Midnight Liaisons - Zur Gefährtin erwählt - Jessica Clare - E-Book
Beschreibung

Charmanter, wohlhabender Puma sucht Singlefrau für eine Nacht voller Krallenspiele und Streicheleinheiten - und vielleicht sogar mehr. Bathsheba arbeitet mit ihrer Schwester Sara in einer Dating Agentur der besonderen Art: Bei Midnight Liaisons suchen übernatürliche Wesen nach geeigneten Partnern, und bei dem Überschuss an Männern sind Frauen heiß begehrt. Als die Kandidatin für einen sehr wichtigen Kunden kurzfristig absagt, ist Bathsheba verzweifelt. Beau Russel ist zwar erst seit Kurzem Klient der Midnight Liaisons, doch der Gestaltwandler ist der Anführer der mächtigen Übernatürlichen Allianz und der wichtigste Kontakt der Agentur. Doch der Alpha-Puma selbst hat eine Lösung für sein Problem: Bathsheba wird sein Date. Für eine ganze Woche ... Die Geschichte von Bathsheba und Beau ist die erste aus der Paranormal Romance-Reihe Midnight Liaisons von Jessica Sims. E-Books von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl:453


Inhalt

CoverÜber die AutorinTitelImpressumWidmungKapitel einsKapitel zweiKapitel dreiKapitel vierKapitel fünfKapitel sechsKapitel siebenKapitel achtKapitel neunKapitel zehnKapitel elfKapitel zwölfKapitel dreizehnKapitel vierzehnKapitel fünfzehnKapitel sechzehnKapitel siebzehnKapitel achtzehnKapitel neunzehnKapitel zwanzigKapitel einundzwanzigKapitel zweiundzwanzigKapitel dreiundzwanzigDanksagungLeseprobe

Über die Autorin

Jessica Sims ist das Pseudonym der Bestsellerautorin Jessica Clare. Sie lebt mit ihrem Mann in Texas. Ihre freie Zeit verbringt sie mit Schreiben, Lesen, Schreiben, Videospielen und noch mehr Schreiben. Ihre Serie Perfect Passion erschien auf den Bestseller-Listen der New York Times und der USA Today.

Jessica Clare

schreibt als Jessica Sims

Midnight Liaisons

Zur Gefährtin erwählt

Aus dem amerikanischen Englisch vonMelike Karamustafa

BASTEI ENTERTAINMENT beHEARTBET

Digitale deutsche Erstausgabe

»be« - Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment | Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe

Copyright © 2011 Jessica Sims

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Beauty Dates The Beast«

Originalverlag: Pocket Books, a Divison of Simon & Schuster, Inc., New York

Für diese Ausgabe

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Kölnvermittelt durch Mohrbooks AG Literary Agency

Textredaktion: Julia Feldbaum

Covergestaltung: Birgit Gitschier, Augsburg unter Verwendung von Motiven © shutterstock: Nik Merkulov | Standret | Anatolii Riepin

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-4567-4

Dieses eBook enthält eine Leseprobe des in der Bastei Lübbe AG erscheinenden Werkes Midnight Liaisons – Zum Biss verführt von Jessica Clare, die unter Jessica Sims schreibt.

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Holly Root

Ich habe es schon einmal gesagt, aber ich werde es an dieser Stelle wieder tun. Ich danke dir dafür, dass du mir gezeigt hast, wie großartig eine Autoren-Agenten-Beziehung sein kann.

Kapitel eins

»Midnight Liaisons«, meldete ich mich, während ich den Hörer ans Ohr presste. »Mein Name ist Bathsheba. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Hi.« Der Mann am anderen Ende der Leitung holte hektisch Luft, als sei er nervös. »Ich bin auf der Suche nach einer … Begleitung. Für heute Abend. Eine Rothaarige wäre nett.«

Ich verdrehte die Augen. Es war klar, worauf er aus war. Das unterdrückte Stöhnen, mit dem er »Rothaarige« gesagt hatte, ließ wenig Spielraum für Fantasie. Anrufer wie diesen hatten wir mindestens einmal pro Tag, und ich hatte mich im Laufe der Zeit selbst zu einer Art Expertin darin ausgebildet, den anzüglichen Unterton zu ignorieren.

»Midnight Liaisons ist eine Datingagentur, Sir, kein Escortservice.« Und jetzt legen Sie bitte auf, und rufen Sie nie wieder an.

Der Mann schwieg für einen Moment. »Oh«, sagte er schließlich. »Das ist kein Problem. Wie kann ich mir die Profile auf Ihrer Website ansehen? Ich habe versucht, mich anzumelden, erhalte aber kein Passwort.«

»Das Passwort entspricht der Identifikationsnummer, die Sie bei der Allianz haben«, sagte ich. Nach Jahren in meinem Job war ich mehr als geübt darin, fragwürdige Anrufer wie diesen freundlich, aber bestimmt in die Schranken zu weisen. »Alternativ überprüfe ich auch gern Ihre Referenzen, um Ihnen temporäre Log-in-Daten geben zu können. Wenn Sie mir den Namen Ihres Rudelführers nennen würden, lasse ich schnell einen Background Check laufen …«

»Meines was?«

Definitiv ein Zivilist. Einer von der »natürlichen« Sorte, wie meine Chefin gern witzelte. Ich entschied mich trotzdem dafür, die Dumme zu spielen. »Wenn Sie keinen Rudelführer haben, dann kann vielleicht Ihr Meister weiterhelfen?« Wenn dieser Typ auch nur den geringsten Bezug zur Gesellschaft der Untoten hatte, würde er den Hinweis verstehen.

»Hä?«

»Oder vielleicht der Anführer Ihres Zirkels oder Ihr Feenkönig?« Ich konnte nicht widerstehen und setzte noch einen drauf. »Oder Ihr Höchster Lord?«

»Was reden Sie da für einen Schwachsinn?« Der Mann verlor eindeutig die Geduld. Sein schmierig-charmanter Tonfall war dem eines typischen verärgerten Kunden gewichen. Nur dass er keiner unserer Kunden war.

»Es tut mir sehr leid«, sagte ich so zuckersüß wie möglich, »aber unsere Agentur betreut eine äußerst exklusive Klientel. Unser Service beschränkt sich auf den bestehenden Kundenstamm sowie auf Personen, die mit der Empfehlung eines bereits registrierten Klienten an uns herantreten. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Sir.«

»Warten Sie eine Sekunde!«

Ich legte auf. Die Wahrscheinlichkeit, dass er jemals einer unserer Kunden werden würde, tendierte gegen null – sofern er nicht irgendwann einem Vampir begegnete, der nach einem neuen Freund Ausschau hielt.

Sara, die am anderen Ende des Büros an ihrem Schreibtisch saß und auf die Tasten ihres Laptops einhackte, kicherte. »Du bekommst immer die Verrückten ab.«

»Natürlich, wer auch sonst«, sagte ich und sah auf. Sara hatte den Blick starr geradeaus auf ihren Bildschirm gerichtet. »Die Leute halten uns wegen des Agenturnamens für eine Art besseres Bordell, und die Anrufe bekomme alle ich, weil du nie ans Telefon gehst.«

»Ich bin beschäftigt«, sagte sie mit einem Grinsen.

»Anrufe entgegenzunehmen gehört zu deinem Job«, sagte ich scharf. Inzwischen war ich fast schon ein wenig verärgert. »Ich bin die Büroleiterin. Wenn hier irgendjemand nicht ans Telefon gehen muss, dann bin ich das.«

»Aber du bist so wahnsinnig gut darin«, sagte Sara mit einem entschuldigenden Lächeln in meine Richtung. »Ich bin nicht halb so geduldig mit diesen Freaks wie du.«

Ich schnaubte verächtlich. Sara lachte. Als meine kleine Schwester war sie es seit ihrer Geburt gewohnt, mit allem davonzukommen. Sie blätterte durch den dünnen Stapel mit Klientenporträts auf ihrem Schreibtisch.

»Midnight Liaisons ist wirklich ein bescheuerter Name, aber wie willst du sonst eine Agentur nennen, die ausschließlich Angehörige paranormaler Spezies bedient?«

»Hier wird’s heißer für Beißer? Willige Subs mit Flohhalsband?«, schlug ich grinsend vor und wandte mich wieder meinem Bildschirm zu, um das nervige Pop-up-Fenster wegzuklicken, das mich daran erinnerte, den letzten Anruf in die Datenbank einzutragen. »Oder ›Frischfleisch für gelangweilte Untote‹?«

Sara schnaubte. »Du bist fies. Nicht jeder mit einem Tierschwanz ist ein Idiot.«

Ich zuckte zusammen. Das war gedankenlos von mir gewesen. »Sorry.« Ich bemühte mich, möglichst unbeschwert zu klingen. »Du weißt, dass ich es nicht so gemeint habe. Die Arbeitszeiten sind seltsam und die Klienten noch seltsamer, aber mir gefällt es.« Und das stimmte. Der Job war gut bezahlt, ich war mehr oder weniger meine eigene Chefin. Und außerdem hatte ich so die Möglichkeit, auf meine kleine Schwester aufzupassen – vierundzwanzig Stunden am Tag, wenn nötig – und ihre Sicherheit zu garantieren. Ein super Leben, wenn auch ein wenig merkwürdig. Neben der Leitung der Agentur war es meine Aufgabe, neue Profile zu erstellen und passende Partner für unsere Kunden zu finden. Sara blieb mit den Klienten in Kontakt, erkundigte sich, ob Dates gut gelaufen waren, und setzte, wenn nötig, Profile auf »exklusiv«. Damit hatte sie definitiv den einfacheren Job, den sie normalerweise auch in ein paar Stunden erledigt hatte. Den Rest des Tages spielte sie Warcraft auf ihrem Laptop.

