Meine Kriegserlebnisse - Joseph Schrafel - E-Book

Meine Kriegserlebnisse E-Book

Joseph Schrafel

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Beschreibung

Joseph Schrafel trat unfreiwillig als junger Mann dem bayrischen Heer bei, und erlebte als Augenzeuge die Greuel des des napoleonischen Rußlandfelzuges von 1812. In den Rückzugsgefechten der Großen Armee geriet er in russische Kriegsgefangenschaft. Zwei Jahre später,1814, kehrte er als einer der wenigen Überlebenden dieses Feldzugs in seine Heimat zurück. Sein in dieser Zeit Erlebtes hinterließ er der Nachwelt in vorliegender Schrift.

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Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Vorwort zur zweiten Auflage

Meine Kriegserlebnisse

Vorwort.

Lieber Leser!

DAS Buch, das ich dir hier übergebe, war ursprünglich nicht für den Druck bestimmt. Es war nur ein Entwurf, der bei Erzählung meiner Schicksale im vertrauten Kreise meiner Freunde, meinem Gedächtnis als Leitfaden dienen, und nach meinem Tode als Angedenken auf meine Kinder übergehen sollte. Gänzlich ungeübt in der Kunst, regelrecht und zierlich zu schreiben, würde ich nie gewagt haben, das Gebiet der Öffentlichkeit zu betreten, wenn ich nicht durch Zureden wohlmeinender Freunde dazu ermutigt, und bei Stilisierung des Buches werktätig unterstützt worden wäre.

Glaube aber nicht, lieber Leser, daß ich mich darum für historisch wichtig halte, oder eine Nebenabsicht mit der Herausgabe meiner Schicksale verbinde. Ich will bloß das, was ich meinen Freunden erzählt habe, nun auch meinen lieben Mitbürgern erzählen, die als Kinder eines Landes, und als Untertanen eines Königs ja auch meine Freunde sind. Auch hoffe ich, die Schilderung meiner Kriegserlebnisse werde bei denen, die sie miterlebt haben, anziehende Erinnerungen wecken, bei denen aber, die sie nicht miterlebt haben, einen nützlichen Eindruck hervorbringen, weil fremde Erfahrungen im Glück, wie im Unglück immer lehrreich sind.

Ferner muß ich mich, lieber Leser, gegen dich verwahren, daß du nicht denken mögest, ich hätte einen abenteuerlichen, poetisch ausgeschmückten Roman schreiben wollen. Was du lesen wirst, hat kein anderes Verdienst, als das, der strengsten Wahrheit. Auch eine strategisch genaue Kriegsgeschichte erwarte nicht von mir, lieber Leser. Verzeihe mir vielmehr, wenn du hier und dort kleine Irrtümer in der Zeitangabe, oder in den Ortsbenennungen findest. Schreibe dies nicht der Nachlässigkeit, sondern einzig der Untreue meines Gedächtnisses zu, das durch unerhörte Leiden und Drangsale geschwächt worden ist.

In diesem Sinne, lieber Leser, übergeb ich dir das Buch, und bitte dich, es in diesem Sinne zu lesen.

Nürnberg, im Oktober, 1834.

Der Verfasser.

Vorwort zur zweiten Auflage.

MEIN höchster Wunsch, bei der ersten Herausgabe meines Büchleins war, daß es gütig und günstig von meinen Landsleuten aufgenommen werden möge und es wurde mir dieser Wunsch auf das freudigste erfüllt indem es jetzt nötig geworden ist, eine zweite Auflage zu veranstalten, die ich hiermit dem Publikum übergebe, und dabei bemerke, daß außer der Berichtigung einiger Druckfehler, nichts dazu und nichts davon getan, sondern dieselbe ganz getreu nach der ersten Auflage abgedruckt wurde.

Möge nun auch diese 2te Ausgabe sich einer gütigen Aufnahme und schonenden Beurteilung erfreuen.

Nürnberg, im August 1835.

Der Verfasser.

Meine Kriegserlebnisse.

