Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
"Meine vier Welten" ist eine inspirierende Geschichte, die jeder, der nach Wegen sucht, die Härten des Lebens zu bewältigen, lesen sollte. Sie erzählt über die menschlichen Erfahrungen im Alltag des Lebens, die für jeden von Bedeutung sind, überall und in verschiedenen Umständen. Sie handelt über das Leben eines jungen Mannes, der vom Schicksal schwer geprüft wurde, sogar bis zum Punkt der Resignation, als er plötzlich in dem frühen Alter von 23 Jahren völlig blind wurde. Aber der junge Mann gab nicht auf. Stattdessen kämpfte er tapfer, um die schlechteste von allen Chancen in seinem Leben zu bewältigen, indem er die Enttäuschung zu einem Segen werden ließ. Dieser junge Mann lädt sie ein, ihn auf seinen Reisen durch vier Welten seines Lebens zu begleiten, um zu erfahren, wie prächtig er den Herausforderungen in jenen Welten entgegentrat. In der Episode "Zauber der Kindheit" wird man in die Landschaft, die Bräuche und die Traditionen seines Herkunftslandes eingeführt. In "Gestohlene Zeit" bekommt man Einsicht in die sklavischen Bedingungen und Härten, die er zu ertragen hatte. In "Aufholen mit Ehrgeiz" erfährt man, wie er jene Möglichkeiten fand, die ihm bislang vorenthalten waren, sie ergriff und das Beste aus ihnen machte, bis zum Triumph über seine Beeinträchtigungen. In der Episode "Verdienstvolle Dienstzeit" lädt er sie ein, ihn bei seiner Arbeit bei den Vereinten Nationen zu begleiten und herauszufinden, wie er rund um den Globus reiste, um die Menschen in aller Welt zu motivieren, die Herausforderungen von körperlichen und geistigen Behinderungen zu bewältigen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 380
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Smart Eze
Meine vier Welten
Impressum
© Dr. Smart Eze 2015
Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
ISBN 978-3-7375-4103-9 (print)
ISBN 978-3-7375-4104-6 (e-book)
german version produced by Dr. Bernd Flossmann bookcoach.info
Übersetzt von Mag.a Heidi Mohr in Zusammenarbeit mit dem Autor
English version published by AuthorHouse 7/26/2010
ISBN: 978-1-4520-5077-5 (sc)
ISBN: 978-1-4520-9813-5 (e)
Ich bin der Überzeugung, dass zweifellos jeder Mensch eine Geschichte über sich zu erzählen hat. Meine Geschichte aufzuzeichnen, dazu wurde ich aber von Leuten ermutigt, die mich meine Geschichte erzählen hörten bei vielen Gelegenheiten und vor unterschiedlichem Publikum.
Ich habe meine Geschichte jungen Leuten in Schulen bei Workshops erzählt, erwachsenen Männern und Frauen in öffentlichen Podien, im Radio, Fernsehen und in Zeitungen. Sie haben meine Geschichte interessant gefunden und wert, immer wieder erzählt zu werden. Ich stimme mit ihnen überein, dass meine Geschichte ein echtes Beispiel dafür ist, wie man den Herausforderungen des Lebens während unserer Reise von der Wiege bis zum Grab die Stirn bietet.
Trotz des Kummers, Heulens und Zähneklapperns, der Verzweiflung und Enttäuschungen denen wir auf unsere Reise begegnen mögen, sollten wir die Hoffnung auf Erfolg nie aufgeben, aber entschlossen in unserem Daseinskampf sein, denn wir werden am Ende siegreich und jubelnd aus ihm hervorgehen mit der Bestätigung, dass jede Enttäuschung ein Segen sein kann.
Ich habe meine Geschichte in 4 Lebensabschnitte unterteilt. Ich beginne mit meinem Dienst bei den Vereinten Nationen. Ich schließe mit meinen Enthusiasmus, meinem Ehrgeiz zu folgen, an. Ich setze fort mit der Periode des schmerzlichen Verlustes und der Zerrüttung meines Ego. Ich ende mit dem Zauber meiner Kindheit. Ich habe die Höhepunkte jeder Periode meiner Reise am Anfang und am Ende beschrieben, so dass jede in die Nächste übergeht.
Ich lade sie ein, mich auf dieser aufregenden Reise des Lebens in meine vier Welten zu begleiten!
Verdienstvolle Dienstzeit
Es war ein gewöhnlicher Wintermorgen im Februar. Das Wetter war bitterkalt und es hatte einen heftigen Schneefall gegeben. Ich betrat mein Büro in der Abteilung für Auswärtige Beziehungen des UNO Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung und ließ schnell meine Aktentasche auf den Schreibtisch fallen. Einer wichtigen Dringlichkeit musste ich mich bei solch einer Witterung widmen, bevor ich meine dienstlichen Routinen in Angriff nehmen konnte – ich nahm meinen Blindenhund Nello auf der Stelle in den Waschraum mit und wusch seine Beine, um das Salz von seinen Pfoten zu entfernen, um ihn vor unnötigen Wunden und Verletzungen zu schützen.
Wir kehrten in mein Büro zurück und Nello ging geradewegs zu seiner Speziallagerstatt unter dem Schreibtisch für eine morgendliche Ruhepause nach der langen Winterreise von unserem Zuhause. Ich öffnete den Schrank, hängte mein Jackett und meinen Wintermantel auf und wechselte die Schuhe. Es war Zeit, am Schreibtisch zu sitzen, die Schubladen zu öffnen und die Elektronik einzuschalten – einen PC, einen Drucker und verschiedene für Blinde technologisch adaptierte Geräte.
Als die Maschinen starteten, läutete das Telefon. Wegen der kurzen Intervalle zwischen den Tönen erkannte ich, dass es sich um einen internen Anruf handelte. Ich hob den Hörer auf, verwundert, wer mein erster Anrufer an diesem Tag sein könnte. Eine weibliche Stimme sagte: »Guten Morgen, Herr Eze. Dies ist das Büro des Generaldirektors. Der Generaldirektor möchte, dass Sie heute um 11 Uhr in seinem Sitzungszimmer kommen. Sind Sie bereit?« Ich antwortete: »Ja, bestimmt«, weil ich zu dieser Zeit dachte, ich wüsste genau den Grund für solch eine Dringlichkeitssitzung mit dem Leiter unserer Organisation in Wien.
Ungefähr zehn Minuten vor elf Uhr nahm ich mein Jackett aus dem Kasten und zog es an, rief Nello von seinem Platz und zog ihm sein Geschirr an, seine Arbeitsausrüstung. Schnell gingen wir zum Büro des Generaldirektors hinüber, rechtzeitig für die Verabredung. Als ich den Raum betrat, fühlte ich, dass zahlreiche mir bekannte Kollegen schon um den Tisch saßen, einschließlich des Leiters meiner Abteilung, des Chefs der Verwaltung, des Sicherheitsdienstes, des Protokollchef, des Pressesprechers und des Fotografen. Ich wurde zu einem Sessel geleitet, wo ich mich niedersetzte und Nello bat, sich leise nah bei mir niederzulegen. Alle plauderten und warteten auf das Eintreffen des Generaldirektors.
