Mich wundert`s - Sylvia Schöningh-Taylor - E-Book

Mich wundert`s E-Book

Sylvia Schöningh-Taylor

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Beschreibung

An der Wende zu ihrem 70. Lebensjahr wird die Autorin zu ihrem eigenen Erstaunen von einer unheimlichen Angst vor Alter und Tod erfasst. Sie hat in ihrem Leben schwere Schicksalsschläge mit Bravour gemeistert. Sie hat jeden einzelnen Tag ihres vielfältigen Lebens mit Licht und Schatten wie eine Liebende umarmt. Sie hat die vielen Traumata als Tore zur Heilung benutzt. Warum also jetzt dieses Erschrecken vor dem siebzigsten Geburtstag? Sie beschließt, sich dem gefürchteten Datum schreibend zu nähern. Tief ist die Empörung angesichts des Erstarkens des Rechtspopulismus. Als Nachkriegskind sich der Verantwortung für die Naziverbrechen und den Friedensauftrag ihrer eigenen Generation stets bewusst, ist sie entsetzt, dass sie im Alter einen Rückbau von Demokratie und zivilen Umgangsformen erleben muss. W s sie verwundert am Alter ist die erhöhte Sensibilität gegenüber ihrer Umgebung. Sie ist verletzbarer als je zuvor, zugleich aber auch tiefer inspiriert von der Schönheit des Lebens und der tiefen Verbindung mit anderen Menschen. Die größte Herausforderung jedoch ist der Ausblick auf den eigenen Tod. Kann sie das Paradoxon eines bewussten Geistes in einem gebrechlichen Körper akzeptieren? Wird es ihr gelingen, diese letzte unverschuldete Demütigung ihres Freigeistes mit kosmischem Humor zu betrachten? Gibt es ein Leben nach dem Tod?

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Mich wundert’s

30. Dezember 2018

Silvester 2018

3. Januar 2019

7. Januar 2019

10. Januar 2019

13. Januar 2019

17. Januar 2019

22. Januar 2019

27. Januar 2019

28. Januar 2019

4. Februar 2019

6. Februar 2019

14. Februar 2019

19. Februar 2019

20. Februar 2019

25. Februar 2019

11. März 2019

15. März 2019

17. März 2019

21. März 2019

28. März 2019

1. April 2019

10. April 2019

Karfreitag 2019

28. April 2019

1. Mai 2019

5. Mai 2019

9. Mai 2019

16. Mai 2019

28. Mai 2019

4. Juni 2019

19. Juni 2019

20. Juni 2019

26. Juni 2019

28. Juni 2019

29. Juni 2019

2. Juli 2019

3. Juli 2019

12. Juli 2019

14. Juli 2019

18. Juli 2019

31. Juli 2019

4. August 2019

7. August 2019

10. August 2019

16. August 2019

23. August 2019

10. September 2019

12. September 2019

18. September 2019

20. September 2019

1. Oktober 2019

3. Oktober 2019

6. Oktober 2019

12. Oktober 2019

23. Oktober 2019

28. Oktober 2019

29. Oktober 2019

1. November 2019

3. November 2019

5. Novermber 2019

10. November 2019

18. November 2019

19. November 2019

21. November 2019

24. November 2019

6. Dezember 2019

Rückblick

Ausblick

Ostern 2020

Mich wundert’s

Ich leb und waiss nit wie lang,

ich stirb und waiss nit wann,

ich fahr und waiss nit wahin

mich wundert, das ich fröhlich bin.

Martinus von Biberach (1498)

30.Dezember 2018

Seit 1.Dezember bin ich in mein 70. Lebensjahr eingetreten. Und das scheint mir Angst zu machen. Warum wohl? Den 60. Geburtstag habe ich doch noch rauschend gefeiert, mit 60 geladenen Gästen im Galli-Theater Frankfurt, mit Darbietungen auf der Bühne, die ich mir von jedem einzelnen gewünscht hatte, statt materieller Geschenke. Lucy hielt eine berührende Rede, Benjamin sang ein Shanty, mein Bruder spielte Gitarre und animierte zum Singen, Marcela tanzte in ihrem wunderbaren kolumbianischen Kostüm, Roswitha kam mit ihrer ganzen Familie aus Berlin angereist und wir tanzten bis in den Morgen. Ich ließ mich feiern und konnte das alles zum ersten Mal richtig annehmen. Es war ein langer Weg, bis ich all diese Zuwendungen, all diese Liebe, aus ganzem Herzen genießen konnte. 30 Jahre war es her, dass ich am 1.Dezember in meine 7. Klasse an der Elisabethenschule trat und überwältigt wurde von einem lilafarbenen Fahrrad, das vor dem Lehrerpult stand: Ein Geschenk der Schüler an mich, lila lackiert für eine häufig lila gekleidete Lehrerin. Darauf waren 30 kleine Kerzen geklebt, die den winterdunklen Raum erhellten. Dreißig Augenpaare sahen mich erwartungsvoll an. Und ich? ja, ich war überwältigt von diesem großartigen Geschenk meiner Schüler. Ja, ich war tief beeindruckt von den dreißig fröhlich flackernden Kerzen in der Finsternis des Dezembermorgens 1979 und würde diesen Augenblick des Beschenktwerdens durch meine Klasse niemals vergessen. Zugleich jedoch bemerkte ich mit großem Entsetzen, dass ich mich dieses Geschenks nicht würdig fühlte; dass ich es also nicht aus vollem Herzen annehmen konnte. Natürlich ließ ich es mir nicht anmerken, zeigte mich tief berührt, aber tief in mir breitete sich seit diesem Tag das Entsetzen aus über meine Unfähigkeit zu empfangen. Von diesem Tag an musste ich mich den Dämonen stellen, die meinen Innenraum durchbrüllten: Du bist es nicht wert, beschenkt zu werden.

