Mit den Beatles unter der Bettdecke - Peter Lutz - E-Book

Mit den Beatles unter der Bettdecke E-Book

Peter Lutz

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Beschreibung

Mit den Beatles unter der Bettdecke erleben wir eine literarische Reise in die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik, die dann im neuen Jahrtausend fortgesetzt wird. Der Autor, wenige Monate vor Gründung der Republik geboren, erzählt von seiner Kindheit, Jugend und der Nachkriegszeit. Er beschreibt, wie Menschen ihn prägten und welchen Einfluss die Kultur der jungen Bundesrepublik durch Bücher, Filme und natürlich der Musik der Beatles auf ihn nahmen. Seine Reise setzt sich in den beiden ersten Jahrzehnten des neuen Jahrtausends fort und zeigt, dass trotz persönlicher Krisen ein aktives, zufriedenes Leben möglich ist, in dem die Songs der Beatles immer noch eine Rolle spielen.

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Seitenzahl: 86

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Vorwort

Erster Teil

01. Ausgeliefert

02. Feuerbach

03. Das Puppenhaus

04. Rock ‘n Roll im magischen Auge

05. Heute kommt das Christkind

06. Der fremde Onkel

07. Der Duft der großen weiten Welt

08. Die Königin von Saba

09. Mit den Beatles unter der Bettdecke

10. Näherungen

11. Stehblues

12. Freiheit, Liebe und 68 in der Provinz

Zweiter Teil

13. Eigentlich wie immer

14. Liebeswende

15. Frida Kahlo und die Liebe

16. Mit den Beatles unter der Bettdecke – die Fortsetzung

Danksagung

Über den Autor

Vorwort

Nachkriegsjahre prägten meine Kindheit. Ein geringes Familieneinkommen schaffte Distanz zum langsam erblühenden Wirtschaftswunder. Ich empfand damals diese bedrückende Situation als normal, da meine Freunde und Spielkameraden - mitten im Industriegebiet Stuttgart-Feuerbach - nicht erkennbar besser gestellt waren.

Nach der Volksschule sollte ich rasch eine Lehre absolvieren, um möglichst bald mit eigenem Verdienst die Familie zu unterstützen. Gegen den anfänglichen Widerstand der Mutter setzte ich, unterstützt von meiner Schwester, den Besuch der Handelsschule durch. In dieser Zeit begann with the Beatles1 meine innere Ablösung von zu Hause.

Nach der Lehre ein Jahr als Industriekaufmann gearbeitet, dann Abschied von Eltern und Stuttgart. Endlich Aufbruch ins eigene Leben! Auf dem zweiten Bildungsweg an der Fachhochschule (Betriebswirtschaftslehre) und anschließend an der Universität (Psychologie) studiert und abgeschlossen.

Mit den Beatles unter der Bettdecke erzählt im ersten Teil Erinnerungen an Kindheit und Jugend – eine Entwicklung im Schatten des wirtschaftlichen Wachstums der Fünfziger und Sechziger Jahre. Der Blick in die Siebzigerjahre zeigt, wie erwachsen werden als Teil der (später so genannten) 68er-Generation erlebt wurde.

Der zweite Teil beginnt Ende des Jahres 2009: Das Berufsleben beendet, die zweite Ehe gescheitert. Ein anderer und freier Lebensbereich öffnet sich mit Reisen, Schreiben, dem Studium an der Frankfurter Universität des 3. Lebensalters – und später einer wunderbaren neuen Liebe.

In den Erzählungen habe ich biographische Episoden und Fragmente meiner Erinnerungen wie Mosaiksteinchen zusammengefügt, vereinfacht, vermischt und manchmal phantasievoll ergänzt. Nicht alles, was ich zusammentragen kann, wollte ich aufschreiben, sondern meine kindlichen, pubertären und späteren Imaginationen vermitteln.

Nur so kann ich meine erlebte Wahrheit wiedergeben und der Erinnerung ermöglichen, respektierend und versöhnlich auf die Vergangenheit zu blicken.

1 Zweites Album der Beatles, erschienen im November 1963.

Erster Teil

"Wo ist das Kind, das ich gewesen, ist es noch in mir oder fort?"

Pablo Neruda, Buch der Fragen

1. Ausgeliefert

Mir wird der Hintern versohlt. Eingeklemmt zwischen den Knien von Schwester Gisela befindet sich mein Kopf unter ihrem weiten Rock zwischen braunen Nylonstrümpfen, die in einem dunkleren breiten Rand irgendwo am Oberschenkel enden und die Sicht auf zwei Streifen Haut von zweifelhaftem Weiß freigeben. Danach beginnt der rosafarbene Schlüpfer.

