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In dieser erfrischend verfassten Biografie schildert der Autor, wie er seine schulischen Misserfolge als Sitzenbleibers ohne Volksschulabschluss erlebt und bewältigt hat. Er zeigt auf, wie er sich als ursprünglicher Schulversager in der Fremde durchlaviert, seine Bildungslücken schließt und mit 30 Jahren das Studium der Tiermedizin beginnt. Nach seiner Ausbildung zum Tierarzt spezialisiert er sich auf dem Sektor der Reproduktionsbiologie (künstliche Besamung, Embryotransfer und assoziierte Techniken), avanciert zum promovierten Fachtierarzt und arbeitet als tierärztlicher Leiter auf einer Besamungsstation. Als Entwicklungshelfer erstrecken sich seine Einsätze (Kurse, Vorträge, Seminare, Gutachten zu Tierzuchtprojekten) von Südafrika bis Fernost. Dazu ist er wissenschaftlich tätig als Fachbuchautor, externer Gutachter für die Universitäten Bonn und Leipzig sowie als Autor wissenschaftlicher wie populärwissenschaftlicher Publikationen und Vorträge. Die ehrliche und humorvolle Beschreibung seines ungewöhnlichen Werdeganges vermittelt einen Einblick in die, durch Frust und Freude geprägte, Strategie eines Einzelgängers. Schließlich erfährt der Leser noch, wie es den Autor nach Jahrzehnten in der Ferne wieder heim an den Ort seiner schmerzlichen Misserfolge zog.
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Seitenzahl: 196
Veröffentlichungsjahr: 2016
Albert Görlach
Memoiren eines Sitzenbleibers
Zur leichteren Identifikation ist der fragwürdige Held auf einigen der Fotos markiert.
Copyright: © 2015 Albert Görlach
Umschlag & Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
978-3-7345-0253-8 (Paperback)
978-3-7345-0254-5 (Hardcover)
978-3-7345-0255-2 (e-Book)
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Gewidmet meiner Enkelin ALEXANDRA
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Kapitel: Klassenziel nicht erreicht
2. Kapitel: Weg von zu Hause
3. Kapitel: Mein korrigierter Schulabschluss und Fachschulbesuch
4. Kapitel: Im Goldenen Westen
5. Kapitel: Mit Frust und Aggression zur Hochschulreife
6. Kapitel: Endlich ordentlich Studierender
7. Kapitel: Neuer Beruf, neues Glück
8. Kapitel: Aufbruch in neue Biotechniken
9. Kapitel: Meine fehlgeschlagenen oder nur halb erfüllten Aufträge und Projekte
10. Kapitel: Untaten und Blamagen
11. Kapitel:
Vorwort
Dass ich gerne die Bitte des Verfassers dieser Memoiren, das Vorwort zu schreiben, erfüllt habe, hat verschiedene Gründe. Einmal habe ich kapitelweise, so wie sie entstanden, als Dank für unschätzbare computertechnische und bildbearbeitende Hilfe Korrektur gelesen, wodurch ich mit dem Inhalt und deshalb auch mit dem Leben meines Freundes so sehr vertraut geworden bin, dass ich den Fortgang des Werkes auch zu meiner Sache machte. In den vielen Gesprächen über einzelne Abschnitte habe ich seine Lebensleistung schätzen gelernt. Zum anderen habe ich ungewollt und unwissentlich den Anstoß gegeben, dass Albert mit seinen Erinnerungen, die ursprünglich nur für einen eng begrenzten Kreis gedacht waren, an die Öffentlichkeit ging. Denn auf der Feier seines 70. Geburtstages im Jahre 2007 zitierte ich arglos einige Passagen, um Abschnitte aus seinem Leben zu erläutern. Dass er dadurch sich ermutigt fühlte, seine Memoiren in Buchform herauszugeben, erfüllt mich mit großer Freude. Schließlich ist Albert der lebende Beweis für die Richtigkeit meiner Meinung, die ich als Lehrer immer vertreten habe: Die Schule ist nicht alles. Im Leben danach sind Interesse, Unternehmungslust, Fleiß, Zähigkeit und Zielstrebigkeit wichtige Faktoren.
