Meine Geschichte der DDR - Wolfgang Leonhard - E-Book

Meine Geschichte der DDR E-Book

Wolfgang Leonhard

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Beschreibung

Wolfgang Leonhard gehörte zu den ersten kommunistischen Gründungskadern, die Deutschland nach dem Krieg wiederaufbauen sollten. Bald brach er jedoch mit dem Stalinismus, wie er in der DDR Gestalt annahm. In seinem «brillant geschriebenen Buch» (NZZ am Sonntag) erzählt er von den Anfangsjahren nach 1945, seinem späteren Leben als einer der führenden westlichen Ostexperten und von Plänen der Stasi, ihn zu entführen. Er schildert, wie er die spannungsreichen Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten und schließlich das Ende der DDR erlebt hat. Und er porträtiert prominente DDR-Funktionäre aus eigener Anschauung. Der Rückblick eines Jahrhundertzeugen – und zugleich ein zeitgeschichtliches Dokument ersten Ranges.

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Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Wolfgang Leonhard

Meine Geschichte der DDR

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

ERSTES KAPITEL – Neuland

ZWEITES KAPITEL – Gruppenarbeit

DRITTES KAPITEL – Die Stimme der Partei

VIERTES KAPITEL – Freiheit

FÜNFTES KAPITEL – Volksbewegung

SECHSTES KAPITEL – Beton und Frühling

SIEBTES KAPITEL – Stillstand statt Wandel

ACHTES KAPITEL – Zeitenwende

NEUNTES KAPITEL – Einheit und Ausblick

Personenregister

Vorwort

Vor mehr als fünfzig Jahren erschien mein Buch «Die Revolution entlässt ihre Kinder». Ich schildere darin mein Leben in der Sowjetunion, die Nachkriegsjahre, die ich als junger Funktionär in der Sowjetzone verbrachte, und schließlich meine Abkehr vom Stalinismus. Das Buch endet mit meiner Flucht nach Jugoslawien und der Ankunft in Belgrad im März 1949.

Wenige Monate darauf wurde die DDR gegründet. Ein Staat, an dessen Vorgeschichte ich aktiv beteiligt war und dessen führende Repräsentanten ich fast alle persönlich kannte. Ein Staat, der sich «demokratisch» nannte und in Wahrheit eine bürokratische Diktatur von Moskaus Gnaden war.

Bereits in Jugoslawien, als Leiter des deutschsprachigen Programms des Belgrader Rundfunks, berichtete ich dann über die weitere Entwicklung der DDR, ich kritisierte die SED-Herrschaft, die längst die Bedürfnisse der Menschen ignorierte und sich vor allem dem Machterhalt widmete. Dabei war es mir wichtig, die DDR so sachlich und objektiv wie möglich zu betrachten, die Realität an den propagierten Idealen zu messen und nicht aus westlicher Sicht zu verdammen.

Das Thema DDR ist, neben der Geschichte der Sowjetunion, zu meinem Lebensthema geworden – als Ostexperte in der Bundesrepublik und, von 1966 bis 1987, als Professor und Kommunismusexperte an der Yale-Universität. Zur Wendezeit, im Dezember 1989, bin ich in die DDR gefahren und wurde dort als «Erster Dissident» freundlich aufgenommen. Die damaligen Diskussionen mit Bürgerrechtlern, mit ehemaligen SED-Spitzenfunktionären und mit DDR-Bürgern, die meine – offiziell verbotenen – Bücher gelesen hatten, werden für mich unvergesslich bleiben.

Ich hatte immer die Hoffnung, dass sich das DDR-Regime wandeln könnte, im Sinne der Menschen dort. Die friedliche Revolution von 1989 hat mich darin bestärkt. Nach der Wiedervereinigung verlief die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit allerdings anders, als ich es mir gewünscht hatte.

Heute, fast zwei Jahrzehnte später, ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Meine Geschichte der DDR – das sind die kritischen Betrachtungen eines Teilnehmers, der zum Beobachter wurde. Sie beginnt bereits mit der Vorgeschichte des angeblichen «realen Sozialismus» auf deutschem Boden, an der ich als Mitglied der «Gruppe Ulbricht» unmittelbar mitgewirkt habe. Und auch nachdem ich dem Stalinismus den Rücken kehrte, habe ich am Schicksal der Menschen in Ostdeutschland immer Anteil genommen. Meine Geschichte der DDR ist deshalb eine sehr persönliche geblieben.

Wolfgang Leonhard

Manderscheid/​Eifel, Februar 2007

ERSTES KAPITEL

Neuland

Während des Fluges wurde kaum ein Wort gesprochen. Wir saßen stumm in unseren Sitzen, voller Gedanken daran, was uns in der Heimat erwarten würde. Wir – die zehn Mitglieder der «Gruppe Ulbricht», auf dem Weg nach Deutschland am 30.April 1945.Wenige Tage vor Kriegsende wusste von uns niemand genau, ob wir nun für immer die Sowjetunion verlassen oder bald schon wieder zurückbeordert würden. Zurück in das Land, in dem ich die letzten zehn Jahre, meine gesamte Jugend, verbracht hatte.

Wir waren in einer Transportmaschine unterwegs, einer amerikanischen DC 3.An den Seiten des Laderaums hatte man Sitze montiert. Tausende von Flugzeugen hatten die Amerikaner während des Krieges an die Sowjetunion geliefert, bezahlt wurden sie nie. Und später wurde darüber nicht mehr gesprochen. Die Sowjetunion verschwieg, dass sie ohne die Lieferungen den Krieg niemals hätte führen können, die Amerikaner wollten nichts mehr davon wissen, dass sie Stalins Triumph erst ermöglicht hatten.

Plötzlich wandte sich Walter Ulbricht an mich. Er saß mir direkt gegenüber und blickte mich prüfend an: «Also das mit deinem russischen Namen, das geht so nicht. Wolodja! Nimm dir doch einen deutschen Namen.»

«In der Komintern-Schule war ich Wolfgang.»

«Gut, ab jetzt bist du Wolfgang.»

Damit war unser Gespräch wieder beendet.

Ich dachte während des Fluges an mein bisheriges Leben. Bis vor wenigen Tagen war ich Rundfunksprecher in dem Moskauer Sender gewesen, der vom «Nationalkomitee Freies Deutschland» betrieben wurde. Die emigrierten deutschen Kommunisten hatten sich in der Sowjetunion mit kriegsgefangenen Soldaten und Offizieren zu dieser Vereinigung zusammengeschlossen, um gegen die Hitler-Diktatur zu kämpfen. Das nahende Kriegsende erlebte ich also in Moskau vor dem Mikrofon.