Sara stieß ein Stöhnen aus, gefolgt von einem »Oh Scheiße!«

Ich sah auf. »Was ist passiert?«

»Profil Nummer 2674 – das ist passiert.«

Verdammt! Ich musste den Account nicht einmal aufrufen, um zu wissen, um wen es ging. »Was hat Rosie diesmal angestellt?«

Rosie war bekannt dafür, dass sie immer wieder Verabredungen kurzfristig absagte, außerdem war sie sehr leicht reizbar und hatte schon mehr als einen Typen in Schwierigkeiten gebracht. Manche Kerle fuhren darauf ab. In ihren Augen musste eine Werwölfin nicht nur aggressiv sein, sondern auch möglichst viel Feuer unterm Hintern haben. Jeder in der Agentur hasste sie.

»Was hat sie diesmal angestellt?«, fragte ich noch einmal. Wahrscheinlich würde jede Sekunde das Telefon klingeln, und ich durfte mich mit ihrem wütenden versetzten Date rumschlagen.

»Sie hat die Verabredung mit einer Raubkatze abgesagt – über die Website.« Sara fuhr mit den Fingern durch ihren braunhaarigen Bob, wodurch die feinen Strähnen über ihre Wangen fielen. »Keine Sorge, ich kümmere mich darum.«

Alarmiert registrierte ich, wie Sara sich versteifte. Ich suchte ihre Arme nach den ersten verräterischen Anzeichen einer feinen Fellbehaarung ab. Wenn Sara in Panik geriet, dann richtig, und es war meine Aufgabe, sie zu beruhigen und die Situation in den Griff zu bekommen. Ihr Leben hing davon ab.

»Warum ist das ein ›Oh-Scheiße-Problem‹?«, fragte ich sanft. »Rosie sagt die Verabredungen mit den Katzen doch immer ab.«

Die Beschwerdeliste über sie war ungefähr eine Meile lang. Für jedes verpasste Date wurde eigentlich eine Strafgebühr fällig, aber unsere Chefin, Giselle, verzichtete in den meisten Fällen darauf, und Rosie nutzte das aus. Ich war mir ziemlich sicher, dass Giselle und Rosie eine spezielle »Vereinbarung« getroffen hatten, die über den Standardvertrag hinausreichte, aber das ging mich nichts an. Der einzige Grund, aus dem Rosie nach wie vor mit einem Profil in der Agentur gelistet wurde, war, dass die Anzahl unserer männlichen Mitglieder die der weiblichen deutlich überstieg. Vor allem derjenigen weiblichen Mitglieder, die so überaus attraktiv waren wie Rosie. Wir konnten es uns schlicht nicht leisten, sie loszuwerden. Sie belebte trotz der vielen Beschwerden das Geschäft. In der Hoffnung, die falschen Kandidaten damit bereits im Vorhinein abzuschrecken, hatten wir auf ihrem Profil den dezenten Hinweis hinterlegt, dass sie Dates mit Wölfen oder Hunden bevorzugte. Doch das hielt leider nur die wenigsten davon ab, es trotzdem bei ihr zu versuchen.

»Leider geht es diesmal nicht einfach nur um irgendeine Katze«, sagte Sara, als ich zu ihrem Schreibtisch hinüberging. Ihre Pupillen zuckten hin und her, während sie den Blick über den Bildschirm fliegen ließ. »Er ist neu bei uns. Einer von den Russells. Und sein Account ist markiert.«

Eine Markierung bedeutete, dass es sich bei dem Mitglied um einen besonders mächtigen oder gefährlichen Klienten handelte, der auf keinen Fall verärgert werden durfte, da unsere Chefin sonst schreckliche Dinge mit uns anstellen würde. Außerdem wies sie darauf hin, dass Giselle den üblichen Registrierungsprozess umgangen und das Profil selbst online gestellt hatte. Was wiederum hieß, dass sie ein starkes persönliches Interesse daran hatte, dass der Kunde erfolgreich vermittelt und zufriedengestellt wurde. Eine der ersten Lektionen, die man uns in der Agentur erteilt hatte, war die, uns niemals mit einem markierten Account anzulegen – zumindest dann nicht, wenn uns unser Job lieb war.

»Verdammt!« Ich stieß einen tiefen Seufzer aus. »Soll ich Giselle anrufen?«

Giselle, die Midnight Liaisons gegründet hatte, konnte ziemlich jähzornig werden, wenn ihr etwas gegen den Strich ging. Sie würde alles andere als begeistert sein, wenn sie herausfand, dass Rosie jemanden mit einem markierten Account versetzt hatte.

»Auf keinen Fall!« Sara sah mich so schockiert an, als sei mir gerade ein zweiter Kopf gewachsen. Dann beugte sie sich über die Tastatur und begann, wie wild darauf herumzuhacken. »Ich kläre das. Gib mir eine Minute.«

»Sara«, sagte ich mit einem warnenden Unterton in der Stimme. Ihre Reaktion machte mir Sorgen. »Hier geht es um einen markierten Account. Lass mich Giselle anrufen und mit ihr besprechen, wie wir mit der Situation umgehen sollen.«

»Nein. Ich kläre das«, sagte Sara aufgebracht, den Blick fest auf den Bildschirm gerichtet. »Gib mir fünf Minuten. In der Zeit kann ich einen Datenbankfehler generieren, der alle Aktionen der letzten vierundzwanzig Stunden …«

»Gott, Sara, nein! Das wirst du nicht tun.« Ich griff nach ihren Handgelenken, aber sie war schneller als ich. »Wehe, du bringst die Datenbank durcheinander. Damit löschst du garantiert jeden Eintrag seit dem letzten Back-up. Finger weg von den Accounts! Ich rufe jetzt Giselle an.«

Ich ging zurück an meinen Schreibtisch und suchte in unseren internen Kontakten nach Giselles Handynummer. Sie war gerade im Urlaub. Beim Gedanken daran, sie zu stören, fühlte ich mich alles andere als wohl, aber noch viel unwohler würde ich mich fühlen, wenn sie mich feuerte, weil ich sie nicht informiert hatte.

Ich wählte.

»Hier spricht Giselle«, meldete sich eine rauchige Stimme.

»Gis! Hi! Ich …«

»Ich bin in Vegas und du nicht. Ich kann gerade nicht rangehen, da ich anderweitig beschäftigt bin.« Ein sinnliches Lachen war zu hören. »Wenn es um etwas Geschäftliches geht, kann es warten, bis ich zurück bin, jeder andere darf gern eine Nachricht hinterlassen.«

Nach der Ansage folgte ein Piepton.

Ich legte auf. Ich hatte schon einmal den Fehler begangen, ihr eine Nachricht auf der Mailbox zu hinterlassen, woraufhin sie mir beinahe den Kopf abgerissen und mit der Kündigung gedroht hatte. Das Risiko würde ich nicht noch einmal eingehen. Wenn Giselle von einem ihrer reichen Freunde zu einem Wochenendtrip eingeladen wurde, wollte sie nicht gestört werden, das hatte sie mir damals mehr als deutlich gemacht.

Also noch mal von vorn.

»Wenn wir den Account verlieren, sitzen wir richtig in der Scheiße, Bath.« Sara sah mich panisch an. »Sie wird mich rausschmeißen.«

Ich hatte Angst, dass sie recht behalten könnte. Giselle pflegte nicht nur ein sehr sensibles (sprich unterwürfiges) Verhältnis zum Russell-Clan, sie hatte zudem auch eine ziemlich niedrige Toleranzschwelle bei menschlichen Wesen. »Normale« Frauen wie Sara und mich beschäftigte sie nur, weil wir problemlos auch tagsüber arbeiten konnten und es uns verboten war, mit Klienten auszugehen. Giselles sonstiger Bekanntenkreis war durch Tageslicht und Vollmonde in seinem Aktionsradius ein wenig eingeschränkt.

Sara sah mich immer noch mit weit aufgerissenen Augen an. »Was machen wir jetzt?«, fragte sie besorgt.

