Minusgefühle - Jana Seelig - E-Book

Minusgefühle E-Book

Jana Seelig

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Beschreibung

Jana Seelig hat im Netz herausgebrüllt, was es heißt, depressiv zu sein, und ist damit zu einer starken Stimme vieler Betroffener geworden. In »Minusgefühle« beschreibt sie ihre Niederlagen, ihre Chancen, ihre Traurigkeit und ihren ständigen Kampf gegen die Krankheit. Sie erzählt, was man fühlt, wenn man nichts fühlt. Davon, wie es ist, wenn man alles Mögliche versucht, um überhaupt etwas fühlen zu können: Alkohol, Sex, Drogen — der Versuch, so viel es geht zu leben, kostet sie genau so viel Kraft wie die vielen Erklärungen für Nichtbetroffene. Sprachmächtig und kompromisslos schreibt sie über die Depression, die ein Teil ihres Lebens ist — aber ihr Leben nicht mehr bestimmt.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für Anna.

Dieses Buch enthält sensible Themeninhalte wie psychische und körperliche Gewalt, Suizidalität, Rassismus, Sexismus, Drogen- und Alkoholmissbrauch. Die Wertung der verschiedenen Situationen ist persönlich, beschreibt die zu diesem Zeitpunkt vorherrschenden Gefühle und ist in keinem Fall als rational anzusehen.

ISBN 978-3-492-97174-4

November 2015

© Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2015

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Joseph Wolfgang Ohlert

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

If you know someone who’s depressed, please resolve never to ask them why.

Depression isn’t a straightforward response to a bad situation; depression just is, like the weather.

Stephen Fry, britischer Schriftsteller und Schauspieler

Prolog

Tagebuchschreiben war noch nie mein Ding. Ich weiß noch, dass ich als Kind immer Unwahrheiten in mein pinkes Diddl-Buch schrieb. Es hatte Schlösser, die sich viel zu einfach knacken ließen. Man brauchte dazu nicht einmal Haarklammern oder diese anderen Dinge, die Verbrecher immer in Krimis benutzen. Der Verschluss ließ sich mit etwas Fingerspitzengefühl ein wenig eindrücken, und schon waren meine Gedanken nicht mehr privat, sondern zugänglich für jeden, der sie lesen wollte – und ich wollte, dass man sie liest. Es waren ja nicht wirklich meine Gedanken, sondern meine Lügen, weil ich meinen eigenen kleinen Kosmos für zu unbedeutend hielt. Ich wollte immer, dass der Nachwelt etwas von mir erhalten bleibt, und so schlitterte ich von Extremen zu Extremen – in meinem Tagebuch. Dieses Tagebuch existiert schon längst nicht mehr. Irgendwann während meiner Pubertät hab ich es feierlich verbrannt und mir zum Ziel gesetzt, meine eigene Geschichte zu erleben. Ich wollte nicht mehr die sein, die ihr Tagebuch und damit auch sich selbst belügt. Vor allem aber auch nicht die, an die man sich wegen ihrer Lügen erinnert.

Seitdem habe ich viele weitere Tagebücher begonnen. Mal schrieb ich in Ringblöcke, mal in wunderschöne Bücher und manchmal auch ins Internet. All diese Notizen verstreuten sich irgendwann, sie verloren sich in den Tiefen meines Schreibtisches, in Mülltonnen oder im Netz. Natürlich enthielten sie weiterhin Lügen und oft ein riesengroßes Nichts – nur dass mittlerweile nicht mehr ich Unwahrheiten erzählte, sondern meine Depression, und wenn sie nicht gerade log, dann vergaß sie. Die Abstände zwischen den Zeilen waren teilweise so lang, dass meine eigene Geschichte mir nicht mehr schlüssig erschien. Ich vergaß, was zwischen zwei Liebeskummern passiert war. Oder zwischen zwei tollen Momenten. Weil ich immer zu leer oder zu glücklich war zum Schreiben, und immer dann kam mir das Geschehene irrelevant vor. Eine Geschichte, die keinen roten Faden hat, verfolgt man eben nicht so gern.

Doch irgendwann ging mir auf, dass ebendas mein roter Faden ist. Dass diese Leere zwischen zwei Momenten genau meine Geschichte ist. Dies ist das Tagebuch einer Depression.