Am 21.April – vor gerade mal neun Tagen – verkündete ich, dass die Rote Armee die ersten Vororte von Berlin erobert hatte. Einen Tag später erreichte sie dann das Stadtgebiet, die Bezirke Lichtenberg und Niederschönhausen. «Wie Radio Moskau berichtet, ist es den sowjetischen Truppen gelungen, einen Ring um Berlin zu schließen», gab ich kurz darauf bekannt. Damit musste dem letzten Nazifanatiker klargeworden sein, dass Berlin fallen würde. Auch wenn ich noch am 27.April, bei meiner allerletzten Meldung, die verzweifelten Verteidigungsversuche der Deutschen beschrieb: «Es kam zur Sprengung der Schottenkammern am Landwehrkanal, was zur Flutung der Schächte von S- und U-Bahn führte.»

Kurz vor einer dieser letzten Sendungen erhielt ich einen Anruf. Ich hätte mich sofort bei Walter Ulbricht im Hotel «Lux» zu melden. Er saß dort mit einigen anderen deutschen Genossen zusammen. Manche von ihnen kannte ich von früher, andere sah ich zum ersten Mal. Mit meinen 24Jahren war ich von allen Anwesenden mit Abstand der Jüngste.

«Gut, dass du kommst», sagte Ulbricht in seinem für ihn typischen nüchternen Tonfall, den man jedoch keineswegs als Ausdruck mangelnder Leidenschaft deuten durfte: «Du bist Mitglied unserer Gruppe. Wir werden nach Deutschland fahren.» Selbstverständlich wusste ich, dass man keine Fragen stellte. Wenn man in der Sowjetunion unter Stalin wichtige Anweisungen oder Erklärungen erhielt, hatte man sich längst abgewöhnt, irgendeine Regung zu zeigen – man nahm alles einfach zur Kenntnis. Mehr nicht. Nach Deutschland also.

Ulbricht fuhr fort: «Es werden dann noch ein paar praktische Fragen zu regeln sein. Zu dir kommt ein Genosse, dem du alle deine Dokumente geben wirst. Hier hast du erst mal sowjetisches Geld für die letzten Einkäufe, die du vielleicht machen willst. Und da sind noch 2000 deutsche Nachkriegsmark.» Ich blickte erstaunt. «Das ist von den Amerikanern herausgegeben», klärte er mich auf. Dieses Geld war tatsächlich schon während des Krieges gedruckt worden, für die Zeit nach Hitler. Die Zeit, die jetzt begonnen hatte.

Mein Leben in der Sowjetunion war mir fast wie eine Ewigkeit vorgekommen. Nun, nach zwölf Jahren, würde ich nach Deutschland zurückkehren, in das Land, das ich verlassen hatte, als ich noch ein Kind war.

Immer bereit

Ich hatte nicht gerade das, was man eine gewöhnliche Kindheit nennt. Zum Beispiel einen geregelten Alltag, der Zeit für Muße lässt, oder die warme Geborgenheit einer Familie: Meinen Vater, den Dramatiker Rudolf Leonhard, lernte ich erst kennen, als ich 26Jahre alt war, und erlebte ihn nur für ein paar Tage. Meine Mutter war in den zwanziger Jahren ausschließlich mit der Weltrevolution beschäftigt. Da blieb nicht viel Zeit für ein kleines Kind, und so wurde ich schon als Säugling namens «Wolodja» bei wechselnden politischen Freunden geparkt. Erst in Wien, später dann in Berlin.

Meine Mutter, eine arme Intellektuelle, die vom Schreiben von Rezensionen lebte, sah ich oft nur sonntags, sofern sie überhaupt in der Stadt war. Eines Tages nahm die behagliche Unterbringung bei meiner Berliner Gastfamilie ein Ende, das Ehepaar verließ Deutschland. Meine Mutter und ich lebten fortan in einer kargen 1½-Zimmer-Wohnung in Reinickendorf von einem absoluten Minimallohn, den sie sich erarbeiten musste. In meinen ersten Erinnerungen sehe ich sie am Schreibtisch sitzen, mit einer Schere über eine Unmenge von Zeitungen gebeugt.

Ich war zehn Jahre alt, als sie plötzlich verkündete: «Wolodja, wir ziehen um!» Von der mickrigen Wohnung in Reinickendorf ging es im September 1931 nach Wilmersdorf, in die berühmte «Künstlerkolonie» am Breitenbachplatz, die kurz zuvor für die Mitglieder der Bühnengenossenschaft und des Schriftstellerverbandes gegründet worden war.

Das war für mich das Tor zur Welt. Dort wohnten Dichter und Schauspieler, linke Künstler und Intellektuelle. Wie aufgeregt ich war! Gleich nebenan lebte Ernst Busch, der Sänger und Schauspieler, der im Jahr darauf berühmt werden sollte: durch seine Hauptrolle im Spielfilm «Kuhle Wampe», dem ersten und einzigen offen kommunistischen Film der Weimarer Republik, nach einem Drehbuch von Bertolt Brecht. (Schon kurz nach seinem Erscheinen 1932 wurde der Film verboten, weil er angeblich den Reichspräsidenten beleidigte, obwohl der gar nicht darin vorkam.) Ich konnte mich mit Ernst Busch über Klopfzeichen verständigen, manchmal lud er mich sogar zu sich ein. Und gleich um die Ecke, da wohnten der Dichter Joachim Ringelnatz und der Schriftsteller Erich Weinert, der spätere Präsident des Nationalkomitees Freies Deutschland.

Überall hingen Fahnen. Entweder die roten mit den drei Pfeilen, das waren die von der SPD. Oder solche von der KPD, mit Hammer und Sichel. Es gab nur zwei Ausnahmen. An einem Haus wurde Schwarz-Rot-Gold gehisst – die Farben der Republik. Das war die große Lachnummer in der Kolonie! Über die zweite Ausnahme wurde zum Glück nicht gelacht. Denn es war unser Fenster, an dem nur eine schlichte rote Fahne hing, ganz ohne Parteimotiv. Meine Mutter bestand darauf.

