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Auch dieses Buch handelt von Leben und Tod, Freundschaft und Liebe, aber ganz anders. Es ist eine wahre Geschichte aus der Zeit der Wirrnisse des Zweiten Weltkrieges. Leben und Tod sind in Siebenbürgen vor und nach dem "Wiener Diktat" im Dritten Reich, das Überleben in verschiedenen Konzentrationslagern bis zur Befreiung, Freundschaft und Liebe bei der Rückkehr in die ehemals ungarische Heimat und dann bis in die späten achtziger Jahre in der Bundesrepublik. Ein sensibler Junge aus gutbürgerlichen Verhältnissen erlebt die vollständige Vernichtung seiner sozialen Existenz. Bevor er endgültig untergeht, findet er edle Freunde in Deutschland. In diesem Buch werden Sie den "bösen Deutschen" nicht finden. Es ist ein autobiografischer Roman aus dem Krieg, in dem sich wie in einem Brennglas Leid, Liebe und Menschlichkeit bündeln. Ob es eine Wiedergutmachung geben kann, wird die Lektüre zeigen.
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Seitenzahl: 359
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Bild auf dem Umschlag (© Peter Gardosch): Das Stadtzentrum von Târgu Mureş (ältere Schreibweise Tîrgu Mureş); deutsch Neumarkt am Mieresch, ungarisch Marosvásárhely. Târgu Mureş ist eine Stadt in Siebenbürgen, Rumänien.
Ich danke meiner Frau Ramona. Ohne Ihren Einsatz wäre dieses Buch nie zustande gekommen. Peter Gardosch
Neumarkt 1941
Apfelstrudel
Enkel und Großväter
Carl Gabler
Agi und Aurel
Das Wiener Diktat
Im Judenviertel
Die Petroleumfabrik
Der gelbe Stern
Baron von Senyi
Der Flughafen
Die Panzer
Laszlo Arpad
Tödliche Entscheidung
Großvaters Abschied
Deportation
Carls Katastrophe
Die Ziegelei
Peter und Vera
Die Reise in die Hölle
Im Vernichtungslager
Kaufering
Das Projekt Ringeltaube
Kommandant Schwarz
Die Frau des Lagerkommandanten
Rety Gyurka
Gyurkas Genesung
Der Todesmarsch
Puch
Pater Emmanuel
Die „Rumpfmenschen"
Angela
Die Heimkehr
Emma
Das Verfahren
Trompetenschleim
Fotoanhang
In der Mittagshitze flimmerte die Luft über dem Kopfsteinpflaster. Zwischen den Wohnhäusern mit ihren verputzten Fassaden war die enge Straße zum alten Markt wie ausgestorben. Niemand war zu sehen. Peter ging auf dem Bürgersteig den Häusern entlang und hielt den großen glänzenden schwarzen gewölbten Wintermantelknopf von Großmutters Mantel in der rechten Hand. Während er ging, drückte er vorsichtig den Knopf gegen den Putz der Häuser. So vollzog sich eine originelle Schleifprozedur, durch die er den Knopf seitlich abgeschrägt hatte und diesen so zu einem gefürchteten Abwehrspieler seiner Knopffußballmannschaft verwandelte. Obwohl weit und breit niemand zu sehen war, schaute der Junge vorsichtig nach vorn und nach hinten. Die Hausbesitzer schätzten gar nicht die dünnen langen Spuren der Knopfschleifereien an ihren Fassaden.
Peter war ein gut gewachsener schlanker aber nicht schlaksiger Junge von 12 Jahren. Er hatte dunkelbraune dichte kurz geschnittene Haare, einen offenen heiteren Blick, seine Augen glänzten braun-grün. Viel später sagten Frauen, die ihn liebten: „Du hast Tarnfarben in Deinen Augen." Seine hohe Stirn und die etwas zu spitz geratene Nase verleihten ihm etwas Spitzbübisches. Die geschwungenen Augenbrauen hatte er von seiner Mutter. Wegen seiner einige Millimeter zu lang geratenen Schneidezähne gaben ihm seine Schulkameraden den Spitznamen „Hase". Er war lustig, aufgeschlossen und stets für einen Scherz aufgelegt. Diese Eigenschaften standen im vollständigen Gegensatz zu seiner wirklichen inneren Wesensart. Er war nämlich äußerst sensibel mit einer weichen Seele. Das waren sicherlich die von seiner Mutter geerbten Gene, die sein Leben bestimmen sollten. Er war ungewöhnlich tief berührt von jedem empfundenen Unrecht. Eine solche Begebenheit spielte sich im vergangenen Sommer in Sovata ab, dem Badeort, wo er jeden Sommer seine Ferien mit der ganzen Familie in Großvaters Villa, die den lustigen Namen „Imi" trug, verbrachte. Er saß auf der Terrasse und ein großer Hirschkäfer mit tief rotbraunem Panzer landete auf der Balustrade. In der Nachmittagsonne schimmerten seine glatte Oberfläche und sein Geweih rubinrot. Der Käfer begann, seine hauch dünnen Flügel unter seinem Panzer zu verstauen. Da flog wie aus dem Nichts ein blauschwarz glänzender Kolkrabe, schnappte sich im Flug den Käfer von der Balustrade und verschwand in den Baumkronen. Peter fühlte sich von diesem Sekundenereignis wie von einer dunklen Welle in die Tiefe gerissen. Kein Gedanke konnte ihn von dieser winzigen Tragödie abbringen. Er konnte seine Tränen nicht zurück halten.
Viele viele Jahre später, als er erwachsen war, fand er im Roman von Romain Rolland „Jean Christophe" eine verwandte Seele von ähnlicher Sensibilität. Nur wer Peter tief in die Augen sah, merkte ein stilles Licht und eine tiefe Melancholie
Das Fenster am Hause des Oberlandesgerichtspräsidenten, das im Sommer ständig offen stand und von wo aus seine Witwe, Tante Wilmutzi, ihre Ellenbogen gestützt auf das hierfür angefertigten Kissen, die Strasse beobachtete, stand auch jetzt offen, aber die alte Dame war wegen der Hitze nicht auf ihrem Beobachtungsstand. So schleifte im Vorbeigehen unter dem offenen Fenster Peter seinen Stopperknopf auch an diesem frisch verputzten hellgrauen Fassadensockel ungestört weiter.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich das Eckhaus mit den großen Parterrefenstern und dem beeindruckenden dunkelbraunen Eichentor im Torbogen. Es war eine dieser typischen Laubenganghäuser von Neumarkt. Links in Augenhöhe am Tor war ein kleines schon verwittertes Messingschild mit der Aufschrift "Karl Schuster Uhrmachermeister" angebracht. Peter klopfte mit dem hufeisenförmigen Türklopfer zweimal stark und einmal etwas schwächer an.
Der helle Klang der Rathausturmuhr war deutlich auch hier in der Oberstadt wie in ganz Neumarkt zu hören. Zuerst vier kurze helle Schläge, dann drei gewaltige Glockentöne. Peter war pünktlich. Er wusste von seinem Großvater, dass deutsche Menschen die Pünktlichkeit lieben. „Drei Uhr ist drei Uhr", sagte der Großvater immer.
