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Silke Eggerer ist Grundschullehrerin mit Leib und Seele. Schon vor Corona sind ihr die Schwächen des derzeitigen Schulsystems deutlich bewusst. Doch der Grat zwischen dem Wunsch nach pädagogisch wertvoller Erziehung und immer strenger und abstruser werdender Vorgaben ist noch überbrückbar ... Die Sonderregelungen im Lockdown machen ihr allerdings deutlich - auch körperlich – klar: Hier ist kein weiteres Warten mehr angezeigt. Ebenso unsinnige wie starre und von der Leitungsebene blind befolgte Regeln schaffen ein Klima, das die Seele krank macht – nicht nur die der engagierten Lehrerin. Silke Eggerer ist auf dem Weg, den Staatsdienst zu verlassen und ist bereit, ihre Berufung wieder vollumfänglich zu leben: "Ich möchte Kindern mehr mit auf ihren Weg geben, als eine systemtaugliche Konditionierung!" – so die Autorin in einem Gespräch zu diesem Buch. Ihr Buch legt den Finger in die Wunde – aber es macht auch Mut! All denen nämlich, die, wie Eggerer auf der Suche nach gangbaren Wegen sind, ihren Beruf wieder als Berufung zu leben. "Ein Buch, das Hoffnung macht!" (Britta Wisniewski)
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Seitenzahl: 229
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Mitdem
Dino
durch´s Schulhaus
SilkeEggerer
Mit dem Dino durch´sSchulhaus
SilkeEggerer
Inhaltsverzeichnis
Widmung9
Vorwort11
Einleitung15
Ich17
Lebensentscheidung31
Einneues Leben53
Lehrerdasein63
Zerreißprobe91
Zusammenbruch und Neuanfang110
WenneineTür sichschließt …123
…dannöffnetsichebeneineneueTür!144
Schlusswort153
Seitichdenkenkann,willichnureins: Verstehen!
Ich will verstehen, wie die Welt funktioniert. Ich will verstehen, warumesMenschengibt,denenesgutgeht.Ichwillverstehen, warum es Menschen gibt, denen es schlecht geht. Was ich in meiner Kindheit dazu zu hören bekam, war immer wieder der gleiche Satz, den jeder, aber auch wirklich jeder kennt!
Tuwas,dannhastduwas,dannbistduwas!!!
BiszueinembestimmtenPunktinmeinemLebenhabeich GENAU DAS geglaubt und noch schlimmer….. GELEBT!
Alsirgendwannnichtsmehrging,alsichnichtsmehrTUNkonn- te, begann ich „einfach“ nur noch zu SEIN!
Vondaanmerkteich,wieEINFACHdasLebendochseinkonn- te.
Einfachlieben–einfachleben!
SOfunktioniertdasLeben!Nursoundnichtanders!Unddas
Schönstedaran:DASkannJEDER!
Ja,DUauch!
inschwierigenStundenschaffte,michimmerwieder zumLachenzubringen.
Eigentlich wollte Betty Beige das Vorwort zu meinem Buch schreiben. Deshalb haben wir nach einem gemeinsamen Wo- chenende in Fulda nochmals miteinander via Facetime gespro- chen.Dochdannkamenwirüberein,dasseswohldochoptimal wäre,wennichesselbstverfassenwürde.InunseremGespräch erzählte ich Anja, alias Betty Beige, von meiner Dino-Aktion in der Schule. Da fiel ihr spontan der Titel zu meinem Buch ein.
MitdemDinodurch´sSchulhaus.