Sie war schon vor dem Ersten Weltkrieg mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht befreundet gewesen, hatte dann der Spartakusgruppe angehört und war Gründungsmitglied der KPD. Später leitete sie die Presseabteilung der sowjetischen Botschaft. Auch nachdem sie wegen ihrer stalinkritischen Haltung 1925 aus der Partei ausgetreten war, blieb sie eine überzeugte Kommunistin. Mit vielen politisch engagierten Leuten, die in der Kolonie lebten, war sie gut bekannt, darunter mit dem Psychoanalytiker Wilhelm Reich und dem Schriftsteller Arthur Koestler. Aber irgendwie saß sie schon zwischen den Stühlen: Einmal im Monat fuhr sie damals zu den Sitzungen der Berliner Sektion des Schriftstellerverbandes. Dort gab es zwei große Tische. An dem einen saßen die Anhänger der KPD, an dem anderen die Anhänger der SPD, und dann gab es noch einen kleinen «Katzentisch» für jene zehn Schriftsteller, die keiner der beiden Parteien zugeneigt waren. Dort pflegte meine Mutter zu sitzen, zusammen mit dem bekennenden Anarchisten Erich Mühsam und mit Theodor Heuss, der damals der einzige Reichstagsabgeordnete der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) war.

Mit meiner Mutter sprach ich fast nie über Persönliches, über Empfindungen oder dergleichen. Warum auch? Die Beschäftigung mit persönlichen Bedürfnissen hielt sie für kleinbürgerlich und unnötig. Schließlich ging es um die politische Sache. Auch für mich.

Ich wurde Mitglied der «Jungen Pioniere», der Kinderorganisation der KPD. Meine erste politische Tat war der 1.Mai 1932.Jedes Mal, wenn die Nazianhänger «Hitler!» schrien, skandierten wir postwendend: «Verrecke!»

«Seid bereit – immer bereit!», so grüßte ich wie alle anderen, die das rote Halsband der Jungen Pioniere mit Stolz trugen. Wir trafen uns einmal die Woche und lernten die schönsten Lieder des Sozialismus: «Roter Wedding, grüßt euch, Genossen», «Seid bereit, Proletenkinder, in Berlin, Paris und Wien» und – natürlich! – die «Internationale». Ich hörte die Signale und war glücklich, dass ich dazugehörte.

In Erinnerung geblieben ist mir ein besonders feierlicher Augenblick. Unser Pionierleiter stellte uns seinen neuen Stellvertreter vor, mit den Worten: «Der war früher Sozialdemokrat.» Ratlos blickten wir uns an. Sozialdemokrat – das war für uns schon immer ein Schimpfwort gewesen. Schnell ergänzte unser Leiter: «Aber jetzt ist er zu uns übergegangen!» Erleichtert und voller Begeisterung hießen wir den Bekehrten mit Handtrommeln willkommen.

Ausgerechnet bei unserem ersten richtigen Auftrag kam es dann aber schon zum Zwist. Mit langen, roten Kreidestiften, die mit Öl imprägniert waren, damit man die Schrift nicht wegwischen konnte, sollten wir an Wände und Fassaden schreiben: «Wählt KPD!» Der neue Stellvertreter widersprach: «Nein. Wir müssen alle gegen die Nazis kämpfen, schreibt einfach: ‹Wählt links!›, das hilft schon.» Kaum hatten wir die ersten Parolen aufgemalt, kam aber schon der Gruppenleiter und meinte, «links», das könnte ja auch SPD sein! «Ihr schreibt gefälligst, was ich euch gesagt habe.» Überhaupt war damals nur eine Minderheit überzeugt, die Linken müssten zusammengehen.

Schon nach einem Jahr war die Zeit in der Künstlerkolonie vorbei. Im September 1932 hielt meine Mutter wieder eine ihrer Ansprachen: «Es wird jetzt politisch sehr hart. Ich muss einsatzfähig sein.» Ich war nicht überrascht, ich wusste, was folgen würde, meine Mutter hatte mich schon oft irgendwo untergebracht. Diesmal meinte sie: «Ich bringe dich in ein Landschulheim, nach Herrlingen bei Ulm.» Politische Freunde hatten es empfohlen. Es war eine der aufgeklärtesten und modernsten Schulen, die es damals gab.

Dort wurde ich zwar freundlich aufgenommen, trotzdem starrten mich zunächst alle an. Denn ich war mit meinem russischen Vornamen vorgestellt worden: Wolodja, so hießen damals in Deutschland nicht viele. Und dann weigerte ich mich auch noch, den gleichen blauen Trainingsanzug wie alle anderen zu tragen. Auf dem Schulhof fiel ich immer etwas auf – der Wolodja im roten Anzug.

Das Klima an der Schule war sehr bestimmt von den politischen Auseinandersetzungen jener Zeit. Es war das ereignisreiche Jahr 1932, das letzte der Weimarer Republik. Wir fragten unsere Lehrer: «Welcher Partei gehörst du denn an? Was wählst du denn?» An die Antwort unseres Sportlehrers erinnere ich mich genau: «Ich war immer für die Demokratische Partei, aber jetzt geht’s ums Ganze, jetzt wähle ich SPD.» Bis auf zwei Ausnahmen im ganzen Landschulheim waren wir alle Kinder von Künstlern und Intellektuellen, die mit der Linken sympathisierten. Knapp die Hälfte meiner Mitschüler stammte aus jüdischen Familien.

Ohne Zweifel, Herrlingen hat mich geprägt. Es gab dort einige Besonderheiten. Wir hatten spezielle Tische im Speisesaal, an denen man nur Englisch oder Französisch sprach. Alles war – für die damalige Zeit ungewöhnlich – sehr international ausgerichtet. Wir hatten englische Pädagogen, sogar einen Australier. Wir haben unsere Lehrer geduzt. Wenn wir Aufsätze schreiben mussten, wurde nicht nur ein Thema festgelegt, sondern es gab mehrere zur Auswahl. Hinterher wurde das Geschriebene vorgelesen und unter uns Schülern offen diskutiert. Wir waren traurig, wenn der Unterricht zu Ende war! Mit einigen meiner Mitschüler blieb ich mein Leben lang in Verbindung – bis heute.

Natürlich bekamen wir mit, was sich in Deutschland ereignete. Wir waren gerade beim Skifahren in Mittenwald, als wir am 30.Januar 1933 von den Freudenfeiern zu Hitlers Machtergreifung erfuhren. Und nach der Rückkehr in die Schule unterrichtete man uns vom Reichstagsbrand. Überall hieß es, die Kommunisten hätten das Feuer gelegt. Ich war damals elf Jahre alt und schrieb an meine Mutter: «Das stimmt nicht. Den Reichstag haben die Nazis sicher selbst angesteckt. Das ist eine Prowokazjohn.» Meine Mutter wies mich im nächsten Brief zurecht, dass es mir an politischem Bewusstsein offenbar nicht mangele, aber an meiner Rechtschreibung müsse ich noch feilen.

