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"Mach was Gutes draus!". Mit diesen Worten überließ mir Tante Luise die Feldpost ihres im Ersten Weltkrieg gefallenen Bruders Friedo Talg. So machte ich mich auf den Weg zurück zu diesem Toten einer vergangenen Epoche, der als niedersächsischer Schneidersohn in einem bayerischen Infanterieregiment an der Westfront kämpfte, bis er 1917 für Kaiser und Reich fiel. Trotz wachsender Zweifel an Sinn und Gerechtigkeit der eigenen deutschen Sache marschierte er in diesem Krieg mit. Bis zuletzt verblieb er in seinen verzweifelten Briefen mit »treudeutschem Gruß« an die Familie zu Hause und an seine heimliche Liebe Lizzi aus Schwaben. Doch die Reise endet nicht allein mit der neu auflebenden Erinnerung an Friedo und sein bewegendes Schicksal. Zugleich hält sein Portrait unserer jetzigen Nachkommengeneration einen Spiegel vor, in dem sie sich selber wiedererkennen kann und dabei entdeckt: Wir alle sind Friedo Talg!
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Seitenzahl: 491
Veröffentlichungsjahr: 2018
Mit treudeutschem Gruß
Briefe von der Front
Caro Clement
Briefe von der Front
Caro Clement
Copyright: © 2018: Caro Clement
Umschlaggestaltung: Gregor Hartl
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
ISBN 978-3-7469-0312-5 (Paperback)
ISBN 978-3-7469-0313-2 (Hardcover)
ISBN 978-3-7469-0314-9 (e-Book)
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Mit diesem Buch erfülle ich mein Versprechen an Tante Luise Hache, aus dem Vermächtnis ihres Bruders Friedo etwas Gutes zu machen. Ich habe mich bemüht, es in das lebendige Andenken zu verwandeln, das er sich im Traum von mir wünschte:
Suche mir ein Grab, wo ich im Herzen und Andenken der Menschen bleibe, und meine Knochen nicht vermodern!
Von draußen klingt das Rattern des durchfahrenden Zuges zu mir ins Zimmer. Wie immer, seit ich mit diesem Buch beschäftigt bin, stocke ich kurz und habe dabei dies komische Gefühl. Manchmal stehe ich sogar auf und sehe aus dem Fenster. Von hier aus erkenne ich gut die Schienen der Bahnstrecke Augsburg-Schwabmünchen-Buchloe. Keine 150 Meter entfernt führen sie vorbei an unserem Haus.
Jedes Mal kommt mir dann in den Sinn, welch seltsame Wege und Umwege uns das Leben doch auswählen und dann gehen lässt. Zumindest in meinem Fall war nichts wahllos oder zufällig, sondern absichtlich. Das glaube ich inzwischen ganz sicher.
Denn es kann einfach kein Zufall sein, dass ich mich so intensiv befasste mit einem im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten, den ich selber nie gekannt habe, mit dem ich nicht mal blutsverwandt war. Dessen über 1oo Briefe starke Feldpost in verwischter Sütterlin-Handschrift ich monatelang mühsam entzifferte, ohne dass er wenigstens eine wichtige oder berühmte Person gewesen wäre.
Neugierig auf sein Schicksal geworden bin ich trotzdem. Unter anderem durch die Tatsache, dass dieser fremde Tote und ich doch eine Reihe geografischer Stationen gemeinsam hatten. Zwar waren wir durch drei Generationen Zeitunterschied getrennt. Doch die gleichen Räume, die wir beide teilten, überwanden diese Trennung und brachten uns einander näher.
Zunächst kam jener Friedrich Talg genau wie ich ursprünglich aus dem Städtchen Soltau in der Lüneburger Heide in Niedersachsen. Dann, am 4. August 1914, schickte er just vom 900 km entfernten Buchloe aus ein Telegramm an seine Eltern nach Hause. Und das liegt ganz in der Nähe meines jetzigen Wohnorts im bayerischen Südschwaben. Und wiederum genau an meinem Haus vorbei fuhr er damals mit dem Zug weiter nach Augsburg, um sich nach seiner Kriegseinberufung in die dortige Gefechtsbatterie zu melden.
Seine wenigen Fronturlaubstage verbrachte er, abgesehen von den Familienbesuchen in Soltau, in derselben Gegend Bayerns, in die es auch mich als Nordlicht verschlagen hat. Gemeinsam, wenn auch mit Jahrzehnten Zeit dazwischen, spazierten wir durch Augsburg, Landsberg und München.
Und genau dort, wo für ihn die Endstation seines jungen, gerade 26-jährigen Lebens war und er umkam, in Nordostfrankreich, dort habe auch ich mich nach meinem Abitur auf einer Studienreise eingefunden.
Ohne damals überhaupt an ihn gedacht zu haben besuchte ich die kraterübersäten, bis heute nur mit einer dünnen Gras- und Buschhaut bedeckten Schlachtfelder von Verdun und an der Aisne. Völlig ahnungslos schritt ich womöglich über die Stelle hinweg, unter deren Grasnarbe seine sterblichen Überreste lagen.
Dass ich allerdings überhaupt in den Besitz seiner Briefe gelangte und dies Buch entstehen konnte, ist einzig und allein seiner Schwester Luise Hache, geborene Talg, zu verdanken.
Bis an ihr Lebensende mit 92 Jahren bedrückte sie die Vorstellung, dass ihr Bruder irgendwo in Frankreich an einem unbekannten Ort unter der Erde lag. Ohne Andenken. Ohne Abschied. Von allen Menschen vergessen.
Von allen anderen Menschen vielleicht …aber eben niemals von ihr, seiner kleinen Schwester!
An Tante Luise Hache erinnerte ich mich, seit ich denken konnte. Eigentlich war sie nicht wirklich meine leibliche Tante. Aber bereits sie und mein Großvater hatten als Kinder zusammen gespielt, ebenso wie meine Mutter dies später mit Tante Luises Sohn Wilhelm getan hatte. So ergab es sich von selbst, dass sich dies beiderseitige familiäre Wohlwollen automatisch auf mich als Mitglied der nächsten Generation übertrug. Ich durfte sie also auch „Tante“ nennen, obwohl rein vom Alter her „Großtante“ besser gepasst hätte.
Ich kannte sie nicht anders als im typischen 70er-Jahre-Hausfrauenkittel. Geblümt, gestreift oder gepunktet, aber immer sauber gewaschen und frisch gestärkt. Ihr Haar trug sie in Wellen gelegt und eng um den Kopf frisiert, damit es ihr bei der vielen Arbeit nicht störend ins Gesicht fallen konnte. Schon damals war es hellgrau, fast weiß, obwohl sie da noch gar nicht so alt war, kaum Mitte sechzig. Aber meine Mutter erklärte mir mal, das sei so, weil Tante Luise schon oft im Leben habe weinen müssen.
Teilweise musste das wohl an ihrem Mann gelegen haben, der sie in ihrer Ehe nicht unbedingt so gut behandelte, wie sie es verdient gehabt hätte. Aber der schlimmste Schlag traf sie, als ihr Sohn Friedrich Wilhelm, kurz Wille genannt, als junger Polizist bei einem harmlosen Verkehrsroutineeinsatz durch einen Unfall starb.
Ich erinnere mich noch genau an die bedrückte Miene meiner Mutter nach dieser furchtbaren, wie ein Blitz aus heiterem Himmel herabgefahrenen Todesnachricht. Wochenlang traute sie sich nicht mehr rüber zu Tante Luise Hache in deren Haus, das nur einen Steinwurf von unserer damaligen Wohnung entfernt am Straßenende stand. Auch ich durfte nicht hin, aus lauter Angst, Tante Luises entsetzliche Seelenwunde könnte versehentlich noch weiter aufgerissen werden durch mitleidige Beileidsbekundungen und taktlose Nachfragen.
Aber schließlich gingen wir doch rüber, und das erwies sich als genau richtig. Denn es tat Tante Luise gut, sich ihren Kummer ein wenig vom Herzen reden und über Willes Tod sprechen zu können.
Tante Luises Mann, den ich nie anders als Herrn Hache nannte, er wurde noch schweigsamer und finsterer als vorher. Schon seit jeher, auch vor dem tragischen Unglück, hatte ich mich in seiner Gegenwart unwohl gefühlt. Wenn er sich nicht von seiner Frau bedienen ließ, saß er stumm im Zimmer und starrte missmutig aus dem Fenster. Er tat mir nie etwas Böses, aber aus einem vagen Gefühl der Abneigung heraus mied ich ihn lieber.
Tante Luise dagegen wärmte einem das Herz. Nicht auf die überströmende Art stark gefühlsbetonter Menschen. Eher verhalten, Vertrauen einflößend. Als waschechte Heidjerin neigte sie ein wenig zur Sturheit, aber dafür war sie beständig in ihrem Pflichtbewusstsein und treu in ihren Gefühlen. Bis in den Tod. Egal was passierte. Selbst als sie, wie sie meiner Mutter voll Bitterkeit anvertraute, ganz allein den Sarg mit der Leiche ihres Sohnes von Bremen nach Soltau zurück holen musste … weil ihr Mann, Herr Hache, mitsamt seinem lieber im Alkohol ertränkten Kummer zu Hause geblieben war.
Wen sie einmal in ihr Herz geschlossen hatte, der behielt darin für immer seinen Platz. Und mit ihm alles ausgestandene Leid, alle Enttäuschungen und Bitternisse.
