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Das Leben von Jolanda Spiess-Hegglin, damals frisch gewählte grüne Kantonsrätin, verändert sich im Dezember 2014 auf einen Schlag: Am Morgen nach der Zuger Landammannfeier erwacht sie mit einem unerklärbaren Filmriss und Unterleibsschmerzen. Nach einer Abklärung im Spital werden Strafuntersuchungen eingeleitet, in ihrem Intimbereich wird die DNA zweier Männer gefunden. Zwei Tage später veröffentlicht die Tageszeitung Blick unter der Schlagzeile «Hat er sie geschändet?» Namen und Bilder Spiess-Hegglins und eines SVP-Politikers. Es folgten eine mediale Hetzjagd mit Hunderten von persönlichkeitsverletzenden und diffamierenden Artikeln in verschiedenen Medien und eine anhaltende Welle von Hass im Netz. Medienkonzerne haben mit ihrer persönlichkeitsverletzenden Berichterstattung viel Geld verdient. Spiess-Hegglin wehrt sich gegen dieses Geschäftsmodell, zieht fehlerhafte Medienschaffende vor Gericht – und gewinnt. Bisher haben stets andere ihre Geschichte erzählt. In diesem Buch erzählt Jolanda Spiess-Hegglin sie erstmals selbst.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das Leben von Jolanda Spiess-Hegglin, damals frisch gewählte grüne Kantonsrätin, verändert sich im Dezember 2014 auf einen Schlag: Am Morgen nach der Zuger Landammannfeier erwacht sie mit einem unerklärbaren Filmriss und Unterleibsschmerzen. Nach einer Abklärung im Spital werden Strafuntersuchungen eingeleitet, in ihrem Intimbereich wird die DNA zweier Männer gefunden. Obwohl die Politikerin nachweislich niemanden beschuldigte, veröffentlichte der Blick zwei Tage später unter der Schlagzeile «Hat er sie geschändet?» Namen und Bilder Spiess-Hegglins und eines SVP-Politikers.
Es folgten eine mediale Hetzjagd mit Hunderten von persönlichkeitsverletzenden und diffamierenden Artikeln in verschiedenen Medien und eine anhaltende Welle von Hass im Netz. Medienkonzerne haben mit der persönlichkeitsverletzenden Berichterstattung viel Geld verdient. Spiess-Hegglin wehrt sich gegen dieses Geschäftsmodell, zieht fehlerhafte Medienschaffende vor Gericht – und gewinnt. Bisher haben stets andere ihre Geschichte erzählt. In diesem Buch erzählt Jolanda Spiess-Hegglin sie erstmals selbst.
Jolanda Spiess-Hegglin, geboren 1980, ist Journalistin, Beraterin und ehemalige Zuger Kantonsrätin der Grünen Partei. Einer großen Öffentlichkeit bekannt wurde sie im Dezember 2014 durch persönlichkeitsverletzende Kampagnen in mehreren großen Schweizer Medien, die auf die bis heute ungeklärten Ereignisse an der Zuger Landammannfeier folgten. 2016 gründete Spiess-Hegglin den Verein #NetzCourage, der Betroffene digitaler Gewalt unterstützt und sich für Aufklärung und Prävention einsetzt. Mit der Winkelried & Töchter GmbH berät sie Betroffene von Medienkampagnen. Für ihr Engagement erhielt sie 2021 den Ida-Somazzi-Preis und den FemBizSwiss-Award in der Kategorie Innovation. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zug.
Jolanda Spiess-Hegglin
Limmat Verlag
Zürich
für meine Familie
Vorwort
Zieleinlauf
«Hat er sie geschändet?»
Krippenspiel & Karaoke
Am Anschlag
Stell dir vor, du hast einen Filmriss und die Medien füllen die Lücke
150 Blick-Artikel
Die erfundene Vorgeschichte
Das Klageweib
Medienwandel
Damaged, but not broken
2017: die Zeitenwende
Motten und Licht
39 Strafanzeigen und Abertausende Kommentare
Die Zerstörungsmaschine
Nochmal von vorne
10 Jahre später
Verstörung und Versöhnung
Hätte ich bloß die Klappe gehalten
Projektionsfläche
Stabiler als das Gotthardmassiv
Reto
Tante Frieda
Auf der Watson-Redaktion, als in Zug die Boulevard-Hölle losbrach
Chronologie 2014–2024
Dank
Unsere Gesellschaft ist es gewohnt, dass insbesondere Frauen sich unsichtbar machen oder unsichtbar gemacht werden, sobald es brenzlig und unangenehm wird – auch wenn ihnen Unrecht geschieht. Wehren sie sich trotzdem, wird ihnen Geltungsdrang oder Provokation unterstellt. Diesen Mechanismus wollte ich durchbrechen. Und die Gerichte gaben mir recht. Dieses Recht zu bekommen, hat mich unendlich viel Kraft gekostet.