Wir Schüler haben schon damals darüber nachgedacht, ob wir überhaupt noch im Land bleiben sollten, und tatsächlich holte mich meine Mutter bereits im Juni 1933 zurück nach Berlin. «Du gehst keinen Tag mehr in Deutschland in die Schule», sagte sie, «du gehst in keine Nazi-Schule!» Wenn ich fortan in der Künstlerkolonie frühere Bekannte oder Freunde traf, murmelten alle: «Kein Wort, kein Wort! Bloß nichts erzählen!» Wie schnell sich alles verändert hatte. Noch vor wenigen Wochen konnte ich in Herrlingen über alles sprechen, jetzt wurde das Schweigen zur obersten Pflicht.

Eines Tages im September brachte mich meine Mutter zum Stettiner Bahnhof. Ich fuhr bis Sassnitz und von dort mit der Fähre nach Trelleborg in Schweden. Ich wusste schon, dass ich außerhalb Deutschlands zwar außer Gefahr sein würde – endlich keine Nazis mehr–, aber ich würde auch wieder alleine sein. Denn meine Mutter blieb in Deutschland, und das war riskant, sie würde illegal arbeiten, Flugblätter verteilen, vielleicht auch Gefährlicheres tun.

Beim Abschied war sie noch ernster als sonst. Es gab keine zärtlichen Gesten, nur die Anweisung: «Pass auf, dass du kein falsches Wort sagst! Ein falsches Wort kann sehr gefährlich sein.»

Schließlich kam ich wohlbehalten in Schweden an und wurde von deutschen Emigranten, politischen Freunden vermutlich, empfangen. Sie waren als Lehrer in Viggbyholm tätig, einem Landschulheim rund 20Kilometer von Stockholm entfernt. Dort gab es außer mir nur zwei oder drei Emigrantenkinder. Ich musste also sofort Schwedisch lernen. Schon sehr bald las ich in der neuen Sprache Bücher und Zeitungsartikel über Deutschland. Viele Kommentatoren standen kritisch zu Hitler, es gab aber auch positive Meinungen.

Im März 1935 kam meine Mutter zu Besuch. Eigentlich wollte sie rasch wieder nach Deutschland abreisen und war schon auf dem Bahnhof, als ein Telegramm eintraf. Etwas Schlimmes musste während ihrer Abwesenheit in Berlin passiert sein, sie konnte nicht zurück. Sie hatte in Schweden aber nur eine Aufenthaltsgenehmigung für sechs Wochen erhalten und überlegte nun fieberhaft, was zu tun sei. Noch nie hatte ich sie so aufgeregt gesehen, sie schrieb hierhin und dorthin und versuchte, unsere Ausreise zu organisieren. Sie nahm Kontakt auf zu Freunden in England und zu ihrem Ehemann Mieczyslaw Bronski, der in Moskau lebte.

Schließlich bestellte sie mich zu einem wichtigen Gespräch. Sie redete sehr schnell: «Du bist schon ein großer Junge, wir müssen jetzt einige Dinge wie Erwachsene besprechen. Wir können nicht in Schweden bleiben, wir kriegen keine Verlängerung unserer Aufenthaltsgenehmigung. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder, wir fahren nach Manchester, oder wir fahren nach Moskau.» Ich weiß noch, wie ich sie anblickte, als ich sagte: «Blöde Frage. Natürlich Moskau!»

Unsere Ausreise zog sich bis Juni hin. Meine Mutter führte noch einige Gespräche, weil sie ja aus der KPD ausgetreten war und bereits ahnte, dass es nicht ganz ungefährlich sein würde, jetzt in die Sowjetunion einzureisen. Einige dieser Gespräche bekam ich als 14-Jähriger mit. Manch einer meinte, es werde keine Probleme geben, es werde ja gerade eine Verfassung in der Sowjetunion vorbereitet und man spreche schon ganz offen von «sozialistischer Demokratie». Andere hingegen warnten.

Meine Mutter hatte mit ihren schwedischen Freunden Codeworte verabredet. Sie glaubte, auf diese Weise problemlos ihre Bekannten in Stockholm informieren zu können, falls sie in Schwierigkeiten geraten sollte. Was für ein Irrtum.

Jugend unter Stalin

Mit dem Schiff ging es von Stockholm an die westfinnische Küste und weiter mit dem Zug über Helsinki zur sowjetischen Grenze. Dort mussten wir umsteigen, in einen klapprigen und kleinen Zug – schließlich hatte das Mutterland des Sozialismus seine ganz eigene Spurweite. Wir waren allein im Abteil. Wer wollte zu dieser Zeit schon in die Sowjetunion fahren! Als wir einen Triumphbogen passierten, staunte ich nicht schlecht: «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!» war dort in riesigen Lettern in Stein gehauen, und dann sah ich ihn – meinen ersten Rotarmisten.

Unvergesslich, wie er da stand, mit seinem aufgepflanztem Bajonett. Das Herz des glühenden Jungpioniers schlug höher. An der ersten sowjetischen Station mussten wir dann unsere Koffer vorführen. Die Grenzbeamten interessierten sich eigentlich nur für unsere Bücher und Zeitungen. Voller Stolz und mit ganzem Eifer zeigte ich ihnen, dass wir ausschließlich kommunistische Zeitungen bei uns hatten. Doch sie blieben misstrauisch.

Meine anfängliche Freude auf die Sowjetunion wich schnell dem Erstaunen und schließlich der Ernüchterung. Es war ein Kulturschock, von Schweden nach Russland zu kommen, damals noch mehr als heute. Schweden, das war das reichste Land der Welt. Auf unserer Fahrt durch Leningrad hingegen sah ich fast nur baufällige Häuser, die Menschen waren in ärmliche Fetzen gekleidet und wirkten völlig ausgezehrt. Diesen miserablen Eindruck, den die Sowjetunion auf mich machte, lernte ich aber alsbald zu verdrängen – und wenn das nicht half, mit ideologischen Phrasen wegzudiskutieren.

In Moskau wurden wir von Bronski am Bahnhof empfangen. Er war sommerlich gekleidet, gemessen am sozialistischen Modebewusstsein geradezu leger. Ich hatte ihn zuvor nur selten gesehen. Seit der Spaltung von Menschewiki und Bolschewiki im Jahre 1903 war er bereits Mitglied der bolschewistischen Partei. Dass er gebürtiger Pole und kein Russe war, spielte für die Revolutionäre keine Rolle. In Zürich lernte er während des Ersten Weltkrieges Lenin kennen und war schließlich einer der 32Insassen des plombierten Zuges, der im April 1917 aus der Schweiz mit Billigung der Reichsregierung quer durch Deutschland und über Finnland nach Russland fuhr, um dort Lenin und seine Leute pünktlich zur Oktoberrevolution abzuliefern.