ICH bin am 4. Januar 1785 zu Landshut geboren. Mein Vater war gemeiner Soldat im Dragoner-Regiment Fürst Thurn und Taxis. Meine Mutter lebte von ihrer Hände Arbeit. Von so unbemittelten Eltern abstammend, konnte nur wenig auf meine Erziehung gewendet werden. Damals wußte man auch noch nichts von den trefflichen Schuleinrichtungen, in denen Bayern jetzt vor vielen anderen Staaten hervorragt, nichts von gesetzlicher Unterstützung armer Kinder, nichts von gesetzlichem Anhalten zum Schulbesuch. Es gab wohl Schulen, aber ob ein armes Kind sie besuchte oder nicht, ob es verwahrlost heranwuchs, oder etwas lernte, darum kümmerte sich niemand. Ein dürftiger Religionsunterricht und das Erlernen der Gebete, darauf beschränkte sich das ganze Erziehungswesen für Arme. Wie ganz anders ist es jetzt! Welche wohltätige, volksbildende Anstalten sind jetzt errichtet! Wie väterlich sorgen König und Obrigkeit für die Erziehung selbst der ärmsten Kinder! Welche ganz andere Wendung würde mein Schicksal genommen haben, wenn ich des Glückes teilhaftig hätte sein können, das die Jugend jetzt genießt. Die Klöster waren zu meiner Zeit der einzige Zufluchtsort der Armut. Auch ich trieb mich schon als Knabe von sieben bis acht Jahren in den Franziskaner- und Kapuzinerklöstern herum. Ich diente als Ministrant, wiewohl ich noch zu schwach war, das Meßbuch zu tragen, so daß entweder der Priester selbst, oder ein dazu bestellter größerer Knabe mir behilflich sein mußte. Die Schule besuchte ich nur einen Winter hindurch, denn meine Mutter war so arm, daß sie mich nicht mehr kleiden und nähren konnte. Ich hatte bereits mein zehntes Jahr erreicht, als sie mir wehmütig erklärte, ich müßte mich nach irgendeiner Arbeit, einem Broterwerb umsehen, da sie außerstande sei, für mich ferner zu sorgen. Mein Vater konnte ebensowenig für mich tun, zumal da das Regiment Taxis von Landshut in eine andere Garnison versetzt wurde. Er kümmerte sich auch seitdem nicht mehr um mich. Sowohl bei ihm als bei meiner Mutter war die Stimme der Natur durch den Druck des Elends erstickt. Feines Gefühl wird wohl niemand von Leuten erwarten, die in einer rohen Zeit unter schweren Schicksalen ohne Geistesbildung aufgewachsen waren. Ich mußte mich entschließen, das nächste beste Geschäft zu ergreifen, um nicht zu hungern und meine Mutter nicht hungern zu lassen.