Das Tor ging auf, und Michael stand mit einem breiten freundlichen und wie immer verschmitzten Lächeln da. Er sah aber ganz anders aus als sonst. Er trug ein hellbraunes Hemd mit zwei großen Brusttaschen, unter dem Kragen ein schwarzes Halstuch, das mit einem braunen geflochtenen Lederring sehr adrett zusammen gefasst war. Er trug eine schwarze kurze geriffelte Samthose mit einem matt glänzenden schwarzen Koppelgürtel. Der Gürtel wurde über der rechten Schulter mit einem Schulterriemen gehalten. Am linken Ärmel leuchtete eine rot-weiße Armbinde mit einem schwarzen Hakenkreuz. Die weißen Kniestrümpfe und die neuen braunen Haferlschuhe ergänzten seine Uniform. Die neue Bekleidung, der Ledergürtel und der Schulterriemen hatten einen herrlichen neuen Duft. Peter war voller Bewunderung und sprachlos.
Sie gingen auf dem langen Laubengang am Fenster des Großvaters vorbei, der wie immer mit seiner Uhrmacherlupe am Auge über ein Uhrwerk gebeugt saß und die beiden Jungen gar nicht bemerkte.
„Du siehst aber prachtvoll aus, Michael." sagte Peter.
„Gefällt dir meine Uniform?"
Als sie beide im Zimmer von Michael waren, merkte Peter, dass sein Freund an der Koppel einen Dolch trug. Das hatte er noch nicht gesehen. Einige Jungs hatten schon Dolche, Fahrtenmesser mit Holz- oder Hirschgeweihgriff. Die steckten in einer ganz harten Lederscheide. Solch einen Dolch wie Michael ihn hatte, hatte Peter noch nie gesehen. In einer schwarzen Metallscheide steckte der Dolch, dessen schwarzer glänzender enggeriffelter Griff in Form eines Adlerkopfes endete. Wie alles, was Michael trug, war auch der Dolch neu. Michael zog vorsichtig die blinkende Klinge, die von einem dünnen Fettfilm überzogen war, drehte den Griff zu Peter und überreichte ihm die blanke Waffe.
„Vorsicht, sag ich dir. Das ist richtig scharf." meinte Michael in einem etwas wichtigtuerischen Ton. Der Dolch lag überraschend schwer in Peters Hand. Auf seiner Klinge las Peter in feiner Gravur „Peck und Söhne Solingen". Er ließ sich mit seinem kleinen finnischen Fahrtenmesser, das er einmal zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, gar nicht vergleichen. Gegenüber der gefährlichen Waffe von Michael war sein Messer bloß ein Spielzeug.
„Du, das ist aber nicht zum Pfadfinderspielen im Wald gedacht." sagte Peter.
„Nein, Alter, das wird zur Uniform getragen und dient im Notfall zur Selbstverteidigung."
Den Tonfall hatte Peter bei Michael noch nie vernommen. Seine Wortwahl war unpersönlich und hatte einen amtlichen Klang. Der Junge spürte das, aber es war ihm nicht voll bewusst.
„Wie du siehst, bin ich in der HJ, in der Hitlerjugend."
„Du bist wirklich zu beneiden, und deine Sachen sind herrlich. Laß mich noch mal dein Messer sehen."
Peter hielt die Blankwaffe in der Hand und sagte: "Das ist doch wie ein Bajonett, oder was sagst du dazu?"
Michael antwortete: „Genauso ist es. Du hast es erfasst. Wir sind nämlich des Führers Offiziere von morgen! Das weist du doch."
Peter wusste das nicht. Er erinnerte sich jetzt plötzlich, dass bei Radioübertragungen der Reden von Adolf Hitler der Großvater in seinem Ordinationszimmer sich einschloss und durch die Tür nur die unangenehme hohe scheppernde Stimme Hitlers drang. Verstehen konnte Peter dabei nichts. Den Großvater bei dieser Gelegenheit zu stören, war allerstrengstens verboten. Peter hörte immer mal wieder lauten Jubel und langen tosenden Applaus aus dem fernen Deutschland. Großvater kam stumm mit versteinerten Zügen aus seinem Zimmer und sagte tief besorgt nur ein Wort zu Großmutter: „Furchtbar."
Peter erinnerte sich noch an den riesigen Streit mit Onkel Andor vor den Olympischen Spielen 1936. An langen Abenden diskutierte sein Großvater, Dr. Josef Heimann, ehemaliger ungarisch königlicher Stabsarzt, mit seinem Schwager, Rechtsanwalt Dr. Andor Schwarz, ob es moralisch vertretbar sei, Hitlers Olympiade zu besuchen. Der gefürchtete Strafverteidiger schrie den Großvater an:
„In Deutschland entsteht eine neue Welt. Siehst du nicht, dass dieser Mann den Deutschen ihre Würde zurück gegeben hat?"
Der Großvater antwortete auch nicht leise, es war draußen im Speisezimmer zu hören: „Wenn du zu Hitlers Olympiade fährst, rede ich nicht mehr mit dir."
Onkel Andor ist selbstverständlich nach Berlin gereist, und der Großvater hat weiter mit ihm geredet. Sie waren doch nicht nur verschwägert, sondern auch die besten Freunde und wissenschaftliche Partner bei der forensischen Arbeit, wie im Fall des Bäckers Szücs, der unter Mordanklage wegen des Todes eines ein paar Tage alten Kindes stand. Die Leiche des Kindes wurde in einer Pappschachtel von Pilzsammlern gefunden. Die Staatsanwaltschaft behauptete, es sei das uneheliche Kind, das der Bäcker und Konditoreibesitzer, der auch Amateurboxmeister von Neumarkt war, mit der schönen Bedienung Gisela aus seiner Konditorei gezeugt habe. Der Pflichtverteidiger von Szücs war Onkel Andor, und das gerichtsmedizinische Gutachten hatte Dr. Heimann zu erstellen. Die Beweislage war kompliziert, und letztendlich war das Gutachten ausschlaggebend, die Schuld oder Unschuld des Konditors zu beweisen. Die öffentliche Meinung des kleinen verschlafenen siebenbürgischen Städtchens, das ungarisch Marosvasarhely, rumänisch Targu Mures und deutsch Neumarkt hieß, wusste sofort, dass der gutaussehende Amateurboxer, der zahlreiche Affären hatte, das Baby mit einem Prankenhieb ermordet hätte. Das Gutachten des Dr. Heimann, das vom Obergutachter, dem Professor für Rechtsmedizin an der Universität von Klausenburg, Professor Dr. Andrassy, bestätigt wurde, sagte aus, dass das Kind eines natürlichen Todes gestorben war und die Mutter es aus Angst und Scham in ihrer Panik und Verwirrung im Walde deponiert hatte. Der Konditor wurde nach monatelanger Untersuchungshaft freigesprochen.
Ganz flüchtig dachte Peter darüber nach, wie Großvater die Nachricht aufnehmen würde, dass sein bester Freund Michael jetzt in der Hitlerjugend -im Volksmund HJ genannt - war und er selbst liebend gerne, schon wegen der schneidigen Uniform und des einmaligen Dolches, dort eintreten würde.
Das Gespräch zwischen den beiden Jungs wendete sich wieder dem Alltag zu.