Wir mussten so lachen und ich fand sofort, dass das genau zu meinem Buch passte. Und nun zur Geschichte, wie es damals dazu kam, dass ich tatsächlich mit einem Dino-Kostüm durch´s Schulhausritt.ImJanuarundFebruarführteichmitmeinen Erstklässlern und deren Eltern Lernentwicklungsgespräche. Da- beisolltendieKinderihren„Leistungsstand“zunächstselbst beurteilenunddanachmitmirdarübersprechen.Außerdem solltenZieleveranschlagtwerden,dieesinZukunftzuerreichen galt. Mich interessierte aber noch vielmehr, was die Kinder in ihrer Freizeit gerne machten. Was faszinierte sie wirklich? Und esstelltesichheraus,dasseinigeSchülertatsächlichgernezau- berten,mancheliebteneszusingenoderzutanzen.Dakammir spontan die Idee am unsinnigen Donnerstag (Weiberfastnacht) mit den Kindern eine kleine Faschingsfeier zu gestalten, bei der dieKinderdieGelegenheiterhaltensollten,ihreKunststücke vorzuführen.ZufälligwarandiesemTagauchmeinGeburts- tag.VonmeinerChefinauswarenFaschingsfeiernanderSchule nichtnurstrengstens,sondernallerstrengstensuntersagt.Naja, wen juckt´s? Schließlich war das MEIN Geburtstag! Außerdem mochte meine Chefin mich ja ganz gerne. Da sich meine Kolle- gen aber stets streng an die Vorschriften hielten – ich vermute fast,dassihnendassogarentgegenkam,weilsiesichnichtzum Affen machen wollten – und deren Kinder nicht verkleidet zur 11
Schule kommen durften, schloss ich mit meinen Kindern einen Geheimpakt! Hausaufgabe tags zuvor war: Schultasche ausräu- men und Kostüm und Zaubertricks oder Instrument einpacken! BeimBäckerhatteichFaschingskrapfenfürunsvorbestellt,denn Süßes durfte an diesem Tag auch nicht fehlen. Endlich war esso weit! Ganz früh am Morgen schlich ich mich in mein Klas- senzimmer und schloss die Tür. Meine erste „Amtshandlung“ Dino-Kostüm anziehen und aufblasen. Das war gar nicht so an- genehm, weil mir der kalte Wind des Gebläses dauernd in den Hintern blies. Aber ich sah so lustig aus. Die ersten Kinder ka- men herein. Sie platzten schier vor Lachen, dachten aber aus- nahmslosalledaran,dieTürehintersichzuschließen.Denndas Ganzewarschließlichgeheim.KurzvordemAcht-Uhr-Gongwar bei uns schon Hochstimmung und ich hörte nicht, dass es an der Tür klopfte. Plötzlich stand die Chefin im Zimmer. Ihre ent- glittenen Gesichtszüge! Ein Bild für Götter! Ich denke, sie war sich nicht ganz sicher, ob sie mich nun maßregeln sollte oder einfachnurmitlachen.Sieentschiedsichfürletzteresundlachte herzlich mit uns, ehe sie mir zum Geburtstag gratulierte. Dann meinte sie: „Damit musst du aber unbedingt durch´s Schulhaus reiten!“Na,dasließichmirdochnichtzweimalsagen!Trotzdem musstensichmeineKinderinderPauseaberwiederumziehen, wegen der anderen. Ich erlaubte mir aber, SO wie ich war, im Lehrerzimmer zu „erscheinen“. Meine Kollegen fielen beinahe aus allen Wolken, mussten aber schließlich doch auch schmun- zeln.InderPauseerzählteichunverfrorenvondertollenShow, diedieKinderfürmichvorbereitethatten.MeineChefinspitzte dieOhrenundmeinte:„WürdendeineKinderdasvielleichtauch noch für „meine“ Erstklässler vorführen? Dann könnte ich die Büroarbeit noch abschließen.“ Natürlich wollten meine Schüler das! Und die Kinder der anderen Klasse waren so unglaublich dankbarfürdieseAuflockerung.Dieschwärmtensogarnochein JahrspätervondieserspontanenAufführung.Nachderzweiten Pause hatte ich eine Freistunde und ….
