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Für Arno Del Curto war schon früh klar, dass er eines Tages Eishockeyprofi werden wollte. Aus dem Traum wurde ein Albtraum, als er seine Spielerkarriere – nach einem Bruch des Fussgelenks – bereits mit 21 Jahren jäh beenden musste. Aber schon in diesem jungen Alter wusste Arno, dass jede Krise ihre Chance birgt. Er packte sie und wurde zum erfolgreichsten Schweizer Eishockeytrainer aller Zeiten. In seiner Biografie lässt Arno Del Curto sein Leben Revue passieren, und es wird schnell klar, dass es so ähnlich verlief wie das durch ihn propagierte Hockeyspiel: risikobereit, dynamisch, sehr oft auch positiv dramatisch. Er erinnert sich an die spektakulärsten Siege und Niederlagen des HC Davos, rekapituliert die wichtigsten Veränderungen des Eissports im Wandel der Zeit, erklärt seine Rolle als Motivator und Leader innerhalb der Mannschaft – und er liefert neue und interessante Gründe, die seinen überraschenden Rücktritt im Jahr 2018 erklären. Vor allem aber gewährt er vertiefte Einblicke in seine facettenreiche Persönlichkeit. Ein Unzähmbarer, der seinen Werten immer treu geblieben und auch in bewegten Zeiten keinen Millimeter von seinen Prinzipien abgewichen ist. Arno Del Curto ist nicht nur ein Optimist, er ist auch ein Macher. Und ein Kämpfer. Einer, der sein Lebensmotto – »Auch wenn es manchmal grundlos eins auf die Schnauze gibt, das Leben geht trotzdem weiter« – nie aus den Augen verloren hat.
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Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2021
Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© Wörterseh, Lachen
Wörterseh-Bestseller als Taschenbuch 1. Auflage 2022
Die Originalausgabe erschien 2021 als Hardcover mit Schutzumschlag
Lektorat: Andrea LeutholdKorrektorat: Lydia ZellerUmschlaggestaltung: Thomas JarzinaFoto Umschlag vorn: Playoff-Final in Davos am 27. März 2007, erstes Spiel, HC Davos – SC Bern 3 : 2, © Blick SportFotos Bildteil: Familienbilder Privatarchiv, sonstige Fotos © Blick SportBildbearbeitung: Michael C. ThummLayout, Satz und herstellerische Betreuung: Beate Simson
Wer meint, etwas erreicht zu haben, hört auf, jemand zu werden
Für alle Fans
Über das Buch
Über die Autoren
Vorwort
No Excuses
Der Schluss zuerst
Zurück nach Zürich
Ansprüche hinterfragen
Rückblick
Energieverlust vs. Siegerwillen
Kindheit und erste Prägungen
Eis, Schnee und die Achtundsechziger
Flegelalter
Feuer und Eis
Neben der Lehre nur eins!
Ab ins Unterland
Lebensschule in Nigeria
Schicksalsschläge
Elegant und schnell
Leadership à la Alpo
Freundschaft
Mit Telefonmarketing zum Schuldenberg
Als Nonkonformist in Herisau
Perestroika und Elchbraten
Andere Sitten …
… andere Bräuche
An den Besten messen
Wieder in Zürich
Immer überall
David gegen Goliath
Lieber spät als nie
Unterwegs mit der Nati
Vertrauen und Ehrlichkeit
Niemals aufgeben
Familie
Fixes Einkommen beim SC Luzern
Engadiner im Landwassertal
Das Beste von allen Nationen – der »Arno-Mix«
Blau-gelbe Blutkörperchen
Handgreiflichkeiten und Wortgefechte
Coaching
Alte Bekannte und neue Spieler
Standpauke und Scheisslaune
Sinfonie aus Lauf- und Passwegen
Vertrauen schaffen
Eine besondere Erfahrung
Wild!