Natürlich ging das Leben weiter, auch nach Willes Tod, und irgendwann lächelte Tante Luise auch wieder. Aber ich bemerkte, dass ihr Lächeln still geworden war. Ansonsten, als sei nichts geschehen, kümmerte sie sich weiter ums Haus und den riesigen Garten mit den vielen Obstbäumen, um ihren Mann und um ihre Enkel. Sie kochte Unmengen Marmelade ein und sortierte die Walnüsse, die ich für sie unter dem Baum in ihrem Hof aufsammelte. Und im Sommer klopfte sie weiter mit mir zusammen Teppiche, dass der Staub nur so wirbelte und die Arme weh taten. Zur Belohnung gab’s danach reichlich Saft aus selbst gemachtem Holundersirup mit einem Spritzer Zitrone dazu.
Erstaunlich war, dass sie auch bei den derbsten und unangenehmsten Arbeiten wie Boden wischen, Ofen einheizen und Straße fegen trotzdem immer fein und klug in ihrer Art wirkte. Dazu passte auch ihre unglaublich zarte, glatte Haut.
Meine Mutter meinte, man merke ihr eben an, dass sie aus besseren Verhältnissen stammte. Tante Luises Vater war nämlich der Schneidermeister Talg gewesen und hatte ein gutgehendes Geschäft besessen. Das imposante Haus mit der weinberankten Südwand, das riesige Grundstück mit eigener Primelwiese und zahlreichen Obstbäumen, auf denen ich so oft herumkletterte, alles hatte Tante Luise als ansehnliches Erbe mit in ihre Ehe gebracht. Das hatte sich so ergeben, nachdem ihr ältester Bruder Friedrich, der als Geschäftserbe vorgesehen war, im Ersten Weltkrieg gefallen und auch ihr anderer Bruder Hans in relativ jungen Jahren verstorben war.
Wie ihre Brüder hatte Tante Luise sogar die Realschule besuchen dürfen, und das war in den harten Zwanzigerjahren nach verlorenem Krieg und Zusammenbruch des Kaiserreichs durchaus nicht selbstverständlich gewesen. Nur die etwas Reicheren konnten sich damals eine höhere Schulbildung für ihre Kinder leisten.
Vielleicht gerade deshalb, weil auch ich als einfache Arbeitertochter das Soltauer Gymnasium schaffte, war das ein Grund mit, warum sie mich so mochte und mir später die Briefe ihres Bruders als Vermächtnis anvertraute.
Auch ihr Sohn Wille war natürlich zur weitergehenden Schule gegangen und der ganze Stolz seiner Eltern gewesen. Mit seinem Tod umgab Tante Luise eine Aura stummen Leids, das sie jedoch klaglos und würdevoll trug. Eigenartigerweise sprach sie, abgesehen von den ersten Wochen nach dem Unglück, später so gut wie nie mehr über ihren Sohn. Zeit ihres Lebens sollte ihr schwer getroffenes Mutterherz auch nicht annähernd mehr so weit heilen, dass sie je wieder an seiner Verletzung hätte rühren können.
Stattdessen fing sie an, mehr und mehr über ihren Bruder Friedrich zu erzählen. Friedrich, von Verwandten und Freunden auch Friedo genannt, war ihr 1891 geborener und damit gut zwanzig Jahre älterer Halbbruder gewesen. Er stammte zusammen mit seinem Bruder Hans aus der ersten Ehe des Vaters. Nach dem frühen Tod der Mutter seiner Söhne heiratete Schneidermeister Talg ein weiteres Mal. Mit seiner zweiten Frau Christine bekam er am 7. November 1912 nochmals Nachwuchs, die gemeinsame Tochter Luise.
Schon bei Tante Luises Geburt lebte Friedo nicht mehr im Elternhaus, sondern sammelte bereits auswärtige Berufserfahrungen als späterer Mitinhaber und Erbe des väterlichen Geschäfts. Die Familie besuchte er da nur noch an Urlaubs- und Feiertagen.
Das letzte Mal, dass Tante Luise ihn sah, war im Herbst des Kriegsjahrs 1916. Da war sie knapp vier Jahre alt gewesen. Noch heute erstaunt und berührt es mich zutiefst, wenn ich daran denke, wie unglaublich präzise und liebevoll Tante Luise sich dennoch an diesen Bruder erinnerte. Trotz der wenigen Zeit, die sie als Geschwister eigentlich nur miteinander verbringen konnten, und obwohl sie selber doch noch so klein gewesen war, schien ein geheimnisvolles und unzerreißbares Band die beiden zu verbinden.
Alle Erinnerungen an ihn waren glasklar und unauslöschlich in Tante Luises Gedächtnis verankert und sorgten dafür, dass sie ihn bis an ihr Lebensende vermisste.
Viel später, als ich Friedos Fotos zwischen seinen Briefen fand, stellte ich sofort die unverkennbare Ähnlichkeit zwischen ihm und Tante Luise fest. Zu auffällig waren die den beiden eigenen, fein gezeichneten Gesichtszüge, das dichte helle Haar und der offene Ausdruck in den Augen. Übrigens fand sich auch bei Tante Luises Sohn Wille diese spezielle Ähnlichkeit wieder. Meine Mutter erinnerte sich noch sehr gut an seine große Gestalt mit dem Blondhaar und den heiteren Blauaugen. Und daran, dass er sich schon als Kind immer ausgesprochen wohl erzogen benahm, nie grob wie die anderen Dorfkinder. Sie schmunzelt noch heute darüber, wie sich früher die Jungs im Sommer das Wasser aus vollen Eimern gegenseitig klatschnass über die Köpfe gossen. Wille Hache hingegen füllte eine Untertasse mit Wasser und bespritzte damit zierlich seine Spielkameraden.
Es war wohl diese Zartheit seiner Art, die ihn zu einem Seelenverwandten seiner Mutter und ihres Halbbruders Friedo, seines Onkels, machte. Und ausgerechnet diese beiden ihr so besonders nahen Menschen wurden in blutjungen Jahren auf gewaltsame und unnatürliche Weise aus ihrem Leben gerissen.
Wie drückte Tante Luise es aus bei unserem letzten Treffen, als sie mir die Briefe ihres Bruders gab? „Man könnte wohl sagen, er hatte ein liebliches Wesen!“ Ich sehe sie noch vor mir, wie sie dabei in Gedanken behutsam über die knisternden Papiere strich, die sich in dem uralten Zigarrenkasten aus der Zeit ihres Vaters befanden.
Ihr Lächeln dabei war von jener stillen Heiterkeit, die ihr trotz vieler böser Momente im Leben nie verloren ging und zu ihrem persönlichen Merkmal einer alles überwindenden Stärke wurde. Und heiter war sie gerne, vor allem, wenn sie in frohen Kindheitserinnerungen schwelgte. Als Friedo noch lebte. Bei seinem letzten Fronturlaub zu Hause in Soltau. Ganz quirlig und aufgedreht vor Freude war sie da gewesen, weil der große Bruder gekommen war und so bereitwillig mit ihr herumalberte und über Tisch und Bänke tollte. Bis er irgendwann doch mal Pause machen wollte, sehr zu Klein-Luises Verdruss, so dass er schließlich spaßhaft ausrief: „Die Kleine muss man ja am Stuhl festbinden!“
Aber ebenso deutlich war ihre Erinnerung an Friedos Bedrücktheit, wenn er mit den Erwachsenen über den Krieg sprach. Damals verstand das aufgeweckte Mädchen noch nicht, wen und was er meinte mit Weltenbrand und Schandkaiser. Nur dass ihr sonst so freundlicher Bruder dabei richtig in Rage geriet und die Eltern sie dann eilig aus dem Zimmer schickten. Aufschnappen tat sie natürlich doch so einiges. Auch kleine Mäuse haben schließlich Ohren. Und so kam sie früh zu dem Schluss, dass eindeutig dieser unbekannte Kaiser Schuld daran trug, dass Friedo zurück in den bösen Krieg musste, obwohl er gar nicht wollte. Auch daran, dass ihr Vater immer sorgenvoller drein schaute, wenn er aus dem Geschäft heimkam. Und dass die Mutter die Essensportionen immer sparsamer und ängstlicher einteilte.
Von meiner eigenen Mutter weiß ich, dass die Familie Talg und später auch Tante Luise Hache als geizig verschrien waren. Und das, obwohl sie doch eben als nicht gerade arme Leute galten, immerhin auch in harten Zeiten gesegnet mit einem eigenen Geschäft, einem großzügigen Haus mit großem Grundstück, eigener Hühnerzucht und Obstanbau. Ich selber kann das nicht bestätigen. Für mich hat Tante Luise trotz ihrer vielen Arbeit immer alles bereit gehabt, was man so brauchte, wenn ein häufig als Gast anwesendes Kind sich wohlfühlen sollte: Butterbrot, Pflaster und viel Geduld. Dass sie generell sparsam war, störte mich ehrlich gesagt nie. Ich verstand das sehr gut, auch ohne große Erklärungen. Tante Luise gehörte wie auch meine eigenen Großeltern einer Generation an, der zwei Kriege den Sinn für Großzügigkeit geraubt hatten. Zu tief waren die Narben der am eigenen Leib verspürten Not und Entbehrungen in ihre Seele eingebrannt, als dass sie sich je wieder vertrauend einleben konnte in ein Leben ohne materielle Ängste. Das blieb so für immer. Selbst im hohen Alter von über neunzig und schon recht schwerfällig in ihren Bewegungen wäre sie doch nie auf die Idee gekommen, auch für den liebsten Besuch einfach teuren Kuchen vom Bäcker zu kaufen.