Den Grund für die Schläge gibt es in meinem Gedächtnis nicht. Nur das Bild des diffusen Lichts unter dem dicken Stoff des Rocks mit der Welt darunter blieb haften. Und das Gefühl von Ohnmacht und der Wunsch, davon zu laufen. Dies wurde durch die fest um meinen Oberkörper gepressten Knie der Schwester verhindert.

Ich mochte weder Schwester Gisela noch das Kindertagesheim, in das ich jeden Tag gezerrt werden musste. Mein innerer Widerstand begann schon morgens damit, dass ich mich bereits auf dem Weg sträubte, nicht mehr weiter gehen wollte. Er endete in lautem Weinen.

Rita, meine zehn Jahre ältere Schwester, erzählte später, wie belastend es war, mich als vielleicht zweieinhalbjährigen Brüllenden ins Fäßle – so hieß die Kleinkinder-Einrichtung - zu zerren. Zusammen mit ihrer Freundin Hanne musste sie mich auf dem Weg zur Schule im einzigen Kindertagesheim im Stuttgarter Stadtteil Feuerbach abgeben.

Zu Beginn der Fünfzigerjahre war es nicht üblich, ein Kleinkind in eine ganztägige Betreuungseinrichtung zu geben. Erst mit drei Jahren ging das Kind vormittags und nachmittags in den Kindergarten. Es musste allerdings 'sauber' sein und über Mittag nach Hause gehen.

Aus welchen Gründen ich ins Fäßle gehen musste, weiß Rita nicht mehr. Sie vermutet, dass mein Vater zu diesem Zeitpunkt die Familie vorübergehend verlassen hatte und meine Mutter gezwungen war zu arbeiten.

Nach der Währungsreform hatte mein Vater ein Lebensmittelgeschäft eröffnet, das nicht den erhofften Umsatz erzielte und auf Dauer immer mehr Verluste einbrachte. Als er sich wegen seines betrügerischen Konkurses verantworten sollte, verabschiedete er sich für mehrere Monate und keiner wusste, wohin er verschwunden war. Wieso er mich eines Tages frühmorgens an der Hand nahm, weiß ich nicht. Offenbar war er zu diesem Zeitpunkt wieder zu uns zurückgekehrt und wartete auf seinen Prozesstermin.

Er versucht, meinen schreienden Widerstand gegen das Fäßle zu beruhigen: "Ich bringe dich zur Oma – und nicht ins Kinderheim!"

Die Oma wohnt einige Straßen vor dem gefürchteten Kindertagesheim. Ich weiß genau, an welcher Stelle wir zur Oma abbiegen müssen. Jetzt, kurz bevor wir nach links einbiegen müssen, lässt mein Vater plötzlich meine Hand los und klemmt mich mit einer schnellen Bewegung fest unter seinen Arm. Er läuft immer schneller. Ich schreie, zapple und weiß, er eilt zum Fäßle. Dort liefert er mich Schwester Gisela aus. Weinend sehe ich seinen Rücken aus der Türe gehen.

Die anderen Kinder umringen mich, singen mit der Schwester: "Ach du dummes Peterle, was bist du doch so dumm …"

Ich versuche mit zu singen. Alle lachen.

Neben der Melodie und dem Gefühl, verspottet worden zu sein, blieb mir nur diese eine Zeile im Gedächtnis haften. Gab es dieses Lied in irgendeinem Liederbuch damals? Oder wurde es vom Geist der schwarzen Pädagogik komponiert?

Als vierzehn oder fünfzehn Jahre alter Jugendlicher las ich erstaunt in der Blechtrommel von Günter Grass, dass der Aufenthalt unter einem Frauenrock auch angenehme Seiten haben kann.

Ich kannte nur meine frühen Erfahrungen. Und die hatten mit Angst, Scham, Zwang und Aggression zu tun: wahrscheinlich Wurzeln, aus denen später meine gewaltfreien Überzeugungen und kirchenkritischen Einstellungen wuchsen.

2. Feuerbach

"Heimat ist kein Ort, es ist unsere Erinnerung."

Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten

Schräg gegenüber, oben hinter den Fenstern, wohnt Lissy. Mein Blick aus unserem Schlafzimmerfenster im Dach des wuchtigsten Mietshauses der Magirusstraße: Tief unten Gehweg und Straße. Auf dem Trottoir sind Menschen unterwegs.

Die Häuser gegenüber sind kleiner, nur ein Stockwerk, bis auf das höhere Haus, in dem Lissy wohnt, die ein Jahr jünger ist als ich. Manchmal schauen wir beide aus den Fenstern und uns an.