Noch ist die Schweiz für Profiteure widerrechtlicher, persönlichkeitsverletzender Boulevard-Kampagnen ein Paradies. Menschen medial zu zerstören, hat in den meisten Fällen kaum finanzielle Konsequenzen. Das liegt daran, dass auch bei gröbsten Verfehlungen keine Wiedergutmachung gezahlt werden muss. Bei persönlichkeitsverletzenden Boulevard-Kampagnen ist besonders stoßend, dass sogar die damit erwirtschafteten Gewinne bis heute in der Tasche der Medienkonzerne bleiben. Medienopfer speist man seit eh und je mit einem «Trinkgeld» ab. Gleichzeitig verhinderten Medienverlage bislang mit aller Kraft ein Urteil, das die Herausgabe der Gewinne regeln würde. Denn es leuchtet ein: Muss das mit unfairen und persönlichkeitsverletzenden Kampagnen illegal erwirtschaftete Geld zurückgegeben werden, funktioniert das Modell der Boulevard-Kampagnen nicht mehr. Es ist ein Geschäftsmodell, für das Menschen gejagt werden und bei dem am Schluss die Verleger mit einem Achselzucken reagieren können, sich meist nicht einmal öffentlich entschuldigen. Ein äußerst lukratives, menschenverachtendes Geschäftsmodell, das sich bis jetzt oft erfolgreich hinter so wichtigen Errungenschaften wie dem Journalismus oder der Meinungsäußerungsfreiheit verstecken konnte. Vielleicht kennen Sie den Roman «Die verlorene Ehre der Katharina Blum» von Heinrich Böll (1974). Ich möchte in meinem Buch auch darlegen, was sich bisher an den Umständen, die Böll in seinem Roman beschreibt, im Vergleich zu heute verändert hat. Einen Paradigmenwechsel kann es erst dann geben, wenn mit Persönlichkeitsverletzungen kein Geld mehr verdient werden kann.
Zwei rechtskräftige gerichtliche Grundsatzentscheide zur Gewinnherausgabe gibt es in der Schweiz bereits. Doch es fehlt noch immer das dritte und entscheidende Urteil mit der Berechnungsmethode für unrechtmäßige Gewinne.
Es ist nun zehn Jahre her, seit sich mein Leben von einem Tag auf den anderen vollständig verändert hat. Von der berühmten und millionenfach diskutierten Nacht der Zuger Landammannfeier 2014 ist mir nur ein bis heute nicht erklärter Filmriss geblieben. Meine achtstündige Erinnerungslücke und diejenige eines anderen neu gewählten Zuger Kantonsrats wurden von anderen gefüllt – und werden es bis heute. In Medienschlagzeilen, in Hassblogs, an virtuellen Stammtischen. Ich wurde damals innert Kürze von einer unbedeutenden Zuger Lokalpolitikerin zur meistgeklickten Frau der Schweiz. Mein Leben, das sich bis dahin primär rund um meine Familie und meine Arbeit abgespielt hatte, wurde zu einem öffentlich debattierten Schlachtfeld. Ich wurde zu einer Zielscheibe verschiedenster Interessen und zu einer Projektionsfläche für alles Mögliche. Ich wurde auf der Straße erkannt, ging bald nur noch mit Sonnenbrille einkaufen, mied Veranstaltungen, an denen Journalist:innen anzutreffen waren. Doch es war schwer, mich zu verstecken. Medienschaffende konstruierten täglich abenteuerliche Geschichten über meine Familie und mich, gossen laufend Wasser auf die Mühlen der von ihnen selbst unterstützen Hassgemeinde und befeuerten die virtuellen Fackelzüge auf Social Media und somit die Real-Time-Klickzähler, vor denen sie in ihren Redaktionsbüros saßen.
Zehn Jahre nach dem Ereignis und tausende Artikel, Schmähschriften, Drohbriefe, Hassbotschaften, aber auch ein paar Entschuldigungen von Journalist:innen und dem Zuspruch unzähliger Zeitgenoss:innen später, habe ich einen gewissen Abstand zu den Vorkommnissen gewonnen. Dank diverser Gerichtsprozesse, inzwischen vorliegender Akten und vor allem dank der heilenden Kraft der Zeit kann ich die Angriffe auf mich, die sich zum Teil längst zu regelrechten Glaubensfragen entwickelt und in Hassgemeinschaften verselbständigt haben, inzwischen mit der nötigen Distanz betrachten. Obwohl die direkten Folgen noch immer meinen Alltag mit bestimmen, konnte ich vieles hinter mir lassen. Regelmäßig auf Social Media oder per Briefpost mit dem Hass von Menschen konfrontiert zu werden, lässt mich zwar nicht kalt, doch ich kann darauf mit einer gewissen Gelassenheit reagieren, seit ich verstehe, wie dieser Hass gegen mich entsteht. Zu wissen, dass ein Teil der mächtigen Schweizer Medienkonzerne noch immer am Narrativ der «bösen Täterin» arbeitet und dass ein großer anderer Teil es weiterhin unterlässt, die fehlerhafte Berichterstattung der Konkurrenz zu kritisieren, gibt mir zwar zu denken, macht mich aber nicht mehr nervös. Ich habe gelernt zu unterscheiden, wann eine Reaktion angebracht ist, weil sie juristisch relevant ist, und wann ich all das, was sich täglich an Provokationen und Verletzungen über mir entleert, einfach ignorieren muss. Und ich habe nach zehn Jahren verstanden, welche Mechanismen der Medien wann greifen; zuerst, um maximale Aufmerksamkeit zu generieren, und später, um keinerlei Verantwortung – inhaltlicher oder finanzieller Art – dafür zu übernehmen.
Ich möchte aufzeigen, wie man trotz so einer permanenten emotionalen Belagerung nicht den Kompass verliert. Auch wenn die Nadel zeitweise in alle Richtungen gleichzeitig ausschlägt. Dass mein Vertrauen in unsere Gesellschaft und unser Land intakt geblieben ist, liegt auch an unserem funktionierenden Rechtssystem. Und noch viel mehr an der Solidarität, die mir aus vielen Bevölkerungskreisen entgegengebracht wurde und wird.