…ritt durch´s Schulhaus. Ich klopfte zuerst bei einem jungen Kollegen!Alshätteichesgeahnt,dassichgenaudortanfangen
sollte!!! Martin erzählte den Kindern, dass ich Geburtstag hät- te und so stimmten sie - ebenfalls sehr spontan – ein Geburts- tagsliedfürmichan!DanachriefensieimChor:„Jetztmusstdu noch würfeln! Du musst würfeln! Jedes Geburtstagskind muss würfeln!“ Martin brachte mir den Geburtstagswürfel und die Kinder feuerten mich an: „Wirf einen Sechser! Wirf einen Sech- ser!“ Und? Was soll ich sagen? Natürlich tat ich ihnen den Ge- fallen und würfelte einen Sechser! Der Jubel war unvorstellbar und ich vermute, er war durch´s ganze Haus zu hören - und das warechtgroß!DaraufhinlasmirMartinvor,wasichgewonnen hatte! Eine gewürfelte Sechs bedeutete nämlich: Hausaufgaben- freifürdiegesamteSchule!Na,dakannstdudirvorstellen,wie schnell ich die frohe Botschaft in der ganzen Schule verbreitet habe. So schnell macht man sich zur beliebtesten Lehrerin in der ganzen Schule, oder? So endete dieser Schultag für alle mit einer mordsmäßigen Stimmung, sogar für meine Kollegen! Nur ich hatte einen kleinen Wehmutstropfen zu verbuchen. Wegen des kalten Gebläses, das den ganzen Vormittag in meinen Hin- tern blies, bekam ich tatsächlich Hämorrhoiden. Hahaha! Aber daswar´saufjedenFallwertundichwürdeesaufderStellewie- derholen. Aber dieses Mal wohl mit Angora-Unterhose! Denn sicher ist sicher!
EineautobiographischeReiseinmein SEIN
Als Kind war ich schon immer lieber Beobachter als Mitspieler. Ich hatte immer „nur“ eine Freundin, weil ich mich nicht auf mehrere Kinder gleichzeitig konzentrieren konnte. Heute weiß ich, dass das so genau richtig war und ist, da jeder Mensch es wertist,dassmanihmseinevolleAufmerksamkeitwidmet.Au- ßerdemkonnteichmichsehrgutalleinebeschäftigen.Ichwuss- te immer etwas mit mir anzufangen. Dazu brauchte ich weder eine Ballett-Schule, noch einen Tennisverein oder andere Ab- lenkungen, ja nicht einmal eine beste Freundin. Ich konnte und durfte ALL-ein SEIN. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, stellte ich zuallererst meine Schultasche in die Ecke. Danach wärmte ich das Essen für meinen Bruder und für mich auf, das Mama tags zuvor für uns liebevoll zubereitet hatte und aß mit ihmzuMittag.NachdemAbwaschwidmeteichmichderMusik. Manchmal spielte ich stundenlange auf meiner Geige, ohne zu merken, wie die Zeit dabei verrann.
IchwareinemäßigeGeigenspielerin,aberichhattesolcheFreu- de am Tun und war beseelt davon. Es kam aber auch vor, dass ich mit meiner Freundin, den halben Nachmittag telefonierte. Stundenlang konnten wir am Telefon quatschen und über un- sere Lehrer herziehen. Dabei schrieben wir gelegentlich sogar GedichteüberderenSchandtaten.SowurdenwirunserenFrust überdieSchulelos.DadieTelefonezudieserZeitnochrechtun- handlichwarenundderHörermitderZeitwirklichschwerwur- de,hattenwireinesTageseine„bahnbrechende“Idee.Unddie kamunsinderKunststunde,alswirdenAuftragerhielten,etwas Nützliches zu bauen! Was für ein Zu-Fall! Wir bastelten einen Telefonhörerhalter–auseinemSupermarktkarton.Jedochnicht im Kunstunterricht, sondern zu Hause.
WaswirdamalsinKunstbastelten,weißichgarnichtmehr,aber der Halter war mir im Gedächtnis geblieben.
Total sperriges Teil, das entweder umkippte oder aus dem der Hörerrausfiel.Erwärejaausbaufähiggewesen,aberwirhatten unserenSpaßundeswargut.Alsogingenwirwiederdazuüber, den Hörer selbst in die Hand zu nehmen. Und dann spielte ich wieder Geige oder mit meinen Puppen. Ich gestehe, ich habe sehr lange mit den Puppen gespielt. Hausaufgaben??? Ach, die erledigteich,wennichLustdazuhatte.AufMathehatteichim- merLust,dasgingganzschnell.EnglischundLateinliebteichan- fangsauchsehr.Deutschwarmalsomalso.Wennichaneinem Nachmittag oder Abend keine Zeit und vor allem keine Lust für die Hausaufgaben aufbringen konnte, so fand sich morgens im- mer irgendein Busfahrer-Mitschüler, der sehr früh an der Schu- le war und mich freundlicherweise abschreiben ließ. Daran hat sichniejemandgestört.Das,wasichunbedingtwissenmusste, hat offenbar gereicht.
