Meine verlorene Hälfte Lisabeth - Benno Jud - E-Book

Meine verlorene Hälfte Lisabeth E-Book

Benno Jud

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Beschreibung

Berührend beschreibt Benno das Schicksal seiner Familie. Er muss sich bereits mit acht Jahren mit der Ermordung seiner Zwillingsschwester Lisabeth auseinandersetzen. Die idyllische Kindheit auf dem kleinen Bergbauernhof wird auf einen Schlag zerstört. Der Junge erzählt, wie er mit der Trauer, den Ängsten und der Sehnsucht umgeht. Die Familie und sein treuer Appenzeller Hund Prinz, begleiten ihn auf dem Weg, zurück in ein normales Leben. Herzergreifend, tragisch! Eine wahre Lebens- und Zeitgeschichte einer Familie in einem Dorf, welches überall sein könnte. Worte die voller Kraft dastehen. Ein Buch, das nicht mehr loslässt.

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2023

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© 2022 Benno Jud

ISBN Softcover:     978-3-347-70956-0

ISBN Hardcover:   978-3-347-70957-7

ISBN E-Book:         978-3-347-70960-7

ISBN Großschrift: 978-3-347-70961-4

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Für mein Mami, meinen Dädi, meine Schwestern Monika und Patricia

und besonders für dich

MEINE VERLORENE HÄLFTE LISABEtH

[email protected]

Cover Illustration © Benno Jud

Vorwort

Ein Freund hat mich ermutigt, den Schmerz und meine Gefühle niederzuschreiben. Zu Beginn schrieb ich mir alles in ungeübter Alltagssprache von der Seele.

Parallel durfte ich meine Traumas aus der Kindheit verarbeiten.

In einer zweiten Phase begleitete mich Thea Mauchle. Sie ist eine ehemalige Oberstufen Lehrerin, wir haben uns nie aus den Augen verloren. Wir diskutierten und besprachen meine ganze Lebensgeschichte in unzähligen Stunden. Als Autor meiner eigenen Lebensgeschichte war es mir ein wichtiges Anliegen, meine Erlebnisse selbst niederzuschreiben. Thea korrigierte mein Manuskript grammatikalisch und lektorierte es, wie sie es ausdrückt, »zurückhaltend«.

So entstand dieses Buch in meiner eigenen Sprache.

Ich wusste, dass der Ursprung der Krise tief verschüttet in meiner Kindheit lag und dass ich meine Vergangenheit nun wie ein Archäologe schichtweise abtragen musste, um zu jenen schrecklichen Erlebnissen im Alter zwischen acht und zwölf Jahren vorzudringen. Vergessen waren sie nie, aber ich hatte früh gelernt, darüber zu schweigen und möglichst unauffällig zu funktionieren.

Wie kann ein achtjähriger Bub so etwas verkraften und sich davon unbehelligt weiter entwickeln? Zur Schule gehen und in erster Linie darauf bedacht sein, die Eltern nicht zu belasten, schwierige Dinge nicht anzusprechen, jeden Tag so zu tun, als sei alles in bester Ordnung?

Der Zyklus des Lebens durch Höhen und Tiefen mit hellen und dunklen Tagen begleitet jeden Menschen. Doch hätte man zu jener Zeit das heutige Verständnis gehabt, wäre man den Kindern und den Eltern damals bestimmt professionell beigestanden.

Gezeichnet im Alter von 10 Jahren

Die kleinste WGder Welt - 1968 - 69

Wir entstehen aus Liebe in einer leidenschaftlichen Augustnacht. Wochen darauf spürt Mami ihre dritte Schwangerschaft. Dauernd ist ihr übel, ein Zustand, der ihr nicht unbekannt ist, denn erst vor wenigen Wochen ist Baby Patricia geboren. Als wir gerade mal einen Millimeter gross sind, beginnen unsere Herzen zu schlagen. Ab dem vierten Monat turnen wir im Bauch herum, tasten, boxen und strampeln. Eines Abends, als Mami mit Dädi auf dem Sofa gemütlich einen Film schaut, legen beide ihre Hände auf den wachsenden Bauch und fühlen erstmals mehrere an die Bauchdecke gestemmte Arme und Beine. Das lässt vermuten, dass es sich um mehr als ein Kind handelt. Bei einer weiteren Untersuchung im sechsten Monat bestätigt der Frauenarzt, dass er zwei Herzen pulsieren höre. Doch es bleibt bis zur Geburt eine Überraschung, welches Geschlecht wir haben. Zu dieser Zeit wiegen wir je dreihundertfünfzig Gramm.