Im Raum wurde es feierlich still, als der Generaldirektor eintrat, geradewegs hinüberging und sich auf seinem Platz niederließ. Ich fühlte, dass alle Augen auf mich gerichtet waren als er zu sprechen begann. »Herr Eze, wir haben uns hier versammelt, um ihnen Lebewohl zu sagen und ihnen für ihre Mitwirkung bei der Arbeit der Vereinten Nationen zu danken. Der Generalsekretär«, fuhr er fort, »hat mich beauftragt, ihnen diese Urkunde für Ihre ausgezeichneten Dienste bei den Vereinten Nationen zu überreichen. Dies ist ein einmaliger festlicher Anlass, ihnen unter diesen Umständen die Anerkennung für ihre fast fünfundzwanzigjährigen verdienstvolle Tätigkeit in der Organisation trotz ihres körperlichen Nachteils auszusprechen.«
Der Generaldirektor kam zu mir und überreichte mir die Urkunde und andere Erinnerungsgegenstände im Namen des Büros der Vereinten Nationen in Wien, wo ich meine Berufslaufbahn 1980 begonnen hatte. Ich war nun, 2005, im Begriff, in Pension zu gehen. Jeder an dem Tisch kam zu mir herüber und gratulierte mir. Es gab einen kleinen Empfang mit Erfrischungen und Toastsprüchen, sowie die Gelegenheit für ein Gruppenfoto.
Die Woche war weiterhin gekennzeichnet von einer Reihe besonderer Veranstaltungen, um mir Lebewohl zu sagen. Mein Büro, die Abteilung für Auswärtige Beziehungen, organisierte ein Mittagessen, zu dem Kollegen aus anderen Abteilungen unserer Organisation, des UNO Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, eingeladen wurden. Man schenkte mir Andenken, einschließlich eines Büchleins, in dem jeder Kollege freundliche Worte und die besten Wünsche für meine Zukunft ausdrückte.
Den Höhepunkt der Festlichkeiten bildete ein Galaabend, der für mich von Freunden in allen Organisationen, die im Vienna International Centre ihren Sitz haben, veranstaltet wurde. Freunde und Mitarbeiter in dem Gebäude und Gäste von der Stadt Wien versammelten sich, um mir auch Lebewohl zu sagen und mir zahlreiche Souvenirs zu schenken und ein weiteres Büchlein mit guten Wünschen.
Ich dachte über die Ereignisse der Woche nach und fühlte mich mit der Art und Weise zufrieden, wie sich die Dinge für mich entwickelt hatten. Meine beinahe fünfundzwanzigjährigen Dienste bei der UNO hatten schnell begonnen und waren schnell vorüber gegangen. Im Ruhestand, aber nicht ruhebedürftig, sann ich nach. Für mich hatte der Ruhestand eine besondere Bedeutung. Er bedeutete die Vollendung einer langen Phase in meinem Leben und den Beginn einer neuen und gleichermaßen verheißungsvollen Phase.
Als ich mein Universitätsstudium beendete und mich anschickte, einen Job zu suchen, konnte ich mir nicht vorstellen, dass mein erstes Arbeitsverhältnis bei den UNO sein würde; geschweige denn, dass ich diese Stellung bis zu meinem sechzigsten Lebensjahr innehaben würde. Die Umstände waren damals günstig. Ich war am richtigen Ort zur richtigen Zeit um diese Stellung zu erlangen. Davor war ich am Rand der Verzweiflung, das Jobwagnis wegen der vielen Rückschläge aufzugeben. Der Arbeitsmarkt schien für mich, einen vollkommen blinden Menschen, völlig verschlossen. Meine akademische Qualifikation schien schlimmstenfalls eher ein Hindernis, als ein Vorteil bei meiner Suche zu sein, da ich keine Stellung finden konnte, die meinen Fähigkeiten angemessen war.
Die Entschuldigungen mancher Arbeitgeber waren bizarr und naiv: »Wir haben keine brauchbare Ausrüstung für Blinde.« »Wie können Sie ein elektrisches Kabel anschließen, ohne einen Kurzschluss und Feuergefahr für sich selbst und andere zu verursachen?« »Wir haben niemanden, der sie jeden Tag zur und von der Toilette und zum Restaurant bringt.« »Sie können nicht ohne Unterstützung von und zum Büro kommen.« Die Liste mit scheinbar unüberwindlichen Problemen, die von Pessimisten aufgestellt wurde, setzte sich weiter fort. Ich begriff, dass ich, um erfolgreich zu sein, diesen und anderen Herausforderungen entschieden entgegentreten musste.
Ich schätzte die Handlungen verschiedener Personen, mir zu helfen, den Herausforderungen mittels des Sehens mit dem geistigen Auge zu begegnen, sehr hoch ein. Wie ein Bekannter vorgeschlagen hatte, hob ich eines Morgens im Februar 1980 kühn den Telefonhörer ab und rief den österreichischen Bundeskanzler Kreisky zu Hause an. Zu meinem Erstaunen kam er selbst ans Telefon, obwohl er gerade frühstückte. Es war erst halb neun Uhr. Ich stellte mich schnell vor, nicht ganz sicher, wie seine Reaktion ausfallen würde. Er erinnerte sich an mich, den vollkommen blinden Afrikaner, der nur ein paar Monate vorher, im Dezember 1979 an der Universität Wien mit einem Doktorat in Philosophie promoviert hatte. Über dieses Ereignis war weit und breit in lokalen und nationalen Nachrichtenmedien berichtet worden.
Ich schilderte dem Bundeskanzler kurz meine Enttäuschung über die Schwierigkeiten, eine Anstellung seit der Promotion zu bekommen. Er hörte geduldig zu und bat mich, seinen Pressesprecher anzurufen, um einen Termin zu vereinbaren, an dem ich ihn in seinem Büro aufsuchen sollte. Ich merkte mir die Telefonnummern, die er mir diktierte. Bevor ich aufhängte, entschuldigte ich mich beim Bundeskanzler, ihn so früh am Morgen gestört und beim Frühstück unterbrochen zu haben. Er meinte, dass alles in Ordnung sei und forderte mich auf, mich zu beruhigen, sagte, dass er sich auf das persönlichen Zusammentreffen mit mir freue, um meine Probleme in seinem Büro zu erörtern. Tatsächlich, als ich über meinen Bekannten von der Offenheit des Bundeskanzlers gegenüber Mitbürgern erfuhr, stellte ich mir nicht vor, dass er seine Liebenswürdigkeit im gleichen Ausmaß mir gegenüber erweisen würde, weil ich ein Fremder war, der praktisch keinen Einfluss auf seine politische Karriere hatte.
Am Morgen des vereinbarten Tages um zehn Uhr kam ich mit dem Taxi vor dem Tor am Ballhausplatz an, dem Büros des Bundeskanzlers. Ich stieg aus dem Taxi und der Sicherheitsbeamte begleitete mich zum Empfangstisch, wo der Pressesprecher schon auf mich wartete. Wir grüßten einander und gingen gemeinsam durch den Korridor zum Hauptbüro und Sprechzimmer des Bundeskanzlers.
Die Tür zum Sprechzimmer öffnete sich und wir traten ein. Es war ruhig und leer. Ich konnte wahrnehmen, dass es für einen Anlass hergerichtet war. Ein starker Duft des aromatischen Wiener Kaffees und köstlicher Mehlspeisen lag in der Luft. Der Pressesprecher half mir zu einem bequemen Polstersessel und ich setzte mich nieder. Die Sekretärin kam herein und bewirtete mich mit einer Tasse Kaffee und einigen Mehlspeisen. Sie sagte, der Kanzler würde in Kürze bei uns sein.
Ich war gerade dabei meinen Kaffee auszutrinken und den Kuchen aufzuessen, als der Bundeskanzler eintrat und direkt auf mich zuging. Ich wollte schnell aufstehen, aber er bat mich höflich, sitzen zu bleiben. Schließlich konnte ich nicht widerstehen, aufzustehen, als ich bemerkte, dass er bereits vor mir stand. Er schüttelte mir die Hand und ging zu einem Sessel, um sich zu setzen. Die Atmosphäre im Raum war ruhig und freundlich. Aber ich war voll Unruhe, obwohl gelassen und versuchte sehr angestrengt, meinem Geist einzuprägen, dass ich fähig sein müsste, mich in einer sehr klaren und verständlichen Sprache auszudrücken.