Damals führte der Freiherr von Frauenhofen in der Neustadt einen großen Bau auf (das noch jetzt stehende Hotel auf dem Schrannenplatz). „Geh hin“, sagte meine Mutter, „sieh zu, ob du dort als Handlanger Arbeit findest.“ Ich ging. Es war ein Sonntag. Der Freiherr spazierte, den Bau besichtigend, in dem Gemäuer herum. Ich nahm mir, ein Herz und redete ihn an, um Arbeit flehend. Er besah mich mit gutmütigem Lächeln. „Was willst du, Kleiner, arbeiten?“ sprach er. „Ich habe hier keine Hühner zu greifen (d: h. zu fühlen, ob sie Eier haben.) Ich kann Dich nicht brauchen.“ Ich aber ließ mich nicht abschrecken. Ich bat immer dringender, stellte ihm frei, wieviel er mir Lohn geben wolle, und versprach mein Möglichstes zu tun. Es mochte ihn wohl rühren; denn er sagte endlich: „Nun denn, so stelle dich morgen ein. Ich will sehen, wie ich dich verwenden kann.“ Wer war glücklicher als ich? Ich trug Steine, Mörtel, Wasser, oft über meine Kräfte. Die ersten drei Wochen bekam ich neun Kreuzer täglich. Aber mein Fleiß wurde in der Folge immer besser belohnt. Die vierte Woche erhielt ich schon zwölf Kreuzer und nach Verlauf von sechs Wochen wurde ich schwacher Knabe, bloß meines guten Willens und Betragens wegen, den übrigen Handlangern gleichgestellt, so daß ich 18 Kreuzer täglich erhielt. Nun war ich ein reicher Mann, nun hatte meine Mutter zu leben. Ihr gab ich alles, und erhielt dafür jeden Sonntag sechs Kreuzer. So ging es den Sommer über, so lange der Bau dauerte. Den Winter darauf nahm ich wieder zu den Klöstern meine Zuflucht. Aber mein Glücksstern war einmal aufgegangen. Der Maurermeister, unter dessen Aufsicht ich gewesen war, hatte meine Anstelligkeit gesehen. Er nahm mich förmlich drei Sommer hindurch in die Lehre und so öffnete sich mir eine nach meinen Begriffen glänzende Laufbahn. Aber damals wußte man nichts von theoretischen Kenntnissen für Handwerker: Es gab für sie keine Zeichnungsschulen, wie jetzt. Nur der Meister und der Palier, der gewöhnlich ein Fremder, fern her Verschriebener war, konnten regelmäßig zeichnen. Die Gesellen besaßen bloß mechanische Fertigkeit, ohne alle Vorbildung, und waren nicht viel mehr, als blinde Werkzeuge. Wäre damals alles eingerichtet gewesen, wie jetzt, so hätte ich es in kurzem weit bringen können. Aber vor fünfzig Jahren glaubte man nicht, oder wollte man nicht glauben, daß auch aus armen, niedrigen Menschen geschickte, für höhere Dinge brauchbare Männer gebildet werden könnten. Alles, war nur für die Bemittelten zugänglich. Der Arme blieb überall unbeachtet und hatte nur höchst selten das Glück, sich emporzuschwingen. Damals gab es keine polytechnische Schule, wo jeder, arm oder reich, Zutritt hat. Danket dem Fortschritte der Zeit, ihr jungen Leute, danket den aufgeklärten Fürsten und Obrigkeiten, daß ihr jetzt überall Gelegenheit findet, euch zu bilden!