Ich ging wieder zu ihr hinüber. »Okay, lass uns mal überlegen.« Ich stützte mich mit den Händen auf ihren Schreibtisch und lehnte mich vor, um auf ihren Bildschirm zu gucken. »Ruf mal Rosies Profil auf. Ich will wissen, ob sie eingetragen hat, wo sie sich mit ihrem Date treffen wollte.«

Midnight Liaisons verfolgte die Aktivitäten seiner Mitglieder bis ins kleinste Detail. Datum, Zeit und Ort jeder Verabredung wurden sowohl zur Sicherheit der Mitglieder als auch zu unserer eigenen genau protokolliert. Man konnte nie wissen, wann der nächste Krieg zwischen zwei Spezies ausbrechen würde, nur weil einer im falschen Territorium auf die Jagd gegangen war – und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Sara gab einige Tastenkombinationen ein, dann pfiff sie leise durch die Zähne. »Sie hat den Ort tatsächlich eingetragen. Dinner im Un Peu de Goût, und danach ein paar Nächte im Worthington.«

»Dinner und gleich im Anschluss eine Privatparty im Hotel …« Rosie kam schneller zur Sache als die meisten Frauen – egal ob menschlicher oder »anderer« Natur. Trotzdem, sie hatte einen guten Geschmack, und das Restaurant, das sie ausgesucht hatte, rangierte eindeutig in einer der höheren Preisklassen. Wenigstens ließ sie sich von dem Typ ordentlich verwöhnen.

Als mein Telefon klingelte, ging ich zu meinem Schreibtisch und nahm den Anruf routiniert entgegen. »Midnight Liaisons, wie kann ich Ihnen helfen?«

»Hey«, sagte ein Mann mit verstellter Stimme. »Ich hätte gern für heute Abend ein Date. Eine Rothaarige.«

Der schon wieder. Für so was hatte ich jetzt keine Zeit. Ich verdrehte die Augen und legte auf.

Zurück an Saras Schreibtisch bat ich sie, noch einmal den Russell-Account aufzurufen.

Wieder klingelte mein Telefon.

Langsam war ich genervt. Normalerweise erhielten wir kaum Anrufe, bevor die Dämmerung hereinbrach, was daran lag, dass Vampire naturgemäß nachtaktiv waren. Da es gerade einmal früher Nachmittag war, konnte das eigentlich nur bedeuten, dass es der Verrückte war, der es noch einmal wissen wollte. Höchste Zeit, die Sache ein für alle Mal zu regeln.

Energisch ging ich zu meinem Schreibtisch zurück. »Gib mir nur eine Minute, Sara, dann klären wir das.«

Das Telefon klingelte ein drittes und viertes Mal, bevor ich abnahm und mit meiner rauchigsten Stimme sagte: »Midnight Liaisons. Wenn Sie uns weiter anrufen, Sie verdammter Perverser, werde ich die Cops einschalten und denen sagen, dass Sie versucht haben, bei uns käuflichen Sex zu bekommen.«

Ein tiefes Lachen dröhnte durch den Hörer. Das war definitiv nicht derselbe Anrufer. Der Klang löste ein warmes Gefühl in meinem Bauch aus, das augenblicklich durch meinen ganzen Körper strömte.

»Beschimpfen Sie alle Ihre Klienten als Perverse, oder habe ich nur besonders viel Glück?«, fragte der Mann amüsiert.

Ich spürte, wie sich meine Wangen verfärbten, und biss mir auf die Lippe. »Das tut mir sehr leid. Ich dachte, Sie wären … Egal. Wie kann ich Ihnen behilflich sein, Sir?«

»Ich habe da ein kleines Problem.« Seine Stimme war angenehm und klang seidenweich. Und schon wieder stieg mir die Röte ins Gesicht. »Ich hatte für heute Abend ein sehr wichtiges Date vereinbart, aber die Dame hat mir abgesagt.«

Mir rutschte das Herz in die Hose. »Wie lautet Ihre Profilnummer, Sir?«

Ich gab die Zahlenfolge ins System ein, auch wenn ich schon wusste, welchen Namen die Datenbank gleich ausspucken würde – den von Rosies Date.

Sein Profil erschien auf dem Bildschirm. Verdammt! Er war der Anführer des Russell-Clans und damit einer unserer wichtigsten VIP-Mitglieder. Es waren keine Fotos in der Datenbank hinterlegt, außerdem gab es bisher kaum Aktivitäten auf seinem Profil, und seine Mitgliedsnummer war brandneu. Das Date mit Rosie war die erste Verabredung, die er über unsere Agentur arrangiert hatte.

Der Name meines superverführerischen Anrufers lautete Beau Russell, und ich hätte meine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass er absolut umwerfend aussah. Groß, blond, attraktiv – passend zu seinen Puma-Genen und der sündig-samtigen Stimme –, sinnliche Gesichtszüge und jede Menge Muskeln.

»Sie sind ziemlich still, Süße, ist das ein schlechtes Zeichen?« Er hielt kurz inne, bevor er fortfuhr: »Sehen Sie, wo mein Problem liegt?«

Seine Frage katapultierte mich zurück in die Realität. Mit glühenden Wangen versuchte ich, die Vorstellung von den heißen Bauchmuskeln meines Klienten aus meinem Kopf zu vertreiben, und klickte hektisch auf meiner Maus herum. »Ich sehe hier nur, dass Rosie das Date mit Ihnen abgesagt hat«, murmelte ich. »Und außerdem möchte ich Sie darauf hinweisen, dass ich nicht Ihre Süße bin.«

»Rosie hatte zugesagt, die ganze Woche mit mir zu verbringen.« Er klang gelassen und aufgeräumt, als läge es vollkommen außerhalb seiner Vorstellungskraft, dass es irgendein Problem geben könnte. »Es ist unerlässlich, dass ich bis inklusive Sonntag eine Begleiterin habe.«

Ich spürte Verärgerung in mir aufsteigen. Die herablassende Art, mit der Gestaltwandler für gewöhnlich auf alle menschlichen Wesen hinuntersahen, stieß mir jedes Mal aufs Neue bitter auf. »Nun, Sir, dann würde ich vorschlagen, dass Sie vor der nächsten Verabredung ein wenig mehr Zeit darauf verschwenden, sich das Profil Ihres gewünschten Dates anzusehen. Wenn Sie dies getan hätten, dann wäre Ihnen anhand von Rosies Historie sicherlich aufgefallen, dass sie ein paar schlechte Angewohnheiten pflegt – wie zum Beispiel die, Verabredungen mit Katzen zu treffen, die sie dann in letzter Minute absagt. Hätten Sie nur ein paar Minuten in die Recherche investiert, wäre Ihnen diese unangenehme Situation erspart geblieben.« Und da ich mir durchaus im Klaren darüber war, dass das gerade nicht besonders höflich geklungen hatte, schob ich schnell noch ein »Sir« hinterher.

Er stieß ein leises Lachen aus, das tief aus seiner Brust aufzusteigen schien. »Sie müssen entschuldigen, dass ich nicht sonderlich vertraut mit Ihrer Website und dem Konzept dahinter bin.« Seine klangvolle Stimme vibrierte in meinem Ohr. »Ich bin es nicht gewohnt, online nach Frauen zu suchen.«

Darauf hätte ich gewettet. Wenn er in Wirklichkeit auch nur halb so sexy war, wie er am Telefon klang, fielen die Damen sicherlich in Scharen über ihn her.

»Wie dem auch sei«, fuhr er fort, »wir müssen eine Lösung finden. Ist Giselle da? Vielleicht wäre es besser, wenn ich mit ihr direkt spreche?«

Ich ignorierte seine Fragen. Es war ganz offensichtlich, dass er gut mit meiner Chefin konnte, und ebenso offensichtlich war es, dass dies keine guten Nachrichten für mich waren. »Ich kann Rosie nicht dazu zwingen, mit Ihnen auszugehen, Sir.«

»Nennen Sie mich Beau.« Er hatte seinen Tonfall geändert. Jetzt klang er beinahe charmant. Meine Schenkel begannen, verräterisch zu zittern. »Und wenn Rosie nicht mit mir ausgehen will, dann müssen Sie eben eine andere Dame finden, die dazu bereit ist.«

Augenblicklich hob sich meine Stimmung. »Sehr gern.« Das würde einfach werden. Ich klemmte mir den Hörer zwischen Kinn und Ohr und tippte seine Profilnummer sowie das heutige Datum in die Suchmaske ein. »Geben Sie mir nur einen Moment. Ich bin mir sicher, dass wir auch kurzfristig jemanden für Sie finden.«

»Keine Vampire«, stellte er klar, »oder irgendwelche anderen Untoten.« Er hielt einen Moment inne. »Wie heißen Sie eigentlich?«

Ich gab seine Wünsche als Filterkriterien ein. Die Keine-Untoten-Sache schränkte die Möglichkeiten erheblich ein. Weibliche Gestaltwandler waren selten, und wenn man sowohl die Männer als auch alle Vampire außen vor ließ, würde es schwierig werden, jemanden für den heutigen Abend zu finden – geschweige denn für die ganze Woche.