Personal der speziellen Art
Internationale Superstars
Spezielle Freundschaften
Dem Objekt auf die Pelle rücken
Straucheln und wieder aufstehen
Floaten
Rohe Diamanten
Nachwuchsförderung
Nachwuchsbegleitung
Persönlichkeitsentwicklung
Alte und neue Autoritäten
Herzschlag
Ernsthafte Verlockungen
Ochsentour
Auszeichnungen und Verpflichtungen
Der Lauf der Dinge
Finanzielle Balance
Ermüdungserscheinungen
Kadererneuerung
Am Skilift
Millennials
Es war schön
Neue Projekte
Mehr als ein Sportbuch
Timeline
Glossar
Quellen und verwendete Websites
In seiner Biografie lässt Arno Del Curto sein Leben Revue passieren, und es wird schnell klar, dass es so ähnlich verlief wie das durch ihn propagierte Hockeyspiel: risikobereit, dynamisch, sehr oft auch positiv dramatisch. Er erinnert sich an die spektakulärsten Siege und Niederlagen des HC Davos, rekapituliert die wichtigsten Veränderungen des Eissports im Wandel der Zeit, erklärt seine Rolle als Motivator und Leader innerhalb der Mannschaft – und er liefert neue und interessante Gründe, die seinen überraschenden Rücktritt im Jahr 2018 erklären. Vor allem aber gewährt er vertiefte Einblicke in seine facettenreiche Persönlichkeit. Ein Unzähmbarer, der seinen Werten immer treu geblieben und auch in bewegten Zeiten keinen Millimeter von seinen Prinzipien abgewichen ist. Arno Del Curto ist nicht nur ein Optimist, er ist auch ein Macher. Und ein Kämpfer. Einer, der sein Lebensmotto – »Auch wenn es manchmal grundlos eins auf die Schnauze gibt, das Leben geht trotzdem weiter« – nie aus den Augen verloren hat.
© ESE Agency
Arno Del Curto wurde 1956 in St. Moritz geboren, wo er auch aufgewachsen ist. Für ihn war schon früh klar, dass er eines Tages Eishockeyprofi werden wollte. Aus dem Traum wurde ein Albtraum, als er seine Spielerkarriere – nach einem Bruch des Fussgelenks – bereits mit 21 Jahren jäh beenden musste. Aber schon in diesem jungen Alter wusste Arno, dass jede Krise ihre Chance birgt. Er packte sie und wurde zum erfolgreichsten Schweizer Eishockeytrainer aller Zeiten. Von 1996 bis 2018 trainierte er den HC Davos. Er führte sein Team sechsmal zum Meistertitel, wurde dreimal mit ihm Vizemeister und gewann obendrein fünfmal den Spengler-Cup. Die Attribute, mit denen man den umtriebigen Macher beschreibt, reichen von »wahrer Individualist« über »schräger Vogel« bis hin zu »widerspenstiger Rockstar«. Nachdem er seine Trainerkarriere beendet hatte, wandte er sich anderen Herausforderungen zu. Die neuste: Zusammen mit Marcel Niederer, einem der wichtigsten Sportförderer in der Schweiz, baut er das im Dezember 2016 abgebrannte Posthotel in Arosa wieder auf. Arno Del Curto hat zwei erwachsene Kinder und lebt mit seiner Partnerin in Lotzwil im Oberaargau.
© Samuel Mizrachi
Franziska K. Müller ist Autorin und Ghostwriterin. Für Wörterseh hat sie bereits zehn Bücher geschrieben, von denen »Wanna Waki«, »Leben!«, »Platzspitzbaby« und »Für immer« auf Platz 1 der Schweizer Bestsellerliste standen. Zudem diente »Platzspitzbaby« als Inspiration für den überaus erfolgreichen, gleichnamigen Kinofilm. Die Biografie von Arno Del Curto zu schreiben, war für das vormalige Eishockey-Greenhorn eine besondere Herausforderung. »Doch«, so sagt sie, »nach einigen Overtimes brachten wir den Puck schliesslich offensiv und zielgenau ins Tor.« Für Menschen, die ihre Lebensgeschichten schriftlich festhalten oder ein erzählendes Sachbuch mit spezifischen Themenschwerpunkten realisieren möchten, hat Franziska K. Müller das Angebot privatbiografie.ch geschaffen. Sie lebt und arbeitet in Zürich und Wien.
Der Beginn mit Arno war nicht einfach. Kennen gelernt haben wir uns 1999 bei einem Ausflug der ersten Mannschaft des HC Davos nach St. Moritz. Ich durfte als Mitglied der Supporter-Vereinigung »HCD Club ’89« teilnehmen. Das Team war damals sehr jung. Wir führten gute Gespräche, aber wirklich nahbar war Arno damals nicht. Vor allem musste man sich mit Kommentaren zum Hockey-Geschehen zurückhalten, sonst gab es schlecht gelaunte Rückfragen, oder es folgten eher belehrende und ausführliche Kommentare. Einen Einfluss auf die Mannschaft und den Spielbetrieb verbat er sich, und diese Haltung prägte auch seine Jahre in Davos – ebenso, wie seine Spieler und seine Mannschaft die höchste Priorität genossen. Wie ein Cerberus wachte er über allem. War das eine Erfolgskomponente für die sechs Meistertitel, die nun folgen sollten?