Als sei es gestern, sehe ich uns beide bei meinem letzten Besuch 2003 zusammen in ihrer urgemütlichen Essküche sitzen. Seit meinem Abitur hatten wir uns nicht mehr gesehen und ich war nur für sie aus München angereist. Mir zu Ehren standen auf dem einladend gedeckten Tisch eine extra große Kanne per Handfilter gebrühten Kaffees und natürlich selber gebackener leckerer Zwetschgenkuchen bereit. Wie schon erwähnt war es mein letzter Besuch bei ihr, und er wird mir immer als kostbares Beisammensein im Gedächtnis bleiben. Nicht nur, weil sie im Jahr darauf, genau an Weihnachten 2004 starb und ich sie danach nie mehr wiedersehen sollte. Sondern auch, weil dieser Tag eine ganz besondere Überraschung für mich barg.
Direkt neben meinem Teller stand nämlich dieser bewusste, vom Alter ganz braune Zigarrenkasten mit lauter sorgfältig eingeordneten kleinformatigen Briefen und Karten. Ich erkannte ihn sofort wieder. Als Kind hatte ich ihn manchmal gesehen, wenn Tante Luise sich etwas zurückgezogen hatte, um darin zu blättern. Ich wusste also gleich, da stand die bald 90 Jahre lang aufbewahrte Feldpost ihres Bruders. Fragend habe ich sie angesehen, und sie nickte zustimmend. Pietätvoll zog ich den vordersten Brief heraus. Ich faltete ihn auseinander und starrte auf die mir fremden Schriftzeichen, die ich gar nicht lesen konnte. Doch etwas Eigenartiges geschah. Denn mit der Berührung des vergilbten Papiers in meinen Fingern spürte ich zugleich geradezu körperlich einen schweren Atem, der ihm entstieg. Die mit Bleistift hin gekritzelten Zeilen des Toten hielten all seine Hoffnungen, Ängste und Verzweiflung gespeichert. In dem Augenblick war es, als ob sie magische Verbindung zu mir aufnahmen.
Tante Luise beobachtete mich abwartend. Sie schien genau Bescheid zu wissen über das, was da mit mir passierte. Zufrieden lächelnd legte sie nun ein weiteres Buch vor mich hin, eine alte Niedersachsenfibel.
„Die wirst du brauchen, um die Briefe meines Bruders lesen zu können. Er hat in der Sütterlinschrift von damals geschrieben“, erklärte sie. Ich war sprachlos vor freudiger Überraschung. Tatsächlich enthielt die Fibel eine Art Lexikonteil mit allen Sütterlinbuchstaben und ihrer Übersetzung in die modernen Schriftzeichen. Ich selber hätte mich im Leben nie getraut, Tante Luise auch nur leihweise um diese Briefe zu bitten. Aber meine Mutter musste ihr erzählt haben, dass ich sie so wahnsinnig gern selber gelesen und ihren Inhalt in einem Buch veröffentlicht hätte.
Während ich noch nach Worten suchte, nickte Tante Luise wieder, diesmal sehr entschlossen. Zugleich schob sie mir in einer abrupten Bewegung mit beiden Händen den Zigarrenkasten zu. Ihre Entscheidung hatte sie sicher in der für sie typischen gründlichen Bedächtigkeit getroffen. Trotzdem erfasste ich instinktiv, dass es sie in diesem Augenblick doch Überwindung kostete, ihren ganz persönlichen Schatz aus den Händen zu geben und mir zu überlassen. Wenn ich reifer gewesen wäre, hätte ich da wissen müssen, dass dieses Geschenk zugleich ein Abschiedsgeschenk war. Ihr ganzes Leben lang hatte sie die Briefe treulich gehütet zur eigenen Erinnerung und als Gedenken an ihren toten Bruder. Jetzt reichte sie diese weiter an mich. Sie musste damals in dieser Essküche schon geahnt haben, dass sie bald sterben würde. Und mit ihr dann auch die letzte Erinnerung an Friedo Talg und sein Schicksal. Ich glaube, das wollte sie verhindern. Irgendwie musste ihr die Idee gefallen haben, dass ihr Bruder in einem Buch von mir weiterleben könnte. Dass er mit ihrem Tod vielleicht doch nicht einfach für immer im dunklen Meer der Vergessenheit untergehen würde.
Mit ihrem ernsten Lächeln legte sie ihre warmen Hände auf meine und drückte sie ganz fest.
„Mach was Gutes draus!“
Tante Luise Hache starb bald darauf. Als es passierte, war ich schon längst wieder zurück in München. Die Nachricht traf mich hart und unvorbereitet, obwohl das eigentlich unlogisch war. Immerhin war Tante Luise über neunzig Jahre alt gewesen und in diesem Alter ist der Tod nun mal grundsätzlich eine naheliegende Option. Meine Mutter versuchte mich zu trösten, dass Tante Luise nach dem Tod von Herrn Hache immerhin noch einen friedlichen Lebensabend bei sich zu Hause genießen durfte und dass man doch schließlich damit rechnen musste…. Aber irgendwie ist es schwierig, mit dem Tod von jemandem zu rechnen, den man so lange Zeit kennen und gern haben durfte, die ganze Kindheit durch. Zumal ich Tante Luise von unserem letzten Mal her immer noch so lebenswarm vor meinem geistigen Auge sehen konnte. Zumindest hatte sie ja auch ihr letztes Herzensanliegen noch an den Mann, beziehungsweise die Frau bringen können…
Allerdings sollte es sehr lange dauern, bis ich dazu kam, Tante Luises Auftrag in Angriff zu nehmen. Die nächsten Jahre geschah zunächst mal nichts. Das heißt, natürlich stimmt es nicht wirklich, dass nichts geschah. Es passierten sogar wahnsinnig viele Dinge in meinem Leben, Dinge, die den alten Zigarrenkasten mit den vergilbten Briefen sogar in Vergessenheit geraten ließen. Die Geburt meiner Kinder, schwere Krankheiten in der Familie, der mehrmalige Wechsel des Arbeitsplatzes und der damit jedes Mal zwangsläufig verbundene Umzug in eine andere Stadt. Bis wir dann endgültig da landeten, wo die geduldige Vorsehung mich hin haben wollte: in dieses Dorf zwischen Augsburg und Landsberg, direkt an der bewussten Bahnlinie, die Friedo Talg vor hundert Jahren nach Augsburg zu seinem Gefechtsstandort führte. Vom Leben zurechtgebeutelt, aber dafür auch deutlich gereifter, packte mich nach all der Zeit plötzlich ein geradezu penetranter Drang, Friedo Talgs Vermächtnis unbedingt endlich zu lesen. Nachdem ich die alte Sütterlinschrift mit Hilfe von Tante Luises mir vorsorglich dazu geschenkter Niedersachsenfibel erst mal erlernt hatte, lief es einfach wie von allein. Manchmal konnte ich zwar unleserliche Stellen in Friedos Briefen partout nicht entziffern. Verständlich, wenn man bedenkt, dass er die Zeilen da womöglich eilig per Hand mit Bleistift hingekritzelt hatte, bei Eiseskälte und Granatendonner aus dem verschlammten und zerschossenen Schützengraben heraus, kurz vor dem nächsten tödlichen Sturmangriff. Aber verblüffenderweise hatte ich dann spätestens am nächsten Tag bei einem erneuten Versuch häufig so eine Art Geistesblitz. Wie aus dem Nichts, praktisch ohne weiteres mühsames Herumgerätsel, brachte er die Lösung. Ich weiß, es klingt komisch, aber ich hatte dann das unbestimmte Gefühl, dass der Verfasser der Briefe persönlich mir da gerade weitergeholfen hatte. Mit jedem seiner Briefe tauchte ich tiefer ein in eine längst vergangene Epoche. Zusammen mit ihr verflossene Zeitzeugen konnte ich nach einem Jahrhundert in stummer Vergessenheit wieder auferstehen und sie noch einmal zu ihrem Recht auf ihr eigenes Wort kommen lassen.
Friedo Talg lud mich ein, ihn und einige ihm damals eng verbundene Menschen kennen zu lernen. Er nahm mich mit auf eine bewegende Lesereise voll alter Schmerzen und neuer Fragen. Und ich war bereit, mich darauf einzulassen und mit ihm zu gehen.
Geboren worden war Friedo als Friedrich Wilhelm Heinrich Talg in Soltau bei Hannover am 23. März 1891 im Sternzeichen des Widders. Angehörige dieses Feuerzeichens sind meist alles andere als pomadig im Leben, eher stürmisch und wirbelig. Und genauso lernte ich Friedo kennen, als ich seine ersten Briefe aus den Jahren 1909 bis Frühjahr 1914 las. Um die zwanzig war er da, randvoll mit jugendlicher Tatkraft und der ganzen Unbeschwertheit dieses Alters. Aus der absoluten Gewissheit der ihn überallhin begleitenden Liebe seiner Familie heraus stürmte er optimistisch vorwärts, hinein in ein spannendes Leben voll ehrgeiziger Möglichkeiten und Freuden. Damals, als die Welt, seine Welt, noch in Ordnung war…
An Herrn Friedrich TalgSchneidermeisterIn Soltau/HannoverMühlenstraße 222 Bremen d. 13.10.09
Lieber Vater!