Dochirgendwannwaresvorbeimitdem„Kindsein“unddas
„Erwachsenwerden“ holte mich ein. Die Zeit für Träume wurde knapper.BisichschließlichkomplettimHamsterraddesLebens gefangen war und selbst keinen Ausweg mehr erkennen konn- te. Doch genau zu diesem Zeitpunkt war sie wie aus heiterem Himmel plötzlich da. Die Hilfe, auf die ich lange gehofft hatte. Anfangs war sie noch nicht einmal als Hilfe zu erkennen. Ganz imGegenteil!Eswareinenahezuauswegloseundbedrückende Situation. Doch genau dann, wenn man so tief unten ist, dass man kaum mehr tiefer stürzen kann, hat man erst die Chance, diesesGeschenkzunächsteinmalwahrzunehmen,esalssolches anzunehmen und mit dessen Unterstützung schließlich wieder aufzuerstehen wie ein Phönix aus der Asche. Hiermit bedanke ichmichbeiallengöttlichenWesen,diemichdabeiunglaublich unterstützt haben.
Ich heiße Silke, aber das steht ja schon auf der Titelseite, oder? AberweristnundieseSilkeeigentlich?Stelldirvor,dieseFrage habe ich mir auch gestellt!
Werbinich?
Also ich bin zum einen nicht besonders groß, eher sogar klein, könnte man sagen. 1,59 m ist nun mal nicht gerade groß. Aber washatmeineGrößedennmitdieserFragezutun?Nichts,wür- destduvielleichtdenken!Undichmeine,ingewissemSinnehat es doch etwas mit dem zu tun, wer ich eigentlich bin. Na gut, jetztkennstdumeineKörpergröße.ÜbermeinGewichtredeich nichtsehrgerne.DashatauchetwasmitmirundmeinenErfah- rungenzutun.Aberichverratedirhiermittrotzdem,dassmein Gewichtderzeitschwankt,zwischen60und66kg,manchmal67 kg.„Ganzschönschwer!“,wirstduvielleichtsagen.Ja,damagst dusogarRechthaben,aberwennmanbedenkt,dassichbisvor 10 Jahren noch gut zwei Zentner auf die Waage brachte, dann finde ich mein Gewicht jetzt durchaus passabel. Obwohl ich michnatürlichmit60kgwohlerfühlealsmit67kg,dasgebeich zu! Aber manchmal lässt es sich einfach nicht vermeiden, nach etwasSüßemzugreifen.VorallemnichtinZeitenvonseltsamen Maßnahmen seitens der Regierung! Warum ich dir das alles er- zähle? Weil es wichtig ist.
„Aber doch nicht für mich!“, denkst du. Mag sein, dass dir das am Allerwertesten vorbeigeht, aber ich bin überzeugt, dass du trotzdemweiterlesenwirst,dennirgendetwasanmeinemBuch hat dich dazu bewogen, es mitzunehmen, es sich zu Gemüte zu führen.
Du weißt noch nicht genau, was dich fasziniert, aber du wirstesmitjederZeilemehrundmehrentdecken.Dasweißich,weil ich in gewissem Sinne genau so bin wie DU! Eben ein Mensch, einganzbesondererMensch!GenauwieDU!JederMensch ist besonders, eigenartig und einzigartig! Und genau so wieder Mensch ist, ist er vollkommen und perfekt! Das glaubst du nicht?Nadann,lassmichnochmehrübermicherzählen,bevor wir zu dir kommen.
Was gibt es also noch über mich zu erzählen? Also geboren bin ichineinerkleinenProvinzstadtanderDonau,gut20kmwest- lich von Passau, der Drei-Flüsse-Stadt, dem Venedig Bayerns. Inzwischen verfüge ich über einen „Berechtigungsschein“ für Ü50-Partys.