Seine berufliche Karriere, die ich mit dem Titel „ET-Papst“ zu kennzeichnen pflege, ist Folge und Ergebnis eines höchst berechtigten Selbstbewusstseins. Während andere peinlich bemüht sind, eine Nichtversetzung mit dem Mantel des Schweigens zuzudecken, nimmt er schulisches Scheitern sogar in den Titel seiner Autobiographie: „Memoiren eines Sitzenbleibers“. Diese ungewöhnliche Formulierung kann er sich leisten im Hinblick auf sein imponierendes Lebenswerk.
Als „Pate“ dieser Memoiren wünsche ich dem Buch freundliche Aufnahme hüben und drüben der ehemaligen Zonengrenze als Beispiel eines mutigen und erfolgreichen Aufbrechens aus einem unfreien und überwachenden Staat in ein freies, der Selbstverwirklichung Raum gebendes Land.
Walter Froleyks
1. Kapitel: Klassenziel nicht erreicht
In der acht Klassen zählenden Volksschule meines Heimatdorfes Körner in Thüringen bin ich zweimal sitzen geblieben. Das erste Mal in der fünften und das zweite Mal in der siebten Klasse. Als ich das erste Mal nicht versetzt wurde, war das eine schlimme, schlimme Sache für mich, und ich hätte damals nicht nur alles für meine Versetzung gegeben, was ich zu geben im Stande gewesen wäre, sondern hätte auch bedingungslos jeden bedenklichen Scheck auf meine Zukunft unterschrieben, wäre ich dafür nur versetzt worden. Der Teufel war an meiner kleinen Seele offenbar nicht interessiert oder er hat mich übersehen, denn sonst hätte er mit mir ein Geschäft machen können.
Dass es mit dem Sitzenbleiben seine Richtigkeit hatte, zweifelte außer mir selber sicherlich niemand an. Deshalb nutzte es mir auch nichts, als ich nach den Schulferien in meinem alten Klassenraum erschien, dass ich meinen bis dahin angestammten Platz wie selbstverständlich einnahm und mich nicht vom Fleck rührte, als ich in die andere Klasse umziehen sollte. Am Ende musste ich dann aber doch nachgeben, und ich erinnere mich gut, wie mich zwei Klassenkameraden eine Treppe nach unten begleiteten, wo mir mein neuer Platz in einer Klasse zugewiesen wurde, in die ich um nichts in der Welt wollte. Das war für mich sehr demütigend, aber mit den Jahren hat sich der Schmerz langsam verflüchtigt, und heute nach über einem halben Jahrhundert ist nur noch die Erinnerung daran geblieben. Schade, schade, dass ich nicht ahnen konnte, dass das Sitzenbleiben und die Prognosen zu meiner Zukunft so wie auch die Beurteilungen meiner damaligen Lehrer immer unwichtiger und schließlich ganz und gar bedeutungslos werden sollten. Es war damals auch kein Trost für mich, dass Franz1, ein Klassenkammerad, mit dem ich eingeschult worden war, wie ich die Versetzung in die sechste nicht schaffte. Wie bedrückend es für ihn war, habe ich entweder nicht erfahren oder vergessen, obgleich ich mich gut an ihn erinnern kann.