Die Geschichte, wie meine Mutter und er sich kennenlernten, könnte romantischer und verwegener nicht sein. Bronski war in den Jahren 1918 und 1919Sonderbeauftragter Lenins. Er kam häufiger nach Deutschland und verkaufte hier Teile des Diamantenschatzes des gestürzten Zaren. Das Geld wurde für die revolutionäre Bewegung dringend benötigt. Meine Mutter arbeitete zu dieser Zeit als Übersetzerin bei der Zeitschrift «Kommunistische Internationale» und schmuggelte als Kurierin die Diamanten durch Deutschland. So trafen sich die beiden.

Die deutsche Polizei hatte zwar stets auf diese verdächtigen bärtigen Männer geachtet und viele von ihnen auch verhaftet, meine Mutter jedoch stammte aus einer anerkannten sächsischen Juristenfamilie, sah blendend aus und wusste sich zu benehmen. Sie wurde kein einziges Mal angetastet. Der Erlös aus dem Verkauf der Diamanten sollte zum Teil in einen bewaffneten Aufstand der Spartakisten fließen. Die Reichsregierung kam diesem Treiben aber auf die Schliche, Bronski wurde verurteilt und konnte nicht mehr in Deutschland tätig sein. Es galt damals als beliebte Lösung, Aktivisten, die außer Gefecht gesetzt waren, in den diplomatischen Dienst zu schicken – manchmal ist das heute auch noch so. Bronski wurde Botschafter der Sowjetunion in Wien.

Er lebte dort gemeinsam mit meiner Mutter in einer einfachen Wohnung. Sie blieben bis 1924 in Österreich, und während dieser Zeit kam ich auf die Welt. Später ging meine Mutter zurück nach Deutschland, er wurde in der Sowjetunion stellvertretender Volkskommissar für Finanzen, danach für Außenwirtschaft. Außerdem hatte er eine Professur für politische Ökonomie an der Moskauer Universität. Er fiel aber bald in Ungnade. 1937 wurde er verhaftet, wie so viele zur Zeit der stalinistischen Säuberungen, und vier Jahre später erschossen.

Ab September 1935 ging ich zur deutschen Schule in Moskau. Wie nahezu alle sowjetischen Institutionen, die etwas mit Deutschland zu tun hatten, war sie nach Karl Liebknecht benannt. Rosa Luxemburg schied als Namenspatronin meist aus – sie hatte allzu eigenständig gedacht. Meine Schule ließ schon beim ersten Anblick keine politischen Zweifel zu. Im Foyer stand eine große Statue von Stalin, darunter war geschrieben: «Es gibt keine Festung, die die Bolschewiki nicht erstürmen können. Stalin». Ein paar Schritte weiter lauerte schon die nächste Losung: «Lernen, lernen, und nochmals lernen. Lenin».

Gelernt und unterrichtet wurde auf Deutsch – das war fast schon der ganze Unterschied zu den sowjetischen Schulen. Der Lehrplan war derselbe, nur in Geschichte wurde besonderes Gewicht auf die deutsche kommunistische Bewegung gelegt. Alle Lehrer kamen aus Deutschland. Nur ein paar meiner Mitschüler waren Kinder sowjetischer Diplomaten, wenige stammten auch aus ganz anderen Ländern, etwa die Tochter des Generalsekretärs der KP Norwegens und der Sohn des Ministerpräsidenten der spanischen Republik.

Die meisten Schüler aber waren wie ich Söhne und Töchter deutscher und österreichischer Emigranten, kommunistischer Emigranten selbstverständlich. Markus «Mischa» Wolf, der spätere Spitzenfunktionär der Stasi, ging in meine Klasse. Einige andere, die später in der DDR Karriere gemacht haben, waren ebenfalls auf der Karl-Liebknecht-Schule, etwa Werner Eberlein, Stefan Doernberg und Peter Florin – sie wurden allesamt Teil der DDR-Staatsführung.

Im September 1937 wurden wir an verschiedene russische Schulen verwiesen, und ein Vierteljahr später saßen sämtliche Lehrer der Karl-Liebknecht-Schule im Gefängnis. Sie waren alle in die Fänge der stalinistischen «Großen Säuberung» geraten. Wie solche Schicksalsschläge zu erklären waren, hatte ich teilweise schon gelernt, und ich sollte dieses Wissen noch perfektionieren.

Denn beide Schulen, die alte wie die neue, waren streng, und diese Strenge wurde immer auch ideologisch begründet: «Im Kapitalismus gibt es eine aufgezwungene, unterdrückende Disziplin. Die lehnen wir ab. Bei uns in der Sowjetunion gibt es eine freiwillige bewusste Disziplin, weil wir erkennen, dass wir Disziplin für den Aufbau des Sozialismus brauchen.» Nun gut.

In Geschichte und im politischen Unterricht lernte ich dann, meine Eindrücke von der Sowjetunion ideologisch einzuordnen: «Im kapitalistischen Westen sind baufällige Häuser ein typisches Merkmal des Untergangs des Kapitalismus. Bei uns in der Sowjetunion sind baufällige Häuser ein Überbleibsel der zaristischen Vergangenheit. Im kapitalistischen Westen bedeuten Preiserhöhungen ein eindeutiges Zeichen für die Verschärfung der Ausbeutung der Arbeiter. Bei uns in der Sowjetunion sind Preiserhöhungen eine wichtige positive volkswirtschaftliche Maßnahme für den Aufbau des Sozialismus.»

Es galt, die Gegensätze zu erkennen. Gar nicht so einfach, könnte man meinen, aber es bedurfte nur ein bisschen Übung. «Es kommt nicht auf formale Vergleiche an. Es kommt immer auch auf die Inhalte an. Zwischen Inhalt und Form besteht eine Wechselbeziehung, wobei der Inhalt entscheidend ist. Deswegen kann man die Zustände im kapitalistischen Westen und in der Sowjetunion nicht miteinander vergleichen.» Punkt. Ende der Diskussion. Das ging uns in Fleisch und Blut über, die Argumentation lief völlig glatt.

Bald lernte ich auch die bekannten 29Abweichungen von der stalinistischen Ideologie kennen. Dazu gehörten «Subjektivismus». («Bestreben, die objektiven Gesetzmäßigkeiten außer Acht zu lassen und von eigenen subjektiven Wünschen auszugehen») genauso wie «Objektivismus». («bewusste Verfälschung der objektiven Gesetzmäßigkeiten im Sinne der Ausbeuterklassen»). Außerdem erfuhr ich, dass nur äußerst ungebildete, primitive Menschen eigene Erlebnisse und Erfahrungen dazu missbrauchen, um daraus politische Schlussfolgerungen zu ziehen. «Kleinbürgerlicher Individualismus» sei das, sonst nichts.