Der schneereiche Winter wird endlich vom Frühling verdrängt und die Natur erblüht von neuem in ihrer ganzen Pracht. Hochschwanger führt Mami den Haushalt, kümmert sich um die Kinder und hilft noch dazu Grossvater beim Heuen, während das Baby und das Kleinkind auf einer Wolldecke im Laufgitter im Schatten liegen. Dädi ist tagelang geschäftlich unterwegs. Schon einige Monate sind wir Zwillinge nebeneinander am Gedeihen und spüren, dass wir nicht alleine sind. Es scheint mir, dass Mami eine glückliche Frau ist, denn sie lacht herzlich, wenn wir sie boxen. Drei Wochen vor dem offiziellen Geburtstermin, an einem Maiabend während dem Abwaschen des Geschirrs, verliert Mami das Fruchtwasser. Die Hebamme, die ihr schon bei früheren Geburten zur Seite gestanden war, ist eingetroffen und kümmert sich nun um die Hochschwangere. Mami wird bequem ins Ehebett gebettet und auf die Geburt vorbereitet. Die Morgendämmerung schreitet voran, begleitet von fröhlichem Vogelgezwitscher, hingegen gibt es keinen Fortschritt bei der Geburt. Wir sind durch die Schwerkraft immer weiter in den Geburtskanal gerutscht und haben nicht mehr das Gefühl, schwerelos zu sein. Ich höre besorgte Stimmen, aber auch den immer rasanteren Puls von Mami. Die Nervosität macht sich nun auch bei der Hebamme bemerkbar, denn wir Babys machen keine Anstalten, freiwillig auf die Welt zu kommen. Mami verliert stetig Blut und fühlt sich immer schwächer. Endlich fragt die Hebamme bei einem Arzt im Spital nach, der sie drängt, die Gebärende umgehend nach Uznach zu bringen. Der Oberarzt hat sie am Telefon zu Recht gerügt, da sie die Zwillingsgeburt alleine auf dem Berg durchführen wollte. Mit hundert Sachen rast Dädi durch die ländliche Gegend und elf Minuten später werden sie bereits im Spital erwartet. Die Hebamme muss draussen bleiben. Schnellen Schrittes geht es in den OP. Dädi bekommt einen weissen Kittel und setzt sich aufgeregt ans Bett, hält beruhigend die Hand seiner Frau und vertraut darauf, dass alles gut wird. Nun wird sie von drei kompetenten Ärzten, einer anderen Hebamme und zwei Pflegerinnen gleichzeitig betreut. Für die sofortige Geburtseinleitung spritzt man Medikamente, denn für einen Kaiserschnitt ist es bereits zu spät. Mami wird aufgefordert, zu atmen und stark zu pressen.

Acht Uhr fünfundvierzig — am hundertzweiunddreissigsten Morgen des Jahres - ist es soweit, meine Schwester wird geboren und begrüsst die Eltern mit schrillem Babygeschrei. »Ein gesundes Meitli!« Doch die Ärzte sind besorgt, denn das zweite Baby hat sich nicht gedreht, ich liege in Beckenlage. Es geht nun um Leben oder meinen frühzeitigen Tod. »Pressen Sie, Frau Jud, pressen Sie nun ein letztes Mal fest, helfen Sie Ihrem Kind, auf die Welt zu kommen!« Durch Kampfgeschrei mobilisiert Mami ihre letzten Kräfte und folgt dem Aufruf.

Acht Uhr fünfzig — Zuerst umfasst der Arzt meinen linken Fuss, dann erwischt er auch den anderen. Mit grösstmöglicher Kraft zieht er an meinen Beinen. Mein Becken zeigt sich, auch der Bauch und nach einem Rutsch der ganze Körper. Durch den starken Sog spritzt ein Schwall Blut auf meine weiss bekittelten Lebensretter. Mein Gesicht ist blau, die Augen geschlossen und die Nabelschnur eng um den Hals gewickelt. Doch auch ich überlebe die Strapazen. Die Erschöpfung ist Mami anzusehen, doch sie hält uns zum allerersten Mal überglücklich in ihren Armen. Viele Monate haben unsere Eltern sehnsüchtig auf uns gewartet und erfahren nun, dass wir zweieiige Zwillinge sind. Beide sind vor Glück am Weinen, denn jetzt haben sie drei wunderschöne Mädchen und einen Stammhalter. Dädi wünscht sich eine Elisabeth wie seine Frau und mein Mami einen Gottfried, doch Dädi ist damit nicht glücklich. Jeder erstgeborene Junge hiess seit Jahrhunderten Gottfried, nun möchte er mit dieser Tradition brechen. Eine Pflegerin überreicht Mami ein Buch, in dem sie aufgeregt blättert und mit dem Finger rein zufällig auf einen Namen tippt.

Die Zwillinge:

Elisabeth Jud, 2780 g — Benno Jud, 2680 g 1969

Kindergarten - 1976

Mami mahnt uns mit dem Zeigefinger: »Ihr nehmt den direkten Weg und lasst euch nicht ablenken, damit ihr pünktlich ankommt.« Wir winken ihr ein letztes Mal zu, bevor sie das Stubenfenster schliesst. Über eine Stunde schlendern wir warm eingepackt und mit den Leuchtbändeln um die Brust stolz auf dem Weg in den Kindergarten. Ausser uns wird kein anderes Kind der Bergfamilien schon vor der Einschulung hinunter ins Dorf geschickt. Beim Schulhaus sehen wir durch die Fenster, wie die Erstklässler interessiert im Unterricht sitzen. Unser Ziel befindet sich ein Dorf weiter, in Rufi. Die kurzen Beine erlauben es uns nicht, schneller zu gehen auf dem abenteuerlichen Weg dem Bach entlang am verrosteten Bagger vorbei. Mitte Februar gefriert das Tauwasser, das sich tagsüber gebildet hat, und es knirscht unter unseren Füssen, wenn wir hochspringen. Hand in Hand erblicken wir in der Ferne das »Spielhaus«. Anfangs sitzen alle Kinder im Kreis auf kleinen Stühlen mit genähten Kissen und erzählen vom Wochenende. Danach lässt uns Frau Egli an den Sonnenblumen weiter malen. Mit den Fingern tauchen wir tief in die leuchtenden Farben ein, von denen jede einen anderen Geruch hat. Erst am Nachmittag machen wir uns wieder gemeinsam auf den langen Heimweg. In meinem Täschchen befindet sich ein Brief an unsere Eltern. Mutter verkündet: »Benno, du darfst im Frühling die erste Klasse besuchen!« Aber Lisabeth muss den einstündigen Weg hin und am Nachmittag wieder zurück jetzt also ganz alleine gehen?« Aber wir sind doch erst sechs Jahre alt! Noch nie habe ich so viele Tränen über Lisabeths Wangen strömen sehen.

