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Die Autorin Sonja Wolff erzählt nicht nur die Geschichte Butjadingens von den Anfängen seiner Besiedelung, sondern auch die Entwicklung in der jüngeren Vergangenheit bis heute. Bedeutende Persönlichkeiten, alte Sagen und Gedichte werden wieder lebendig.
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Meine Heimat Butjadingen
Die Autorin Sonja Wolff wurde am 18. Januar 1930 in Rodenkirchen geboren. Sie lebt seit vielen Jahren in Cuxhaven und ist in ihrer Wahlheimatstadt als Autorin plattdeutscher Geschichten, von Lebensbildern Cuxhavener Persönlichkeiten und engagierte Bürgerin bekannt. Unter anderem war sie an der Entwicklung des beliebten Buttfestes beteiligt.
den Butjenter sien Natur,
so still un stiev un faken stur –
jüst as de Bööm üm sienen Hoff,
he schient man bloot so ruug un groff.
wenn di erst sien Vertroon toweiht,
belevst du, dat he to di steiht –
so as de Bööm ut Eekenholt:
truu un eegen, iesern, stolt.
Meiner Freundin Regina Dürels bin ich sehr dankbar. Sie hat mit viel Zeit und Sachkenntnis diese Arbeit unterstützt. Gemeinsam sind wir durch Butjadingen gefahren, damit sie die entsprechenden Fotos beisteuern konnte. Und sie hat all meine Fehler aus dem Text gepickt.
Danke, Regina!
Einführung
Erste Anfänge
Die Landschaft Butjadingens
Die alten Jedutenhügel
Das Stadland
Das Kleischießen
Freiheitskampf der Stedinger
Die Butjadinger im Wandel der Zeit
Nordenham
Der Kampf um die Friedeburg
Großensiel
Rodenkirchen
Bilder
Blexen
Langwarden
Sinswürden
Ruhwarden
Stollhamm
Burhave
Ellwürden
Abbehausen
Theodor Tantzen
Peter Harmjanz
St.-Laurentius-Kirche Abbehausen
Das historische Kaufhaus
Arp Schnitger
Ludwig Münstermann
Butjenter Deern
Sagen und Übersinnliches
Unsere Nationalhymne
Quellennachweis
Alma Rogge hat uns ermahnt: „In de Heimatbewegung mööt wi us dorvör bewahrn, dat wi jümmers bloot achterut kiekt: Wo schön dat fröher wäsen is – un dat wi dat all upschrieven un in’t Museum bringen mööt. Nee, wi mööt ook dorför sorgen, dat use Tiet ehr eegen Gesicht kriggt – un dat de nedderdüütsche Eegenart lebennig blifft un dat wi dat, wat wi övernahmen hefft, up de verarvt, de na us kaamt.“
Ich füge dem hinzu:
Meine Heimat hat mich geerdet, sie gibt unumstößlichen Halt. Und wie ihr Zeiten auch werdet, nichts schafft es mit Gewalt, mir den festen Grund zu rauben, gefestigt durch Wissen, verankert im Glauben.
Bedenken wir: Wir sind jetzt das letzte Glied der langen Kette. Erweisen wir uns unserer Aufgabe für würdig und verharren wir in Sammlung, Besinnung und Ehrfurcht vor dem, was unsere Vorfahren geleistet haben, schöpfen wir daraus die Kraft, uns für den Fortbestand unserer Kultur mit Leib und Seele einzusetzen. Reißt die Kette, gibt es keine Zukunft und auch die Vergangenheit ist verloren.
An einer alten Kirche am Meer steht: „Do ye nexte dhinge!“
Wir Butjadinger lieben unsere Heimat, die kleine Halbinsel zwischen Wesermündung und Jadebusen mit den fetten Marschen, umgürtet vom grünen Deich. Wir haben sogar eine eigene Nationalhymne:
„Du liggst so hoch, so stolt un riek dor an de Waterkant…“ (Text achteran). Wer kennt das geschichtsträchtige Land, das Land der Rüstringer Friesen, die ihre Freiheit geliebt und noch verteidigt haben, als alle anderen schon aufgegeben hatten?