Meine ersten drei Lebensjahre waren noch recht unbeschwert. Als Papa, Mama, Kind und Oma (Mamas Pflegemutter) lebten wirzusammenineinerWG,sowürdemandasheutewohlnen- nen.AlsmeineMamadannmitmeinemBruderschwangerwar, hattensieundmeinPapaeinenschwerenVerkehrsunfall.Mein Vater war der Fahrzeuglenker und Verursacher. Während Papa mitleichtenBlessurendavonkam,dieersichzuzog,alsermeine MamaausdemAutowrackbarg,rangdiesemitihremunddem Leben meines Bruders. Natürlich konnte ich meine Mama län- gereZeitnichtsehen,undalsichendlichzuihrinsKrankenhaus durfte,warichvonihremAnblicksosehrgeschockt,dassichaus dem Zimmer rannte und schrie: „Das ist nicht meine Mama!“ Durch den Unfall hatte sie im Gesicht viele Schnittwunden da- vongetragen und war dadurch vorübergehend ziemlich entstellt. Der Schock saß bei mir damals wohl sehr tief. Nachdem meine Mama meinen Bruder zur Welt gebracht hatte und nach Wo- chen wieder nach Hause durfte, trennte sie sich von meinem Vater. Fortan gestaltete sich unsere WG ein wenig anders:
Mama,Tochter,SohnundOma,diewirdringendbrauchten,weil Mama arbeiten musste. Ein Drei-Generationen-Haushalt.
Kurz darauf sollte ich in den Kindergarten gehen. Kein so pri- ckelndes Erlebnis, wie ich fand.
Ein Kindergarten unter kirchlicher Führung! Die Kindergärtne- rinnen–Klosterschwestern–„Pinguine“-strengeFührung!Da darfstdunichtaufmucken.Dashätteichmichohnehinnichtge- traut,seitdiesemKrankenhaus-ErlebnisundderTrennungmei- nerEltern,warichschonmehrals„bedient“.Ichwarirgendwie anders, nicht mehr so ganz „ICH“ selbst. Schockstarre, zurück- gezogen, schüchtern, nicht mehr wiederzuerkennen. Und mir gefiel es im Kindergarten einfach nicht. Die Atmosphäre war – soweitichmichdaranerinnernkann–nichtbesondersliebevoll. DaswareszuHauseauchnichtmehr,abereswarebenMEINZU HAUSE!IchbüchstealsoausdemKindergartenaus.MitHilfeei- nerPraktikantin,diemirdieSchnürsenkelbindenmusste,liefich heimzuOmaundBruder.UnsereWohnungwarnurzweiEcken entferntundichkanntedenWeggut.Heutewürdeman,sobald ein Kind aus einer „Anstalt“ vermisst wird, vermutlich sofort Polizei, Suchdienst, etc. einschalten. Zur damaligen Zeit reichte es, wenn die Pinguine ausströmten. Dass meine Flucht natür- lich nicht unbemerkt und ohne Folgen blieb, war klar! Und…die Pinguine strömten aus. Und wie! Durch einen heißen Tipp der Praktikantin flog ich auf. Ich bekam richtig Ärger. Mit mei- nen lumpigen drei fast vier Jahren! Ordentlich ausgeschimpft wurde ich. Gecheckt habe ich gar nichts. Ich bin doch nur nach Hause gelaufen, weil es mir im Kindergarten nicht gefallen hat. Dasinteressierteaberniemanden!Danachwurdeichauchnicht gefragt. Klappe halten und mitkommen! Das war die Ansage. Dashatteichkapiert!Widerwillig,aberfolgsamwieein„geprü- geltes“Tier,ließichmichmitindiesenAlptraum-Kindergarten schleifen.Abjetzthatteichrichtig„Respekt“oderbessergesagt: Angst! Schwarze Pinguine können aber auch wirklich angstein- flößend wirken!