Und genau deshalb wurde der 60ste Geburtstag ein Freudenfest: Ich hatte endlich den Sieg davongetragen über jene Dämonen, die sich bei mir eingenistet hatten, als meine Mutter mich als Baby zu einer kalten Pflegemutter gab. Sie waren es gewesen, die seitdem geschrien hatte: Du bist verkehrt, denn warum sonst hat deine Mutter dich verstoßen. Deshalb wirst du immer abhängig von der Anerkennung durch andere sein und ihnen trotzdem nicht trauen können. Denn du weißt selbst, dass sie deine Wertlosigkeit schnell herausfinden werden, sollten sie dich wirklich kennenlernen. Der Bodensatz für eine lebenslange Angststörung und Depression. Wer nicht empfangen kann, verhungert emotional. Und muss sich dauernd selbst beweisen, dass er der Anerkennung würdig ist – durch Leistung. Das war natürlich ein Konzept, das zum lebenslangen Scheitern führen musste. Wenn wir unseren Selbstwert abhängig machen von der Bestätigung durch andere, leben wir unbehaust in der Welt. Und obwohl wir uns Mühe geben, alles richtig zu machen, um niemandem zur Last zu sein, können wir dennoch nicht empfangen. Denn wir spielen eine Rolle, sind eine Persona, wie die Griechen das nannten. Und hinter der stets lächelnden Persona sind wir verzweifelt, weil wir davon überzeugt sind, nicht liebenswert zu sein. Dreißig Jahre hatte der Kampf mit der Depression gedauert. Der Höllenritt mündete in den Verlust von fast allem, was diese Persona ausmachte: Die gewaltsame Trennung von den Kindern; das Scheitern der Ehe und im Beruf; der Verlust des Heims und der zweiten Heimat, England.

Mein 60ster Geburtstag war deshalb ein solches Freudenfest, weil ich inzwischen wie ein Phönix aus der Asche all dessen aufgestiegen war, was mich einst auszumachen schien. Als die lebendige, schöpferische, liebende Frau, als die ich gemeint war. Ich hatte der Mutter vergeben, indem sich Hass und Schmerz zu Mitgefühl, Neugier und Humor wandelten. Ich konnte dem Mann vergeben, der mir meine Kinder gestohlen hatte. Inzwischen sah ich ihn als emotionalen Krüppel, der sich mit seinem Menschenhass auch den Zugang zur Freude abschnitt. Ich konnte sogar den Dämonen vergeben, die mir das Leben zur Hölle gemacht hatten. Das Leid, das sie mir bereiteten, war wie ein Fegefeuer für meine Seele, das sie von den dunklen Ahnenthemen reinigte. Ich fühlte mich an meinem 60sten so jung wie nie zuvor in meinem Leben. Ich konnte mein ganzes Leben mit all seinem Licht wie seinen Schatten umarmen. All die Schmerzen waren wie eine riesige Trommel gewesen, in welcher der Diamant meiner Seele von all seinen Schlacken gereinigt wurde. Jetzt strahlte ich nur noch meine Geburtstagsgäste an, dankbar, dass sie zu mir gekommen waren. Ich feierte diese Geburt meines wahren Selbst und war neugierig auf alle Wunder, die vor mir lagen.

Endlich war diese Welt ganz und gar mein Zuhause geworden und ich wollte von nun an jede Erfahrung aus vollem Herzen umarmen, die schwierigen inbegriffen. Denn das Prinzip der radikalen Akzeptanz alles Lebendigen, nach dem ich inzwischen lebte, schloss auch solche Begegnungen ein, die mich tief verletzten und welche die folgenden neun Jahre immer wieder für mich bereit hielten. Jedes Mal, wenn mich ein Angriff traf, wusste ich sofort, dass ich lernen wollte, nicht zu reagieren, weder mit Wut noch mit Angst. Das funktioniert aber nicht, indem ich diese spontanen dunklen Gefühle unterdrücke. Im Gegenteil: Ich lasse sie seit 9 Jahren voll und ganz zu, den ganzen Schmerz, die ganze Angst. I SIT WITH IT. IT ist stets eine weitere dunkle Seelenschicht, die erlöst werden will, indem ich sie bewusst wahrnehme, mir vergebe und auch die Trauer zulasse, die danach eintritt, die Trauer darüber, wie viel Leid Menschen einander zufügen – nur um nicht mit dem eigenen Morast in Berührung zu kommen. Am Anfang musste ich noch tagelang so mit dem Herzschmerz sitzen, bis sich endlich der innere Frieden einstellte. Dabei lernte ich, immer demütiger zu werden. Eigentlich wollte ich schon sehr früh lernen, was Demut sei, spätestens, seit mich als katholisches Kind Jesus Ausruf am Kreuz tief beeindruckt hat: Vater willst du, so nehme diesen Kelch von mir, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Und ist das ganze Leben nicht so am besten zu bewältigen, indem wir seine Urgewalt zunächst voll akzeptieren müssen, bevor wir in Kooperation mit seinen Bedingungen konkrete Handlungsspielräume gestalten? Radikale Akzeptanz verträgt sich gut mit dem Verständnis des Lebens als eine Wundertüte, als ein Mysterium, das sich unseren menschlichen Plänen nonchalant entzieht. Und uns gegebenen Falls auch eins vor den Latz knallt, wenn sich das menschliche Ego zum Herrn der Galaxie ausruft. Das Universum ist erstaunlich konsistent. Das ist das Fazit meiner dramatischen Lebensgeschichte so far.

Silvester 2018

Am Morgen lege ich mir das Tarot. Ich benutze die Karten schon seit vielen Jahrzehnten als eine Meditation zu einer konkreten Fragestellung. Am Küchentisch nehme ich das Rider-Kartendeck aus dem von mir vor vierzig Jahren liebevoll bestickten Ledertuch. Meine Frage an die Karten ist: Wie gehe ich im kommenden Jahr mit der Angst vor Alter und Tod um? Wie kann ich die gefürchtete 70 in ein Sprungbrett in noch tiefere Lebensbejahung verwandeln?