Später konnte ich Arno für Referate bei Firmen gewinnen, in denen ich tätig war. Seine Auftritte waren ein grosser Erfolg, obwohl er nicht besonders gut vorbereitet auftrat. Mit seiner ansteckenden Energie, seiner direkten Sprache und seiner sprühenden Begeisterung fürs Eishockey wickelte er die Zuhörer blitzschnell um den Finger und liess sie eine Stunde lang in seine Welt blicken. Näher kamen wir uns noch später. Bis wir Arno überzeugen konnten, dass unser Wirken in der Taskforce und später im Verwaltungsrat dem HCD weiterhalf, damit wir Themen wie Teamzusammensetzung, Spielsystem oder Trainingsgestaltung auch nur ansprechen durften, benötigte es Zeit. Seine Rolle als Cerberus – in der griechischen Mythologie der wachende Höllenhund – gab Arno nie auf, und schliesslich wurde uns klar: Arno war der HC Davos! Eine Identitätsfigur, der »rocking star« mit seinem wilden Team, dessen Qualitäten er mit mutigen und kreativen Aktionen zu fördern wusste. Auf dieser Basis konzipierten wir unsere Rettungsaufrufe, die ersten Marketingkonzepte und unseren Auftritt fürs Publikum, für die Fans, Sponsoren und Mäzene und hatten damit Erfolg – nicht nur sportlich. Das war enorm wichtig, denn der HCD begann damals, die Vermarktung seiner Halle und den Spengler-Cup in die eigenen Hände zu nehmen. Wir Verwaltungsräte waren, salopp ausgedrückt, die Diener der Organisation, die von Arno und seinem Team repräsentiert wurde. Um unsere Rolle scherte sich niemand, solange alles in geordneten Bahnen verlief. Für uns war dies kein Problem, da Arno unzählige freundschaftliche Kontakte mit Fans pflegte und selbst das grösste gelb-blaue Herz von allen besass.
Arno hat einen dominanten Auftritt, ohne andere dominieren zu wollen. Sein Intellekt gönnt ihm wenig Ruhepausen. Sein Wille ist enorm. Ich habe mich oft gefragt, wo seine Antriebsfeder sitzt und aus welchen Quellen sie sich nährt. Für mich ist er auch eine tiefgründige Persönlichkeit, immer hinterfragend und rastlos seinem Ziel entgegenstrebend. Wer die Gelegenheit hatte, lange und eng mit ihm zusammenzuarbeiten, und viele kontroverse Gespräche führte, konnte sich sein Vertrauen erarbeiten und sich ihm annähern. So lernte ich auch den feinfühligen, aufopfernden und reflektierenden Arno Del Curto kennen. Und erst in unserer gemeinsamen Spätphase beim HC Davos spürte ich, was für eine empfindsame, mitfühlende und treue Persönlichkeit er ist.
Wir haben im Verwaltungsrat des HCD fünfzehn Jahre lang mit Arno zusammenarbeiten dürfen und feierten gemeinsam fünf Meistertitel. Die grosse Party stieg meist ohne ihn. Sportliche Triumphe zu geniessen, war seine Sache nicht. Für ihn blieben die Erfolge vor allem die Verdienste der Spieler und seiner Staff. Er genoss die Meisterehren für sich allein und feilte weiter am grossen Traum, quasi eine Beethoven-Sinfonie auf das Eis zu zaubern. Er suchte sein perfektes Eishockey, und diesem Ziel ordnete er als Headcoach HCD alles unter.
Um das Phänomen Arno Del Curto zu erfassen, muss man ihn gut kennen oder dieses Buch lesen. Wir haben zusammen eine lange sportliche Hochphase seines Wirkens beim HC Davos durchleben dürfen und mussten Ende 2018 leider seinen Abgang hinnehmen. Spitzensport kann unerbittlich sein. Wenn zwischenmenschliche Beziehungen nach vielen Hochs auch ein Tief überleben, dann überdauert auch die Freundschaft. Arno ist und bleibt ein Freund, und die HCD-Familie bleibt ihm immer verbunden.
Roberto Lombardini, Vizepräsident HC Davos
»Kein Blabla, kein Bullshit. Aus Fehlern lernen. Das habe ich immer gefordert und auch versucht zu leben.«
Alles ist eine Frage der Relation, und Freiheit ist das Beste und Wichtigste, was es gibt, denn sie hat nichts mit Geld und Status zu tun. Heute mache ich, was ich will: Projekte und Pläne aushecken. Zu Hause sein. Überall sein. Nichts tun. Alles tun. Ich laufe täglich durch den Wald und die Natur. Kann laut und unvernünftig sein, ohne befürchten zu müssen, dass es am nächsten Tag in der Zeitung steht.
Die einfachen Dinge des Lebens entdecke ich wieder, weil sie mir gefallen und entsprechen. Ich brauche weder einen Porsche noch eine Rolex für mein Wohlbefinden, und wenn ich etwas koche, ist es meist Fleischkäse mit einem Spiegelei obendrauf.