Ein Jahr später - 1977

Immer mal wieder ist es Mami wichtig, dass wir dieselben Kleider tragen. Deshalb sind heute der gelb-braun gestreifte Pullover, eine braune Hose und die passenden Schuhe an der Reihe. Wir haben beide braun-blonde Haare, sie grüne und ich blaue Augen. Wir feiern am heutigen Donnerstag unseren achten Geburtstag. Lisabeth und ich stehen uns sehr nahe, ob beim Spielen, Lachen oder Streiten. Wir halten uns an den Händen und küssen uns immer wieder. Zwei einzelne Menschen, doch erst zusammen fühlen wir uns Eins. Schliesslich haben wir schon monatelang vor unserer Geburt zusammengelebt und kennen uns sprichwörtlich in- und auswendig. Auch ärgern wir uns über des anderen Charakterzüge und merken, dass wir die gleichen haben. Durch das unsichtbare Band sind wir miteinander verbunden und spüren schnell, wie es dem anderen geht. Ich sorge mich um Lisabeth und beschütze sie, wann immer sie mich braucht. Ein bisschen verschieden sind wir trotzdem, sie ist eher die Ruhige und ich der andere. Wir haben noch zwei grössere Geschwister: Patricia, die nur elf Monate länger auf der Welt ist, was uns beim Spielen sehr entgegenkommt. Und Monika, die dreieinhalb Jahre Vorsprung hat und uns jeden Tag aufs Neue zeigt, dass wir Kleinen nicht zu ihr passen, weil sie ja so viel grösser und reifer ist.

Mami ist für mich die Schönste. Mit ihren blonden, langen Haaren scheint sie um Jahrzehnte moderner zu sein, als die meisten Landfrauen im Dorf. Unser Dädi ist ein aufgeschlossener, freundlicher Mann, den die Leute auf Anhieb mögen. Mit seiner optimistischen Art gewinnt er schnell Vertrauen. Mami wird von ihm vergöttert und zu uns Kindern ist er ein guter Vater. Auch der Dädi unseres Vaters lebt im gleichen Haushalt, was ich sehr schätze, da Grossvater immer für uns da ist. Vor einem Jahr haben die beiden damit begonnen, das Haus zu renovieren. Ein neues Badezimmer und ein neuer Vorraum vor dem Eingang der Küche werden erstellt, um zu verhindern, dass die Kälte ungehindert in die Küche strömen kann. Aus dem alten Giebeldach-Estrich im dritten Stock wird für Patricia und Monika ein helles Kinderzimmer mit einem grossen Schreibpult gezimmert. Lisabeth hat mich vor einer Woche verlassen. Sie schläft nun im zweiten Stock in einem farbigen Zimmer mit modernen Einbauschränken und Balkonaussicht auf den Zürichsee. Auf der gleichen Etage befindet sich das riesige Eltern-Schlafzimmer und Dädis Büro. In Grossvaters Zimmer fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt, sogar die Tapeten sind nostalgisch. An den Wänden hängen Fotos von Menschen aus jener Zeit, die während den Aufnahmen immer sehr ernst dreinschauen mussten. Ich, der Jüngste in der Familie, benütze im Erdgeschoss eine Hälfte des alten Bügelzimmers, in dem es nach Dampf und mit Lavendel gewaschener Wäsche riecht. Das Zimmer soll irgendwann als Erweiterung der Stube dienen. Ich schlafe direkt neben der Stube mit dem neuen Farbfernseher. Wenn es im Haus ruhig wird, kommt meine Lieblingskatze Tigi durchs Fenster hinein. Ich liebe ihren Duft nach Heu und wir kuscheln zusammen. Mein Job ist es, jeden Tag für Nachschub von Brennholz zu sorgen. Mit grossem Tempo stosse ich die grosse Kiste auf Rädern gefüllt mit Holz für die neue Zentralheizung um die Kurve bis in die Küche. Mein Appenzeller Sennenhund Prinz ist neun Monate alt geworden und passt auf den ganzen Hof auf. Da ich keine Gleichaltrigen in der Nähe habe, ist er mein bester Freund geworden. Wir spielen zusammen und er macht jeden Blödsinn mit. Sein Schlafplatz ist beim Feuerholz und wenn es kalt ist, dürfen sich die Katzen an seinen warmen Bauch legen. Prinz kennt jede der vierzehn Katzen und akzeptiert nur diejenigen, die auf dem Hof leben. Alle anderen werden erbarmungslos verjagt.

Wir leben auf dem Bauernhof »Bergli«, 700 Meter über Meer, von dem es auf allen Seiten entweder hinauf oder hinunter geht. Rundherum stehen Bäume, die zusammen einen dichten Wald bilden und die Grenze zum nächsten Nachbarn markieren. Da eine rentable Landwirtschaft unmöglich ist, hat sich Vater für das Verpachten entschieden. Ein Bauer nutzt die Wiese für Gras und Heu, ein weiterer für eine Herde Schafe und der auswärtige Pächter für Rinder und einen Esel. Unsere Familie wohnt seit vielen Generationen in diesem Holzhaus, an dem ein Stall angebaut wurde oder vielleicht auch umgekehrt. Die nächsten Nachbarn wohnen ein paar hundert Meter entfernt. Eine private Naturstrasse von einem Kilometer Länge bringt uns bis zur Bergstrasse, die ins Dorf Kaltbrunn im Kanton St. Gallen hinunter führt. In die Dorfschule müssen wir allerdings in die andere Richtung nach Maseltrangen, eine Streusiedlung, die zur Gemeinde Schänis gehört, ist ein Bauernkaff mit 320 Einwohnern.