Der Bundeskanzler bat, dass seine Sekretärin an der Sitzung teilnehme und die Besprechung protokolliere. Er rief sich unser früheres Telefongespräch ins Gedächtnis zurück und bat mich, meine Probleme ausführlich zu beschreiben. Ich entsprach seinem Wunsch und erzählte ihm die ganze Geschichte meines Lebens, sowohl in Afrika als auch in Europa.
Die UNO hatte mehrere ihrer Programme in ihrem neu errichteten dritten Hauptsitz in Wien untergebracht. Eines davon war das Zentrum für Soziale Entwicklung und Humanitäre Angelegenheiten. Deren Abteilung für behinderte Menschen war für die Organisation von Veranstaltungen für das Begehen des Internationalen Jahres der Behinderten 1981, verantwortlich
Der Bundeskanzler überlegte eine Weile und plötzlich sprudelte er brillante hervorragende Ideen heraus:
Erstens wäre ich gut platziert bei den UNO-Bemühungen für die Befolgung der Gesetze im internationalen Jahr der behinderten Menschen mitzuwirken (IYDP). Sein Schlussfolgerung basierte auf der Tatsache, dass ich aus einem Entwicklungsland stammte und als selbst behinderte Person eine wertvolle Kraft sein konnte, ein guter Motivator für Regierungen und nichtstaatlichen Organisationen sowohl in entwickelten Ländern als auch in Entwicklungsländern.
Zweitens könne ich im akademischen Bereich der Universität Wien bleiben, wo ich mich in der sprachwissenschaftlichen Forschung ausgezeichnet hatte. Er ermutigte mich, mich für geeignete offene Stellen an diesen Plätzen zu bewerben und versprach, meine Bemühungen zu unterstützen.
Schon bevor ich meine Arbeitssuche begann, entschied ich, dass ein Blindenhund meine Bewegungsfreiheit vergrößern und mir helfen würde, um einigen der ernst zu nehmenden Einwänden der Pessimisten bei meiner Arbeitssuche den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ich fuhr zu einer Blindenhundschule in Deutschland, die mir von einem blinden Bekannten empfohlen worden war. Ich wurde mit Ingo bekannt gemacht, meinem in Aussicht stehenden Blindenhund. Er war ein zwanzig Monate alter deutscher Schäferhund, eindrucksvoll, kräftig gebaut und selbstsicher – ein Hund, der sich nichts gefallen lässt.
Ingo und ich stellten sich schnell aufeinander ein und wurden Freunde. Ich war über dieses Verhalten sehr überrascht, da ich vorher keine Erfahrung mit Hunden hatte. Aber ich begriff sofort, dass sich meine Chancen für eine berufliche Karriere mit der Partnerschaft dieses pflichtbewussten Freund Hund verbesserte. Ich trainierte mit Ingo in der Schule zwei Wochen lang. Der Lehrplan umfasste das Erlernen von dreißig grundlegenden Befehlen und Geschicklichkeit bei der Navigation, Beseitigung von Hindernissen, disziplinäre Maßnahmen im Haus und außerhalb, körperliche Eignung für Spaziergänge mit dem Hund, allgemeine Hundegesundheit und Pflegeverfahren.
Ich kehrte mit dem Trainer nach Wien zurück, für ein weiteres einwöchiges Training an meinem Wohnort. Ingo wurde in meinen ganzen Haushalt eingeführt. Meine Ehefrau Renate, eine leidenschaftliche Tierliebhaberin und Lehrerin, und Esther, meine fünf Jahre alte Tochter, hießen ihn als ein neues Mitglied der Familie willkommen.
Er wurde in der Wohnung herumgeführt und zu dem für ihn bestimmten Platz mit einer bequemen Matratze geführt, die in ein buntes Betttuch gehüllt war. Er legte sich sofort nieder und schien sie zu lieben.
Das Training in der Stadt Wien war streng und gründlich. Die Leute und der Autoverkehr zur Stoßzeit waren sehr anstrengend. Aber Ingo war ein Star in der vollkommenen Beherrschung seiner Arbeit. Mühelos und mit Selbstvertrauen löste er die Aufgaben, Aufzüge und Stiegen, Klinken, Straßenbahn- und Bushaltestellen ausfindig zu machen, das Erkennen von Zebrastreifenübergängen und die geschickte Überquerung mannigfaltiger Straßenkreuzungen.
Als Team war unsere Darstellungskunst auf der Straße, in Straßenbahnen und in den Parks so einzigartig, dass Leute uns anstaunten und freundschaftliche Gesten machten. In diesem Augenblick fühlte sich der Trainer oft zu der Bemerkung veranlasst, dass sogar der Bundespräsident nicht mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit in dem Ausmaß erregen könne. Als unser Training abgeschlossen war, fühlte ich mich selbstsicherer und ruhiger als jemals zuvor, wenn ich mich in der Stadt bewegte.
Die nächste Forderung, die pessimistischen Leiter der Vorstellungsgespräche zum Ausdruck brachten, war anscheinend schwieriger zu erfüllen. Aber ein innovatives technologisches Zugangsprodukt für blinde Menschen war gerade für den Markt freigegeben worden: Optacon war ein tragbares Gerät, das blinden Menschen ermöglichte, Gedrucktes zu lesen. Ich wurde ausgebildet, das Gerät zu verwenden. Das erwies sich als anspruchsvoller, als das Training mit Ingo.
Das Gerät setzte sich zusammen aus einer elektronischen Haupteinheit und einem Objektivmodul, einer Art Kamera, verbunden durch ein dünnes Kabel. Die elektronische Haupteinheit hatte eine Mulde, auf die ich meinen Zeigefinger legte. In ihr bildeten kleine Stifte in einer Matrix die Umrisse der Buchstaben auf dem Papier nach. Wenn ich das Objektivmodul über eine gedruckte Zeile bewegte, wurde das Bild darunter durch das Verbindungskabel zur elektronischen Haupteinheit übertragen. Ich fühlte das Bild eines gedruckten Buchstabens, das sich unter meinem Zeigefinger über die Tastenreihe von rechts nach links bewegte. Die Tastmulde umfasste eine Matrix von winzigen Metallruten, welche vibrierten, um eine vergrößerte Tastdarstellung von dem Bild zu formen, welches das Objektiv betrachtete. Wenn ich auch die Schwierigkeit nicht meistern konnte, eine gedruckte Seite in weniger als fünfzehn Minuten zu lesen, war die Lesefertigkeit, die ich erreichte, ausreichend, die Pessimisten jenseits der angemessenen Zweifel zu überzeugen.
An einem Freitagabend im Sommer 1980 kam ich gerade mit meiner Familie von einem Besuch bei meinen Schwiegereltern heim, als das Telefon läutete. Ich nahm den Hörer ab und eine männliche Stimme sagte: »Hier ist die UNO in Wien. Kann ich mit Herrn Smart Eze sprechen?« Ich antwortete: »Ja, ich bin am Apparat.« Ich könnte sagen, er lächelte, als er ruhig sagte: »Sie haben sich vor einigen Monaten um eine Stelle als Fachmann für soziale Angelegenheiten im Zentrum für Soziale Entwicklung und Humanitäre Angelegenheiten beworben. Sind Sie noch zu haben?« Amüsiert antwortete ich: »Ja, bestimmt.« Er bat mich, am folgenden Montag um neun Uhr am Morgen ins Hauptquartier der UNO in Wien zu kommen und gab mir genaue Anweisungen, wie man zur Personalabteilung gelangt.
Ich erreichte das Sicherheitstor des Vienna International Centre, wo mich ein Mitarbeiter des Personalbüros abholte. Zusammen gingen wir zum Büro des Personalchef im Personalabteilung. Meine Begegnung mit ihm verlief kurz und höflich. Ich wurde dann in ein oberes Stockwerk des Gebäudes begleitet, in dem das Zentrum für Soziale Entwicklung und Humanitäre Angelegenheiten untergebracht war, wo ich der Chefin des Internationalen Jahres der Behinderten in ihrem Büro vorgestellt wurde. Sie bot mir einen Sessel an und setzte sich. Ingo ließ sich gemütlich neben mir nieder. Ich war für dieses Vorstellungsgespräch in Anbetracht meiner früheren negativen Erfahrung mit potentiellen Arbeitgebern vorbereitet.
