Mit sechzehn im Krieg - Josef Egert - E-Book

Mit sechzehn im Krieg E-Book

Josef Egert

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Beschreibung

Nur wer die Schrecken eines Krieges je am eigenen Leib erfahren musste, wird nachvollziehen können, dass sich die damit verbundenen, oft sehr emotionalen Ereignisse fest in die Seele einbrennen und so unwiderruflich zu einem festen Bestandteil des eigenen Lebens werden. Bei mir war es jedenfalls so. Als 16 jähriger Junge (Jahrgang 1928), wurde ich aus meiner behüteten familiären Umgebung im Dorf Kroge herausgerissen und sollte am Ende des 2. Weltkrieges mithelfen, zu retten, was längst nicht mehr zu retten war. Damals waren mir weder die großen politischen Zusammenhänge und Hintergründe, noch konkrete militärische Abläufe ein Begriff. Nach kurzer vormilitärischer Ausbildung wurde ich im März 1945 einberufen und gehörte ab diesem Zeitpunkt zum sog. Letzten Aufgebot, wie man es im Rückblick oft bezeichnet. Meine Erlebnisse während des 2. Weltkrieges, besonders die im Zeitraum zwischen meiner Einberufung und der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft, habe ich niedergeschrieben. Mehrfach habe ich meine damaligen Einsatzorte noch einmal besucht und bildlich dokumentiert. Viele der Abbildungen im vorliegenden Buch stammen von diesen Besuchen. Nach vielen Jahren der intensiven Recherche und der gewissenhaften Aufarbeitung konnte das vorliegende Dokument veröffentlicht werden.

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Seitenzahl: 72

Veröffentlichungsjahr: 2020

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DER KRIEG HAT EINEN LANGEN ARM. NOCH LANGE, NACHDEM ER VORBEI IST, HOLT ER SICH SEINE OPFER. (Martin Kessel)

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Meine Kindheit und Schulzeit in Kroge

Schanzendienst und vormilitärische Ausbildung

Einberufung zum Pion.-Ers.-u.-Ausb. Btl. 30

Das Gefecht am Wittenberger Brückenkopf

Abzug aus Wittenberge

Bau einer Pontonbrücke über die Havel

Flucht über die Elbe in die amerikanische Gefangenschaft

Marsch von Tangermünde ins Kriegsgefangenenlager Calbe

Weitertransport in die Gefangenenlager Gardelegen, Lüchow-Dannenberg und Munster

Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft – Über Gorleben nach Oldenburg

Auf dem Heimweg nach Kroge

Mein Leben nach dem Krieg

Nachtrag

Anhang I: Auszug aus der Chronik der Stadt Wittenberge

(

15.03.-27.04.1945)

Anhang II: Ausrüstung unserer Einheit

Anhang III: Einige von mir gesammelte Flugblätter

Quellen- und Literaturverzeichnis

Danksagung

Vorwort:

Nur wer die Schrecken eines Krieges je am eigenen Leib erfahren musste, wird in aller Tiefe nachvollziehen können, dass sich die damit verbundenen, oft sehr emotionalen Ereignisse fest in die Seele einbrennen und so unwiderruflich zu einem festen Bestandteil des eigenen Lebens werden. Bei mir war es jedenfalls so. Als 16-jähriger Junge (Jahrgang 1928), wurde ich aus meiner behüteten familiären Umgebung im Dorf Kroge herausgerissen und sollte am Ende des 2. Weltkrieges mithelfen, zu retten, was längst nicht mehr zu retten war. Damals waren mir weder die großen politischen Zusammenhänge und Hintergründe, noch konkrete militärische Abläufe ein Begriff. Nach kurzer vormilitärischer Ausbildung wurde ich im März 1945 einberufen und gehörte ab diesem Zeitpunkt zum sogenannten Letzten Aufgebot, wie man es im Rückblick oft bezeichnet. Meine Erlebnisse während des 2. Weltkrieges, besonders die im Zeitraum zwischen meiner Einberufung und der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft, habe ich nachfolgend niedergeschrieben. Die Niederschrift basiert auf stichpunktartigen Aufzeichnungen, die ich nach meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft vorgenommen habe und auf den unverblassten Erinnerungen, die sich damals fest in mein Gehirn eingebrannt haben. Viele Informationen über die militärischen Abläufe und Hintergründe habe ich nachträglich aus verschiedenen Quellen recherchiert und nach bestem Wissen zusammengestellt. Dennoch erfolgen alle diesbezüglichen Angaben ohne Gewähr.