Wir müssen jetzt in die Schule, doch am Abend haben wir Zeit, den Geburtstag zu feiern. Für den Weg benötigen wir mit zügigem Schritt eine halbe Stunde. Monika und Patricia sind schon losgelaufen. Nach Mamis Küssen und festen Umarmungen machen auch wir Zwillinge uns auf den Weg. Nach ein paar Minuten kommen wir am Stall mit den Rindern und dem Esel vorbei. Es mieft nach frischer Alpenpizza. Die Tiere benehmen sich wild, rennen uns nach und wir noch schneller davon. Wir winken der Nachbarin Erika, die gerade am Wäsche aufhängen ist, laufen in den Wald hinein, der vor allem aus Buchen besteht. Der steinige Weg ist rutschig und der letzte Teil viel dunkler, bis die Bäume weniger dicht stehen und das Sonnenlicht endlich alles ausleuchtet. Wir tappen noch wenige hundert Meter dem Bach entlang, der mehrmals über kleine Staumauern plätschert. Dann folgen die Hagebutten-Sträucher, deren rote Beeren wir manchmal zerreiben und einander den Rücken hinunterlassen. Wir hüpfen über die schmale Bachbrücke, bis die ersten Häuser vor uns liegen. Nur noch an der Kirche vorbei und dem Gelächter nach auf den Schulhof. In meinem letzten Schulzeugnis steht: Benno, der Klassenclown, aufgeweckter, interessierter Schüler. Ich habe es gern lustig. Da Lisabeth eher die Ruhige ist, fordere ich sie oft heraus, das ärgert sie zwar, doch meistens ist sie mir dankbar dafür. Kaum beim Schulhaus angekommen, trennen wir uns. Lisabeth begrüsst ihre Freundinnen und ich meine Kumpel. Natürlich hat Frau Heeb unseren Geburtstag nicht vergessen. Wir dürfen uns in der Pause mit Kuchen und Himbeersirup feiern lassen. Singen, Schreiben, Rechnen, und schon ist es wieder Mittag. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Unter fröhlichem Geschrei verlassen alle das Schulareal. Die Schüler, die im Dorf wohnen, rennen nach Hause. Unter ihnen ist auch Martin, den ich beneide, weil er nur fünfzig Meter von der Schule entfernt wohnt. Wir Bergler, deren Heimweg zu lange ist, essen im Restaurant Frohsinn in der Schulküche. Um diese Zeit brausen unzählige Autos an uns vorbei. Vorsichtig überqueren wir die Hauptstrasse und springen die Treppe hoch, vorbei an der gefüllten Gaststube in den Saal hinein. Wir folgen dem Duft aus der Küche, wo Theres sich wie immer eine weisse Schürze um die Hüfte gebunden hat und ganz in ihrem Element ist. Es dampft aus allen Töpfen und auf dem Grill brutzelt Fleisch. Dieser Geruch verteilt sich im ganzen Haus und ich bekomme einen Riesenhunger.

