Mit Überschall durch den Kalten Krieg - Wulf "Buddy Beeck - E-Book

Mit Überschall durch den Kalten Krieg E-Book

Wulf "Buddy Beeck

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Beschreibung

Die Karriere des Autors als Marineoffizier und dort u. a. als Flugzeugführer der Bundesmarine ist ein zeitgeschichtliches Dokument der deutschen Geschichte während des Kalten Krieges. Beschrieben werden lückenlos die Erlebnisse aus seiner mehr als 30-jährigen Zugehörigkeit zur Bundesmarine

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Seitenzahl: 403

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Wulf Beeck

Mit Überschall durch den Kalten Krieg Ein Leben für die Marine

2013

neu überarbeitet 2015

Wulf BeeckOsterdamm 1924983 Handewitt

Titelbild: Wulf Beeck

© Wulf Beeck

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Inhaltsverzeichnis

Die Vorgeschichte

1.  Kapitel: Bei der Offizierbewerber Prüfzentrale

2.  Kapitel: Die Grundausbildung in Glückstadt

3.  Kapitel: An der Marineschule Mürwik

4.  Kapitel: „Bierzapflehrgang“ an der MUS in Plön

5.  Kapitel: Beim Fluganwärterregiment n Uetersen

6.  Kapitel: Meine Kommandierung in die USA

7.  Kapitel: Ausbildung in Sheppard auf der T-37

8.  Kapitel: Ausbildung auf der T-38

9.  Kapitel: F-104 Waffentraining auf der Luke Air Force Base, Arizona

10.  Kapitel: „Sea Survival Lehrgang“ in Homestead, Florida

11.  Kapitel: Rückkehr nach Deutschland

12.  Kapitel: Meine neuer Standort in Tarp / Eggebek

13.  Kapitel: Europäisierungskurs in Jever (Wetterumschulung)

14.  Kapitel: Die Zeit bei meinem Einsatz-Geschwader, MFG 2

15.  Kapitel: NATO-Staffelaustausch nach Lossiemouth/ Schottland

16.  Kapitel: Absturz auf Terschelling

17.  Kapitel: Die 1. Staffel des MFG 2 bekommt einen neuen Staffelchef

18.  Kapitel: Staffelaustausch nach Tanagra, Griechenland

19.  Kapitel: Der Absturz von Joachim von Hassel

20.  Kapitel: Der Flugbetrieb geht weiter

21.  Kapitel: Als Bergungsleiter bei der Segel-Olympiade in Kiel

22.  Kapitel: Der Sauerstoffzwischenfall

23.  Kapitel: Als Hörsaalleiter an der Marineschule-Mürwik

24.  Kapitel: Inspektionschef bei der Marinefliegerlehrgruppe / Sylt

25.  Kapitel: Kompaniechef der Schweren Sicherungskompanie / Tarp

26.  Kapitel: Bootsoffizier an der Marineschule-Mürwik

27.  Kapitel: Als Truppenfachlehrer Nautik an der MSM

28.  Kapitel: Lehrer beim TTTE Cottesmoore in England

29.  Kapitel: Zurück in Deutschland

30.  Kapitel: Noch einmal Dienst an der MSM als Nautiklehrer

31.  Kapitel: Mein letzter Dienstposten: IT-Sicherheitsoffizier der Flotte

Nachruf

Anhang: Hinweise auf YouTube

Die Vorgeschichte

Mit 18 Jahren hatte ich dem Elternhaus den Rücken gekehrt und war einer alten Familientradition folgend Seemann geworden. Mit einem der letzten Schiffe, auf dem ich noch als Mannschaftsdienstgrad fuhr, transportierten wir US-amerikanische Panzer aus Kanada nach Deutschland. Die Bundeswehr war noch immer im Aufbau begriffen und bezog sehr viele Waffensysteme aus den USA. Wir Seeleute turnten unten in den Ladeluken auf den Panzern herum, mussten diese mit dicken Balken und schweren Ketten festlaschen, um so zu verhindern, dass die Ungetüme bei schlechtem Wetter in Bewegung gerieten und wohlmöglich das Schiff in Schieflage brächten. Da die Panzer vom Typ M43 nicht verschlossen waren, als sie so dort unten im Schiffsbauch von uns festgezurrt wurden, kletterte ich aus Neugier in diesen Dingern herum und bekam sofort eine Beklemmung wegen der Enge in diesen stählernen Kisten. Ich stellte mir vor, wie einer Panzerbesatzung auf dem Gefechtsfeld zu Mute sein musste, mit solch einem Tank als Zielscheibe durch die Gegend zu fahren. Nur das U-Bootfahren konnte noch schlimmer sein. So jedenfalls stellte ich mir das vor.

Zu dieser Zeit lag bei unserem nächsten Einlaufen in Hamburg und einem Kurzbesuch zu Hause bei meinen Eltern ein Brief von einer Wehrerfassungsstelle der Bundeswehr auf dem Tisch.

„Sie haben sich dort und dann … zur Wehrerfassung zu stellen. Militärfahrschein 2. Klasse liegt bei.“

Also gönnte ich mir diese kostenlose Bahnfahrt und sah mich mit einer intensiven Befragung konfrontiert.

„Sie sind ja nun Seemann. Da werden sie ja gar nicht eingezogen“ tönte es von der anderen Seite des Tisches. Seeleute wurden Anfang der 60ger Jahre generell nicht eingezogen. Die noch im Aufbau befindliche junge Bundesrepublik brauchte dringend Seefahrer. Das wirtschaftliche Wachstum der Republik nach dem verlorenen zweiten Weltkrieg hing entscheidend von der Ein- und Ausfuhr von Waren aus aller Welt ab. Mein Gegenüber fuhr fort:

„Falls sie aber dennoch einmal zu uns kommen sollten: sie gehen dann doch bestimmt zur Marine, oder?“

Ich wollte mich da nicht gleich festlegen und antwortete wahrheitsgemäß. „Das ist mir egal, wohin ich komme, aber auf keinen Fall zu den Panzern“

„Warum denn nicht?“

Ich erzählte ihm meine Empfindungen und meine Bedrückungen, die mir vom Herumturnen in den M43 an Bord nur zu gut in Erinnerung geblieben waren.

„Wie groß sind sie denn eigentlich?“

„1,82“

„Dann kommt für sie die Panzertruppe nicht in Frage. Sie sind zu groß“.

Er notierte das auf der vorderen Seite des Erfassungs-Bogens. Ich konnte über Kopf mitlesen:

-Zu groß für alle Panzer-

Als sich die Bundesmarine um Handelsschiffsoffiziere bemühte, studierte ich gerade an der Seefahrtschule in Hamburg, um mein Nautisches Patent „Seesteuermann auf Großer Fahrt“ zu erwerben. Ich las irgendeine Annonce in der Zeitung, mit der sich die Marine in wohltuenden Worten um Umsteiger von der Handelsmarine bemühte.

Zu dieser Zeit hatte ich gerade meine erste feste Beziehung zu einem netten Mädchen und wir hegten vorsichtig Heiratspläne. Allerdings versuchte ich ihr klar zu machen, dass ich noch nicht heiraten würde, solange ich fast ständig von zu Hause fort und mit großen Schiffen die Weltmeere befahren würde. Aber durch das Angebot aus der Annonce, mich als Nautiker möglicherweise in die Reihen der Marine aufzunehmen, schien eine sehr gute Möglichkeit gekommen zu sein, um mit einem festen und vermutlich gut bezahlten Beruf als Offizier der Bundesmarine an Land bleiben zu können. Aber es musste erst einmal klappen mit einer Bewerbung und schließlich auch mit der erhofften Übernahme. Schließlich würde die Bundesmarine sicherlich auch nicht jeden haben wollen.