Selbst noch der Literaturunterricht war ideologisch gesteuert. Für alle bedeutenden Autoren und zu jedem größeren Werk der Weltliteratur gab es eine offizielle Interpretation, eine Wertung, die man sich merken musste, zum Beispiel: Shakespeare gleich progressiv. In den naturwissenschaftlichen Fächern waren die Anforderungen an die Schüler generell sehr hoch. Wir beschäftigten uns auch mit Themen, die in anderen Ländern nicht Bestandteil des Schulunterrichts waren, sondern erst an der Universität gelehrt wurden. Ähnlich anspruchsvoll war der Sprachunterricht. Wir lernten verschiedene Fremdsprachen fließend zu beherrschen, ohne je mit einem Menschen der entsprechenden Nationalität sprechen zu können – mit Ausländern durfte man ja nicht reden. Später wurde ich öfter gefragt, woher ich so gut Englisch könne. Meine Antwort: Das habe ich in Moskau gelernt.

Spätestens seit 1936, dem Jahr, in dem die «Große Säuberung» unter Stalin begann, bestimmten Angst und Misstrauen den Alltag. Ständig musste man darauf achten, sich nicht falsch zu äußern. Ich wusste bereits, dass es nicht genügte, nur in politischen Fragen auf Linie zu sein. Als 15-jähriger Schüler dachte ich vor dem Einschlafen genau darüber nach, was ich tagsüber gehört und vor allem gesagt hatte und ob das vielleicht – in welcher Form auch immer – als parteifeindlich eingestuft werden könnte.

Wenn es doch einmal gelang, zu jemandem Vertrauen aufzubauen, wenn man sich tatsächlich einmal offen unterhalten wollte, gab es nur eine einzige Möglichkeit: den Spaziergang. Man konnte sich nicht einfach irgendwo ungezwungen treffen. Ich bin in der Sowjetunion nie in ein Tanzlokal gegangen. Nicht ein einziges Mal, meine ganz Jugend hindurch nicht. Wo denn auch? Es gab zwar Lokale für Ausländer, aber da ließ man uns nicht rein. Spaziergänge waren die einzige Chance, Luft zu holen und einmal unter vier Augen zu sprechen.

Während dieser Gespräche im Freien tastete man sich ganz behutsam an den anderen heran, Schritt für Schritt. Man äußerte sich ganz vorsichtig, der andere antwortete ebenso vorsichtig, langsam wagte man immer mehr, bis man merkte, dass durchaus auch mal eine kritische Bemerkung möglich war, etwa über den Führerkult um Stalin. Oder man warf die Frage auf, ob bei den vielen Verhaftungen alles mit rechten Dingen zuging.

Denn auch wir hatten ständig Angst, wie aus dem Nichts verhaftet zu werden. Wir Schüler lernten jedoch, die Ereignisse zu unterscheiden, in große, langfristige Entwicklungen von historischer Bedeutung auf der einen Seite (was letztlich immer wieder auf die überragende Bedeutung des Sozialismus hinauslief) und «Begleiterscheinungen», wie sie damals genannt wurden, die man in Kauf nehmen musste. Begleiterscheinungen, deren Ausmaß entsetzlich war. Dazu zählte auch die Verhaftung meiner Mutter.

Nach unserer Ankunft in Moskau hatten wir zusammen in einem möblierten Zimmer in der Gorkistraße gewohnt. Im September 1936 zog ich in das berühmte Kinderheim Nr.6, in der Kalaschnijgasse, wo die Kinder deutscher Emigranten und österreichische Schutzbundkämpfer untergebracht waren. Der Kontakt zu meiner Mutter war seither eher locker: Ich traf mich zu dieser Zeit mit ihr ein- oder zweimal in der Woche. Nachdem Bronski in Ungnade gefallen war, musste auch meine Mutter sich irgendwie durchschlagen. Sie wohnte inzwischen in einem kleinen Zimmer in einem alten Haus am Nikitskij-Tor und gab Fremdsprachenunterricht.

In der letzten Oktoberwoche 1936 hatten wir verabredet, dass sie mir bei einer technischen Zeichnung helfen sollte, die ich für die Schule anzufertigen hatte. Aber sie kam nicht zum vereinbarten Treffpunkt. So ging ich zu ihrem Zimmer: Die Tür war versiegelt. Damals wusste ich noch nicht, dass Türen stets versiegelt wurden, wenn jemand verhaftet worden war. Ich fragte die Nachbarn, wo sie sei, und man erklärte mir, meine Mutter sei «auf Kommandierung». Das war die etwas nebulöse Bezeichnung für einen plötzlichen Auftrag von einer Dienststelle, eine bestimmte Tätigkeit an anderem Ort zu verrichten. Neun Monate hörte ich überhaupt nichts, und erst im Juli 1937 erhielt ich eine Postkarte – aus Workuta am Polarkreis. Meine Mutter war wegen «konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit» zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt worden. Ich habe die Verhaftung meiner Mutter und die beklemmende Atmosphäre jener Zeit ausführlich in meinem Buch «Die Revolution entlässt ihre Kinder» geschildert.

Lange war ich der Ansicht, ich hätte damals im Oktober 1936 alleine vor ihrer versiegelten Wohnungstür gestanden. Aber nach der Wende erzählte mir Margrit Knipschild, eine Freundin aus jener Zeit, sie sei dabei gewesen, gemeinsam mit einer weiteren Freundin, sie hieß Irmgard Sickert.

Margrit Knipschild, die Tochter von zwei höheren Funktionären, war bildhübsch und Mischa Wolf zu jener Zeit bis über beide Ohren in sie verliebt. Gemeinsam mit ihr habe ich 1940 mein Studium an der Pädagogischen Hochschule für Fremdsprachen begonnen. 1941, kurz nach dem Angriff Hitlers auf die Sowjetunion, wurde sie jedoch nicht wie alle anderen deutschen Emigranten zwangsumgesiedelt, sondern verhaftet. Grundlos, wie immer.

Nach fünf Jahren Lagerhaft kam sie frei, durfte aber erst 1956 in die DDR ausreisen. Kurz darauf, so erzählte sie mir, kam Mischa Wolf zu Besuch. Er habe ihr Komplimente gemacht und ihr angeboten, im Ausland für den Nachrichtendienst zu arbeiten. Margrit lehnte ab: «Erst werde ich verhaftet und zu fünf Jahren Lager verurteilt, dann noch zehn Jahre Verbannung. Nun bin ich endlich frei, und jetzt soll ich, als Dank für all das, noch für den Spionagedienst tätig sein? Das ist ein starkes Stück!» Mischa Wolf machte umgehend kehrt und verließ sofort ihre Wohnung. Margrit lebte weiterhin in Ost-Berlin, hat aber nie wieder eine höhere Funktion angeboten bekommen.