Und egal, bei welchem Wetter, egal, zu welcher Jahreszeit, schwimme ich in der Aare. Nebelschwaden und Eiskristalle: Gestern betrug die Wassertemperatur fünf Grad, und als ich den Kopf kurz untertauchte, explodierte der Grind beinahe. Später stand ich in der Trainerhose am Ufer und empfand den eisigen Wind nur noch als angenehme Brise. Wunderbar.
In Davos verbrachte ich atemberaubende Jahre. Es war eine fantastische Zeit. Spass ohne Ende. Emotionen. Leidenschaft. Kein Bullshit-Zeugs. Wenig Blabla. Wir feierten grossartige Erfolge, mussten Rückschläge hinnehmen, kämpften weiter, gaben niemals auf. Es war alles dabei, was zum Leben gehört. Die Menschen, die Fans, das Publikum: Es war der geilste Job der Welt. Alles hat ein Ende, das ist der Lauf der Dinge, und doch war mein Rücktritt für viele eine Überraschung. Für mich nicht. Er kündigte sich an. Ich zog es zu lange durch. Für mich selbst, für die Mannschaft, die Fans, den Klub. Nach vielen Jahrzehnten auf der Überholspur war ich gesundheitlich angeschlagen, was ich damals aber nicht erkannte. Sonst hätte ich alles, was zu diesem Zeitpunkt nicht gut lief, frühzeitig thematisiert, korrigiert, das Ruder herumgerissen. Keine halben Sachen. Aus Fehlern lernen. Ohne Jammern sein Ding durchziehen, wieder Oberwasser gewinnen, durchstarten. So funktionierte ich immer, riss die Mannschaft und mich mit, motivierte uns zu Topleistungen. Doch meine damalige Energiekrise folgte eigenen Regeln, und anstatt darauf zu beharren, was ich bereits Monate zuvor für richtig gehalten und auch geäussert hatte, nämlich abzutreten und das Zepter zu übergeben, liess ich mich überreden, weiterzumachen. Die Aufgaben. Die Verantwortung. Natürlich analysierte ich mein Verhalten in der Zwischenzeit kritisch und weiss, dass ich mich durch viele Verpflichtungen absorbieren liess, den idealen Zeitpunkt für den Rücktritt verpasste.
Keine Laufbahn existiert ohne Rückschläge. Gerät man in unruhige Gewässer, benötigt man persönliche Stärke – aber auch Unterstützung durch das professionelle Umfeld. Wir verloren Zeit, es wurde versäumt, nach konstruktiven Lösungen zu suchen, damit die Saison erfolgreich hätte beendet werden können, die Übergabe geordnet verlaufen wäre. Wie auch immer: Der HC Davos schlitterte aus verschiedenen Gründen in eine temporäre Krise, die letzten zwölf Spiele wurden zu einem Desaster, wir liefen Gefahr, die Playoffs zu verpassen. Klar, wir standen zu diesem Zeitpunkt schlecht da, das änderte allerdings nichts an der grundsätzlichen Positionierung als Spitzenklub, und ähnliche Situationen hatte es auch in der Vergangenheit gegeben. Obwohl wir am Sonntag gegen die ZSC Lions als Sieger vom Eis gingen und damit die Aufwärtstendenz in den Auswärtsspielen im Hallenstadion mit einem 5 : 1 bestätigten, wusste ich zu diesem Zeitpunkt bereits mit Sicherheit, dass beendet werden musste, was nicht mehr gut war. Bei einem Meeting in Zürich am selben Abend besprach ich mit den Verantwortlichen die Situation und teilte ihnen meine Entscheidung mit. In der nächsten Nacht kontaktierte mich Heinz Saner, einer der Verwaltungsräte, und liess mich wissen, er sorge dafür, dass allfällige Widersacher unschädlich gemacht würden, wenn ich nur bliebe. Es war zu spät. Ich wollte nichts mehr verhindern. Seit dem Sommer war viel geschehen, und nach zweiundzwanzig Jahren Vollgasgeben fühlte ich mich legitimiert, den Stabwechsel definitiv zu vollziehen.
Am 27. November 2018 stand ich zum letzten Mal im Stadion, blickte in die leeren Ränge der Ostkurve, sah vor meinem geistigen Auge tausende von Fans. Zweiundzwanzig Jahre lang, vor allem aber in den vergangenen Monaten hatten sie mir gezeigt, was Stil und Anstand bedeuten. Das Ende sollte ohne Drama über die Bühne gehen. Ohne Lobhudelei, und auf eine pompöse Verabschiedung im Stadion legte und lege ich bis zum heutigen Tag keinen Wert. Ich trat vor die Mannschaft, schüttelte jedem kurz die Hand, sprach ein paar wenige Sätze, verwies auf Werte, die immer wichtig bleiben würden. Einige Spieler reagierten auf meinen Rücktritt überrascht. Von anderen wusste ich, dass sie in den vergangenen Wochen und Monaten opponiert und zur sportlichen Krise beigetragen hatten. Doch davon später.