In ihrer einleitenden Bemerkung erklärte sie mir: »Wir sind eine kleine Einheit innerhalb des Zentrums für Soziale Entwicklung und Humanitäre Angelegenheiten. Wir sind für die Organisation des Internationalen Jahres der Behinderten verantwortlich.« Sie fuhr fort: »Als Koordinierungsstelle für Angelegenheiten von Behinderten innerhalb des UNO-Systems empfehlen wir Ländern und Organisationen Anstalten zu unternehmen, um das Internationale Jahr zu einem Erfolg zu machen. Unsere Arbeit umfasst eine Menge zu Lesen und zu Schreiben, sowie auch zu Reisen«, schloss sie.
Ich war überrascht, als sie mich aufforderte, zu sagen, was die Abteilung für mich tun kann, um mir zu helfen meinen Teil der Aufgaben zu übernehmen. Ich brachte meine Dankbarkeit für die mir gewährte Möglichkeit zum Ausdruck und erklärte ihr, was in dieser Hinsicht mein vorrangiger Bedarf war. Schließlich sagte sie, dass das Personalbüro mit mir Verbindung aufnehmen würde, sobald ihre Einheit die notwendigen Arbeitsgeräte eingerichtet haben könnte.
Anfang September erhielt ich ein Anstellungsschreiben von der UNO. Ich wurde höflich ersucht, mich am 13.Oktober 1980 zum offiziellen Dienst in der UNO in Wien zu melden. Ich war voll Freude und sehr aufgeregt. Das sollte meine erste wirkliche Arbeitserfahrung in meinem Leben sein. So wollte ich mich gründlich vorbereiten, um die Herausforderungen anzunehmen, sowohl physisch als auch psychisch. Ich wiederholte alle Trainingsmodule für die Teamarbeit mit Ingo, rief mir die Arbeitsumgebung der UNO ins Gedächtnis zurück und plante, wie ich mich als Behinderter einfügen würde.
Mein erster Tag war mit Verfahrensangelegenheiten angefüllt. Die Assistentin der Verwaltung war zur Hand, um mich in mein Dienstzimmer zu führen. Sie versorgte mich mit der UNO Norm-Büroausstattung und Hilfsmitteln wie Schreibmaschine und einem Standard-Wiedergabeapparat und sie zeigte mir den Platz der einzelnen Gegenstände im Raum.
Meine Arbeitsgeräte am Anfang waren Optacon, eine Perkins-Blindenschriftschreibmaschine, ein Aufnahmegerät für Blinde und ein tragbares Taschendiktier- und Wiedergabegerät, das ich mir von zuhause mitbrachte, da sie es mir zu dieser Zeit seitens der Organisation nicht beschaffen konnten. Ingos Lagerstatt war unter dem Tisch platziert, die Matratze mit einem schönen Spannleintuch ausgestattet. Kaum hatte ich mich niedergelassen, wurde ich zur Personalabteilung gerufen, um eine Vereinbarung für einen Dreimonatsvertrag mit den UNO zu unterschreiben.
Schreiben und Lesen von Schriftstücken waren die größte Herausforderung meiner täglichen Arbeit. Mobilität war nicht so sehr ein Problem, seit Ingo immer verfügbar war, mich irgendwohin im Gebäude zu führen. Ich wusste, ich musste schöpferisch sein und Improvisation war an der Tagesordnung. So ersann ich eine Vielfalt von Methoden, geschriebene Dokumente vorzubereiten: Die Texte wurden erst in Blindenschrift mit Hilfe des Perkins Blindenschriftschreibmaschine angefertigt und dann laut der Sekretärin vorgelesen, welche sie niederschrieb. Ich bereitete die Texte auf dem Rekorder vor und übergab die Kassetten der Sekretärin, damit sie den Inhalt tippen konnte. Ich brauchte sie als »Amanuensis« für ein direktes und schnelles Diktat. Bei längeren Schriftstücken tippte ich die Texte auf meiner Schreibmaschine. Der Nachteil war aber, dass ich die Texte selbst weder nachprüfen noch redigieren konnte, wenn sie normal gedruckt waren. In Versammlungen und ähnlichen Aktivitäten außerhalb meines Büros verwendete ich häufig mein Taschenrekorder- und Diktiergerät, um Notizen zu machen.
In dieser Stellung gab es eine große Menge zu lesen. Lange und zahlreiche Schriftstücke und allgemeines Informationsmaterial wurden täglich zu mir geleitet. Sie rührten von Nichtregierungsorganisationen und allgemeinen öffentlichen Kreisen, von verschiedenen Regierungen, dem UNO System und besonders dem Sekretariat her. Es wurde von mir erwartet, dass ich jedes Sachschriftstück las, damit ich seine Wichtigkeit und die Absicht herausfinden konnte, entweder für eine Handlung oder einfach als Information und Ausbildung. Eine große Zahl war an Seiten so umfangreich, dass es beträchtlich viele Stunden in Anspruch genommen hätte, sie zu lesen. Meine Lesegeschwindigkeit mit Optacon war dafür zu langsam, um eine bedeutsame Hilfe zu sein. Die Benützung war anstrengend und vergeudete einen großen Teil meiner wertvollen Arbeitszeit, eine Aufwand, den ich mir als einer der Bediensteten in einer Schlüsselstellung der Abteilung kaum leisten konnte.
Schließlich gab ich eine Annonce nach freiwilligen Lesern im Amtsblatt auf. Die Reaktion war überwältigend. Ich hatte eine ausreichende Zahl von Ehrenamtlichen aus den verschiedenen Organisationen im Bauwerk, sowie von Privatpersonen außerhalb des Bauwerks, die in der Mittagspause und nach der offiziellen Arbeitszeit kamen, um mir Unterlagen in meinem Büro vorzulesen. Einige Leser nahmen das Material mit nach Hause und nahmen es für mich am Tonband auf. Die Sekretärin las mir die internen Aktenstücke vor, vor allem Briefe zum Korrigieren, Memoranden und vertrauliche Korrespondenz zur Information. So führte ich ein funktionsfähiges System ein, um die gewaltige Zahl von UNO Schriftstücken, die täglich durch mein Büro strömte und unverzügliche Behandlung von mir forderte, zu bewältigen.
Nun musste genauso auf Ingos Bedürfnisse geachtet und seine Arbeitsumwelt entsprechend angepasst werden. Es war nicht leicht für ihn, täglich der einzige tierische Bedienstete inmitten von über 5000 menschlichen Kollegen zuzüglich mehr als 2000 Besuchern im Gebäude zu sein. Unsere erste Hürde war das Selbstbedienungsrestaurant, das zur Mittagszeit immer vollgestopft mit Leuten war. Diese waren Bedienstete, Leute, die an verschiedenen Konferenzen im Bauwerk teilnahmen, als auch Besucher. Sie gingen wild in alle Richtungen, trugen ihre Tabletts mit Essen, suchten nach ihren Begleitern und freien Tischen. Ingo führte mich mit unvorstellbarer Präzision auf der Suche nach einem freien Tisch durch sie hin. Wenn er zuweilen einen fand, drängte er vorwärts, indem er mich sanft weiter zerrte, um ihn zu besetzen.
Natürlich waren einige der Leute nicht an Hunde gewöhnt, und andere erwarteten, nicht gerade einen Hund an so einem Ort zu finden. In beiden Fällen waren manche erschreckt, wenn es Ingo gelang, beim Mittagessen einen Tisch mit ihnen zu teilen.