Das Wort Respekt wird meines Erachtens oft missverstanden. Denn Respekt beruht für mich auf Gegenseitigkeit. Respekt hat damit zu tun, dass man die Gefühle seines Gegenübers ernst nimmt,ohneihndafürzubestrafenoderzudemütigen.Esheißt fürmich,dieSichtweiseeinesanderenannehmen,diesezuver- stehenundzuakzeptieren,auchwennichnichtdergleichenAn- sicht bin oder das Gleiche empfinde. Radikale Akzeptanz! Der Schlüssel für bedingungslose Liebe also. Hätte mir meine Kin- dergärtnerin damals einfach gesagt: „Silke, wir haben uns gro- ße Sorgen gemacht, als du plötzlich verschwunden warst. Wir habenüberallnachdirgesuchtundhattenAngst,dassdiretwas Schlimmespassiertsein könnte.“Dann hätte ichmich vielleicht auchgetrautzusagen,dassicheinfachnurHeimwehhatte.Au- ßerdemhatteichschließlichebensogroßeAngst,dasszuHause etwas Schlimmes passiert sein könnte, wenn ICH nicht da war. Schließlich hatte ich kurz zuvor beinahe meine Mama verloren und Papa war inzwischen auch nicht mehr da. Ich hatte also al- les Recht der Welt, nachzuschauen, ob zu Hause noch alles in Ordnung war!Ich hatte alles Recht dazu, zu KONTROLLIEREN, um die Kontrolle zu behalten! Hätte man aber so mit mir gere- det,hätteichRespektgehabt.Demwarabernichtso!Alsohatte ichAngst.EineScheißangstsogar!EineAngst,diemichbeinahe mein ganzes bisheriges Leben „beherrschte“.
Warumichdasalleserzähle?WeilesderGrundsteinist,aufdem sich MEIN Leben gründet. Und wieder denkst du jetzt: „Und? WashabeICHdamitzutun?Wasgehtmich„SILKE´s“Angstan?“ Ich behaupte, es geht dich sogar sehr viel an. Denn ich wette,in jedem von euch steckt genau so eine Angst, wie auch ich sie als kleines Kind erfahren habe. Es stimmt schon, es gibt durch- aus Menschen, die frei von Angst sind, aber die halten dieses BuchnichtindenHänden.KennstdudenneinenMenschen,der frei von Sorgen und Angst ist? Woran erkennst du, dass dieser Menschangst-undsorgenfreiist?Wasmachterandersalsdu? WarumhaterkeineAngst?Weilerreichist?Erbrauchtalsokei- ne Angst zu haben, weil er reich ist?!
Und was ist, wenn ihm sein ganzer Reichtum über Nacht ge- raubt wird? Denkst du dann immer noch, dass dieser Mensch angst- und sorgenfrei war? Oder hat er jetzt erst Angst bekom- men? Wie hat er denn auf seinen „Schatz“ geachtet? Hatte er vielleicht einen Safe?
AberwozubrauchtdieserMenschdenneinenSafe,woerdoch überhauptkeineAngsthat,wiedumeinst?!Vielleichtistder
„sorgenfreie“ Mensch, den du kennst, aber auch ein armer Mensch,demmannichtsmehrwegnehmenkann,weilerohne- hin nichts besitzt. Braucht er dann wirklich vor nichts und nie- mandemmehrAngstzuhaben,weilihmsowiesoniemandmehr etwaswegnehmenkann?Odergibtesvielleichtetwas,dasman sogar einem armen Schlucker wie ihm noch rauben kann?
Du siehst also, dass es nicht darauf ankommt, ob ein Mensch armoderreichist,oberArbeiter,HandwerkeroderGroßindus- trieller ist. In fast jedem von uns steckt sie tief drin, die Angst. EsgelingtdenallermeistenMenschennur„schwer“,angst-und sorgenfreizuleben.Undichkennewirklichnichtsehrviele,de- nen dies gelungen ist. Selbst ich ringe hin und wieder noch mit demkleinen,ängstlichen„Kind“inmir,obwohlichdiesesheute sehr schnell wieder „beruhigen“ kann. Denn ich habe gelernt, meine Ängste zu bezwingen. Wie? Das verrate ich gerne, aber dazu muss ich noch weiter ausholen.
MeineersteErfahrungmitderErziehungsinstitution„Kindergar- ten“ war also schon mal ein glatter Reinfall! Parieren und tun was die Erwachsenen sagen, darauf wurde ich gut vorbereitet. Wegzulaufenhabeichmichvondaannichtmehrgetraut.Eswar ja nicht alles schlecht im Kindergarten. Freunde waren schließ- lich auch da, mit denen man wunderbar spielen konnte. Einzig die Herzlichkeit und Wärme der Erzieherinnen, die fehlte ein- fach.
DerStartinderSchulewarauchnichtvielbesser.Schonwieder was Neues! Das mochte ich gar nicht!