„Ich zeige dir meinen neuen Stopper. Den habe ich soeben abgeschrägt." sagte Peter und holte aus seiner Hosentasche Großmutters großen glänzenden gewölbten schwarzen Wintermantelknopf hervor. Michael kramte aus seiner Schublade den Schuhkarton mit seiner eigenen Knopfmannschaft vor. Sie schauten sich beide die einzelnen Spieler an. Keiner war aber so glänzend und perfekt abgeschliffen wie der neue Stopper von Peter. Peter spürte, dass dessen Wert in keinem Vergleich mit dem gefährlichen HJ-Dolch von Michael stand.
Auf dem Heimweg am späten Nachmittag war die Strasse auch nicht viel belebter. Die Strasse verlief oben auf dem Hügel in genau der selben Richtung wie der Hauptmarktplatz in der Unterstadt. Der alte Marktplatz wurde jeden vierten Donnerstag im Monat zum Viehmarkt, zu dem die Bauern aus der Umgebung ihr Vieh trieben. Deshalb wurde die Strasse schon seit Jahrhunderten die „Alte Viehmarktstrasse" genannt. Die bewegten Zeiten brachten immer neue Namen hervor. Sie wirkten alle aufgesetzt und für alle Bewohner völlig unverbindlich. Unter der rumänischen Herrschaft hieß die Strasse „General Praporgescu". Kein Mensch weit und breit wusste überhaupt, wer dieser General war. Es gab Gerüchte, dass das zuständige Amt die ständigen Namensänderungen nur erfand, um die Hausbesitzer zum Ankauf der neuen Hausschilder zu nötigen. Auf jedem Hausschild, blau emailliert, musste neben der Nummer auch der Straßenname stehen. Unter den Ungarn hieß die Strasse „Graf Csaky". Das war ein Verwandter des Reichsverwesers Admiral Miklos Horthy. Die Strasse wurde unabhängig von den aktualitätsbezogenen Namen immer von allen „Alte Viehmarktstrasse" genannt. Ungarisch klang das besser: „Regibaromvasarutca" - ein Zungenbrecher, der von groß und klein gern ausgesprochen wurde, auch als kleine Widerstandshaltung gegenüber den sich schnell abwechselnden Herrschaften und Regimes.
Aufregend war der Viehauftrieb von schweren Stieren mit Ringen in den Nüstern. Mit starken Holzstangen gehalten, führten die Bauern die schnaubenden Tiere durch die Strasse. Die Passanten duckten sich an die Häuserwände in Angst und Respekt vor den gewaltigen vor Kraft strotzenden Tieren. Die Stiere, von denen mancher über tausend Kilogramm wog, schnaubten und tänzelten an ihrem Nasenring, wobei aus ihren Nüstern und aus dem Maul weißer Schaum floss. Peter betrachtete dieses barbarische Spektakel mit einer Mischung aus Abscheu, Mitleid und respektvoller Furcht. Die riesigen rosafarbenen kräftigen Hodensäcke zwischen den Hinterläufen der Stiere verursachten dem Jungen undefinierbare Gefühle.
Aber jetzt war die Strasse leer, es gab keinen Viehauftrieb, die Strasse gähnte förmlich. In der Höhe von Tante Wilmutzis Haus roch er aus der Ferne den wunderbaren Duft aus der Küche der Großmutter. Er beschleunigte seinen Gang, und halb im Laufschritt ging er durch den großen Torbogen, der von der Strasse auf das großväterliche Grundstück führte. Der Torbogen und das zweiflügelige Tor waren für die Einfahrt des Pferdegespannes vorgesehen. Als Dr. Heimann noch seine prächtigen, herrlich gepflegten Apfelschimmel und die schwere schwarz glänzende Kutsche besaß und diese den Torbogen durchquerten, war in jedem Zimmer der Wohnung der Hufschlag der Pferde zu hören. Die Kutsche hatte Hartgummireifen, so dass sie lautlos durch den Torbogen rollte. Peter war oft hinten im Hof im Stall bei den Pferden. Wenn diese mit ihren schönen ausdrucksvollen Köpfen ihm zunickten, war er überzeugt, dass die Pferde ihn grüßten.
Aus der angenehmen Wärme des Stalles mit seinem Heu und frischem Tierduft ging er dann gern in die Remise, wo Großvaters Kutsche stand. Ein glänzender schwarzer Zweispänner mit gewienerten Beschlägen, Federn und Achsen und polierten Messingradnaben. Jede einzelne Speiche an den Rädern sah wie neu aus. Die herrlichen Messingkutschlampen mit ihren geschliffenen Kristallgläsern waren wahre Schmuckstücke. Die gesteppten Nappaledersitze – siebzig Jahre später baute man solche Sitze in Autos der absoluten Luxusklasse ein - verströmten einen eigenartigen Duft. Peter war überhaupt olfaktiv veranlagt. Er lebte in einer Welt von Düften und Gerüchen, die mit Gefühlen und Farben korrespondierten. Der Weg vom Duft zur Gefühlswelt war ganz direkt und intensiv. So vermittelte ihm die Kutsche durch den Lack-, Messing- und Lederduft ein Gefühl der Sicherheit und des Wohlstands, das er wiederum mit seinem Großvater assoziierte. Es war das angenehme Bewusstsein von Beständigkeit und Solidität. Es war ein wenig das Empfinden von Zeitlosigkeit, das die Welt des Großvaters bestimmte. Es war das Gegenteil von Vergänglichkeit, das er spürte. Es war das, was man Geborgenheit nennen könnte.
Aus der Küche, die auch über den Hintereingang unmittelbar vom Garten her erreichbar war, strömte über die Travertinstufen der unnachahmliche Duft von Zimt, Rosinen und Rum, der Füllung des Apfelstrudels. Es war die Spezialität der Großmutter. Sie war berühmt in Neumarkt für ihren einmaligen Apfelstrudel.