Da sein Kopf üblicherweise höher war als die Esstische, lud der Duft des köstlichen Essens auf den Tabletts unwiderstehlich seine schnüffelnde Nase ein. Die Mutigen blieben auf ihren sitzen, aber die Respektvollen sprangen von ihren Sitzen auf, hoben ihre Essentabletts auf und suchten nach einem anderen freien Platz.
Um einem solchen Szenario Abhilfe zu schaffen und Ingo zu helfen, also zu vermeiden, jedes Mal wenn wir zum Mittagessen kamen, zu verschiedenen Tischen auf die Suche nach einem freien Sitzplatz gehen zu müssen, wurde ein spezieller Tisch im Selbstbedienungsrestaurant aufgestellt mit einem kühnen Schild, worauf zu lesen stand: »Reserviert für Herrn Eze und seinen Blindenhund Ingo«.
Unsere zweite Hürde war, wie Ingo beim Ankommen und Verlassen des Gebäudes identifiziert werden könnte, wenn ich ihn nicht begleitete. Mit gebührender Rücksichtnahme auf seine hündische Natur musste ihm genügend Möglichkeit gegeben werden, Bewegung zu bekommen und seine gewohnten Bedürfnisse zu verrichten. Ich führte ihn morgens und abends auf den Rasen vor dem Gebäude und für längere Spaziergänge zur Mittagszeit in den Donaupark. Wenn ich in einer Konferenz saß, die sich über die Mittagsperiode ausdehnte, bat ich jemanden, liebenswürdigerweise mit Ingo draußen einen Spaziergang zu machen. Bei mehreren Anlässen wurde Ingo der Eintritt ins Gebäude von der Sicherheitswache beim Tor verweigert, weil Tiere auf den Grundstücken nach den Vorschriften der Gebäudeverwaltung nicht zugelassen waren. Jedes Mal, wenn er nicht seine Arbeitskleidung trug, wurde ich aufgefordert, meinen Blindenhund zu identifizieren. So wurde schliesslich eine praktische Lösung zur Zufriedenheit aller Betroffenen gefunden. Ingo wurde, wie jedem anderen Mitarbeiter, ein Vienna International Centre Ausweis ausgestellt, mit seinem Bild, Namen und sachdienlichen Details.
Es war nun an der Zeit, Ingo und mich in der Umgebung des Vienna International Centre offiziell willkommen zu heißen, seit wir es uns in unserem Büro an die Arbeit gemacht hatten. Unser offizieller Auftritt auf der Bühne schien für die Ziele des Internationalen Jahrs der Behinderten 1981 einen beachtlichen Anstoß bewirkt zu haben, wie es schon vom österreichischen Bundeskanzler richtig vorausgesagt worden war, als ich ihn in seinem Büro besuchte.
Die Zeitung der Bediensteten der Organisation für Industrielle Entwicklung der Vereinten Nationen (UNIDO), das UN Forum, Echo und das Journal der Bediensteten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) brachten alle Leitartikel über meinen Blindenhund und mich. Sie bezeichneten Ingo als »ersten vierbeinigen Bediensteten der Vereinten Nationen«. Die Geschichte wurde sofort von internationalen Nachrichtenmedien übernommen. Artikel über und Bilder von meinem Blindenhund und mir bei der Arbeit wurden eingehend in lokalen Magazinen und Zeitungen rund um den Erdball gebracht. Bevor ich es wusste, stieg der Druck und meine Mission hatte begonnen. Es wurde von mir erwartet, ein wahrer Botschafter dafür zu sein, wie man Einschränkungen in all ihren Facetten bewältigen kann.
Meine Arbeit konzentrierte sich hauptsächlich auf externe Beziehungen und öffentliche Information. Das waren gleichermaßen zwei Felder der Verantwortlichkeit, durch die ich auf meine Weise wesentlich dazu beitragen sollte, das Image behinderter Menschen weltweit zu verbessern. Eine wichtige Botschaft des Jahres war, dass das Bild behinderter Personen in starkem Ausmaß von einer Tatsache abhängt, dass gesellschaftliches Verhalten eine Hauptbarriere für die Verwirklichung des Zieles der vollen Teilnahme an und Gleichstellung in der Gesellschaft waren. Aber bevor ich den entscheidenden Schritt in die Arbeit machen konnte, musste ich mich mit der Geschichte des Programms der Vereinten Nationen für Behinderung vertraut machen.
In den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs waren das UNO Sekretariat und der Wirtschafts- und Sozialrat die hauptsächlichen Körperschaften, die mit Behinderungserlässen befasst waren. In ihrer anfänglichen Arbeit für Behinderte unterstützten die Vereinten Nationen eine Sozialhilfeperspektive für Behinderte. Sie schufen Mechanismen für geeignete Entwicklungsprogramme, die sich mit Behindertenerlässen auseinandersetzten. Aber als Ergebnis der Politik der Wiederbewertung wurde der Fokus von der Wohlfahrtsperspektive schnell zur sozialen Wohlfahrt verlagert.
Obwohl diese frühen Aktivitäten das Recht behinderter Menschen auf Wohlfahrt und öffentliche Dienste unterstützte, wurde wenig Aufmerksamkeit den Schwierigkeiten geschenkt, die durch jene Ziele in der Gesellschaft geschaffen werden könnten. Mit der Annahme der Erklärung für Fortschritt und Entwicklung 1969 begann sich die Haltung zu einem neuen sozialen Modell für die Beschäftigung mit Behinderung zu verlagern.
Das Konzept der Menschenrechte für Behinderte begann international anerkannt zu werden. Dieser Gedanke wurde in zwei wichtigen Erklärungen der UN Generalversammlung angenommen, die Deklaration der Rechte für Geistig zurückgebliebene Personen (1971) und die Deklaration über die Rechte von Behinderten (1975).
1976 ernannte die UN Generalversammlung das Jahr 1981 zum Internationalen Jahr der Behinderten (IYDP). Das rief nach einem Aktionsplan auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene mit dem Hauptaugenmerk auf die Gleichstellung bei Möglichkeiten, Rehabilitation und Verhinderung von Behinderungen.
Das Thema des Jahres war »Volle Teilnahme und Gleichheit«, genauer festgelegt als das Recht behinderter Personen, voll am Leben und der Entwicklung ihrer Gesellschaften teilzunehmen, sich an den Lebensumständen gleich jenen der anderen Bürger zu erfreuen und einen gleichen Anteil an verbesserten Zuständen, die aus sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung resultierten, zu haben.
Andere Ziele des Jahres waren, das öffentliche Bewusstsein zu stärken, für Behinderte Verständnis zu zeigen, sie anzuerkennen und Behinderte zu ermutigen, Organisationen zu schaffen, mit deren Hilfe sie ihre Ansichten proklamieren konnten, um ihre Lage zu verbessern.
Das war der Hintergrund, an dem ich meine Pflichten erfüllen musste, als Blinder war ich mir nur umso mehr der Ziele dieses Jahres bewusst. Ich schrieb Briefe und Telegramme an Regierungen, Einzelpersonen und Organisationen. Ich stellte wissenschaftliche Untersuchungen an und bereitete Gutachten für Körperschaften zwischen Regierungen vor und fasste Memoranden zwischen Büros in verschiedenen Ebenen ab.
Organisationen, besonders jene für Behinderte in Entwicklungsländern benötigten technische und finanzielle Hilfe sowie Ermutigung für ihr Handeln. Den Regierungen in ihren verschiedenen Ländern wurden Erklärungen zur Auslegung und Durchführung der Tätigkeiten geliefert, die von der UN Generalversammlung für dieses Jahr empfohlen wurden. Aktionen mit den Institutionen der UN Familie mussten in geeigneter Weise für ihre Wirksamkeit in Einklang gebracht werden.