Zugetragen hat sich das alles in der „Neuen Schule“ von Körner, in die ich ging, seit ich in die fünfte Klasse versetzt war. Die ersten vier Jahre hatte ich in der „Alten Schule“ absolviert, wo ich eingeschult worden war. Die „Alte Schule“ liegt nur ein paar hundert Meter von der „Neuen Schule“ entfernt und vis-a-vis der alten Dorfschmiede. Von unserem Klassenzimmer aus konnten wir hinüber auf den Hof der Schmiede sehen und gerne habe ich dort den Blasebalg gezogen, der das Feuer anfachte. Dem alten Schmied, der wie ich mit Vornamen Albert hieß, fühlte ich mich sehr verbunden und im Stillen glaubte ich, einen Freund an ihm zu haben. Manchmal wenn ich in die Schmiede kam, schickte er mich in den Konsum, eine Flasche Franzbranntwein holen, trank zuerst ein paar Schluck aus der Flasche und ließ sich dann von mir das Kreuz damit einreiben. So sehr mich damals auch der gleichzeitige Gebrauch dieser Medizin zur inneren und äußeren Anwendung wunderte, so gut weiß ich jetzt, dass der „Spiritus Vini galici“, eigentlich nur für die äußere Anwendung bei Kreuz und Muskelschmerzen gedacht ist, aber missbräuchlich manchmal auch zur „inneren Therapie“ Verwendung findet. Der alte Schmied, der im Orte wohl geachtet und beliebt war, ist mir damals zum Vorbild geworden, so dass ich meinte, es ihm später gleich tun zu sollen; ich wollte Schmied werden. Aber durch unsere spätere Zwangsaussiedlung von Körner habe ich ihn aus den Augen verloren und irgendwann erfahren, dass er immer mehr dem Alkohol zusprach und am Ende daran zugrunde ging. Geblieben ist mir ein dankbares Gedenken an ihn und dass ich mich in meinem Erwachsenenleben oft als Grob- und Kaltschmied versucht habe, wenn etwas repariert werden musste.
Blick auf den Hof der Schmiede vis-a-vis der alten Schule
„Sitzenbleiber“ war von nun an mein Spitzname, der zwar für eine ganze Weile aktuell war, aber schließlich von meinem viel populäreren Titel, nämlich „Mondkalb“ abgelöst wurde. So war ich dann für meine alten wie neuen Klassenkammeraden eine ganze Weile einmal der Sitzenbleiber und ein andermal das Mondkalb, bis ich schließlich das Sitzenbleiben ausgesessen hatte. Mit den zwei genannten Titeln: Sitzenbleiber und Mondkalb sollte die Reihe der mir verliehenen Auszeichnungen noch nicht zu Ende sein, doch die mir später verliehenen Prädikate waren für mich weniger bedeutungsvoll, und einige erfüllten mich sogar mit heimlichem Stolz. Denn in meinem Erwachsenenleben meinte ich, mit dem einen oder anderen Spitznamen so etwas wie Anerkennung zu erfahren, und außerdem heißt es ja auch: Liebe Kinder haben viele Namen.
Zur Deutung der mir verliehenen „Auszeichnungen“ brauchte ich keine Fantasie, denn Sitzenbleiber spricht für sich und zumindest damals empfand ich es als arges Schimpfwort. Was ein Mondkalb ist, wusste ich zwar nicht, fühlte aber die Diskriminierung und litt darunter. So war Mondkalb schließlich auch die für mich verletzendste Bezeichnung, die mir eine Lehrerin verpasst hatte. Warum ausgerechnet Mondkalb, habe ich nie erfahren. Dabei wusste sie wahrscheinlich so wenig wie ich, was sich dahinter verbirgt und was sie mir damals damit angetan hat. Ich habe schließlich auch erst als Student der Tiermedizin in einer Pathologievorlesung erfahren, dass ein neugeborenes Kalb mit verschiedenen Ausprägungen der Wassersucht landläufig als Mondkalb bezeichnet wird. Es zählt neben anderen von der Norm abweichenden Erscheinungsformen zu den Missgeburten, die man früher dem schädlichen Einfluss des Mondes zuschrieb. In der tiermedizinischen Pathologie ist es als angeborene totale Hautwassersucht unter der Bezeichnung „Hydrops congenitus universalis“ näher beschrieben.