Zwei Dinge sind über all die Jahre immer gleich geblieben: die Liebe zu meiner Familie und mein Sinn für Gerechtigkeit. Sie waren vom ersten Tag an die treibenden Kräfte für mein Handeln. Dass ich zu all den Diffamierungen, die über mich als Privatperson geschrieben und gesagt wurden, nicht geschwiegen habe und nicht kommentarlos verschwunden bin, wird auch angetrieben von einem ausgeprägten Schutzbedürfnis unseren Kindern gegenüber. Mein Mann Reto und ich sind beide der Meinung, dass unsere Kinder nicht in einer Welt aufwachsen sollen, in der man solche Ungerechtigkeiten einfach akzeptieren muss. Dass die Ungerechtigkeiten von vermeintlich übermächtigen Gegner:innen begangen werden, heißt nicht, dass man resignieren muss. Dafür kämpfen wir. Und selbstverständlich auch für meine eigene Würde.
Reto und ich haben vor Jahren beschlossen, alles dafür zu tun, dass solche medialen Hetzkampagnen, wie sie gegen mich veranstaltet wurden, kein Geschäftsmodell mehr sein können. Als ich diesen Entschluss nach der Verurteilung und dem netten, aber folgenlosen «Sorry, Jolanda Spiess-Hegglin» durch den CEO von Ringier öffentlich machte, brach eine erneute, bis heute andauernde Welle von Falschanschuldigungen, Verleumdungen und Angriffen über mich herein. Ich sehe diese Angriffe inzwischen allesamt als Versuche, mich und meine Familie doch noch irgendwie zum Aufgeben zu bewegen und das für die Medienbranche entscheidende Urteil zur Gewinnberechnung zu verhindern. Aber dieses Urteil wird kommen und es wird hoffentlich im Sinne zahlreicher ehemaliger und zukünftiger Opfer von Schmutzkampagnen sein. Es wird auch im Sinne des Qualitätsjournalismus sein, wenn es in Zukunft finanzielle Folgen hat, Menschen für ein paar Millionen Klicks in Kampagnen zu verleumden und gegen sie zu hetzen.
Dass ich nach fast zehn Jahren alles aufgeschrieben habe, was in dieser Zeit geschehen ist, hat einen Grund. Die Autorin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou sagte einmal: «Es gibt keine größere Qual, als eine nicht erzählte Geschichte in sich zu tragen». Meine Geschichte seit der Landammannfeier im Dezember 2014 wurde fast ausschließlich von anderen erzählt. Meistens von denen, die ein unmittelbares Interesse daran haben, meine Glaubwürdigkeit zu untergraben und mich als verkommene Person darzustellen. «Nicht erzählte Geschichten trennen uns», geht Elif Shafak in ihrem Essay «Hört einander zu!» noch weiter als Maya Angelou: «Wer seine eigene Geschichte nicht erzählen darf, zum Schweigen gebracht und ausgeschlossen wird, den beraubt man seiner Menschlichkeit. Das trifft die gesamte Existenz. Der eigene Verstand, die Gültigkeit der eigenen Interpretation von Ereignissen, wird infrage gestellt, und eine tiefe, existenzielle Angst wird geschürt. Wenn wir die eigene Stimme verlieren, stirbt etwas in uns.»
Ich möchte gleich vorwegnehmen: Dieses Buch ist kein Rachebuch. Ich möchte darin Vorgefallenes analysieren, erläutern, einordnen und daraus Lehren ziehen. Es ist mir bewusst, dass ich nach zehn Jahren das in vielen Köpfen gefestigte Bild über mich kaum noch ändern kann. Dennoch ist es mir wichtig, diesen Abschnitt, der nicht nur mein eigenes Leben, sondern auch einige andere veränderte, aus meiner Perspektive darzustellen und zu reflektieren. Sei es als Dokumentation für meine Kinder oder als Zeugnis für alle Menschen, denen die Geschichten hinter den Schlagzeilen wichtiger sind und die bereit sind, sich selbst in ihren Meinungsbildungsprozessen zu hinterfragen. Aber auch als Beispiel für all jene, die sich in Zukunft gegen Persönlichkeitsverletzungen durch Falschmeldungen in den Medien und politisch motivierte Verdrehungen und Hassnachrichten auf Social Media wehren möchten.
Sie fragen sich vielleicht, wie mein Mann Reto die letzte Dekade erlebt hat und welche Gedanken ihn während dieser Zeit umgetrieben haben. Im Jahr 2017 hat er sein einziges Interview gegeben. Ausgewählte Antworten aus dem Gespräch finden sich über dieses Buch verteilt zwischen den Kapiteln. Sie sind bis heute gültig. Interviewt wurde Reto vom damaligen Chefredaktor von Watson, Hansi Voigt. Dieser schildert in seinem Text die Vorgänge von damals, als in Zug die Boulevard-Hölle losbrach, aus seiner Perspektive. In der Chronologie am Ende dieses Buches sind die Meilensteine und wichtigsten Ereignisse der letzten zehn Jahre nachzulesen, die dem Verständnis meiner Geschichte dienen.
Die vergangenen Monate veränderten meine Perspektive auf die letzten zehn Jahre und klärten das einst aufgewirbelte, trübe Wasser. Auch, weil ich dazu gezwungen wurde, mich nochmals mit meinem Ich von vor zehn Jahren auseinanderzusetzen. Zum Glück, kann ich inzwischen sagen.
Jolanda Spiess–Hegglin, Oberwil bei Zug, im Herbst 2024
Herr Spiess, Ihre Frau ist als die bekannteste ertappte Fremdgeherin in die Schweizer Mediengeschichte eingegangen und Sie als der «Gehörnte» («Blick»), der seine mediengeile Frau nicht im Griff hat. Was sagen Sie dazu?