Die geräumige Küche war wie in einen Operationssaal verwandelt. Alles war aufgeräumt. Die Kupferpfannen und Töpfe hingen an ihren Messinghaken. Nichts lag herum. Auf dem Vertiko ruhten die riesigen grünen Essigflaschen mit ihrem etwas trüben Inhalt von Früchten und Kräutern, die Peter als Kleinkind mit dem mysteriösen Inhalt und den dunklen Schatten schrecklich und furchterregend vorgekommen waren. Die große Kochmaschine glänzte schwarz, und die Umrahmung aus Edelstahl war frisch poliert. Der breite Küchentisch in der Mitte des Raumes war mit einem strahlend weißen Tuch bedeckt, auf dem ein blank gescheuertes Küchenbrett lag. Großmutter siebte mit rhythmischen tambourartigen kleinen Schlägen das Mehl auf das Brett. Dann formte sie eine Mulde in die Mitte, schlug ein Ei in den Mehlkrater und drückte von außen nach innen das ganze zu einem Teig, den sie mit etwas Wasser zu einer seidigen Masse verknetete. Sie befreite ständig ihre Finger und Hände von der Knetmasse, die sie verarbeitete. Peter dachte sich, die Fliegen haben ähnliche Gesten, wenn sie sich die ersten Vorderbeine gegeneinander reiben. Er fand diese Idee ein wenig respektlos, aber trotzdem witzig. Die Großmutter knetete den Teig auf dem Brett, bis er matt glänzte. Dann wurde eine Kugel geformt, mit Öl bestrichen mittels eines Pinsels aus weißen Entenfedern, und das ganze wurde unter eine große umgestülpte Kristallschüssel gelegt. Der Teig war jetzt eine durchgeknetete blasse Masse und lag unter der Kristallschüssel wie Schneewittchen im Glassarg. In der Zwischenzeit arbeiteten die beiden Gehilfen von Großmutter, die achtzehnjährige hübsche gut geformte Marischka und ihre Cousine Ester, die nicht so hübsch war, aber wunderbare dicke blonde Zöpfe trug, wie die Heinzelmännchen. Sie waren eine Art Au-pair-Mädchen, Töchter von Großbauern aus der Umgebung. Die Bauern schickten gern die Mädchen in die Stadt zu guten Häusern - so nannte man das damals. Die Mädchen sollten bei den Herrschaften all das lernen, was eine tüchtige Großbauersfrau über Haushalt, Kochen, Backen, Servieren, Sticken, Nähen, Waschen, Bügeln und Benehmen wissen musste. Sie schälten die Äpfel und wuschen die Rosinen. Die Großmutter vermischte die dünngehobelten Äpfel mit Zucker und Zimt sowie mit den mit Rum beträufelten Rosinen. Das war der psychologische Augenblick, in dem Peter zu betteln anfing, bis er mit einen ganz sauberen, noch nicht benutzten Holzkochlöffel die Füllung des Apfelstrudels probieren dürfte. Der Zimt, die Rosinen, die frischen Äpfel und die feine Spur Rum schmeckten himmlisch. Nachdem er zwei Löffel probiert hatte, wurde ihm ein ganz bisschen warm.
„Genug Junge, wir wollen doch den Strudel nicht leer servieren!"
Danach folgte die hohe Schule der Strudelherstellung. Sie nahmen das große Brett weg. Auf dem vorher mit Mehl bestreuten weißen Tuch wurde der Teig ausgebreitet. Die Großmutter zog an jeder Seite am Teig, und der breitete sich über das Tuch aus. Sie tanzte wie ein wild gewordener Derwisch um den Tisch herum und zupfte, zog, glättete den Teig, der bereits die Stärke von Zigarettenpapier erlangt hatte. Die Mädchen staunten in stiller Erfurcht, wie die Herrin aus dem Teig eine hauchdünne Fläche hervorzauberte.
„Wisch mir die Schweißperlen von der Stirn, Mädchen!"
Marischka sprang mit dem Handtuch in der Hand und tat wie befohlen. Peter stellte sich die Atmosphäre in einem Operationssaal so vor im schwersten Augenblick für den Professor. Es ging um Leben oder Tod. Der dünnste Strudelteig von Neumarkt war kurz vor der Vollendung.
„Vor achtunddreißig Jahren, meine Lieben, ist bei so einer Gelegenheit der Teig gerissen. Unvorstellbar, so was. Ich konnte alles wieder einkneten und mit dem Ziehen neu anfangen."
Ziehen, das war der Ausdruck. Strudel kocht man nicht, backt man nicht, Strudel zieht man. Das hat Peter bis zu seinem Lebensende definitiv verinnerlicht.
Das Aufbringen der Füllung, das Zusammenrollen durch behutsames Abheben des Tuches unter dem hauchdünnen Teig, der schließlich mit zerlassener Butter bestrichen wurde und anschließend auf das Backblech kam, waren reine Routineverrichtungen. Das eingespielte Team, Großmutter und die beiden Mädchen, arbeiteten lautlos und effizient zusammen. Die hohe Kunst des Strudelbackens war das Ziehen. Maßstab, laut Großmutter, war der Zeitungstest. Der Teig musste so dünn sein, dass eine darunter liegende Zeitung noch zu lesen gewesen wäre.
Dann stieg der Duft aus dem Ofen, und Peter verweilte noch eine lange Zeit in der Küche. Es fiel ihm irgendwie auf, wie anziehend die zarte Röte im Gesicht der Marischka schimmerte. Die Augen des Mädchens strahlten mit ungewöhnlich klarem Glanz.
Uhrmachermeister Schuster legte seine Lupe auf den Glastisch, rieb sich das Auge, das von dem anstrengendem Schauen müde geworden war und flimmerte, streifte die schwarzen Ellenbogenschützer ab, schaltete die kleine Arbeitslampe aus, verstaute die Werkzeuge, die eher chirurgischen Instrumenten ähnelten, in dem Schubfach seines Arbeitstisches, erhob sich, streckte sich und ging in das Zimmer von Michael.
„Na, was sagt dein alter Freund zu deiner neuen HJ–Ausstattung, mein Junge?"
„Er war überrascht und voller Bewunderung. Dem ist die Kinnlade heruntergefallen. Ich glaube, er war ein bisschen neidisch." antwortete Michael.
„Das glaube ich kaum."
„Wieso Großvater?"
„Weißt du nicht, aus welcher Familie der Peter stammt?"
„Doch, doch."
Der Großvater setzte sich auf Michaels Sofa, lehnte sich auf die Kissen, schob den alten zottigen Teddybären mit dem Steiffknopf im Ohr bei Seite, der etwas deplaziert im Zimmer des Jungen wirkte, und sah seinen Enkel an.
„Du weißt genau, dass Herr Dr. Heimann jüdisch ist."
„Na, und. Man kann nicht alle über einen Kamm scheren. Der Großvater von Peter war doch Offizier, und er war hoch dekoriert. Peter hat mir erzählt, er war in der schlimmsten Schlacht bei Isonzo, wo er Tage und Nächte Verwundete, auch deutsche Soldaten operiert hat."
„Ich weiß das genau, mein Junge. Das stand damals auch in der Zeitung, aber du kennst die Meinung von Dr. Halltrich."
Dr. Julius Halltrich war der Gauleiter der NSDAP im Kreis Neumarkt. Ein kräftiger, immer gut gelaunter pausbackiger Gynäkologe mit gut gehender Praxis und als bekannter Jäger gern bei den Jagden des Grafen von Teleky gesehen. Er sorgte immer für gute Laune.
„Wir hatten ihn auch zu Gast bei der HJ, aber seine Worte über die Juden waren sehr allgemein gehalten. Er geht doch mit Herrn Gabler zur Jagd, und der ist doch
„Höre auf mich, mein kleiner Michael. Ich glaube nicht, dass es dabei bleibt. Ich sage dir, deine Freundschaft zu dem Peter wird noch schwer auf die Probe gestellt."
„Wie meinst du das, Großvater?"
„So, dass du dich wirst entscheiden müssen."