Viel später, als ich das mit dem Mondkalb längst verschmerzt hatte und für meinen Computer ein Passwort, wie z. B. bei Bank- und Internetgeschäften, ein Codewort brauchte, ist Mondkalb zu meinem Lieblingsgeheimwort geworden. Dabei war bei Internetgeschäften dieser eigentlich ungewöhnliche Begriff manchmal schon vergeben, so dass ich nur mit fehlerhafter Schreibweise oder mit numerischer Ergänzung das Wort dennoch als Geheimcode benutzen konnte. So erhalte ich jetzt manchmal automatisch geschriebene e-Mails zu Internetangeboten mit der Anrede: „Hallo Mondkalb“. Auch hat mich mein Sohn und einziger Nachkomme Robin, wenn er richtig sauer auf mich war, schon als kleiner Junge manchmal Mondkalb geheißen. Denn er wusste aus Erzählungen von meiner unrühmlichen Schulzeit und dass Mondkalb als Beschimpfung taugt. Mit Repressionen meinerseits musste er deshalb nicht rechnen, weil ich ihn sehr lasch und antiautoritär erzogen habe, wenn man meine Anleitung fürs Leben überhaupt als Erziehung bezeichnen konnte. Er ist schließlich auch erst als Sitzenbleiber „zu Ehren“ gekommen, bevor er sich auf ein Hochschulstudium eingelassen hat, und so mag es wohl seine Bewandtnis damit haben, wenn es heißt: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“. Auch hat er als „braver Schüler“ wie ich die am schlechtesten ausgefallenen Klausuren selbst unterschrieben, um zu Hause unnötigem Ärger aus dem Wege zu gehen. Während ich die Unterschrift meiner Mutter durchgepaust und mit Tinte nachgezogen habe, hat er meine Unterschrift irgendwie unter seine misslungenen Arbeiten gesetzt. Dabei hat er wie selbstverständlich gleich mit Dr. A. Görlach unterzeichnet, obgleich ich nur Veterinäratteste oder bei offiziellen Anlässen mit Titel unterschrieben habe. Weder bei ihm noch bei mir sind die Urkundenfälschungen von irgendeinem Lehrer entdeckt worden. Ich habe meine Missetaten viel später meiner erschreckten Mutter gebeichtet, während mir Robins Fälschung bei einem Elternsprechtag aufgefallen sind, als mir seine Lehrerin ganz ahnungslos die Werke vorlegte, weil ich nicht glauben konnte, dass seine Versetzung gefährdet war. Geflissentlich habe ich daraufhin gleich eingelenkt, etwas von „ganz vergessen“ gestammelt und den Schwindel unter der Decke gehalten. Entweder hatte er sich damit nicht viel Mühe gemacht oder er konnte es nicht besser, denn mir ist die Fälschung sofort aufgefallen und ich habe ihm dann auch empfohlen, derartig stümperhaft gemachte Nachzeichnungen in Zukunft zu unterlassen, denn solche Manipulationen sind ohnehin keine Lösung, weil die unerbittliche Wirklichkeit jeden irgendwann wieder einholt.
Aber zurück zur Grund- und Hauptschule in Körner. Als sich in der siebten Klasse wieder zeigte, dass ich wohl das Klassenziel erneut nicht erreichen würde, war das nicht mehr ganz so schmerzlich wie beim ersten Mal, denn Sitzenbleiben bedeutete in diesem Falle die Entlassung aus der Volksschule, während die Versetzung in die achte Klasse den weiteren Besuch der Schule bedeutet hätte. Mir wäre die Versetzung eigentlich ganz recht gewesen, nur war ich dann doch nicht traurig, als es wegen des erneuten Sitzenbleibens mit der ungeliebten Schule zu Ende ging. Denn meine Entlassung aus der Schule machte Sinn, weil ich sonst für weitere zwei Jahre die Schulbank hätte drücken müssen, ein Jahr, um die siebte Klasse zu wiederholen und nach der Versetzung ein weiteres Jahr für die achte Klasse. Dazu konnte niemand vorhersehen, ob ich mit dem erfolgreichen Abschluss in der siebten und in der achten Klasse die Volkschule beenden oder das Klassenziel ein weiteres mal nicht erreichen würde. Hätte es damals schon die Hilfs- oder Klötzchenschule gegeben, dann wäre ich sicherlich dorthin delegiert und am Ende mit einem entsprechenden Zeugnis ins Leben entlassen worden. Auch gab es damals den Begriff „unbeschulbar“ noch nicht, der mir sonst sicherlich auch noch verpasst worden wäre.