Wer sich in gewissen Medien ein Bild von uns gemacht hat, kann das denken. Stimmen tut es deshalb nicht. Es sagt aber mindestens so viel über die Leute aus, wie über die Medien, die sie konsumieren.
Reto Spiess gegenüber Hansi Voigt im Watson-Interview, 2017
Irgendwann hörte ich auf, mitzuschreiben. Bei den vielen Zahlen und Prozentwerten, Formeln und Anteilen kam ich beim besten Willen nicht mehr mit. Der Richter war schon beim dritten Artikel, doch ich hatte noch immer nicht erfasst, was er zum ersten alles aufgezählt hatte. Ich klappte den Laptop zu und konzentrierte mich darauf, wenigstens einigermaßen entspannt zu wirken. Es dürfte mir kaum gelungen sein. Ich blickte zu Rena Zulauf, meiner Anwältin, die neben mir saß. Sie versuchte noch hastig, mit ihrem Kugelschreiber alles auf Papier zu bringen, unterbrach kurz und schaute mich an. Genau so lacht sie jeweils, wenn es gute Nachrichten gibt.
Der Richter sprach noch immer von Zahlen in seinem Ostschweizer Dialekt. In diesem Moment realisierte ich, was in diesem kalten Gerichtssaal in Zug kurz vor Ostern 2024 gerade passierte. Und was das für mich, Reto, meine Familie, die drei Gutachter, die Schweizer Medien, künftige Medienopfer und die Nachwelt bedeuten könnte.
Der Gegenanwalt des mächtigen Ringier-Medienkonzerns, der während des Schriftenwechsels die vier vom Gericht längst als persönlichkeitsverletzend beurteilten Blick-Artikel vehement für durchschnittlich geklickt und nicht gewinnbringend erklärte, schrieb schon länger nicht mehr mit und wippte unter dem Tisch nervös mit seinem Bein. Neben seinem Laptop lag ein ausführliches Gegengutachten von PricewaterhouseCoopers, das Ringier in seine Duplik, also in die Klageerwiderung, eingebaut hatte. Der Anwalt hielt die Arme verschränkt und wirkte niedergeschlagen. Er holte tief Luft, während der Richter weiter vorrechnete und begründete.
Es ging in diesem kargen Raum im Zuger Gerichtsgebäude um die Gewinnherausgabe von vier nachweislich falschen, sexistischen und hochgradig persönlichkeitsverletzenden Blick-Artikeln über mich. Die Besprechung war nicht öffentlich. Sie sollte allen Beteiligten eine Stoßrichtung vorgeben, wie das Gericht das zu erwartende Urteil ausgestalten würde.
Mir fiel auf, dass der Richter, der sich seit einigen Jahren im Rahmen dieses Zivilprozesses mit jeder einzelnen Ziffer und jedem Satz der unfassbaren Masse von Dokumenten, Rechnungen, Herleitungen und Gutachten auseinandersetzen musste, den dritten Blick-Artikel nur «Jolanda Heggli» nannte. Ich fand das einfühlsam und im positiven Sinn bezeichnend. Eigentlich hieß der Artikel «Jolanda Heggli zeigt ihr Weggli». Blick am Abend berichtete darin im Februar 2015 von der Zuger Fasnacht. Geschrieben wurde über johlende Fasnächtler, die sich mit unzähligen von Traktoren durch die Straßen gezogenen Fasnachtswagen mit meinem mehr schlecht als recht nachgebauten riesengroßen Konterfei und Schnitzelbänken über das mutmaßliche Sexualdelikt nach der Landammannfeier 2014 lustig gemacht hatten. Der Artikel an und für sich ist gar nicht so wichtig. Aber er ist ein beispielhaftes Zeugnis dessen, was passiert, wenn man täglich in der Zeitung zum Abschuss freigegeben wird und sich alle Lesenden einen buchstäblichen Reim darauf machen dürfen.
«Jolanda Heggli zeigt ihr Weggli» ist noch aus einem anderen Grund beispielhaft. Eine solche Überschrift wäre heute, zehn Jahre später und vor allem nach #MeToo, undenkbar. Nicht mal mehr in der größten Boulevardzeitung der Schweiz kommt so etwas vor. Mir wurde wieder bewusst, wie viel Zeit seither vergangen ist. Und wie grundlegend sich der gesellschaftliche und mediale Umgang gerade mit mutmaßlichen Sexualdelikten seither verändert hat. Der bürgerliche Richter mit der strengen Brille brachte den vollständigen Titel dieses Blick-Artikels von 2015 einfach nicht über seine Lippen.
Mit der im Moment noch unpräjudiziellen Einschätzung des Gerichts, einer Prognose also, die uns und der Gegenseite betreffend die vier eingeklagten und bereits rechtskräftig als persönlichkeitsverletzend festgemachten Blick-Artikel als Richtwert dienen sollte, entließ uns der Richter in Vergleichsgespräche, für die er uns eine Frist von ein paar Wochen setzte. Sollten wir uns mit Ringier nicht einigen können, würde der Richter noch dieses Jahr ein Urteil innerhalb der soeben ausgeführten Leitplanken fällen.
Ich blickte nach hinten zu Reto. Er machte ein furchtbar ernstes Gesicht. Doch das war eine Tarnung. Er macht das immer dann, wenn er sich sehr darauf konzentrieren muss, dass man ihm keinesfalls anmerkt, was er denkt. Sein Blick nach oben aus dem Fenster und seine zu einem Giebeldach geformten Augenbrauen haben ihn für Kennerinnen wie mich aber verraten. Reto wich nicht erst in den letzten zehn Jahren nie von meiner Seite. Er war und ist während jedes Sturms mein sicherster Hafen. Hätte ich ihn nicht gehabt, wäre ich heute nicht mehr hier.