Eine sehr große Hilfe waren mir bei der Erstellung meines Berichtes die persönlichen und schriftlichen Informationen und Dokumente, die Karl-Heinz Schwerdtfeger, Jahrgang 1933, gewissenhaft gesammelt und zusammengetragen hat. Unter dem Haupttitel „Kriegsende im Wendland“ publizierte er u.a. vier Buchbände mit den nachfolgenden Untertiteln: Band 1 „Erlebte Geschichte. Eine zeitgeschichtliche Momentaufnahme“; Band 2 „Brückenkopf Lenzen“; Band 3 „Vorstoß der 5. US-Panzerdivision, Brückenkopf Dömitz“; Band 4 „Gefangenenlager Gorleben“. Karl-Heinz Schwerdtfeger hat mir bei mehreren persönlichen, aber auch schriftlichen Kontakten sehr viele Fotokopien, Unterlagen und Dokumente zur Verfügung gestellt. Ich bin ihm daher sehr verbunden und außerordentlich dankbar, dass er mir geholfen hat, meine eigenen Erlebnisse und Erinnerungen mit den, von ihm gesammelten „Puzzle-Steinen“ zu einem größeren Gesamtbild zu verknüpfen.

Im April 1995, im April 2001 und im März 2008 habe ich meine damaligen Einsatzorte noch einmal besucht und bildlich dokumentiert. Viele der Abbildungen im vorliegenden Buch stammen von diesen Besuchen. Im Jahre 2003 habe ich darüber hinaus auch den Soldatenfriedhof Ysselsteyn in den Niederlanden besucht, auf dem mindestens ein Soldat aus meinem Bataillon begraben liegen soll. Das vorliegende Dokument ist das Ergebnis intensiver Recherchen und der gewissenhaften Aufarbeitung der Ereignisse im Frühjahr 1945, die mir immer noch sehr präsent sind.

Kroge im November 2019

(Josef Egert, Foto: Privatbesitz)

Meine Kindheit und Schulzeit in Kroge (Landkreis Vechta):

Am 25. August 1928 wurde ich als drittes von acht Kindern in Kroge im Landkreis Vechta geboren. Mein Vater, August Egert (geboren am 28. August 1901), stammte aus Brehme im Eichsfeld. Als Maurer fand er im Eichsfeld nicht genug Arbeit und musste daher in den Sommermonaten als Wanderarbeiter für verschiedene Arbeitgeber außerhalb des Eichsfeldes tätig sein. Sein Weg führte ihn dabei ins Ruhrgebiet zum Stollenbau und als Maurer in verschiedene Regionen Deutschlands. Die Wintermonate verbrachte er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Joseph (s. Abbildung 1), der ebenfalls Wandermaurer war, bei seinen Eltern zuhause als Nebenerwerbslandwirt. Sie besaßen eine Kuh, ein paar Schweine, Ziegen und Hühner. Hinzu kamen kleine Weiden am Hang sowie ein Garten. Mein Vater hatte noch weitere Geschwister, sie hießen Katharina, Hermann, Philipp, Johannes, Friedrika, Anna und Joseph.

Abbildung 1: Das Foto zeigt mich zusammen mit meinem Onkel Joseph Egert; (Foto: Privatbesitz).

Abbildungen 2 und 3: Die Fotos zeigen meinen Vater (obere Reihe, dritter von links bzw. hintere Reihe, sechster von links) zusammen mit seinen Arbeitskollegen auf einer der Baustellen; (Fotos: Privatbesitz).

Mein Vater arbeitete unter anderem für eine Baufirma aus Münster. Diese Firma erhielt Anfang der 1920er Jahre den Auftrag zum Bau des Klosters in Kroge. Das Kloster wurde 1925 errichtet. So kam mein Vater für den Bau des Klosters nach Kroge, wo er meine Mutter Ida, geborene Zerhusen, kennenlernte, die als unentgeltliche Hilfsarbeiterin ebenfalls beim Klosterbau mithalf. Sie lud mit anderen Hilfsarbeitern die Steine ab, die von der Ziegelei Kokenge geliefert wurden. Es war damals üblich, die ortsansässige Bevölkerung für solche kostenlosen Hilfsarbeiten heranzuziehen. Meine Mutter lebte bei ihrer Familie in Kroge vor dem Moor am Sommerweg. Sie arbeitete nach dem Schulabschluss mit auf der elterlichen Heuerstelle und in Dienstverpflichtung für den Landwirt Gottfried Ehrenborg. Die Landwirtschaft der Familie Zerhusen bestand aus vier Milchkühen, vier Schweinen, Schafen und Hühnern sowie dem Anbau von Roggen, Hafer, Kartoffeln, Rüben, Kohl und weiteren Gemüsesorten.

Abbildung 4: Das Foto zeigt meine Eltern, Ida Egert, geb. Zerhusen und August Egert; (Foto: Privatbesitz).