Ich lege das Kreuz, ein sehr einfaches Bildset, bei dem nur vier Karten gezogen werden. Die obere Karte steht für: Was ich bin. Ich ziehe die Drei Stäbe, worüber ich mich sehr freue. Ich stehe breitbeinig und sicher in der Welt. Drei war schon immer eine meiner Lieblingszahlen. Sei bedeutet Standfestigkeit. Aller guten Dinge sind Drei, und ein Tisch mit drei Beinen wackelt nicht. Gott hat drei Aspekte, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der junge Mann in seinem sakralen Umhang auf dieser Karte schaut offen neuen Erfahrungen entgegen. Er ist entschlossen, den nächsten Schritt ins Unbekannte zu machen. Das ist beruhigend. Ich darf darauf vertrauen, dass ich bereits gut gerüstet bin für den Wandel, welche die nächste Lebensdekade für mich bereit hält.

Als nächstes ziehe ich die Karte für den unteren Kreuzbalken. Sie steht für: Was mich herausfordert, was mich anzieht. Das hat mir immer schon an der Philosophie des Tarot gefallen: Ohne Herausforderungen kein Wandel. Die Herausforderungen schrecken also nicht ab, sondern sie sind anziehend. Ich ziehe hier die Karte Zwei Schwerter. Die Schwertkarten des Kleinen Arkana habe ich schon immer gefürchtet, denn sie stehen allesamt für geistige Konflikte. Auf meiner Karte sitzt eine Frau vor dem Meer der Gefühle und hat sich selbst die Augen verbunden. Sie will nicht hinschauen. Die Frau im grauen Gewand hat zwei riesige Schwerter vor der Brust gekreuzt. Natürlich könnte sie sich nicht verteidigen vor einem Angriff, denn die Schwerter behindern sich ja gegenseitig. Sie lähmen die Figur. Sie verharrt im Zwei-fel und wirkt dadurch angstgelähmt. Die Schwerter kreuzen sich über dem Solarplexus und beengen ihre Atmung: Angst kommt von Angustia, Enge. Angst und ihre lähmende Wirkung auf jeden Handlungsspielraum kenne ich nur allzu gut seit meiner Kindheit. Und wovor hat die Frau mit der Augenbinde Angst? Vor dem Meer der Emotionen. Und was heißt das für mich? Ich fürchte mich am meisten vor zwei Gefühlsmeeren in mir: Der Angst vor dem Tod und die Wut auf meine Mitmenschen, weil sie sich den eigenen Dämonen nicht stellen wollen und stattdessen munter projizieren.

Auf den rechten Querbalken des Kreuzes kommt die dritte Karte: Wie ich auf die Herausforderung reagiere. Ich ziehe die Tarot-Karte Das Gericht. Darauf bläst ein Engel vom Himmel eine Posaune und erweckt die Menschen aus ihren Gräbern zu neuem Leben. Sie sind so nackt wie damals bei ihrer irdischen Geburt. Dann ist etwas geschehen, das einen Schatten über ihr Licht gebreitet hat, bis es gestorben ist. Ich weiß in diesem Moment genau, was die Karte für mich meint. Auch mein kleines Ich musste sterben, was ich wie eine grausame Auslöschung erlebt habe. Das Erschreckendste an diesem toten Zustand war die kalte Sinnlosigkeit meiner gesamten Existenz. Ich habe mich in die tiefste Seelenpein und unvorstellbare Todesangst vorgewagt, ohne zu wissen, dass diese Existenz sterben musste, um neu geboren zu werden. Als ein Teil des wundersamen großen Ganzen, das mich trägt und mein Bestes will. Früher, in meiner Unwissenheit, hatte ich immer Angst vor dem Letzten Gericht, weil ich glaubte, eine Missgeburt zu sein in einem sinnlosen Universum. Ich bin jeden Tag mit mir ins Gericht gegangen und habe mich selbst für schuldig befunden. Jetzt verstehe ich endlich die tiefere Bedeutung von Gericht: Ich hatte es persönlich verstanden. Jetzt aber bedeutet es, dass ich unschuldig bin und durch all die Zweifel hindurch musste, um meine Seele zu reinigen. Hier geht es um wahre Gerechtigkeit. Eine höhere Macht hat mich das ganze Leben geführt und mir all diese Prüfungen geschickt, um letztendlich als reine Seele wieder zu erstehen. Also ist meine Reaktion auf die tiefen Selbstzweifel der vorigen Karte die Sehnsucht, völlig mit dem Leben zu verschmelzen. Ja, das ist das Paradoxe am Alter: Im Geist immer unbeschwerter zu werden und gleichzeitig im Körper immer gebrechlicher. Aber mit dem tiefen Vertrauen, gerecht geführt zu sein, kann ich vielleicht im kommenden Jahr meinen kosmischen Humor verfeinern!

Ich vervollständige das Kreuz mit der letzten Tarotkarte, die dafür steht, was mich erlöst/befreit. Ich ziehe die Karte Zehn Kelche, eine sehr freudevolle Karte. Die Kelche des kleinen Arkana stehen für das Element Wasser, für das Fließen und Empfangen. Auf dieser Karte steht eine fröhliche Familie in einer friedlichen Landschaft. Die Kinder tanzen und die Eltern erheben ihre Arme staunend hinauf zu einem prächtigen Regenbogen, in dem die zehn Kelche abgebildet sind. Dieser große Bogen der Kelche zeigt eine innere Erfahrung, die eher fließend ist als dass sie sich abgrenzt. Es geht um Kreativität und Freude, Liebe statt Urteil, Harmonie statt Sich-Behaupten. Liebe ist das Tor zum Geist, sowohl die Liebe, die ich anderen gebe, als auch die, welche ich zurückbekomme.

Mit tiefer Dankbarkeit packe ich meine Tarotkarten wieder in ihr altes Ledertuch. Sie haben mich bestärkt in meiner Bereitschaft, das Neue Jahr, 2019, mit beiden Händen zu umarmen.

3. Januar 2019

Heiliger Zorn. Worüber? Über Horst Seehofer, unseren Innenminister, der sich auch im neuen Jahr wieder als der alte Fremdenhasser aufspielt, als der er Angela Merkel seit über drei Jahren Knüppel zwischen die Beine wirft. Dabei würde ihm ein würdevoller Abgang besser anstehen, denn Markus Söder hat das Heft der CSU schon fest in der Hand.