Diese Halbinsel war einst eine Insel, die wieder mit dem Festland verwachsen ist. Jeden Abend, wenn auf dem Bildschirm meines Fernsehers während der Wettervorhersage die Landkarte von Niedersachsen erscheint, freue ich mich über das Gebilde in Form eines possierlichen Urtieres, das so geduldig zwischen Bremerhaven und Wilhelmshaven hockt.
Butjadingen ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als es noch zum Land Oldenburg gehörte, vom Heimatdichter Franz Poppe besungen worden: „Butjadingen ist, wenn auch nicht der schönste, so doch der kostbarste Stein in der Krone Oldenburgs. Dieser Edelstein ist ein reines Geschenk der Natur. Wie Ägypten ein Geschenk des Nils, Holland ein Geschenk des Rheines, so ist Butjadingen ein Geschenk der Nordsee und der Weser…“ (Aus: Der „Oldenburger Hauskalender“ 1941, gedruckt im Verlag Stalling, Oldenburg)
Im Jahre 1923 erschien das letzte Werk dieses Heimatdichters Franz Poppe, auch ein Lob seiner Heimat. Der 29. Vers lautet: „Hier hausen sie, die edelfreien Friesen, / in reichen Höfen, hoher Eschen Hut, / ob ihrer Freiheitskämpfe viel gepriesen, / wie sie getrotzt der Junker Übermut. / Hier hausen sie inmitten weiter Wiesen, / sie, die gekämpft mit Sturm- und Eisesflut, / im Steder, Jever- und Butjenterlande, / wo Möwen schrei’n am sturmumtosten Strande.“
Wir sprechen heute von den Grund lagen unserer Kultur, von der geschichtsträchtigen Vergangenheit. Grundlagen, darin steckt das Wort GRUND. Ehe sich unser Stamm entfalten konnte, ging es um Grund und Boden. Unsere Vorfahren haben ihn gegen die Urgewalten des Meeres verteidigt und dann kultiviert. Die sattgrüne Marschendecke Butjadingens wurde im Laufe der Zeit mit kostbaren Perlen geschmückt, mit den alten, zum Glück erhaltenen Kirchen auf den Wurten.
Die Kirchen riefen mit ihren Glocken nicht nur zum Gottesdienst oder zu den Lebensfeiertagen von der Taufe bis zur Bestattung, sie riefen auch in der Not und waren der sichere Zufluchtsort, wenn Sturmfluten die Deiche durchbrachen und das Land überflutet wurde, und auch, wenn Feinde den Frieden bedrohten. Die Kirchen waren für alle der wichtige Mittelpunkt des Dorfes.
Wenn man bedenkt, dass das Baumaterial, die Natursteine, von weither geholt werden mussten, dann wird ersichtlich, welch kostspieligen Aufwand man betrieben hat. Später konnten in den hiesigen Ziegeleien die Steine gebrannt werden. Da fast alle Orte am Wasser lagen, konnte das Material mit Schiffen transportiert werden, oft im Tauschhandel mit dem, was das Land hergab. Man wollte eine gut ausgestattete Kirche. Die reichen Bauern stifteten kostbare Gegenstände, etwa bunte Kirchenfenster. Dadurch gewannen die Spender an Ansehen und erhofften sich wohl auch Begünstigungen nach ihrem Tod.
Unsere Dörfer lagen im Wirkungsbereich von Arp Schnitger. Die Verbindung wurde noch enger, als der Witwer eine Frau aus Abbehausen heiratete. So kamen die Abbehauser günstig an ihre besondere Orgel. Zum Glück waren die nachkommenden Generationen keine Bilderstürmer oder radikalen Modernisierer. Dadurch blieben die Orgeln und auch die wertvollen Altäre und Kanzeln vom Hamburger Künstler Ludwig Münstermann bis heute erhalten. Auch wegen dieser Schätze ist Butjadingen „stolt un riek“.