Meine neuen Schulkameraden, die mir alle an Alter und Größe unterlegen waren
Die Hänseleien mit Mondkalb und Sitzenbleiber fanden schließlich auch ihr Ende, denn aufgrund meines Altersvorsprunges hatte ich meinen jüngeren und kleineren Kameraden gegenüber in der mir neu zugewiesenen Klasse überzeugende Argumente bzw. vorteilhafte Merkmale2, die mir für meinen Status in der Gruppenhierarchie zugute kamen. Dazu habe ich mich damals im Schulsport mit Boxen hervorgetan, was mir zusätzlich nutzte und Respekt verschaffte. Nur später in einer Boxstaffel in Arnstadt und bei Ausscheidungskämpfen in Dresden zeigten meine Kontrahenten weniger Respekt vor mir als meine kleineren Klassenkameraden und so fand meine anfangs recht hoffnungsvoll begonnene Karriere als Amateurboxer mit Blutergüssen, blauen Augen, lädierten Lippen, Prellungen und Schädelweh wieder ein leises und unrühmliches Ende.
Unser alter Bauernhof, die Münze in Körner
Am Tag meiner Schulentlassung, die mit der feierlichen Zeugnisvergabe einherging, habe ich mein Zeugnis zerrissen, was ich aber später immer etwas mehr bedauert habe. Denn gerne hätte ich nach Jahren die Benotung und Beurteilung meiner damaligen Lehrer, die sich meiner Wertschätzung weder damals noch später erfreuen konnten, nachgelesen, und gerne hätte ich gewusst, welche Fächer außer Deutsch noch mit einer 53 zensiert waren (Diktate und Aufsätze schreiben war mir von allem immer das Ärgste). Wenigstens in Religion, Sport, Singen und Biologie war ich nicht so schlecht, solange es im Musikunterricht nicht ums Notenlesen oder Strophen aufsagen ging. Schade, dass es in der Grundschule nicht so geregelt war wie später auf der Hochschule, wo man innerhalb unterteilter Prüfungsfächer eine 5 (mangelhaft) mit einer guten oder sehr guten Note ausgleichen konnte. Diese Aussicht bestand jedoch nur, wenn „kein Teil eines unterteilten Prüfungsfaches“ mit 6 (ungenügend) und der erzielte Durchschnitt mit wenigstens 4,0 (ausreichend) bewertet wurden. Vielleicht hätten aber meine guten Zensuren in Religion und Sport nicht ausgereicht, die schwachen bzw. schlechten Noten in den anderen Fächern zu kompensieren. Überhaupt habe ich es später als Hochschulstudent offenbar viel, viel leichter gehabt als vorher in der Grundschule, denn ich bin weder erneut „sitzen geblieben“ noch habe ich einen Ausgleich in irgendeinem Fach für das Erreichen des nächsten Semesters bzw. Studienjahres gebraucht. Dabei wird es unter Studenten sogar mit Lob bedacht, wenn man eine Prüfung verpatzt und deshalb ein Studienjahr wiederholen muss, d. h. wenn man eine Ehrenrunde dreht. Eigentlich schade, dass ich mir meine schöne Studentenzeit nicht mit wenigstens einer Ehrenrunde ein bisschen verlängern konnte. Denn der Wiederholung eines Studienjahres hätte ich gerne zugestimmt, nur musste ich für meine Studienförderung (Honnefer Modell) die vorgegebenen Prüfungen nach jedem Studienjahr in den Semesterferien mit 3,0 oder besser abwickeln, bevor das neue Studienjahr begann und das Stipendium weiter gezahlt wurde.