1. KapitelBei der Offizierbewerber Prüfzentrale in Köln

Ich bewarb mich und teilte ihnen gleichzeitig mit, wann ich mit dem Studium an der Seefahrtschule fertig sein würde und dass mir meine Reederei, die Hamburg-Amerika-Linie, für unmittelbar nach erfolgreichem Abschluss des Studiums bereits mein erstes Schiff als Nautiker angeboten hatte.

Man lud mich zur Offizierbewerber Prüfzentrale, kurz OPZ genannt, nach Köln ein. Drei Tage sollte diese Auswahl- und Eignungsprüfung dauern. Militärfahrkarte 2. Klasse Hin- und Rückfahrt lag bei.

Da saß ich nun in Köln zusammen mit etlichen und durchweg viel jüngeren Bewerbern, musste englischen Text ins Deutsche übersetzen, Rechenaufgaben lösen, Quadrate und Dreiecke und andere Figuren irgendwie zu wieder anderen Figuren hinzuordnen und was weiß ich, was noch alles von mir abverlangt wurde.

Sogar ein gemeinsames Mittagessen mit Prüfoffizieren stand auf dem Stundenplan.

Mir ging der Begriff „Messer- und Gabellehrgang“ durch den Kopf. Allerdings konnte mich so ein gemeinsames Essen überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Meine Großeltern und Eltern hatten mir zum Glück rechtzeitig verboten, mich während eines Essens mit der Gabel am Hals zu kratzen. Ich merkte sofort, dass die Herren Prüfer mit der Konservation so lange warteten, bis man gerade einen Bissen von der Gabel in den Mund geschoben hatte. Meine Mitprüflinge, ich glaube es saßen drei Prüfoffiziere und drei Prüflinge am Tisch, hatten da schon Mühe, mit vollem Mund auf irgendeine belanglose Frage zu reagieren. Ich kaute stets erst meinen Mund leer, ganz ohne dabei hilflos mit den Händen zu gestikulieren, um dann erst zu antworten. Offensichtlich wollten die Herren genau das prüfen.

Und dann kam das wahrscheinlich alles entscheidende Interview. Ich saß alleine mit mehreren Offizieren an einem großen runden Tisch. Die Luftwaffe, das Heer und die Marine waren mir gegenüber anwesend. Nun hatte in den Jahren meiner Seefahrt bereits so viel an Selbstvertrauen gewonnen, dass mich die Sterne und Streifen da drüben am Tisch in keiner Weise einschüchtern konnten. Vermutlich hatte ich inzwischen in meinem Berufsleben viel mehr und viel Interessanteres erlebt, als alle zusammen, die jede Bewegung von mir irgendwie auf Zetteln vermerkten. Auch hatte gelernt, mich mit Menschen, die irgendwo auf dem Globus wohnten, völlig ohne Scheu und Vorurteil zu unterhalten.

Die wahrscheinlich aber für das Bestehen dieser Prüfung entscheidenden zwei Fragen kamen nun aber vom Heer.

„Herr Beeck, erklären Sie mir doch bitte einmal, wie eine Haustürklingel funktioniert“.

Natürlich konnte er nicht wissen, dass ich als Schüler einen Märklin Baukasten besaß, mit dem man genau solch eine Klingel basteln konnte. Und gerade ein paar Tage zuvor hatte ich die Klingel an der Haustür meiner Eltern repariert. Alle Herren am Tisch waren ob meiner schnellen, präzisen und richtigen Antwort so überrascht, dass dieses nur ein Zufall sein konnte. Die Luftwaffe schob sofort die nächste Frage hinterher.

„Sie bewerben sich ja nun für die Marine. Dort gibt es große Schiffe. Herr Beeck, wie kann es sein, dass so ein schweres und aus Eisen gebautes Schiff nicht einfach untergeht? Wieso schwimmt ein Schiff überhaupt?“

Mir schoss es durch den Kopf, dass der nun wirklich nicht wusste, dass ich ein Seemann war und gerade an der Seefahrtschule Trimm und Stabilität und Archimedes und Co. rauf und runter beten können musste.

„Die Auftriebskraft eines Körpers ist gleich dem Gewicht der verdrängten Flüssigkeit …“

„Gut … gut … gut…“

Mehrere Köpfe nickten sich gegenseitig zu, dann fragte einer in die Runde:

„Meine Herren, möchten sie noch weitere Fragen stellen?“

Keiner wollte.

Ich bat ums Wort.

„Mein Wunsch ist die Ausbildung zum Piloten. Ich fliege ja inzwischen seit 10 Jahren auf Segel- und Motorflugzeugen und habe etliche hundert Flugstunden an Erfahrung gesammelt. Bei der Wehrerfassung hatte man mir gesagt, dass das sehr wohl möglich sei.“

„Das werden wir sehr genau prüfen, Herr Beeck. Durchlaufen Sie erst einmal ihre Offiziersausbildung, dann sehen wir weiter. Viel Glück und viel Erfolg“.

Ich wurde wohlwollend entlassen.

Leute lachen heute immer noch, wenn ich mit ernster Miene behaupte, ich habe nur deshalb Marineoffizier werden können, weil ich wusste, wie eine Türklingel funktioniert.

Am folgenden Tag war hauptsächlich Sport in einer Sporthalle angesagt. Ich war als Kind schon immer auf Bäume geklettert, hatte keine Höhenangst und von der harten Arbeit an Bord der Handelsschiffe, wo ich unter anderem bestimmt hunderte Male die Masten zum Anmalen rauf- und runter geklettert war, hatte ich genügend Kraft, um sowohl am Tau als auch an der Stange flink und immer als erster oben zu sein. Beim Völkerball wollte man schließlich noch feststellen, ob ein Bewerber zur Teamarbeit fähig oder doch eher nur ein Einzelgänger war. Ich gab den schweren Lederball fleißig ab, um dann letztlich kraftvoll auch den letzten der noch im Feld stehenden Gegner abzuwerfen.

„Sehr geehrter Herr Beeck“ stand da schwarz auf weiß, „Sie haben die Eignungsprüfung bestanden. Wir werden uns wegen eines Einberufungstermins noch mit Ihnen in Verbindung setzen. Es ist beabsichtigt, Sie als Offizieranwärter der Marine einzustellen.“

Bevor ich mich am 1. April 1965, „Militärfahrkarte 2. Klasse anbei“, in Glückstadt an der Elbe beim Marineausbildungsbataillon zur Grundausbildung einzufinden hatte, vergingen noch ein paar Monate. Ich bekam meine ersten Einsätze als Nautiker bei der Hamburg-Amerika-Linie und genoss meine vermutlich letzte Zeit auf See auf den Kommandobrücken großer Frachtschiffe.

2. KapitelDie Grundausbildung in Glückstadt

Mit ohrenbetäubendem Quietschen der Bremsen hielt die Bahn auf dem dörflichen Bahnhof in Glückstadt. Nicht einmal das Kratzen der Kreide auf einer Schultafel konnte dermaßen durch die Knochen gehen, wie dieses Bremsgeräusch.

„Alles aussteigen, aber ein bisschen plötzlich…“ schrie jemand draußen auf dem Bahnsteig.

„Raus – raus – raus …“ brüllte es erneut.