Zwei Gewaltausbrüche an Silvester haben Deutschland aufgeschreckt, eines im bayrischen Amberg, das andere im nordrheinfestfälischen Bottrop. Beide Male stehen Migranten im Mittelpunkt, mal als mutmaßliche Täter, mal als Opfer. In Bottrop ist ein Deutscher mit seinem PKW mehrmals in Gruppen von Migranten gefahren und hat noch rückwärts nachgesetzt. Dieser deutsche Gewalttäter hat bei seiner Festnahme sogar noch stolz Ausländerhass als Motiv angegeben. In Amberg hat eine Gruppe von jungen afghanischen und iranischen Asylbewerbern mehrere Menschen wahllos angegriffen. Und was fordert Innenminister Seehofer: Härtere Gesetze gegen zugewanderte Straftäter. In Bottrop hingegen, wo ein 50jähriger Deutscher seinen Wagen als Waffe einsetzte und viele Menschen schwer verletzte, sieht der Innenminister keinen Anlass, härter zuzupacken wie bisher. Man stelle sich vor, es sei umgekehrt gewesen: In Bottrop hätten junge Deutsche im Silvester- Alkoholrausch eine Wirtshausschlägerei angefangen, so wäre das so normal gewesen, dass es keine Schlagzeile ergäbe. Meine Apothekerin hat mir berichtet, was für ein Horrortrip der Notdienst an Silvester jedes Jahr aufs Neue ist. Wenn aber in Amberg ein Asylbewerber gezielt in die Menschen gefahren wäre wie Anis Amri auf den Weihnachtsmarkt in Berlin … Es sind allerdings auch die Zeitungen des Springerverlags, welche den Fremdenhass schüren. Das steigert den Blutdruck der Leser und bringt viele Klicks. Aber ein Seehofer befeuert diese Fremdenfeindlichkeit nur noch. Indem er härtere Abschiebegesetze fordert, obwohl er genau weiß, dass die schon hart genug sind, es aber am Vollzug fehlt.

Zur Wahrheit der überhitzten Flüchtlingsdebatte gehört natürlich auch ein Thema, das bei mir ebenfalls Heiligen Zorn hervorruft. Wer wirklich Flüchtlinge integrieren will, muss zur Kenntnis nehmen, dass viele junge Asylbewerber aus muslimischen Ländern weder mit Alkohol noch mit der Idee von Freiheit, Rechtsstaat, gewaltfreier Erziehung oder Gleichberechtigung der Frau umgehen können. Hier herrscht als Gegenpol zum Fremdenhass der Rechtspopulisten große Blauäugigkeit bei liberalen Politikern, Lehrern und Institutionen gegenüber den wahren Problemen der Integration. Weder falsche Toleranz noch Panikmache sind geeignet, hier einen Lernprozess zu organisieren und gegebenenfalls solche Menschen auszugrenzen, welche die demokratischen Werte mit Füßen treten. Meine Erfahrung als Flüchtlingshelferin seit 2015 ist nämlich die, dass die Mehrheit der Migranten gesetzestreu ist und sich große Mühe gibt, in unserer Gesellschaft anzukommen. Auch ihr Ruf wird von der Minderheit lernunwilliger Männer aus patriarchalisch geprägten Herkunftsländern geschädigt.

7.Januar 2019

Wieder so ein Tag des heiligen Zorns. Ich habe heute Morgen in der Süddeutschen über den ersten Spielfilm zum Brexit gelesen, der heute Abend in England auf Channel4 ausgestrahlt wird. Es geht um den Scharfmacher Dominic Cumming, den Chefideologen der Vote Leave –Kampagne, gespielt vom genialen Benedict Cumberbatch. Der Spielfilm hat den Titel Brexit:The Uncivil War. Ich habe meinen beiden Kindern auf WhatsApp diesen Film ans Herz gelegt, Lucys Freund Ben ebenfalls mit einbeziehend. Dabei konnte ich mir nicht verkneifen, sie an meine traurige Beobachtung zu erinnern, dass sie so gar keinen heiligen Zorn über ihre zynischen Politiker zu empfinden scheinen, welche sie sehenden Auges in eine schwere sozioökonomische Krise führen, weil es diesen Politikern so egal ist wie immer, wie es ihren Bürgern wirklich geht. Ich habe mir verkniffen zu sagen, dass ich, hätte ich die Insel nicht 2004 verlassen, inzwischen angesichts dieser Zyniker auf der Regierungsbank schon längst an einem Herzinfarkt gestorben wäre. Ich habe nur angemerkt, dass ich über die achselzuckende Reaktion meiner Kinder ziemlich entsetzt war. Das hat Lucy schon an Weihnachten von sich gewiesen. Allerdings haben mich beide Kinder darüber aufgeklärt, dass der Brexit fürchterliche Folgen haben wird auf ihrer beider Arbeitssituation. Benjamin forscht an der Londoner Universität. Alle Forschungsprojekte in England sind eng verknüpft mit denen an anderen Universitäten Europas. Und dafür werden sie durch die entsprechenden EU-Töpfe finanziell unterstützt. Das würde natürlich wegfallen nach dem Brexit. Und Lucy arbeitet für eine britische NGO, Voluntary Services Overseas, die ebenfalls auf europäische Finanzspritzen angewiesen ist. „Na bitte, warum nicht gleich so“, sagte ich an Weihnachten zu ihnen. Das ist doch Grund genug, zornig zu sein.

Meine Empörung über den englischen Fatalismus hat dann den Lucys Freund zu einer Analyse der englischen Psyche angesichts des drohenden Brexits veranlasst. Er schreibt: I think it is more of a ‚deer in the headlights’ feeling – it is terrifying and awful and I don’t know how they are getting away with it, considering the atrocious tactics used by the leave campaign. But I think there is a feeling over here that it won’t happen. I think a lot of people thought, a referendum was an advisory vote, not the actual decision… So now people are being a lot more vocal, and a poll released today said that 63% of people polled would no vote REMAIN. I think the thing that needs to happen is convincing Labour to take a stand for a new people’s vote, as they have been sitting on the fence since the beginning, and I think that is damaging. Also our generation has been screwed time and again by our politicians leading to a decent amount of people opting out altogether. The British attitude, of ‘everything is terrible but what can we do about it’ is really toxic when it comes to issues like this. Something big will happen and those of us against it definitely won’t sit back and allow our lives to go to hell!