Zu meiner Entlastung sollte ich vielleicht noch anmerken, dass meine schwachen schulischen Leistungen in der Grundschule sicherlich auch damit zusammenhingen, dass ich zu Hause viel im Stall und auf dem Felde helfen musste, deshalb immer wieder die Schule geschwänzt habe und schließlich als hoffnungsloser Fall in der Schule sowieso nicht mehr viel verpasste. So klopfte es manchmal an der Klassentür, der Lehrer sah nach und sagte, wenn er zurückkam: „Albert, pack deine Sachen, du kannst gehen“. Das bedeutete, dass ich für diesen Tag von der Schule suspendiert und damit für die Feldarbeit freigestellt war. Vor der Schule wartete dann eines unserer Pferde- oder Ochsengespanne mit einigen Leuten und ab ging es aufs Feld zum Rübenhacken und Rübenverziehen, Unkrautrupfen oder was je nach Wetter und Jahreszeit auf dem Feld zu tun war. Meine Schularbeiten wurden, wenn überhaupt, oft erst des Abends bei Kerzenlicht gemacht, weil in der Nachkriegszeit Stromsperren zur Tages- oder besser zur Abend- und Nachtordnung gehörten. Vielleicht macht mir deshalb heute noch das allgemein als romantisch gepriesene Dämmerlicht bei Kerzenschein mehr Unbehagen als Freude, erinnert es mich doch zu sehr an die unbehaglichen Zeiten von damals. Deshalb geht mir nichts über ein schönes und vor allem sehr helles elektrisches Licht, wenn es draußen dunkel wird.
Nach dem Abschluss meiner unrühmlichen Volksschulkariere 1951 bin ich, wie das auch später immer in meinem Lebenslauf stand, als Hilfskraft im elterlichen Landwirtschaftsbetrieb tätig geworden, was ich ja auch schon vorher als Volksschüler war. Nur schloss sich jetzt die Berufsschule in Schlotheim an, die ich zusammen mit einigen meiner alten Klassenkammeraden besuchte, von denen ich in der fünften Klasse getrennt wurde. Sie waren wie ich aus der Volksschule entlassen worden, gingen von nun an wieder mit mir zur Schule und saßen wie ehemals mit mir in einer Klasse. Heimlicher Stolz erfüllte mich, denn mein Sitzenbleiben schien jetzt getilgt oder war irgendwie vergessen gemacht, da ich sie wieder eingeholt hatte. Nur die Berufschule habe ich dann auch sehr oft geschwänzt, bis ich am Ende nur noch mit Abwesenheit geglänzt habe. Denn das Schwänzen der Berufschule hatte denselben Hintergrund wie vorher in meiner Volksschulzeit. Das hatte trotz der damals schon existierenden Schulpflicht in meinem Falle keine Konsequenzen, obgleich bei der Zeugnisvergabe immer wieder auf eine wohl zu große Zahl von entschuldigten wie unentschuldigten Fehltagen verwiesen wurde und wozu ich als Schuldiger befragt wurde. Mir ist das in sehr unangenehmer Erinnerung geblieben, obgleich ich es wie vieles anderes, was mich geschmerzt hat, inzwischen schadlos verwunden habe.
Der Kutscher ohne Lohn mit seinen Ackerpferden
Als unsere Familie 1953 wegen Schwarzschlachtung und Wirtschaftssabotage des Kreises verwiesen wurde und aus dem Kreis Sondershausen (jetzt Unstrut-Hainichkreis) in den Kreis Bad Langensalze nach Aschara umsiedelte, wo mein Stiefvater einen kleinen Bauernhof gepachtet hatte und bewirtschaftete, war ich quasi ohne Entlassung, weil verzogen, aus der Berufschule ausgeschieden. Damit war ich all meiner schulischen Verpflichtungen entbunden. In Aschara arbeitete ich wie auch schon vorher wieder als Hilfskraft und Mädchen für alles im elterlichen Hof und hatte das tägliche Einerlei als Knecht ohne Lohn.