Endlich wird es wohl Zeit, daß ich etwas von mir hören lasse. Ich habe meine Stelle gewechselt, deshalb wollte ich erst einmal abwarten, wie es würde, und dann hatte ich auch keine Zeit über zum Briefe schreiben. Diese Stelle, die ich jetzt habe, gefiel mir zuerst nicht, ich wollte schon immer wieder wechseln, aber jetzt werde ich doch wohl bleiben. Es hing an einem Haar, dann wäre ich nach Hamburg oder Hannover gemacht; Sonntag vor 8 Tg. wollte ich fort und da standen den Freitag noch ein paar Stellen ausgeschrieben, ich fix morgens um Viertel nach 7 hingewichst und da hatte ich die Stelle weg, mit 22-23 Mark die Woche. Als ich gerade aus der Tür komme, tritt schon wieder ein anderer die Treppe hinauf.
Wie geht es Euch denn sonst noch? Alles gesund und munter? Hoffen will ich es; Mit mir ist alles mobil. Was die Erbschaftsangelegenheit anbelangt, kannst du meinetwegen machen, was du willst. Morgen in 8 Tagen ist Freimarkt, hoffentlich kommst du dann? Ich denke ganz bestimmt, dass du kommst, aber am besten ist es am Montag, dann ist es schön; Sonntags ist es viel zu voll, dann fährst du da um halb 12 mittags fort und fährst Dienstag morgen um 5 Uhr wieder ab. Tipp-Topp.
Hast du wieder ordentlich Gesellen? Was macht’s Paletot-Geschäft? Wir haben hier schon 12 Stück. Georg Müller fragt mich bald jedes mal, wie es mit seiner Jacke ist, ob er die eigentlich noch bekäme, er macht nämlich den 1. November fort von hier. Hat Paul Küster der Photograph einen Anzug bekommen? Auch schon bezahlt?
Schreib mir bitte dem kl. Bernhard seine Adresse mit in Lüneburg. Wie geht es Hans und Sophie denn, gut? Lernt Hans tüchtig? Sonntag bin ich schon wieder 5 Wochen fort von dort, der Freimarkt wird schon aufgebaut. Ein großer Circus spielt schon seit 14 Tagen.
Sonst wüßte ich nichts mehr zu schreiben. Grüße bitte alle Nachbarn & Bekannten und verbleibe ich
mit vielen Grüßen dein Sohn Fr. Talg jn.
Bremen, den 7. 3. 10
Lieber Vater!
Teile Dir hierdurch mit, daß ich vor einigen Tagen Deinen lieben Brief erhalten habe; ich dachte schon Ihr hättet mich ganz vergessen, dass ich gar keine Nachricht wieder bekam. –
Du schriebst mir von der Verhandlung, betreffend die Erbschaft. Wenn ich hier vorgeladen werde, dann lasse ich mich über alles aufklären, so ohne Weiteres lasse ich mich da nicht zu her, das Protokoll zu unterschreiben. Dein Verhalten in Betreff dieser Sache freut mich; wenn es nichts wird & nichts zu machen ist; ja die Sache so lassen, da bin ich auch nicht für, es ist aber ja noch eine Frage ob ich in die Angelegenheit mit hinein gezogen werde, hoffentlich nicht, ich möchte am liebsten nichts von wissen.-
Lieber Vater! Ich hatte dich gebeten in dem vorigen Brief, mir die Adresse von Georg Oberhuber mit zu senden, - habe bis jetzt aber noch nichts davon gesehen;
Ich wollte nämlich fort von hier, es ist diese letzte Zeit hier allerlei vorgekommen, mit meinem Meister jedoch nicht, aber im Allgemeinen. – Was meinst du zu diesem Entschluss, bestimmt ist er ja immerhin noch nicht, unser Geschäft geht hundsmiserabel flau, ganz schrecklich, das kann mir auch viel nicht passen; wir können unsere Arbeit in 8 Tagen alle fertig haben. 2 Anzüge & ein paar Hosen, ist denn das ein Geschäft? Und erst die Emchens fehlen…, denn wird geklagt und geschimpft, ich habe 45 Mark zu bekommen, ach es ist der reine Hohn. Du schriebst mir von Tante in Harburg ihrem Geburtstag, da teile ich dir mit, daß ich daran denken werde; diesen kommenden Sonnabend ist es ja, nicht wahr? Und Du willst hinfahren? Na denn man to, denn amüsier di man. Ich hatte zuerst auch schon den Gedanken hinzufahren, aber M.-M. fehlen.-
Wenn Du hinfährst, grüße bitte alle tüchtig von mir, & sie möchten mir einmal schreiben, ich habe bis jetzt noch kein einziges Schreiben von Mama ihre ganze Verwandtschaft – Schwestern & Cousinen u.s.w. erhalten.- Das ist auch tatsächlich nicht fein, das sage ihnen man; wenn ich hinkomme, ich werde sie schön Bescheid sagen, hier von wegen immer schreiben, damit die noble Verwandtschaft nicht schimpft,, aber wieder schreiben können sie nicht; dann sind die Adressen verloren gegangen oder ER ist ja schon wieder verzogen, ja, ja, ganz schön, solche Ausreden. Du musst ihnen dieses aber lesen lassen, es ist besser.
In Betreff Heisers Anna muss ich schreiben, dass ich das sehr bedauere, da aber auch wenig an machen kann. Grüße sie man bitte mit von mir, wenn du willst, jetzt ist sie ja noch zu Hause, nicht wahr? –
Sei doch bitte einmal so freundlich & schreibe mir mal, ob Müllers ihr Climbim verkauft haben & wann & wie lange sie da noch bleiben, denn ich wollte sie dort noch gerne einmal besuchen.-
Mit vielen Grüßen u.s.w. verbleibe ich
Dein Sohn Fr. Talg jun.
Grüße bitte Hans tüchtig mit & Sophie & Bernhard & Karl! Ist sonst alles wohl?
Wie ist es denn mit dem Geschäftsgang, auch so flau wie bei uns? Meine schönen Chevraustiefel gehen schon entzwei, sie platzen schon an der Seite!
Frankfurt am Main, den 7. April 1914
Liebe Eltern!
Nachgerade wird es wohl Zeit, daß ich Euch einmal Nachricht gebe, wo ich mich eigentlich aufhalte. Heute Morgen halb 10 vor 14 Tagen kam ich hier nach ziemlich 12stündiger Fahrt an. Mein Erstes war, mich nach geeigneter Stellung umzusehen und hatte auch gleich Glück; um 11 Uhr hatte ich schon Stellung, ich ging aber noch einmal zur Innung zwecks einer anderen Stelle, erhielt auch sogleich eine und nahm auch diese an, wo ich dann auch den anderen Morgen anfing, zu meinem Schaden, ich hatte nämlich die Schlechtere bekommen.– Nun konnte ich jeden Tag wieder weiter machen und schrieb daher auch nicht eher, doch nun wurde es doch endlich Zeit. – Jetzt ist mir unter anderem auch ein Angebot gemacht worden, ich könnte bei Jurei ankommen auf Damen-Sachen, es würde ja allerdings nur bis Ende Juni dauern, dann wäre wohl für mich Schluss, aber andererseits kann es auch nach meiner Meinung nicht schaden, was meinst Du dazu, Vater? Hoffentlich bekomme ich gleich wieder Antwort, denn im Fall daß Du meiner Meinung bist, würde ich die Woche nach Ostern dort anfangen. –
Liebe Eltern!
Habt Ihr das Paket aus Wernigerode erhalten? Das Neueste ist wohl, daß ich dieses Jahr ziemlich 6 Wochen zum Kaisermanöver eingezogen werde, traurige Sache, es ist nämlich hier, diese ganzen Landesstriche.
Habt Ihr viel zu tun? Geht’s auch sonst noch gut? Der Kleinen auch? Und Hans? Ich habe gestern bis halb 9 gearbeitet und heute bis um 11 Uhr, jetzt ist es bereits schon gleich halb 1 Uhr, gehe nun noch zur Post, ich wohne nämlich im Centrum der Stadt; ist auch das Geschäft ungefähr 12 Mann, aber schwer gepinnt wird hier, ich habe schon geschimpft, knapp 2 Sakkos die Woche à 14 Mark, blitzwenig und dann was verlangt wird, 2te Probe, dann noch nachträglich Ärmel, Kragen eingeheftet & aufgeriehen, vorzeigen, so ein Bruch, ich bleibe aber auch nicht lange hier; dann geht’s der Schweiz entgegen, nach Mannheim vorerst, aber eher nicht als 14 Tage nach Ostern, oder ich nehme die Stelle bei Jurei an, na, mal sehen.
Seid nun vielmals gegrüßt von Eurem Sohn Friedrich Talg
Frankfurt a/MainKaiserhof-Straße 10, Hinterhaus 2 te Etage bei Frau Krieger
N.B. Vielen Dank noch für die Geburtstagsgratulation. Außerdem wünsche ich Euch auf diesem Wege gleich ein fröhliches Osterfest. – Von Frankfurt kann ich noch nicht schreiben, ich bin noch nicht heraus gewesen, aber kolossal rauher ist es und alle Straßen bald mit Asphalt gepflastert, aber regnen tut’s hier genau dort oben.
Eines guten Abends gehe ich hier die Hauptstraße runter, gehe ich da an einem Herrn vorbei, der mir kolossal bekannt vorkommt. ich besinne mich, gehe wieder zurück, frage den Herrn, „Sind Sie nicht aus Soltau i/H Herr W. Röders jr.?“ Ja, sagt er und erkennt mich auch, der war hier in einem großen Geschäft in Stellung gewesen und ging am ersten April wieder nach dort zurück; ich habe ihn gebeten, Soltau recht schön von mir zu grüßen. Es war nämlich Willi Röders jr. Firma Breiding.