Unsere Vorfahren waren „deepdenkersch“, sie machten sich Gedanken über die Zusammenhänge des Lebens. Das hing mit der rauen See zusammen, mit dem ewigen Kampf gegen den blanken Hans. Dadurch wurden sie mutig, ausdauernd, stark, erfinderisch, aber auch dankbar. An langen Winterabenden hielten sie das Erlebte und Erdachte schriftlich fest. Viele Haus-, Hof- und Dorfchroniken zeugen davon, dass sie sich Rechenschaft abverlangt haben, dass sie nicht gedankenlos in den Tag hineingelebt haben, dass sie die Altvorderen geehrt und das Überkommene bewahrt haben, dass sie stolz waren auf ihren Stammbaum und ihre friesische Herkunft. Sie haben nicht mit dem Schicksal gehadert, sie sind damit fertig geworden.
Die Lehrer in den kleinen Dorfschulen haben sich um die Geschichte der Heimat gekümmert, haben sie vor dem Vergessen bewahrt und weitergegeben. Einer von ihnen war unser beliebter Eduard Krüger, der uns während der Schulzeit begeistert hat. Ein anderer war mein Vater. Wenn ein Bauer auf dem Feld einen Scherben aus früheren Zeiten fand oder einen anderen Gegenstand, dann brachte er ihn zu meinem Vater, dem Lehrer. Er hat die Dinge zusammengetragen und in die Museen gebracht. Dabei hat er mich mitgenommen, mir alles gezeigt und meine Fragen beantwortet. Ich bin ihm dankbar, dass er mich früh eingeführt und so die Heimatverbundenheit geweckt und gefördert hat. Seiner Spur bin ich später gefolgt.
Neben den Chroniken gibt es einen weiteren Schatz: Was unsere Altvorderen sich nicht ER-klären konnten, haben sie im Laufe der Jahrhunderte in mündlicher Überlieferung VER-klärt zu spukreichen Sagen. Die wurden später schriftlich festgehalten. Die Sagen sind wichtige Verbindungsstücke. Sie bauen Brücken über die Zeiten hinweg. Woher kamen die Friesen? Wo liegt der Ursprung unserer Vorfahren?
Was mir an Sagen zu Gesicht gekommen ist, habe ich gesammelt. Wo sie zum Text gehören, habe ich sie eingefügt. Die übrigen stehen am Schluss des Buches.
Es wurde geforscht und gegrübelt. Man kam zu historischen Erkenntnissen und es entstanden die Sagen, von denen die Mönche uns einige überliefert haben.
Ein Beispiel: In Indien lebten einst drei Brüder, Saxo, Bruno und Friso. Als sie mit dem gesamten Geschlecht aus der Heimat vertrieben wurden, stachen sie in See und fuhren fremden Gestaden entgegen, ohne um den Weg zu wissen, ohne ein festes Ziel. Auf dem wilden Meer verloren sie etliche Schiffe mitsamt den Besatzungen. Am Ende gelangten sie in die Nordsee. Dort segelten sie an der Küste entlang, passierten etliche Inseln und hofften, unbewohntes Land zu entdecken. Schließlich fanden sie eine flache, öde Gegend. Hier wurden sie sesshaft, waren fleißig, bauten Häuser, lebten von Ackerbau, Fischfang und Viehzucht und wussten sich gegen neidische Nachbarn zu verteidigen.
Jahre zogen ins Land. Da beschlossen die drei Brüder, den Grund aufzuteilen. Saxo, der älteste, bekam das Land an der Elbe. Deshalb heißt es (Nieder)sachsen. Saxo gründete die Feste Lauenburg, ebenso Stade und Bardowiek. Bruno, dem zweiten Bruder, wurde Land im Südosten zugeteilt. Dort gründete er eine Stadt, die nach ihm Brunswik (Braunschweig) genannt wurde. Weitere Burgen und Schlösser folgten: Goslar, Hannover, Lüneburg. Er war ein kühner Held, der siegreich Kriege gegen seine Nachbarn führte. Der jüngste Bruder Friso gab im Norden Friesland seinen Namen. Sieben Söhne wurden ihm geboren und eine Tochter, Wimed (Wimod?). Sie heiratete einen vom Stamm der Chauken. Vater Friso wies der Tochter Land östlich der Weser zu, das den Namen Wimodigau bekam. Seinen sieben Söhnen schenkte Friso die sieben Seelande, alle an der See gelegen. Sie reichten vom Fluss Sinkfal (bei Brügge) bis Widan in Schleswig.
