal Sondock auf, der die populäre WDR-Sendung Mal Sondocks Hitparade moderierte. Dort lief vor allem aktuelle Pop- und Rockmusik der 1970er Jahre – Bands wie Deep Purple, Sweet, Slade, ABBA oder The Rubettes prägten das Programm.
Ich erweiterte mein Equipment um eine gebrauchte Stereoanlage mit Plattenspieler, die ich mir durch den Verkauf der Bild am Sonntag finanzierte. Meine Schallplattensammlung wuchs von Jahr zu Jahr, und noch heute habe ich viele der Cover bildlich vor Augen – etwa das von Deep Purple „In Rock“, welches die Gesichter der fünf Bandmitglieder in den Mount Rushmore (USA) gemeißelt zeigt.
Mein Musikgeschmack entwickelte sich über die Jahre bis heute zu einem bunten Mix aus Volksmusik, Schlager, Rock, Pop, Country, Techno, Klassik, Blasmusik – und sogar Mönchsmusik.
Ich teste das neue Tonbandgerät und Torsten das Funkgerät, zwischen uns Mutter und Sonja, Weihnachten 1971
Meine ersten Fußballschuhe
Ein Sommermorgen im Juni 1972: Ich wachte viel früher auf als sonst. An das ständige Dröhnen der Autos vor unserem Haus hatte ich mich längst gewöhnt – daran konnte es nicht liegen. Nein, an diesem Tag gab es nur einen einzigen Grund, warum ich so unruhig und voller Erwartung war: meine ersten richtigen Fußballschuhe, ich wollte sie ausprobieren. Meine Eltern hatten sie mir geschenkt – das Modell „Adidas Franz Beckenbauer“ mit Schraubstollen. Der blaue Karton mit den markanten drei weißen Streifen stand direkt neben meinem Bett. Mehrmals hatte ich in der Nacht den Deckel geöffnet, die Schuhe in die Hand genommen und den Duft des neuen Leders eingeatmet.
Während meine Geschwister, Torsten und Sonja, noch schliefen, waren meine Eltern ebenfalls schon auf den Beinen. Meine Mutter stand in der Küche und schmierte meinem Vater die Frühstücksbrote für die Arbeit, während er sich im Bad für den Tag zurechtmachte, bevor er zur Krankenkasse aufbrach. Sein Gesicht war immer glattrasiert, und sein intensives Aftershave lag wie ein unsichtbarer Schleier in der Luft. Er grinste verständnisvoll, als er mich im Flur mit den neuen Fußballschuhen sah.
Bisher hatte ich immer nur in Turnschuhen gekickt. Doch die älteren Jungs auf der Wehrweide, die sich ihre Tore aus Holzlatten selbst gebaut hatten, trugen richtige Fußballschuhe. Vielleicht ließen sie mich diesmal mitspielen, ging es mir durch den Kopf. Aber so lange wollte ich nicht warten.
Gleich nach dem Frühstück stiefelte ich los, um allen meine neuen Fußballschuhe zu zeigen. Hinaus auf die Straße, vorbei an den Nachbarn, die mir zunickten und neugierig auf meine Schuhe schauten. Anschließend überquerte ich die Ederbrücke und marschierte ins kleine Lädchen von „Planken Elli“. Sie war nicht meine Tante, aber es war damals so üblich, Frauen und Männer, die man gut kannte, mit Tante oder Onkel anzureden. Schon beim Eintreten schlug mir der vertraute Geruch entgegen – eine Mischung aus frisch aufgeschnittener Wurst, reifem Käse und der süßen Verlockung von Lakritz-Schnecken, Kaugummibällen und bunten Brausepäckchen. Klack, klack – bei jedem Schritt hallten die Schraubstollen auf den harten Fliesen, als wollte ich mit jedem Tritt verkünden: „Seht her, jetzt bin ich ein richtiger Fußballer!“ Verwunderte Kunden mit vollen Einkaufstaschen hoben die Augenbrauen und schmunzelten, sagten aber nichts.
Mit meinen wenigen Pfennigen kaufte ich mir eine Tüte Süßigkeiten, lief anschließend quer durch die Stadt und weiter den steilen Weg hinauf zum Kegelberg. So heißt die Straße, die zu Recht diesen Namen trägt. Dort wohnten meine Tante Anni – die Schwester meiner Mutter – und ihr Mann, Onkel Helmut. Bei ihnen verbrachte ich in den Ferien oft mehrere Tage und spielte mit meinem Cousin Rainer und seiner Schwester Petra. Diesmal aber konnte ich es kaum erwarten, ihnen meine neuen Fußballschuhe vorzuführen – voller Stolz und mit breiter Brust.
Auf dem Heimweg änderte sich das Geräusch, das Klack, klack war nicht mehr dasselbe. Erst als ich wieder zu Hause war, begriff ich, warum. Die Stollen hatte ich bis auf den Kern abgelaufen. Meine Freude schlug sofort in Verzweiflung um. Tränen liefen mir übers Gesicht. Aber zum Glück konnte man die Stollen austauschen. Das ist der Sinn von Schraubstollen. Dennoch, die Lektion war eindeutig: Fußballschuhe gehören auf den Platz – und nicht auf die Straße.