Nach dem Essen bleibt genügend Zeit für Streiche und Spiele. Zu fünft ziehen wir zum kanalisierten Dorfbach, der so wenig Wasser führt, dass wir darin barfuss stromaufwärts waten können. Auf der linken Seite befindet sich die alte Sägerei. Obwohl es verboten ist, finden wir immer wieder einen Weg hinein, um während der Mittagspause herumzustöbern oder Verstecken zu spielen. Aber heute ist nicht die Sägerei unser Ziel, sondern das neu verlegte Abfluss-Rohr, das zur Kläranlage führen wird. Es ist unverschlossen und wir passen gerade noch hinein. Helen hat die Aufgabe, hundert Meter weiter oben den Deckel aus Hartplastik für uns zu öffnen. Sie gibt uns ein Finger-Hoch-Zeichen und Hubert getraut sich mutig als Erster hinein. Ein Kind nach dem anderen wird im engen Betonrohr von der Dunkelheit verschluckt. Hubert und ich erschrecken die Mädchen mit lautstarkem Uhu-, Wolfs- und Tarzan-Geheul. Die einen mehr, die anderen weniger eingeschüchtert kriechen wir dann schweigend auf schmerzenden Knien dem Nichts entgegen, nur noch das scheuernde Geräusch der Hosen ist zu hören. Es wird immer kühler und jeder hofft, dass es nicht mehr lange dauern möge. Endlich! Hubert ist angelangt und erklimmt hurtig die Leiter zum Tageslicht hinauf. Nun bin ich der nächste, der die kalten Metall-Sprossen besteigt. Aus der Dunkelheit taucht Lisabeths ängstliches Gesicht auf und ich strecke ihr meine sie erlösende Hand entgegen. Bald sind alle draussen, etwas schmutzig, aber stolz, ein Abenteuer erlebt zu haben. Jetzt wird es aber Zeit, denn gleich geht der Unterricht weiter. Unter Gelächter rennen wir zum Schulhaus, tauschen die Schuhe mit den Finken und huschen ins Klassenzimmer. Lisabeth rechts zuvorderst in der ersten, und ich ganz links am Fenster in der zweiten Klasse. Jederzeit haben wir uns im Blickfeld und wenn sie beim Schulstoff Hilfe benötigt, bin ich sofort zur Stelle. Ein ganzes Jahr lang war das nicht mehr möglich, da Lisabeth den Kindergarten wiederholen musste. Eigentlich müsste ich mich ungeschickt anstellen, damit ich die zweite Klasse wiederholen und wieder mit meiner Zwillingsschwester zusammen zur Schule gehen könnte. Dieses Schuljahr begehen wir den Schulweg nur zweimal pro Woche gemeinsam, da wir unterschiedliche Stundenpläne haben. Um zwanzig nach drei verlassen wir die Schule und überbrücken das Warten auf den Schulbus mit Ballspielen. Der neongrüne Gummiball prallt in alle Richtungen, deshalb ist es ausschliesslich ein Bewegungsspiel mit Hinterherrennen. Neben der Kirche befindet sich ein eingezäunter Swimmingpool, leider nur für Goldfische oder Forellen. Meistens achten wir darauf, dass der Ball nicht hineinfällt. Immer wieder fährt ein Auto durch, dann warnen wir uns gegenseitig und stellen uns kurz an den Strassenrand. Martin, mein Freund aus dem Dorf, ist schon über eine Stunde daheim. Manchmal darf ich zu ihm nach Hause, wo es mich sehr berührt, wie er sich um seine zerebral gelähmte Schwester Esther kümmert. Wie ein Erwachsener legt er gewaschene Stoffe zusammen, von denen sie täglich viele braucht. Endlich trifft der gelbe Schulbus ein. Er ist bereits gut gefüllt mit Schülern aus den anderen Schulhäusern. Auf der rechten Bankreihe sitzen die Mädchen, auf der linken die Knaben und die mittleren Sitze werden von den stärksten Typen eingenommen. Wir quetschen uns halt dort hinein, wo uns Platz gemacht wird. Die älteren Knaben haben eine grosse Klappe und teilen uns Kleineren gerne Kopfnüsse aus. Steil ansteigend überquert der Bus unzählige Male den Bach, fährt an Bauernhöfen vorbei und hält nur auf Verlangen. Weil die Strasse sehr schmal ist, hupt Fahrer Sepp vor jeder unübersichtlichen Kurve. Beim siebten Halt steigen wir Geschwister und die Nachbarn aus. Für Hubert und ein paar andere Schüler geht die Fahrt noch einige Minuten und viele Höhenmeter weiter. Beim Bauernhof trennen sich unsere Wege und Lisabeth verabschiedet sich von ihrer Freundin Helen. Kurz vor fünf sind wir endlich zu Hause. Freudig bellend begrüsst uns Prinz und Mami überschüttet uns mit unzähligen Küssen. Vor dem Nachtessen sind die Hausaufgaben zu erledigen. Endlich ist auch Dädi zu Hause und nimmt seinen Platz am runden Tisch mit dem rotgeblümten Plastiktischtuch ein. Jedesmal haben wir ein kleines Bankett mit vier Kindern, den Eltern und dem Grossvater. Heute gibt es unser gewünschtes Geburtstagsessen: Gulasch mit Karotten, dazu Kartoffelstock mit einer Menge Sauce und zum Dessert Biberfladen mit Schlagrahm, besteckt mit kleinen Kerzen zum Ausblasen. Indem uns die Tiere um die Beine streichen, zeigen sie, dass sie ebenfalls Hunger haben. In Sekundenschnelle verschlingt Prinz mit seinem grossen Maul unsere Essensreste. Die Katzen sind da geniesserischer und lassen sich mehr Zeit. Aufgeregt erhalten wir unsere Geschenke. Lisabeth bekommt eine neue Puppe, deren Kleider sie mit anderen kombinieren kann. In meinem Geschenkpapier verbirgt sich der Citroën 2CV in der Rallye-Version! Strassenschmutz liegt auf dem hellblau-grauen Lack sowie an den Fenstern und die Räder sind voller Matsch. Auf dem Dachträger sind eine Schaufel, Gepäck und ein Reserverad festgebunden. Zusätzliche Scheinwerfer, ein metallener Frontkotflügel und diverse Aufkleber von gefahrenen Rennen runden das sportliche Aussehen ab. Ich freue mich, damit zu spielen, doch zuerst muss ich bei Helens Vater frische Milch holen. Jeden dritten Tag benütze ich dafür einen Drei-Liter-Tupperware mit Deckel, der eklig riecht. Ich muss also nochmals durch den Wald hinauf zum Kuhstall. Sepp ist schon voll bei der Sache. Gesprochen wird nur das Nötigste wie es auf dem Berg üblich ist. Um die Hüfte den einbeinigen Melkstuhl gebunden, sitzt er seitlich an der Kuh und stützt seinen mit einem Stoff-Taschentuch bedeckten Kopf am Bauch des Tieres ab. Die Fliegen sind lästig, glücklicherweise haften die meisten an den Tieren und Sepp. Unablässig wehren sich die Kühe, peitschen sich selbst mit dem Schwanz, einmal links und einmal rechts. Mit den kräftigen Händen streicht und zieht er am Euter, bis sich der Kessel Spritzer um Spritzer füllt. Eigentlich könnte er mir meinen kleinen Milchkessel rasch füllen, doch es hat sich so eingespielt, dass ich zwanzig Minuten warte, bis sein Metallkessel endlich voll ist. Ich bedanke mich trotzdem und kehre schnellen Schrittes nach Hause zurück. Dort übergebe ich die Milch Mami, die sie sofort in den Kühlschrank stellt. Nun steigt der Rahm auf, den ich, verrührt mit drei Esslöffeln Ovomaltine, so sehr mag.

Mami und Dädi kommen jeden Abend an mein Bett, doch meistens vergeht eine Viertelstunde, bis ich an der Reihe bin, die Mädchen haben den Vorrang. Doch bis dahin gehört meine volle Aufmerksamkeit meinem Citroën. Auch mit acht ertönt ein »Brumm-Brumm«, wenn ich den Wagen über die Berge und Täler meiner Bettdecke schiebe. Heute gefühlt viel früher als sonst, höre ich meine Eltern kommen und stelle das Geschenk zu meinen anderen Autos. Ich bedanke mich nochmals mit einer Umarmung. »Schlaf gut und übrigens, am Samstag gibt es eine weitere Überraschung!« zwinkert mir Dädi zu, bevor er das Licht ausmacht und die Türe schliesst. Mit Lisabeths Zimmer bin ich telefonisch verbunden. Wir haben je ein rotes Telefongerät mit Hörer und Knöpfen von Null bis Neun. Ich drücke den Klingelknopf und sofort läutet es im oberen Stock. »Hast du gehört, es gibt eine weitere Überraschung für uns …« Oft erzählen wir uns am Telefon Witze, beklagen uns über dies und das oder hecken neue Abenteuer aus. »Gute Nacht Schwesterherz, alles Liebe zu unserem Geburtstag!« Normalerweise rufe ich mehrmals an, bis sie sich nervt, aber heute lasse ich es sein, denn ich bin müde. Nebenan wollen meine Eltern noch etwas fernsehen. Nach der Aufwärmphase entscheiden sie sich für den SRG-Sender. Ein wenig höre ich mit, schlafe aber schnell ein und träume von unserem schönen Geburtstag.