Nun waren überwiegend junge Männer im Zug, die, wie sich inzwischen herausgestellt hatte, alle dasselbe Ziel hatten: die Marinekaserne in Glückstadt. Man beeilte sich nun zunehmens, aus den Waggons auf den Bahnsteig zu kommen. Koffer und Taschen verklemmten sich an den Türen. Es wurde gezerrt und geruckelt. Ein junger Mann motzte lauthals herum. „Die können mich mal – die Großmäuler da draußen können mich mal…“

Ich war mit meinem wenigen Gepäck schnell draußen. Normale Reisende, und davon gab es auch eine ganze Menge, Herrschaften jeden Alters und Geschlechts also, kletterten verwundert und irritiert aus den Waggons, als es noch einmal und noch lauter brüllte

„Das war viel zu lahmarschig! Alles wieder einsteigen, aber im Laufschritt, marsch- marsch…“

Sogar einige zivile Fahrgäste drehten sich um und stiegen völlig verwirrt und verunsichert wieder mit ein.

„Das Ganze noch einmal – alles aussteigen, aber zack zack“ brüllte der Unteroffizier erneut.

Es ging diesmal tatsächlich etwas schneller. Ich war allerdings ohne Folgen für meine spätere Karriere draußen stehen geblieben. Wir wurden zusammengeholt und in einer Reihe, wie gerade ertappte Verbrecher, auf dem Bahnsteig aufgestellt.

„Abzählen“ schrie er uns an.

Ich erspare mir an dieser Stelle zu erzählen, wie problematisch das Aufsagen von Zahlen für einige Mitmenschen gewesen sein musste.

„Gepäck aufnehmen, rechts um machen und marsch zu den Lkws…“ Wir wurden auf Bundeswehrlastkraftwagen geladen und ab ging es in die

Kaserne. Die Fahrt dauerte nicht lange. Auf dem Hof, zwischen den ersten beiden Blöcken gleich links hinter dem Kasernentor, wurden wir wieder ausgeladen und in Zweierreihe aufgestellt.

Unser Zugoffizier erschien. Das war ein sehr großer, fast dünner Mann mit zwei Ärmelstreifen am Jackett. Dazu gesellten sich einige Unteroffiziere in Kampfanzügen, die schon wenig später die Hauptlast unserer Ausbildung tragen sollten Sie meldeten dem Oberleutnant irgendetwas und dann erschien zusätzlich noch ein Korvettenkapitän. Das sollte für die nächsten drei Monate unser Kompaniechef werden. Wir wurden von ihm als die neuen Rekruten der Marinecrew 4/65 freundlich begrüßt. Ich dachte noch so bei mir, dass dieser Haufen Zivilisten, der mehr oder weniger geordnet in Reih und Glied stehend und mit dem bunt zusammen gewürfeltem Gepäck vor sich auf dem Hofpflaster abgelegt, schon ein wenig merkwürdig aussah. Von der Handelsmarine her war ich inzwischen das Tragen einer Marineuniform gewohnt. Bereits als Matrose OA (Offizieranwärter) und dann natürlich als Nautischer Offizier trug man bei der HAPAG stets und immer Uniform, auch auf See. Aber im Moment stand ich noch im zivilen Straßenanzug zusammen mit meinen neuen Crewkameraden in einer immer noch ziemlich ungeordneten Reihe.

„Der Spieß wird gleich ihre Namen verlesen und sie auf ihre Stuben verteilen. Wir sehen uns später wieder .“

Unser Zugführer und auch die drei anderen, vier Züge standen im Hof angetreten, grüßten zum Kompaniechef, der bereits im Begriff war, diese Szene zu verlassen. Dann erbot unser Kompaniefeldwebel unserem Oberleutnant zur See zackig seinen Gruß, blickte noch kurz hinter den außer Sicht kommenden Offizieren hinterher und wandte sich nun zu uns.

„Willkommen beim 2. MarineAusbildungsBatallion. Ich verlese jetzt die Namen und ihre Stubennummern. Sie antworten laut und deutlich mit HIER und warten, bis ich sie alle auf ihre Stuben verteilt habe.“

Während der ganzen Zeit, von der Bahn bis zu diesem Moment, hörte ich irgendwo noch immer diesen einen Schlauberger herummotzen.

„Die spinnen doch … und … nicht mit mir, diese Affen.“

Ich drehte mich zu ihm. Er stand ganz in meiner Nähe in der zweiten Reihe. Seine Haare waren etwa so lang, wie man sie erst später in den 68ger Jahren zu tragen pflegte. Er nervte einfach nur mit seinem blöden Gequatsche. Auch dem Spieß war er inzwischen aufgefallen und ich bemerkte, wie der sich auf die Zehenspitzen stellte und so ein wenig nach rechts und links kippte, um erkennen zu können, wer das Großmaul war.

Mit sechs Mann fand ich mich auf „unserer“ Stube wieder. Man stellte sich etwas tollpatschig vor. Jedem einzelnen fehlte es offensichtlich noch gewaltig an Selbstsicherheit. Ich konnte das bemerken, weil ich nicht wie sie gerade von der Schule kam, sondern bereits Jahre im Beruf stand und als Schiffsoffizier gelernt hatte, Verantwortung für Mannschaft, Schiff und Ladung zu übernehmen. Und bereits davor hatte ich ja bei meiner Sportfliegerei gelernt, Verantwortung zu tragen. Ich steuerte schon seit über 10 Jahren teures Fluggerät durch die Lüfte und hatte auch oft genug Passagiere bei mir im Cockpit. Immerhin begann ich meine sportfliegerische Tätigkeit bereits im Alter von 15 Jahren. Jetzt war ich 26 Jahre alt. Die Jungs um mich herum, alle so um die 18 bis höchstens 20 Jahre alt, waren für mich noch richtige Bubis. Wir begannen damit, uns auf die doppelstöckigen Kojen zu einigen und fummelten an unserem Gepäck herum. Draußen auf dem Flur kreischte eine Bootsmannsmaatenpfeife, gefolgt vom „Alles auf dem Hof antreten, marsch – marsch“.

Wir standen nun zum zweiten Male an diesem Tag in Zivil zwischen unseren beiden Kasernenblöcken auf dem asphaltierten Hof.

„Abzählen…“

Es ging auch nicht besser als auf dem Bahnhof. „Noch mal“ und … „Noch einmal abzählen“. Es ging nun schon schneller, aber nicht besser.

„Oh Gott“ dachte ich, „hier gibt es Abiturienten, die nicht einmal bis zehn zählen können…“

Die Crew 4/65 bestand im Wesentlichen aus frisch gebackenen Abiturienten, die alle Marineoffizier werden wollten. Nur eine gute Handvoll Kameraden waren dazwischen, die als Seiteneinsteiger von der Handelsmarine kamen, wie ich auch. Diejenigen von ihnen, die bereits das Kapitänspatent A6 der Handelsmarine besaßen, wurden als Oberleutnant zur See übernommen, ich selber besaß erst das Nautische Patent A5, Seesteuermann auf großer Fahrt, und wurde als Seekadett eingestellt. Damit war ich vom Dienstgrad her höher angesiedelt, als die meisten unserer Ausbilder, die den Rang Maat und Obermaat hatten. Aber: ich war eben auch erst ein blutiger Anfänger in der Sparte Offizieranwärter. Alle anderen meiner jungen Kameraden, bis auf uns Seiteneinsteiger, waren als Matrosen OA eingestellt worden.

Die Kleiderkammer wartete bereits auf uns und es dauerte nicht lange, bis wir schwer bepackt mit Seesack, großem und kleinem Kampfgepäck, Essgeschirr, Spaten, Seestiefeln und Seesack feststellten, dass unsere Stube viel zu klein war. Es gab ein erstes Gerangel, aber keinen Streit. Innerlich musste ich grinsen. Nun waren diese kleinen Bubis weg von Mama zu Hause und sollten Unterhemden und Kampfanzüge nach vorgegebenem Schema in einem viel zu kleinen Spind eigenhändig einpacken. Zum Glück ging ein Ausbilder von Stube zu Stube und räumte jeweils einen „Musterspind“ ein. Das half uns allen, schneller fertig zu werden.