»Ich heiße Bathsheba Ward«, sagte ich abwesend und drückte gedanklich die Daumen, während die Datenbank die Suchergebnisse abrief.

In diesem Moment wurde die Tür zum Büro geöffnet, und ein umwerfend aussehender Mann kam herein. Eine dunkle Sonnenbrille verbarg seine Augen. Sein Anzug musste ein halbes Vermögen gekostet haben. Ich war so fasziniert von seinem Anblick, dass mir vor Erstaunen der Mund offen stehen blieb. Er war unfassbar attraktiv – groß, gebräunt –, und als er mich angrinste, entblößte er zwei Reihen perfekter, strahlend weißer Zähne. Der ausgeprägte Moschusduft seines Rasierwassers wehte bis zu meinem Schreibtisch herüber. Ein wenig zu stark für meinen Geschmack, aber typisch für diese bestimmte Sorte selbstbewusster Männer, der er zweifelsfrei angehörte.

Sara sprang augenblicklich auf und ging hastig in den Archivraum hinüber, wie sie es immer tat, wenn ein Gestaltwandler das Gebäude betrat. Ich konnte den pudrigen Geruch ihres Parfüms, das sie sich augenblicklich auf die Handgelenke und hinter die Ohren gesprüht hatte, bis in unser Büro riechen. Zusammen mit dem Rasierwasser unseres Besuchers entstand ein übermäßig süßlicher Gestank, der in dicken Schwaden durch den Raum zu wabern schien.

Der Mann war vermutlich gekommen, um sich ein Profil erstellen zu lassen. Giselle war es am liebsten, wenn ich die Aufnahme neuer Mitglieder persönlich übernahm. Ich hob einen Finger, um dem Kunden zu signalisieren, dass ich gleich für ihn da sein würde.

Er nickte und ließ sich auf den Besuchersessel direkt gegenüber meinem Schreibtisch fallen, von wo aus er mich interessiert musterte.

Ich spürte, wie mir abermals die Hitze in die Wangen stieg, und drückte hastig ein paarmal hintereinander die Entertaste, um mich abzulenken. Na los, tu möglichst beschäftigt!

»Bathsheba?« Der Mann am Telefon klang amüsiert.

Ich riss mich zusammen und konzentrierte mich wieder auf meinen Anrufer.

»Ein ganz schöner Zungenbrecher für eine junge Frau heutzutage. Sind Sie ein Vamp?«

Um der unangenehmen Überprüfung meines Gegenübers aus dem Weg zu gehen, blätterte ich nervös durch einige Akten, die auf meinem Schreibtisch lagen. »Wenn ich ein Vampir wäre, würde ich inzwischen einem verbrannten Toast ähneln. Es ist mitten am Tag.« Die gesamte Front des Büros, das an einer Einkaufsstraße lag, bestand aus Fenstern. »Ich bin ein Mensch. Tut mir leid, dass ich Sie enttäuschen muss.«

»Oh, ich bin nicht enttäuscht«, sagte er mit dieser unverschämt samtweichen Stimme, bei der es zwischen meinen Schenkeln schon wieder zu prickeln begann. Die Blicke des Mannes mir gegenüber – der eindeutig ein wenig zu interessiert an meinem Telefonat schien – und mein sexy Anrufer waren eindeutig zu viel für mich. Wenn nicht bald etwas passierte, würde ich vor Scham sterben.

Endlich signalisierte mir die Datenbank mit einem Piepsen, dass der Suchlauf beendet war. Gott sei Dank! Doch nur ein einziges lausiges Profil öffnete sich.

»Sieht aus, als hätten wir eine passende Begleitung für Sie gefunden, Beau«, sagte ich mit möglichst viel Enthusiasmus in der Stimme und überflog das Kurzporträt. »Lorraina Murphy hat heute Abend noch nichts vor, und ihrem Profil nach zu urteilen, hat sie keine Präferenzen, was die Art der Spezies angeht, mit der sie ausgeht.«

Er brummte zustimmend. »Und was ist sie?«

»Eine Gestaltwandlerin«, antwortete ich ausweichend.

»Was für eine?«, hakte er nach.

»Vogel.«

Eine unangenehme Pause entstand.

»Geht das etwas genauer?«

Ich unterdrückte ein Seufzen. Mir war klar, wie das hier enden würde. »Harpyie.«

Der Mann mir gegenüber grinste.

Eine weitere unangenehme Pause folgte – wie immer, wenn das Profil der Harpyie ins Gespräch kam. Schließlich sagte Beau mit sehr sanfter Stimme: »Ich werde nicht mit einer Harpyie ausgehen, Bathsheba.«

Ich konnte dem Mann deswegen keinen Vorwurf machen. Harpyien eilte ein gewisser Ruf voraus. Um genau zu sein, verliehen sie dem Ausdruck »Psycho-Freundin« eine ganz neue Dimension. Sie tendierten dazu, beim kleinsten Anlass durchzudrehen, und dann konnte es ziemlich ungemütlich werden.

»Es gäbe da noch einen Doppelgänger«, schlug ich vor, langsam ein wenig verzweifelt. »Jean kann sich sowohl als Frau als auch als Mann ausgeben – je nachdem, was gewünscht wird.«

Stille.

»Sind Sie verheiratet, Bathsheba?«

Oh mein Gott, seine Stimme klang noch verführerischer als vorhin, sofern das überhaupt möglich war. Sag Ja! Lüg ihn an! Erzähl ihm, dass du verheiratet bist! »Nein.« Ich atmete hörbar aus. »Das bin ich nicht.« Ich hatte den Blick fest auf den Laptopbildschirm geheftet, um dem Blick des Mannes mir gegenüber auszuweichen. Zu schade, dass ich mich nicht einfach unter meinem Schreibtisch verstecken konnte.

»Sind Sie fest mit jemandem zusammen?«

»Nein.« Mein Privatleben war viel zu kompliziert, um auch nur darüber nachzudenken, eine Beziehung zu führen. Ich warf einen besorgten Blick in Richtung des Archivs, in dem Sara verschwunden war, aber sie hatte die Tür geschlossen. Ich konnte nur hoffen, dass sie okay war.

»Es hört sich ganz danach an, als wären Sie mein Date für heute Abend.«

»Wie bitte?«, stammelte ich, bekam mich aber immerhin schnell genug wieder in den Griff, um ihm die Standardabfuhr zu erteilen. »Nach den Regeln der Übernatürlichen Allianz sind Verabredungen zwischen Menschen und Übernatürlichen verboten, außer es liegt eine Sondergenehmigung vor.«

»Ich beschäftige eine ganze Heerschar von Anwälten. Überlassen Sie die Klärung der Details mir.«

»Mr Russell«, sagte ich, inzwischen einigermaßen verzweifelt, »ich gehe nicht mit Klienten aus.«

Der Mann mir gegenüber lehnte sich interessiert auf seinem Besuchersessel vor und murmelte etwas, das verdächtig nach »Wirklich sehr schade!« klang.

Es war vermutlich unmöglich, dass ein Gesicht noch mehr errötete als meines in diesem Augenblick.

»Machen Sie eine Ausnahme. Oder lassen Sie mich mit Giselle reden.«

Beau klang nicht so, als würde er ein Nein als Antwort akzeptieren, und ich konzentrierte mich wieder ganz auf ihn. Seine überheblichen Forderungen begannen, mir langsam auf die Nerven zu gehen. »Giselle ist derzeit nicht zu sprechen.«

»Dann bleibt uns wohl nur eine Möglichkeit.«

Verdammt. Giselle würde mich bei lebendigem Leib häuten, wenn sie erfuhr, dass ich mit einem Klienten ausgegangen war. Es war verboten. Ich würde meinen Job verlieren. Andererseits … Ich starrte auf die Markierung an seinem Profil. Ich riskierte, so oder so rauszufliegen. Aber wenn ich mit Mr Russell ausging, konnte ich ihn vielleicht überzeugen, die Sache für sich zu behalten. Giselle würde nie erfahren, dass etwas schiefgelaufen war. Und alles, was ich dafür tun musste, war, ein paar Drinks mit dem Mann zu nehmen und ihn danach freundlich abzuservieren.

Ich stieß einen leisen Seufzer aus. »Ich denke, Sie machen einen Fehler, Mr Russell.«

»Beau.«

»Trotzdem ein Fehler.«

»Warum? Sie haben einen wunderbaren Namen, eine sexy Stimme und heute Abend noch nichts vor«, schmeichelte er mir. »Und immerhin stehen Sie durch Ihren Job bei Giselle im Dienste der Allianz, was wiederum bedeutet, dass ich nichts erklären muss, wenn mir plötzlich ein Puma-Schwanz wächst. Sie halten mich ja ohnehin schon für einen Perversen, wie Sie mir eingangs so freundlich deutlich gemacht haben. Es wird also keine unangenehmen Überraschungen geben.«

Mir entwich ein zynisches Schnauben. Sollte das ein Witz sein? Die ganze Sache war eine wirklich schlechte Idee.