Gut gesprochen, Ben. Die Lähmung sogar der besten englischen Köpfe angesichts des Brexit Wahnsinns als Vom -Scheinwerfer- geblendetes-Reh-Syndrom zu bezeichnen, ist sehr anschaulich. Dennoch glaube ich, dass diese Lähmung der englischen Bevölkerung angesichts ihrer eiskalten herrschenden Elite, deren Lügen und Zynismus, eine lange Tradition hat auf der Insel. Die da oben machen ja schon immer, was sie wollen. Dieser Fatalismus steckt den Insulanern in den Knochen. ABER: Wir sind eine stolze Nation. Wir haben unserem Kolonialreich die Zivilisation und die Sprache geschenkt. Wir haben Hitler besiegt und dulden auch heute noch kein Unrecht in der Welt. Wir sind eine Insel, seit tausend Jahren unbesiegt. Wir lieben unsere Königin. Und wenn der Apparat versagt, werden wir zu persönlichen Helden wie in Dünkirchen und retten unsere Soldaten auf Fischkuttern. Selbst wenn uns die Herrschenden vergessen haben, so sind wir immer noch Engländer, gut im Improvisieren. Wir wollen doch gar keinen ‚Nanny State‘. Wir können uns selbst helfen. Murphy’s Law, wonach alles, was schief gehen kann, auch schief gehen wird, ist ein gutes Überlebensprinzip für einen Engländer. Denn es schult dich, immer selbst eine kreative Lösung zu finden. Wenn etwa London den armen nordenglischen Gemeinden von heut auf morgen, also unangekündigt, die Mittel um die Hälfte kürzt (so geschehen), dann ist das kein Grund zur Beschwerde gegenüber dem elitären London. Vielmehr ist es der Anlass, über lokale Wirtschaftsmodelle nachzudenken. Ja, Unabhängigkeit ist eine herausragende Eigenschaft der Britischen Seele. genau damit hat die Leave Kampagne gespielt und das Blaue vom Himmel gelogen in Bezug auf die EU und deren Manipulationsgeflecht, das den Briten angeblich ihre Selbstbestimmung rauben wolle.

Vielleicht hat dieser Brexit auch etwas Gutes. Vielleicht wachen viele Fatalisten endlich auf und erkennen, wie schamlos sie von ihren Herrschern betrogen wurden. Unglaublich, was Ben auf WhatsApp schreibt: I think a lot of people thought, a referendum was an advisory vote, also unverbindlich. Vielleicht müssen die harten Konsequenzen des vollzogenen Brexit erst erfahren werden, damit diese vergangenheitsorientierten Insulaner begreifen, dass 2019 keine Nation auf dem gesamten Erdball mehr unabhängig sein kann; dass die Globalisierung der Ökonomie nur Länderübergreifend funktioniert, genauso wie Sicherheit oder Klimaschutz. Vielleicht, wenn die Konsequenzen des Brexit erst einmal spürbar werden, bekommen die Briten einen Erkenntnisschub, wie stark wir in Europa aufeinander angewiesen sind. Ben schreibt: Something big will happen. Aber traue ich den Engländern eine aufgeklärte Rebellion gegen ihre zynischen Parlamentarier zu? Eher nicht. Wenn es den abgehängten Engländern zu viel wird, neigen sie zu Riots, zu Ausbrüchen von Gewalt ohne politische Ausrichtung wie zuletzt 2011. Tagelang brannten ganze Londoner Straßenzüge wie auch in vielen anderen Englischen Städten. Leider wurden nicht nur Kaufhäuser geplündert, sondern auch winzige Cornershops. Vielen der Rioter ging es nicht um einen antikapitalistischen Wandel sondern um das Stehlen der Insignien der Konsumgesellschaft, Markenartikel, die sie sich nicht leisten konnten. Und es war nicht nur der Hoodie Scum – wie Tabloids die jungen Rioters betitelten –der sich an den Plünderungen beteiligte; Nein, auch Studenten und Lehrer waren dabei. Statt sich Gedanken zu machen, warum so viele junge Menschen sich an den Rand dieser hemmungslosen Konsumgesellschaft getrieben fühlen, dass die Verzweiflung explodierte, kannten die Herrschenden in Westminster nur moralische Entrüstung und die gnadenlose Bestrafung jener 2000 Rioters, die von Überwachungskameras identifiziert worden waren.

Something Big will happen. Es ist nicht ausgemacht, ob es nach dem Brexit nicht zu einem enormen Rechtsruck in England kommt. Zu Gewalt gegen Ausländer, zu Gewalt gegen Andersdenkende. Wenn das Parlament nicht mehr in der Lage ist, politische Kompromisse auszuhandeln; wenn sogar Politiker Stimmung machen gegen Nazi Deutschland, dass ein weiteres Mal die glorreiche Insel besetzen will, diesmal im Gewande der EU, haben sie ihre Führungsverantwortung verspielt. Und zementieren damit die erbitterte Spaltung des ganzen Landes.

10.Januar 2019

Wieder geht mich mein „kleiner“ Bruder auf WhatsApp an mit rechtspopulistischem Gedankengut. Gott sei Dank haben wir Fortschritte in der Auseinandersetzung gemacht seit letztem Frühjahr, als er offen braune Soße auf meine Facebook-Seite goss, so dass ich ihn eine Zeit lang entfreunden musste. Der Höhepunkt unseres Konflikts war dann im letzten Juli meine Ausladung von einem Treffen mit seiner Freundin und unserem Neffen G. Seitdem gab es einige Turbulenzen im Privatleben meines Bruders sowie eine plötzliche beidseitige Lungenembolie. Ich hatte gehofft, dass die politische Auseinandersetzung zwischen uns Geschwistern angesichts der persönlichen Themen in den Hintergrund treten würde. Aber heute geht es wieder los:

Ein Amerikanischer Patriot ist ein Held.

Ein israelischer Patriot ist ein Held.

Ein libanesischer Patriot ist ein Held.

Ein englischer Patriot ist ein Held.

Ein russischer Patriot ist ein Held.

Ein deutscher Patriot ist ein rechtsextremes Nazischwein.

Moin, Schwesterherz, magst du mir mal dieses Pic

Erklären. Ich verstehe es nämlich nicht wirklich,

denn die Nazizeit haben wir längst schon hinter uns gelassen.

Verbietet sich heute deshalb dennoch jede Art

Von Patriotismus bzw. Stolz in diesem Land,

Deutscher oder heimatverbunden zu fühlen

Oder zu sein?

Ich:

Nun, das musst du aus einem eher rechtspopulistischen Kontext geklaubt haben. Denn sprachlich, soll es ja, statt aufzuklären, eher Entrüstung hervorzurufen. Hat ja geklappt bei dir. Natürlich ist es für uns Deutsche wichtig, wieder patriotische Gefühle für unser Land ausdrücken zu dürfen. Das ist ja inzwischen wieder möglich, siehe die WM 2006.

Wenn du Angela zugehört hast,

an Weihnachten: Da hat sie besonders den

Soldaten der Bundeswehr

gedankt für ihre mutigen Einsätze

in Krisengebieten.

Auch ich bin noch in den 80ern nach England gegangen,

weil ich mich der deutschen Verbrechen

der Nazizeit geschämt habe.

Ich habe dort gelernt, dass die Engländer

ihre eigene, z.T. grausame Kolonialgeschichte

NIE aufgearbeitet haben. Die Folge:

Gerade diese Weigerung, in den eigenen

Abgrund zu schauen, führt jetzt zu einem

aggressiven Nationalismus, aus dem der Brexit

hervorgegangen ist, mit Nazi- ähnlichen

Manipulationstechniken, mit Lügen auch über die

Deutschen, immer noch Nazis,

welche die ach so reine englische Nation nun im Schafspelz

der EU erneut besetzen wollten.

Die Folge: Mobs fallen über Remain-Vertreter her,

Menschen mit dunkler Hautfarbe werden angegriffen.

Deshalb bin ich stolz auf Deutschland.

Und zwar WEIL ich lebenslang als Antifaschistin

durchs Leben gegangen bin. Weil wir Deutschen

Verantwortung für unsere Verbrechen übernommen haben.

Dadurch sind wir zu Friedensbringern geworden

Und zu glühenden Europäern.

Aber das alles braucht Zeit.

Wir sind aber seit 20 Jahren auf gutem Wege.

Es folgt eine Replik meines Bruders, die darauf hinausläuft, dass es sich bei der WM 2006 nur um einen Sportpatriotismus gehandelt habe, der „ausnahmsweise“ erlaubt worden sei. Da habe es ja auch nicht die Flüchtlingswelle gegeben, die unser Land zutiefst gespalten habe. Und dann widerspricht er meiner Ansicht, dass wir auf einem guten Wege seien, was einen gesunden deutschen Patriotismus angehe. Und wiederholt seinen Groll, dass, seit die AfD in den Parlamenten sitze, alles, was nur einen Hauch von Patriotismus an sich trägt, nationalistisch, rassistisch oder gleich ausländerfeindlich bezeichnet werde.

Wie kommt es, dass ältere weiße Männer wie mein Bruder sowohl in Amerika als auch in England oder bei uns dieser verlogenen populistischen Beschwörung der GutenAltenZeit auf den Leim gehen? Jener angeblich so tollen Zeit, als man noch offen patriotisch die Deutschlandfahne schwenken durfte. Und die Welt noch in Ordnung gewesen sei – sehen wir mal von zwei Weltkriegen mit Millionen von Toten und dem Holocaust ab. Bei meinem Bruder kommt der Groll auch gegen den Linksruck Angela Merkels bestimmt nicht aus der der Erfahrung des sozialen Abgehängt-Seins, denn er hat Kohle. Die hat er übrigens gemacht, indem er 30 Jahre lang im Auftrag der BASF südamerikanischen Bauern Kunstdünger anpries. Er hat also ganz persönlich kräftig am Rad der Globalisierung gedreht. Um sich jetzt als wohlsituierter Rentner über den Verlust von Heimatverbundenheit zu beklagen. Letztendlich kommt diese Sehnsucht nach der angeblich GutenAltenZeit aus der tiefen Verunsicherung angesichts der ungeheuer schnellen Veränderung unserer Lebensverhältnisse – in die wir ja ALLE verstrickt sind. Niemand kann sich mehr dem Wissen entziehen, was der entfesselte Kapitalismus für den Planeten wie für die Menschheit bedeutet. Wie sagt Goethes Zauberlehrling: Herr, die Not ist groß! Die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los. Bei Goethe kommt der Meister und gebiert den Fluten Einhalt. Zu Goethes Zeiten war es der Siegeszug der Vernunft, der ihn voller Hoffnung in die Zukunft sehen sah. Aber auch auf ihn folgte die Deutsche Romantik, die das Mittelalter glorifizierte und erste schwere Zweifel an Zahlen und Figuren äußerte, allerdings in schönster Poesie. Die gegenwärtige sentimentale Rückwärtsschau der Populisten dagegen benutzt eine Sprache des Hasses. Sie sucht Sündenböcke, um nicht mit der eigenen Angst vor der Zukunft konfrontiert zu werden. Sie ruft geistlose Meister, welche den verunsicherten Menschen nur Illusionen zu bieten haben. Die allerdings werden vorgetragen in einer hässlichen, groben Sprache, die mich immer wieder schaudern lässt.

13. Januar 2019

Im Dezember sind Liebesbriefe von Chris.C. an mein 17jähriges Ich aufgetaucht. Sie haben mich sehr berührt. Die Sprache dieses Jungen ist so lebendig, so echt, dass ich beim Lesen 52 Jahre später wieder das Herzklopfen meines Teenager-Selbsts bekomme. Und voller Freude in die Erinnerung an unsere Beziehung eintauche. Sie enthielt bereits alles, wonach ich mich bei einem Mann mein ganzes Leben sehnen sollte. Dieser Chris, obwohl damals erst 19jährig, hat mich erkannt, wie sonst keiner in meinem Heimatdorf. Er hatte 1967 große Probleme mit sich selbst und seinem Vater, weil er als Kriegsdienstverweigerer abgelehnt worden war; dann zur Bundeswehr antrat, jedoch immer wieder den Befehl verweigerte oder in die Heimat ausbüxte. In eine kurze Ausbüxzeit 1967 fiel unsere Beziehung. Die Briefe von Chris berühren mich in einem entscheidenden Punkt: Der junge Mann sprach/spricht den besten Teil in mir an, meine Herzensgüte, meine unbändige Lebensfreude. Er hat tiefes Vertrauen in mich, dass er seine Verzweiflung mit mir teilen kann und dass ihm allein schon dieses Anvertrauen hilft, wieder hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Chris‘ Sprache ist hochemotional und romantisch. Die fünf Luftpostbriefe gehen alle an die Hillcrest Road in London, wo ich im Sommer 1967 als Paying Guest weilte.

Es ist allerdings noch eine andere Beobachtung, die mir beim Lesen der Liebesbriefe aus der eigenen fernen Vergangenheit auffällt. Ich selbst erkenne mich wieder in diesen Briefen. Ich erkenne Kontinuität: Ich war, die ich bin, die ich sein werde. All die entsetzlichen Dramen und die Brüche in meiner Biographie, all die Personas, hinter denen ich mein authentisches Selbst zu verstecken suchte, um nicht verletzt zu werden; all die Zweifel an meiner wahren Natur – all das habe ich inzwischen losgelassen als eine Geschichte, die ich mir selbst kreiert habe. Und darunter bin ich nackt und verletzlich, aber genauso von Lebensfreude übervoll wie damals mein 17jähriges Ich.

Beim Lesen dieser Liebesbriefe von 1967 muss ich weinen - vor Glück und Erstaunen darüber, von diesem jungen Mann gesehen worden zu sein – als ich selbst. Und das war damals etwas ganz Besonderes, denn in meiner Familie wie im Dorf war ich von Anfang an ein Alien. Da meine psychisch zutiefst gestörte Mutter mich nicht annehmen konnte, als ich auf die Welt kam, vermochte ich auch kein Vertrauen in mich selbst zu entwickeln. Dauernd war ich hin und hergerissen zwischen meiner Frohnatur und unbändigen Neugier auf das Leben und einem Gefühl, auf dem falschen Planeten gelandet zu sein. Und vor allem der Überzeugung, nicht liebenswert zu sein.

Natürlich war der Fund dieser Briefe und meine starke Reaktion auf sie Anlass, nach diesem Chris zu suchen. Das ist natürlich auch riskant, wie ich aus anderen späteren Wiederbegegnungen mit früheren Lovern weiß. Der Mann könnte sich ganz und gar verhärtet haben gegen das Leben, weil ihm schreckliche Dinge widerfahren sind in den letzten 52 Jahren. Und das würde mich sehr enttäuschen und der in diesen Briefen ausgebreiteten Gefühlswelt einen Wermutstropfen beifügen. Dennoch riskiere ich es. Ich suche natürlich das Internet ab nach seinem Namen. Es kommt heraus, dass Chris weder bei Facebook noch bei Twitter unterwegs ist. Dann fällt mir sein Name unter einem Artikel der Hessischen Nachrichten zum 50sten Abiturtreffen meines Jahrgangs am letzten Oktoberwochenende auf. Leider musste ich selbst das Treffen absagen, weil mich kurz zuvor ein Grippaler Infekt befiel. Aber jetzt hatte ich einen Anhaltspunkt: Chris C. ist Journalist geworden, was mich sehr freut, denn die Briefe an mich zeugen von großem Sprachgefühl. Und noch etwas fällt auf: Er ist zeitlebens nicht aus der nordhessischen Provinz herausgekommen, in die wir beide hineingeboren wurden, ein paar Jahre nach den 2.Weltkrieg. Was steckt wohl dahinter? Eine Angst vor unbekannten Welten, ein wackeliges Selbstbewusstsein? Jedenfalls habe ich am 1.Januar eine Email an die Redaktion der Lokalzeitung geschrieben, mit der Bitte, sie an ihren Mitarbeiter Chris C. weiterzuleiten. Und bekam vier Tage später eine Mail zurück, von Chris. Der Ton dieser Antwort war identisch mit dem Ton der Briefe von 1967! Herzerwärmend. Große Freude auf beiden Seiten. Auf seine Frage hin, wie es mir ergangen sei in den letzten 52 Jahren, versprach ich, ihm meinen autobiographischen Roman Kinderdiebe zu schicken. Aber bevor ich das tat, bekam ich eine weitere Mail von Chris:

Ach, liebe Sylvia!

Was hat man dir nur angetan…Ich habe ein bisschen im Internet gestöbert und die Kurzfassung der „Kinderdiebe“ hat mich zutiefst erschüttert. Da reiht sich ja eine Grausamkeit an die andere.

Und jede einzelne wäre geeignet, einen Menschen zu zerstören.

Deine Seele muss voller Narben sein.Ich leide mit dir. Falls du noch leidest. Aber vielleicht – und hoffentlich-hat sich dir jenes Universum erschlossen, „in dem Wunder möglich sind. Diese Zuversicht schöpfe ich aus deinem trotzigen Hinweis, nur noch das zu machen, was dir Spaß macht….