Trotz meiner neuen Fußballschuhe ließen mich die älteren Jungs von der Wehrweide nicht mitspielen. Ich durfte den Ball holen und zurückschießen, wenn ihn jemand übers Feld hinausgedroschen hatte – mehr nicht. Einer grinste und meinte: „Hey, Kleiner, geh doch mal auf den Sportplatz. Da spielen Jungs in deinem Alter.“ Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Also bat ich meinen Vater, mit mir zum Sportplatz zu fahren. Und tatsächlich: Ein paar Tage später war es so weit.
1972–1979, Frankenberg (Eder)
Mein Vater hatte sich nach den Trainingszeiten erkundigt und begleitete mich schließlich zum Sportplatz an der Eder – dort, wo die E-Jugend des TSV Frankenberg unter der Leitung von Wolfgang Schwieder trainierte. Für mich war es der erste Kontakt mit Vereinsfußball. Bis dahin hatte ich unzählige Stunden auf Wiesen und Straßen gekickt, doch der Gedanke, Teil einer Mannschaft zu sein, übte einen ganz besonderen Reiz aus. Am Training durfte ich sofort teilnehmen, doch für Liga-Spiele benötigte ich einen offiziellen Spielerpass, den Wolfgang beantragte.
Am 7. Juli 1972 bestritt ich mein erstes Spiel, und zwar gegen den TSV Dodenau, auf dem berüchtigten roten Hartplatz am Dodenauer Berg. Offensichtlich war ich schon gut genug, denn Wolfgang setzte mich von Anfang an in der Abwehr als Verteidiger ein. Meine Mannschaft lief in weinroten Trikots mit weißem Rundkragen auf, dazu passende Stutzen und eine weiße Hose, die jeder selbst mitbringen musste. Wie das Spiel ausging, weiß ich nicht mehr.
Trikots und Stutzen musste jeder Spieler zum Waschen mit nach Hause nehmen. Und da lag es nun: mein eigenes Set, mein erstes richtiges Vereinstrikot. Ich war mächtig stolz darauf. Manche Spieler trugen ihre Trikots sogar außerhalb des Platzes, so wie ich meine Fußballschuhe durch die Stadt getragen hatte. Für mich galt von nun an: Alles nur auf dem Platz. Ab diesem Tag war ich Stammspieler in der E-Jugend. Ich wurde Teil der Mannschaft – und fand zugleich neue Freunde fürs Leben.
Edertalschule
Zur selben Zeit stand ein Schulwechsel an, meine Klassenlehrerin aus der Grundschule, Frau Peter, hatte mich für das Gymnasium, die Edertalschule in Frankenberg, empfohlen. Ich kam in die Klasse 5a, und die ersten beiden Jahre fielen mir noch vergleichsweise leicht. Trotz Fußballtraining und anderer Freizeitaktivitäten mit meinen Freunden hielt ich in allen Fächern gut mit, ohne mir große Mühe geben zu müssen. Doch schon bald änderte sich das, denn meistens erledigte ich meine Hausaufgaben morgens in der Warteklasse oder schrieb sie kurzerhand bei Klassenkameraden ab. Für mich hatte das einen klaren Vorteil: Nachmittags blieb mehr Zeit für andere Dinge – in erster Linie Fußball.
Ich spielte nicht nur selbst, sondern ich interessierte mich auch für die Profis. Es gab diese Sammelhefte, in die man die Fotos aller Spieler einkleben konnte. Meine Freunde und ich kauften die Tütchen mit den Bildern in Bayers Lädchen, direkt gegenüber der Edertalschule. Dafür gab ich einen Teil meines Taschengeldes regelmäßig aus. Untereinander tauschten wir doppelte Bilder, bis das Album endlich vollständig war. Bald kannte ich die Namen sämtlicher Bundesligaspieler und deren Mannschaften auswendig. Meine Lieblingsmannschaft war Borussia Mönchengladbach.
Ab der siebten Klasse ging es mit meinen schulischen Leistungen bergab: Latein als zweite Fremdsprache verlangte Fleiß und Disziplin – beides damals nicht gerade meine Stärken, zumindest nicht in der Schule. Unser Lateinlehrer, Herr Kirchberg, war streng und flößte uns Schülern Respekt ein. Stellte er eine seiner kniffligen Grammatikfragen und ich lag falsch, so war sein Spruch: „Hättest du geschwiegen, so wärst du ein Philosoph geblieben.“ Mich entmutigte das nicht – ich meldete mich weiterhin eifrig im Unterricht, doch das allein genügte jedoch nicht, deshalb nahm ich Nachhilfestunden bei meinem Fußballtrainer Wolfgang Schwieder. Und ich war nicht der Einzige aus der Mannschaft, der auf seine Hilfe angewiesen war.