»Ich muss sagen, dass ich mich sehr auf unser Date heute Abend freue«, bekräftigte Beau. »Ich bin äußerst gespannt auf das Gesicht, das zu dieser verführerischen Stimme gehört.«

Ich wurde schon wieder rot. Verdammt. Während ich hektisch nachdachte, sah ich zum Archiv hinüber. Sara hatte die Tür einen Spaltbreit geöffnet – wahrscheinlich, um nachzusehen, ob unser Besucher noch da war. Sie lief nervös auf und ab und rieb sich dabei ihre Arme, als wäre ihr kalt. Kein gutes Zeichen. Das abgesagte Date, Giselles drohender Zorn und der Gestaltwandler im Büro waren zu viel für sie. Panik stieg in mir auf, als Sara die Tür zum Archiv von innen zuknallte. Das war sogar ein ziemlich schlechtes Zeichen. Es war mein Job, dafür zu sorgen, dass Sara sich nicht aufregte, und das hieß, dass ich den Mann mir gegenüber möglichst schnell loswerden musste. Was wiederum bedeutete, dass ich den anderen Kerl am Telefon möglichst schnell abfertigen musste.

Ich drehte mich auf meinem Bürostuhl herum, um wenigstens den Anschein von ein wenig Privatsphäre zu erwecken. »Nur ein Abendessen, keine ganze Woche«, kapitulierte ich trotz meiner Bedenken. Jede Faser meines Körpers schien »großer Fehler« zu schreien, aber ich musste etwas tun. Nur noch wenige Sekunden, und Sara würde durchdrehen. »Und ich werde Sie auch nicht ins Hotel begleiten.«

»Außer Sie wollen es«, fügte er hinzu.

Ich verdrehte die Augen. Dieser Mann hatte eindeutig zu viel Selbstbewusstsein. »Ich werde es nicht wollen. Glauben Sie mir.«

»Wir werden sehen«, sagte er, nicht im Mindesten beeindruckt von meiner Abfuhr. »Wir treffen uns um halb acht im Restaurant. Ich freue mich, süße Bathsheba.« Dann legte er auf.

Erleichtert ließ ich das Telefon sinken. Damit war ich ein Problem los – das zweite saß vor mir.

Der Mann grinste. »Hi, ich bin Jason«, sagte er und streckte die Hand aus.

»War er das?« Saras Stimme drang gedämpft durch die geschlossene Tür. »Bin ich gefeuert?«

Ich räusperte mich und schenkte Jason ein entschuldigendes Lächeln. »Würden Sie mich noch einen Moment entschuldigen?«

»Natürlich«, sagte er mit einem Nicken.

Ich hastete ins Archiv. Kaum dass ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, presste ich mir eine Hand auf Mund und Nase. Der schwere, süßliche Geruch von Saras Parfüm rief augenblicklich einen Brechreiz hervor. Meine Augen begannen zu tränen. »Gott, Sara, wenn du noch mehr von dem Zeug versprühst, wird er denken, dass wir hier hinten Rosen züchten.«

»Er ist ein Gestaltwandler«, fauchte sie und nebelte uns in eine weitere Wolke Parfüm ein. »Ich will einfach kein Risiko eingehen, okay? Und jetzt sag endlich, bin ich gefeuert?«

»Nein«, beruhigte ich sie und fächerte mir mit der Hand Luft zu. Das merkwürdige nervöse Gefühl, das mich seit dem Anruf verfolgte, ließ nicht nach, egal, wie sehr ich mich bemühte runterzukommen. »Ich habe die Sache geregelt.«

Sara starrte mich verwirrt an. »Was meinst du mit ›geregelt‹?«

»Ich werde heute Abend anstelle von Rosie mit Beau Russell ausgehen.«

Sara fiel die Kinnlade runter. »Wie bitte? Wir dürfen nicht mit Klienten ausgehen. Falls du dich erinnerst, du bist normal und nicht übernatürlich. Und du hast keine Sondergenehmigung.« Sie schüttelte entsetzt den Kopf und spähte dabei in Richtung Tür, vermutlich, um sicherzugehen, dass unser Kunde nicht plötzlich auf die Idee kam, dem Archiv einen Besuch abzustatten. »Es ist wirklich süß von dir, dass du mich damit retten willst, Sis, aber wenn Giselle was mitkriegt, rastet sie aus.«

»Ich werde ihr nichts erzählen und du auch nicht«, sagte ich beschwichtigend. »Und wenn sie aus dem Urlaub zurückkommt, ist die ganze Sache schon gelaufen.«

Sara schüttelte immer noch heftig den Kopf, sodass ihr das feine braune Haar ins Gesicht fiel. »Mach das nicht, Bath. Mir wird schon was einfallen …«

Ich griff nach ihrem Arm und kniff hinein, wie ich es getan hatte, als wir noch Kinder gewesen waren. »Ich schwöre dir, wenn du auch nur ein Profil aus der Datenbank löschst, werde ich einen ganzen Eimer Wasser über deinem Laptop zu Hause auskippen. Haben wir uns verstanden?« Ich sah ihr in die Augen. »Ich bin hier die Büroleiterin, also lass mich das regeln, okay?«

Als sie mir, statt zu antworten, die Zunge herausstreckte, wusste ich, dass ich gewonnen hatte.

»Kommst du klar?«, wechselte ich abrupt das Thema. »Willst du lieber gehen?«

»Alles okay«, versicherte sie mir, während sie sich wieder über die Arme rieb. »Ich habe alles unter Kontrolle.«

»Blödsinn.« Am liebsten hätte ich sie beschützend an mich gedrückt, doch ich ließ es sein. Aus Erfahrung wusste ich, dass es die Situation nur verschlimmern würde. »Du bleibst hier drin, während ich mich um den Typ da draußen kümmere, okay? Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst.« Sie nickte, die Lippen fest aufeinandergepresst. »Schmeiß irgendwas um, damit du einen Grund hast, länger im Archiv zu bleiben, um aufzuräumen. Aber bitte nicht die Parfümflasche. Wenn du noch einen einzigen Spritzer davon versprühst, kommt mir das Mittagessen wieder hoch.«

Sara nickte noch einmal angespannt.

Ich reckte, optimistischer, als ich mich fühlte, beide Daumen in die Höhe, dann schlüpfte ich zurück ins Büro.

Jason lächelte mich an, als ich an meinen Schreibtisch zurückkehrte. »Alles in Ordnung?«

»Ja, alles bestens«, sagte ich, um ein aufgeräumtes Lächeln bemüht. »Wenn Sie mir Ihre Identifikationsnummer nennen, können wir jetzt endlich Ihr Profil anlegen.«

Ich brauchte eine Dreiviertelstunde, um Jasons Account fertigzustellen. Normalerweise dauerte der Prozess nicht so lange, aber Jason redete gern und flirtete noch lieber. Ich versuchte, mich zu konzentrieren, warf zwischendurch jedoch immer wieder nervös einen Blick in Richtung Archiv. Es war kein Mucks zu hören, was mich ein wenig beunruhigte, aber ich durfte mir dem Kunden gegenüber nichts anmerken lassen.

Jason war wild entschlossen, mich rumzukriegen, doch ich wies seine Avancen freundlich, aber bestimmt zurück. Dann schickte ich sein Profil an eine hübsche Werfüchsin, die meiner Ansicht nach gut zu ihm passen würde. Nachdem ich sein Anmeldeformular ausgedruckt und ihn ein weiteres Mal hatte abblitzen lassen, gab es für Jason nichts weiter zu tun, als zu gehen.

Für den Fall, dass er doch noch einmal zurückkam, arbeitete ich noch ein paar Minuten weiter, bevor ich zum Archiv stürzte und die Tür aufriss.

Ein Wolf mit geschmeidigem grauem Fell lag auf dem Boden vor den Regalen, den Kopf auf die Pfoten gebettet. Saras Kleidung lag zwischen einigen Akten, die sie herausgerissen hatte, um sie herum verstreut.

»Ach, Sara«, sagte ich liebevoll.

Der Wolf stieß ein leises Jaulen aus.

Ich hob ihr zerrissenes T-Shirt auf, um zu sehen, ob es noch zu retten war. Das war es nicht. Mit einem Seufzen ging ich zurück zu meinem Schreibtisch und öffnete die unterste Schublade. Ich zog einen Stapel in Packpapier eingeschlagene Shirts heraus und wählte ein pinkfarbenes aus, bevor ich die Schublade wieder schloss.

Wenn man mit einem Werwolf zusammenlebte, war zerrissene Kleidung an der Tagesordnung. In den sechs Jahren, seit Sara sich das erste Mal verwandelt hatte, hatte ich mich an ihre Bedürfnisse gewöhnt. Was allerdings nicht bedeutete, dass ich sie einfach damit davonkommen ließ.