Die Maurerprofession hatte ich nun erlernt und war 14 Jahre alt. Jetzt mußte ich auch die Brauerei erlernen, denn in Altbayern ist es Sitte, und, uralter Gebrauch, daß die Maurer sowohl, als die Zimmerleute, zugleich Brauer sein müssen. Dieser Gebrauch ist sehr zweckmäßig, da die Nahrung der Maurer und Zimmerleute im Winter endet, und die der Brauer im Winter beginnt. Auf diese Weise kommt der Handwerker nie in die Lage, sich dem Müßiggang zu ergeben, oder Mangel zu leiden. Müßiggang aber und Mangel sind die zwei gefährlichsten Feinde der Ordnung und Ruhe im Staate. Als ich die Brauerei erlernt hatte, wozu üblicherweise zwei Winter erforderlich waren, wurde ich als Brauknecht beim Brauer Hilz in der St. Nikolas Vorstadt angenommen. Nun tritt ein Abschnitt meines Lebens ein, der mir ewig merkwürdig und ein Beitrag zu den Rätseln des menschlichen Herzens ist. Mein Brauherr hatte einen Vater, der ebenfalls eine Brauerei besaß, und zu dem ich oft in Geschäften geschickt wurde. In seinem Hause, diente als Köchin ein junges schönes Mädchen, namens Walburga Herhammer, aus Siegenburg bei Abensberg. Ich war ein munterer, lebensfroher Geselle und sah nicht übel aus. Wer hätte nun nicht denken sollen, zwischen uns beiden müßte sich ein Liebeshandel entspinnen? Weit gefehlt. Wir haßten uns, haßten uns recht ingrimmig und bitter. So oft wir zusammentrafen, neckte sie mich mit Stachelreden und begegnete mir äußerst verächtlich. Ich vergalt ihr Gleiches mit Gleichem und so kränkten wir einander bei jeder Gelegenheit. Und warum haßten wir uns? So wird jeder fragen. So fragten wir uns selbst. Und siehe da, wer sollte es denken? Wir wußten es selbst nicht. Eine unerklärbare Feindseligkeit beherrschte unsere Gemüter. Wir konnten weder uns, noch anderen Rechenschaft davon geben. Aber das Unerklärbarste folgt nach. Damals war es Gebrauch, daß die jungen Burschen bei der Rekrutierung würfeln mußten, wer Soldat werden sollte. Schon einigemal hatte mich das Glück begünstigt, daß ich mich, wie man damals sagte, losspielte. Man sah das ungern, da ich groß und wohlgebaut war. Besonders schimpfte Walburga über die Ungerechtigkeit des Schicksals, das mich, den Armen, Schutzlosen, begünstige, während die Söhne wohlhabender Bürger die Muskete tragen müßten. Später wurde das Würfeln. abgeschafft und das Losen eingeführt, aber auch da zog ich immer das glückliche Los. Endlich, im Jahre 1807, kam wieder eine Rekrutenaushebung, und da man mein Glück im Losen fürchtete, so umging man willkürlich das Gesetz, erklärte mir mit dürren Worten, daß die Reihe nun auf jeden Fall mich träfe, da ich schon lange in der Reserve stände, und hob mich am 10. Januar ohne Umstände aus. Welch ein Donnerschlag für mich, für meine Mutter! Alle Nahrung, alle Aussicht auf künftigen Wohlstand, alle die süßen Hoffnungen, mit denen wir uns schmeichelten, Alles mit einem Mal dahin. Ohne einen Heller Vermögen, bloß auf fünf Kreuzer und einen halben Laib Brot beschränkt, welcher bittere Glückswechsel! Welche plötzliche Entbehrung nach einer für meinen Stand glücklichen, ja Überfluß darbietenden Lebensweise! Und welche schreckliche Aussicht vor mir. Damals waren die militärischen Einrichtungen nicht so menschlich, wie jetzt. Der gemeine Soldat war fast gänzlich in die Willkür roher, oft grausamer Unteroffiziere gegeben. Das Reglement war von äußerster Strenge. Fast kein Tag verging ohne körperliche Züchtigungen. Sie wurden nicht selten bei ganz kleinen Vergehen angewendet, die jetzt nur mit einem Verweise würden bestraft werden. Daher war der Schrecken und die Angst vor dem Soldatenleben bei dem Volke allgemein. Man stellte sich das Übel sogar noch weit größer vor. Mir war zumute, wie einem verurteilten Verbrecher. Äußerlich benahm ich mich still und ruhig, aber ein unnenbares Angstgefühl, eine dumpfe Schwermut, die mich bis zum Stumpfsinn beugte, hatte sich meines Innern bemächtigt. So wurde ich nebst ungefähr 150 anderen Rekruten, wovon 10 aus Landshut selbst, die übrigen aus den umliegenden Gegenden waren, vom Rathaus im langen Zuge mit Militäreskorte herabgeführt. Noch wimmelt dieser bunte, durcheinanderwallende Zug vor meinen Augen, noch höre ich das Jauchzen des einen, das Schluchzen des anderen, noch sehe ich die gaffende Menge, durch die wir hinzogen. Noch fühle ich, wie das Herz mir krampfhaft zusammengezogen war. Aber den heftigsten Eindruck sollte ich erst erfahren, der bitterste Schmerz wartete meiner noch. Wir wußten an dem Hause vorbei, wo Walburga, meine Feindin, diente. Da stand sie an der Haustüre unter vielen anderen Leuten. Als sie mich erblickte, schlug sie ein schallendes Gelächter auf, klatschte in die Hände, und rief: „So ist es recht! Das ist gut, daß sie den haben! Um den ist keine Schade! Das hergelaufene Soldatenkind hätten sie längst nehmen sollen, statt den braven Bürgerssöhnen!“ - So spottete sie noch lange. Was in meinem Herzen vorging, kann ich nicht beschreiben. Betäubt und halb bewußtlos ging ich vorbei. - Ist ein solcher Haß ohne allen Grund wohl erklärbar? Ich bin ein schlichter ungelehrter Mann, und möchte wohl hierüber Aufschluß haben. Sollte man nach all dem nicht denken, eine so tief gewurzelte, gleichsam schon angeborene Feindschaft könne nur mit dem Leben enden? Wer könnte wohl mutmaßen, daß diese Walburga, die mich so unverschuldet verfolgte, das edelste Geschöpf der Welt war? Wer könnte ahnen, daß sie wenige Monate danach meine Geliebte, endlich meine Gattin und die Mutter meiner Kinder werden, daß sie unsägliches Ungemach um mich und mit mir ertragen, ihren Wohlstand, ihre Gesundheit, ja sogar ihr Leben für mich opfern würde?