Wer eine Tankstelle überfällt, wird dafür bestraft. Zusätzlich zur Buße muss das Deliktsgut retourniert werden. Den entwendeten Vodka und die erbeuteten Zigaretten darf kein Delinquent für sich behalten. Logisch. Bei persönlichkeitsverletzenden Medienkampagnen gilt dasselbe Prinzip, der Ertrag steht dem Opfer zu. Juristisch nennt man das ziemlich trocken «Geschäftsführung ohne Auftrag». Der Gewinn kann abgeschöpft werden, falls geklagt wird, was aber so gut wie nie passiert. Willy Schnyder, der Vater der Tennisspielerin Patty Schnyder, den der Blick als «Tennis-Taliban» bezeichnet hatte, hat vor bald zwanzig Jahren ein Bundesgerichtsurteil mit dem Grundsatzentscheid erkämpft, dass fehlbare und verurteilte Medien ihren Ertrag nach Abzug der direkten Kosten der betroffenen Person erstatten müssen. Zu Ende geklagt hat aber auch Schnyder nicht. Es kam zu einem außergerichtlichen Vergleich mit dem Ringier-Konzern, also einem Rückzug der Klage gegen eine angemessene Zahlung, ohne ein rechtsgültiges Urteil über die höchst komplizierte Gewinnherleitung. Bis heute kamen Boulevardmedien stets mit einem dem Opfer gezahlten «Trinkgeld» in Form einer außergerichtlichen Einigung davon. Zurück blieb eine ganze Reihe von Medienopfern: der «Tennis-Taliban» Schnyder mit seinen angeblich krummen Geschäften, die in Wirklichkeit nicht krumm waren; der Hinterbliebene nach dem Vierfachmord in Rupperswil, der die vier liebsten Menschen seines Lebens verloren hatte und zu Unrecht als Täter verdächtigt wurde; der angebliche Betreiber eines «Folter-Camps» in Spanien, der im Nachhinein nichts falsch gemacht hatte; der Millionenerbe Carl Hirschmann, angezeigt von einer Frau, die später einräumte, aufgrund medialen Drucks falsch ausgesagt zu haben; der zum Vergewaltiger gestempelte Jörg Kachelmann, dessen Ex-Geliebte rechtsgültig wegen Falschbeschuldigung verurteilt wurde. Oder das «Monster im Sondersetting» mit dem Decknamen Carlos. Oder der Badener Stadtammann mit seinen Nacktfotos, die eigentlich nur eines sind: privat und ganz sicher nicht öffentlichkeitsrelevant. Oder der Schweizer Botschafter in Berlin mit der Geliebten, die vom SonntagsBlick für ihre Falschaussagen ordentlich bezahlt wurde, wie sich später herausstellte.
Begründet werden diese medialen Hetzjagden mit angeblich öffentlichem Interesse. Dieses wird von den Gerichten aber im Nachhinein meistens als nicht öffentlich eingestuft und das Medienhaus dementsprechend verurteilt. Nur nimmt die Leser:innenschaft von den Urteilen, die Jahre später folgen, kaum noch Kenntnis. Die Namen der Menschen, die widerrechtlich von den Medien fertiggemacht wurden, gingen im besten Fall nach einer Weile wieder vergessen. Wirklich rehabilitiert wurden sie in der Öffentlichkeit nie.
Bei krassem Missbrauch der Medienmacht wie in meinem Fall bleibt es für die Opfer kaum je bei nur einer einzelnen Persönlichkeitsverletzung. Wenn es läuft und klickt, geht man in Serie. Aber wer klagt schon mehrere Artikel einzeln durch? Inzwischen hat das Bundesgericht das wegweisende Urteil «Hirschmann II» gefällt, das Folgendes besagt: Wenn mehrere einzelne Artikel grundsätzlich persönlichkeitsverletzend waren, so ist die ganze Kampagne entsprechend einzuschätzen. Das bedeutet nichts anderes, als dass die betroffene Person den unrechtmäßig erzielten Gewinn der gesamten unlauteren Kampagne zurückfordern kann. Und auf notorisch persönlichkeitsverletzenden Kampagnen beruht letztlich ein großer Teil des bis heute höchst lukrativen Businessmodells der großen Boulevardmedien weltweit.
Was nach Schnyder und Hirschmann juristisch noch fehlt, ist das dritte und entscheidende Stück des Puzzles: die Herleitung, die eigentliche Formel, mit der man die Höhe des herauszugebenden Gewinns berechnen kann.
Führt man sich einmal die möglichen Auswirkungen für klickgetriebene Titel vor Augen, wird klar, weshalb gerade die Medienhäuser, die neben Qualitätsmedien auch Boulevardblätter herausgeben, dieses Thema nicht anfassen wollen und es tunlichst vermeiden, darüber zu schreiben. In der Schweiz äußerte sich einzig Eric Gujer, Chefredaktor der in puncto Boulevard-Mechanismen unverdächtigen NZZ dazu: Habe meine Klage Erfolg, wäre das ein «scharfes Schwert»1 für die Branche respektive deren Opfer. Ich habe das erst verstanden, als ich mich näher mit den Klick- und Ertragszahlen auseinandergesetzt habe.