Die Schule ist aus, es ist Samstag und das Wetter ist gut. »Beeil dich Lisabeth, lass uns rennen!« Sobald wir zuhause sind, ziehen wir uns um, damit die Schulkleider länger schön bleiben. Danach wirbeln wir durch die Küche an den unerhört fein riechenden Würsten und der goldenen Rösti vorbei in den Garten hinaus. Auf dem Vorplatz steht ein blaues Velo mit einer roten Masche, mit Licht und sogar einem Gepäckträger, das vielleicht für uns gedacht ist. »Nach meinem Mittagsschlaf gehen wir üben!« verspricht Dädi. Im angenehmen Schatten des Nussbaums steht der schwere Betontisch, der während des Sommers mit einem hellgrünen Tischtuch bedeckt ist. Meine Schwestern helfen, die angerichteten Teller aus der Küche zu tragen, und wir Männer geniessen es, bereits am Tisch zu sitzen und über anstehende Arbeiten zu reden. Lisabeth und ich teilen uns die Olma-Bratwurst, die auch ohne Senf hervorragend schmeckt. Nach dem Essen gehen Patricia, Lisabeth und ich in den Wald. Im Kinderwagen, in dem wir Zwillinge zuletzt gelegen haben, transportieren wir meine Autos und diverse Puppen der Mädchen. Der pastellblaue Wagen, der an einen Cadillac erinnert, hat ein stabiles Metallgerüst mit weissem Sonnendach und Speichenräder mit Felgenabdeckungen aus Chromstahl. Die weiche Federung passt sich jedem Untergrund an. Für Patricia ist es die richtige Höhe zum Schieben, doch für uns Zwillinge noch nicht wirklich. Prinz ist wie immer dabei und begleitet uns auf Schritt und Tritt. Dies ist ein schöner Wald zum Spielen. Auf einer Seite ist zwar ein sieben Meter senkrechter Abhang, den wir meiden sollten. Doch auf der anderen Seite breitet sich eine Ebene aus, wo Felsen und hohe Laubbäume wie ein Labyrinth angeordnet sind. Überall spriessen dunkelgrüne Triebe von Buchenkeimlingen aus dem feuchten Waldboden, die wir so gerne essen. Plötzlich ruft Dädi vom Haus her in unsere Richtung: »Wo seid ihr?« Zügig laufen wir zurück, wo er mit einem stolzen Lächeln auf uns wartet. »Wer möchte zuerst?« Lisabeth ist schneller beim Velo als ich antworten kann. Der Sattel ist schon am tiefsten Punkt eingestellt, doch ihre Beine erreichen nur ganz knapp die Pedale. Vater erklärt uns alles sehr geduldig, Punkt für Punkt und nochmals von vorne. Lisabeth klammert sich aus Angst vor einem Sturz verkrampft an den Lenker. Es scheint, als würde sie ihn aus Wut erwürgen wollen. Gleichzeitig sollte sie in die Pedale treten, das Fahrrad in die gewünschte Richtung lenken und dazu noch Begeisterung zeigen? »Ich will nicht mehr, halte an Dädi, hör auf mich zu schieben, ich möchte nicht mehr!« Ich bin mir sicher, dass ich das besser kann. Mit erhobenem Haupt steige ich auf und setze mich auf den Sattel, merke jedoch schnell, dass meine Beine nicht länger sind als die meiner Schwester. Jetzt bleibt mir nur noch der Versuch, den Lenker nicht ebenso zu würgen. Meine einzige Aufgabe ist es, auf der Strasse zu bleiben und nicht in die Wiese zu steuern. Mit der Zeit klappt es besser. Unbeholfen trete ich in die Pedale, rutsche auf dem Sattel mal nach links, mal nach rechts, um mit den Füssen die Pedale zu erreichen. Allmählich fühle ich mich sicherer und es macht mir etwas Spass. »Bravo, du fährst ganz allein!« tönt es begeistert hinter mir. Vater hat den Sattel losgelassen, doch mit jedem Tritt in die Pedale entferne ich mich weiter weg. »Dädi, wie geht das noch mal mit dem Bremsen, Dädi!!??«