Ich fahre fort. Aus dem Rathaus wurden wir in die Kaserne gebracht, und zur Hälfte an den Feldwebel Schwabel von der Kompanie des Hauptmanns Grafen Kreuth übergeben. Hierbei war auch ich. Die andere Hälfte kam zu einer anderen Kompanie. „Wie heißt er?“ fragte mich der Feldwebel mit barschem Tone. „Joseph Schrafel“, war meine Antwort. „Wo ist er her?“ – „Von hier.“ – „Also aus der Stadt?“ – „Ja.“ – „Die Stadtkinder taugen nichts, sind Herumschwärmer, ohne Ordnung, ohne Aufführung.“ Dieser Empfang entsetzte mich nicht wenig. Ich dachte, hier wird es mir schrecklich gehen. Nun wurden sämtliche Namen eingeschrieben, und wir in die Zimmer verteilt. Ich wurde zum Sergeanten Waldherr ins Zimmer gelegt. Sein Anblick flößte mir Trost und Mut ein, denn ich kannte diesen Mann, da ich im Brauhause ihm zuweilen Bier eingeschenkt hatte. Er empfing mich mit lächelndem Munde, indem er rief: „Ah, Seppel, haben sie dich auch einmal erwischt?“ Ich antwortete mit einem Tränenstrom, und nun wurde ich erst von den anderen Soldaten, die dabei standen, tüchtig ausgelacht und verspottet. Ich schwieg und betrachtete die Einrichtung des Zimmers, die Casquette, die Brote, die Tornister, die Strohsäcke und Bettstellen, alles in sauberer Ordnung aufgestellt und gereiht. Alles war mir neu, alles, sogar der eigentümliche Kasernengeruch fiel mir fremdartig auf, alles vermehrte meine Angst. Zur größten Trübsal wurde mir nun auch der Kopf rund geschoren, denn die Zöpfe waren schon abgeschafft. Ich weinte meinen schönen Haaren, die ich nach der damaligen Sitte meines Standes lang und gescheitelt trug, bittere Tränen nach. Hierauf mußten wir unsere Kleider ablegen, und bekamen die Montur; diese bestand damals aus einem zwilchenen Kittel, dessen Schnitt ungefähr den jetzigen Fracks glich, aus langen weiß und blau gestreiften Beinkleidern, an der Seite mit beinernen Knöpfen besetzt, aus rindsledernen Schuhen und einer Halsbinde von schwarzem Tuche. Dieser neue Staat, in dem ich mich sehr unbehaglich fühlte, machte mich gar nicht eitel, sondern vermehrte meine Betrübnis. Die Vorstellungen des Prügelns, Gassenlaufens, standen immer vor meiner Seele. Vor dem Unteroffizier bebte ich. Denn damals hatte jeder Korporal das Recht, nach Gutdünken dreinzuschlagen. Kein Soldat durfte sich beklagen, wenn er auch unschuldig gemißhandelt worden war. Dank, heißen Dank dem guten König Max, der alles Unmenschliche abgeschafft hat. Jetzt tritt der Rekrut nicht mehr mit Angst und Zittern seinen neuen Stand an. Ein besserer Geist beseelt ihn, und das Vertrauen auf die weisen und menschlichen Einrichtungen der neuen Zeit stärkt und ermutigt ihn. - Mit mir kam es besser, als ich dachte. Der Sergeant nahm mich zu seinem Bettgenossen (militärisch: Schlaf, genannt) an. Dies war eine große Auszeichnung für mich, wiewohl auch ein großer Zwang, denn vor lauter Respekt getraute ich mir kaum, mich zu regen. Doch bald verlor sich meine Furcht. Waldherr behandelte mich menschlich und väterlich, unterrichtete mich mit Milde in alten militärischen Gebräuchen, und zog mich schnell zum tüchtigen Soldaten. Ich fügte mich in die neue strenge Lebensweise leichter als ich gedacht, und - so ist das menschliche Herz! - schon nach acht Tagen war ich völlig eingewöhnt, und es währte nicht lange, so war ich gern Soldat. Nur der Zapfenstreich, der im Sommer um neun, im Winter um acht Uhr geschlagen wurde, behagte mir nicht, da ich früher gerade um diese Zeit mich frei herumzutummeln gewohnt war Doch überschritt ich die Ordnung nie, versagte mir alles, was meinem neuen Beruf zuwiderlief, und war ganz Soldat. Auch habe ich nie ein böses Wort, geschweige einen Schlag von meinen Vorgesetzten empfangen, was für die damalige Zeit, wo das Zuschlagen gleichsam mit zum Kommandowort gehörte, viel sagen will.