Auch aus der Sicht einer Betroffenen war mir lange nicht klar, weshalb noch nie jemand ein Gewinnherausgabe-Urteil nach persönlichkeitsverletzenden Presseartikeln erkämpft hat, schließlich war ich ja nicht das erste Medienopfer der Welt. Die Antwort ist so simpel wie ernüchternd: Betroffene von illegalen, vernichtenden Medienkampagnen sind machtlos, weil es lange Zeit kaum zu beweisen war, wie viel Gewinn mit ihrem Namen unrechtmäßig erzielt wurde. Die Verlagshäuser konnten sich bei fehlbaren Zeitungsartikeln immer hinter der plausiblen Behauptung verstecken, man wisse nicht, wie viele Exemplare des Blattes am Kiosk wegen eines einzelnen Artikels verkauft wurden. Somit sei eine Gewinnabschöpfung für einen einzelnen Artikel gar nicht möglich. Da solche Zivilprozesse Jahre dauern und ein Vermögen kosten, war das Risiko, am Ende komplett ruiniert zu sein, für Betroffene schlicht zu groß.
Doch heute, in der digitalen Welt, in der alles messbar ist, stimmt das nicht mehr. Online werden die Aufrufe jedes einzelnen Artikels registriert. Diese Klicks dienen den Redaktionen als Anhaltspunkt für das Leser:inneninteresse. Im Umfeld dieser Artikel wird Werbung ausgespielt. Und diese Werbung wird dann, wieder über die gemessene Anzahl Einblendungen, den Werbekunden verrechnet.
Die Klickzahlen, die Anzahl Werbeflächen im Umfeld der Artikel und deren Verkaufspreise haben wir gerichtlich von Blick herausgeklagt. Die entsprechenden Daten wurden uns letztes Jahr ausgehändigt. So konnten wir den Online-Ertrag berechnen. Und dank eines exzellenten Teams aus Branchenkenner:innen konnte hergeleitet werden, wie sich der Online-Gewinn für den einzelnen Artikel wiederum anteilsmäßig auf den Erlös von gedruckten Zeitungen adaptieren lässt. Es ist ein Glücksfall, dass wir so kompetente Unterstützung von Menschen gefunden haben, die sich in diesem Zahlendschungel zurechtfinden. Ein Glücksfall war dabei auch der CEO von Ringier. Er bestätigte die Herleitungen der Gutachter, indem er sich in einem Interview im Branchenmagazin Schweizer Journalist:in öffentlich erinnerte, dass im Jahr 2015, als die Kampagne gegen mich auf Hochtouren lief, bei Blick «die digitalen Werbeumsätze erstmals höher waren als alle Werbeumsätze zusammen im Print»2.
Mit der Etablierung eines Herleitungsmechanismus über die Abrufzahlen einzelner Artikel wird es einfacher, widerrechtliche Gewinne zurückzufordern. Das ist wichtig für alle zukünftigen Betroffenen. Noch wichtiger ist aber, dass es sich für Boulevardmedien wohl bald nicht mehr lohnen wird, für Klicks Menschen fertigzumachen. Jeder Journalist, jede Journalistin wird sich Gedanken machen müssen, ob einerseits stimmt und andererseits relevant ist, was er oder sie verbreitet, oder ob am Schluss der Gewinn an das Opfer einer Kampagne retourniert werden muss. Journalist:innen sind der handwerklichen Präzision verpflichtet, der journalistischen Verantwortung, der Berufsethik, nicht den Klicks, die man braucht, um möglichst viel Geld zu verdienen. Die neue Möglichkeit zur Ermittlung der Gewinnherausgabe hat nichts mit dem Einschränken von Pressefreiheit zu tun, im Gegenteil. Falsche, unglaubwürdige und justiziable Artikel braucht niemand, sie sind sogar gefährlich. Sie schaden dem Ansehen der gesamten Branche und der Glaubwürdigkeit der vierten Gewalt und letztendlich auch der Demokratie.
Und jetzt, zehn Jahre nach den ersten Artikeln, die über mich erschienen sind, wird es gefällt. Das Urteil, das die Branche verändern wird und – wenn man den Blick von heute mit dem Blick von damals vergleicht – bereits verändert hat.
1oe1.orf.at/artikel/660014/Eine-Frau-allein-gegen-den-Boulevard
2«‹Blick› ist nicht mehr Boulevard», Schweizer Journalist:in, Oktober 2022, S. 22 ff.,26
Wie oft haben Sie Ihrer Frau schon gesagt, dass sie jetzt endlich mal Ruhe geben soll, damit Gras über die Sache wächst?
Ich finde keineswegs, dass man Gras über die Sache wachsen lassen sollte. Über eine Sache zu reden ist im Interesse der Opfer. Wir gehen vielleicht unterschiedlich vor, aber wir kämpfen beide. Jolanda vielleicht etwas laut in den Medien, ich leise und direkt.
Reto Spiess gegenüber Hansi Voigt im Watson-Interview, 2017
Es war Heiligabend 2014. Ich stand vormittags am Küchentisch mit dem iPad in der Hand, mein Mobiltelefon war noch bei der Polizei in der Forensik. Den Link zum Blick-Artikel bekam ich von Freund:innen und Bekannten, aber auch von wildfremden Menschen aus der ganzen Schweiz über Messenger oder per E-Mail zugeschickt. Immer und immer wieder.
Die Schlagzeile «Hat er sie geschändet?» auf der Frontseite des Blicks schlug am Morgen des 24. Dezembers 2014 mit einer gewaltigen Wucht in unser Leben ein und löste ein heftiges Erdbeben aus, dem höchstens Gebirgszüge aus Granit standhalten würden. Und nach dieser Schlagzeile würde nichts mehr sein wie zuvor.