Soweit die Erzählung der Mönche.
Der wirkliche Ursprung soll ein altes Königreich sein, gelegen gegen Mitternacht, im Land der Schweden unter Graf Christoph und dem der Friesen unter König Risbert.
Als Hunger herrschte und große Not, beschloss man, dass ein Teil der Bewohner auswandern sollte. Bei den monatlichen Zusammenkünften sollte das Los entscheiden. Wen das Los traf, der musste unter Androhung der Todesstrafe das Land verlassen. Die Schweden zogen zuhauf mit den Familien und allem Hab und Gut davon. Zwölfhundert Friesen schlossen sich ihnen an. Unterwegs hatten sie sich ihrer Haut zu wehren, wussten aber ihr Gut zu mehren. Schließlich gelangten sie in eine Gegend mit fruchtbarem Boden. Mühsam rodeten sie die Wälder und bestellten die Äcker.
Auch nur eine Sage?
Vor ihren Toten hatten die Friesen großen Respekt. In grauer Vorzeit glaubten sie, dass die Toten „wiedergehen“. Warum? Aus Sehnsucht nach den Lebenden oder Sorge um sie? Später gönnte man den Toten ihre Ruhe und sagte: „Wer dot is, de lett dat Kieken.“
Oder hatten die Toten doch noch Macht über die Lebenden? Merkwürdige Erlebnisse ließen darauf schließen. Der Sage nach ging ein Mann aus Isens über den alten Friedhof in Waddens, damals noch außerhalb des Deiches gelegen. Er fand einen langen Knochen, vielleicht von einem Menschenbein. Er hob ihn auf und sagte: „Du sollst fortan mein Handstock sein.“ Kurz darauf bekam er im Bein starke Schmerzen. Die ließen erst nach, als der Mann den Knochen an den Fundort zurückgelegt hatte. Nun ja, es ist eine Sage.
Kehren wir in die Wirklichkeit zurück.
Schon vor den Friesen wurde unsere Heimat von den Chauken besiedelt. Die zogen aber in der Zeit der Völkerwanderung weiter und eroberten gemeinsam mit den Sachsen die britischen Inseln. Und die Wikinger statteten unserer Gegend Besuche ab, blieben aber nicht. Das ist lange her.
Die Friesen besiedelten anfangs an der Nordsee einen schmalen Küstenstreifen. Was sie verband, war die alte friesische Rechtsprosa und der Bund des Upstalsbooms.
Als einige Friesen in Östringen und im Wangerland sich dem Recht gegenüber widerspenstig verhielten, ernannten die Richter Edo Wiemeken zum Häuptling. Er sollte für Ordnung sorgen. Edo Wiemeken war im Land der Rüstringer der vornehmste Herr und ein gefürchteter Krieger. Anfangs wohnte er mit seiner Frau Etta in einem Steinhaus in Dangast. Seine Schwester Jarste hatte er im Stadland mit dem Häuptling Hajo Husseken zu Esenshamm verheiratet. Aber Hajo stieß Jarste von sich und wählte eine andere Frau. Das ließ Edo so wütend werden, dass er sich mit den Bremern verbündete und die Festungskirche in Esenshamm belagerte. Nach zwei Wochen musste Hajo sich ergeben. Edo bat den Bremer Rat, man möge ihm Hajo ausliefern, damit er den Gefangenen auf seine Art töten könne. Er warf Hajo in Jever in den Turm, ließ ihn hungern und zuletzt mit einem härenen Seil in der Mitte durchsägen. So rächte der Friese seine Schwester Jarste auf ähnliche Art, wie der Häuptling Hajo Husseken seine Gefangenen gefoltert hatte. Der hatte ihnen ein härenes Tau um den Leib geschlungen, das er so lange mit einem Knebel enger drehte, bis ihm der Gefangene in Todesangst all sein Hab und Gut auslieferte.