Meine trostlose Mutter war gleich nach meiner Ankunft in der Kaserne zu meinem Hauptmann, Grafen Kreuth, gerannt, und hatte Vorbitte für mich eingelegt, daß man mir nicht zu hart begegnen wolle, denn auch sie dachte nicht anders, als man würde mich nun täglich grausam mißhandeln. Graf Kreuth, ein strenger, aber ehrenwerter Mann, tröstete sie mit der Zusicherung, daß ich es gut haben sollte, wenn ich gut tun wollte. Ja, er versprach sogar, sich meiner besonders anzunehmen und für mich auch in der Folge zu sorgen. Er hat Wort gehalten, und mich noch lange nachher bis an seinen Tod werktätig und großmütig unterstützt. Gesegnet sei seine Asche!

Ich wurde unter besondere Aufsicht des Feldwebels Schwabel gestellt, der trotz seines barschen Wesens ein würdiger Mann war. Zur Erlernung des Exerzierens wurde ich dem Leutnant Eder (der später als Hauptmann in Nürnberg starb) zugeteilt. Ich machte rasche Fortschritte, denn außer den wirklichen Exerzierstunden, forderte ich oft meine Kameraden auf, sich im Zimmer aufzustellen, und kommandierte noch als Rekrut die anderen Rekruten, die mir halb freiwillig, halb aus Achtung gegen mich, der viel beim Hauptmann galt, Folge leisteten. Eines Tages hörte Leutnant Eder, der eben durch die Kasernengänge schritt, mein Kommandowort, riß die Tür auf und überraschte uns. Alle fuhren erschrocken auseinander. Aber dem Leutnant gefiel unser Eifer, er erteilte uns allen, und besonders mir, das schönste Lob. „Es kann einmal ein tüchtiger Unteroffizier aus ihm werden“, sprach er. Diese Worte vor den übrigen Rekruten ausgesprochen, wirkten auf mich wie ein elektrischer Schlag. Ich verdoppelte meinen Eifer, und schon nach vierzehn Tagen war ich, was die Handgriffe mit dem Gewehr betrifft, ausexerziert. Mit Stolz und innerem Wohlbehagen bezog ich zum erstenmale die Wache, ich, der noch vor einigen Wochen der Verzweiflung nahe war. So fügt das Gemüt sich in die Schule der Notwendigkeit. Das Regiment selbst stand damals in Preußen. Mein Hauptmann war Reservekommandant, zugleich auch Stadtkommandant und als solcher gebührte ihm eine Ehrenwache. Ich genoß den Vorteil, jedesmal mit zu diesem Posten kommandiert zu werden. Auch bekam ich immer abends die letzte Nummer, damit ich bei seiner Nachhausekunft auf dem Posten war. So wie er kam, was gewöhnlich um die zehnte Stunde geschah, und ich ihm die Honneurs gemacht hatte, ließ er mich abtreten, kaum war ich aber einige Schritte weit, so rief er mich zurück, und gab mir entweder ein Zwölfkreuzerstück, oder ein Stück Braten, das er im Gasthaus für mich in Papier hatte einwickeln lassen. Diese Züge von Wohlwollen fesselten mein Herz an ihn. Er ließ es aber dabei nicht bewenden, er unterstützte mich fortwährend, bald mit Leinwand zu Pantalons, bald mit Tuch zur Montur usw. So hielt er meiner Mutter redlich und väterlich Wort, als wäre ich sein Sohn. Er redete mich auch nie mit dem „Er“ an, das damals selbst gegen Unteroffiziere und Feldwebel üblich war. Er brauchte das milde „Du“, das den Menschen näher an den Mitmenschen bindet, und das vor allen Sprachen in unserer schönen deutschen Mundart so edel klingt. Schon um dieses „Du“ willen, wäre ich durchs Feuer für meinen Hauptmann gegangen. So wenig kostet es den Hohen, sich beliebt zu machen.