Schon gleich nach der Lektüre dieser ersten Briefe war ich sehr erstaunt. Ich erkundigte mich bei meiner Mutter, ob sie eigentlich gewusst hatte, wo überall in Deutschland Friedo gewesen war und dass ihm sogar die Schweiz als nächstes Ziel im Kopf herumgespukt hatte. Wenn man bedachte, dass das alles über 100 Jahre her war und er nur aus einem popelig kleinen Dorf in Norddeutschland stammte… Zu meiner Überraschung nickte meine Mutter aber sofort.
„Er ist auch tatsächlich in die Schweiz gegangen. Das weiß ich von Tante Luise. Er hatte ja die höhere Schulbildung und auch seine Schneiderlehre beendet, um später mal das Geschäft seines Vaters zu übernehmen. Vorher sollte er natürlich noch recht viel Berufserfahrung sammeln und sich als junger Mann auch ordentlich den Wind um die Nase wehen lassen.“ „Ja, aber bestimmt sind doch nicht alle Schneiderlehrlinge deswegen gleich ins Ausland gegangen…“, wandte ich immer noch beeindruckt ein.
„Der Junge war eben fleißig und wendig im Kopf, der hat sich überall durchgeschlagen. Und ich erinnere mich, dass Tante Luise mir erzählte, ihr Bruder wollte sogar im Ausland geschäftliche Beziehungen knüpfen. Dafür hat er doch englisch und sogar französisch in der Schule gelernt. Die englischen Tuchfirmen haben ihn da wohl sehr interessiert…“
„Das nenne ich aber internationalen Geschäftssinn!“ scherzte ich. Aber meine Mutter nahm das durchaus für ernst: „Na klar. Deutschland hatte doch damals wirtschaftliche Beziehungen zur ganzen Welt! Der Handel florierte. Jacken aus indischer Baumwolle, Kaffee aus Südamerika, fremde Waren aus den Kolonien. So viel Neues, Exotisches konnte man kaufen. Tante Luise erzählte mir, ein Freund ihres Vaters wär als Bäcker nach St. Petersburg gegangen, und ein Verwandter von ihr hätte als Frisör in Paris angefangen. Oder die Tochter ging als Dienstmädchen nach London. Umgekehrt haben auch viele Ausländer bei uns gearbeitet. Ja, und wer es sich leisten konnte, der reiste durch ganz Europa zur Erholung und Zerstreuung. Die Wirtschaft boomte und allen ging es gut… zu der Zeit!“
Ich verstand, was sie meinte. Dieses Gefühl von unbekümmerter Freiheit, es hüpfte einem aus jeder Zeile in Friedos Briefen förmlich entgegen. Haargenau wie ein heutiger Berufsanfänger hatte er sich ins Leben gestürzt, immer auf der Suche nach einem gutbezahlten Job mit einem netten Chef und interessanter Tätigkeit. Jederzeit bereit, wenn es nicht mehr passte, kurz entschlossen die Stelle zu wechseln, neugierig auf eine neue Umgebung, andere Gesichter. Immer voll Vertrauen darauf, dass man es mit Fleiß und Ehrgeiz garantiert zu etwas bringen konnte. Ein Vertrauen, das ein Jahrhundert danach, in Zeiten von Leiharbeit, Billiglöhnen und unbezahlbar gewordenen Mieten in unseren Großstädten der heutigen Jugend geraubt worden ist. Aber damals, im Frühling 1914, da war das ganz anders…
Jenes aufstrebende Deutschland von damals hatte pulsiert vor lauter Leben. Die Nation strotzte vor Kraft, man war zweitstärkste Industriemacht der Welt nach den USA. Der technische Fortschritt und die damit verbundene Industrialisierung erlebten unglaubliche Blütezeiten, brachten einer wachsenden Masse Menschen größeren Wohlstand als je zuvor. Alles schien möglich in dieser neuen rasanten Zeit, die modernen Züge, Schiffe, die neu erfundenen Automobile und Flugapparate, sie machten die Menschen immer schneller, ließen sie immer weiter reisen, überall hin in die ganze Welt. Selbst der uralte Traum der Menschheit vom Fliegen, er war nun wahr geworden! Die Frauen erwachten zu neuem Selbstbewusstsein. Sie forderten endlich ihnen zustehende Rechte im öffentlichen Leben und waren bereit, dafür zu streiken. Das noch ganz junge Medium Rundfunk und die Zeitungen überrollten im Dienste der kaiserlichen Obrigkeit als neue Massenmedien die Bevölkerung. Sie machten die Menschen atemlos vor Begeisterung, machten sie förmlich betrunken mit berauschenden Informationsfluten über immer neue Errungenschaften in Wissenschaft, Technik, über die märchenhafte wirtschaftliche und militärische Macht des deutschen Vaterlands. Und es stimmte. Seit Napoleon hatten keine feindlichen Soldaten mehr deutschen Boden betreten. Deutschland war bis an die Zähne bewaffnet und gerüstet, dafür hatte der Kaiser gesorgt durch seine jahrelange kostspielige Aufholjagd beim Wettrüsten gegen die anderen europäischen Großmächte. Alte Bilder von früher zeugen von überall quirligem Stadtleben mit lauter sorglosen Menschen. Und genau jener bis zur Selbstgefälligkeit total unbesorgte Zeitgeist war es gewesen, der auch Friedo Talg rausgelockt hatte aus der beschaulichen Enge seines Heimatkaffs, hineingerissen in eine hektische Welt voll aufregend unbegrenzter Möglichkeiten.
Dass sie, die vielen Millionen Menschen auf einem Welthöllenvulkan tanzten, das merkte keiner. Auch nicht, dass die in seinem Innern angesammelte völkervernichtende Mischung aus übersteigerten Patriotismen, bis zur Menschenverachtung rücksichtlosen Ansprüchen und hemmungslosen Nationaleitelkeiten jeden Moment explodieren würde. Doch vor lauter wild taumelnden Imponiertänzen und vollmundigen Kraftmeiereien nahm keiner mehr das Beben und Zittern unter seinen Füßen als bedrohlich wahr. Das warnende Glühen der schon aufkochenden Kriegsmagma hielten sie für die Hitze ihres eigenen allmächtig wallenden Blutes.
Für Friedo, für sie alle, sollte dies die letzte Zeit der Unbeschwertheit gewesen sein…
An Herrn Friedrich TalgSchneidermeister in Soltau i/HannoverMühlenstraße 222DeutschlandWattwil, Schweiz, den 31.7.1914
Liebe Eltern!
Soeben ist hier der Landsturm der ganzen Schweiz mobil gemacht, alles ist in Aufruhr u. Aufregung. Es herrscht hier allgemein die Meinung vor, daß der Krieg auf der ganzen Linie entbrennt. Sollte meine Gestellung schon dort vorliegen, so sendet sie mir sofort. Wenn ich jedoch wegen allgemeiner Mobilmachung sofort einrücken muß, telegrafiere ich noch, es ist zu dumm. Ich kann schon vor Aufregung nicht mehr denken, essen, arbeiten & schlafe nicht; ich einfach total krank, wird allgemein in Deutschland mobil gemacht so fahre ich sofort nach Lindau am Bodensee, ich hätte Vater noch gerne gesprochen, ist zu traurig.
Viele meiner Kollegen sind schon eingerückt nach Österreich Dienstag ist mein Kolege von meiner Werkstatt fort, auch zahlreiche Deutsche sind schon von hier eingezogen. Heute Abend bekam mein Chef Bescheid morgen Mittag um 2 Uhr einrücken zum Landsturm. Es ist ein doller Betrieb, Kopfweh werde gar nicht mehr los. Meine Sachen lasse ich hier alle stehen beim Chef, wenn ich nicht wieder kommen sollte, könnt ihr das ja von hier schicken lassen.
Nun seid alle recht tüchtig gegrüßt von Eurem SohnFriedrich Talg jr.
Der Brief soll nämlich noch mit der Bahn.
Wie wird die Lage denn bei Euch aufgefasst? Auch so schlimm? Vorgestern ist in St. Gallen die Bank gestürmt, in Zürich geht’s auch wüst zu.–
Wattwil den 31. JuliAbends 8 UhrEuer Sohn Friedr.Viele Grüße an Vater, Mutter, Hans & kl. Luise
Diesem Brief lag noch beigefügt ein Bulletinblatt aus dem „Toggenburger Anzeiger“:
Wattwil, den 31. Juli 1914
Telegramm vom 31. Julian Sektionschef Wattwilvom Kant. MilitärdepartementEinrückbefehl für Einheiten vonLandsturm-Infanterie am 1. August 1914lt. Beschluss des Bundesrates
Wenn mir etwas klar wurde durch diesen einen Brief von Friedo unmittelbar vor Kriegsausbruch, dann waren das zwei Dinge: Zum einen schien für die Bevölkerungen der Krieg tatsächlich überraschend gekommen zu sein. Trotz protzig-provokantem Patriotismus auf allen Seiten die ganze Zeit vorher. Als ihre Regenten die Lawine tatsächlich lostraten, wurden die Millionen uneingeweihten Normalos auf der Straße einfach überrumpelt von den sich überschlagenden Ereignissen. Auch Friedo war von dieser fürchterlichen Aufregung und Hektik offensichtlich so gepackt, dass er nun plötzlich stellenweise ohne Punkt und Komma, fehlerhaft und fahrig schrieb.