Edo Wiemeken, der Hovetling von Bant, ließ sich von den Bremern ködern. Nur so gelang es, die widerspenstigen Friesen zu unterwerfen. Dabei erstürmten und zerstörten sie 1384 die Kirche zu Esenshamm.
Edo war ein strenger Häuptling und nebenbei ein kühner Seeräuber. Dieser Nebenberuf wurde ihm am Ende zum Verhängnis. Man hat ihn überlistet, gefangen und in den Kerker geworfen, wo er einen erbärmlichen Tod gestorben ist.
Den Friesen fehlte in dem langgezogenen Küstenstreifen ein Mittelpunkt, um den sich ein Staat hätte bilden können. Graf Edzard I. war der letzte Verfechter einer friesischen Staatsidee. Er stammte aus dem Hause Cirksena und wurde zu dem Großen.
Die Friesen waren ein freies Volk, niemandem untertan. Bis ins 14. Jahrhundert gliederten sie sich in Bauernschaften, die sich selbst regierten. Mit der Zeit gelangten einige ihrer Häuptlinge zu Ansehen, wurden mächtiger als die anderen und bauten ihre Herrschaft aus, besonders die aus der Familie tom Brock.
Ulrich Cirksena erlangte als erster den Grafentitel. 1464 belehnte ihn Kaiser Friedrich III. mit der Reichsgrafschaft Ostfriesland. Nach seinem Tod übernahm die Witwe die Regentschaft für die beiden Söhne, zuerst für Enno I., nach dessen Tod für Edzard I., geboren 1462. Als die Mutter starb, übernahm Edzard I. die Herrschaft über Ostfriesland, siegte in allen Kriegen, setzte sich sogar durch, als ihn die Reichsacht traf und er in große Bedrängnis geriet. Gegen alle Widerstände gelang es ihm, zuerst das Jeverland zu erwerben und dann Butjadingen. Damit hatte er die Weser erreicht. Im Regieren bewies er eine geschickte Hand und brachte gegensätzliche Bewohner unter einen Hut. Er war ein guter Landesvater, kümmerte sich um das Rechtswesen und erließ eine Deichordnung. Tief beeindruckt vom Protestanten Luther, führte er die Reformation ein, war aber anderen Auffassungen gegenüber tolerant. Edzard I. starb, hoch geehrt, am 16. Januar 1528.
Was alle Friesen verband, war die Sprache, wenn sie auch örtliche Verschiedenheiten aufwies. Es entstand eine breit gefächerte, plattdeutsche Literatur, aus der später die Märchenwelt des Oldenburgers Wilhelm Wisser herausragte.
Zu erwähnen ist auch der Backstein- und Klinkerbau. Davon zeugen noch heute viele gut erhaltene Gebäude. Im Spiegel der Sagen lässt sich die Lebensart und die Lebenseinstellung unserer Vorfahren erkennen. Man muss bedenken, dass sich bei einer Sage um den Wahrheitskern im Laufe der Zeit eine Hülle aus mündlich Überliefertem gebildet hat. Nicht immer kann man des Pudels Kern noch herausschälen. Das wäre Stoff für eine große wissenschaftliche Arbeit.
In unserer Heimat lagen die ersten Siedlungen auf natürlichen Sandkuppen, an den Flussufern, auf Geestrücken. Ein beredtes Zeugnis ist das Bronzezeithaus in Rodenkirchen.
Der Sage nach war früher die Wesermündung so schmal, dass die Leute in Mulsdorf einen Steg darüberlegen konnten, um zum Gottesdienst nach Blexen zu gehen. Nun ja… Das Kirchspiel Waddens reichte einst fast bis ans Land Wursten und Langlütjensand war fruchtbares Grasland.
Als es in Ururzeiten eine feste Landverbindung zwischen England und Frankreich gab, die „Höveden“, war die Nordsee viel zahmer. Es gibt verschiedene Sagen, die vom Durchstechen der Höveden erzählen und vom dadurch bedingten Untergang vieler Landstriche. Aber in Wahrheit war nicht Menschenwerk die Ursache der Veränderungen, sondern die Naturgewalten. Nur fanden die Menschen keine Erklärungen dafür.