Mein Büro war schnell geräumt. Mit dem fast leeren Karton unter dem Arm blickte ich ein letztes Mal in jenen Raum, in dem ich einen Teil meines Lebens verbracht hatte, und schloss die Tür hinter mir. Als ich auf den Parkplatz lief, war ich erleichtert, fühlte mich befreit, und gleichzeitig sind mit diesen letzten Stunden Schmerz und Enttäuschung verbunden. Ich stieg ins Auto, fuhr die kurze Strecke nach Hause, vorbei am Stadion, dem »Zuhause« des HCD, das so eng mit dessen Geschichte verbunden ist. Die Sanierung war bereits in vollem Gang. Die Neuordnung der Tribünen, das in der Wintersonne glänzende Dach, die verglasten Fassaden der Nordseite: Rechtzeitig auf das Hundert-Jahre-Jubiläum des HCD 2021 würde ein modernisiertes Schmuckstück dastehen, das auch den Gönnern zu verdanken ist, wie ich wusste. Die Unterstützung der Sponsoren sorgte auch dafür, dass Topspieler nach den Meistertiteln gehalten sowie junge »Rohdiamanten« verpflichtet werden konnten – aber auch der Hauptsitz des HC Davos mit Spielerunterkünften wurde durch Spenden ermöglicht, ebenso wie unzählige andere Projekte, die der Mannschaft und dem Klub zugutekamen. Die Pflege der Beziehungen zu jenen Menschen, die dem Klub in den vergangenen Jahren Millionen von Franken gespendet hatten, war eine meiner wichtigsten Aufgaben gewesen, die ich als Notwendigkeit, vor allem aber auch als Herzensangelegenheit bezeichnen möchte. Ich wusste: Wenn ich weg bin, werden diese Quellen glücklicherweise weiter sprudeln.
Um den Klub machte ich mir keinen Moment lang Sorgen. Der Schweizer Rekordmeister würde wie Phönix aus der Asche auferstehen und an die glorreichen Zeiten mit sechs Meistertiteln in meinen Jahren anknüpfen können, so war ich überzeugt. Der HCD ist und bleibt eine der besten Adressen im europäischen Eishockey. Den Siegerwillen, das wusste ich ebenfalls, würde die Mannschaft mit meinem Weggang nicht verlieren, denn das entsprechende Denken und Handeln hatte ich nachhaltig vermittelt und verankert, ebenso wie die hohe Intensität, mit der die Spieler auf dem Eis agieren.
Seit meinem Rücktritt beim HCD hatte ich mir keine Spiele mehr angesehen; das ergab sich einfach so, wohl auch weil mich andere Aufgaben und Herausforderungen begeisterten. Doch Ende 2020 wollte ich die Junioren-Weltmeisterschaft verfolgen, denn ich war neugierig, ob sich meine Vorahnung bestätigen würde, die mich bereits gegen das Ende meiner Aktivzeit beschlichen hatte, und tatsächlich: Die Schweiz muss aufpassen, dass sie in der Ausbildung nicht weiter an Terrain verliert. Nach dieser Erkenntnis wollte ich zu Beginn der NHL-Saison auch Joe Thornton wieder einmal spielen sehen, kaufte mir eine entsprechende App und verfolgte die Spiele live in der Nacht. Joe hatte genug Eiszeit, Toronto spielte gegen Montreal recht gut, flog aber in der ersten Runde raus. Weil ich die App hatte, schaute ich auch noch das Spiel Colorado Avalanche gegen Las Vegas. Die Vegas Golden Knights bekamen 7 : 1 auf die Kappe, kämpften aber wie die Löwen – ein vollgeiler Match. Die alte Begeisterung erfasste mich, und fortan verfolgte ich wieder alle NHL-Playoff-Spiele, die meine Meinung bestätigten: Eine gewisse Leidensfähigkeit ist eine Voraussetzung, um hochstehendes Eishockey zu spielen. Doch davon später.