Anders verlief die Geschichte von Irmgard Sickert. Im ersten Semester unseres Studiums, im Jahr 1940, lud sie mich ein, zu einem jener Spaziergänge. Wir waren beide neunzehn. Zaghaft begann sie zu flüstern, obwohl außer uns weit und breit keine Menschenseele war. «Versprich mir, dass du unter keinen Umständen irgendjemandem erzählen wirst, was ich dir jetzt sage. Seit einigen Tagen arbeite ich für den NKWD. Ich soll nun regelmäßig über bestimmte Studenten Berichte schreiben.»

«Stehe ich auch auf deiner Liste?»

«Nein, bis jetzt noch nicht. Aber ich sage es dir jetzt schon, denn wenn dein Name genannt werden sollte – ich habe doch unterschrieben. Bitte, sprich mit mir nicht mehr über irgendwelche Sachen, die dir schaden könnten.»

Ich stammelte nur etwas von großem Dank, sonst brachte ich kein Wort mehr heraus. Seither habe ich mit ihr nur noch über Belangloses gesprochen oder versucht, ihr ganz aus dem Weg zu gehen. Im Westen erfuhren viele erst 1989, dass es im Osten so genannte «Inoffizielle Mitarbeiter» gegeben hat, die ihre Freunde und Bekannten, ja sogar Familienmitglieder bespitzelt haben. Ich musste das schon 1940 am eigenen Leib erfahren. Aber Irmgard hatte mich gewarnt, was später in der DDR offenbar eher die Ausnahme war. Man kann niemandem vorwerfen, dass er dem Druck der Stasi erlegen ist. Aber dass so wenige ihren Freunden ein Zeichen der Warnung gegeben haben, das ist sehr traurig.

Irmgard heiratete später einen sowjetischen General, kam dann in die DDR und wurde Begründerin und Leiterin des Mitteldeutschen Rundfunks in Leipzig. Anschließend war sie Botschafterin der DDR in der Ukraine und arbeitete danach im Außenministerium. Vor zwei Jahren ist sie gestorben.

Weltkrieg und Kaderschule

Nachdem ich die zehnjährige Schule absolviert hatte, war es mein großer Wunsch gewesen, Fremdsprachen zu studieren. Ich entschied mich damals für die englische Fakultät. Bei der Anmeldung an der Hochschule musste ich einen Fragebogen ausfüllen. Wahrheitsgetreu und genau in dem Wortlaut, der für solche Fälle vorgeschrieben war, notierte ich: «Vater antifaschistischer Schriftsteller. Mutter verhaftet von den Organen des NKWD, fünf Jahre.» Der Leiter der Aufnahmekommission las gleichmütig über die Stelle hinweg. Jeder wusste: «Fünf Jahre Lagerhaft» bedeuteten in Wahrheit, dass der Verhaftete unschuldig war.

Mein erstes Jahr an der Moskauer Hochschule endete im Frühjahr 1941, als der Hitler-Stalin-Pakt noch Gültigkeit hatte. Zu dieser Zeit durfte man in der Sowjetunion Hitler und den Nationalsozialismus niemals kritisieren. Die ganze Welt sprach über einen bevorstehenden Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion. Ausgerechnet in der Sowjetunion selbst aber waren Gespräche darüber verboten. Als die Unterzeichnung des Pakts im August 1939 bekanntgegeben worden war, hat dies die deutschen Emigranten schwer erschüttert. Ich erinnere mich noch an das Foto in der «Prawda»: der Moskauer Flughafen beim Eintreffen von Außenminister Ribbentrop, dem Abgesandten der deutschen Regierung. An den Flaggenmasten waren abwechselnd Sowjet- und Hakenkreuzfahne gehisst und flatterten fröhlich vereint im Wind. Ein weiteres Foto zeigte Stalin mit einem Sektglas in der Hand, daneben war seine Erklärung abgedruckt: «Ich weiß, wie sehr das deutsche Volk seinen Führer liebt. Ich möchte auf die Gesundheit und das Wohlergehen des Führers trinken!» Prost.

Als ich an jenem Tag an meinem liebsten Ort ankam, der Moskauer «Bibliothek für ausländische Literatur» in der Stoljeschnikowgasse, stand ich vor verschlossenen Türen. Im ganzen Land hatte keine einzige Bibliothek geöffnet. Warum? Weil schleunigst alle Anti-Nazi-Bücher aus den Regalen geräumt werden mussten, auch die Werke von Autoren, die in der Sowjetunion im Exil lebten, wie Friedrich Wolf und Erich Weinert. Ein halbes Jahr später fand ich dann im Lesesaal zum ersten Mal nationalsozialistische Zeitungen. Unvergessen ist mir das Titelbild der «Brennessel», einer satirischen Zeitschrift der Nazis. Dort sah man das brennende Coventry und darunter einen SA-Mann, der höhnisch fragt: «Etwas Feuer gefällig, Mr.Churchill?» Als Deutschland begann, Europa mit Krieg zu überziehen, gab es in der Sowjetunion nur die eine offizielle Haltung: Neutralität. Aber diese Neutralität hatte zu dieser Zeit eine leichte Schieflage, sie neigte sich eher zu Hitler als zu den Westmächten.

Die Moskauer Bevölkerung war gespalten. Ich erinnere mich gut an den 14.Juni 1940, als die Wehrmacht in Paris einmarschierte. Ich fuhr gerade mit der Straßenbahn, als ein Russe rief: «Der Hitler ist ja ein molodez – ein fabelhafter Kerl! Paris hat er auch genommen!» Ein kleiner jüdischer Junge brach in Tränen aus, als er das hörte, sprang an der nächsten Station aus dem Waggon und rannte davon. Sehr viele Russen und jüdische Intellektuelle standen auf der Seite Frankreichs, schließlich gab es zwischen den Ländern eine tiefe, historisch gewachsene Verbindung.

Ein Jahr später waren die Fronten klar. Die Sowjetunion war Kriegspartei geworden, Hitler hatte uns am 22.Juni 1941 angegriffen. Was für ein Schock, ernsthaft hatten wir damit nicht gerechnet. In Gesprächen, aber auch in den offiziellen Meldungen fiel immer dasselbe Wort: «Treubruch». Die Wut über den Vertragsbruch schien beinahe größer als der Schrecken über den Kriegsbeginn. Mir klingt noch die Rundfunkansprache von Außenminister Molotow im Ohr. Dies sei kein Krieg des deutschen Volkes, sondern der blutgierigen faschistischen Herrscher, die bereits andere Länder unterjocht hätten. Er endete mit den Worten, die jeder auswendig lernte: «Unsere Sache ist gerecht. Der Feind wird geschlagen. Der Sieg wird unser sein.»