„Besorgen sie sich in der Kantine als erstes einmal DIN A4 Papier. Das wird mit in die Unterhemden eingefaltet. Dann sind die Hemden vorne schön glatt und alle gleich breit.“

Es wurde langsam wieder etwas geräumiger in unserer Stube, und als auch das Kampfgepäck auf den Schränken verteilt und die Stahlhelme schön gerade oben auf zu liegen kamen, konnte man sich nun um die Kojen kümmern. Auch früher schon, an Bord meiner etlichen Seeschiffe, habe ich immer und stets meine Koje gebaut. Ich hasse Unordnung und finde auch heute noch im Dunkeln meine Socken im Schrank.

Auf dem Flur trillerte die Bootsmannsmaatenpfeife gefolgt vom Kommando: „In zehn Minuten im Kampfanzug, mit Seestiefeln und Stahlhelm draußen antreten“.

Es wurde augenblicklich wieder viel zu eng in der Stube. Wie sich herausstellen sollte, zogen in diesem Moment mehr als 300 neue Offizieranwärter für die kommenden 6 Wochen letztmalig ihre zivilen Klamotten aus.

Mein Stahlhelm drückte. Draußen auf dem Flur trillerte es erneut und es folgte „alles draußen im Hof antreten“.

Die Türen aller Stuben flogen auf und es stolperten die ersten Rekruten nach draußen. Die meisten hatten weder die Hosen zu noch die Jacken richtig geschlossen. Hier und dort klapperte ein heruntergefallener Stahlhelm über die breiten Flure. Bemerkungen fetzten vorbei. Man traf sich draußen, wieder in Zweierreihe. „Abzählen …“ brüllte es.

Die Uniform schien Wunder zu wirken. Es klappte schon viel besser. Nur ein paar gymnasiale Sitzenbleiber hatten die Reihenfolge der Zahlen von eins bis zehn noch immer nicht drauf. Dabei gab es zu dieser Zeit noch nicht die Möglichkeit, Mathematik irgendwann vor dem Abitur als Schulfach abzuwählen.

„Das Raustreten geht viel zu langsam. Das üben wir gleich noch einmal … Alles auf die Stuben wegtreten, marsch - maaarrrsch…“ brüllte ein Obermaat.

Kaum war unsere Stubentür von innen geschlossen, brüllte es schon wieder:

„Alles draußen und ohne Stahlhelm antreten, marsch - maarrrsch…“ Und dennoch polterte irgendwo auf dem Flur wieder ein Stahlhelm über den Steinfußboden.

„Abzählen … Die ersten Zehn: Einrücken zum Frisör. Der sitzt im Keller im Block gleich hinter ihnen. Der Rest zurück auf die Stuben. Stubendurchgang. Nach hinten …wegtreten!“

Ich hörte die ewige Quasselstrippe noch immer irgendwelche blöden Bemerkungen machen. Als ich mit neun anderen an der Reihe war und beim Frisör auftauchte, war der auch mit unter uns zehn Kandidaten. Er setzte sich auf einen Wartestuhl und meckerte herum, was das Zeug nur so hielt. Ich wunderte mich nur, was der denn hier überhaupt wollte.

„Entweder er will Marineoffizier werden, oder er sitzt hier auf dem völlig falschen Dampfer“ ging es mir durch den Kopf.

Der Frisör musste schon sehr, sehr lange tausenden von Offizieranwärtern die Mähne gestutzt haben. Er war sehr ruhig, sehr schnell und schien durch nichts zu erschüttern zu sein.

„Der Nächste…“

Unser Großmaul war jetzt an der Reihe. Seine Mähne war wirklich ungewöhnlich üppig für diese Zeit.

„Bitte nur etwas von den Spitzen abschneiden“ hörte ich ihn den Meister der schnellen Schere anweisen.

„Geht in Ordnung“ erwidere der trocken, drehte den Stuhl um 180 Grad so herum, dass unser Kandidat nun den großen Spiegel im Rücken hatte und er in unsere Gesichter schauen musste. Der Meister nahm den elektrischen Haarschneider, setzte zügig im Nacken an, musste ganz geschwind ein oder zweimal nachsetzen und schwups, der Rasierer erschien vorne an der Stirn, eine perfekte Schneise bis auf die Kopfhaut zurücklassend. Unser Kandidat wollte mit der Hand auf seinem Kopf nachfühlen, aber der Meister der Haarprachten verhinderte das ganz geschickt und unter unserem lautem Gelächter war der Schreihals von eben aller seiner Haare entledigt. Er sah in diesem Moment schlimmer aus, als ein russischer Rekrut.

Mir ist in den nächsten drei Monaten nie wieder ein Wort von ihm zu Ohren gekommen. Ich habe sogar vergessen, wie er aussah.

Als Seekadett in Glückstadt (April 1965)

Die ersten Tage vergingen mit Formaldienst, Sport in der Halle und, nachdem wir unser G-3 Gewehr empfangen hatten, mit dem Zerlegen und wieder Zusammensetzen der Waffe nach Zeit. Die besagte Sporthalle hatte eine Besonderheit: der Fußboden bestand aus senkrecht in den Boden gerammten Rundhölzern, etwa 6 bis 7 Zentimeter im Durchmesser. Da die Anlage schon etliche Jahrzehnte auf dem Buckel hatte und mehrere Generationen vor uns bereits diese Sportstätte verflucht haben dürften, waren nun wir an der Reihe. Unser Schweiß versickerte aber nach wie vor problemlos in den Holzstümpfen. Die „besondere“ Besonderheit lag für uns allerdings in einer Sportübung, die von unseren Ausbildern zum Beginn jeder Sportstunde in der Halle befohlen wurde, nämlich der sogenannte Entengang. Dabei mussten wir auch noch unsere Fußknöchel mit den Händen umfassen. Wenn man so in tiefster Hockstellung im Kreis durch die Sporthalle watschelt, ist jede Unebenheit im Boden ein fast unüberwindbares Hindernis. Und die Hölzer standen überall in leicht unterschiedlicher Höhe. Bums, schon fiel wieder jemand um.

„Aufstehen … sofort gegen die Richtung eine Extrarunde um die Halle … los sie Heimchen, machen sie schon…“

Die Stimme unseres Ausbilders war nicht zu überhören und er meinte es stets sehr ernst und gnadenlos.

Abends, wir hofften auf etwas Ruhe nach ziemlich vollgepackten Ausbildungstagen, wurden wir in die Kellerflure beordert. Dort mussten wir verschiedene Signale auf der Bootsmannsmaatenpfeife einstudieren. Ein Laie kann sich nicht vorstellen, welchen Qualen unsere Ohren ausgesetzt waren. Vom hinteren Ende des langen Kellerflures hörte ich dennoch einen Ausbilder durch den Lärm brüllen.