Zur gleichen Zeit ging Peter in das Arbeitszimmer seines Großvaters, das auch als Ordinationszimmer diente. Es war mit antiken Möbeln aus schwerem Nussbaumholz und mit edlen Furnieren im Stil der Gründerjahre eingerichtet. Der mit geschliffenen Kristallglastüren versehene Bücherschrank nahm die ganze Wand hinter dem matt glänzenden Schreibtisch ein. Der Schreibtisch hatte in Löwentatzen geformte Füße. Alles sah mehr nach Notariatskanzlei als nach Arztzimmer aus. Nur das Blutdruckmessgerät und die hellblauen Exemplare der Deutschen Medizinischen Wochenschrift auf dem Schreibtisch verrieten, dass es sich hier um ein Arztzimmer handelte. Die hohe Standpendeluhr mit den römischen Ziffern und der eingravierten Aufschrift „Tempus fugit" tickte metallisch. Es herrschte Ruhe, Ausgeglichenheit, und der Großvater las ruhig in einem Exemplar der Deutschen Medizinischen Wochenschrift. Peter hatte das Gefühl: Hier wird sich niemals etwas verändern, alles bleibt ewig wie es ist, mit Großvater im Sessel, mit der hohen dunkelgrünen Lederlehne, dem schweren Schreibtisch, den Büchern hinter Glas und dem auf Pergament handgeschriebenen eingerahmten großen Diplom. Die ersten Worte lauteten „Nos Rector", wobei das N eine kalligrafische Landschaft mit Verzierungen und Schnörkeln bildete, die mit Goldfarbe unterlegt waren. Der weitere lateinische Text war für den Jungen ein Buch mit sieben Siegeln. An einer dicken weißroten Kordel hing aus dem Rahmen eine Holzdose, in der sich das dunkelrote Wachssiegel der Universität Wien befand. Ein einziges Mal hatte der Großvater dem Jungen die Siegeldose geöffnet, und er durfte den nach Siegellack duftenden Stempel mit dem erhabenen Wappen der ehrwürdigen Wiener Universität sehen.
„Großvater, darf ich mit dir was wichtiges besprechen?"
„Ja, aber du weißt, ich habe es nicht so gern, wenn du einfach so bei mir hereinplatzt. Was ist denn so wichtig, Kleiner?"
„Schau, ich war heute nachmittag bei Michael, und stell dir vor, er ist jetzt in der Hitlerjugend!"
Großvaters Augen schienen hinter seiner sehr starken Brille blitzartig und kaum sichtbar zu zucken.
„Ja, und?"
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für eine hübsche, wirklich sehr hübsche Uniform er hat. Nagelneu!"
„Doch, Peterchen, ich kann mir das sehr gut vorstellen."
„Und da hat er noch einen Dolch, sage ich dir."
Der Großvater konnte sich das alles vorstellen, zu gut sogar. Ohne sich dessen ganz bewusst zu sein, fiel ihm der Refrain des Naziliedes „Von unserem Dolch spritzt das Judenblut" ein. Er schaute den Jungen voller Mitgefühl und sehr tiefer Traurigkeit an.
„Und was möchtest du sagen, mein Kind? Das ist doch bekannt, dass die deutschen Jungen jetzt in die Hitlerjugend gehen."
„Ja, Großvater, aber ich möchte auch eintreten. Der Michael ist mein bester Freund, und er wird mich dort sicher vorstellen."
Dr. Heimann schwieg lange. Der Junge kannte seinen Großvater gut und ahnte, dass er etwas gesagt hatte, das dem Großvater nicht sonderlich gefiel. Der alte Doktor bat seinen Enkel, sich auf das mit einem dicken Perserteppich bedeckte Sofa zu setzen. Er stand von seinem Schreibtisch auf und setzte sich neben das Kind, ohne ein Wort zu sagen. Der alte Mann streichelte die kurz geschnittenen dichten Haare seines Enkels.
„Ich finde es ganz gut, dass du mir das erzählst und dass du einfach zu mir gekommen bist, sogar ohne anzuklopfen. Ich werde dir eine lange Geschichte erzählen, die wir heute sicher nicht beenden können."
Der Junge wusste, dass etwas schief gelaufen war. Seine Ohren wurden rot und seine Wangen heiß. Er hörte gespannt zu.
„Du weißt, Peterchen, dass wir eine jüdische Familie sind."
„Ja, aber das ist doch nur der Glaube."
„Eben nicht. Ich gestehe dir, das dachte ich auch oder besser gesagt, das hatte ich gehofft, dass jüdisch nur der Glaube sei - wie katholisch, evangelisch oder mohammedanisch. Leider sind die Zeiten heute so, dass wir wegen unseres Glaubens nicht mehr wohl gelitten sind. In Deutschland, das weißt du doch, ist ein Politiker namens Hitler an der Macht, der die Juden verfolgt, ja wie soll ich dir das sagen, ausschalten möchte."
„Was meinst du mit ausschalten?"
Der Großvater, der „Mein Kampf" gelesen hatte, wusste, dass Hitler klipp und klar über die Ausrottung des Judentums geschrieben hatte, und das bereits in den Zwanziger Jahren. Dass Millionen Menschen nach dem katastrophalen Weltkrieg behaupten würden, es nicht gelesen zu haben, konnte Dr. Joseph Heimann damals in seinem Ordinationszimmer im Gespräch mit seinem Enkel nicht ahnen.
„Er meint, die Juden haben zu großen Einfluss in unserem Lande."
„Aber das stimmt doch gar nicht."
„Man verübelt uns, das es zu viele jüdische Ärzte, Anwälte und Kaufleute gibt."
„Ja, aber sie kommen doch zu dir, wenn sie krank sind, und sie rufen dich, Großvater. Du bist ja zur Frau von Dr. Halltrich gerufen worden, und er ist doch der Gauleiter."
„Das ist alles sehr kompliziert, aber auch sehr einfach. Siehst du, mein Kleiner, Jesus Christus wird von den Christen als Sohn Gottes angebetet, wie Gott, und der war in Wirklichkeit ein Jude. Nach dem Neuen Testament ist er von den Römern vor 2000 Jahren ermordet worden, und sie sagen: Wir, die Juden, sind daran schuld!"
„Aber, Großvater, stimmt das denn?"
„Nein, mein Kleiner. Schau, wir leben in einem Land, das nicht gut regiert wird. Die Politiker sind nicht ehrlich, kümmern sich nur um ihren eigenen Vorteil. Das Volk ist arm. Das siehst du doch bei deinen Schulkameraden. Kannst du dich an den kleinen rumänischen Jungen erinnern, der nicht zum Unterricht kam? Die Entschuldigung seiner Mutter lautete, dass er keine Schuhe hatte."
„Ja, aber ich habe ihm doch meine Schuhe gegeben, die ihm passten, und er hat sich sehr gefreut. Grigore heißt er."
„Ja, aber das hat wieder böses Blut gegeben. Wieso hatte der jüdische Junge Schuhe und der Rumäne nicht?"
„Der Judenhass, auch Antisemitismus genannt, ist so alt wie die Vertreibung der Juden aus Israel durch den römischen Kaiser vor 1900 Jahren. Und unter uns, unsere Leute haben es mit ihrer Umgebung auch manchmal sehr schwer gehabt, weil sie sich nicht angepasst haben. Außerdem, in der neuen Zeit sind viele zu schnell reich geworden. Sie benehmen sich auffällig, sind nicht bescheiden, und weißt du, dann fallen sie doppelt so schnell auf. Manche jüdischen Kaufleute haben eine verheerende Rolle im Weltkrieg gespielt."
„Wieso?"
„Sie haben zum Beispiel Schuhe mit schlechten Sohlen für die Soldaten an die Front geliefert. Sicher haben das auch deutsche Gauner getan, nur bei den Juden hieß es, na bitte, schon wieder die Juden."
„Das mag sein, Großvater, aber dieser Hitler in Deutschland kann uns nicht deshalb alle ausschalten."