Wolfgang war weit mehr als nur ein Fußballtrainer – für mich und viele andere wurde er Freund und Mentor. Neben Training und Nachhilfestunden organisierte er Jugendfreizeiten über den Landkreis: Fahrten nach Plön, Wangerooge oder Welsberg in Südtirol. Er zeltete mit uns am Sportplatz, führte Nachtwanderungen an, und seine Tür stand immer offen, wenn jemand ein Problem hatte. Wolfgang prägte entscheidend meine Jugend. Er schuf eine Gemeinschaft, die weit über den Fußballplatz hinausging. Wolfgang verstarb im Mai 2025 im Alter von 72 Jahren. Ich erinnere mich voller Dankbarkeit an das, was er mir und uns allen mitgegeben hat. Seine Spuren reichen weit über Tore und Siege hinaus – er vermittelte Werte und gab jungen Menschen Halt.
Trotz seiner Unterstützung, hauptsächlich in Englisch und Latein, sackten meine Leistungen weiter ab. Nur ein Jahr später, in der achten Klasse, stand ich in gleich drei Fächern auf „5“ – Politik, Englisch und Latein. Ein Genie in Sprachen war ich offensichtlich nicht. Noch während des Schuljahres ließ ich mich freiwillig in die siebte Klasse zurückstufen. Meine Eltern waren alles andere als begeistert, aber sie blieben trotz aller Kritik immer sachlich. Hausarrest oder Ähnliches gab es bei uns nicht und das wusste ich zu schätzen.
Zurück in der siebten Klasse lernte ich neue Mädchen und Jungs kennen, worüber ich mich freute. Und tatsächlich verbesserten sich meine Noten schlagartig. Nicht wegen der neuen Klassenkameraden, sondern weil ich den Stoff jetzt zum zweiten Mal hörte. In Latein schrieb ich sogar Einsen und gab meinem Freund Frank Nachhilfe in diesem Fach. Als Belohnung schenkte mir seine Mutter jedes Mal eine Tafel Schokolade. Doch mein altes Problem – die Faulheit – blieb. Nach einer kurzen Hochphase verschlechterten sich die Leistungen wieder, und in der zehnten Klasse war ich erneut gefährdet.
Auch in der Schule gehörte Fußball dazu. Unser Trainer war gleichzeitig mein Englischlehrer, Herr Bladt. Unter seiner Leitung spielte ich in der Schulmannschaft, die an überregionalen Turnieren teilnahm. Der größte Erfolg war 1979 der Gewinn der Hessenmeisterschaft. Normalerweise wäre im Anschluss die Deutsche Meisterschaft ausgerichtet worden, doch in diesem Jahr leider nicht. Für uns war das eine bittere Enttäuschung – bestimmt wäre dort eine gute Platzierung möglich gewesen. Trotzdem blieb dieser Titel ein Höhepunkt meiner Jugendjahre im Fußball.
Trotz der Erfolge war ich selbstkritisch: Ein fußballerisches Naturtalent war ich nicht. Die Grundschnelligkeit sowie das feine technische Geschick, das manche Mitspieler scheinbar mühelos mitbrachten, fehlten mir. Meine Stärken lagen woanders: Ich war ein Kämpfer, ein Dauerläufer, der nie aufgab. Wenn ich auf einen besonders guten Stürmer angesetzt wurde, klebte ich an ihm wie ein Schatten und verhinderte, dass er Tore schoss. Es gelang mir nicht immer, aber ich gab mein Bestes. Beim Elfmeterschießen war ich weniger souverän – so mancher Schuss landete neben oder über dem Tor. Und leider auch das ein oder andere Eigentor ging auf mein Konto. Heute kann ich darüber schmunzeln. Damals war es jedes Mal ein Stich ins Herz, wenn der Ball im falschen Netz zappelte.
Noch gut erinnere ich mich an die C-Jugend- Bezirksmeisterschaften im Georg-Gassmann-Stadion in Marburg. Obwohl ich noch in der D-Jugend bei Wolfgang spielte, setzte mich Herbert Bachmann, der C-Jugend-Trainer, bei diesem Turnier in Marburg ein. Wir erreichten das Endspiel, und zwar gegen Stadt-Allendorf. Das Finale endete mit einem Unentschieden und musste durch Elfmeterschießen entschieden werden. Für Stadtallendorf stand Eike Immel im Tor, der kurze Zeit später als 15-jähriger zu Borussia Dortmund wechselte, wo er als Senior in der Bundesliga und auch in der Deutschen Nationalmannschaft das Tor hütete. Ich war einer der Schützen gegen Eike Immel. Leider verfehlte mein Schuss das Tor und flog über die Latte. Das Spiel war verloren – eine bittere Erfahrung, über die ich lange grübelte.
Zwei Jahre später, als ich selbst in die C-Jugend aufgerückt war, richtete der TSV Frankenberg die Bezirksmeisterschaften auf den Sportplätzen an der Eder aus. Wir waren Kreismeister geworden und nahmen an diesem Turnier teil. Zwei unserer Spiele wurden im Elfmeterschießen entschieden. Von zehn Strafstößen vergaben wir acht – zwei davon ich. Es war zum Verzweifeln. Diese Niederlagen haben sich tief eingeprägt, vielleicht gerade, weil sie so schmerzhaft waren.
Allerdings war ich nicht nur ein Kämpfer, sondern ich schoss auch regelmäßig Tore – sogar entscheidende. Mit