Schriftstücke für die Vereinten Nationen erforderten einen einheitlichen Stil. So machte ich mich mit den Richtlinien des Benutzerhandbuchs für Briefwechsel vertraut. Meine Briefe waren prägnant verfasst, die Hauptgründe für das Schreiben klar im Einleitungsabsatz dargelegt. Der Rest des Inhalts legte die Einzelheiten in konstruktiver Diplomatensprache dar. Zweckdienliche Mitteilungen wurden üblicherweise im Telegrammstil geschrieben und mittels Telefax übertragen.
Wie jedes Büro der UNO hatte das Zentrum für Soziale Entwicklung und Humanitäre Angelegenheiten (CSDHA) eine strenge hierarchische Rangordnung der Mitarbeiter und der Verantwortlichkeit. Jedes Dokument, das ich schrieb, wurde routinemäßig in den verschiedenen hierarchischen Stufen geprüft. Das wurde in der UNO Verwaltungssprache »Abfertigungsverfahren« genannt. Je nach dem Grad der Wichtigkeit wurden alle Dokumente nach der Reihenfolge von meinem unmittelbaren Vorgesetzten freigegeben, dem Chef der Einheit, dem Stellvertreter des Direktors der Abteilung, dem Direktor der Abteilung, der Beigeordneten Generalsekretärin des Zentrums und schließlich dem Generaldirektor des UN Büros in Wien.
Ich gewöhnte mich schnell an die Gegebenheit, dass es eine Zeit lang dauern musste, bis von mir geschriebene Dokumente genehmigt, unterzeichnet und zu ihren Zielen abgeschickt wurden. In vielen Fällen waren die Berichtigungen unwesentlich, betrafen aber Redaktionsfragen und Stil. Diese Erfahrung war nicht allein auf mich als individueller Bedienstete begrenzt. Es bildete einen wesentliche Bestandteil der Kultur der Organisation.
Zum Beispiel berichtete das Beratungskomitee von IYDP dem Ausschuss für Soziale Entwicklung, der Ausschuss berichtete dem Wirtschafts- und Sozialrat und der Rat erstattete der Generalversammlung Bericht. Jedes dieser Schriftstücke, das von jenen Ebenen ausging wurde als »Bericht des Generalsekretariats« bezeichnet und der Generalversammlung zur Genehmigung und Annahme unterbreitet.
Ich zweifelte nie an der Effizienz und Wirksamkeit der Organisation und ihrer Bürokratie. Wie die meisten jungen Leute meiner Zeit schätzte ich die UNO sehr und war stark von ihr eingenommen. Ihr Einsatz für Frieden, Entwicklung, Gerechtigkeit und Freiheit faszinierten meine Vorstellungskraft. Daher war die Möglichkeit, in der UNO zu arbeiten und an ihrer Mission mitzuwirken, prestigeträchtig und ein starker moralischer Anstoß für mich.
Ich war nun fest im Sekretariat angestellt und die Büroarbeit wurde zur unkomplizierten Routine. Ingo war nun auch ganz Herr der Lage und die Verantwortung, mich zu führen und zu beschützen, wurde eine tägliche Routine. Je nach dem, wie ich gekleidet war und der Tageszeit, wusste Ingo genau, welche Tätigkeit wir im Begriff standen zu unternehmen und er passte sich der jeweiligen Aktion entsprechend an.
Wenn ich auf der Straße am Gehsteig zu einem mir völlig unbekannten Ziel ging, bat ich jemanden, mir den Weg zu beschreiben. Dann gab ich diese Information an Ingo mit den passenden Befehlen weiter und er führte den Auftrag demgemäß durch.
»Vorwärts« sagte ich und er führte mich gerade, bis wir eine Straßenkreuzung erreichten. Dann machte er Halt und wartete, in Erwartung eines aus einer Reihe von Kommandos zu hören, aus denen nur eines angewendet werden konnte: »Nach links«, »nach rechts« »gib auf die Autos Acht, »überquere die Straße«, »Kehrtwendung links«, »Kehrtwendung rechts«.
Wenn wir zwei Straßenkreuzungen überqueren mussten, bevor wir uns nach links in die Straße bei der nächsten Querstraße wandten, beauftragte ich Ingo auf die fahrenden Autos aufzupassen und die Straße direkt zum Randstein zu überqueren. Wir setzten dann unseren Weg nach vorwärts for. Bei der Ankunft beauftragte ich Ingo: »Finde die Tür links« und er schnüffelte nach oben, um mir die Türgriff zu zeigen. Im Gebäude bat ich ihn, mir den Aufzug oder das Stiegenhaus zu finden. So würden wir schließlich unseren Bestimmungsort erreichen. Wir wandten dieselbe Vorgehensweise auf unseren Fahrten zum und vom Büro an. Aber nach einer zweiten Reise auf derselben Route brauchte Ingo die gesprochenen Befehle nicht mehr, weil er den Weg selbst unabhängig vorzüglich steuerte und sehr oft zum Erstaunen anderer Fußgänger.
Als eine Geste des guten Willens sah die Stadt Wien anfänglich einen Pendlerbusdienst vor, um den UNO Bediensteten den Transport zum neu eröffneten Vienna International Centre (VIC) zu erleichtern, den Wienern allgemein als »UNO City« bekannt, auf der anderen Seite der Donau gelegen. Es wurden einige Bushaltestellen für UNO Bediensteten, die sich entschieden, den Service zu nutzen, über die Stadt verteilt eingerichtet.
Dies war für mich sehr günstig, seit ich mit meiner Familie in der Hagenmüllergasse 23 wohnte, im dritten Wiener Gemeindebezirk und sehr nahe zu einer der VIC-Pendlerbushaltestellen. Alles, was ich jeden Morgen zu tun brauchte, war ein Spaziergang mit Ingo unsere Straße hinunter zum Donaukanal und stromaufwärts zur nächsten VIC-Pendlerbushaltestelle in der Wassergasse. Der Bus nahm uns mit anderen Pendlern zum VIC und in das Bauwerk mit.
Wenn ich den VIC-Pendlerbus versäumte, nahm ich ersatzweise die Straßenbahn von der Erdbergstraße zur Landstraße, dann noch eine Straßenbahn oder die Schnellbahn zur Station Praterstern und eine andere Straßenbahn zum Vienna International Centre. Wir wiederholten dieses Vorgangsweise umgekehrt jeden Abend am Ende des Arbeitstages bei unserer Rückreise.
Gewiss war ich überzeugt, dass das Leben ein Welttheater war, in dem jeder auf der Bühne stand. Außerdem war ich mir der Wirklichkeit bewusst, dass ich eine großartige Rolle zu spielen hatte, deren Geschick mir verliehen wurde. Ich war entschlossen, diese Rolle nach besten Kräften zu spielen. Mein Blindenhund half mir in großartiger Weise, das Stigma der Hilflosigkeit in der Öffentlichkeit möglichst gering zu halten. Blindheit war nicht mehr ein Grund für Leute, mich zu bemitleiden. Sie waren auf der Straße nicht mehr durch mich verunsichert, statt dessen knüpfte ich mit ihnen auf meinem täglichen Weg zur und von der Arbeit mehr Beziehungen an. Mit meinem Blindenhund war ich Herr über mein Schicksal in einer respektvollen Art.