1925 heirateten meine Eltern und mein Vater zog zu meiner Mutter auf die Heuerstelle nach Kroge. Zusammen gründeten Sie eine Familie. Ich wuchs mit meinen Geschwistern Anna, Ewald, Paul, Franz, Erwin, Heinrich und Helmut in Kroge auf. Mein Vater machte sich nach dem Bau des Klosters in Kroge als Maurer selbständig und gründete eine eigene Baufirma.

Abbildung 5: Familienfoto nach der Geburt meines jüngsten Bruders Erwin. Im hellen Anzug bin ich zu sehen; (Foto: Privatbesitz).

Die Firma baute eine ganze Reihe an Häusern in Kroge, Südlohne, Lohne und in der näheren Umgebung. Zu den Neubauten gehörten auch die Häuser der Familien Fortmann (Kroge) und Becker (Südlohne).

Abbildung 6: Mein Vater (links) beim Bau des Hauses der Familie Große-Holthaus in Kroge; (Foto: Privatbesitz).

In den 1930er Jahren, bereits nach der Machtergreifung von Hitler, mauerte mein Vater die Lourdesgrotte in Kroge. Neben der Klosterkirche am Pickerweg wurde dazu eine Steingrotte aus großen Natursteinen, sogenannten Findlingen, errichtet. Die Grotte sollte an die Marienerscheinungen im Wallfahrtsort Lourdes erinnern und war ein stiller Protest der Kroger Bürger gegen das Hitler-Regime. Als durch einen Regierungserlass Kreuze verboten wurden, versteckten die Ordensschwestern hier ihr Kreuz (Quelle: www.zerhusenbloemer.de/lourdesgrotte). Die Findlinge für den Bau der Grotte wurden von den Kroger Bürgern zusammengefahren und mussten dann mit Flaschenzügen in die jeweilige Position gezogen werden; eine gewaltige Arbeit zur damaligen Zeit, als es noch nicht so viele maschinelle Hilfsmittel gab.

Abbildung 7: Lourdesgrotte in Kroge. Die Aufnahme entstand im September 2017; (Foto: Privatbesitz).

Ende der 1930er Jahren, noch vor Kriegsbeginn, hatte mein Vater einen Unfall. Die Kühe auf der Heuerstelle wurden auch als Arbeitstiere in der Landwirtschaft genutzt. Beim Abspannen von zwei Zugtieren riss sich eine der beiden Kühe los. Dabei verklemmte sich der lederne Halteriemen um ein Bein meines Vaters. Mein Vater wurde, an dem Riemen hängend, ungefähr 30 Meter über den Hof gezogen. Bei diesem Unfall zog er sich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Die folgenden ärztlichen Behandlungen waren wenig erfolgreich, so dass er sein Bein nie wieder vollständig benutzen konnte. Für praktische Arbeiten war er berufsunfähig und ging fortan mit einem Stock.

Am 01. September 1939, ich war gerade 11 Jahre alt, begann der 2. Weltkrieg, zu dem mein Vater dank seiner Gehbehinderung nicht eingezogen wurde. Ich ging damals noch zur Schule in Kroge. Es handelte sich um eine zweiklassige Volksschule; das erste bis vierte Schuljahr wurde zusammen in einem Schulraum von einem Lehrer unterrichtet, das fünfte bis achte Schuljahr von einem zweiten Lehrer in einem weiteren Schulraum. Zu Kriegsbeginn war ich in der 4. Klasse. Mein Lehrer, Herr Engelbert Wienken, war kein Sympathisant des Nationalsozialismus und ließ dies auch erkennen. Im Verlauf des Krieges wurde er eingezogen und der Schulunterricht zeitweise von verschiedenen, noch nicht fertig ausgebildeten „Hilfslehrerinnen“ übernommen. Vom 5. bis zum 8. Schuljahr hatten wir einen Lehrer, der im Gegensatz zu Lehrer Wienken mit dem Nationalsozialismus sympathisierte.

Abbildung 8: Das Bild zeigt die damalige Schule in Kroge; (Quelle: Heimatverein Lohne e.V.; http://heimatverein-lohne.de/schulen-in-lohne/).

Wenn wir nach der Schule zu Fuß nach Hause gingen, wurden wir häufig von unserem Lehrer mit dem Fahrrad überholt. Er hatte sich schon umgezogen und trug dann seine SA-Uniform und war unterwegs zu einer Versammlung in Lohne. Wir taten so, als würden wir ihn nicht sehen und wurden dann meist vom ihm ausgeschimpft, dass wir ihn nicht mit dem Hitlergruß gegrüßt hatten. Am nächsten Morgen in der Schule wurde dies dann thematisiert.