Zunächst aber musste die Sowjetunion Niederlage um Niederlage hinnehmen. Als die deutschen Truppen schon Leningrad eingeschlossen hatten und gleichzeitig auf Moskau marschierten, erließ Stalin ein Dekret, das die sofortige Umsiedlung aller Deutschen, die in der Stadt lebten, anordnete. Nach Kasachstan! In wochenlanger Eisenbahnfahrt und unter beinahe unerträglichen Bedingungen – es gab kaum Wasser, es herrschten Hunger und eine schreckliche Enge – wurden wir nach Mittelasien verfrachtet. In ein karges, ländliches Gebiet, in dem in den zwanziger und dreißiger Jahren sogenannte Kulaken angesiedelt worden waren, Großbauern also, die man enteignet hatte. Die Deutschen wurden auf die verschiedenen Dörfer verteilt.

Einer der Bauern, die dazu verpflichtet waren, uns aufzunehmen, stieß mich an und fragte spöttisch: «Na, wie weit ist denn euer Hitler schon vorgedrungen? Was meint ihr, wird er hierher kommen, um uns zu befreien?» Mir wurde schwindelig, so etwas Ungeheuerliches hatte ich in der Sowjetunion bis dahin nie gehört. Die deutschen Zwangsumsiedler mussten in Kasachstan sehr hart arbeiten und durften das Gebiet unter keinen Umständen verlassen. Ich hatte allerdings Glück. Noch in Moskau war es mir über meine Kontakte zur Emigrationsführung der Kommunistischen Partei Deutschlands gelungen, von den strengen Regeln der Verordnung befreit zu werden. Ich konnte diesen trostlosen Landstrich schon nach wenigen Tagen verlassen und in die nächste größere Stadt reisen. Nach Karaganda, das gut 100Kilometer von meinem Dorf entfernt lag.

Dort gab es ein «Lehrerinstitut». Eine sowjetische Bildungseinrichtung, die mit den heutigen Fachhochschulen zu vergleichen ist. Zu meinem Glück hatte ich mein Studienbuch von der Moskauer Universität mitgenommen. Ohne Probleme gelang es mir, mich hier für ein Studium einzuschreiben. Es gab allerdings keine Fakultät für Fremdsprachen, und so begann ich ein Geschichtsstudium, das mir bald große Freude bereitete. Überhaupt lebte ich mich hier gut ein und konnte mich von den schlimmen Strapazen der Umsiedlung erholen. Für kurze Zeit wenigstens.

«Sie sind dieser Deutsche Leonhard? Innerhalb von 24Stunden müssen Sie Karaganda verlassen.» Der Milizchef persönlich hatte mich eines Morgens in sein Büro bestellt. «Wohin Sie gehen, ist mir ganz egal, alle Städte sind für Deutsche gesperrt. Sie können einen beliebigen Wohnsitz im Gebiet Karaganda wählen, mit Ausnahme der Stadt selbst.» Vergeblich versuchte ich, ihm klarzumachen, dass ich von den Zwangsmaßnahmen freigestellt war. Keine Chance. Ich war dem Weinen nahe, ich hatte das Elend auf dem Land ja selbst gesehen, ich wusste: Da komme ich um!

Verzweifelt lief ich durch die Straßen. Was sollte ich bloß tun? Ich war nicht in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Plötzlich fiel mir im einzigen Kaufhaus der Stadt ein Mann in einem dicken Pelzmantel auf. Als ich näher kam, hörte ich seinen deutschen Akzent. Das war doch nicht möglich – es war Hans Mahle. Ich kannte ihn aus Moskau, er arbeitete beim Rundfunk, als Leiter der deutschsprachigen Sendungen. Wir begrüßten uns freudig. Er war ebenso überrascht. Ich erzählte ihm, wie ich hierher gekommen war und welche schreckliche Mitteilung ich vor wenigen Stunden erhalten hatte.

«Na, da kommen wir ja gerade richtig. Mach dir mal keine Sorgen. Ich stell dich erst mal den Genossen vor.» Den Genossen? Er brachte mich zum Hotel in der Stadt, und dort traf ich vor dem Eingang zu meinem großen Erstaunen, in Pelzmäntel gehüllt, die Spitzen der Emigrationsführung der KPD, darunter Walter Ulbricht und Lotte Kühn, seine spätere Ehefrau. Ulbricht, den ich nur flüchtig aus Moskau kannte, fragte ausdruckslos: «Na, wie geht es denn so?» Dann bestätigte auch er: Alles würde in Ordnung kommen. Und tatsächlich, wenige Tage später kam die Nachricht, dass ich auf unbegrenzte Zeit in Karaganda bleiben dürfe.

Das hatte ich einem glücklichen Zufall zu verdanken. Warum aber war die KPD-Führung ausgerechnet hierher gekommen? Ich erfuhr erst jetzt, dass nur zehn Kilometer entfernt ein riesiges Kriegsgefangenenlager errichtet worden war. Dort wurden die ersten Versuche unternommen, die Gefangenen umzuerziehen, sie auf die Seite der Hitlergegner zu bringen. Später geschah dies in der gesamten Sowjetunion. Sehr oft mit Erfolg. Ulbricht spielte dabei eine entscheidende Rolle. Einige Wochen später zeigte er uns den «Aufruf der 158»: Genau so viele Kriegsgefangene hatten sich bereit erklärt, den ersten Appell zum Kampf gegen Hitler zu unterschreiben.

Im Dezember wurde ich dann anerkannt. Anerkannt? Das bedeutete, dass ich nun nicht mehr als verdächtiger Zwangsumgesiedelter galt, sondern als Vertrauensperson – vor allem auch gegenüber den örtlichen Parteigremien. Ich wurde sogar zu den «Sonntagsbesprechungen» des Parteiaktivs eingeladen. In jeder Stadt der Sowjetunion gab es solche Zusammenkünfte, allerdings nur mit ausgesuchten Parteimitgliedern. Bei Vorträgen erhielten wir exklusive Informationen, die nicht in der Presse verbreitet wurden. Man darf die psychologische Wirkung solcher Treffen nicht unterschätzen. Vermutlich haben sie entscheidend dazu beigetragen, dass sich die Diktatur stabilisiert hat. Man zog junge Leute wie mich ins Vertrauen – das allein schuf schon eine gewisse Loyalität.