Einmal fragte ich meine Frau Renate, warum sich Leute so verhielten, wie sie es mir gegenüber in der Öffentlichkeit taten. Sie antwortete: »Du verkörperst zu viele Eindrücke auf einem Fleck zur gleichen Zeit. Du arbeitest mit einem Blindenhund. Das ist für sich schon eine einzigartige Erfahrung und sehr selten in der Stadt. Der Hund ist schön und gut gepflegt. Du bist blind und als schwarzer Mann immer schick angezogen. Du sprichst fließend Deutsch und immer in sachlicher Art. Du bist fröhlich und freundlich. Alles zusammen, du und dein Blindenhund vermitteln ein positives Lebensbild.«
Mit all dem in meinem Herzen, stieg ich eines Tages auf unserem Heimweg bei der Station Praterstern aus der Straßenbahn aus, um die Schnellbahn zu erreichen. Es war Stoßzeit und Pendler bewegten sich in alle Richtungen. Plötzlich bemerkte ich einen Mann, der neben mir ging. Er fragte mich mit freundlicher Stimme: »Ist ihr Hund blind?« Ich antwortete sofort: »Ja, sicher. Können Sie nicht sehen, dass ich ihn führe?« Aber zu meiner Überraschung, bevor ich meine Gangart verlangsamen konnte, um ihm eine logischere Erklärung der Angelegenheit zu geben, stellte ich fest, dass er schneller als der Wind verschwunden war.
Manchmal ging ich in meiner Freizeit in Schulen und Kindergärten und erzählte jungen Schülern meine Lebensgeschichte und einige aufregende afrikanische Märchen. Eines Morgens, als ich zur Arbeit fuhr, stieg ein kleiner Bub mit einem alten Mann in die Straßenbahn ein. Als das kleine Kind meinen Blindenhund sah, rief er »Opa, das ist der Märchenonkel aus Afrika«. Ich lächelte den Buben an und grüßte ihn sehr freundlich. Der alte Herr erzählte mir, dass er ihn in den Kindergarten bringe, wo ich unlängst gewesen war.
Mein erster UNO Einsatz ins Ausland ging nach Tokio, um den ersten Internationalen Abilympics beizuwohnen, die zum Begehen des Internationale Jahr der Behinderten 1981 veranstaltet wurden. Ich begleitete die Beigeordnete Generalsekretärin und Chefin des Zentrums für Soziale Entwicklung und Humanitäre Angelegenheiten, um die UNO zu repräsentieren.
Die Reise dauerte zehn Tage und ich reiste das erste Mal ohne meinen Blindenhund. Es war nicht notwendig, Ingo mitzunehmen. Die Organisatoren der Veranstaltung in Japan hatten großzügig die Aufgabe übernommen, mich mit einen Auto und einem Fahrer zu versorgen, einem menschlichen Führer und einem Dolmetscher für die Landessprache. Ich begrüßte diese Abmachung erfreut, da Ingo und ich folglich von unvermeidlich anstrengenden Situationen verschont wurden wie der langen Flugreise von Europa. So konnte ich mich entspannen und mich voll auf meine verschiedenen Aufgaben bei der Veranstaltung konzentrieren.
Aber vor dem Abflug benötigte ich als Typhlonaut (ein blinder, aber kundiger mobiler Reisende), dass jedes Detail organisiert wurde. Renate spielte bei diesem Prozess eine sehr wichtige Rolle. Sie sortierte meine Kleidung – Hemden, Anzüge, Krawatten und Socken – in Garnituren und ordnete sie in perfekt passender Ordnung. Ich versah sie mit je einem Zettel in Brailleschrift. In einem separaten Notizbuch beschrieb ich zweckmäßig jedes Stück aus allen Garnituren, sodass ich immer sicher sein konnte, dass meine Kleidung zusammenpasste. Das war eine Vorsichtsmaßnahme, um ein Durcheinanderbringen der Ordnung der Garnituren beim Auspacken des Koffers zu vermeiden.
Wir flogen mit KLM über Amsterdam und Anchorage, zum Internationalen Flughafen Narita in Tokio. Bei der Ankunft waren unsere Gastgeber am Flughafen sofort zur Hand, um uns willkommen zu heißen. Die Beigeordnete Generalsekretärin und ich wurden in separaten Fahrzeugen zum Hotel Kio Plaza im Zentrum der Stadt gefahren. Nach den Anmeldungsformalitäten bei der Hotelrezeption wurde ich von meinem Führer und Dolmetscher zu meinem Zimmer geleitet.
Während ich im Zimmer war, wandte ich den Grundsatz an: »Sei organisiert; schenke den Einzelheiten Beachtung«. Daher bat ich meinen Betreuer, mit mir alle strategischen Punkte abzugehen. Ich merkte mir die Ein- und Ausstellung der Schalter. Das war besonders wichtig, damit ich die Lampen im Raum immer kontrollieren konnte. Im Badezimmer machte ich die Steckdose für den elektrischen Rasierapparat in der Wand ausfindig und prüfte das Mischungsverhältnis von heißem und kaltem Wasser für die Dusche, das Bad und die Waschbecken.
Bei der Telefonanlage prägte ich mir wichtige Nebenanschlüsse ein, damit ich Anrufe tätigen konnte, besonders mit der Rezeption, um Unterstützung anzufordern. Ich erforschte die TV Fernbedienung und die Knöpfe, die Fenstervorhänge und Rollos. Ich kennzeichnete achtsam die Tür zum Gang, indem ich meinen weißen Stock an die Türschnalle hängte, um sie nicht mit der Tür zum Badezimmer zu verwechseln. Zuletzt ermittelte ich die Lage des Kühlschranks, des Lesetisches, des Sessels und meines Betts.
Die Abilympics-Bewegung war in den 1970er Jahren in Japan gegründet worden. 1972 organisierte die Gesellschaft für Arbeitsvermittlung von Menschen mit Handicap die Olympiade der Fertigkeiten. Ziel war, die beruflichen Fähigkeiten behinderter Personen zu fördern und sie zu ermutigen, aktiv am Arbeitsmarkt teilzunehmen.
Die Veranstaltungen der Internationalen Abilympics von 1981 waren ähnlich organisiert, in Kategorien von beruflichen Fertigkeiten, Workshops und Konferenzen. In der Gruppe der Berufsfertigkeiten hatten die Teilnehmer die Gelegenheit das Niveau ihrer Kunstfertigkeit in einem offenen internationalen Wettbewerb mit behinderten Menschen aus anderen Ländern zu zeigen. Die Resultate wurden von der Qualität der Ausführung der Einzelteilnehmer in den verschiedenen Disziplinen bestimmt.
Ich besuchte jeden der vielen Pavillons und war Zeuge der Einzelbewerber beim Beweis ihrer beruflichen Fähigkeiten. Aber ich war mehr in den verschiedenen Workshops und Tagungen eingebunden und hatte den Eröffnungs- und Schlusszeremonien beizuwohnen, bei denen ich neben der beigeordneten Generalsekretärin in der Arena saß, an der Spitze der UNO Delegation. Wir leiteten eine Anzahl von Pressekonferenzen separat vor und nach jeder Veranstaltung, in denen ich den Journalisten Interviews gab.
Ich nahm an einem der Podiumsgespräche teil und stellte eine Präsentation zusammen über meine »Erfahrungen bei der Arbeit für die UNO als sehbehinderter Mensch«. Ich wurde in lokalen Radio- und Fernsehprogrammen sowie in Zeitungen groß herausgestellt. Das erinnerte viele Leute an die Artikel, die sie über meinen Blindenhund und mich in Wien gelesen hatten. Viele meiner teilnehmenden blinden Mitmenschen in Japan waren sehr beeindruckt. Eine typische höfliche Anerkennung war: »Sie arbeiten für die UNO? Sie müssen der klügste blinde Mann in der Welt sein.«
Meine tägliche Routine war genau begrenzt mit dem Besuch der Wettkampforte für die verschiedenen beruflichen Fähigkeiten, den Sitzungen und Workshops. Ich ergriff aber die Gelegenheit eines freien Halbtags für die Teilnehmer, um mich zu entspannen und die Stadt Tokio zu erkunden, obwohl, wegen der zeitlichen Beschränkung, in einem sehr beschränkten Umfang. Ich besuchte einige historisch bedeutsame Gebäude, einschließlich Tempel, wo man kleine Glocken kaufen kann, genannt »Glückszauber«. Diese waren äußerst beliebt bei den Damen in Tokio, wie ich speziell beobachtete. Sie befestigen die »Glückszauber« an ihren Armbändern und Handtaschen. Das war ein großer Vorteil für mich, weil ich die Damen, die an mir vorbeigingen und um mich herum jederzeit leicht identifizieren konnte.