„Doch, er kann und wird dafür bejubelt. Scheinbar brauchen die Menschen Sündenböcke, über die ihr Neid und Unmut abgeleitet wird."
„Was hat das mit uns zu tun, Großvater? Du bist doch königlich-ungarischer Oberstabsarzt gewesen. Jetzt bist du der Oberarzt bei Gericht, deine Kranken mögen dich, und ich bin dein Enkel!"
„Glaube mir, Junge, ein jüdischer Bub hat bei der Hitlerjugend nichts zu suchen. Und jetzt geh' schön spielen, weil ich noch lernen muss."
Der kleine Peter wunderte sich immer wieder, wenn sein Großvater auf die Frage, was er denn tue, immer die Standardantwort gab: „Ich lerne."
Er nahm in der Tat die Deutsche Medizinische Wochenschrift in die Hand und las durch seine überstarke Brille weiter.
Carl Gabler war ein unübertroffener Charmeur. Klein von Wuchs, in seinen sportlich geschnittenen Maßanzügen immer tadellos gekleidet, den Scheitel wie mit dem Lineal gezogen, ein schelmisches Lächeln auf den Lippen, immer gut gelaunt, immer ausgeglichen und fröhlich. Wo Carl erscheint, da scheint die Sonne, sagte Agi immer, die Mutter von Peter. Carl kam oft zu Besuch. Er kam mit einem Einspännerfiaker und gab dem Kutscher immer ein großzügiges Trinkgeld. Er sprang mit federndem Schritt aus dem Fiaker, die damals die Taxis in Neumarkt waren. Agi freute sich über seinen Besuch. Peters Vater Aurel, ein erfolgreicher Geschäftsmann, war sehr viel unterwegs, wobei man auch über Schauspielerinnen in Budapest etwas munkelte. Agi war eine hochgewachsene, sehr schöne fünfunddreißig Jahre alte Frau mit nach hinten gekämmten dunkelbraunen Haaren, geschwungenen Augenbrauen und samtigen tiefbraunen Augen. Sie kleidete sich für ihr Alter zu konservativ, die Mode interessierte sie nicht. Ihr gerade geschnittenes, einfaches Kleid liess die etwas fülligen Formen zur Geltung kommen. Sie war zwar schlank, aber nicht dem damaligen sportlichen Frauenideal aus den Illustrierten ähnlich. Eine von vielen Männern begehrte junge Frau. Sie strahlte eine gewisse Unnahbarkeit aus und war in all ihren Beziehungen sehr zurückhaltend. Sie siezte die Haushalthilfe, aber auch ihre Eltern, die Großeltern von Peter, hat sie immer mit „Sie" angesprochen. Peters Vater wurde von ihr immer nur: „Sie, Aurel" angeredet.
Einer ihrer liebsten Freunde war Carl. Er war ein entfernter Verwandter. Seine Frau Emma war die Cousine von Peters Vater Aurel. Es kann sein, dass Carl sich in die beinahe um anderthalb Köpfe größere Agi verliebt hatte, denn jedes Mal, wenn er zu Besuch kam, funkelten seine Augen inmitten seiner Lachfalten noch lustiger als sonst.
Carl legte sein ,homespun' Jäger-Sakko auf eine Stuhllehne, das Mädchen Marischka servierte Tee aus dem guten Meißner Porzellan mit der Bauernrose, und Onkel Carl fing an, bei Kerzenlicht von seiner letzten Jagd zu erzählen. Peter durfte dabei sein, trank seine Milchschokolade und hörte andachtsvoll zu. Es gab selbstverständlich damals kein Fernsehen. Ins Kino ging man nicht. Das war mehr eine Zerstreuung für Gymnasiasten, Soldaten und Dienstmägde. Onkel Carls farbige Erzählungen von der Jagd ersetzten die schönsten Filme. Er konnte zauberhaft Stimmungen, Farben, Düfte, Hunderte von Pflanzen, das Spiel von Licht und Schatten sowie die leisen Geräusche im Wald mit Wörtern und Tonimitationen wiedergeben. Man fühlte sich wie neben ihm auf der Pirsch in der kühlen Waldluft, voller Dunst und Düfte. Die Art und Weise, wie Carl zum Beispiel das plötzliche Erscheinen eines Rehs mit seinem Rehkitz auf einer Waldlichtung beschrieb, wobei er das leise Knacken des Unterholzes und das Vogelgezwitscher nachahmte, war wirklich unübertroffen. Agi hörte mit geschlossenen Augen zu, während Carl nicht ohne Bewunderung ihre ungewöhnlich langen Wimpern und ihr elfenbeinfarbiges Gesicht anstarrte. Peter sah das, aber bewertete Carls Blicke als natürliche Sympathie eines nahen Verwandten. Stunden vergingen so, und als Carl aufhörte, bat ihn Agi immer wieder: Weiter, weiter. Carl war einer der bekanntesten Jäger in der Gegend. Erstens war er hervorragend mit den feinsten Waffen aus Suhl ausgerüstet, nach Carls Vorlagen gearbeitete ziselierte Drillinge, Bockflinten und Karabiner. Seine gesamte Jagdausrüstung, sein Fernglas aus Jena, seine Hüte mit Gamsbartschmuck, die Jacken, Patronentaschen, alles stammte aus Deutschland. Sogar sein in Leder gebundenes Jägertagebuch, das er akribisch führte und mit kalligrafischer Schrift versah, die er durch kleine sehr gelungene Federzeichnungen in Tusche illustrierte, kam aus Deutschland. Die Tinte war von Pelikan, und seine Tuschefedern von Rotring aus Hamburg. Onkel Carl besaß somit nichts in seiner Jagdausrüstung, das nicht aus Deutschland kam. Wegen seiner wertvollen Trophäen, der korrekten Weidmannshaltung und profunden Kenntnisse der Tier- und Pflanzenwelt sowie seiner sehr freundlichen Natur war er gern gesehener Gast auf den Jagden der Grafen von Teleky, die ihr historisches Barockschloss achtzehn Kilometer von Neumarkt hatten. Aus der Familie der Grafen von Teleky stammte bereits der Reichskanzler der Kaiserin Maria Theresia. Ein Bruder des Grafen war der Ministerpräsident von Ungarn. Zur Jagdgesellschaft gehörte auch Dr. Julius Halltrich, von dem bekannt war, dass er Gauleiter der NSDAP für den Gau Miresch war. Im Vorbeigehen hatte Carl neulich zufällig einen Gesprächsfetzen aus einer Unterhaltung zwischen Dr. Halltrich und dem gräflichen Jägermeister, Herrn Szegö, mitbekommen: „... Macht der Graf noch lange diese Judenjagden?"
Carl war schockiert. Erstens dachte er, dass er als Sohn eines angesehenen deutschen Bürgers trotz jüdischer Mutter, der sein Studium der Chemie in Leipzig absolviert hatte, gar nicht als Jude galt. Zweitens konnte er sich gut daran erinnern, wie noch voriges Jahr Dr. Halltrich sich sehr dankbar gezeigt hatte für die wunderbaren geräucherten Vorderschinken der von Carl geschossenen Wildsau, die ihm Carl zu Weihnachten geschenkt hatte. Carl hatte ein sonniges Gemüt, und schlussendlich dachte er nicht mehr an diese Episode. Es hätte ja sein können, dass er gar nicht gemeint war.