1Nicht einfach nur traurig

Du musst einfach mal klarkommen«, sagt er und wendet sich von mir ab. »Jeder ist mal depressiv. Kein Grund, sich so hängen zu lassen. Merkst du nicht, wie du mich damit belastest?«

Mein Freund Sven hat es noch immer nicht verstanden. Seit zwei Stunden reden wir jetzt über meine Depression und die Auswirkungen, die sie auf mich, mein Leben, meinen Job, aber auch auf meine Freundschaften und Beziehungen hat. In den letzten Wochen war sie ständig Thema. Ich bin gerade dabei, in eine meiner depressiven Episoden abzurutschen. Die Gründe dafür kann ich erahnen, will sie aber nicht wahrhaben. Ich sehne mich nach ein wenig Verständnis, jemandem, der sagt, dass alles nicht so schlimm ist und dass es okay ist, depressiv zu sein. Ich bin nicht einfach nur traurig oder unzufrieden, sondern schlicht und ergreifend krank, und aus dieser Erkrankung hab ich nie ein Geheimnis vor ihm gemacht. Ich finde es nicht schlimm, depressiv zu sein. Also so ganz grundsätzlich, meine ich. Es gehört eben einfach zu mir, so wie meine Liebe zu Katzen und schlechter Popmusik oder die Tatsache, dass ich keine Augenbrauen hab. Natürlich wäre ich auch lieber gesund, denn ehrlich, wer ist schon gerne krank? Doch man findet sich irgendwann ganz einfach damit ab und lebt damit, so gut es geht.

»Du bist genau wie meine Ex«, fährt er fort. »Die war auch ’ne Borderlinerin.«

»Ich habe kein Borderline, sondern Depressionen«, antworte ich, »und wenn du dich mal ein bisschen mit mir und meiner Krankheit auseinandergesetzt hättest, wüsstest du das auch.«

»Jeder ist mal depressiv«, wiederholt er. »Ich war auch schon depressiv und wollte mir eine Kugel in den Kopf jagen. Wie du siehst, hab ich es geschafft, mich zusammenzureißen. Du musst das endlich auch mal tun. Wenn ich wie du den ganzen Tag vor dem Computer sitzen würde, wär ich auch schlecht drauf. Du musst einfach mal rausgehen. Unternimm was. Such dir einen neuen Job. Und mach gefälligst nicht alles von mir abhängig. Du kannst deine Depressionen nicht auf mich schieben, ich habe damit nichts zu tun.«

»Wann hab ich denn ...«, setze ich an, doch Sven unterbricht mich.

»Ich habe keine Lust mehr, mit dir zu diskutieren. Bitte geh. Wenn ich noch länger mit dir rede, werde ich selbst noch depressiv.«

Svens Worte machen mich wütend, doch ich weiß, dass jeder Versuch, ihm meine Lage zu erklären, zwecklos ist. Ich schwinge mir meinen Rucksack über die rechte Schulter und verlasse genervt seine Wohnung. Mir ist klar, dass ich auf normalem Weg nicht an ihn herankomme. Es gibt nur eine Möglichkeit, ihn zu erreichen: Twitter. Auch wenn er niemals zugeben würde, dass er meine Aktivitäten auf der Plattform mit großem Interesse verfolgt, weiß ich, dass er alles liest, was ich dort schreibe.

Ich öffne die App und scrolle durch meine Timeline. Das mache ich immer, bevor ich meine eigenen Worte in die Welt hinausschreibe. An einem Tweet von einem Freund bleibe ich hängen.

@R3nDom
»Hey, Depressionen sind die Geißel der modernen Lebenswelt!«
»Oh? Dann spann mal einen Tag aus, jeder ist mal down. Wird schon wieder.«
15:44 - 10 Nov 2014

Ich drücke auf »retweeten« und fange dann an, selbst zu schreiben.

@isayshotgun
Wenn ihr selbst keine Depressionen habt, dann dürft ihr auch nicht mitreden und uns sagen, wie es uns zu gehen hat und was wir tun sollen.
15:55 - 10 Nov 2014
@isayshotgun
Mein Leben ist mehr als okay, und ich bin trotzdem depressiv. Nur weil ich alles habe, was ich brauche, muss es mir nicht gut gehen.
15:57 - 10 Nov 2014

Binnen weniger Sekunden werden beide Tweets mehrfach retweetet und mit kleinen gelben Sternchen versehen. Ein Zeichen dafür, dass ich einen Nerv getroffen habe. Dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht und die sich von den vielen und oftmals wenig hilfreichen Kommentaren zu ihrer Krankheit in eine Ecke gedrängt fühlt, in der sie nicht sein will.