Neben der Schlagzeile «Hat er sie geschändet?» waren sowohl mein Gesicht als auch dasjenige eines Zuger SVP-Politikers abgebildet. In dem Artikel wurde wild spekuliert über die Ereignisse an der Landammannfeier, die vier Tage zuvor stattgefunden hatte. Es stand ein mutmaßliches Sexualdelikt im Raum, was der Blick durch seine Berichterstattung öffentlich machte.
Ich glaube, ich starrte den Artikel minutenlang an. Nach wiederholtem Lesen der ersten Abschnitte des Artikels – ich schaffte es nicht bis zum Schluss – scrollte ich nach unten und sah die bereits nicht mehr zählbaren negativen, ja wütenden Reaktionen. Über tausend Mal war bereits auf den Daumen-runter-Button geklickt worden. Dann sah ich die vielen Leser:innenkommentare und quälte mich Wort für Wort durch die Kommentarspalte. Dort machte man sich abwechselnd über mich lustig, beschimpfte mich oder äußerte sexualisierte Fantasien. Der geballte Hass traf mich wie ein Dolchstoß.
Ich überwand mich dazu, weiterzulesen. Schon bald stockte ich wieder. Immer wieder wurde über eine «Captains Lounge» gewitzelt. Da soll es passiert sein. Wo diese Lounge war, stand nirgends. Ich wusste nicht, wo ich nach Mitternacht gewesen war. Aber anscheinend wusste es die ganze Schweiz. Und nicht nur das: An den Stammtischen dieses Landes schienen die Meinungen zu meiner Person bereits gemacht.
Noch am selben Tag deckten wir unsere Fenster und die Tür mit Bettlaken ab, damit die Reporter:innen, die um unser Haus schlichen, nicht in die Wohnung blicken konnten. Nachdem erste Morddrohungen eingegangen waren, platzierte sich auch die Polizei im Quartier. Zum Glück waren die Kinder bei meinen Eltern. Ich war verängstigt, und wir erhielten von verschiedenen Seiten den dringlichen Rat, die Festtage an einem anderen Ort zu verbringen. Aber wir wollten an unseren Weihnachtsplänen festhalten. Es war uns wegen der Kinder wichtig, das Fest wie immer zu feiern. Ihnen gegenüber schien es uns das einzig Richtige, so zu tun, als sei alles normal.
Am späten Nachmittag brachen wir zur Weihnachtsfeier in der Kirche auf, wo sich wie jedes Jahr die ganze Familie traf. Es ist ein fixes Ritual, das uns sehr viel bedeutet. So stand es für mich an diesem Abend außer Frage, dass wir den Gottesdienst um 17 Uhr besuchen würden, zumal unser Ältester, der sieben Jahre alt war, im Krippenspiel den Josef spielte. Alle waren bereits in der Kirche, während ich draußen auf dem Kirchplatz stand und mit einem befreundeten PR-Profi, den ich beruflich kannte, telefonierte und die Situation besprach. Seine faire, aber dezidierte Art im Umgang mit Problemen hatte mir immer zugesagt, sodass ich ihn nun in meiner Not kontaktierte. Er unterstützte mich für einen Facebook-Post, in dem stand, dass ich über die Festtage etwas Ruhe brauche, und er empfahl mir, einen Kommunikationsberater zu engagieren.
Als ich die Kirche betrat, drehten sich alle nach mir um: Eltern von Schulkolleg:innen unserer Kinder, Nachbarn. Ich sah Entsetzen in ihren Augen. Der Gemeindeleiter sprach in seiner Predigt von Zusammenhalt und dass wir zueinander Sorge tragen sollten. Irgendwie bezog ich das auf mich. Es gab mir Kraft, und ich spürte in der Pfarrkirche dieser Zuger Vorortgemeinde mit den weitherum bekannten Fresken von Ferdinand Gehr eine wärmende, eindrückliche Solidarität.
Das Aufrechterhalten der Normalität war uns sehr wichtig. So anstrengend es auch war, diese Strategie erwies sich als entscheidend und richtig für all das, was noch auf uns zukommen würde. Nach dem Gottesdienst in der Kirche kamen wie jedes Jahr meine Eltern zu Besuch, und wir feierten zusammen mit einem prachtvollen Weihnachtsbaum, Geschenken und einem Fünfgangmenü, das Reto über Tage vorbereitet hatte. Als meine Eltern nach der Feier gegangen waren, realisierten Reto und ich erstmals, dass wir uns in einer Art Schockstarre befanden. Wir funktionierten mechanisch, konnten uns aber tatsächlich kaum bewegen.
Die Polizei befand sich vor dem Haus, ebenso die Blick-Reporter:innen, die uns permanent telefonisch zu erreichen versuchten. Wir konnten kaum schlafen und blieben am Morgen des Weihnachtstages länger im Bett liegen, während die Kinder mit ihren Geschenken spielten. Unsere Tochter hatte sich ein Mikrofon mit einem Verstärker gewünscht, in das sie Weihnachtslieder aus dem Kindergarten trällerte. Ich höre sie aus ihrem Zimmer singen, als ob es gestern gewesen wäre. Unser Zweijähriger kurvte euphorisch mit seinem neuen, blauen Trettraktor im Wohnzimmer herum, und unser Ältester regelte in seinem Ordnungssinn als Polizist mithilfe einer neuen, metergroßen Plastikampel den Verkehr. Von diesem Weihnachtsmorgen, dem 25. Dezember 2014, gibt es selbst gefilmte Videoaufnahmen von den Kindern: Freudig spielen sie mit ihren Geschenken, man hört den siebenjährigen Ordnungshüter feststellen: «S wär grüen!», der Zweijährige am Steuer tritt mit seiner fünfjährigen Schwester im Traktoranhänger kräftig in die Pedale, während mein Mann und ich hinter verschlossener Zimmertüre vor Verzweiflung fast sterben.