„Mann, sie Weichkeks, was pfeifen sie denn da? Wir sind doch nicht auf dem Rangierbahnhof bei der Reichsbahn …“

Zum Ausgleich für diese hochfrequenten Abende gab es welche, an denen wir, auch wieder im Keller, Marschlieder aus dem „Liederbuch der Bundeswehr“ auswendig lernen mussten. Tagsüber wurden die dann während unserer immer häufiger stattfindenden Märsche, zum Schrecken der Tierwelt am Wegesrand, ausprobiert. Schon damals gab es viel zu viele Mitmenschen, die nicht einen einzigen Ton richtig herausbrachten. Wenn so einer direkt hinter einem marschiert, kann man schon mal aus dem Tritt kommen …

Immer montags war Übungstag in Nordoe, dem nahe Glückstadt gelegenen Truppenübungsplatz. Meist ging es mitten in der Nacht von Sonntag auf Montag per Lkw bis wenige Kilometer vor den Platz, dann zu Fuß ins Gelände. Die Besonderheit während der fast drei Monate: es goss an jedem Montag wie aus Eimern. Die Stimmung war entsprechend mies. Gleich nach der Ankunft auf fremden Boden erfolgte der nächtlichen Aufbau eines Biwaks aus unseren Zeltbahnen. Je zwei Mann knöpften ihre Zeltplanen zusammen und versuchten in der Finsternis, daraus ein Zweimannzelt zu basteln. So durchnässt wie wir inzwischen waren, kam man auch in dem viel zu kleinen Zelt nie zur Ruhe. Es war einfach alles nur klitschnass und saukalt. Und wenn man meinte, irgendeine Stelle im Schlafsack könnte tatsächlich etwas angewärmt sein, ertönte es draußen:

„Aaalaaarmmm ! Alles raus und gefechtsbereit machen.“

Die Stille im Wald wurde jäh durch das Geklapper der Tragegestelle unseres Kampfgepäcks, der Spaten und der Gewehre meilenweit unterbrochen.

„Antreten“ dröhnte es und wieder stand man im strömenden Regen.

„Abzählen…“

Wenigstens das klappte inzwischen sogar nachts im Dunkeln und bei Regen. Aus irgendeiner Ecke des Versammlungsplatzes schrie jemand:

„Blitz! ABC-Alaaarmmm… Volle Deckuuung…“

Naja, wenn man auf fremder Erde mitten in der Nacht eine volle Deckung aufsuchen sollte, war das nicht ganz einfach. Einfach hinter einem Baum stehen zu bleiben, war gegen die Spielregeln. Es blieb nur eines von etlichen Ein-Mann-Schützenlöchern, die von einer Vorcrew ausgehoben waren, wenn man denn in der Finsternis eines fand. Ich hatte erstens Glück und fand eins, gleichzeitig hatte ich aber großes Pech, denn mehr als einmal sprang ich ein mit Regenwasser randvoll gefülltes Deckungsloch. „Verfluchte Scheiße…“ Aber worüber sollte man sich aufregen. Man war ja eh schon nass bis auf die Knochen. Es goss ununterbrochen in Strömen.

Neben dem Gewehr G-3 lernten wir die Handhabung von Handgranaten und Flammpatronen, der Uzi, dem Maschinengewehr 42, jetzt in M1 umgetauft, und der Pistole Walter P1 so lange auswendig, bis man davon nachts zu träumen begann.

Noch bevor ich mit der P1 aber wirklich vertraut war, die Grußabnahme hatten wir allerdings bereits überstanden, teilte man mich zu sogenannten Streifengängen ein. Vor der Grußabnahme durfte sowieso niemand an Land. Diese Streifengänge musste ich dann zusammen mit einem Bootsmann an jedem Sonnabend und Sonntag abends durch Glückstadt ablaufen. Zusammen mit der Armbinde „Streife“ am rechten Oberarm wurde mir dann eine P1 umgehängt. Mit einem VW-Bus ging es von der Kaserne in die Stadt und dort zu Fuß durch sämtliche angesagten Kneipen und Restaurants. Auftrag: dafür Sorge tragen, dass sich die Herren Offizieranwärter in der Öffentlichkeit und in der zu jedem Ausgang befohlenen Ausgehuniform anständig benahmen. Kneipen gab es etliche und mein begleitender Unteroffizier war bei jedem Wirt hinreichend persönlich bekannt. Unsere Ausbilder wohnten schließlich alle im Ort. Nun gab es wohl ein schon vor langer Zeit eingeführtes Ritual. Immer wenn eine Streife in ein Lokal kam, wurde meist ohne weitere Konversation außer „guten Abend“ eine sogenannte Streifencola vom Wirt bereitgestellt. Ich war noch nie ein Getränksmann und roch den Braten sofort: eine Streifencola war ein Mixgetränk aus Rum und Rum und Rum und, mit etwas Glück, einem Spritzer Coca Cola. Alleine vom Geruch konnte mir schon übel werden. Meine Bootsleute aber schienen zumindest an Wochenendabenden davon zu leben.

Die Streifen wurde zweimal pro Abend gegangen. Die letzte kurz vor 22:00 Uhr. Dann gingen wir zu Fuß quasi hinter dem letzten Offizieranwärter in Richtung Kaserne zurück, nicht selten einen Unglücksraben aufschreiben zu müssen, weil der nicht mehr rechtzeitig vor Zapfenstreich das Kasernentor erreichte.

Die Streifengänge brachten mein Privatleben durcheinander. Während meine anderen Kameraden zumindest ab der sechsten Ausbildungswoche an den Wochenenden ihre Eltern und Freundinnen sehen konnten, war ich wegen der Streifengänge an die Kaserne gebunden. Und dabei wollten meine Verlobte und ich zu gerne Eheringe aussuchen. Das ging dann nach langwieriger Absprache und mit Sondergenehmigung an einem Samstag. Damals hatten die Geschäfte sonnabends noch durchweg geschlossen. Der Juwelier in Celle allerdings machte eine Ausnahme, weil meine Eltern schon lange bei ihm gute Kunden waren. So durften wir uns dann außerhalb der Öffnungszeiten unsere Ringe aussuchen.

Die Ausbildung schritt zügig voran und im dritten Ausbildungsmonat wurde ein Crewfest irgendwo in einem Restaurant hinterm Elbdeich arrangiert. Da etliche Kameraden noch keine Freundin hatten, half stets, und oft sogar auch mit dauerhaftem Erfolg, die Krankenschwesternschule aus Heide oder Itzehoe, jedenfalls von irgendwo dort oben, mit Mädels aus. Die wurden hochoffiziell über die Oberschwester der jeweiligen Einrichtung von unserer „Crew 4/65“ eingeladen und sogar mit Bundeswehrbussen pünktlich abgeholt. „Als Bekleidung wird langes Kleid erbeten.“ Damals wussten die Mädels noch, was so etwas war und wie man das trug.

Das Fest selber ist mir nicht mehr wirklich in Erinnerung geblieben. Allerdings saß ich rechts neben unserem Zugführer, dem Oberleutnant zur See. Der trug am Ärmel zwei schlichte goldene „Kolbenringe“, sonst aber weder Orden noch Ehrenzeichen. Links neben ihm saß ein nettes junges Mädel und neben ihr auf ihrer anderen Seite ein alt gedienter Hauptbootsmann. Der hatte in seinem schon längeren Marineleben etliches Lametta an die Brust geheftet bekommen und, wenn man das Gewicht dessen zusammenrechnete, machte seine Lametta-Ausstattung sehr viel mehr her, als die schlichte schmucklose Uniform unseres Oberleutnants. Die junge Frau schaute sich ihr Rechts und danach ihr Links immer wieder sehr genau an, ihre Augen leuchteten dann hinauf zum Zugführer und unschuldig, oder besser unbedarft wie sie war, fragte sie:

„Herr Oberleutnant, wann werden sie eigentlich Bootsmann?“

Der Saal lachte, sie wusste aber nicht warum.

Nach knapp drei Monaten näherte sich unsere militärische Grundausbildung ihrem Ende. Im „Bundeswehr-Durchhalteblatt“ erschein ein Artikel über zwei Unteroffiziere des Heeres, die in einem Gewaltmarsch sage und schreibe in einem Stück 90 Kilometer zu Fuß zurückgelegt hatten. Unsere beiden schärfsten Ausbilder, ein Maat und ein Obermaat, wurden vom Ehrgeiz gepackt.