Ich marschierte zurück ins Archiv und ließ das T-Shirt vor ihrer Schnauze baumeln. »Das ist das Letzte in einer annehmbaren Farbe«, ärgerte ich sie. »Wenn du dich in nächster Zeit noch mal verwandelst, musst du mit einem der Sponge-Bob-Shirts vorliebnehmen, die wir im Ausverkauf gefunden haben.« Sie knurrte leise und fletschte die Zähne.

Ich grinste und warf das T-Shirt vor ihr auf den Boden. »Das sollte nur ein kleiner Ansporn sein.«

Den ganzen Tag überlegte ich, was ich zu meinem Date anziehen sollte. Ein Teil von mir hätte am liebsten etwas ausgesucht, das ungefähr so sexy wie eine Mönchskutte war. Da Mr Beau Russell es ganz offensichtlich darauf abgesehen hatte, mich heute Abend flachzulegen, sollte ihn mein Outfit gleich von Beginn an darauf hinweisen, dass er sich das abschminken konnte. Ich brauchte etwas, das »tabu« schrie, etwas, das puritanisch, wenn möglich sogar amisch wirkte. Aber meine feminine Seite rebellierte dagegen. Ich wollte gut aussehen. Beau war höchstwahrscheinlich wahnsinnig attraktiv und noch dazu unglaublich selbstbewusst, ich dagegen war seit sechs Jahren mit niemandem mehr ausgegangen.

Das war eine der ersten Veränderungen gewesen, die sich nach Saras Verwandlung in mein Leben geschlichen hatten, und ich hatte sie freiwillig akzeptiert. Es war zu meiner Lebensaufgabe geworden, meine kleine Schwester zu beschützen. Und bei allem, was ich tat, stellte ich mir zuallererst die Frage, welche Auswirkungen es auf sie haben würde. Trotzdem hatte ich heute Abend ein Date. Nur ich und irgendein Typ, der sich darauf freute, eine attraktive junge Frau kennenlernen und hoffentlich bei ihr landen zu können. Ich schluckte. Und als ob die ganze Sache nicht schon kompliziert genug gewesen wäre, würden wir auch noch in irgendeinen schicken Laden gehen. Mir würde also nichts anderes übrig bleiben, als so auszusehen, als gehörte ich dorthin – glamourös und selbstbewusst.

Was Mr Russell anging, musste ich vorsichtig sein. Ich würde die souveräne, kühle und starke Ich-werde-niemals-an-Ihnen-interessiert-sein-Bathsheba herauskehren, die vollkommen normal und menschlich war und keine kleine Werwölfin zur Schwester hatte.

Nach der Arbeit verbrachte ich eine Stunde damit, meinen Kleiderschrank zu durchwühlen. Die meisten Outfits waren eher praktisch, nichts davon schien besonders gut für ein Date geeignet zu sein. Schließlich entschied ich mich für ein ärmelloses, schwingendes schwarzes A-Linien-Kleid mit Satinsaum. Hübsch und feminin. Allerdings war das Kleid kürzer, als ich es in Erinnerung gehabt hatte, und der Ausschnitt überließ nichts der Fantasie, was vermutlich auch der Grund dafür war, dass es so lange ungetragen in meinem Schrank gehangen hatte. Jemandem, der ständig auf irgendwelche Dates ging, wäre es vermutlich nicht mal besonders verführerisch erschienen, aber für mich hatte es nie die richtige Gelegenheit gegeben, es anzuziehen. Im Nacken war sogar noch das Preisschild befestigt.

Ich komplettierte das Outfit mit goldenen Armreifen und einem Paar Kreolen. Da ich keine Zeit hatte, meine langen, superfeinen blonden Haare aufwendig zu föhnen, band ich sie zu einem strengen Pferdeschwanz zurück, den ich zu einem hohen Dutt drehte und mit einigen Haarnadeln feststeckte. Ich war nun wirklich nicht darauf aus, Mr Russell zu beeindrucken. Und genau aus diesem Grund trug ich noch eine Extraschicht Lipgloss auf. Dann warf ich die Sachen, die ich tagsüber getragen hatte, mit einem parfümierten Tuch in den Trockner – nur für den Fall, dass etwas von Saras deutlichem Werwolf-Geruch daran haften geblieben war. Da ich ein Mensch war, konnte ich ihn nicht wahrnehmen, aber jeder Gestaltwandler hatte einen zehnmal so scharfen Geruchssinn wie ich, und wir hatten deswegen schon das ein oder andere Mal unerwünschten Besuch gehabt. Aus demselben Grund hatte ich auch meine schwarzen Sandalen zum Auslüften auf die Veranda gehängt.

Ich hatte mir ein Taxi bestellt, und während wir durch die Stadt fuhren, starrte ich nervös aus dem Fenster und versuchte, mir nicht zu viele Sorgen zu machen. Das letzte Mal, als ich auswärts gegessen hatte, war ich in einem Burger King gewesen. Sara würde heute Abend zu Hause bleiben, um sich von ihrer letzten Verwandlung auszuruhen, und unser Wagen stand, für den Fall, dass sie ihn brauchte, in der Garage.

Das Un Peu de Goût lag mitten auf dem Sundance Square in der Innenstadt von Fort Worth. Zu den Gästen gehörten vor allem Geschäftsleute und Touristen, die gern viel Geld für ihr Essen ausgaben. Als ich das Restaurant betrat, klackerten meine Absätze so laut auf dem Marmorboden, dass ich die Aufmerksamkeit des Maître d’hôtel auf mich zog.

Das hier war ein Fehler. Ich hätte ein Kleid anziehen sollen, das bis übers Knie reichte oder zumindest weniger von meinem Ausschnitt offenbarte. Und vor allem hätte ich mich niemals auf dieses Date einlassen dürfen. Wenn Giselle herausfand, dass ich mit einem unserer Klienten ausgegangen war, wäre ich meinen Job los – egal, ob es nun sein Wunsch gewesen war oder sein Account was auch immer für die Agentur bedeutete. Gewöhnliche Menschen gab es wie Sand am Meer, selbst solche, die angesichts der fragwürdigen Neigungen ihrer Chefin und den oft mehr als seltsamen Wünschen ihrer Klienten nicht sofort die Flucht ergriffen. Die Allianz war eine äußerst exklusive Vereinigung, und alle ihre Mitglieder waren reich und mächtig. Entweder, weil sie schon besonders lange auf dieser Erde wandelten, oder weil sie mit einem so charmanten Charakter ausgestattet waren, dass ihnen jedes menschliche Wesen auf der Stelle verfiel. Sie alle stellten bemitleidenswerte Geschöpfe wie Sara und mich – na ja, vielleicht auch nur mich – bei Weitem in den Schatten. Wenn Giselle jemals in die Verlegenheit geraten sollte, zwischen einer loyalen Mitarbeiterin und einem Klienten zu wählen, würde sie sich immer für Letzteren entscheiden.

»Kann ich Ihnen helfen, Mademoiselle?«

In der Hoffnung, dass er meine Nervosität nicht bemerken würde, lächelte ich den Maître d’ tapfer an. »Ich bin mit Mr Beau Russell verabredet«, sagte ich ein wenig atemlos. »Wir haben eine Reservierung.«

Der Maître d’ warf nicht einmal einen Blick auf das Gästebuch, sondern schenkte mir stattdessen nur ein kleines, wissendes Lächeln. »Mr Russell wird jeden Augenblick eintreffen, Mademoiselle. Warum warten Sie nicht an der Bar auf ihn?«

»Oh«, sagte ich, ein wenig überrascht, dass mein Date noch nicht hier war. »Ja, natürlich, warum nicht.«

Als ich mich auf einen der hohen Hocker sinken ließ, spürte ich mit einem Mal Ärger in mir aufsteigen. Was fiel ihm ein, zu spät zu kommen? Wenn er damit beabsichtigte, das niedere Menschenwesen von Anfang an in seine Schranken zu weisen, war ich alles andere als amüsiert darüber. Nur blieb mir leider nichts anderes übrig, als zu warten.

Ich wandte mich dem Barkeeper zu und bestellte einen Mojito. Der Drink war absurd teuer, aber lecker, und er stellte sich als hervorragendes Mittel heraus, um meine flatterigen Nerven zu beruhigen. Ich stürzte die Hälfte in einem Zug herunter, bevor ich mich ermahnte, es langsam angehen zu lassen. Mir wäre nicht geholfen, wenn ich sturzbetrunken war, wenn der Mann sich endlich bequemte aufzutauchen.