Zum anderen hatte ich den schriftlichen Beweis vor Augen, dass damals eben doch nicht alle Menschen in rauschhafte Kriegsbegeisterung verfielen, wie es die Geschichtsbücher oft lehren. Friedo Talg jedenfalls war bei allem Patriotismus keine Sekunde lang erfreut oder gar begierig darauf, in diesen Krieg zu ziehen. Elend, krank und zutiefst beunruhigt musste er sich gefühlt haben beim Schreiben dieser Zeilen, und zugleich schon komplett aufgesaugt von der Planung aller nötigen Vorbereitungen im Falle seiner Kriegseinberufung.
Erstaunlicherweise schien er auch nicht eine Minute lang wenigstens überlegt zu haben, ob und wie er sich dem drohenden Geschick rechtzeitig entziehen könnte. Immerhin kam da eine lebensgefährliche Katastrophe mit Riesenschritten auf ihn zugerast, die er weder gewollt noch verursacht hatte. Stattdessen fügte er sich gelähmt und völlig wirr im Kopf in alles Kommende. Ließ sich zusammen mit seinen konfusen Zeitgenossen mit- und fortreißen in den wild kreisenden Strudel dieses urplötzlich sich auftuenden Schwarzen Lochs der Menschheitsgeschichte. Denn keiner hatte den Funken ernst genommen, der die Lunte am Pulverfass Europa schon Ende Juni 1914 entzündete. Das Attentat in Sarajewo, bei dem der österreichische Thronfolger samt Ehegattin umkam, es hatte in Deutschland tatsächlich niemanden sonderlich aufgeregt. Im Gegenteil. Es muss damals ein ausgesprochen schöner Sommer gewesen sein. Alle Welt genoss ihn. Man machte nette Ausflüge mit der Familie ins Grüne. Die Reichen fuhren in teure Ostseebäder oder in die Sommerfrische in den Bergen. Der Kaiser selber befand sich wie jedes Jahr um die Zeit mit seiner Yacht auf Kreuzfahrt und ließ sich die nördliche Meeresbrise um die Nase wehen.
Erst am 29. Juli 1914, als Österreich Serbien wirklich angriff und der Zar einen Tag danach Mobilmachung befahl, dämmerte es allen: Der Krieg kommt!
Für meine Mutter, mit der ich manchmal über das alles sprach, war die Sache klar wie dicke Tinte. Alles war passiert vor allem wegen ein paar verrückter serbischer Nationalisten! Mit ihrer saudummen Mordtat in Sarajewo lieferten diese Hitzköpfe dem schon halb senilen alten Kaiser Franz von Österreich doch nur einen Grund zum Draufschlagen. So einen Vorwand hatte der doch schon lange sehnsüchtig gesucht, um den serbischen Untertanen seines Reiches endlich kräftig eins auf die rebellischen Mützen geben zu können. Das war schon längst fällig gewesen, um die gefährlich starken Nationalismen überall ein für alle Mal niederzuschlagen und wieder Ruhe herzustellen in der guten alten K.u.K-Monarchie.
Das ist sicherlich richtig, aber eben leider nur ein Teil der vielschichtigen Wahrheit. Um es klarzustellen, zunächst mal war das nur ein regional begrenztes Herrschaftsproblem des österreichischen Kaisers. Dass daraus aber Weltkrieg Nummer Eins und Vorläufer von Weltkrieg Nummer Zwei werden konnte, das ist ganz sicher die Schuld aller europäischen Großmächte und ihrer Regenten damals.
Da war zuerst mal der österreichische Kaiser selber, der seinen ordentlichen Schuldanteil dazu beitrug. Senil oder nicht, aber der Alte wusste immerhin noch, dass Russland seinen slawischen Brüdern helfen würde. Also suchte er Schützenhilfe beim Berliner Amtskollegen Wilhelm. Und die Rechnung ging auf! Tatsächlich sagte der Dilettant auf dem deutschen Thron dem Österreicher bei dessen Angriff auf Serbien vollste Unterstützung zu. Ganz komfortabel beim Frühstück mit dem österreichischen Botschafter, so zwischen Tass’ Kaffee und Schinkenbrötchen, hat er seine Blankovollmacht gegeben und damit den Riegel zum Höllentor weg gezogen. Dies dürfte wohl der erste maßgebliche Beitrag des deutschen Kaisers zur Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs gewesen sein.
Und England? Noch am 25. Juli telegraphierte Außenminister Grey an alle Botschafter des Empire, der Balkankonflikt sei „not our concern“, betreffe England also nicht. Sprach’s und war dann mal weg auf seinen noblen Landsitz. Zum Fliegenfischen.
Der alte Franz mit Wilhelms Blankovollmacht in der Tasche erklärte den Serben folgerichtig und umgehend den Krieg. Woraufhin Zar Nikolaus sich als Schutzmacht der serbischen Brüder aufspielte und die Generalmobilmachung verkündete. Es zeigte sich, dass in ganz Europa niemand da war, diesen galoppierenden Wahnsinn zu stoppen. Weder Minister, noch Diplomaten, noch Generäle, geschweige denn die gekrönten Zwergenhäupter. Dieser Ausdruck stammt übrigens nicht von mir, sondern noch von Tante Luise. Bei einer unserer früheren Unterhaltungen hatte ich stolz mit meinem Schulwissen geglänzt, dass der englische König, unser deutscher Kaiser und der russische Zar sogar eng verwandt gewesen waren. Sehr bissig hatte Tante Luise dazu nur gemeint: „Cousins waren das alle drei, untereinander waren das der Willi und der Nicki und der liebe George. Hat uns aber nichts genutzt. Unfähige Zwerge mit Krone waren das, die uns dies unsägliche Kriegsleid eingebrockt haben.“
Bei einer anderen solchen Gelegenheit hatte ich es gewagt zu bemerken, dass der deutsche Kaiser immerhin quasi in letzter Minute doch noch versucht hatte, seinen Zarencousin dazu zu bewegen, die russische Mobilmachung rückgängig zu machen. Da bekam ich dann Gelegenheit, Tante Luises beeindruckendes Langzeitgedächtnis zu bewundern. Direkt aus dem Stehgreif rezitierte sie ziemlich höhnisch einen damaligen Ausspruch Wilhelms des Zweiten: „Ich hoffe, dass, wenn es nicht in letzter Stunde meinem Bemühen gelingt, die Gegner zum Einsehen zu bringen und den Frieden zu erhalten, wir das Schwert mit Gottes Hilfe so führen werden, dass wir es mit Ehren wieder in die Scheide stecken können.“
Sehr verbittert hatte Tante Luise dann noch hinzugefügt: „Er hatte gut reden. Weder er noch seine gesamte buckelige Verwandtschaft in und außerhalb Deutschlands haben das Schwert selber geführt. Da hat der feige Krüppel wohlweislich lieber andere vorgeschickt. Meinen Bruder beispielsweise…“
Ich fand das zwar hart ausgedrückt, aber ich konnte und kann ihr brutales Urteil über diesen Menschen gut nachvollziehen. Zur Figur unseres letzten Kaisers und seiner Persönlichkeit wurde gerade in den letzten Jahren viel nachgeforscht und herausgefunden. Heute wissen wir, dass dieser in höchste Macht- und Herrschaftsverhältnisse hineingeborene Mann namens Wilhelm Zeit seines Lebens unter starken Minderwertigkeitskomplexen, Unsicherheit und sogar Ängsten litt. Ein Grund dafür war sicher sein körperliches Handicap, sein seit der Geburt gebrauchsunfähig verkrüppelter Arm, auf allen Fotos und in der Öffentlichkeit immer sorgfältig versteckt, aber doch sein allgegenwärtiges Problem. Alle damals möglichen Operationen, Elektrotherapien, Streckgestelle und sonstigen angewandten Torturen waren ebenso sinnlos wie traumatisierend. Durch eine lieblose, überfordernde Erziehung ohne Nachsicht oder Verständnis kam zu seiner körperlichen auch noch eine seelische Deformierung. Die arrangierte Ehe mit einer standesgemäßen aber ungeliebten Frau gab ihm den Rest. Ein arrogantes, egomanisches und zugleich in sich zerbrochenes Wesen war geschaffen. Absolutistisch wie seine Vorfahren wollte der eigentlich labile Wilhelm regieren, ohne Rücksicht auf Parlament, politische Parteien oder die öffentliche Meinung. Sein rein äußerlicher straff-soldatischer Drill war nur Fassade. Hochgradig nervös veranlagt redete er ständig wie ein Wasserfall und war kaum fähig, länger als eine Minute still zu sitzen. Obendrein hielt er auch noch gern unbedachte Ansprachen, die vor allem im Ausland Zweifel an seiner geistigen Gesundheit erweckten. Nach außen gab er sich gewollt forsch, trat gern bewusst militärisch auf in schneidiger Uniform. Oder zeigte sich am Steuer seiner Yacht als der große Lenker, mit stolz gewichstem Hoch-lebe-Deutschland-Bart. Er liebte es pompös und heroisch, strebte nach einem forcierten Ideal von Männlichkeit. Hinter seinem heftig gelebten Uniformfetischismus ließ sich der schlaff herunter hängende Arm gut verbergen. Hier wenigstens konnte er Halt finden und seinen maßlosen Traum von einer gewaltigen deutschen Kriegsflotte verwirklichen. Und sein militärisches Prestigeprojekt kam hierzulande durchaus gut an, das muss man zugeben. Der Flottenkaiser Wilhelm war so populär bei der Bevölkerung, dass all die kleinen Söhnchen in Mini-Matrosenanzüge gesteckt wurden, wenn man als Eltern nur irgend das nötige Kleingeld dafür hatte.