„Was die Spatenpaulis da gemacht haben, das können wir schon lange“.

Irgendwann abends machten sich die beiden auf, anders als die beiden Heereskameraden sogar mit leichtem Kampfgepäck und mit Waffe, und am nächsten Mittag standen wir alle am Kasernentor Spalier, als sie sichtlich erschöpft und nach 105 Kilometern Fußmarsch wieder in der Kaserne eintrafen.

„Gott sei Dank“ schoss es mir durch den Kopf, „dann fällt heute Nachmittag wenigstens der Sport in der Halle aus“.

Pustekuchen, das war wohl nichts. Um 15:00 Uhr pfiffen beide schon wieder den Takt zum Entengang. Nach fast drei Monaten gab es aber kaum noch jemanden, der eine Ehrenrunde in entgegen gesetzter Richtung absolvieren musste.

Am Maschinengewehr MG-42 (liegend)Meine Trefferquoten waren immer und an jeder Waffe überdurchschnittlich hoch.

Die Grundausbildung war so gut wie beendet. Nur die „Besichtigung“ stand noch aus. Wir wurden, wie jede Nacht von Sonntag auf Montag, per Lkw nach Nordoe gefahren, diesmal aber bis direkt ins Übungsgelände. Der Marsch entlang der letzten Kilometer blieb uns diesmal erspart. Wir bauten wie üblich unser nächtliches Camp aus Zweimannzelten auf. Zu unserer Überraschung regnete es nicht. Es war der erste Montag in drei Monaten ohne Regen. Auch blieben die Alarme aus und ich glaube, ich habe sogar etwas geschlafen. Ein sehr schöner Sonnenaufgang trieb uns aus den Zelten. Wir wurden zum Antreten gerufen und nach einer kurzen Belehrung, was an diesem letzten Ausbildungstag auf uns zukommen würde, gab es ein wirklich deftiges Frühstück. Unser Spieß hatte das gerade aus der Kasernenküche mit einem Unimog herangekarrt.

Der Tag verlief wie geplant. Einziger Unterschied zu früheren Übungen: es wurde ein wolkenloser, sonniger und schließlich ein sehr warmer Tag. Eigentlich viel zu warm für die Übungen, die den ganzen Vormittag anstanden. Das Geschehen wurde dann auch noch von einigen höheren Offizieren in Marineuniform begleitet. Man schrieb Notizen, fragte den einen oder anderen von uns nach der Bedienung des Maschinengewehrs oder der Handhabung der Handflammpatrone. Auch Sicherheitsbestimmungen beim Handgranatenweitwurf wurden abgefragt und wir durften alle zeigen, mit welchem Schwung wir über die Kampfbahn stolpern konnten. Alles in allem schien man mit unseren Leistungen sehr zufrieden zu sein.

Ich gestehe, dass ich nach all dem Herumgerenne, Geklettere und Strammstehen und Grüßen ziemlich kaputt war.

Auf der Kampfbahn

… ziemlich geschafft nach all den Übungen und Vorführungen …

Es gab Mittagessen aus dem Essgeschirr. „Gar nicht schlecht“ dachte ich bei mir, vermied aber tunlichst einen Nachschlag. Dafür trank ich sehr viel kalten Tee. Schließlich stand uns ja noch ein Härtemarsch von etwa 20 Kilometern unter vollem Gepäck und mit dem Gewehr G3 bevor.

Wir bauten unser Camp ab, verpackten Schlafsäcke und Zeltbahnen in unserem großen Kampfgepäck und traten zur Musterung an.

„Abzählen…“

Man ließ drei Schritte vortreten und ein 4-Streifer schritt vor unserem Kompaniechef und den vier Zugführern die Fronten ab. Der eine oder andere von uns wurde angesprochen und antwortete brav und knapp, einen zackigen militärischen Ton vorgebend. Wir wurden schließlich entlassen und konnten uns noch einmal kurz die Beine und Füße lockern, bevor es losging.

„Gepäck aufnehmen und in Zweierreihe antreten, marsch - marrrsch …“ hallte es durch den Wald.

Die Sonne brannte uns auf den viel zu dicken Kampfanzug und unter dem ewig auf meine Stirn nach vorne rutschenden Stahlhelm lief mir bereits jetzt der Schweiß in die Augen.

„Reeechts ummm - ohne Tritt - marrrsch!“

Eine Raupe aus klapperndem Tragegestellen, Gewehren, Stahlhelmen und Rekruten darunter setzte sich erst schwerfällig, dann aber den Tritt gleichmäßiger aufnehmend, in Richtung Glückstadt in Bewegung.

Es vergingen die ersten Stunden, bis es zwischen den marschierenden Reihen unruhiger wurde. Die ersten Ausfälle machten sich bemerkbar. Der eine oder andere von uns trug inzwischen zwei Gewehre, um einen Schwächeren zu entlasten. Das nennt man heute Teamgeist oder so und wurde früher Kameradschaft genannt. Irgendwie, aber total erschöpft, erreichten wir die ersten Häuser Glückstadts.

„Ein Lied …“ brüllte es von irgendwo an der Seite.

„Edelweiß“ rief einer und los ging das Gekeuche.

Texte aus dem „Liederbuch der Bundeswehr“ hatten wir ja in den Kellern zur Genüge eingepaukt, so dass es einigermaßen klappte. Im Sangestakt fiel das Marschieren im Gleichschritt nun gleich wieder etwas leichter. Die ersten Passanten blieben am Straßenrand stehen. Es ging unter verschiedenem Deutschen Militärliedgut nun mitten durch die Innenstadt. Die Reihen waren fester geschlossen als noch einen Kilometer vorher, und der Tritt hallte ziemlich gleichmäßig von den Mauern alter Glücksstädter Gebäude zurück. Ich glaube, bis auf das Horst Wessel Lied und noch ein oder zwei andere waren in dem Liederbuch alle Marschlieder vertreten, nach denen schon unsere Väter knappe 25 Jahre zuvor nicht ganz bis nach Moskau marschiert waren.

Irgendwo in der Stadt stand dann unser Kommandeur in hoher Begleitung am Straßenrand. Später erzählte man, einer der Begleiter sei der Bürgermeister von Glückstadt gewesen. Die Herren grüßten militärisch, auch der Bürgermeister. Ein total verschwitzter Haufen marschierte klappernd vorbei. Bis zur Kaserne war es nun zum Glück nicht mehr weit und teils getragen, teils gezerrt, kam auch der letzte der Crew 4/65 am Kasernentor an. Das folgende „Abteiluuung - halt!“ hätte genügt. Es folgte aber noch die Wendung, das Ausrichten und „Augen – geradeee - ausss“.

Naja, das musste wohl unbedingt auch noch sein zum Abschluss dieser ersten drei Monate bei meiner Marine.

Auf dem 20-Kilometer Härtemarsch kurz vor Glückstadt.

Crew 4/65 in Glückstadt. (Juni 1965)

In den wenigen noch folgenden Tagen hatte der Sanitätsbereich in der Kaserne Glückstadt reichlich damit zu tun, Blasen an Füßen zu kurieren.

3. KapitelAn der Marineschule-Mürwik

Ich bekam zusammen mit den anderen Seiteneinsteigern die Versetzung zur Marineschule Flensburg-Mürwik ausgehändigt, „ohne Umzugskostenzusage und Fahrschein 2. Klasse anbei.“ Gleichzeitig wurden wir offiziell in die Vorjahrescrew 4/64 eingegliedert.

Ob ich zwischen dem Ende der militärischen Grundausbildung in Glückstadt und meinem Erscheinen in Flensburg-Mürwik noch ein paar Tage Urlaub hatte oder überhaupt zu Hause war, ist mir nicht erinnerlich.