Zehn Minuten vergingen. Ich spielte mit der Limettenscheibe am Rand meines Cocktailglases. Wo blieb er? Vielleicht würde er gar nicht kommen. Vielleicht hatte er in der Agentur angerufen und mitgeteilt, dass er die Verabredung absagen musste. Mir war nur allzu bewusst, wonach die Mitglieder der Allianz suchten, vor allem die Gestaltwandler. Alle ihre Datingprofile klangen ähnlich – muskulös, schlank, aggressiv. Umwerfend. Enthusiastisch. Moralisch zweifelhafter Charakter. Die meisten weiblichen Gestaltwandler bevorzugten Männer, die genauso heiß waren wie sie selbst, und sogar die Vampir-Frauen waren elegante, zarte Wesen, mit denen kein Mensch mithalten konnte. Für unsere glamouröse Klientel war ich nicht mehr als eine schlichte Tippse. Eine nichtssagende Blondine, die sich in figurformende Unterwäsche quetschte, die ihren Blutkreislauf zu unterbrechen drohte. Nach einem Blick auf mich würde er laut lachen und um ein Date mit der Harpyie bitten.

Beim Gedanken daran wurde ich wieder nervös und biss ungeduldig in die Limettenscheibe. Wenn er in zehn Minuten nicht auftauchte, konnte er mich mal. Auf keinen Fall würde ich den ganzen Abend wie ein jämmerlicher Loser an der Bar hängen und auf ihn warten. Ich legte den Rand der Limettenscheibe auf die kleine Cocktailserviette und stürzte den Rest meines Drinks hinunter.

Nach sieben weiteren Minuten hatte ich genug. Offensichtlich hatte es sich Mr Russell anders überlegt. Ein Teil von mir seufzte vor Erleichterung auf. Immerhin hätte Giselle damit keinen Grund, wegen irgendetwas auszurasten, und ich wäre trotzdem allen meinen Verpflichtungen nachgekommen. Ich legte einen Schein auf den Tresen, klemmte mir meine Handtasche unter den Arm und rutschte vom Barhocker.

Und dann sah ich ihn.

Er lehnte ein paar Meter entfernt an der Bar – so selbstbewusst, als würde ihm der Laden gehören. Er war mir zugewandt, ein halb volles Glas Bier stand neben ihm auf dem Tresen. Es war offensichtlich, dass er schon eine ganze Weile lang hier war, und ebenso offensichtlich war, dass er mich die ganze Zeit beobachtet hatte, ohne sich die Mühe zu machen, sich vorzustellen. Der Arsch.

Er verzog den Mund zu einem kleinen Lächeln, und mein Herz blieb stehen. Ich hatte schon viele attraktive, sexy Typen gesehen, aber noch nie in meinem Leben war ich einem Mann begegnet, der so unglaublich mächtig und männlich wirkte wie dieser. Ich hatte Probleme, Luft zu bekommen. Es lag nicht an den langen Wimpern und den stechend grauen Augen. Auch nicht an seinem Schlafzimmerblick, mit dem er mich musterte, als sei ich nackt. Es lag nicht an seinen beeindruckend breiten Schultern, der schmalen Taille oder dem dichten braunen Haar, das ihm leicht zerzaust in die gebräunte Stirn fiel. Nichts davon ließ mir den Atem so sehr stocken wie das unerschütterliche Selbstbewusstsein, das er ausstrahlte – von seiner lockeren Haltung bis hin zu dem schiefen Grinsen, das seine Lippen umspielte und seine unglaublichen Wangenknochen betonte. Ich stöhnte innerlich auf. Dieser Mann bedeutete ganz eindeutig Ärger.

Als er auf mich zukam, verschwamm mein Sichtfeld an den Rändern, und kleine schwarze Sterne begannen, vor meinen Augen zu tanzen. Er schien sich nahezu ohne jede Anstrengung fortzubewegen, jeder Schritt eine anmutige Bewegung – wie ein Raubtier, das sich lautlos seiner Beute nähert. Als er sich zu mir hinabbeugte, kitzelte mich sein reiner Moschusduft in der Nase.

»Sie müssen atmen, Bathsheba.«

Atmen. Richtig. Ich holte tief Luft, und meine Sicht wurde langsam wieder klarer.

Da war es wieder, dieses warme, träge Lächeln. »So ist’s gut.«

Ich kämpfte den Drang nieder, ihn anzufahren, warum er mich so lange hatte warten lassen, obwohl er die ganze Zeit hier gewesen war.

Er machte eine Handbewegung in Richtung der mit weißen Leinentüchern eingedeckten Tische. »Wollen wir uns setzen?«

Das würde ganz von seiner Antwort auf meine Frage abhängen. »Wie lange haben Sie schon da drüben gestanden und mich beobachtet?«

Sein Lächeln verwandelte sich in ein Grinsen. »Sie haben mich erwischt«, gab er zu. »Ich wollte Sie ein paar Minuten einfach nur ansehen. Ist das so falsch?«

»Es war sehr unangenehm für mich«, antwortete ich kühl. »Ich dachte, Sie hätten mich versetzt.«

Er nahm meine Hand in seine und führte sie an seine Lippen, um einen Kuss daraufzuhauchen. »Ich entschuldige mich in aller Form«, sagte er und sah mich ernst an. »Das war gedankenlos von mir.«

Ich versuchte, meine Hand zurückzuziehen, doch er ließ sie nicht los. Ich hob eine Augenbraue. »Mr Russell, wie Sie wissen, ist es Menschen nicht erlaubt, sich mit einem Mitglied der Allianz zu verabreden. Um den Standards unserer Agentur gerecht zu werden, wollte ich Sie heute Abend nicht allein hier sitzen lassen, aber ich riskiere damit meinen Job. Wenn ich mich also entscheide, hierzubleiben, darf Giselle unter keinen Umständen etwas davon erfahren.«

Er strich mit dem Daumen über meinen Handrücken. »Natürlich. Ich möchte auf keinen Fall, dass Sie wegen mir Schwierigkeiten bekommen. Bitte bleiben Sie.« Er sah mir in die Augen, bevor er hinzufügte: »Ich habe das Verkostungsmenü für uns bestellt.«

Ich hatte noch nie ein Verkostungsmenü probiert, und wenn ich ehrlich war, war ich neugierig auf die vielen kleinen Leckerbissen, die der Chefkoch zaubern würde, um seine Gäste zu beeindrucken. Vielleicht würde es sogar ein bisschen Spaß machen, und Beaus Entschuldigung hatte aufrichtig gewirkt.

»Okay, überzeugt.«

»Danke.«

Am Tisch rückte er mir den Stuhl zurecht und nahm dann gegenüber von mir Platz, wo er schwungvoll die Serviette entfaltete und über seinen Schoß breitete. Der Kellner öffnete eine Flasche teuer aussehenden Wein, und nachdem wir beide einen Schluck getrunken hatten, sagte ich: »Ich sollte Sie über meine erste Datingregel aufklären, Mr Russell. Nur weil Sie mich zum Essen einladen und mir überteuerten Wein einschenken, heißt das nicht, dass ich Sex mit Ihnen haben werde. Ich werde Sie also auf keinen Fall ins Worthington begleiten.«

Er lächelte. Offenbar war er kein bisschen gekränkt. »Ich würde nicht einmal davon zu träumen wagen, Miss Bathsheba. Das einzige Vergnügen, das ich mir durch ein Essen mit Ihnen erhoffe, ist Ihre Gesellschaft.«

Ich starrte die gut zwei Meter pure Männlichkeit mir gegenüber an. Er sah amüsiert aus, als würde er es genießen, eine Herausforderung gefunden zu haben. Dieses Date konnte mir auf eine Art gefährlich werden, die ich nicht erwartet hatte.

Um mich abzulenken, wechselte ich das Thema. »Warum haben Sie mich an der Bar beobachtet, Mr Russell? Damit Sie zur Not die Flucht hätten ergreifen können, falls sich herausgestellt hätte, dass ich eine Warze auf der Nase und einen Buckel habe?«

»Ich wollte sehen, ob Stimme und Name zu Ihrem Körper passen.«

»Und, sehe ich Ihrer Meinung nach aus wie eine Bathsheba?«

»Das tun Sie«, antwortete er ernst. »Sanft. Verführerisch. Warm. Kurvig.« Seine Augen funkelten, als er sich vorbeugte. »Und ich wette, Sie schmecken auch so.«

Oh. Mein. Gott. Ich spürte, wie ich rot wurde. »Sie sind der Erste, der das so sieht«, sagte ich hastig, um meine Fassung wiederzugewinnen. »Normalerweise erinnert mein Name die Leute an eine alte Dame mit Strickzeug.«

»Wie unrecht die Leute doch haben.«

Alarm! Alarm! Meine Hormone spielen verrückt! »Mr Russell …«

»Bitte, nenn mich doch Beau«, unterbrach er mich. »Eine Abkürzung für Beauregard. Nachdem du dieses intime Detail von mir kennst, bleibt dir nichts anderes übrig, als mich zu duzen. Alles andere wäre lächerlich.« Er sah tatsächlich ein wenig verlegen aus. »Alte Südstaatenfamilie. Daher der gewöhnungsbedürftige Name.«

Jetzt musste ich doch lachen. »In Ordnung. Und ich werde dich garantiert nicht wegen deines Namens aufziehen. Immerhin unterhältst du dich gerade mit einer Frau, die nach einer der größten Ehebrecherinnen der Bibel benannt wurde. Meine Schwester kann froh sein, dass sie nicht ›Hure von Babylon‹ heißt.«

Er lachte. Der Ausdruck in seinen grauen Augen war warm, und in seinen Augenwinkeln zeigten sich kleine Lachfältchen. Er hob sein Weinglas. »Zwei äußerst ungewöhnliche Namen für zwei sehr normale Menschen. Wir scheinen wie füreinander gemacht zu sein, Bathsheba Ward.«

Ich war mir nicht sicher, wie normal er tatsächlich war, aber das spielte in diesem Moment keine Rolle. Ich stieß mit ihm an. »Meine Freunde nennen mich Bath«, sagte ich, nachdem wir die Gläser wieder abgestellt hatten.