Ich schätze die Großzügigkeit und Freundschaft unserer Gastgeber so sehr, dass es mir gelang, einige japanische Redewendungen von meiner Betreuerin zu lernen. Die Zeit war kurz und die Veranstaltung anstrengend, aber befriedigend. Der Zeitpunkt war gekommen, Tokio am Schluss der ersten Internationalen Abilympics zu verlassen. Am Flughafen erzählte mir meine Führerin leidenschaftlich, dass es in der japanischen Sprache zwei kurze Ausdrücke, einen schönen und einen traurigen, gibt, die sie gerne mit mir teilen würde. Ich war natürlich neugierig, diese Ausdrücke kennenzulernen. Mit Tränen in den Augen umarmte sie mich und sagte »Arigato und Sayonara … danke und Auf Wiedersehen«. Genau in dem Moment, in dem sie das ausdrückte, fühlte ich mich so glücklich und doch so traurig, abzureisen.
Zurück in Wien brachte Renate unsere kleine Tochter Esther und Ingo zum Flughafen mit, um mich abzuholen. Unsere Rückreise von Japan hatte sechsunddreißig Stunden gedauert, statt der üblichen siebzehn Stunden auf Grund von Flugverzögerungen. Ingo war so aufgeregt, dass er herumlief und über jeden Gegenstand in der Ankunftshalle sprang. Er zwang die Leute, sich zu schützen, wie sie es bei einem Luftangriff getan hätten. Er war aus Freude außer Kontrolle und verhielt sich, als ob er mich zehn Jahre nicht gesehen hätte, nicht nur gerade zehn Tage. Es brauchte eine Weile, bis er sich beruhigen konnte, damit ich meine Frau und meine kleine Tochter begrüßen konnte. In den nächsten paar Tagen zu Hause bewegte er sich nie sehr weit weg von mir, weil er fürchtete, ich könnte wieder ohne ihn verschwinden.
Ich kehrte ins Büro zurück, um die verstärkten Aktivitäten bezüglich der verbesserten Namensgebung des Internationalen Jahres für Behinderte Personen zu beobachten. Organisationen von behinderten Menschen waren schnell wie die Pilze aus dem Boden geschossen und in vielen Ländern waren nationale Komitees gegründet worden. Diese Entwicklungen spiegeln sich in den Berichten des Beratungskomitees, der Interinstitutionellen Tagung, der Kommission für Soziale Entwicklung und des Wirtschafts- und Sozialrats der Generalversammlung wider. Die allgemeine Forderung der Organisationen behinderter Personen hatte dazu geführt, im Titel das Verhältniswort von durch für zu ersetzen.
Das vorrangige Ziel dieses Jahres war es, den Entwurf eines Dokumentes für die Handlungsweise auf dem Gebiet der Behinderung auszuarbeiten. Aber es wurde bald erkannt, dass dieses ehrgeizige Projekt nicht in nur einem Jahr abgeschlossen werden konnte. Daher entschied die Generalversammlung IYDP bis 1982 zu verlängern, um mehr Zeit zur Verfügung zu stellen, die Arbeit an der Entwicklung eines Weltaktionsprogramms fertig zu stellen.
Mein ursprünglicher Arbeitsvertrag vom Oktober 1980 war auf eine Probezeit von drei Monaten festgelegt und wurde auf weitere neun Monate erweitert bis Ende 1981. Als der Zeitraum des Begehens des IYDP bis 1982 erweitert wurde, wurde der Vertrag dementsprechend verlängert. Er gab mir die Möglichkeit, mit meiner Mitwirkung fortzufahren. Jedoch ereigneten sich diese Verlängerungen nicht ohne Preis. Mit der begrenzten Zahl von zugänglichen Bürogeräten zu meiner Verfügung musste ich die vierfache Zeit und Energie einsetzen, die meine sehenden Kollegen investieren mussten, um gleiche Arbeitsleistungen zu schaffen und abzuliefern.
Jede Vertragsverlängerung im Sekretariat hing von der zufrieden stellenden Ausführung der übertragenen Aufgaben ab, die ich immer zur Überraschung meiner Kollegen vorzüglich meisterte. CSDH war eine Außendienststelle der Hauptabteilung für Internationale Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten. (DIESA) mit dem Stützpunkt im Hauptquartier in New York. Alle Bediensteten und die Verwaltungstätigkeit in Wien mussten in New York geprüft werden, bevor sie bestimmt werden konnten. In vielen Fällen wurden die Genehmigungen nicht rechtzeitig erlangt, zurückzuführen auf die geographischen Entfernung zwischen New York und Wien. Das verursachte mir sehr oft unangenehme Ängste und Enttäuschungen.
1982 erlebte ich eine bedeutsame Umstellung der Bahnverbindung bei meinen täglichen Fahrten zur Arbeit. Die U-Bahnlinie1 wurde bis zur Endstation Kagran verlängert mit einer Zwischenstation bei der UNO City. Die VIC Pendelbusfahrten durch das Stadtgebiet, in dem ich wohnte, wurden eingestellt und die Straßenbahn vor unserer Wohnung durch einen Bus ersetzt, der zwischen Stadionbrücke und Landstraße fuhr.
Aber Ingo passte sich schnell an die neue Routine an, als wir den Bus als Verbindung zur U-Bahn Station Landstraße nahmen. Zum Glück organisierten einige Kollegen aus den Organisationen des VIC großzügig eine Autofahrergemeinschaft um mich und meinen Blindenhund zur und von der Arbeit zu transportieren, wenn immer es notwendig war. Ich selbst machte von diesem Service nur gelegentlich Gebrauch.
Ingo hatte ein starkes Pflichtbewusstsein und duldete keinen Unsinn. Eines Morgens eilten wir die Straße hinauf, um den Bus zu erreichen, als er gerade in der Haltestelle stehen blieb. Wir erreichten ihn zu spät, die Plattform war überfüllt und die Tür schloss sich gerade vor Ingos Nase. Ich fühlte, dass er tief enttäuscht war. Tatsächlich hatten wir den Bus eigentlich nur versäumt, weil die anderen Passagiere unseren Weg zur Tür blockiert hatten. Am nächsten Morgen, als wir an der Bushaltestelle warteten, erblickte Ingo den Bus bei der Ampel quer über der Straße. Als der Bus in die Station einfuhr, erhob er seine Stimme und bellte nach links und rechts. Alle sprangen zurück und waren erschrocken, aber der Weg zum Bus war augenblicklich frei von Leuten. Er führte mich majestätisch in den Bus und drehte sich rasch herum und zwinkerte mit einem Auge, als wollte er sagen: »Okay, Leute, nun kommt an Bord, wenn ihr wollt!« Von da an konnte ich jeden Morgen, wenn der Bus in der Haltestelle stehenblieb, hören, wie die Leute zueinander respektvoll sagten: »Lasst den Hund und seinen Herrn zuerst einsteigen«
Meine Arbeit im Büro wurde ferner durch die Verlängerung des IYDP verstärkt, weil die Generalversammlung am 3.Dezember 1982 das Weltaktionsprogramm annahm und den Zeitraum von 1983 bis 1992 zur UNO-Dekade der behinderten Personen ausrief. Es wurde erwartet, dass das Jahrzehnt einen praktischen Zeitrahmen für die Durchführung des Weltaktionsprogramms auf den nationalen, regionalen und internationalen Ebenen schaffen würde. Die Versammlung bestimmte auch den 3. Dezember jeden Jahres zum Internationalen Tag der Behinderung, um zu helfen, das Thema in den globalen Tagesordnungen am Leben zu halten.