Die Marineschule-Mürwik.Ganz im Vordergrund der Nord- und Südhafen. Links außerhalb des Bildes lag das damals noch vorhandene Freibad. Es wurde später wegen Baufälligkeit abgerissen. Links, eben oberhalb der Turmspitze, liegen die lange Sporthalle und der Sanitätsbereich.

Die Marineschule in Flensburg Mürwik beeindruckte mich zunächst einmal als riesiger Gebäudekomplex aus rotem Backstein. Dieser noch heute imposante Bau wurde ab 1907 errichtet und am 21. November 1910 vom Kaiser Wilhelm II eingeweiht. Seit Beginn der Erziehung und Ausbildung der Fähnriche für den Kaiser wurden anschließend auch alle Marineoffiziere der deutschen Marinen hier ausgebildet. Das ist auch noch bis heute so geblieben. Nur in den Jahren nach dem verlorenen zweiten Weltkrieg wurde das weitläufige und von einem Park umgebene Anwesen fremd genutzt. Neben einem Lazarett waren dort zum Kriegsende und noch eine ganze Zeit danach Flüchtlinge und später auch angehende Lehrer und Lehrerinnen der pädagogischen Hochschule zu Flensburg untergebracht. Letztere teilten sich die weitläufigen Flure eine Zeitlang mit den jungen Offizieranwärtern der neuen Bundesmarine, bis diese dann schließlich die Herrschaft über die „Burg“ alleine übernahm.

Kaiser Wilhelm II, Gründer der Marineschule-Mürwik.(Das Gemälde hängt heute im Säulengang der „MSM“)

Dieses ist ein Brief des Kaisers vom 21. November 1910.Er trägt unter seiner Unterschrift den Zusatz:„An die Fähnriche der Marineschule“

Da ich als ehemaliger Nautiker der Handelsmarine zur Bundesmarine übernommen worden bin, ersparte man mir und auch den anderen Seiteneinsteigern die nach der Grundausbildung vorgesehenen ersten drei Ausbildungsgänge. Das waren eine Ausbildung von drei Monaten auf dem Schulschiff „Deutschland“, die Teilnahme an einem Lehrgang an der Technischen Marineschule und drei weitere Monate auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“. Ich fand das auch ganz in Ordnung so, denn schließlich war ich bereits auf großen Handelsschiffen als verantwortlicher Wachoffizier gefahren und hätte auch die „Gorch Fock“ als Nautiker segeln können. Und eine Fahrzeit als Kadett auf dem Schulschiff „Deutschland“ wäre im Grunde auch nichts gewesen, was ich nicht schon irgendwie kannte, bis auf die Unterrichtung an der Bewaffnung. Auch das an Bord der „Deutschland“ verpasste Erlebnis, mit sehr vielen anderen Offizieranwärtern zusammen ein enges Deck als Schlafsaal teilen zu müssen, hat meiner Karriere nicht geschadet. Letztlich war da noch die Technische Marineschule, auf der ich Feilen und Schweißen hätte lernen sollen. Meine Marine war aber gnädig und ersparte mir diese drei Ausbildungsabschnitte.

An der Marineschule wurde nicht so viel herum kommandiert. Zwar gab es auch wieder die üblichen Antretearien mit „Stillgestanden - Augen rechts“, aber sonst störte nur der morgendliche Pfiff der Frühwache, der uns aus den Kojen holte, um rechtzeitig im Remter zum Frühstück zu erscheinen.

Wir wohnten zu viert in einem Unterkunftsarrangement. Dieses bestand aus einem Wohn- und gleichzeitig Arbeitszimmer, dem gleich großen Schlafraum und einem angrenzenden Badezimmer, welches aber auch von den daneben wohnenden vier anderen Kadetten mitbenutzt wurde. Im Bad gab es drei Duschen, ich glaube drei Waschbecken und eine frei stehende Badewanne mit Löwentatzen als Füße. Diese Wanne war garantiert noch ein Überbleibsel aus der Kaiserzeit. Alle Räume verfügten über massive und mit schmiedeeisernen Scharnieren versehene Holztüren. Es gab viel kunstvolle Ornamentmalerei um jede Tür herum, und, wenn man sich Zeit ließ und mit offenen Augen durch das Gebäude stromerte, konnte man selbst am Mauerwerk aus rotem Backstein sehr viele Verzierungen und Reliefs entdecken.

Im Wohnraum standen zwei Tische als Mittelblock und vier einfache Holzstühle drum herum. Die hatten auf der Unterseite der hölzernen Sitzfläche eine eingebrannte Versorgungsnummer. Ich weiß das deshalb so genau, weil wir mindestens freitags zum Reinschiff die Unterseite der Stuhlbeine mit dem Bundeswehrmesser abkratzen mussten, damit auch dort ja kein Stäubchen Schmutz hängen blieb. Es gab einen Aktenhocker und so etwas wie einen oder zwei Sessel. Die hatten Holzlehnen und eine gepolsterte Sitzeinlage. Bequem war von all diesen Möbeln keines.

Eine der vielen Türen in der „MSM“.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, in diesem Buch möglichst keine Namen zu nennen. Einen meiner Mitbewohner möchte ich denn aber doch nicht verschweigen: Tewin Mungtanya. Er war einer von den ganz wenigen Offizieranwärtern aus Nicht-Nato-Ländern, die in der Bundesmarine ausgebildet wurden und er kam aus Thailand. Kurz darauf war er einer unserer Trauzeugen in Faßberg. Später wurde er Oberbefehlshaber der thailändischen Marine.

Schöne Ornamente und Reliefs an den Wänden gab es überall im Haus.

Solche Kunstschmiededetails fanden sich an allen Türen und Fenstern im Gebäude.

Der Blick aus den ehrwürdigen und mit Metallverzierungen eingefassten „kaiserlichen“ Doppelfenstern war atemberaubend. Man hatte einen fantastischen Ausblick über die ehemalige kaiserliche Paradewiese vor dem Hauptgebäude und dahinter über die Flensburger Förde. Gegenüber, am anderen Ufer, lag die Flensburger Schiffbauwerft und der Strand von Wassersleben, einem nördlichen Stadtteil Flensburgs und weiter rechts erblickte man bereits Dänemark. Butterdampfer fuhren ununterbrochen unter der Schule vorbei, um hauptsächlich Urlauber und Rentner nach und von Kollund und von weiter außerhalb der Förde hin- und her zu schippern. Der Blick von unseren Zimmern war auch deshalb so überwältigend, weil die Marineschule oberhalb eines Steilhanges thronte und so einen viel weiteren Ausblick über Förde und Land ermöglichte.

Von ganz unten, wo der Bootshafen der Schule lag, waren es 102 Treppenstufen bis hinauf zum seewärtigen Eingang ins Hauptgebäude. Beim späteren Bootsdienst wurde diese Treppe immer und ausschließlich nur im Laufschritt überwunden. Der letzte durfte ausnahmslos noch einmal runter und wieder rauf. Unser Schlafraum schließlich war mit zwei eisernen Doppelstockbetten und vier Holzspinden ausgestattet und ich glaube, mit noch ein oder zwei Hockern ohne Lehne. Das war es aber auch schon. An irgendeiner Wand hing ein großes schwarz-weiß Foto irgendeines höheren Dienstgrades mit vielem Lametta an der Brust. Aber wer das letztlich war, blieb unbekannt.

Blick über einen Teil der Freitreppe vom Bootshafen hinauf zur Wiese vor dem Hauptgebäude.