Nach meinem Rücktritt setzte ich mich zu Hause auf den Balkon, blickte in die winterliche Natur und tat nichts. In den folgenden Tagen las ich SMS und Mails, die mich aus aller Welt erreichten. Bob Hartley meldete sich aus dem tiefen Russland. Der kanadische Toptrainer und mit den Colorado Avalanche Stanley-Cup-Gewinner sprach nur wenige Sätze. »Zweiundzwanzig Jahre. Unglaublich. Wahnsinnig. Das schafft sonst keiner. Gratulation!« Ich gab nur wenige kurze Medienstatements ab. Personenkult hasse ich, und vielleicht ist es diese bereits früh gezeigte Abneigung, die mich in der Öffentlichkeit zu einem seltenen Gesprächspartner machte, der allerdings nie ein Blatt vor den Mund nahm, sagte, was er dachte. Kurz nach meinem Rücktritt wollte ich mich zum Gewesenen nicht äussern, fühlte mich müde und kaputt. Ich genoss die Ruhe und das erste freie Wochenende seit langer Zeit. Der Umstand, dass sich mein Leben auf der Überholspur mit vielen Verpflichtungen und einem vollen Pensum von einem Tag auf den anderen komplett verändert hatte, bereitete mir auch in den folgenden Wochen keine Probleme. Das Thema Eishockey – so glaubte ich zumindest zu diesem Zeitpunkt – war abgeschlossen. Jemals wieder auf dem Eis zu stehen, ein Spiel zu verfolgen oder gar eine Mannschaft zu trainieren, schien unvorstellbar. Dachte ich an meine bisherigen Arbeitstage zurück, ergriff mich – auf dem Liegestuhl in der Wintersonne liegend – bereits Erstaunen, dass ich es überhaupt so lange durchgezogen hatte.
Nach ersten Telefonaten und Meetings war ich jeweils im Lauf des Morgens ins Büro gelangt und führte Einzelgespräche mit den Spielern. Danach standen diverse Trainings, gefolgt von weiteren Meetings und der Organisation von Spielerverträgen, auf dem Programm. Im letzten Jahr fuhr ich am Abend oft ins Unterland. Als Trainer, »Sportchef«, vor allem aber als Botschafter des Klubs nahm ich viele Aufgaben wahr, um die sich intern niemand riss, und oft wollten die Menschen einfach mich sehen und mit mir sprechen. In diesem Rahmen agierte ich frei und eigenständig, alles andere wäre unvorstellbar gewesen. Und natürlich sprach ich Entscheidungen mit dem Präsidenten ab, die im ersten Moment vielleicht nicht unbedingt Sinn machten, sich im Nachhinein aber oft als richtig erwiesen.
Spätnachts kehrte ich dann nach Davos zurück, Mitternacht war längst vorbei, und nach ein paar Stunden Schlaf erwachte ich erfrischt, aufgetankt, voller Energie und Drive gut gelaunt und in Vorfreude auf den neuen Tag. So verflogen die Tage und Nächte, und an den Wochenenden fanden die Spiele statt. Meine Energie war schon immer schier unerschöpflich gewesen. Sie war selbstverständlich für mich. Wenn andere längst am Boden lagen, fühlte ich mich noch immer zu allen Schandtaten bereit. Ich gebe Vollgas, bin ein Macher, liebe es, blitzschnell zu denken und zu handeln, verschiedene Aufgaben miteinander zu verbinden, Probleme zu lösen. Das alles entspricht mir einerseits persönlich, gehörte aber auch zu meinen Aufgaben beim HCD. Was andere als anstrengend, zu intensiv, als wahnsinnig qualifizierten, war für mich ein fantastischer und obergeiler Zustand, in dem ich mich optimal entfalten konnte.
Wer über zwanzig Jahre auf der Überholspur rast, immer topfit und endlos glücklich ist, verliert möglicherweise das Gefühl für die eigenen Limiten. Heute weiss ich: Bereits 2015 zeigten sich leichte Abnutzungserscheinungen. Die hundertfachen Carfahrten an die Spiele, die immer gleichen Schiedsrichter und Journalisten sowie tausend Routinen, die ich in- und auswendig kannte, begannen mich zu ermüden. Nach dem letzten Meistertitel unter meiner Fuchtel dachte ich kurz daran, abzutreten. Sich auf dem Gipfel des Erfolgs zu verabschieden, fällt auch anderen schwer. Doch ich ahnte bereits zu diesem Zeitpunkt: Würde ich nur einen Millimeter von meinem hohen Energielevel abweichen, ginge es bergab, und gleichzeitig spürte ich – es war eine Eingebung, nicht einmal ein zu Ende gebrachter Gedanke, ein Gefühl, das sofort wieder verflog –, dass diese ungezügelte Kraft, dieses Geschenk des Himmels eines Tages schwinden würde, denn unterdessen war ich fast sechzig Jahre alt. Viel später erinnerte ich mich an diese Episode: Ich begleitete einen Freund, der mit einer Energiekrise kämpfte, zu einer Untersuchung. Der Arzt blickte mich ernst an, sagte, er wisse, wer ich sei, und auch, dass ich mit überbordendem Enthusiasmus durchs Leben eile. Seine Worte, die mich damals erstaunten, lauteten: »Auch Sie kann es jederzeit treffen.«
Der Müdigkeit, die sich als leichter Verdruss geäussert hatte, stellte ich mich erfolgreich entgegen, und was folgte, war die allerbeste Saison ever. Fantastisch. Bei der erstmaligen Teilnahme an der Champions Hockey League in der Saison 2015/16 gelang es dem HCD, auf den internationalen Eisbahnen Spuren zu hinterlassen, wie die Zeitungen schrieben. Nach dem Gruppensieg eliminierte die junge Mannschaft Teams aus grossen Hockeynationen und verlor nur drei von zwölf Partien gegen Spitzenteams aus Tschechien, Finnland und Schweden. Leistungsmässig standen wir näher am Final, als es das 1 : 6-Halbfinal-Gesamtscore vermuten liess, und auch nach dem Ausscheiden durften wir uns nun nach Ansicht mancher Fachjournalisten zu den besten Mannschaften ausserhalb der National Hockey League (NHL) zählen. Glücklich, diese obergeile Zeit erlebt zu haben, machte ich weiter.