Wenn ich diese Bilder heute sehe, bricht es mir das Herz, gleichzeitig bin ich unendlich erleichtert zu sehen, wie wir die Kinder offenbar vor diesem Unwetter schützen konnten, das über unsere Familie hereingebrochen war.
Kann man die Kinder schützen?
Wir mussten den Kindern erzählen, dass etwas Schlimmes passiert ist und dass sie nicht glauben sollen, was in der Zeitung steht. Dem Ältesten haben wir eingeschärft, dass er keine Artikel lesen soll, die über seine Mama geschrieben werden. Wenn er etwa im Bus sieht, dass in «20 Minuten» etwas geschrieben wurde, soll er es zu uns bringen und dann schauen wir es gemeinsam an.
Was passiert an der Schule? Was erzählen andere Kinder?
Wir haben mit den Lehrpersonen ein Vorgehen definiert. Ich glaube wir würden hören, wenn es zu Vorfällen oder Mobbing käme.
Würden Sie sich, nach der gemachten Medienerfahrung, freuen, wenn eines Ihrer Kinder Journalist werden will?
Das wäre sicher ein sehr verantwortungsvoller Beruf. Aber so wenig, wie ich meiner Frau vorschreibe, was sie anziehen soll, sage ich meinen Kindern, was sie werden sollen. Das ergibt sich. Hauptsache, sie werden glücklich.
Reto Spiess gegenüber Hansi Voigt im Watson-Interview, 2017
In den Wochen und Monaten nach der Landammannfeier ging es für mich ums Überleben. Ich schwebte wie in Watte gepackt durch die Tage. Draußen war ich selten, höchstens, um den Müll runterzutragen, die Post ließ ich im Briefkasten, bis sich irgendwann der Hauswart erkundigte, ob alles in Ordnung sei. Es war gar nichts in Ordnung. Ich war müde, konnte aber nicht schlafen. Ich hatte mein Zeitgefühl verloren, vergaß tagelang, etwas zu essen, verlor innerhalb von drei Wochen zehn Kilogramm Gewicht. Es war eine Zeit zum Vergessen. Wenn da nicht die Kinder gewesen wären. Einerseits haben sie mich am Leben erhalten. Andererseits war ich für sie inexistent. So gerne ich mich der Ohnmacht widerstandslos ergeben hätte, Reto ging es gleich wie mir. Schon am zweiten Weihnachtstag trafen wir eine Abmachung. Ein Tag er, ein Tag ich, aber nie gleichzeitig. Wenn er sich im schwarzen Loch befand, musste ich funktionieren. Das klappte gut, ich musste mich einfach dazu zwingen, nicht nachzudenken. Für die Koordination der Kinderbetreuung oder für minimale Unterhaltungsselbstläufer der drei Kinder reichte es gerade. Und jeden zweiten Tag konnte ich mich komatös verhalten. An diesen Tagen verließ ich meist nicht mal das Bett. Und wenn, dann gab es Beruhigungsmittel zum Frühstück.
Ich geriet in diesen Strudel der Ereignisse, ohne auch nur im Geringsten zu ahnen, wie mir geschah, ohne sein Ausmaß und die Dynamik abschätzen zu können. So blieb ich vorerst im Glauben, dass ich das selbst wieder in Ordnung bringen könne. Nach der Schockstarre wechselte ich in den Kampfmodus und war der festen Überzeugung, dass irgendwann der Kippmoment eintreten und alle realisieren würden, was hier schieflief. Ich dachte, ich müsse mich nur vehement genug wehren, indem ich durchhalte und alles richtigstelle. Daran hielt ich mich fest. Es war der Antrieb für all meine Aktivitäten.
Schweigen war für mich nie eine Option, obwohl mir fast alle dazu rieten: «Wandere aus, zieh dich zurück, schweig», lauteten gut gemeinte Ratschläge. «Halte dich einfach still, dann wird diese Geschichte verebben und niemand wird sich daran erinnern», teilte man mir ungefragt mit. Aber das wollte ich nicht: Mich nicht zu wehren, hätte für mich bedeutet, mich aufzugeben und all jenen recht zu geben, die falsche Behauptungen über mich in die Welt setzten. Außerdem war mir aufgrund meiner langjährigen Tätigkeit als Journalistin bewusst, dass sich eine falsch erzählte Geschichte so festigen kann, dass sie am Schluss unverrückbar bleibt.
All das hätte mir erspart bleiben müssen. Es wäre die Pflicht eines jeden Medienschaffenden gewesen, gründlich zu recherchieren oder die Ergebnisse der Untersuchungen abzuwarten, anstatt die mediale Jagd auf mich weiter anzutreiben. Insbesondere rechtspolitischen Kreisen kamen die vielen journalistischen Unterlassungen gerade recht. Gebetsmühlenartig wurde wiederholt, ich hätte den SVP-Politiker bewusst verführt und dann falsch beschuldigt, um meine Ehe zu retten.
Das Jahr war noch nicht um, doch ich war am Ende. Ich konnte nicht mehr klar denken. Der Kommunikationsprofi konnte immerhin den größten Mist abfedern. Fortan war er über Wochen damit beschäftigt, Behauptungen richtigzustellen und Gerüchte zu dementieren. Für mich war es zu dieser Zeit überlebenswichtig, dass mir jemand die aggressiven Schreibkräfte vom Leib hielt, denn sie waren überall. Als ich dachte, restlos alle Telefonnummern der Blick