Die Resonanz ermutigt mich weiterzuschreiben. Ich beginne, meine Geschichte zu erzählen oder zumindest einen Teil davon – immer in der Hoffnung, dass sie vor allem auch bei dem Menschen landet, der mich dazu getrieben hat, überhaupt öffentlich Stellung zu der Thematik zu beziehen. Ich schreibe über meine jahrelange Unwissenheit darüber, was überhaupt mit mir los ist, die Reaktionen meines Umfelds, das Nicht-ernst-genommen-Werden und die für mich befreiende Diagnose. Ich erzähle dem Internet von meinen Medikamenten, den Schwierigkeiten, die ich damit hatte, und von einem Selbstmordversuch. In Wirklichkeit waren es zwei: einer mit Tabletten, und beim zweiten Mal habe ich versucht, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Ich schnitt damals einfach nicht tief genug, und als ich die Tabletten zusammen mit einer Flasche Wodka nahm, passierte gar nichts, außer dass ich mich drei Tage lang nur übergab. Alles, was ich jahrelang in mich hineingefressen habe und aus Angst, in die Geschlossene eingewiesen zu werden, und weil ich nicht bemitleidet werden wollte, nicht einmal meiner Therapeutin erzählt habe, ballere ich ohne den Gedanken an irgendwelche Konsequenzen in das Netz. Dass ich andere damit triggern oder verletzen könnte, ist mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst.

Meine Notifications blinken im Sekundentakt auf. Die kurzen Texte werden Hunderte Male geteilt und gelangen so an immer mehr Menschen, die sie lesen und mit ihren eigenen Followern teilen. Innerhalb weniger Stunden habe ich über 1000 neue Leser hinzugewonnen. Die Zahl übt eine gewisse Faszination auf mich aus. Sind wir wirklich so viele? Bisher hatte ich immer das Gefühl, mit meiner Erkrankung allein zu sein – auch wenn ich natürlich weiß, dass es da draußen unglaublich viele Menschen gibt, die mit denselben Problemen zu kämpfen haben wie ich.

Irgendwann legt sich der Schreibfluss. Ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte. Das Fach mit den Direktnachrichten quillt unterdessen über. Sie sind sich alle ziemlich ähnlich: »Ich wusste nicht, dass es dir auch so geht« oder »Endlich spricht’s mal jemand aus«. Eine Followerin fragt nach, ob ich nicht einen Hashtag für die Tweets machen wolle. Sie habe auch eine Menge zu sagen, ihr persönlich fehle aber die Reichweite, um so viele Leute zu erreichen wie ich. Ein Hashtag würde die Aussagen besser bündeln und so jeden erfassen, der etwas zu sagen habe. Ich schreibe, dass ich keinen Nerv hätte, mich um ein Hashtag zu kümmern, und dass ich mir alles, was ich sagen wollte, bereits von der Seele geschrieben hätte, dass sie sich aber gerne mit einem Hashtag bei mir melden solle, den auch ich an meine Follower geben würde.

Sie schlägt #NotJustSad vor, einen Hashtag, der zuvor bereits im englischsprachigen Raum benutzt wurde, aber dort kaum Beachtung fand. Ich teile den Tweet, in dem sie das Schlagwort erwähnt und schreibt, meine vorangegangenen Tweets hätten sie zu einem Hashtag inspiriert – und dann bricht die Lawine endgültig los. Bereits nach wenigen Minuten ist der Hashtag gefüllt mit Statements anderer Betroffener. Viele davon drücken auch meine Gefühle, oder besser gesagt, Nichtgefühle aus. Die, die mich am meisten berühren, teile ich mit meinen Lesern, schreibe zu manchen ein paar eigene Worte. Mein Handy hört gar nicht mehr auf zu piepen.

Irgendwann schalte ich es aus und mache mich auf den Weg zu Sven. Er hat die kurzen Nachrichten gelesen und möchte nun noch einmal mit mir reden.

Das Gespräch ist eine einzige Katastrophe. Statt auf das, was ich geschrieben habe, einzugehen, greift er mich an.

»Du denkst, du könntest mit ein paar Tweets die Welt verändern. Ich sag dir, was passiert, wenn du Dinge ins Internet schreibst: nichts. Twitter ist genauso irrelevant wie du und sie. Alles, was passieren wird, ist, dass die Leute, die dir folgen, dich für noch gestörter halten, als du eh schon bist.«

»Hab ich jemals irgendwo behauptet, dass ich die Welt verändern will?«, kontere ich. »Ich hab die Tweets für dich geschrieben, damit du mir endlich mal zuhörst. Dass sie auf solche Resonanz stoßen, konnte ich ja wohl nicht ahnen!«

»Feier dich nur dafür ab«, sagt er, und ich frage mich, wo ich mich gerade feiere. »Morgen wird es schon vergessen sein. Du kannst mich mit ein paar Tweets nicht erpressen.«

»Wo hab ich dich denn erpr ...?«

»Erreich erst mal was Richtiges, dann reden wir weiter.«

»Wow«, sage ich, »kaum hab ich mal das Gefühl, dass du endlich kapiert hast, um was es hier eigentlich geht, beweist du, dass es nicht so ist. Und genau deshalb rede ich so gern mit Twitter.«