Der Remter war der Speisesaal der Schule. Erbaut mit Kreuzbögen und Pfeilern machte dieser Raum schon etwas Außergewöhnliches her. An den Wänden prangten Wandmalereien. Eine Kadettengruppe nannte sich nun Hörsaal und bestand aus 24 Offizieranwärtern, die alle zusammen mit ihrem Hörsaalleiter an einem großen Tisch Platz fanden. Der HSL saß am Kopf des Tisches so, dass sein Blick auf die Fensterfront gerichtet war. Quer davor stand die sehr lange Back des Admirals, also die des Kommandeurs der Schule. Ihm zu jeder Seite saßen die Herren Offiziere des Schulstabes und einige Truppenfachlehrer. Auf dem Tisch stand vor dem Kommandeur eine alte Schiffsglocke. Sie hing in einem geschnitzten Holzgestell, ähnlich einem Glockenstuhl in Miniatur.

Der Eingang zum Remter. (2013)

Kreuzbögen im Remter, dem Speisesaal der Marineschule.Die frühere „Admiralsback“ gibt es heute nicht mehr. (Foto 2013)

Die Eingangstür von innen. An den Wänden erkennt man die Wandmalereien.

Beim ersten Frühstück wurden wir von unserem Hörsaalleiter erst einmal eingewiesen.

„Dieses betrifft ab sofort das Mittagessen. Sie bleiben alle ruhig aufrecht stehen mit Blick zur Eingangstür. Wenn der Admiral in Sicht kommt, gibt der Matrose der Wache, der auch die Tür aufhält, ein Zeichen. Dann sind sie alle mucksmäuschenstill. Sie drehen sich langsam so mit herum, dass der Kommandeur immer genau in ihrem Blickfeld bleibt. Der Kommandeur wird sich an seinen Platz begeben, ihnen den Gruß entbieten, den wir alle gleichzeitig mit „guten Tag Herr Admiral“ beantworten. Er wird eventuell noch etwas ankündigen oder sagen, dann wird er sich setzen. Erst danach setzen sie sich alle hin, ohne groß mit den Stühlen zu scharren. Wenn wir alle mit dem Essen fertig sind, werde ich dem Admiral ein Handzeichen geben. Das machen alle anderen Tische auch so. Wenn alle klar gezeigt haben, wird der Kommandeur die Tafel aufheben. Das erfolgt in der Regel nach etwa 20 Minuten Essenszeit. Er schlägt dann kurz die Glocke an. Wir stehen alle gleichzeitig auf und drehen uns mit dem Admiral mit, bis er den Remter verlassen hat. Wir gehen aber erst raus, nachdem der Schulstab hinter dem Admiral den Raum verlassen hat. Ist das klar?“…

„Jawolll Herr Kaleu“.

„Na dann… Mahlzeit, wenn es soweit ist…“

Das waren die Regeln in diesem Teil des Gebäudes.

Unsere Unterrichtsräume lagen im Nebengebäude, dem Schultrakt. Da gab es ganz normale Klassenzimmer, aber auch einen Chemiesaal mit Gasanschlüssen für jede Bankreihe, einen Physikraum mit allerlei Volt- und Amperemetern auf einer schweren Marmorplatte an der Wand, und riesige Schaltschütze wie in einem Umspannwerk. Beide Räume waren mit nach hinten ansteigendem, festem Klappgestühl ausgestattet, in welchem die Schnitzereien auch noch von Kadetten der Kaiserzeit zu bewundern waren. Früher mussten die Menschen kleiner gewesen sein, denn das knarrende Gestühl war eigentlich viel zu eng. Es gab auch einen Wärmelehreraum, einen Sprachenraum mit abgeteilten Kabinen und Kopfhörern und den ganz am hinteren Ende des Schultraktes fast vergessen gelegenen Schiffbauraum. Dort bewahrte der Truppenfachlehrer Schiffbau seine Krängungsmodelle und Spantenrisse von Linienschiffen des Kaisers auf. Aber auch die anderen Truppenfachlehrer, zum Beispiel für Wehrgeschichte, verfügten über eigene Klassenzimmer. Im Wehrgeschichtsraum fristeten die Lagekarten von diversen und meist verlorenen Seekriegen fein säuberlich aufgerollt ihr Dasein. Von der Decke des Fliegerkunderaumes baumelten fein säuberlich in Handarbeit und teils aus Papier gefertigte Modelle von Flugzeugen aus der Zeit der Gebrüder Wright bis einschließlich dem Starfighter, der letzten und neuesten Wehrbeschaffung von Luftwaffe und Marine. Da die ehrwürdigen Fenster der Marineschule generell alle schon lange nicht mehr besonders dicht schlossen, der Zahn der Zeit war hier tätig gewesen, waren diese Modelle ständig in Bewegung.

Oben im Schultrakt gab es eine sehr umfangreiche Bibliothek, die auch mit viel Lesestoff von verlorenen Schlachten an Land, in der Luft und auf See bestückt war. Aber es gab dort aber auch modernere Bücher und Abhandlungen, sogar Romane und etliche Schriftstücke, die weder etwas mit Krieg noch mit der Marine zu tun hatten.

Durch ein Wäldchen hindurch ging es zu den Sportplätzen. Die waren meistens wegen Nässe oder laut einer aufgestellten Tafel wegen allgemeiner „Unbespielbarkeit“ gesperrt. Nur die Laufbahnen standen meist zur Verfügung und wurden von uns regelmäßig abgelaufen. Bis zu 5000 Meter quälten wir uns dann nach der Stoppuhr über die Runden.

Noch hinter den Sportplätzen lag ein weiterer, aber viel kleinerer Gebäudekomplex, der irgendwie in die Historie eingegangen ist. Hier hatte Großadmiral Dönitz zum Ende des zweiten Weltkrieges als Regierungschef des schon gar nicht mehr existierenden Dritten Reiches seinen Amtssitz. Und hier wurde er schließlich, etwa 14 Tage nach der bedingungslosen Kapitulation, in Haft genommen. So lange hatte ihn die englische Besatzungsmacht noch unter Aufsicht werkeln lassen, bevor er ins Gefängnis kam.

In diesen Gebäuden befand sich nun das Krankenrevier der Marineschule, eine Sporthalle, Unterkünfte für die Sanitätssoldaten, und im ersten Stock ganz hinten befand sich der Boxsaal. Der Reichsadler von damals prangt übrigens auch noch heute an der Außenwand des Gebäudes. Von der Mürwiker Strasse aus ist er sehr gut zu bestaunen. Nur das Hakenkreuz hatte man seinerzeit herausgemeißelt.

Der Reichsadler an Großadmiral Dönitz letztem Dienstgebäude (Foto 2013)

Im Wäldchen versteckt befand sich auch noch ein mittelgroßer Hochbunker aus massivem Beton, in dem nun wohl schon länger die Ratten und Mäuse regierten und nicht mehr der Bunkerwart.

Auch lag dort hinten das sogenannte Trampedachlager, eine Art Siedlung, bestehend aus sieben massiven Holzbaracken. Die hatte man in den dreißiger Jahren errichten lassen, als die Kriegsmarine aufrüstete und Wohnraum für die Massen an neu hinzuströmenden Fähnrichen im Hauptgebäude zu knapp wurde. Umbenannt wurde diese Barackenbehausung allerdings erst später nach einem Fregattenkapitän und Kommandanten des Zerstörers Z3 „Max Schultz“. Der wurde im Jahre 1940 von der eigenen Luftwaffe bombardiert, geriet schließlich beim Ausweichmanöver vor den erneut herabregnenden eigenen Bomben in ein englisches Minenfeld und ging mit Mann und Maus unter.

Ein Gedenkstein im Lager erinnert noch heute an dieses tragische Ereignis.

Eine der sieben noch stehenden Baracken des Trampedachlagers(Fotos 2013)