Die erste Fahrstunde

Den Vorteil, immer einen Erwachsenen als Babysitter im Haus zu haben, nutzen meine Eltern gerne aus. Regelmässig geniessen sie es auch ohne uns und wir Kinder tun dasselbe, wenn sie ausgehen. Beide duften ganz besonders, Mami nach edlem Parfum und Vater nach dem Aftershave Moschus aus dem Denner. Im Restaurant Speer ist Tanzabend, sie verbringen Zeit mit Erika und Sepp, den Nachbarn von unterhalb. Um das Gefühl der Freiheit zu erleben, probieren wir auch Verbotenes aus. Grossvater verabschiedet sich wie üblich nach der Tagesschau. »Seid brav und geht auch bald zu Bett, gute Nacht Kinder.« Als erstes drehe ich den Fernseher wieder auf Zimmerlautstärke zurück. Jedes macht sich in der Küche selbst einen Drink, den wir vor dem Fernseher geniessen wollen. Meiner besteht aus eiskalter Milch mit einem Schuss Erdbeer-Sirup. Prinz und einige Katzen haben heute auch »Ausgang«, nämlich zu uns in die Stube. Die schnurrenden Katzen finden schnell einen lauschigen Liegeplatz und Prinz gibt uns ein Gefühl der Sicherheit, wenn wir zu später Stunde Sendungen schauen, die nicht für Kinder gedacht sind. Doch zuerst läuft auf dem Tessiner-Kanal »Scacciapensieri«. Sie fängt mit einer Tierfigur an, die zuerst leise und dann immer lauter lacht, bis wir alle von ihr angesteckt werden. Monika mahnt uns leiser zu sein. Doch wir können nicht aufhören und kichern umso heftiger. Wir wissen, dass Monika sehr streng ist, und wollen uns wenigstens ein bisschen zusammenreissen. Doch wenn Patricia ihr Lachen nicht mehr zurückhalten kann, löst das eine Kettenreaktion aus. »Raus! Alle hinaus vor die Türe, bis ihr euch beruhigt habt, erst dann dürft ihr wieder herein kommen!« kreischt unsere »Gouvernante«. Auch Prinz folgt uns in den Gang hinaus. »Ich will auch!« »Ich auch!« Der Reihe nach gucken wir durch das Schlüsselloch und sehen lustige Zeichentrickfilme wie »Herr Rossi« oder »Speedy Gonzales« mit dem Drink in der Hand und lachen herzhaft weiter.

Am nächsten Morgen begleite ich Lisabeth mit einer Brotscheibe in der Hand zu Helen. Bis sich die wärmenden Strahlen der Sonne auf dem Bergli über den hohen Bäumen zeigen, wird es halb elf Uhr sein. Prinz muss zu Hause bleiben, weil Helen auch einen Hund hat und sich die beiden gegenseitig zu sehr aufregen. Wir haben reichlich Zeit, denn Mami und Dädi schlafen aus und wissen nicht, dass wir ausgeflogen sind. Mami wird bestimmt bei den Nachbarn anrufen, wie sie es immer tut, wenn sie uns vermisst. Hier auf dem Land trägt jeder Stiefel, weil es draussen immer schmutzig ist. Helen trägt grüne und wir blaue. Zuerst besuchen wir den Hühnerstall hinter dem Haus. Fast jeden Tag legt ein Huhn ein Ei. Sie gackern unermüdlich vor sich hin und es scheint, als ob sie sich über uns lustig machten. Mit geschlossenen Augen zähle ich bis dreissig, währenddem die Mädchen versuchen, sich zu verstecken. »Ich komme!« Wir wechseln uns ab und es macht uns allen viel Spass.

Die innere Uhr, aber besonders das Hungergefühl sagen uns, wann es Zeit ist, nach Hause zu gehen.

Lisabeth spielt mit Prinz 11. Juni 1977

Juni - 1977

An einem ausgesprochen schönen Sonntag geht es auf die Bogmen, wo dieses Jahr der erste Gottesdienst im Freien stattfindet. Dädis beiger Rucksack aus dem Militärdienst ist mit Wasser, Brot, Käse und Cervelats gepackt. Auf der Autofahrt bis zur Bergstrasse hinauf zum Wengi-Parkplatz reden wir über das Klettererlebnis vom letzten Herbst. Monika, Patricia und ich durften zusammen mit Vater auf den Speer. Mami blieb mit Lisabeth zu Hause, da die Wanderung streng ist. Für mich war es der erste Aufstieg an einem Felsen. Der Speer ist der höchste Nagelfluh-Gipfel Europas. Mehrere Stunden dauerte die Wanderung von der Wengi über die Rossalp bis zum Speer mit der prächtigen Aussicht auf die Umgebung von Maseltrangen. Monika und ich rannten wie junge Hunde voraus, fanden Bergblumen und Alpenrosen und liefen immer wieder zurück zu Vater und Patricia, bis wir fast die doppelte Strecke zurückgelegt hatten. Als wir an der Kletterwand ankamen, folgten wir den Fussstapfen des Vaters und merkten sofort, dass wir Unerfahrenen weder trittsicher noch schwindelfrei waren. Meine Beine zitterten bei jedem Tritt, beim Hinunterschauen wurde mir schwindlig und ich klammerte mich fest ans Seil. Unsicherheit und Angst waren uns ins Gesicht geschrieben. Wir hingen mitten im Felsen und wussten nicht mehr weiter. Dädi überlegte sich eine Lösung und befahl uns: »Einer nach dem andern!« Damit wollte er uns Sicherheit geben. Monika war bereits oben, Patricia kam als Nächste an die Reihe und wieder brauchte Vater fünfundzwanzig Minuten, bis er zurückkehrte. Beim Warten befolgte ich seinen Tipp und schaute fast nie nach unten. Eigentlich spürte ich schon längst meine volle Blase, doch auf dieser Höhe hatte es keine Büsche mehr und ich konnte das Seil auf keinen Fall loslassen. Mehrmals wurde ich von fremden Kletterern gefragt, weshalb ich als kleiner Bub denn so alleine in der Wand hänge. »Ich warte auf meinen Vater, er holt mich gleich ab!« Kopfschüttelnd kletterten sie an mir vorbei. Ich sah mich gelangweilt um und entdeckte einen grünlich glitzernden Stein, der bestimmt darauf wartete, von mir eingepackt zu werden. Ich nahm allen Mut zusammen, löste eine Hand vom Seil, ergriff ihn und ohne nähere Betrachtung verschwand er direkt in meiner Hosentasche. Verkrampft hielt ich mich bereits seit einer Stunde an der Wand fest. Meine Hände fühlten sich kalt an und rochen durch den Angstschweiss nach Eisen. Endlich sah ich Dädi herunterklettern, um mich als Letzten abzuholen. Doch wusste ich in diesem Moment nicht, ob ich mich entspannen oder mich noch mehr fürchten sollte. Dädi sprach mir Mut zu und führte mich mit ruhiger Stimme und klaren Anweisungen, immer einen Schritt hinter mir stehend, auf den Speer hinauf. Ich war so erleichtert und spürte einen noch nie da gewesenen Stolz. Weil die Sitzbank bereits besetzt war, blieb mir nur der Boden vor dem grossen Kreuz, wo ich dem Jesus in die Augen blickte, um nirgendwo mehr in die Tiefe schauen zu müssen. Kaum sass ich entspannt da, erinnerte mich ein starker Drang daran, meine Blase endlich zu leeren. Überall tummelten sich Leute, die entweder assen oder die grandiose Aussicht genossen, und ich mittendrin, der dringend »musste«. Als ich Vater verzweifelt um Rat fragte, meinte er: »Einfach hinunter!« Kaum erhob ich mich, fingen meine Beine wieder an zu zitterten. Das peinliche Gefühl, sich vor allen blosszustellen, wurde rasch von wohltuender Erleichterung abgelöst. »Wer wagt es, mir auf den Kopf zu schiffen?« tönte es auf einmal von unten. Wo ich doch endlich durfte, konnte ich den Vorgang auf keinen Fall beenden, einzig die Richtung des Strahls korrigierte ich leicht. Kurz darauf kam ein aufgebrachter, älterer Mann hoch, der sich lautstark beschwerte, während er sich mit seinem Taschentuch den haarlosen Kopf trockenrieb. Beschämt beobachtete ich die Situation versteckt hinter meinem Vater. Ein wenig Verständnis zeigte der Geschädigte erst, als er erfuhr, dass es ein kleiner Junge gewesen war. Endlich konnte ich mich von den Strapazen erholen und bewunderte meinen neuen Stein. Beim Essen und Trinken lachten wir alle darüber und genossen den Augenblick auf 1951 Höhenmetern.