IchwarjainzwischeneinrichtigerSchisser.Eshatmireben nie jemand gesagt oder gezeigt, dass ich keine Angst zu haben brauchte.AlsogingdasGeheuleamerstenTaggleichwiederlos. NachderSchuleschleiftemichMamanochzumFotografen.Das hätte sie sich auch sparen können!
Der brauchte ganz schön lange, um ein Bild von mir zu knipsen, aufdemichnichtheulte.AmnächstenTagfandichmeinKlassen- zimmer nicht mehr. Schon wieder musste ich gesucht werden! Saß ich doch glatt in einer anderen Klasse, ohne meine beste Freundin! Mir war schon klar, dass irgendetwas nicht stimmte, aber ich traute mich einfach nicht, etwas zu sagen. Schließlich fandmichmeineLehrerin,diemichdafürNICHTausgeschimpft hatte!GanzruhigzeigtesiemirdenrichtigenWeg.Undichhatte überhaupt nicht geheult! Das muss mich damals schwer beein- druckt haben. Ich hatte mich verlaufen und wurde dafür nicht getadelt. Das war für mich etwas Neues! Das hatte ich so noch nichterlebt!Ichkonntediesesfürmichdamals„abnorme“Ver- haltenalsKindmitganzanderenErfahrungenganzschlechtein- ordnen, aber es gefiel mir.
Die Grundschulzeit war für mich insgesamt ganz okay. Aber ich weiß noch sehr genau, dass ich in der „Igelprobe“ eine 5 hatte, worüber meine Mam „not very amused“ war. Also wurde ich ausgeschimpft! Nicht dass du denkst, dass ich meiner Mutter das heute noch verübeln würde. Sie stand schließlich auch un- terenormenDruck,dennsiemussteunsfinanziellganzalleine
„durchbringen“unddieSchulden,diemeinVaterihrhinterließ, musste sie auch noch abbezahlen. Sie hatte es in dieser Zeit, in der Geschiedene in einer streng katholischen Gemeinde wie Aussätzige behandelt wurden, nicht leicht und musste sich als Alleinerziehendedamalsganzschöndurchbeißen.Siewolltefür uns auch wirklich nur das Beste. Sie handelte aus meiner heuti- gen Sicht ebenfalls aus der Angst heraus, nicht zu genügen. Ich hattedamalshalteinfachnochnichtgecheckt,dassmangewis- se Dinge einfach auswendig lernen musste, ohne sie auch nur ansatzweise zu verstehen.
Von da an, so wurdees mir beigebracht, lernte ich halt gewisse Dinge ohne Sinn und Verstand. Nur aus dem Grund, weil MAN DASSOmacht!„HinterfragdieDingenichtlange,macheinfach“, war die Devise. Spaß hatte ich dabei nicht immer, aber das Ler- nen fiel mir zum Glück nicht sonderlich schwer.
Und der„Druck“, denichdurch dasAusschimpfen meinerMut- terverspürte,ließmichdurchausLeistungerbringen.Schließlich will ein Kind geliebt werden und nicht getadelt. „Liebe und An- erkennung gegen Leistung“ würde ich das heute nennen. Na- türlich habe auch ich mich über gute Noten gefreut, aber die BEDINGUNGEN, unter denen die Zensuren entstanden, waren, sagen wir einmal, eher „suboptimal“. Druck im Kindergarten, DruckinderSchuleundDruckzuHause!Ichstandständigunter Druck. Ich spürte diesen Druck soweit ich mich zurück erinnern kann. Und Druck erzeugte bei mir nur eins: ANGST! Und Angst ist ein schlechter Ratgeber. Aus Angst kann man sehr schweig- sam werden. So schweigsam, dass, wenn einem etwas schier Unglaubliches widerfährt, man lieber schweigt, als sich jeman- dem mitzuteilen. Einfach, weil man sich nicht mehr ganz sicher ist,obmannichtvielleichtdochselbstschulddaranwar.Undso verschwieg ich meiner Mama damals, dass ich von einem Be- kannten missbraucht wurde. Aus Scham und aus Angst, selbst schuld an diesem Vorfall zu sein. Klappe halten und weiter ma- chen!DruckwirktsichnichtbeijedemKindaufdiegleicheWeise aus. Nicht jedes Kind verstummt. Manche Kinder reagieren un- ter Druck durchaus aggressiv und unkontrolliert. Aber schweig- sam werden sie dennoch, wenn es darum geht, sich jemandem anzuvertrauen. Sie toben und sie schreien und sagen trotzdem NICHTS! Kein Sterbenswörtchen! Wenn das Urvertrauen fehlt, kommtnichtsmehrvondem,wasvonBelangist,aufdenTisch! Woherichdasweiß?Naja,sagenwirmal,Geschichtewiederholt sich,solangemannichtansicharbeitet.MeinSohnwarebenSO EIN Kind! Und im Rückblick würde ich vieles völlig anders ma- chen. Auf meinen Sohn komme ich später noch zu sprechen.