Die Nordsee ist ein flaches Randmeer. Die Höhe des Wasserspiegels hat sich in Jahrtausenden verändert. Am Ende der letzten Eiszeit war der Wasserstand der Weltmeere wesentlich tiefer. Als dann die Gletscher, die weit ins Binnenland reichten, abschmolzen, füllten sich die Meere.
An unseren Küsten herrscht eine enorme Dynamik. Das kann man in unserem einzigartigen Wattenmeer beobachten. Der ewige Gezeitenstrom dringt weit in die Flussmündungen ein. Dort, wo wir jetzt mit Schiffen und Booten den Jadebusen befahren, dehnte sich einst fruchtbares Land mit den sieben blühenden Kirchdörfern Ellens, Hiddels, Ahm, Seediek, Oldebrügge, Berdum und Bant. Die Jade war nur ein schmaler Fluss und ließ sich leicht überqueren. Der Sage nach hatte man an der Mündung der Jade einen Siel aus Kupfer angelegt, den „Schlicker Siel“.
In Butjadingen gab es anfangs nur wenige Bewohner. Die schützten sich vor Überflutungen, indem sie für ihre Häuser Erdhügel aufschichteten, die Warften oder Wurten. Mit dem stetigen Anstieg des Wassers wuchsen die Wurten. Waren sie um 700 n. Chr. etwa 1 Meter hoch, so erreichten sie um das Jahr 1000 bereits eine Höhe von 2,5 Metern.
Dann erfand man eine andere Schutzmöglichkeit. An verschiedenen Küstenstrichen baute man Wälle, Deiche, zunächst etwa 1 Meter hoch. Sie bremsten die Kraft der Fluten, sodass die Wurten trocken blieben. Da die Küstensenkung sich fortsetzte bzw. der Wasserspiegel stieg, mussten die Deiche wachsen. Am Ende hatte man in Gemeinschaftsarbeit einen zusammenhängenden Deich gezogen und erhöhte ihn immer wieder. So ist es bis heute geblieben, nur müssen die Bürger sich nicht mehr dafür einsetzen. Deichbau ist eine öffentliche Aufgabe geworden. Jetzt beschleunigt die Erderwärmung den Anstieg des Meeresspiegels. Die Natur fordert die Menschen immer wieder heraus, zum Beispiel im Jahre 1962. Da unsere Deiche nicht bis ins Unermessliche wachsen können, wird es höchste Zeit, dass die Menschen umdenken.
Im Jahre 1164 gab es den ersten Einbruch der Jade. Dann war 1334 die Clemensflut so verheerend, dass der Fluss Jade sich stark verbreiterte und Butjadingen zur Insel wurde. Das ist zum Glück längst Vergangenheit. Das Land in Butjadingen, der Klei, hat die Bauern reich gemacht und den Klee und das Gras üppig wachsen lassen. Der Graf von Oldenburg soll auf diesen Wohlstand neidisch gewesen sein. Er soll heimlich für den Durchstich des Deiches gesorgt haben.
Wurde der Siel zur Unzeit geöffnet, strömte das Wasser ins Land und überflutete alles. Menschen und Vieh fanden den Tod. Wohl zog sich das Wasser zurück, aber fortan wirkten Ebbe und Flut sich aus. Die Rüstringer sollen weiterhin in Sorglosigkeit, ja Völlerei gelebt haben. Es soll ein Kloster gegeben haben, groß und reich, dem St. Johannes geweiht. Die Mönche sollen in ihrer Lebensführung kein Maß gekannt haben. Nach etlichen Vorwarnungen brach in der Antoni-Nacht 1511 eine solche Flut herein, dass das Kloster unterging. So sagt man.
Der „Hohe Weg“, später eine Sandbank in der Wesermündung, war noch festes Land. Es gehörte zum Kirchspiel Langwarden. Hier sollen die Bauern so reich gewesen sein, dass sie ihre Pferde mit goldenen Hufeisen beschlugen und Pflugscharen aus Silber schmieden ließen.