In meinem späteren Leben empfand ich immer viel Mitgefühl für Schüler, die wie ich so ihre Probleme in der Schule hatten, nicht versetzt oder gar auf die Hilfs- oder Sonderschule geschickt wurden. Die Schüler, die sich nach der Zeugnisvergabe aus Angst und Verzweiflung nicht mehr nach Hause trauten oder gar Selbstmord begingen, hatten und haben nach wie vor mein besonderes Mitgefühl. Denn wie viel Leid dazu bis heute jedes Jahr immer wieder im Verborgenen erfahren wird, bleibt weitgehend unbeachtet. Schließlich ist Deutschland jetzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts in der Zeit der ersten und zweiten PISA-Studie4 Weltmeister im Sitzenbleiben und hat unrühmliche Schlagzeilen, was die schulischen Leistungen seiner Schüler betrifft. Deshalb frage ich mich, ist das die Schuld der Schüler, der Lehrer, der Verwaltung oder warum funktioniert das in anderen Ländern allem Anschein nach viel besser als bei uns. Entweder ist unser Schulsystem trotz der vielen Reformen so antiquiert, damit soviel schlechter als das anderer Länder oder sind die deutschen Schüler soviel dümmer? Konsequenterweise wird an deutschen Schulen auch noch nach der altbewährter Methode mit „Daumen rauf“ für versetzt und „Daumen runter“ für sitzen bleiben selektiert. Wir haben ein Schulsystem, das nach Schwächen fahndet und aussiebt, es ist dem Sortieren von Kartoffeln vergleichbar und erfolgt hierarchisch:
1. Die größten und besten Kartoffeln, die als Esskartoffeln taugen, sind den Schülern entsprechend, die sich fürs Gymnasium eignen.
2. Die etwas kleineren und mittelgroßen Kartoffeln, die als Saatkartoffeln klassifizierten werden, entsprechen den Schülern, die für die Realschule taugen.
3. Die kleinen und angeschlagenen oder von Engerlingen und Würmern angefressenen Kartoffeln, die als Schweinskartoffeln aussortiert und zur Schweinemast verwendet werden, gleichen den Haupt- und Sonderschülern.
Die Beziehung von Schülern und Lehrern hat sich jedoch in den letzten Jahren insofern gewandelt, als an manchen Schulen rebellische Schüler sogar ihre Lehrer bedrohen und ihnen Angst machen. Diese Entwicklung begründet sich sicherlich nicht alleine in dem immerwährenden Aufbegehren der Jungen gegen die Alten und verheißt nicht viel Gutes. Zu meiner Schulzeit kann ich jedenfalls resümierend sagen: Die Besseren waren immer die anderen, und eine EINS gibt es wohl nur für den lieben Gott und den Lehrer selbst.
1 Name aus Rücksicht geändert
2 Die soziale Rangordnung eines Gruppenmitgliedes hängt bei Kindern und Jugendlichen (wie auch bei Tieren) mehr von den Merkmalen Körpergröße, Alter, Gewicht und sozialen Ambitionen (aggressiv/regressiv) als von der intellektuellen Leistungsfähigkeit ab. Denn nach den Gesetzen der Physik müssen selbst kluge Individuen der Gewalt (Masse mal Bewegung) weichen, wenn vernünftige Argumente nicht zur Geltung kommen.