NachderGrundschulekamichaufsGymnasium.DieSchulehat- te ich mir selbst ausgesucht.
Meine Mama wollte nicht, dass ich aufs Gymnasium gehe, weil sie selbst nie auf eins gehen durfte. Ihre Pflegeeltern erlaubten es ihr nicht, denn sie waren damals schon sehr alt und – man höreundstaune–siehattenANGST,dasssiedasAbiturmeiner Mama nicht mehr erleben würden.
Und weil meine Mama nun ihrerseits Angst hatte, dass sie mir bei den Aufgaben nicht helfen könnte, weil sie schließlich nicht amGymnasiumwar,wolltesiemichzunächstauchnichtgehen lassen. Ein Rattenschwanz an Angst, der sich seit Generatio- nen hinter uns herzog! Aber diesmal setzte ich meinen Willen durch, weil mir die Schule so sehr gefiel. Der größte Vorteil an der Schule war: Ich konnte zu Fuß hingehen. Und der weitere Vorteil: eine Freundin, die – zumindest damals – sehr angstfrei war,kammit.SiewarmeingroßesZugpferd.Mitihrkonnteman Pferde stehlen!
Kleiner Exkurs, weil´s nicht ganz ungefährlich, aber dennoch lustig war: Das mit dem Pferd durften wir sogar einmal zu- sammen erleben. Meine Freundin bekam von ihrem Vater ein Pony geschenkt. Es war untergestellt auf einem Bauernhof. Zu- sammen radelten wir raus auf den Hof, um das Pony zu reiten. Wohl gemerkt, von uns beiden konnte KEINE reiten! Aber DAS kann ja nunmal nicht so schwer sein. Raufsetzen und „Hüa“ ru- fen! Kein Problem, oder? Das hatten wir doch schon X-Mal in Bonanza gesehen. Für die jüngeren Generationen: Bonanzawar eine Westernserie. Als echte Bonanza-Fans hatten wir also durchaus „Reiterfahrung“ gesammelt. Auch im Wildwest-Stil! ZunächsteinmalmusstenwirdasPonyeinfangen.Eswarjamit seinen Kumpels auf der Koppel. Das gelang uns auch bald und wir konnten dem armen Tier das Zaumzeug anlegen. War auch nicht so schwer. Sattel? Einen Sattel brauchten wir doch nicht! Echte Westernfans reiten ohne Sattel! Und bei der Erfahrung, diewirdamithatten.Alsobitte!Natürlichwolltenwirdasgleich aufdemnächstenWaldwegausprobieren.MitdemPonyander Leine ging es ab auf den Waldweg.
Mittels einer Räuberleiter versuchte ich, meiner Freundin aufs Pony zu helfen. Vergeblich! Es wollte einfach nicht still stehen. Esdrehtesichdauerndweg.DabeisahdasimFernsehenimmer soleichtaus!Hopp,raufaufsPferdundabgaloppiert!Undhier? Nichts zu machen! Okay, dann gehen wir halt eine Runde Gassi mit dem Tier. Hahaha!
Wovor das Pony gescheut hatte, das wissen wir nicht, aber wir hatten alle Mühe, es gemeinsam festzuhalten und nach „Hau- se“ zu bringen. Das Tier wurde danach gleich wieder verkauft. DasReitenwarunsdanndochzuanstrengendundzugefährlich. An diesem Nachmittag bekam es sogar meine Freundin mit der Angstzutun!Warumichsoweitausschweife,willstdu