In diesem Sinn hatte ich es immer wieder geschafft, Talsohlen zu durchschreiten, persönlich, vor allem aber zusammen mit einer Mannschaft, die motiviert, aufgebaut und geführt werden wollte. Ich war der Fels in der Brandung, jene Vertrauensperson, die dem Einzelnen und der Gruppe in schwierigen Zeiten Kampfgeist und Selbstvertrauen vermitteln konnte – eine Aufgabe, die ich liebte. Und dank einem erweiterten Trainingsumfang zur richtigen Zeit rissen wir das Ruder oft genug herum, sprengten die Grenzen, wuchsen über uns selbst hinaus. Das Vermögen, in einer schlechten Phase Energie und Kraft zu mobilisieren, erfordert gute körperliche Voraussetzungen, vor allem aber charakterliche und mentale Stärke. Nicht nur den anderen, auch mir selbst forderte ich alles ab. Das entspricht meiner Persönlichkeit und meiner damaligen Überzeugung, dass sich jedes Down mit Disziplin und Arbeitswillen überwinden lässt.
Zwei Monate nach meinem Rücktritt beim HCD glaubte ich, mich erholt zu haben. Trotzdem hoffte ich darauf, dass ein bestimmtes Telefonat nicht stattfinden würde. Mit den ZSC Lions, aber auch mit der Stadt an der Limmat verbanden mich zwar beste Erinnerungen. Nicht nur auf dem Eis. Im Niederdorf und in der Altstadt verbrachte ich als junger Mann einen Grossteil meiner Freizeit, und später, in den Jahren beim HCD, hielt ich mich mehrmals pro Woche im Rahmen der Sponsorenpflege in der Metropole auf, die in der Zwischenzeit zu einer zweiten Heimat geworden war. Aber irgendwie fürchtete ich den Anruf. Doch es kam, wie es kommen musste: Mein Handy klingelte, und wenig später hatte ich den Vertrag bei den ZSC Lions unterschrieben. Der Präsident, Walter Frey, ein hervorragender Mann, liess mich wissen: »Das war eine schwere Entscheidung für uns – und es ist eine schwere Entscheidung für Sie.«
Er hatte recht, und als einer, der in seinem Leben wenig bereut, bereue ich diesen Entschluss, denn der ZSC und die Fans hätten einen Del Curto in Bestform verdient. Bei einer Pressekonferenz verkündete man vor siebzig Journalisten die Neuigkeit. Die PK hätte unter normalen Umständen ein grandioser Event werden können. Doch mein Auftritt war kraftlos. Ich fühlte mich seltsam leer. Normalerweise hätte ich riesige Ambitionen gehabt. Es waren schlechte Vorzeichen, und die kurze Zeit in Zürich wurde schwierig. Die Männer waren durch ihre zurückliegenden Spiele angeschlagen. Genau wie ich. Es war keine gute Kombination.