Die Abenteuer-Erzählung wird durch mütterliche Empörung unterbrochen: »Gottfried, das war unverantwortlich und viel zu gefährlich, ohne eine Steig-Ausrüstung mit unseren Kindern auf den Speer zu klettern!« Vater muss versprechen, so etwas nie wieder zu tun. Seit diesem Tag leiden Patricia und ich unter starker Höhenangst und wollen nie wieder an einer Felswand hängen. Erst als wir auf dem Parkplatz ankommen, hebt sich die Stimmung wieder und wir freuen uns auf den Gottesdienst im Freien.

Grossvater ist ein stattlicher und schlanker Mann, der Dädi um einige Zentimeter überragt, und ich frage mich, wessen Grösse ich dereinst erreichen werde. In der Schule gehöre ich immer zu den Kleinsten. Grossvaters Stirnglatze reicht weit nach hinten bis zu einem grau-weissen Haarkranz. Er hat wirklich lange Ohren, aus denen ihm schwarze Haare wachsen. Er trägt einen grauen Schnauz und rasiert sich sonst täglich. Ich sitze oft auf seinem Schoss und necke ihn, indem ich an beiden Backen ziehe. Seine Abwehr funktioniert bestens, da er mit seinen mindestens dritten Zähnen flink nach mir schnappt. Das löst bei mir einen berauschenden Nervenkitzel aus. Lautes Gelächter und das Bitten um »nochmals und nochmals« sind die Folge. An Wochentagen arbeitet er immer an irgend etwas. So ist seine Tagesstruktur vom Frühstück bis zum Abend gegeben, nur am Sonntag verwandelt er sich zum Senior mit Gehstock. Er und Dädi frönen dem gleichen Hobby, dem Holzen. Mit der roten Benzin-Motorsäge ist Grossvater der Zweimann-Blattsäge der Nachbarn weit voraus. Zusammen wird begutachtet, jedoch ist es Grossvater, der entscheidet, welcher Baum gefällt wird. Da sie sich gegenseitig respektieren, ergänzen sie sich meistens. Ist ein Baum freigegeben, zieht Vater stolz am Startseil. Mehrmals wiederholt er den Vorgang, bis der Motor anspringt. Es wird laut und riecht nach verbranntem Benzin. Für einen Moment hält er die Motorsäge wie eine Axt in die Höhe und gibt ein paar Mal Gas, damit die Kettensäge sich voll drehen kann. Ein letztes Mal wird es leiser, bis die Säge am Stamm liegt und Dädi ihn mit geübtem Griff ansägt. Der Benzingeruch mischt sich jetzt mit dem des Sägemehls, den ich so mag. Wenn der Baum am Punkt ist, an dem er sich nicht mehr halten kann, geschieht etwas Mystisches, fast so, wie wenn der Jäger den Abzug am Gewehr zurückzieht, um das Wild zu erlegen. Nun bleibt Dädi nur noch zuzuschauen, wie die Beute zu Boden geht. Die Motorsäge ist aus und wir sind in einem angemessenen Abstand nach links getreten, weil der Stamm mitsamt seinen Ästen sich zuerst wie in Zeitlupe, dann aber mit zunehmender Geschwindigkeit von der senkrechten in die waagrechte Position bewegt. Wir vernehmen das Rauschen der Blätter, die durch die Luft gerissen werden, und lautes Knacken, bis der stolze Buchenbaum wie eine erlegte Beute auf dem Boden liegen bleibt. Ein Moment der Stille kehrt ein und wir drei Generationen stehen andächtig daneben. Es dauert nicht lange, bis Grossvater und Dädi den Baum zersägt, gespalten und zerstückelt haben.