Hinzu kam, dass Wilhelm durch seine englische Großmutter Queen Victoria eng verwandt war mit dem britischen Königshaus. In seiner Eigenschaft als deutscher Kaiser und auch persönlich strebte er krampfhaft nach Gleichrangigkeit als Weltmacht mit England. Leider empfand ihn der englische Adel einfach nur als lärmend und stillos, ein peinlicher Parvenu ohne britisches Understatement, aber mit gefährlichem Ehrgeiz. Denen wollte er es unter allen Umständen zeigen! Oder, wie Tante Luise es treffend formulierte: „Wilhelms Seele war ebenso verkrüppelt wie sein Arm! Im Grunde genommen war er nur ein schwächlicher Zwerg, krankhaft süchtig nach Anerkennung. Wie hätte er da zurück rudern können?“
Ich meinte allerdings, der Gerechtigkeit halber einwenden zu müssen, dass der Zar aber auch nicht nachgegeben hätte. Damit hatte ich aber erst recht Wasser auf Tante Luises Mühlen gegossen, und sie sprudelte förmlich hervor: „Auch so ein herrschaftlicher Versager. Muss in der hochadeligen Familie gelegen haben. Der blieb genauso in seinem sicheren Palast sitzen wie sein feiner Cousin aus Berlin und ließ andere für sich sterben. Friede trotzdem seiner Seele, er hat bezahlt für seine Schuld, da haben die Bolschewiken mit ihrer Revolution für gesorgt. Wir Deutsche haben es ja nie geschafft, selber mit unserer Obrigkeit aufzuräumen.“
Wie auch immer, die nächste, alles entscheidende Todsünde war dann definitiv vom deutschen Kaiser begangen worden. Da waren wir uns dann beide wieder einig gewesen.
An Familie TalgSchneidergeschäft in Soltau i/ HannoverDeutschland
Die letzten Grüße von Schweizer Boden sendet Euch & allen Lieben dort, Verwandten & Bekannten
Euer Friedr. Talg
Heute Nachmittag treffe ich ein, ich schreibe dann gleich.Wer weiß, ob wier wiedersehen!!!
Diesen Kartengruß Friedos aus der Schweiz vom 4. August 1914 erhielt die Familie lt. Notiz des Vaters am 18. August 1914.
Telegramm aus Buchloe 2, aufgenommen 4.8.1914 um 5 Uhr
(Blatt Nr. 017, Leitungsnr. 1424, Talg)(Telegraphie des Dt. Reichs, Amt Soltau /Hannover vom 4.8.1914 um 11 Uhr)
Fahre soeben nach Augsburg. Nachricht folgt.
Friedo
Hundert Jahre später saß ich nun hier und betrachtete die schweizerische Karte und das Telegramm aus Buchloe mit sehr gemischten Gefühlen. Als Friedo zu dem Zeitpunkt schon im Zug nach Augsburg saß mit dem Befehl in der Tasche, sich dort bei seiner Militäreinheit zu melden, wie furchtbar musste er sich da gefühlt haben. Was für düstere Gedanken mussten ihn gequält haben auf dieser langen Fahrt zurück nach Deutschland, während sein Zug durch die unbekannte schwäbische Landschaft ratterte, vorbei an dem Ort, wo heute mein Haus steht. Denn kurz zuvor hatte sein Kaiser das Verhängnis entfesselt. Am 1. August hatte Wilhelm der Zweite seine historische Schuld an der Urkatastrophe Europas auf sich geladen und den entscheidenden Schritt getan. Er hatte Russland den Krieg erklärt.
Als Friedo an diesem 4. August 1914 beide Nachrichten nach Hause an seine Eltern in Soltau abschickte, da war die höllische Kettenreaktion bereits in vollem Gange. Denn es war dies der Tag gewesen, an dem Deutschland auch Frankreich den Krieg erklärte und sofort ohne Vorwarnung ins neutrale Belgien einmarschierte. Woraufhin England als dessen Schutz- und Garantiemacht umgehend Deutschland den Krieg erklärte.
Noch als betagte alte Frau konnte sich Tante Luise über diese Ereignisse und alle dazu gehörigen näheren Umstände aufregen. „Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf zu den Waffen!“ pflegte sie dann den damaligen Aufruf des Kaisers per Rundfunk ans Volk laut zu rezitieren. „Das war eine verbrecherische Lüge, damit hat er die Bevölkerung direkt in den Krieg getrieben. Dabei war er es, der den Frieden gebrochen und Belgien überfallen hat“, ereiferte sie sich oft. „Das war nicht nur ein offener Bruch des Völkerrechts. Das war auch schreiend dämlich!“ Bis an ihr Lebensende hat Tante Luise nämlich nie verstanden, wie so viele kluge Leute aus den damaligen Machtkreisen, wie diese sämtlichen überwiegend adeligen Regierungsmitglieder, Diplomaten und sogar Generäle alle miteinander derart versagen konnten. Oft schüttelte sie den Kopf darüber, wie so viele vernunftbegabte Menschen allen Ernstes derart dumm sein konnten, anzunehmen, Deutschland könnte quasi allein nur mit österreichischer Hilfe einen Krieg gegen den Rest der Welt gewinnen.
Ich habe natürlich versucht, ihr das so zu erklären, wie ich es in der Schule gelernt hatte. Nämlich dass das nicht nur in Deutschland so war. Damals hatten überall in Europa überwiegend die Adeligen das Sagen. Die fürchteten nun in einer Zeit auflodernder Forderungen von immer größeren Bevölkerungsgruppen im eigenen Land und europaweit nach mehr sozialen und politischen Rechten alle gleichermaßen um ihre Macht. Dazu kam, dass diese Herrscherkasten nicht nur bei sich zu Hause um ihre gesellschaftlichen Privilegien, sondern auch als Nationen um ihre Vormachtstellungen und Einflüsse in Europa und der Welt fürchteten. Deshalb hatten ja alle Großmächte des Kontinents in wahnsinnig teurem Wettkampf um die neuesten Technologien wie die Irren jahrelang massiv aufgerüstet und ließen die zum Platzen mit modernsten Waffen aufgepumpten Muskeln spielen. Irgendwann schien dann für die Regierenden in Deutschland ein Krieg führbar und der eigene Sieg möglich zu sein. Blöderweise dachte das aber eben nicht nur die deutsche Seite von sich, sondern auch jeder der anderen Mitspieler in diesem brandgefährlichen Spiel.
Das allerdings interessierte unseren letzten Kaiser damals gar nicht. Er hatte ja den berühmten Schlieffenplan. Den „Graf-von-Schlieffen-Plan“, wie Tante Luise gerne rebellisch betonte, wenn das Gespräch drauf kam. Dieser Plan sollte ein Problem lösen, das Wilhelms stümperhafte Diplomatie in den Jahren seiner Herrschaft überhaupt erst geschaffen hatte. Nämlich die Möglichkeit eines Zwei-Frontenkriegs für Deutschland im Konfliktfall. Infolge seines fehlenden politischen Talents hatte er es zugelassen, dass der alte „Erbfeind“ Frankreich eine Allianz mit Russland geschlossen hatte. Der Schlieffenplan setzte für diesen Fall auf absolute Geschwindigkeit. Was bedeutete: Ruckzuck Frankreich besiegen, bevor das langsame Russland seine Angriffstruppen richtig beisammen hatte. Also erst zackig durch Belgien durchmarschieren Richtung Paris. Die Franzmänner mal eben in 42 Tagen besiegen. Dann hurtig zurück nach Russland und dort alles platt machen. Weihnachten sollten die deutschen Soldaten wieder zu Hause sein und mit Familie den Sieg unterm Tannebaum feiern. So hatte sich das der selige Graf von Schlieffen gedacht, und so wollten es der Kaiser und seine Strategen machen.
Der schöne Plan hatte nur einen einzigen Schönheitsfehler. Er war leider schon so zwei, drei Jahrzehnte alt und damit längst nicht mehr up to date. Seit dem letzten verlorenen Krieg gegen Deutschland im Jahre 1871 hatte Frankreich beispielsweise die Zeit gut genutzt. 166 neue Festungen hatte es inzwischen an seiner Grenze gebaut als Schutz vor einer nächsten möglichen Invasion der Germanen.
Und in Belgien hatte sich zwischenzeitlich auch was getan. Es hatte inzwischen den Status der Neutralität inne. Mit England als Schutzmacht.
Es war also ganz und gar keine gute Idee gewesen, trotz der völlig veränderten Sachlage stur an diesem Uralt-Plan festzuhalten. Denn zum einen bedeutete der strategische Angriff mit 960000 deutschen Soldaten auf das neutrale Belgien nun einen Bruch des internationalen Völkerrechts. Zum anderen wurde damit England in seiner Rolle als Schutzgarant in diesen Krieg zwangsläufig reingezogen. Deutschland hatte durch die unglaubliche Dummheit seines Herrschers unversehens und völlig außer Plan einen zusätzlichen Gegner an der Gurgel. Aber das war egal. Das musste jetzt einfach sein. Schon viel zu lange hatten die deutschen Militärs heftig geliebäugelt mit Kriegsplänen gegen Russland, das nach ihrem Geschmack verboten stark geworden war. Das brauchte dringend eins über den Schädel, und Frankreich als dessen Verbündeter vorbeugend mal gleich mit. Und die Engländer? Die hatten bislang während der ganzen Krise seit dem Attentat in Sarajewo keine klare Position bezogen. Die würden bestimmt weiter keine Lust auf Krieg verspüren und sich aus allem raushalten… hoffentlich. Außerdem ließ der Plan auch gar keine Zeit mehr zum Nachdenken. Nach der russischen Mobilmachung hatte Deutschland sofort Frankreich anzugreifen. Diplomatisches Krisenmanagement? Nicht im Plan. Unvorhergesehenes, Fehler, Zufälle? Durfte es eben nicht geben. Einen politischen Rückzieher? Ging gar nicht - aus Prestigegründen. Dann lieber Krieg! Das sah nicht nur der Kaiser so. Seine Generäle, die Banken und natürlich die ganze Rüstungsindustrie fanden das auch. Verständlich, weil letztere ja grundsätzlich zu allen Zeiten und überall an Kriegen richtig gut verdienen. Wohl bedauerte selbst der damalige Reichskanzler Bethmann-Hollweg: „Der Sprung ins Dunkle ist schwerste Pflicht!“ Aber springen tat er trotzdem.
„…ließ er andere springen!“ hatte mich Tante Luise bei einer unserer Diskussionen darüber ausgesprochen süffisant berichtigt. „Dieser Herr von Bethmann-Hollweg“, dabei betonte sie das „Von“ vor dem Namen bedeutungsvoll, „der hat, glaube ich, keine Minute lang sein kostbares Leben an der Front im Schützengraben riskiert. Genauso wenig wie der Kaiser!“
Ich hatte zwar eingewendet, dass der arme Wilhelm doch recht bald im Krieg immer weniger zu melden gehabt hätte und irgendwann nur noch als Orden verleihender Grüßaugust in Erscheinung trat. Weil seine Militärs und der Kanzler zunehmend den Kurs bestimmten. Aber da hatte ich bei Tante Luise einen nicht diskutierbaren Punkt erwischt: „ER hat sein Land mit Lügen und aus egoistischen Gründen in den Krieg geführt und ER hatte bis zum letzten Tag alle Befehlsgewalt über die Armee“. Da blieb sie unerbittlich. Von dieser seiner schweren historischen Verantwortung sprach sie ihn niemals frei. Aber genauso wenig hielt sie mit ihrer Meinung hinter dem Berg, wenn es um die Verantwortung der Bevölkerung selber ging.
Daran erinnerte ich mich beim Lesen der folgenden Briefe ihres Bruders.
Das heißt, natürlich gingen nicht alle. Vor allem die nicht, die diesen Weltenbrand federführend entzündet hatten. Also in erster Linie die erlauchten und gekrönten Häupter Europas samt hochwohlgeborener Verwandtschaft. Nicht zu vergessen die obersten Bonzen und Banker, Generäle und Industriellen, die sich im Dunstkreis der Macht tummelten, um am Krieg mitzuverdienen, vom Sieg mit zu profitieren. Diese Herrschaften setzten auf klare Arbeitsteilung. Sie bestellten den Krieg und alle Gewinne daraus. Das Menschenmaterial weiter unten in der Nahrungskette bezahlte den Blutpreis. Und es funktionierte. Die vielen Millionen Untertanen überall in Europa gingen tatsächlich auf diesen internationalen Abzockerdeal für Patrioten ein. Sie waren es, die als deutsches, österreichisches, russisches, französisches oder englisches Kanonenfutter geradewegs in den Krieg an die Front marschierten. Mitten unter ihnen … Friedo Talg.
Augsburg, 05. August 1914
Liebe Eltern!
Es sind vielleicht die letzten Zeilen, die Ihr von mir bekommt, ich habe mich gestern in die Gefechtsbatterie gemeldet und werden wir übermorgen oder Sonntag ins Feld machen. Man kann es sich nicht verhehlen, daß wir schweren, sogar sehr schweren Stunden entgegen sehen. Aber die tödliche Langeweile, welche einen hier überfällt, wenn man doch bedenken muß, daß vielleicht schon die letzte Stunde naht; und zusehen muß, wenn sich die Kameraden schon schlagen: Trotzdem alledem. - So empfindet man einen bestimmten Reiz doch so schnell als möglich hier raus und vor den Feind, den ich kennenlernen werde.
Ich habe Karte & Expressbrief, Telegramm an Euch geschrieben, weshalb bekomme ich keine Antwort? In Lindau hatte ich noch Hoffnung Vater zu sehen, aber vergebens, bis Sonntag werden wir hier in Augsburg bleiben & 8 Tage später werdet Ihr vielleicht dies Paket & diese Zeilen erhalten. Dann haben wir sicher schon Schlachten geliefert. Wir kommen sehr wahrscheinlich gegen die Franzosen nach Belfort, doch ist es noch nicht gewiß. Meine Sachen habe ich in Wattwil /Toggenburg stehen lassen bei Firma Zeller, Ihr könnt Euch dieselben ja mit schicken lassen, wenn ein paar Wochen verflossen sind und hier ist es ruhiger, die Schlüssel sende ich Euch hiermit schon mit. Hoffentlich bekomme ich von Euch noch ein Lebenszeichen, unter der genauen Adresse:
An Friedr. Talg
1.Bairisches Reserve-Artillerie-Regt.Erstes Corps5.te Batterie
Hoffentlich auf WiedersehenEuer Sohn Friedrich Talg
Hoffentlich ist dort alles wohl, ich kann nur nicht begreifen, daß Ihr nicht schreibt oder meint Vater noch so optimistisch wie früher, es wird noch nichts? – Das ist allerdings bitter. Doch will ich mich da weiter nicht auf einlassen, aber ich bedauere, daß ich nicht einmal eine Nachricht bekam, wo doch die Sache so ernst stand; aber das hat ja immer noch Zeit hreiben, erst mal abwarten. In der Schweiz war wenigstens große Begeisterung für die eigene Sache, wie auch für die Deutschen, da habe ich Freude gehabt. Ich habe eine richtig schwermütige Stimmung heute, gestern war ich so froh, es ist gediegen.
Na,’s grüßt euch nochmal Euer Sohn Friedr.
An Familie Talg, SchneidergeschäftIn Soltau /Hann., Mühlenstraße 222
Augsburg, den 11. August 1914
Liebe Eltern!
Bis jetzt habe ich von Euch noch keine Nachricht erhalten, wo ich doch bestimmt eine erwarten durfte, ich bin ganz im Zweifel über Euer so langes Stillschweigen, ich hoffe & hoffe & bekomme doch nichts, habt Ihr meine Sachen erhalten? Und die Karten und Briefe & Telegramm?
Morgen geht’s zur Grenze. Viele Grüße Euer Friedo
Bair. Res. Feld. Art. Regt. N° 1, 5.te BatterieFeldpostkarte oder Brief!!!
Der arme Friedo! Patriotismus hin oder her, aber Angst, vielleicht bald sterben zu müssen, die hatte er trotzdem gehabt. Ganz mutterseelenallein war er da gewesen mit diesem elenden Gefühl, und seine Eltern meldeten sich nicht mal. Es hatte Tante Luise immer zu schaffen gemacht, dass ihr Bruder sich in dieser schlimmen Seelenverfassung obendrein mit Zweifeln über ausbleibende Nachricht seiner Familie quälen musste. Aber das hatte gar nicht gestimmt. Selbstverständlich hatte der Vater ihm geschrieben, mehrfach sogar. Aber in den ganzen Wirren der ersten Kriegsvorbereitungen hatte es eben furchtbar lang gedauert, bis die zusätzlichen Massen Post der Millionen besorgten und aufgeregten Familien zu Hause an ihre so überraschend schnell als Soldaten eingezogenen Söhne, Brüder, Väter endlich ankamen. Tante Luise hatte mir schon früher erzählt, dass ihr Vater wie auch Friedo nie wirklich diese Kriegsbegeisterung teilen konnten. Und genau das fühlte ich nun auch heraus aus diesen beiden Briefen. Den Feind, den musste er, wie er schrieb, erst noch kennen lernen. Er fühlte also bis dahin eigentlich gegen niemanden Hass oder tödliche Feindschaft. Aber der Kaiser hatte nun bestimmt, dass sich das zu ändern hatte. Irgendwann fragte ich Tante Luise mal, warum so viele andere Leute in Deutschland diesem Kaiser durchaus mit einer gewissen Euphorie, zumindest aber willig in diesen Krieg gefolgt waren. Selbst Friedos Briefe spiegelten seine innerliche Zerrissenheit wider zwischen Angst, fehlender Kriegslust einerseits und dem patriotischen Wunsch andererseits, den schon kämpfenden Kameraden in der Schlacht beizustehen für die gemeinsame Sache.
„Du vergisst eines“, hatte mich Tante Luise damals als Antwort auf meine Frage belehrt. „Es war eine andere Zeit, und man war anders erzogen. Nicht nur der Kaiser zeigte sich betont männlich immer in Uniform. Die Bevölkerung selber hatte sehr wohl auch diese große Bewunderung für die starken Kerle hinterm Steuer von Flugzeugen oder Rennwagen. Den bunten Rock der Soldaten zu tragen, galt als schick. Nicht umsonst schickten alle Adeligen ihre Söhne möglichst zum Militär, damit sie dort Karriere machen sollten. Und die sogenannten Ehrenduelle waren auch in den besseren bürgerlichen Kreisen weit verbreitet. Mut, Ehre, edles Kämpfertum, das waren Tugenden in der ganzen Gesellschaft. Deshalb sind ja anfangs die ganzen Rekruten mit Hurra-Geschrei auf die feindlichen Stellungen zugerannt, mit geschwungenen Säbeln mitten rein ins Dauerfeuer der MGs und Feldkanonen. Sie dachten, der Krieg sei ein Abenteuer, das sie zu Helden machte. So war das damals mit der Erziehung!“