Bereits einen Monat nach meinem Amtsantritt spielten wir gegen den HCD. Ich lebte bei meiner Partnerin in Lotzwil und setzte mich mit gemischten Gefühlen ins Auto, um nach langer Abwesenheit zum ersten Mal wieder nach Davos zu fahren. Ich liess das winterlich graue Unterland hinter mir, fuhr einen Weg, den ich in den Jahren zuvor tausendmal gefahren war. Ich kannte jeden Meter dieser Strecke, jede Tankstelle, jedes Strassenschild, und wenn – überspitzt formuliert – auf dem Dach eines Heuschobers ein Ziegel fehlte, bemerkte ich es. Diese Landschaft war mir wie keine andere vertraut gewesen, doch nun war sie mir plötzlich fremd. Genau wie die weiss verschneite Stadt in den Bergen. Dort angelangt, erkannte ich von weitem manche Funktionäre und Spieler meiner ehemaligen Mannschaft. Doch ich war nicht in der Stimmung, um Small Talk zu betreiben, konzentrierte mich auf das unmittelbar bevorstehende Spiel und – auf die Fans. Mein Abgang war in den Foren der verschiedenen Fanklubs tausendfach analysiert worden. Diesen Menschen verdanke ich unglaublich viel, sie waren immer eine Motivation, um absolute Topleistungen zu erbringen, und sie verhielten sich auch in schwierigen Zeiten stets anständig und loyal. Nun stand ich auf der Gegenseite, hatte mich quasi mit dem Erzfeind Zürich verbündet und fragte mich: Wie werden die Zuschauer im Stadion reagieren, wenn ich ihnen in meiner neuen Funktion zum ersten Mal seit dem Rücktritt vor drei Monaten begegne? Kurz vor Spielbeginn lief ich in eine Wand von HCD-Fans. Tausende erhoben sich schweigend von ihren Plätzen und brachten ihre Dankbarkeit für das Gewesene zum Ausdruck. Der magische Augenblick dauerte nur wenige Sekunden, wird mir aber für immer in Erinnerung bleiben.
Über das Spiel gibt es nicht viel zu sagen: Mit einem 4 : 4 gingen wir in die Verlängerung, die in der zweiundsechzigsten Minute mit einem 5 : 4 für den HCD endete. Die Zeichen standen für die Lions weiterhin auf Sturm: Ich hatte sie Mitte Januar 2019 übernommen, als dreiunddreissig von fünfzig Runden der Qualifikation bereits gespielt waren. Zu diesem Zeitpunkt waren die Zürcher auf dem sechsten Rang mit einer Reserve von drei Punkten auf den neunten Platz. Die Punktebilanz war mit vierzehn Siegen und zwölf Niederlagen positiv. Bei den weiteren siebzehn Spielen gingen wir mit fünf Siegen und acht Niederlagen vom Eis und blickten auf je zwei Siege und zwei Niederlagen in der Verlängerung und im Penaltyschiessen. Langer Rede kurzer Sinn: Wir verpassten die Playoffs.
In meiner damaligen Verfassung, die ich falsch eingeschätzt hatte, konnte ich dem Klub nicht bieten, was er verdient hätte, und nach einer Analyse mit den Verantwortlichen beschlossen diese, meinen Vertrag nicht zu verlängern. Das war eine neue Erfahrung für mich, und der Abstecher nach Zürich ist sicher kein Ruhmesblatt. Doch warum soll ich diese Zeit verschweigen oder beschönigen? Warum sie in diesem Buch an das Ende setzen und so eine über vierzigjährige Erfolgsgeschichte relativieren? Rückschläge gehören zum Leben. Scheissegal. Ehrlich sein. Sagen, was Sache ist. Kein Blabla, kein Bullshit. Aus Fehlern lernen. Das habe ich immer gefordert und auch versucht zu leben. Daran änderte sich nichts, als es mich selbst betraf. Das Image angeschlagen, der Lack abgeblättert. Und wenn schon? Jahrzehntelang wurde ich beinahe zu einem Halbgott stilisiert, auf ein Podest gestellt. Die Bewunderung, die Wertschätzung und die Begeisterung: Das war schön. Es war wunderbar. Doch im Nachhinein erwies sich der Umstand, dass ich zu Boden ging, als gut und sogar befreiend. Nun sieht man mich als den, der ich bin, wie ich mich immer sah: als ganz normaler Siech.
Das Festhalten an einem schmeichelhaften Image, das man übernimmt, weil man sich in den wohlwollenden Meinungen und Analysen der anderen gern spiegelt, hält die Menschen manchmal davon ab, Neuanfänge in Angriff zu nehmen und – vor allem, wenn sie unfreiwillig geschehen – das Beste aus ihnen zu machen. Berufliche Einbrüche können zu persönlichen Krisen werden, wenn der drohende Verlust von Status und Macht oder die Angst, zu verlumpen, überhandnehmen und die folgenden Schritte leiten. Wie bereits erwähnt, bedeutet mir Geld nicht allzu viel. Im Nachhinein betrachtet, habe ich in meinen frühen Jahren zu wenig dafür gekämpft. Im entscheidenden Moment war ich jeweils in meiner eigenen Welt mit anderen Dingen beschäftigt, und gleichzeitig wusste ich: Glück, Zufriedenheit und innere Ruhe lassen sich nicht kaufen. Angst, kein oder nur noch wenig Geld zu verdienen und wenig zu besitzen, war nach dem Ende beim HCD, aber auch nach dem ZSC kein Thema, das mir schlaflose Nächte bereitete.