»Du drohst mir?«

»Du kapierst es nicht.«

Wütend knalle ich die Tür hinter mir ins Schloss. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sven mir hinterherkommt, also renne ich die Stufen bis zur Eingangstür hinunter, so schnell ich kann. Draußen angekommen, lasse ich mich auf der Treppe nieder, drehe mir eine Zigarette und schalte mein Handy wieder ein. Noch bevor ich unten angekommen war, hat er mir eine Mail geschrieben. Ich ignoriere sie und öffne stattdessen Twitter. Mehr als 300 neue Mitteilungen haben sich angesammelt. Dazu kommen viele Nachrichten per E-Mail und WhatsApp. Ich beantworte die wichtigsten in wenigen Sätzen und twittere, dass ich mich aus der Diskussion fürs Erste herausziehe, die unter dem Hashtag gesammelten Statements aber trotzdem lesen werde.

Natürlich halte ich mich nicht daran. Bis tief in die Nacht sitze ich da, lese die kurzen Texte anderer Betroffener und schreibe selbst noch viele weitere dazu. Irgendwann bringt meine Mitbewohnerin frisch gebackene Kekse an mein Bett, und wir entscheiden uns dafür, unseren Mitbewohner zu wecken, um eine Runde Scrabble zu spielen. Ich gewinne haushoch und verabschiede mich gegen halb fünf mit den Worten »Das abgebrochene Germanistikstudium muss ja für was gut gewesen sein« ins Bett.

Als ich gegen elf Uhr aufwache und einen Blick auf mein Handy werfe, trifft mich fast der Schlag. Hunderte neue Nachrichten sind in den letzten Stunden eingegangen, private SMS von Freunden, Familie und Menschen aus der Schul- und Unizeit, die ich längst vergessen habe. Auch mein Nachrichtenfach bei Facebook quillt über, selbst meine beiden privaten E-Mail-Postfächer blieben nicht verschont. Ich habe Mühe, alle Nachrichten zu lesen, und frage mich immer wieder, wie all diese Menschen mich so schnell im Netz finden konnten. Neben vielen sehr persönlichen E-Mails sind auch Interviewanfragen darunter, die sich auf einen Artikel beziehen, der am frühen Morgen erschienen sein muss. Ich klicke auf einen der angehängten Links, und es öffnet sich eine Website, auf der ein großes Foto von mir prangt. Die Überschrift enthält den Hashtag #NotJustSad und meinen Klarnamen, den ich bisher, so gut es ging, aus dem Internet herausgehalten habe. Mein Pseudonym »Jenna Shotgun« hat mich immer beschützt, war immer mehr Kunstperson als das reale Ich. Noch bevor ich den Artikel zu Ende gelesen habe, kommen mir die Tränen. Ich bin schlicht und ergreifend überfordert von der Resonanz, auf die ich mit ein paar in den Raum geworfenen Worten gestoßen bin. Trotzdem klicke ich mich durch alle Texte, versuche, sie, so gut es geht, zu beantworten.

Auch eine Mail von Sven ist darunter:

Du bist in allen großen Zeitungen. Gut gemacht, ich bin stolz auf dich. Mach da weiter, wo du angesetzt hast, und gehe gut mit dem Ruhm um. Auf dich werden jetzt große Dinge zukommen.

Ich verstehe nicht, was genau er damit meint. Er, der mich gestern noch für meine Worte angegriffen und gesagt hat, dass man mit Twitter nichts erreicht. Abgesehen davon, dass ich nicht mal was erreichen wollte, außer dass er endlich kapiert, wie es mir geht.

Plötzlich klingelt das Telefon, eine unbekannte Nummer. Überfordert von den ganzen Reaktionen auf meine Tweets, hebe ich ab, obwohl ich sonst eigentlich nie rangehe, wenn ich nicht weiß, wer mich anruft. Es ist ein großer deutscher Fernsehsender, die Nummer haben sie von einem meiner Freunde. Sie wollen noch am selben Abend mit mir drehen. Ohne zu wissen, was ich da gerade tue, sage ich zu. Die Sache ist nämlich die: Im Moment fühle ich nichts. Keine Freude darüber, dass ich anscheinend eine sehr wichtige Diskussion in Gang gesetzt hab. Und keine Angst vor dem, was mich erwarten könnte.

Ich fühle mich leer und bin mir nur einer Sache bewusst: dass ich das Bild, das die Medien gerade von mir schaffen, so lange es nur geht, aufrechterhalten muss.

Du bist für viele jetzt ein Vorbild, geht die Mail von Sven weiter. Sorg dafür, dass das so bleibt, und lass dich nicht unterkriegen, Kleines.