Dahinter beginnen die Fabriken mit den hohen Kaminen. Lack-Lechler, Farben-Siegle, Schober, Steinebronn, Haushahn, in einiger Entfernung die Hallen von Bosch. Nie wurde ein Foto des industriellen Panoramas aus dem Schlafzimmerfenster gemacht. Das sahen wir immer, das war es nicht wert festgehalten zu werden. Gäbe es dieses Foto, würde auffallen, dass etwas Wichtiges fehlt – der intensive Geruch, der schwarz den Schornsteinen entstieg und fettige Rußflocken auf unsere Simse schneien ließ. Ich nahm diesen nie als Gestank wahr, vielleicht hatte sich mein Geruchssinn früh daran gewöhnt.

In den vereinzelten Vorgärten gab es wenige Bäume, vor allem verstaubte Hecken. Die einzige größere grüne Fläche war – zwischen Fabrikgebäuden - eine umzäunte Wiese mit zwei aus rohen Holzlatten gezimmerten Toren, auf der die Arbeiter der umliegenden Firmen in der Pause Fußball spielten. Die Tür im Zaun war nie abgeschlossen, so dass wir Straßenkinder nachmittags diesen Platz einnehmen konnten.

Ich komme aus dem Kindergarten, bin auf dem Heimweg mit meiner umgehängten Kindergartentasche, die beim Laufen oder Hüpfen in Bauchnabelhöhe an meinen Körper stößt. Den zwanzigminütigen Weg gehe ich allein, manchmal zusammen mit Kindern aus der Nachbarschaft.

Vor dem Bahnhof biege ich rechts ab in die dunkle Unterführung, in der es plötzlich dröhnt, wenn oben ein Zug darüber braust. Nun kommt die Straße und ich weiß, dass ich beim Überqueren aufpassen muss. Hier rasen immer viele Autos. Diese Straße verbindet Feuerbach mit dem Zentrum von Stuttgart. Entlang der Gleise führt sie zum Hauptbahnhof mit dem riesigen blauen Mercedesstern auf dem Flachdach. Oft rollen Jeeps mit amerikanischen Soldaten vorbei, das Motorengeräusch ist bereits von weitem zu hören. Sitzen schwarze GI's drin, hebe ich winkend die Hand und schreie "Hälloo" – die Uniformierten winken zurück, grinsend, Kaugummi kauend.

Auf der anderen Straßenseite beginnt eine lange, schnurgerade Straße. Sie führt an dunkelbraunen Bretterzäunen und bröselig verputzten Mauern entlang, welche Fabrikgebäude, Werkshallen und Arbeiter einschließen.

Durch die links und rechts liegenden Einfahrten, vorbei an den Pförtnerhäuschen und Fabriktoren, kann ich einen Blick auf die verborgenen Gebäude, Fahrzeuge und Menschen werfen. Rechts das kastenförmige schmutziggraue Gebäude von Leitz, links streckt sich das Gelände von Bosch mit seinen Hallen. Eine Firma nach der anderen. Dazwischen eingebettet zwei Wohnhäuser; in dem einen wohnt Hanne, die Freundin meiner Schwester.

Kurz bevor ich rechts in meine Straße abbiege, führt eine breite Einfahrt in ein dicht bebautes Firmengelände. Im Vorbeigehen kann ich durch die offen stehende Tür eines kleinen Gebäudes blicken. Dort sitzt in einem winzigen quadratischen Raum der Pförtner. Er ist älter, unterhält sich immer mit meinem Vater, wenn dieser dort vorbei geht - und mich kennt er auch.

"Na, Peterle, hast du schon Feierabend?", fragt er lächelnd.

Ich nicke und warte, dass er sagt: "Komm', ich schau mal, ob ich ein Bonbon für dich dabei hab'."

Er bückt sich nach seiner Aktentasche, greift hinein, hält ein eingewickeltes Bonbon hoch. Ich gehe die zwei, drei Treppen zu seinem Zimmerchen hoch, nehme das Bonbon, sage "danke" und setze meinen Heimweg fort.

"Grüß deinen Vater!", ruft er mir hinterher.

Zehn Jahre später, mit 14 Jahren, werde ich dort, bei der Firma Lack-Lechler, zum ersten Mal als Schüler in den großen Ferien vier Wochen arbeiten. Und stolz sein, zwei Mark zehn die Stunde zu verdienen.

Der nette ältere Pförtner sitzt noch immer in seinem Räumchen. Wenn ich abends neben seiner Tür meine Zeitkarte aus der an der Wand hängenden Kiste suche und in den Stempelautomaten schiebe, lächelt er und sagt: "Na, Peter, hast Du schon Feierabend?"

3. Das Puppenhaus

Reinhilde zog irgendwann in die Magirusstraße ein und wohnte mit ihren Eltern ein Stockwerk tiefer. Sie war ein oder zwei Jahre jünger als ich. Beide gingen wir damals noch nicht zur Schule. Obwohl ihre Mutter viel jünger als meine war, freundeten sich die beiden Frauen schnell an.