Schon nach einigen Wochen avancierte ich zum wirklichen Gefreiten. Das erste Avancement, pflegt man zu sagen, erfreut mehr, als das letzte. Ich fühlte mich wie neugeboren. Ich stand nun nicht mehr Wache und bekam einen Kreuzer täglich mehr Löhnung. Einige Zeit darauf wurde ich Vizekorporal, und endlich am 1. Mai 1807 wirklicher Korporal. Welche Freude! Nun hieß ich Unteroffizier, und bekam 12 Kreuzer Löhnung. Welcher Rittergutsbesitzer durfte sich mit mir vergleichen! Ich hatte nun Überfluß, zumal da mein Hauptmann mich fortwährend mit Wohltaten überhäufte, und überhaupt mich behandelte wie einen Sohn. Da war keine Lustbarkeit in der Stadt, an der er mich nicht teilnehmen ließ. Ich führte, bei strenger Pflichterfüllung, ein höchst angenehmes Leben und war fröhlich und guter Dinge. Da traf mich plötzlich die Hand des Herrn, auf daß ich nicht übermütig würde. Wenn die Not aus ist, dann kommt der Tod, sagt das Sprichwort. Meine Mutter, die schon lange gekränkelt hatte, und auf meine Verwendung beim Polizeidirektor Gruber in ein Versorgungsspital war aufgenommen worden, meine arme Mutter, für die ich nun erst hätte besser sorgen können, starb, und ließ mich allein verwaist in der Welt zurück. Ich war tief gebeugt. Trostlos trat ich vor meinen Hauptmann und klagte ihm mein Elend. „Die Fahne ist jetzt deine Mutter“, erwiderte er mir in gutmütigem, aber militärischen Tone. - Dieses sollte mein Trost sein. Ich verstand das Wort gar nicht. Ich konnte in meinem Schmerz nicht begreifen, wie eine Stange mit einem Stück flatternder Seide meine Mutter sollte sein können. Besser als dieser soldatische Spruch heilte die Zeit mein Gemüt. Auch hatte ich Beschäftigung genug, die mich ganz in Anspruch nahm und mir nicht erlaubte, meinem Schmerz nachzuhängen. Ich hatte nebst dem Exerzieren, dem übrigen Dienst und den Wirtshausfreuden, noch viel nachzuholen. Ich war ein Unteroffizier, der nicht schreiben konnte. Dies mußte ich neu erlernen, denn aus der Schule hatte ich nichts behalten, als etwas Buchstabieren. Die Feder machte mir mehr heiß, als die Muskete, und ich fühlte tausendmal die ganze Wahrheit des Spruches, daß die Feder schwerer ist, als der Pflug.

So lange noch die Reserve allein war, und Leutnant Eder den Unteroffizieren die Befehle diktierte, ging mirʼs leidlich, denn es mochte noch so schlecht gekritzelt sein, niemand kümmerte sich viel darum. Aber das Regiment sollte bald aus Preußen wieder in Landshut einrücken, und davor zitterte ich, weil meine Unwissenheit dann vor den anderen aus dem Felde zurückgekommenen Unteroffizieren an das Tageslicht kommen mußte. Diese Zeit war näher als ich dachte.