2Jugend auf dem Land _ Teil I

Die Sommer auf dem Land waren immer etwas ganz Besonderes. Sie hatten so etwas Magisches an sich, auch wenn wir oft nichts anderes taten, als uns von zu Hause wegzuschleichen, um auf den Hochsitzen im Wald heimlich Joints zu drehen und die Wodkaflaschen zu leeren, die uns die älteren Jungs aus der Nachbarschaft besorgten. Manchmal, wenn wir nicht an Wodka kamen, klaute einer von uns einfach selbst gebrannten Schnaps aus dem heimischen Keller. Sorgen, dass die Kinder trinken könnten, schien sich eigentlich niemand zu machen, wir waren ja brave Kids vom Land, nicht so wie die bösen Menschen aus der Stadt, die Drogen vertickten und viel zu viel soffen. Vielleicht wurde aber auch einfach nicht darüber gesprochen und lieber weggesehen. Man war hier ja sehr auf seinen Ruf bedacht. Jedenfalls klauten wir den Schnaps und tranken ihn pur und direkt aus der sorgfältig von Oma etikettierten Flasche.

Wir machten das fast jeden Tag, nur dass wir im Winter den Schnaps gegen Glühwein tauschten und die Hochsitze gegen schneebedeckte Abhänge, die wir uns auf unseren Schlitten hinunterstürzten. Ausgangstreffpunkt war immer das Haltestellenhäuschen im Oberdorf. Manche von uns gingen nicht mal heim, um mit der Familie zu Mittag zu essen, sondern blieben nach der Schule gleich dort sitzen und rauchten ein paar Zigaretten. Den Bauern nebenan juckte das gar nicht. Außer wenn wir gleich zu siebt dasaßen, weil dann der Boden voller Zigarettenstummel war. Die Straße hier musste sauber sein, was sollten denn die Leute denken? Doch was die Leute dachten, war mir relativ egal.

Ich hatte nie Bock, dieses Vorzeigemädchen zu sein. Eines, mit dem die Eltern prahlen, weil es immer gute Noten schreibt, sich die Lippen nicht bemalt, und das in seiner Freizeit lieber zu Hause den Abwasch macht, als sich beim Skateboarden die Knie blutig zu schlagen. Manchmal riefen die Nachbarn an, um mir Nachhilfestunden bei ihrer Tochter anzubieten, damit ich es im Leben auch zu etwas brächte (ihr Vorzeigemädchen arbeitete schließlich schon seit dem sechsten Lebensjahr darauf hin, später Ärztin zu werden, mich sehe man hingegen viel zu oft im Haltestellenhäuschen statt am Schreibtisch). Wenn meine Eltern mich nach so einem Anruf darauf einschworen, unbedingt besser oder mindestens genauso gut zu sein wie sie, gab ich bei Prüfungen ganz bewusst ein leeres Blatt Papier ab.

Ich will nur meine eigene Persönlichkeit haben dürfen. Eigene Erfolge. Und eigene Fehler. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass das Dorf mir das verweigerte. Man ist eine Gemeinde. Was aus dem Bild fällt, muss weg. Du musst eben so sein wie alle anderen, nur dann kommst du hier wirklich durch.

Das Dorf – es engte mich ein. Es gab mir zugleich aber auch viele Freiheiten. Ich konnte nachts einfach abhauen und mich in den Wald verziehen, meine Eltern fragten eh nicht, wo ich war. Im Dorf kann dir nichts passieren, außer vielleicht, dass du nachts von einem Wildschwein angegriffen wirst. Und wie realistisch ist das schon?

An einen dieser Abende am Haltestellenhäuschen denke ich noch oft. Wir waren 13, 14 Jahre alt und zu siebt unterwegs, die ganze Clique, die sich für ziemlich cool hielt, obwohl wir eigentlich alle uncool waren. Der Tag war ziemlich heiß, und es muss gegen Mittag gewesen sein, als wir uns auf dem Sportplatz trafen, um Fußball zu spielen und dabei Bier zu trinken.

Es war ein Tag wie jeder andere: Fußball, Skateboarden, Alkohol und Joints, mit viel Gelächter, Spaß und Oberflächlichkeit, und später dann lagen wir auf diesem Acker, nicht weit vom Fußballplatz entfernt, lagen einfach nur da und blickten in die Nacht. Jemand hatte einen CD-Spieler mitgebracht, die Musik war selbst gebrannt, es war der Soundtrack unserer Jugend. Gerade noch liefen die Ärzte, »Rebell«, ja, das war es, was wir sein wollten: Rebellen wie die Punks aus dem Fernsehen, also die, die eine Ratte bei sich trugen und die langen Haare bunt. Und dann sprang das nächste Lied an, Imogen Heap, »Hide & Seek«, und ich weiß noch, wie uns in dem Moment klar wurde, dass wir nichts taten, als uns zu verstecken, und dann fing irgendwer an zu weinen.

Mein bester Freund Andi drehte den Kopf zu mir. Er sah mir in die Augen und fragte: »Denkst du manchmal nach über den Tod? Ich meine, deinen eigenen? Und wenn du in Gedanken stirbst – wie stirbst du dann?«

3Stumme Hilferufe

Wenn man ganz genau hinsieht, also wirklich ganz, ganz genau, sieht man die feinen, weißen Linien an meinen Armen und Beinen. Sie sind nur einen Tick heller als der Rest meiner Haut, doch wenn man weiß, dass sie da sind, kann man sie nie wieder übersehen.

Ich liebe Katzen schon immer – für ihre Anmut, ihre Zärtlichkeit, aber auch für ihre zickige Art und die scharfen Krallen. Ich glaube, ich hab schon als Kleinkind meine Eltern angebettelt, mir eine eigene zu kaufen, obwohl es auf den umliegenden Bauernhöfen mehr als genug Katzen gab, um die ich mich mit aller Liebe kümmerte, die ich aufbringen konnte, auch dann noch, als ich längst im Besitz eines eigenen Tigers war. Als ich auszog, musste ich bei meinem neuen Vermieter exakt das Gleiche tun, bis ich den kleinen schwarzen Kater, mit dem ich mir gerade das Bett teile, bei mir aufnehmen durfte. Wenn man Katzen ärgert, kratzen sie. Meistens. Manchmal machen sie das aber auch einfach so, weil sie eben Katzen sind. Katzen sind auch nichts weiter als flauschige Arschlöcher, die sich selbst für das Allergrößte auf diesem Planeten halten und ihre Macht über den Menschen auch gerne mal mit ihren Krallen demonstrieren – und so kam ich zu den vielen Narben an Armen und Beinen, die heute nur noch als feine, weiße Linien auf meiner Haut erkennbar sind, und auch nur dann, wenn man ganz genau hinschaut. Das erzähle ich zumindest den Leuten, wenn sie danach fragen. In Wirklichkeit hab ich mich jahrelang geritzt, und es hat bis heute niemand bemerkt.

Ich hab mich schon immer ein wenig anders gekleidet als die anderen. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass ich im Hochsommer oft Stulpen trug. Sie waren nichts weiter als ein Accessoire, das mit der Zeit auf dem Schulhof so beliebt wurde, dass sogar das örtliche Kaufhaus sie ins Sortiment aufnahm und ich statt der alten 80er-Jahre-Teile meiner Mutter immer schönere und buntere Exemplare direkt aus dem Kaufhaus klauen konnte. Darunter schmuggelte ich auch mehr als einmal schwarzen Kajalstift und Wimperntusche hinaus. Doch was ich eigentlich damit versteckt hab, hat nie jemand erfahren.

Die erste Klinge, mit der ich mich schnitt, fand ich mit 14 im Badezimmer meiner Oma. Sie war alt und angerostet und stumpf. Vermutlich hatte sie einmal meinem Opa gehört, der zu diesem Zeitpunkt schon lange tot war, doch für die ersten Versuche reichte sie. Ich schnitt nicht tief, und es blutete kaum, und insgesamt war die Erfahrung eher unbefriedigend. Ich hab keine Ahnung, wie ich überhaupt auf die Idee kam, mir damit die Arme aufzuritzen. Ich hatte schon davon gehört, doch dass es wirklich eine Art Befreiung vom »seelischen Schmerz« bewirken kann, hab ich nie wirklich geglaubt und auch selbst nicht so empfunden. Trotzdem gab ich nicht auf. Ich recherchierte im Netz nach den besten Methoden, sich zu ritzen, und probierte immer neue Gegenstände aus, die es mir ermöglichten, meine Haut auf möglichst wenig schmerzhafte Art zu verletzen, denn richtig wehtun wollte ich mir nie. Es ging mir nur um das Ergebnis auf der Haut. Erst, wenn eine Narbe blieb, war ich zufrieden. Ich wollte sehen, dass ich was bewirkt hatte, und so ritzte ich mich mit allem, was ich fand, von Küchenmessern über Nagelscheren bis hin zu Papier, und dann verätzte ich die Wunden und hielt dem Schmerz einfach stand, so lange, bis ich wusste, dass es eine Narbe gab. Einmal verbrannte ich mich sogar an dem Feuerofen in der Küche meiner Eltern. Ich tat das ganz bewusst, doch der Schmerz war viel zu stark, als dass ich jemals bereit gewesen wäre, es zu wiederholen. Der Schmerz ging irgendwann vorbei. Nur die Narbe sieht man immer noch, am deutlichsten von allen, die ich mir im Laufe der Jahre selbst zugefügt habe.

Ich probierte noch jede Menge andere Dinge aus, die in die Kategorie »selbst verletzend« fallen. Wenn ich wirklich, wirklich wütend war, schlug ich meinen Kopf gegen die Wand, weil ich keine Lust hatte zu schreien. Ich schreie auch heute nicht. Zumindest schreie ich niemand anderen an, sondern richte die Worte nur gegen mich selbst, so wie damals eben die Gewalt. Ich riss mir die Haare aus, wenn mir der Sinn danach stand, und saß anschließend heulend auf dem Bett, weil ich sie eigentlich echt mochte und schon die Krise bekam, wenn ich nach dem Kämmen nur zwei, drei Haare in der Bürste fand. Ich biss mich selbst und genoss es sehr, wie meine Haut schmeckte, leicht salzig und nach stark künstlichem Vanillearoma. Sobald es anfing zu bluten, hörte ich auf, aber auch nur, weil ich den metallischen Geschmack von Blut nicht mag. Befriedigung empfand ich dabei nie. Erst, wenn jemand anderes mir wehtut, fühle ich mich wirklich ganz – also dann, wenn der Schmerz wieder nachlässt und ich anfange zu spüren, dass ich gerade wirklich lebe. Ob das nun körperlich oder »nur« seelisch passiert, ist letzten Endes egal.

Ich bin heute davon überzeugt, dass ich mich nur für die Aufmerksamkeit ritzte. Ich wollte gesehen werden, wollte zeigen, dass es mir schlecht geht – und doch hab ich die Schnitte unter langen Ärmeln oder Stulpen versteckt. Weil ich immer gehofft hab, dass auch so jemand bemerkt, dass es mir nicht gut geht. Ich wollte mich eigentlich nie verletzen. Ich wollte nur, dass mir mal jemand zuhört – und doch hab ich mich nie getraut, was zu sagen. Die Klingen sprachen immer nur zu mir.

Stolz war ich auf meine Narben immer. Sie zeigten mir, dass ich fähig war, das Leid zu überleben. In Wirklichkeit war das alles einfach Schwachsinn. Ich liebe meine Narben sehr – allerdings nur die, hinter denen eine echte Geschichte steckt. Wie die an meinem linken Knöchel, wo mir mal ein Auto drübergefahren ist, weil der Wichser von Fahrer den Gehweg mit der Straße verwechselt hat und dann einfach abgehauen ist und mich mit offenem, blutenden Bein liegen ließ. Oder die auf meiner rechten Hand, die meine kleine Schwester mir zugefügt hat, als wir es beim Arschloch-Spielen wieder einmal übertrieben haben. Diese Narben sehe ich heute noch sehr gerne an und erzähle die Geschichten dazu, wenn mich jemand danach fragt. Bei den anderen wünschte ich, sie würden für immer verschwinden, da sie nicht echt sind und auch nichts von der Schönheit der Wunden besitzen, die einem das Leben durch Zufall zufügt.

Heute ritze ich mich nicht mehr. Ich hab nicht das Bedürfnis, mir noch weitere Narben zu verpassen. Weder auf der Haut noch auf meinem Herzen, doch leider sind das Dinge, die sich wohl nicht verhindern lassen.

4Differenzialdiagnosen

Fuck!« Ich lasse den Stift auf den Stapel aus losen Papieren vor mir fallen. In einer Woche steht die erste Abiturprüfung an. Deutsch, mein Paradefach, doch ich kann den rechten Arm nicht mehr bewegen. Von den Leuten, die im Jahr vor mir ihr Abitur abgelegt haben, weiß ich, dass das vollkommen normal ist – aber eben erst nach den Prüfungen, wenn man wirklich mal drei Tage pausenlos geschrieben hat, und nicht bereits davor. Bisher hab ich ja kaum was zu Papier gebracht, mein Arm dürfte also gar nicht so sehr schmerzen. Vorsichtig versuche ich, die Schulter zu lockern und die Verspannung zu lösen. Vergeblich. Ich gerate in Panik und rufe meine beste Freundin Lotte an. »Geh zum Arzt«, sagt sie, »zur Not gibt der dir halt ’ne Spritze.« Ich sage: »Okay!« und überlege, ob ich mich nicht vorsorglich krankschreiben lasse und die Prüfung nachhole, wenn mit meinem Arm wieder alles in Ordnung ist. Ich soll da Montag an die 3000 Wörter zu Papier bringen, bin aber noch nicht mal in der Lage, meinen Stift richtig zu halten.

Erst zwei Wochen zuvor war ich beim Arzt, weil ich gefühlt sechs Wochen am Stück durchgängig wach war. Diagnose: Schlafstörungen. Ganz normal, wenn man mal etwas Stress hat – und die Abiturphase ist ja eine anstrengende Zeit für Schüler, die harte Arbeit nicht gewöhnt sind. Behandlung: jeden Abend zur gleichen Zeit ins Bett, jeden Morgen zur gleichen Zeit wieder raus, Verzicht auf Koffein, Zigaretten und Stress (haha!) sowie ein leichtes pflanzliches Schlafmittel für die besonders harten Nächte.

Die Schlaftabletten hab ich ziemlich schnell aufgebraucht, obwohl es eine große Packung war. Mehr als zwei Stunden Schlaf pro Nacht sind trotzdem nicht zu holen. Ich gehe zum Medizinschrank, spüle zwei Tabletten Ibuprofen 600 mit einem Glas Wasser herunter und setze mich zurück an den Schreibtisch.

»Stell dich nicht so an«, sage ich zu mir. »Andere Menschen haben ihren rechten Arm im Krieg verloren und trotzdem bis zum Schluss gekämpft.«

Kaum sind die Abiturprüfungen durch, verschwinden die Schlafstörungen und die Schmerzen im Arm. Es scheint, als hätte ich über den Erfolg, das Abitur wirklich geschafft zu haben, vergessen, dass es sie überhaupt mal gab.

Ein halbes Jahr später besuche ich zum ersten Mal die Universität. Ich bin nach Würzburg gezogen, weil man mir erzählt hat, dass nur ein bayerischer Studienabschluss wirklich was wert ist. Während alle um mich herum aufgeregt und glücklich sind, ihren Traumstudienplatz ergattert zu haben und endlich wieder lernen zu dürfen, Kontakte knüpfen und die ersten Partys feiern, tue ich nichts anderes, als mich morgens aus dem Bett zu quälen, meine Pflichten zu erledigen, die Vorlesungen abzusitzen und sofort nach Seminarschluss wieder in meine Wohnung zu verschwinden. Warum das so ist, kann ich mir nicht mal selbst erklären. Ich bin eigentlich nicht faul, zumindest dann nicht, wenn ich Freude an etwas habe. Und lesen, schreiben und Dinge lernen, die ich wirklich lernen will, macht mir riesengroßen Spaß, genauso wie neue Leute kennenlernen – nur fällt mir momentan alles so schwer. Eigentlich will ich nur für mich sein, mich alleine mit dem Stoff beschäftigen, meine eigenen Ideen aufbereiten und umsetzen und nicht mehr nach der Schnauze anderer tanzen. Vielleicht hatte ich wie jede Menge Menschen vor mir einfach falsche Erwartungen an das Studium – dabei ist es eigentlich genau das, was ich will, immerhin studiere ich jetzt Germanistik und Anglistik, also etwas, in dem ich schon immer gut war, und so krass unterscheidet es sich gar nicht von der Schulzeit, außer natürlich, dass es plötzlich so viel mehr ist.

Nach und nach schmeiße ich Kurse – entweder, weil ich nicht mehr aus dem Bett komme und meine Fehlstunden bereits aufgebraucht habe, oder weil ich das Lernen nicht mehr schaffe, obwohl der Stoff eigentlich ganz leicht ist. Es ist nicht so, dass ich die Texte, die wir durchnehmen, nicht verstehe – ich hab einfach Probleme damit, die simpelsten Aufgaben umzusetzen. Jeder Satz, den ich zu Papier bringen soll, fällt mir schwer, und ich schaffe es noch nicht einmal, die Bücher, die ich brauche, in den Warenkorb bei Amazon zu legen. Was ist eigentlich falsch mit mir?

Zur Klausurenzeit des ersten Semesters bin ich krank. So richtig krank. Ich liege mit der schlimmsten Grippe meines Lebens im Bett und muss mich zu den Nachprüfungen zu Beginn des nächsten Semesters melden. Dass ich die Chance habe, genau das zu tun, und nicht einfach das erste Semester wiederholen muss, sollte mich erleichtern. Stattdessen baut es noch mehr Stress auf. Während der gesamten Ferien finde ich keine ruhige Minute und denke pausenlos an den Stoff, den ich zu lernen habe – ohne auch nur einmal wirklich was zu tun.

Die Nachprüfungen bringe ich mit Ach und Krach hinter mich und beschließe: So kann und darf es nicht weitergehen. Ich wechsele ein Fach – von Anglistik auf Europäische Ethnologie – in der Hoffnung, dass es besser wird, doch die Probleme bleiben. Immer häufiger melde ich mich krank. Manchmal habe ich so starke Rückenschmerzen, dass ich nicht lange sitzen kann. An anderen Tagen sind es Kopfschmerzen, die so heftig sind, dass ich nicht einmal die Augen öffnen kann. Der Arzt verschreibt mir immer neue, immer stärkere Schmerzmittel, doch nichts davon schlägt an. Ich mache einfach weiter wie bisher. Und ärgere mich über meinen Körper, der es mir so schwer macht.

Ende der Leseprobe