Danach hatten wir letzte Woche ein langes Telefongespräch, in dem ich vor allem wissen wollte, wie es ihm ergangen ist. Er ist in zweiter Ehe mit seiner jetzigen Frau genau 30 Jahre verheiratet. Und hat aus der ersten Verbindung einen Sohn, der ihm letztes Jahr einen Enkel beschert hat. Mit der zweiten Frau hat er eine Tochter. Und dann erzählt er mir von einem schweren Schicksalsschlag, der ihn 2014 traf. Ein plötzlicher Schlaganfall fesselte ihn drei Jahre an den Rollstuhl. Aber inzwischen könne er wieder laufen, wenn auch schwerfällig. Aber vor allen Dingen könne er wieder arbeiten, um seine geringe Rente aufzubessern. Ich finde es tapfer, wie er damit umgeht, weise ihn aber darauf hin, dass dem Schlaganfall bestimmt ein Herzensbruch vorausgegangen sein muss. Er bestätigt dies, indem er mir die schmerzhafte Geschichte seiner Entlassung als Chefredakteur einer oberhessischen Lokalzeitung erzählt. Da muss ihm irgendein Erschrecken in den Körper gefahren sein.

17.Januar 2019

Heute habe ich Lucy und Ben eine wunderschöne House/ Love- Warming Karte nach Brighton geschickt und ihnen nur das Beste gewünscht für ihr erstes Zusammenleben als Paar. Die Karte selbst habe ich bei meinem Londonbesuch Anfang Dezember bei Liberty erstanden. Vorn drauf ist ein handgemalter Blackthorn Blackbird von einem Künstler namens Robert Gilmor. Nach meinen eigenen Wünschen für das Gelingen des liebevollen Zusammenlebens habe ich einen meiner Lieblingstexte aus Khalil Gibrans Der Prophet hinzugefügt:

Khalil Gibran, The Prophet About Love

Let there be spaces in your togetherness. And

let the winds of the heavens dance between

you. Love one another but make not a bond of

Love: Let it rather be a moving sea between the shores

of your souls. Fill each other’s cups but

drink not from one cup. Give one another of

your bread, but eat not from the same loaf. Sing

and dance together and be joyous, but let each

one of you be alone. Even as the strings of a

lute are alone though they quiver with the same

music. Give your hearts, but not into each other’s

Keeping. For only the hand of Life can

contain your hearts. And stand together, yet not too near

together: For the pillars of the temple

stand apart. And the oak tree and the cypress

grow not in each other’s shadow.

Während ich den Text von Khalil Gibran in die Karte an meine Tochter und ihren Freund schreibe, überflutet mich eine Welle tiefer Trauer: Fill each others’s cups but drink not from the same cup…Wie schmerzlich, dass mir das selbst in meinem ganzen Leben nie vergönnt war zu erfahren. Das Kindheitstrauma, nicht von dem Menschen gesehen worden zu sein, der mich in die Welt gebar, meiner Mutter, hat dazu geführt, dass ich viel zu bedürftig in jede meiner Männerbeziehungen ging. Ich war immer davon überzeugt, dass mein Gefäß leer sei und hoffte, dass ein Mann die Leere füllen würde. Dazu kam, dass ich mir unbewusst immer wieder solche Partner aussuchte, die gar nichts zu geben hatten, dafür aber meine Abhängigkeit missbrauchten, um Macht über mich zu gewinnen. Give your hearts, but not into each other’s keeping… Leider hatten die Männer meines Lebens allesamt Angst vor Intimität – wie ich selbst. Und so wiederholte sich das Muster des Verlassenwerdens, als Urszene in meinem Unbewussten gespeichert, wieder und wieder. Und ich habe Missbrauch weggelächelt, vor allem in der Beziehung zu meinem Ehemann. Die Abspaltung meines Horrors vor den beiden größten Monstern in meinem Leben, meine Mutter und meinem Ex, hat schließlich den Dämonen eine solche Macht über mich gegeben, dass sie mich mit 51 Jahren in die große Eiszeit schickten, 2,5 Jahre tiefste Depression. Die nahm dann mein Ex zum Anlass, mir die Kinder zu rauben.

Dem Himmel sei Dank, dass ich es geschafft habe, diese von der Mutter geerbten Dämonen zu erlösen, so dass sie völlig in Liebe aufgegangen sind. Meine Kinder haben von mir solch bedingungslose Liebe empfangen, dass ihr Herz davon überfließt und sie Intimität zulassen können.

Meine Tochter und ihr Freund haben eine so schöne Liebesgeschichte. Ben verliebte sich in Lucy in ihrer beider erstem Studienjahr, 2009, in Bournemouth. Ich weiß noch wie heute, wie meine Tochter mir damals auf einer Busfahrt von der Uni in ihre Studenten-WG einen entzückenden Liebesbrief von Ben vorlas. Ich erinnere mich noch genau an den durch und durch wertschätzenden Blick dieses Jungen auf mein Mädchen und an seine hochsensible Sprache. Dann aber verschwand er aus Bournemouth, weil er wegen einer schweren Depression das Studium abbrechen musste. Ein Jahr später begann Lucy ihre Beziehung mit Harry, der sie eine Woche vor dem Brexit ziemlich schnöde verließ. 2017 tauchte Ben wieder auf und es stellte sich heraus, dass er Lucy nie vergessen hatte. Wieder gewann er ihr Herz zurück durch diese wunderbaren Liebesbriefe, die jetzt, acht Jahre später, noch klarer zeigten: Sie ist die Liebe seines Lebens. Meine Tochter ging diese Beziehung vorsichtig an und machte keinen Hehl daraus, dass sie Angst hatte, wieder verletzt zu werden. Ben unternahm daraufhin alles, um ihr zu zeigen, dass es ihm ernst war. Er zog aus der WG mit einer Frau aus und zurück ins Haus seiner Mutter. Letztes Jahr versuchte das Paar dann, in London zusammen zu ziehen, was an den horrenden Mieten dort scheiterte. Die Lösung war: Der Umzug nach Brighton an Silvester, wo die beiden Lovebirds zusammen so viel Miete bezahlen wie in London für ein Einzelzimmer.

22. Januar 2019

Meine starken emotionalen Reaktionen auf beängstigende Erlebnisse nehmen leider zu, je älter ich werde. Und sie erschrecken mich stets aufs Neue, weil ich doch insgesamt gelassener werde und viele Identifikationen längst losgelassen habe.