Er umschloss meine Hand mit der seinen. »Aber ich möchte nicht dein Freund sein.«

Das Gefühl seiner warmen Haut auf meiner brachte mich vollkommen durcheinander. Ich spürte die Schwielen an seiner Handinnenfläche, den festen und doch zärtlichen Druck seiner Finger, seine Nägel, mit denen er abwesend über meinen Handrücken fuhr. Verdammt, das hier gefiel mir – und zwar mehr, als gut für mich war. Ich leckte mir nervös über die Lippen und sah ihn an. »Und, was wird heute Abend serviert?«

Er grinste. »Ich habe keine Ahnung. Ehrlich gesagt habe ich den Maître d’ einfach um eine Empfehlung gebeten, und er hat mir das Verkostungsmenü vorgeschlagen.«

Als der Kellner an unseren Tisch trat, lehnten wir uns beide zurück, doch das warme Gefühl von Beaus Fingern schien an meiner Haut haften geblieben zu sein.

»Ein Amuse-Bouche für Monsieur und Mademoiselle«, sagte der Kellner, dessen Französisch vom typisch schleppenden Tonfall eines Texaners gefärbt war, und stellte zwei winzige Tellerchen auf den Tisch. »Blätterteigtörtchen mit Kaviar und Crème fraîche«, erklärte er und ließ uns wieder allein.

Beau steckte sich seinen Happen in den Mund. Eine Sekunde später war sein begeisterter Gesichtsausdruck Irritation gewichen, und er kaute langsamer.

Ich starrte auf die exklusive Kreation vor mir. »Wie schmeckt es?«

Er kaute noch ein paarmal, dann schluckte er hart. »Interessant.«

Nicht gerade eine enthusiastische Empfehlung. Ich starrte weiter auf das Tellerchen, bis der Kellner kam und sich mit einem Nicken erkundigte, ob er abräumen dürfe.

Einen Moment später erschien er wieder, diesmal mit zwei kleinen Schüsseln mit einer leuchtend orangegelben Suppe. Als ich etwas Braunes darin schwimmen sah, riss ich die Augen auf.

»Süppchen vom Butternusskürbis mit Wachtelei im Nest.«

Oh mein Gott. Nachdem der Kellner sich wieder zurückgezogen hatte, warf ich einen weiteren skeptischen Blick auf die Schüssel vor mir, bevor ich Beau ansah.

Er starrte mit seltsamem Gesichtsausdruck in seine Suppe.

»Ist das ein echtes Vogelnest?«, fragte ich ihn. »Sollen wir das etwa essen?«

»Ich habe keine Ahnung«, gab er zu und klopfte dann vorsichtig mit seinem Löffel gegen das Ei. »Ich weiß, ich bin eine Werkatze, aber das hier ist wirklich lächerlich.«

Ich kicherte und trank einen Schluck Wein, kein bisschen motivierter als Beau, mein Essen anzurühren. »Ich gebe zu, dass ich in Sachen Ernährung wohl ein bisschen weniger abenteuerlustig bin, als ich sein sollte. Was kommt als Nächstes?«

»Käse«, las er von der kleinen weißen Karte ab, die der Kellner zusammen mit den Amuse-Bouches auf den Tisch gestellt hatte und auf der die verschiedenen Gänge aufgelistet waren.

»Warum machst du dann so ein komisches Gesicht? Käse klingt doch gar nicht so schlecht.«

»Eine pikante Mischung aus Ziegen- und Yakmilch«, sagte er und überflog weiter die Menükarte.

»Äh, okay …« Ich trank noch einen Schluck. »Immerhin ist der Wein gut.«

Beau sah mich enttäuscht an. »Es tut mir sehr leid, dass dir das Essen nicht liegt.«

»Wir haben ja noch nicht mal wirklich damit angefangen«, versuchte ich die Sache mit Humor zu nehmen. »Das Hauptgericht besteht vermutlich aus irgendeinem bedauerlichen exotischen Tier, das auf einem Bett aus Seegras serviert wird. Französischem Seegras, selbstverständlich.«

Er lachte. »Nebenan gibt es eine Sportsbar. Hast du Lust auf einen Burger?«

»Und dafür soll ich mein Vogelnest zurücklassen?« Beschützend legte ich die Hände um meine Suppenschüssel und bemühte mich, nicht laut loszuprusten. Als er mich verschmitzt angrinste, stand ich auf. »Lass uns gehen.«

Beau warf ein Bündel Scheine auf den Tisch und folgte mir.

In der Kneipe nebenan suchten wir uns einen ruhigen Platz. Während wir auf unsere Burger warteten, entstand ein unangenehmes Schweigen zwischen uns. Beau in einer dunklen, gemütlichen Bar gegenüberzusitzen fühlte sich um einiges intimer an als an einem Tisch in einem edlen französischen Restaurant. Ich zermarterte mir das Gehirn auf der Suche nach einem geeigneten Thema, aber mir fiel nichts ein. Verdammt. Mein letztes Date war so lange her, dass ich nicht mal mehr wusste, worüber man sich bei so einer Gelegenheit unterhielt. Football? Ich hatte keine Ahnung, ob er überhaupt an Sport interessiert war. Das Wetter? Nein, das wäre einfach nur langweilig.

»Fühlst du dich in meiner Gegenwart nicht wohl?«

Ganz offensichtlich hatte er meine Unsicherheit gespürt, sie aber falsch interpretiert.

»Ich bin einfach nicht besonders gut in Small Talk. Oder in Dating. Ich date normalerweise nicht«, fügte ich überflüssigerweise hinzu.

Er sah mich fasziniert an. »Ich kann mir keinen einzigen Grund dafür vorstellen. Erzähl mir was von dir.«

Ich erstarrte. Etwas über mich zu erzählen bedeutete auch, etwas über Sara zu erzählen, und ich durfte auf keinen Fall über meine kleine Schwester reden. »Da gibt es nicht viel zu erzählen«, sagte ich steif. Versuchte er, mich auszufragen, um an Informationen heranzukommen? »Alles in allem bin ich ein sehr langweiliges Mädchen.«

Er schüttelte den Kopf, während wieder dieses wunderschöne Lächeln seine Lippen umspielte. »Ich zweifle ernsthaft daran, dass jemand mit einem außergewöhnlichen Namen wie deinem langweilig sein könnte.«

Ich schwieg.

»Du bist wirklich nicht besonders gut in Small Talk«, zog er mich auf.

Verdammt. Ich musste ihm etwas möglichst Belangloses erzählen, damit er nicht auf unser Geheimnis stieß. »Ich … lese gern.«

Er grinste mich über den Teller mit Pommes hinweg an, den der Kellner gerade vor uns abgestellt hatte. »Wer tut das nicht?«

Der Mann hatte wirklich ein Talent dafür, sich beliebt zu machen. »Okay, das war’s von mir. Jetzt bist du dran. Erzähl mir doch mal, was du so magst.«

Für einen Moment sah ich seine perfekten weißen Zähne aufblitzen. »Ich mag Frauen. Weiche, kurvige Frauen.«

Ich verdrehte die Augen. »Das zählt nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil es selbstverständlich ist. Genauso selbstverständlich wie die Tatsache, dass ich gut gebaute Männer mag.« Ich nahm mir ein paar Pommes. »Da könnte ich dir genauso gut erzählen, dass ich besonders gern atme und esse.«

»Wir scheinen wirklich füreinander gemacht zu sein. Essen und Atmen praktiziere ich für mein Leben gern.« Er beugte sich zu mir herüber. »Und ich bin sogar sehr gut gebaut.«

Beinahe hätte ich mich an den Pommes verschluckt. »Das war nicht nett«, sagte ich hustend, während ich versuchte, wieder Luft zu bekommen. »Du spielst mit unfairen Mitteln.«

Er nahm sich noch ein paar der knusprigen Kartoffelstäbchen und gestikulierte damit in meine Richtung. »Du bist dran.«

»Es gibt wirklich nichts besonders Interessantes über mich zu berichten.«