3 Eine 5 war damals die schlechteste Zensur, vergleichbar einer 6 von heute.
4 Program for International Student Assessment (PISA)
2. Kapitel: Weg von zu Hause
Immer mehr hatte ich das Einerlei auf unserem Bauernhofe satt und wollte weg von zu Hause, nur war das leichter erträumt als verwirklicht, wie sich noch zeigen sollte. So verplemperte ich eine ganze Weile in Aschara, bis mir meine Mutter irgendwie eine Stelle als landwirtschaftlicher Lehrling auf dem Staatsgut in Sambach bei Mühlhausen besorgte. Dort habe ich als Lehrling angefangen, ohne zu erkennen, dass ich damit eine große Chance hatte, mein Vorleben als Sitzenbleiber wettzumachen. Denn jetzt ging ich ohne jedwede Diskriminierung zur Berufsschule, erfüllte eine ganze Weile die an mich gestellten Anforderungen und hätte eine landwirtschaftliche Lehre abschließen können. Aber veranlasst durch schlechte Beratung bei einigen vermeintlichen Ungerechtigkeiten, die mir in Sambach widerfahren waren, und vor allem, weil ich nicht kapierte, dass diese Lehrstelle eine gute Alternative zu allem anderen war, was sich mir sonst bot, schmiss ich nach ein paar Wochen alles wieder hin. Zu Hause dämmerte mir mit der Zeit, dass ich wohl einen großen Fehler gemacht hatte, der nicht rückgängig zu machen war. In Aschara wollte ich in der neu eingerichteten MTS (Maschinen-Traktorenstation) als Treckerfahrer anfangen, bekam aber keine Zustimmung von meinen Eltern, weil bei der MTS zu viel gesoffen wurde, wie es hieß. Überhaupt wurde bei uns in der Familie alles, was mit der neuen sozialistischen Welt und insbesondere mit der Kollektivierung der Landwirtschaft in irgendeinem Zusammenhang stand, herabgewürdigt und abgelehnt. Diese Ablehnung, mit der ich mich auch identifizierte, muss wohl so auffällig gewesen sein, dass sie bei der STASI aktenkundig wurde. Denn in einem Bericht meiner STASI-Akte heißt es dazu wörtlich: „Alles in allem möchte ich einschätzen, dass es die beiden Eltern verstanden haben, alle 4 Kinder von unserer soz. Landwirtschaft fernzuhalten, obwohl beide Elternteile seit Generationen Bauern waren“, gez. Gasmann. Über einen Anwalt habe ich schließlich auch die reale Identität des IM Gasmann erfahren, die ich aber niemandem preisgegeben habe, da seine Berichterstattung mehr moderat als bösartig war.
Meine relative Aussichtslosigkeit auf ein lustiges Leben in der Fremde und meine Abenteuerlust waren es wohl dann, die mir die Fremdenlegion als hoffnungsvolle Alternative zu meinem täglichen Einerlei in Aschara erscheinen ließ. Denn die Fremdenlegion war in den frühen und mittleren fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein immer wieder aktuelles Gesprächsthema bei jungen Leuten und wurde schließlich zu meinem heimlichen Interesse. So sann ich mir aus, leise zur damals nächsten Rekrutierungsstelle nach Straßburg in den Elsass zu verschwinden, um dort mein Glück als Legionär zu versuchen. Denn bei der Fremdenlegion wurde, wie ich das zu wissen glaubte, weder nach dem Abschlusszeugnis der Volksschule gefragt noch wurde in der Vergangenheit eines Bewerbers gegraben, der sonst als körperlich tauglich erschien. Deshalb meinte ich für die Aufnahme in die Fremdenlegion alle Voraussetzungen zu erfüllen. Mir schwebte vor, dass ich mich für die Vertragszeit von fünf Jahren als Legionär verpflichtete und mich danach mit einem großen Batzen Geld in Paris wieder fände, wenn ich die Zeit heil überstehen sollte. Der angeblich verlockend hohe Sold bei der Fremdenlegion werde zu einem großen Teil über die Laufzeit der fünf Jahre aufbewahrt und bei der Entlassung zusammen mit einer Abfindung ausgezahlt. Dieser imaginäre Batzen Geld war mein Anreiz. Die Aussicht darauf, dass ich dieses Abenteuer eventuell nicht überleben würde, erschien mir nicht so bedrohlich, dass ich deshalb davon abgelassen hätte.