Der Anfang ihrer Liebe, wie jeder Anfang einer Beziehung zwischen zwei jungen Menschen, hätte in einen Roman gepasst:
Agi war zusammen mit ihren Eltern zum siebzehnten Geburtstag ihrer Cousine Emma eingeladen. Emmas Eltern waren Eigentümer des Laubenganghauses, in dem Uhrmachermeister Schuster die hintere hofseitige Wohnung mietete. Aurel, damals Bonvivant der Stadt, war so gut wie verlobt mit Emma. Emma, eine adrette Brünette mit auffälligem Dekolleté, samtigen braunen Augen und leicht rot schimmernden Haaren, war verliebt in den schneidigen jungen Mann, der als hervorragender Tennisspieler und brillanter Tänzer auf allen Bällen der Stadt gerühmt wurde und darüber hinaus sehr gerne Karten spielte. Aurel hatte den Ruf eines Frauenhelden, der allzu oft seine Bekanntschaften wechselte. Aber er konnte es sich leisten: Mit seinen vierundzwanzig Jahren war er schon Prokurist bei der angesehenen Albingia-Bank. Des öfteren lieh er sich den schweren gelben Mercedes Benz Typ 370 S Mannheim seines Onkels Josef Mollnar aus, um dem in der Mühlengasse gelegenen Etablissement von Madame Margit einen Besuch abzustatten. Madame Margit, die Chefin des Hauses, schätzte Aurel wie alle. Er galt dort als Stammgast.
Bei der Geburtstagsfeier von Emma lernte Agi nun Aurel kennen, von dem sie bereits viel gehört hatte. Sie wusste, dass Emma mit ihm so gut wie verlobt war und dass Emmas Vater, der Spielwarenhändler Sadler, von dieser Beziehung nicht begeistert war. Als Agi Aurel begegnete, spürte sie etwas, worüber sie nur in Romanen gelesen hatte, und zwar ein Gefühl wie ein Blitz, der durch ihren Körper und ihre Seele drang. Sie errötete und war vollständig verwirrt. Sie glaubte, sich augenblicklich bis über beide Ohren verliebt zu haben, obwohl sie dieses plötzliche Verlieben doch für ein literarisches Klischee aus den Romanen von Courts-Mahler gehalten hatte.
Kurz: Agi und Aurel heirateten, doch von dem Verliebtsein blieb im Laufe der Zeit wenig übrig. Agis Ehe mit Aurel befand sich nach wenigen Jahren in einer tiefen Krise. Der romantische, beinahe märchenhafte Beginn ihrer Liebe mündete nicht in eine durch gegenseitiges Vertrauen getragene harmonische Freundschaft und familiäre Verbundenheit. Daran konnte auch die glückliche Geburt ihres Sohnes Peter nichts ändern.
Die tiefen Gefühle Agis für ihren Mann wurden im wahrsten Sinne des Wortes zunehmend physisch belastet. Einerseits wurde für Agi die aufdringliche, ja übermäßige Triebhaftigkeit ihres Mannes zur Last, aber auch seine übertriebene Extrovertiertheit und seine Leidenschaft zum Flirten belasteten sie. Aurels ständige Besuche in der Mühlengasse, von denen sie wusste, beeinträchtigten zunehmend die eheliche Beziehung. Sehr störend und auch physisch schmerzhaft war für Agi das, was man damals mit „Unvereinbarkeit der Charaktere" umschrieb. Die seelische Belastung und der brennende Schmerz nach jeder intimen Vereinigung waren für Agi einfach zu viel. Sie überlegte sich oft, dass sie in der Lage gewesen wäre, eines dieser beiden Belastungen unter Umständen zu ertragen. Aber die charakterliche Volatilität, gepaart mit der übermäßigen Potenz ihres Mannes, waren für sie nicht verkraftbar.
Es traf sich gut, dass Aurel eine leitende Stellung in der Zentrale der Albingia-Bank in Klausenburg und später in Budapest bekam. So existierte die Ehe nur noch auf dem Papier. Die jüdische Herkunft seiner Frau betrachtete Aurel überdies zunehmend als Behinderung für seinen beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg. Er zeigte sich in Neumarkt immer seltener. Dr. Heimann, Agis Vater, dem sie sich anvertraut hatte, erlaubte es schließlich nicht mehr, dass der Name von Aurel in seinem Beisein ausgesprochen wurde.
Agi war, was die wenigsten wussten, nicht gesund. Sie hatte vor einigen Jahren ihre linke Niere verloren, und da damals an Dialysegeräten nicht einmal im Traum zu denken war, war ihr Leben stark eingeschränkt. Jede Erkältung, jeder Diätfehler, jede Infektionskrankheit, die ihre übrig gebliebene Niere hätte gefährden können, wäre für sie fatal gewesen. Sie hielt eine strenge salzarme Diät und trug um ihre Taille immer einen breiten Gürtel aus feiner Angorawolle, die ihre Nierengegend wärmte. Oft lag sie im Bett mit einem elektrischen Wärmekissen. Überhaupt lag sie sehr viel im Bett, und im Gegensatz zu der Zeit vor ihrer Nierenoperation trieb sie keinen Sport mehr, obwohl sie eine gute Tennisspielerin war. Das Skilaufen in der Pojana bei Kronstadt hatte sie ebenfalls aufgegeben. Dadurch war ihre etwas sichtbare Körperfülle zu erklären. Sie legte sich jeden Nachmittag mit Nachthemd ins Bett und hielt ihren Mittagsschlaf. Peter sah manchmal seine Mutter im durchsichtigen Seidennachthemd aus dem Schlafzimmer ins Bad gehen. Das Gegenlicht aus dem Bad schien durch das Nachthemd, und die Augen des Jungen erfassten die Konturen ihres jungen Frauenkörpers. Peter hatte das Gefühl, dass er etwas Verbotenes, Geheimnisvolles tat, aber er suchte immer wieder die Gelegenheit, um seine Mutter, die er sehr schön fand, so zu sehen. Günstig war es, wenn seine Mutter ihn bat, sie jeweils um vier Uhr nachmittags zu wecken. Er tat das mit einem unschuldigen Kuss und atmete den feinen Duft, der seine Mutter umhüllte. Er hielt ihr das Negligé, und seine Blicke begleiteten sie im Gegenlicht der Badezimmertür. Agi pflegte manchmal, bevor der Vater heimkam, auf dem Recamiersofa im Wohnzimmer ihren Mittagsschlaf zu halten. Sie schlief ein, während Peter ihre langen seidenmatten braunen Haare, die über die Kopfrolle des Sofas zum Boden hingen, mit einem großen Bakelitkamm langsam kämmte. Der Kamm hatte beinah fingerdicke Zinken, zwischen denen ihre Haare durchglitten. Er musste sehr aufpassen, um bei verknoteten Strähnen nicht an ihren Haaren zu zerren. Das hätte er sich nie verziehen. Manchmal knisterten die Haare, weil sie sich am Bakelitkamm elektrisch aufgeladen hatten. Der Junge hielt dann den Kamm kurz an seine metallene Gürtelschnalle, und die elektrische Ladung verschwand. Agi schlief ein, und ihr Gesicht strahlte glücklich.
Die Ereignisse beschleunigten sich. In der Stadt herrschte gespannte Ruhe, und unter der rumänischen Bevölkerung machte sich Panik breit. In der großen grauen griechisch-orthodoxen Kathedrale, die sich wie ein Fremdkörper am Ende des Marktplatzes erhob, hielten die Rumänen Bittgottesdienste ab. Die wohlhabenden Rumänen, Ärzte, Anwälte, Notare und Beamte, verließen die Stadt. Peters Schulkamerad, Lucian Jeremia, der lange Zeit sein Banknachbar war, verschwand einfach. Es war eine ausgesprochene Seltenheit, dass ein rumänischer Junge das reformierte Kollegium besuchte. Hier hatten bereits die Großväter und Großonkel von Peter ihre Matura gemacht. Die Schule galt bei den rumänischen Behörden als Zentrum ungarischen Ungehorsams. Das Ergebnis des ersten Weltkriegs und den „Schandfrieden" von Trianon von 1918 hatte innerlich kein Siebenbürger Ungar anerkannt. Insgeheim hatte jeder während der letzten zweiundzwanzig Jahre seine rot-weiß-grüne ungarische Flagge gut versteckt aufbewahrt.
Dr. Andor Fekete, der Bruder von Peters Großmutter, war einer der Fürsprecher der ungarischen Bevölkerung, die in dieser Gegend die überwiegende Mehrheit darstellt. 1919, kurz nach der rumänischen Besetzung, war ihm Schlimmes widerfahren. Von einer Horde von bewaffneten rumänischen Nationalisten, die in seine Wohnung einbrachen, wurde er nachts um zwei Uhr aus dem Bett gezerrt. Sie stülpten ihm einen Sack über den Kopf und zerrten den sich heftig wehrenden und nach Hilfe schreienden Mann in eine Kutsche. Elisabeth, die Magd, hörte die Hilferufe ihres Herrn, und im Nachthemd, wie sie war, sprang sie auf die Hinterachse der Kutsche, die gerade aus dem Innenhof durch den Torbogen in Richtung Marktplatz fuhr. Die junge Frau schrie mit solch gewaltiger markerschütternder Stimme um Hilfe:
"Mörder, sie ermorden Dr. Fekete, Hilfe, Leute, Hilfe!", dass in kurzer Zeit die aus dem Schlaf geweckten Bürger auf die Straße liefen und das Pferdegespann anhielten. Die Entführer verschwanden in der Nacht, und Onkel Andor wurde befreit.
Am nächsten Tag ließ er vor allen Fenstern seiner Kanzlei und seiner Wohnung schwere eiserne Scherengitter einbauen. Ob er in der Stadt zu Fuß ging oder mit der Kutsche fuhr, er ließ sich fortan immer von einem Privatdetektiv begleiten.
Peters Großmutter schwor nach dem Einmarsch der Rumänen 1918, kein einziges rumänisches Wort mehr in den Mund zu nehmen. Sie hielt ihren Schwur, auch wenn das manchmal zu witzigen Situationen führte, z.B. wenn der Briefträger Geld brachte und die Großmutter mit Händen und Füßen gestikulierend ihm verständlich machen wollte, dass sie nichts verstehe. In der „Kleinen Morgenzeitung", einer der letzten ungarischsprachigen Zeitungen Siebenbürgens, erschienen immer öfter mutige Artikel über die Rückführung Siebenbürgens in das Königreich Ungarn und über das Unrecht von Trianon.
Dies war ein Kapital für sich: Ungarn war ein Königreich, alle Behörden, Polizei, Post, Finanzamt, Eisenbahn, alles, was mit dem Staat zu tun hatte war „königlich ungarisch". Die Sache hatte nur einen Haken: Es gab keinen König.
Admiral Miklos Horthy, der persönlicher Adjutant von Kaiser Franz Joseph und später Oberbefehlshaber der Österreichisch-Ungarischen Kaiserlichen und Königlichen Kriegmarine in der Adria war, wurde Reichsverweser, eine denkwürdige Regierungsform. Horthy trug immer eine blaue Admiralsuniform, obwohl Ungarn alle Zugänge zum Meer verloren hatte und die kaiserlichkönigliche Flotte zwar in der Seeschlacht von Ortranto unter Horthy gesiegt, aber auf seinen Befehl hin sich selbst versenkt hatte. Seitdem war er „Admiral der berittenen Kriegsmarine". Er hatte die Gewohnheit, bei Paraden oder sonstigen Feierlichkeiten auf einem wunderschönen Schimmel zu reiten. Es gab sogar Lieder, die bereits als Volkslieder galten: „Horthy Miklos auf deinem weißen Pferd komme und befreie uns".
Nachdem im August 1940 durch Radio und Zeitungen der zweite Wiener Schiedsspruch von Adolf Hitler und Benito Mussolini bekannt wurde, brach unbeschreibliche Freude und Jubel im gesamten Nordsiebenbürgen aus. Dieses Gebiet, hauptsächlich das Szeklerland, hatte eine überwältigende ungarische Bevölkerungsmehrheit. Das ganze Gebiet wurde mit sofortiger Wirkung Ungarn zugesprochen.
Die rumänischen Behörden verließen noch in der selben Nacht still und heimlich die Stadt. Am nächsten Tage hing ein Fahnenmeer in den ungarischen Farben - rot, weiß, grün - an den Häusern und Behörden, anstelle der verhassten rumänischen Trikolore - rot, gelb, blau. Auch das Haus von Dr. Heimann, Peters Geburtshaus, war in den ungarischen Farben geschmückt. Die Großmutter hatte, obwohl dies strafbar war, 1918 die ungarische Fahne in ein weißes Leinentuch eingenäht, auf dem großen Dachboden hinter einem Balken gut versteckt - und sie jetzt wieder hervorgeholt.
Die ungarische Armee hielt ihren Einzug in Neumarkt am Miresch, das nun wieder Marosvasarhely hieß, am nächsten Tag. Es war ein Donnerstag.
Der feierliche Einmarsch mit Militärparade und klingendem Spiel, kommandiert durch Admiral Miklos Horthy persönlich und mit anschließendem großen Empfang, sollte Sonntag stattfinden.
Der Reichsverweser nahm seinen Sitz im Schloss des Grafen Teleky, wo am selben Abend ein festlicher Empfang stattfand. An diesem Empfang im barocken Festssaal des Schlosses nahmen neben vielen anderen Persönlichkeiten Onkel Andor, Carl Gabler, Dr. Heimann, aber auch Dr. Halltrich teil. Alle feierten im Beisein seiner Hoheit des Reichsverwesers die seit langem ersehnte Wiedervereinigung Siebenbürgens mit dem Mutterland. Die Vorfahren des Geschlechtes derer von Teleky schauten still aus ihren goldgerahmten dunklen Ölgemälden auf die aufrichtig vergnügte und irgendwie glücklich feiernde Gesellschaft herab. Ungarn würde später Hitler und Mussolini für dieses Geschenk einen Preis zahlen müssen, dessen Bedeutung im Augenblick noch unvorstellbar war: die Verpflichtung Ungarns, an der Seite Deutschlands in den Krieg gegen die Sowjetunion einzutreten.
Am nächsten Tag verschlang Peter die Zeitungsberichte über dieses großartige Ereignis. Am Sonntag schaute er aus dem Fenster des Hauses von Dr. Samson, das