Eines Tages ließ mich mein Hauptmann Graf Kreuth rufen und sagte, mir, die Königin (jetzt verwitwete Königin Karoline) habe für das rückkehrende Regiment zwei Fahnenbänder eigenhändig gestickt und in einem Schreiben befohlen, daß man selbe dem Regiment entgegenschicke. „Ich habe“, fuhr der Hauptmann fort, „dir, Korporal Schrafel, diese Auszeichnung zugedacht. Ich übergebe dir die Fahnenbänder und ein Schreiben an den Obersten Baron Metzen, dem du beides übergeben wirst. Das Regiment ist nur noch fünf Stunden von Landshut, zu Pfeffenhausen. Geh und mache deine Sache gut.“ Man stelle sich vor, wie mich diese hohe Auszeichnung erfreute. Sie milderte die Angst, die ich vor dem Regiment hatte. Ich wurde auf meines Hauptmanns Kosten neu ausstaffiert und nebst einem Soldaten in einer Kutsche nach Pfeffenhausen gefahren, wo ich mich meines Auftrags beim Obersten mit möglichster Würde entledigte, worauf ich schnell wieder zurückfuhr, denn trotz der Auszeichnung, die ich genossen, war mirʼs unter den Unteroffizieren des Regiments nicht ganz hehaglich. Sie sahen mit einer Art von Geringschätzung auf den Kameraden herab, der noch kein Pulver gerochen hatte. Als aber das Regiment in Landshut eingerückt war, begann meine Not erst recht. Ich sollte, gleich den übrigen Unteroffizieren, die Expedition flink niederschreiben, und ich mußte mich fast bei jedem Wort auf die Buchstaben besinnen. Zudem verstand ich die lateinischen Ausdrücke nicht, deren man sich damals noch häufig beim Diktieren bediente; z. B. ab initio, claudatur, semicolon, duo puncta etc. Einst sollte ich bei der Parade eine Expedition, die der Regimentsadjutant Leutnant Ott diktierte, nachschreiben. Nach dem ersten Satze sagte er: ab initio! (Vom Anfange!) Ich dachte, das gehöre mit zur Expedition, und fing an, diese lateinischen Worte mit Müh und Not hinzumalen. Während ich aber mir den Kopf zerbrach, wie ich sie schreiben sollte, diktierte der Adjutant die weiteren Befehle von denen ich keine Silber vernahm, da ich mit dem „ab initio“ nicht zustande kommen konnte. Meine Kameraden, die hinter mir standen, bemerkten das und lachten. Der Adjutant, der nicht begreifen konnte, worüber gelacht wurde, fuhr sie zürnend an und drohte mit Arrest. Als ich darauf das Geschriebene laut ablesen sollte, kam ich mit Zittern und Beben nur bis zu dem verhängnisvollen „ab initio.“ Nun warʼs am Tage; der Adjutant schalt nicht wenig, daß man mich zum Korporal habe machen können. Als ob ein Korporal verpflichtet wäre, Latein zu verstehen! Ich verdoppelte in der Folge meinen Fleiß und brachte es endlich dahin, wenn auch nicht zierlich und gewandt, doch leidlich zu schreiben. Ich verdanke dies dem Kasernenverwalter Dollmann, der, auf meines Hauptmanns Ersuchen, mich selbst unterrichtete. Aber auch angenehmere Stunden, als die des Exerzierens und Schreibens, beschäftigten um diese Zeit meinen Geist. Abends, nach dem Befehl, wenn ich des Tages Last und Hitze getragen hatte, pflegte ich zur Erholung beinahe täglich in das Brauhaus des Vaters meines vormaligen Herrn zu kommen, und bei einem Glase Bier die Zeit bis zum Zapfenstreich mit alten Bekannten zu verplaudern. Hier sah ich oft Walburga, aber, wie sonst, nur mit feindseligen Augen. Sie galt in ganz Landshut für ein hübsches Mädchen, sowohl an Gesicht, als an Gestalt. In ihrer altbayerischen Tracht, im Schnürleib mit silberner Kette, die Riegelhaube im blonden Haar sah sie auch wirklich hübsch aus. Die eleganten Herren besuchten das Brauhaus, nur um sie zu sehen. Ich war froh, wenn ich ihr ausweichen konnte. Eines Abends, als ich eben nach Hause gehen wollte, stand Walburga in der Haustüre. Ich war im Begriff, an ihr vorüberzugehen, da sprach sie mit schüchterner Stimme: „Guten Abend, Herr Korporal.“ Und indem sie mir etwas in Papier Eingewickeltes zustecken wollte, fuhr sie fort: