Mit anderen Augen - Carl-Ludwig Schönfeld - E-Book

Mit anderen Augen E-Book

Carl-Ludwig Schönfeld

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Beschreibung

"Ich glaube, ich wurde für die Augen geboren." Die Ophthalmologie sollte die große Passion des Münchner Professors Carl-Ludwig Schönfeld werden, Beruf und Berufung gleichermaßen, eine Leidenschaft, der er seit rund vier Jahrzehnten unvermindert nachgeht. Doch nicht nur Patienten im wohlhabenden westlichen Europa sollten von seiner Expertise profitieren. Sein Wunsch war und ist es, den weniger Privilegierten in einkommens- und strukturschwachen Regionen der Erde dieses Wissen zugutekommen zu lassen. Seine Teachings führten Prof. Schönfeld um den halben Erdball und ermöglichten es seinen augenärztlichen Kollegen, sich weiter- und zu absoluten Experten auf ihrem Gebiet ausbilden zu lassen -- zum Wohle der Patienten.

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Für Brigitte, Catharina, Magdalena und Carl-Alexander

To laugh often and much,

To win the respect of intelligent people

And the affection of children,

To earn the appreciation of honest critics

And endure the betrayal of false friends,

To appreciate beauty,

To find the best in others,

To leave the world a bit better,

Whether by a healthy child, a garden patch

Or a redeemed social condition,

To know even one life has breathed easier

Because you lived,

This is to have succeeded.

RALPH WALDO EMERSON

Der Erfolg der Lehre ist von zwei Faktoren abhängig: von den Fertigkeiten des Schülers und von der Fähigkeit des Lehrers, sich auf die Fertigkeiten des Schülers einzustellen.

PROF. CARL-LUDWIG SCHÖNFELD

Inhaltsverzeichnis

Vor allem

KAPITEL 1: Indonesien, Jakarta 1984

KAPITEL 2: Australien, 1984

KAPITEL 3: Kenia, Nairobi, 2000 (+Retrospektive)

KAPITEL 4: Kenia, Nairobi, 2001

KAPITEL 5: Kenia, Nairobi, 2002–2004

KAPITEL 6: Kenia, Nairobi, 2005–2007

KAPITEL 7: Kenia, Nairobi, 2008–2012

KAPITEL 8: Osteuropa, 2000–2006

KAPITEL 9: Nepal, 2011–2016

KAPITEL 10: Myanmar, 2012–2019

KAPITEL 11: Pakistan, 2019

KAPITEL 12: Auf einen Blick – Interview

Vor allem

Ich habe lange damit gezögert, dieses Buch in Angriff zu nehmen. Drei Fragen waren es, die mich hauptsächlich beschäftigten.

Die erste lautete: Würde es mir gelingen, das, was mir am Herzen liegt, adäquat zu vermitteln? Wäre es zu verstehen, nachzuvollziehen, wäre die Intention erkennbar? Schließlich war es ja nicht meine Absicht, ein Buch über mein Leben vorzulegen. Ich wollte etwas damit sagen.

Die zweite hieß: Warum gerade jetzt?

Und die dritte, nicht minder wichtig: Würden meine Ausführungen auf Interesse stoßen?

Auf alle, denke ich, habe ich mittlerweile eine Antwort gefunden.

Eins vorneweg: Dieses Buch will nicht mit dem erhobenen Zeigefinger kommen. Es will weder mahnen noch verurteilen. Es will, zuallererst, Anstöße geben. Zum Nachdenken und vielleicht zum Nachahmen. Das wäre mein Wunsch.

Um meine erste Frage zu beantworten: Ich denke, ich habe in der Art, wie das Buch aufgebaut ist, eine gute Form gefunden, mein Anliegen auszudrücken. Das ist zunächst einmal die chronologische. Ich hoffe, dass es aufgrund meines Lebensweges nachvollziehbar wird, warum ich mich in gewissen Phasen meines Lebens so und nicht anders entschieden habe, wer – oder was – mich nachhaltig geprägt hat, was mich, durch einen glücklichen Zufall oder eine bewusste Entscheidung, zu dem gemacht hat, der ich heute bin, und was mein Wunsch, mein Anliegen, meine Intention, oder wie immer man es nennen möchte, ist. Durch die vielen Erfahrungen, die ich im Laufe meiner unzähligen Auslandsaufenthalte gesammelt habe, fließen in die chronologischen Begebenheiten immer wieder Erlebnisse ein, aus denen ich Schlüsse gezogen habe – für mich als Person und als Arzt. Ich habe versucht, diese Erkenntnisse zu strukturieren, ihnen Namen, Überschriften gegeben, um sie allgemein verständlich zu machen. Diese Strukturierung halte ich für essenziell. Sie beinhaltet all die wichtigen, notwendigen, elementaren Punkte, mit denen sich jeder, der in der Entwicklungsarbeit tätig ist, auseinanderzusetzen hat. Es hat eine Weile gedauert, all diese Erlebnisse und die Gefühle, die sie hervorgerufen haben, aufzudröseln, sie quasi zu splitten und sie – noch vorher – überhaupt adäquat wahrzunehmen, ihnen auf die Spur zu kommen gewissermaßen. Eine Essenz zu bilden, sozusagen, aus dem vielen, was ich erlebt, erfahren und erfühlt habe.

Die zweite Frage, die mich umtrieb, lautete: Warum gerade jetzt? Ihre Beantwortung fällt schwer, und sie ist keine allgemein gültige. Es ist ja nicht so, dass ich mich erst seit Kurzem in der Entwicklungsarbeit engagiere. Ich machte – und mache – das schon über einen sehr langen Zeitraum.

Ist es das Älterwerden, das einen zur Retrospektive veranlasst? Ist es ein sehr menschliches Bedürfnis, die Fäden zu entwirren, Strukturen zu schaffen, Klarheit zu gewinnen über die eigene Motivation? Die Person, die man ist, zu hinterfragen, die Entscheidungen zu beleuchten, sich neu zu sehen im Lichte der Vergangenheit? Ist es das – unvermutete – Bedürfnis, etwas weiterzugeben, Anreize zu schaffen für ähnliches Handeln? Vielleicht ist es ein Konglomerat aus all diesem. Aber um zur eigentlichen Frage zurückzukommen: Warum gerade jetzt? Die Antwort darauf ist keine eindeutige. Vielleicht ist, ganz lapidar gesagt, die Zeit reif dafür. Alles, was ich erlebt habe, ging nicht spurlos an mir vorüber. Ich habe viel nachgedacht. Und es hat seine Zeit gebraucht, diese Gedanken zu ordnen. Sich ihrer und der Gefühle, die dahinterstehen, bewusst zu werden. Zu der Entscheidung zu gelangen, sie weitergeben zu wollen, sie in komprimierter Form zusammenzufassen. All das war ein Prozess. Keine Ad-hoc-Entscheidung. Kein plötzliches: Jetzt mache ich ein Buch daraus. Immer stärker ist auch der Wunsch gewachsen, andere dafür zu begeistern. Und so kann ich jetzt sagen: Es ist an der Zeit.

Werden meine Ausführungen auf Interesse stoßen? Die dritte Frage, mit der ich mich auseinandersetzte. Sicher ist: Ich möchte motivieren. Nicht nur Ärzte als die Berufsgruppe, zu der ich nun mal gehöre, nein. Ich möchte – und das ist mein dringender Appell – jeden ermuntern, es mir gleichzutun. Es ist völlig gleichgültig, welchen Beruf jemand ausübt. Alle Fähigkeiten werden überall gebraucht. Nicht ich als Arzt bin besonders privilegiert, besonders geeignet, aus der Masse hervorgehoben. Jeder kann, mit seinen Fähigkeiten und seinen Möglichkeiten, dazu beitragen, dass diese Welt ein kleines Stückchen besser wird. Das ist das eigentliche Anliegen dieses Buches, und deshalb möchte ich es doppelt und dreifach hervorheben und allen sagen: Engagiert euch! Ihr werdet gebraucht! Jeder kann seinen Teil dazu beitragen. Es braucht keine akademische Ausbildung, wichtig ist der Wille, die unbedingte Bereitschaft, zu helfen, dafür Zeit und Energie zu investieren und etwaige Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen. Anfangs ist man verwirrt, überfordert. Mit der Zeit findet man sich ein. Das ist meine Erfahrung. Ich habe so viele wunderbare Menschen kennengelernt, mit denen ich auch heute noch verbunden bin, und ich habe so viel erlebt und gesehen und vielleicht auch ein bisschen was bewirkt – kein Geld der Welt kann das jemals aufwiegen. So hoffe ich sehr, dass mein Appell nicht ungehört verhallt.

Carl-Ludwig Schönfeld 2022

KAPITEL 1

Indonesien, Jakarta 1984 Into the great wide open, Tom Petty

„Du fliegst nach Australien?“, hatte mein Freund Stefan in Würzburg begeistert gerufen, als ich ihm von meinen Plänen erzählt hatte. „Dann musst du unbedingt in Jakarta Zwischenstopp machen, wenigstens für ein paar Tage! Eine Wahnsinns-Stadt! Ich kenne da ein super Hostel!“ Doch als sich die gläsernen Schiebetüren des Cengkareng-Airport öffneten und ich nach 15-stündigem Flug und einer gefühlten Ewigkeit bei der Passkontrolle endlich ins Freie trat, stand ich einer Wand aus bunter, flirrender Hitze gegenüber. Einen Moment nahm mir die heiße Luft den Atem. Gleißendes Sonnenlicht blendete mich, es war geradezu mörderisch heiß und der Lärm ...! Und da stand ich jetzt, 26 Jahre alt, zum ersten Mal so richtig weit weg von zu Hause, mutterseelenallein – und war überfordert.

Einfach mit dem Bus oder der Bahn ins Zentrum? Das konnte ich vergessen. Ich war ewig weit weg – etwa 30 km, wie ich später erfuhr – und konnte ja schlecht mit der Rikscha dort hinfahren. Taxi ging auch nicht, das war viel zu teuer, denn ich hatte mir für meine geplanten zwei Tage nur 100 Dollar eingesteckt. Was also tun? Ratlos tigerte ich auf und ab und zermarterte mir das Hirn. Mittlerweile war es später Nachmittag, die vielen Menschen, das Stimmengewirr verstörten mich, meine wertvolle Kamera, eine Spiegelreflex, die ich mir von einem Freund geliehen hatte, baumelte mir um den Hals. Irgendwann wurde einer der Parkplatzwächter auf mich aufmerksam und fragte mich in gebrochenem Englisch, ob ich Hilfe bräuchte, wohin ich denn wolle. Ich erklärte ihm meine Not, und er meinte, oh, oh, er kenne dieses Hostel, das sei ganz schlecht, dort werde man nur ausgeraubt, aber kein Problem, seine Schicht sei jetzt zu Ende und er könne mich mit in die Stadt nehmen. Zu sich nach Hause. Auf seinem Roller. Ich zögerte.

Hier bot sich vielleicht ein Ausweg aus meiner misslichen Lage. Doch konnte ich ihm vertrauen? Ich fand ihn eigentlich ziemlich sympathisch und beschloss, auf mein Gefühl zu hören. Ohne Helm – natürlich – und mit meiner Kamera um den Hals ging es in halsbrecherischer Geschwindigkeit los. Der Wind pfiff mir um die Ohren, der Lärm war ohrenbetäubend, Schwaden von Autoabgasen umgaben mich. Schon bald hatte ich jegliche Orientierung verloren.

Die Teerstraßen wurden zu Schotterstraßen, die Häuser zu Wellblechhütten, die Nacht immer dunkler. Urplötzlich stoppte er, wir waren am Ziel: eine winzig kleine Hütte, vielleicht 40 Quadratmeter groß, mitten im Nirgendwo. Seine Frau und seine beiden Töchter empfingen uns, überrascht zwar, sich auf einmal einem gänzlich Fremden gegenüberzusehen, aber sehr herzlich. Aber wenn ich gedacht hatte, nach der anstrengenden Reise endlich zur Ruhe kommen zu können, vielleicht ein bisschen was zu essen und dann zu schlafen, hatte ich mich gründlich getäuscht. „Wir fahren in die Stadt“, verkündete mein Gastgeber. „Ich kenne ein gutes Lokal, dort essen wir was.“ Das hörte sich doch nicht schlecht an! Mir war schon ganz schlecht vor Hunger, hatte ich doch seit dem Flug nichts mehr in den Magen bekommen, aber das konnte ich ihm, höflicher Mensch, der ich bin, ja schlecht sagen. Also ab zum nächsten Lokal! Ob ich Durst hätte?, fragte mich Faisal. Als ich zustimmend nickte, fuhr er fort: „Dann bestellen wir gleich mal! Du wirst sehen, es gibt nichts Besseres zum Durstlöschen als ...!“ ... frisch geschabte Eisraspel, vermischt mit Obst. Nun war ich ja mittlerweile Medizinstudent im sechsten Semester, und wenn ich irgendwas zum Thema Essen in tropischen Ländern und Salmonelleninfektionen gelernt hatte, dann: cook it, peel it, boil it or forget it! Tja, das konnte ich wohl vergessen, ein Ablehnen kam nicht infrage, also schaufelte ich das fade Gemisch schicksalsergeben in mich hinein, verzichtete aber dankend auf einen Nachschlag.

„Und jetzt gehen wir ins Kino!“, verkündete mein indonesischer Freund, plötzlich total euphorisch. Klar, warum nicht? Verstehen würde ich zwar nichts, aber egal. War auch gar nicht nötig, wie sich herausstellte, denn wir waren in einem brutalen Actionfilm gelandet. Faisal amüsierte sich prächtig, das ganze Publikum brüllte und johlte und stampfte begeistert mit. Das ganze? Ja. Bis auf einen jungen Studenten aus Deutschland, der völlig überdrehtübermüdet in seinem Sessel hing und sich nichts sehnlicher wünschte, als endlich endlich zu schlafen. Was ihm aber, ob des Lärms, noch eine ganze Weile verwehrt bleiben sollte. Als die letzte Kugel geflogen, der letzte Tropfen Blut vergossen war, blies mein Gastgeber endlich zum Aufbruch. Mehr als nötig, denn am nächsten Tag stand schon ein weiteres Abenteuer an.

Jakarta, Indonesien 1984: zu Gast bei Faisal

„Wir besuchen meinen Vater“, erklärte mein indonesischer Freund frühmorgens. Also den nächsten Bus bestiegen und los: Gute drei Stunden lang ging die holprige Fahrt mitten durchs indonesische Nirgendwo, bis wir schließlich an unserem Ziel, einem kleinen Dorf mit wellblechgedeckten Hütten, anlangten und dort einen Eselskarren bestiegen, der uns zu seinem Vater brachte. Der kleine alte Mann begrüßte uns überschwänglich und hieß mich, den Weißen, den Europäer, für ihn sicher kein alltäglicher Anblick, herzlich willkommen.

Mit Händen und Füßen bedeutete er mir, dass es gleich etwas zu essen geben werde, was mich zunächst freute, aber gleich darauf zu Hygiene-Problem Teil II führte: Aufgetischt wurde ein gigantisches, sicher zehn Zentimeter großes Ei, was, wie mir klar war, mindestens 15 Minuten lang gekocht werden musste, ansonsten drohte – wieder einmal – eine Salmonelleninfektion. Dazu servierte er Reis und ein undefinierbares rotes Gemüse, mit dem ich begann, während ich das suspekte Ei misstrauisch beäugte. Doch als ich den ersten Löffel in den Mund schob, stand ich augenblicklich in Flammen. Es war das mit Abstand Schärfste, was ich in meinem ganzen Leben je gegessen hatte! Mein ganzer Mund brannte, meine Zunge und alle Geschmacksnerven waren wie betäubt, ich keuchte, und Tränen schossen mir aus den Augen. Der alte Herr beobachtete mich belustigt und hatte sichtlich Spaß an dem jungen, unbedarften Europäer, der sich da auf seinem Stuhl wand, versuchte, sich so wenig wie möglich anmerken zu lassen, und offensichtlich Höllenqualen litt. Ein Gutes hatte das Ganze aber doch: Das gefürchtete Ei war mir schlagartig völlig egal geworden, war ich doch überzeugt davon, dass unter diesen Umständen nicht eine einzige noch so kleine Salmonelle überleben konnte. Heroisch bat ich, weil man mir das so beigebracht hatte, um einen Nachschlag und bestieg nach beendeter Mahlzeit fix und fertig mit Faisal den Bus, der uns wieder zurück nach Jakarta brachte.

Aber noch sollten meine Prüfungen für diesen Tag nicht zu Ende sein. Als wir nämlich abends bei Sonnenuntergang vor seiner Hütte saßen und ich mich langsam zu entspannen begann, näherte sich Hygiene-Problem Teil III, und zwar in Gestalt einer alten Frau, die auf einem Tablett verschiedenste Kräutermischungen in Form von Fläschchen, Döschen und Pülverchen feilbot. Faisal zwinkerte mir verschwörerisch zu und begann, mit der Frau lautstark zu feilschen. Lächelnd überreichte er mir sodann ein Glas, halb gefüllt mit einer bräunlichen Flüssigkeit. O Gott, was war das jetzt wieder? Gestampfte Ameisen? Aufgelöster Kuhdung? Schlangengift? Alles zusammen? Verzweifelt starrte ich auf das mysteriöse Gebräu, bis mich Faisal endlich erlöste: „It‘s for your potency! Strength! Your wife will be happy!“ Ach so. Gottergeben setzte ich das Glas an die Lippen – und erstarrte. So etwas Scheußliches hatte ich noch nie getrunken! Nach der Hälfte kapitulierte ich und reichte es an meinen Gastgeber weiter, der es mit einem Schulterzucken leerte.

Spät am Abend fuhr mich mein indonesischer Freund, dem ich mein restliches Bargeld geschenkt hatte, zum Flughafen, und ich bestieg meinen Flieger nach Australien. So endete mein indonesisches Abenteuer, das mich etwas ganz Wesentliches gelehrt hatte: Egal, wo du bist, egal, wen du triffst, ob im Privaten oder im Beruf – es ist wichtig, es ist eigentlich unabdingbar, jedem einen Vertrauensvorschuss zu gewähren. Ich meine damit nicht, sich blindlings in jede Gefahr zu stürzen, jedem, sei er auch noch so suspekt, sein Herz zu öffnen. Ich meine damit, dass es gilt, auf sein Gefühl zu hören, jedem so vorurteilsfrei und offen wie möglich zu begegnen und an das Gute zu glauben – in jeder Situation, in jeder Lebenslage –, denn: Vertrauen ist das, was zählt!

Faisal mit Familie

2

Australien, 1984 From the beginning, ELP

Australien also. Down Under. Land der Gegensätze, der großen Metropolen – Sydney, Melbourne, Adelaide –, des menschenleeren Outbacks. Land der Surfer, der Goldgräber, der Abenteurer, der Glückssucher, der Kängurus und der Koalas. Land des Great Barrier Reef, der Backpacker, der Aborigines. Land, das mein Leben, meine Zukunft für immer verändern sollte. Australien also.

War meine Zeit in Jakarta schon abenteuerlich gewesen, so sollte Australien alles in den Schatten stellen und mein Leben gehörig durcheinanderwirbeln, und zwar unwiederbringlich. Aber das ahnte ich natürlich nicht, als ich mich in meinem Sitz im Flugzeug zurücklehnte und erschöpft die Augen schloss. Was waren das für Tage gewesen! Ich war völlig ausgepowert, müde bis auf die Knochen, und freute mich auf die Aussicht, die nächsten vier Wochen gut aufgehoben zu sein und mich um nichts großartig kümmern zu müssen. Denn das war mein Plan: Ich würde in Sydney ein vierwöchiges Praktikum in der Chirurgie des Prince of Wales-Krankenhauses absolvieren, meine Famulatur, und dann mit meiner Freundin Brigitte – meiner heutigen Ehefrau – noch zwei Monate lang durch Australien reisen. Und das kam so: Zu Hause in Würzburg hatte ich zufällig einen jungen australischen Augenarzt kennengelernt, Minas Coroneo, der mit mir zusammen im selben Labor gearbeitet hatte. Ihm erzählte ich von meinem Traum, mein Praktikum in Australien zu machen. Sofort war er Feuer und Flamme und versprach mir, alles dort zu arrangieren. Aber wie sollte das gehen? Ich armer Student würde mir diese Extravaganz, noch dazu mit anschließender Australien-Reise, nie und nimmer leisten können! Doch der Zufall wollte es anders: Meine damals schon hochbetagte Großmutter beschloss, ihren Enkeln das Geld, das sie ihnen vererben wollte, schon jetzt, zu ihren Lebzeiten, zur Verfügung zu stellen. 5.000,- DM! Genau der Betrag, den ich brauchte, um mir meine drei Monate Australien zu finanzieren! Voller Begeisterung rief ich Minas an: „Hey du, stell dir vor, es klappt! Kannst du alles für mich organisieren?“ „Klar, Carlo“, meinte er, „das ist gar kein Problem! Freu mich auf dich!“

Als ich aber in Sydney eintraf, war alles ganz anders. Nichts war vorbereitet, nichts organisiert. Dabei hatte Minas es mir doch hoch und heilig versprochen! Ich konnte es nicht glauben. Als ich ihn darauf ansprach, winkte er unbekümmert ab. „Ist doch nicht so schlimm, Carlo! Dann machst du dein Praktikum eben bei den Ophthalmologen. Ist doch sowieso viel spannender!“ Jetzt war ich sauer. Oh nein, Minas, dachte ich, so einfach kriegst du mich nicht! Hast wohl gedacht, ich knicke ein und werde schon anbeißen für die Augenheilkunde. Da hast du dich aber getäuscht! Zurück im Studentenwohnheim, entwarf