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Ellas Kindheit in der Stadtwohnung der Eltern ist nicht immer leicht, aber sie verbringt viele glückliche Ferien bei den Großeltern auf dem Land. Die Autorin legt hier einen Roman einer Kindheit und Jugend vor, der autobiografische Züge trägt. Der Leser begleitet Ella von ihrer dramatischen Geburt in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs an über die Nachkriegszeit bis zu Ereignissen in der Jugend. Sie macht erste Erfahrungen mit der Liebe, bis sie endlich den ersehnten Lebenspartner findet und mit ihm etwas Neues beginnt.
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Seitenzahl: 519
Veröffentlichungsjahr: 2019
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FÜR ANDREA MARGRET UND MAREIKA
FLUCHT UND EIN BABY
HEIMKEHR DES VATERS
DER JUNGE HARTWIG
FRÜHE JAHRE
DIE ERSTE HÜTTE
GESCHENKTE ZEIT
IN DEN PILZEN
AUF BLAUBEERSUCHE
DIE NÄCHSTEN JAHRE - KINDHEIT -UNTERMIETER
SCHULBEGINN
KEUCHHUSTEN
SEXTA, QUINTA
WIEDER IN STREEK
IN DER RHEINSTRASSE
BRIEFGEHEIMNIS
HÄUSLICHER FRIEDEN?
BESSERE JAHRE
BETRUNKEN IM REGEN
AN DER OSTSEE
SCHWÄRMEREI
ARMER SCHWARZER KATER
EIN SCHWERES JAHR
FAMILIENWURZELN
AUF GROSSER TOUR
KINOWOCHE
THEATER, THEATER
STÜRMISCHE ZEITEN
NOCH EINE SCHWEDIN
LEBEN IM GELÄNDE
DIE ERSTE LIEBE
SCHULABGANG
LEHRZEIT STADE
ZU BESUCH IN BAYERN
MÜNSTER ZWEITER TEIL
AMELAND
VOM MÄDCHEN ZUR FRAU
DER VERKAUFSSAMSTAG
ENDLICH ALLEIN
ELLA IN NÖTEN
ZWEI PRÜFUNGEN
WERKKUNSTSCHULLEBEN
DER TROMPETER
BESUCH BEI GUNDULA
SCHWANTJE UND GERO
EINE KLEINE LIEBE
STUDIUM TEIL II
DAS EXAMEN STEHT BEVOR
IM JUGENDSTILHAUS
EINE UNBESCHWERTE ZEIT
IM FALSCHEN FILM
ZWISCHENSTOPP BEI CHRISTINE
EIN TURBULENTES JAHR
HERZWEH
NEUE WOHNUNG, NEUES INSTITUT
NEUE KONTAKTE, ALTE KONTAKTE
URLAUB ZU FÜNFT
EINE FALSCHE ENTSCHEIDUNG
LA BELLA ISOLA VERDE
ALLES WIRD GUT
An einem sonnigen Herbstnachmittag gaben Ella und ihre Mutter ein friedliches Bild in der Küche ab. Der Raum befand sich in einem Vierfamilienhaus in der Nähe des norddeutschen Städtchens Stade im Jahre 1958.
Ella saß am Fenster an der Schmalseite des Küchentisches und machte ihre Hausaufgaben, an der Seite gegenüber stand ihre Mutter Hermine und backte ihren bei allen beliebten Käsekuchen.
Es war warm und heimelig im Raum. Ein paar Minuten lang ging jeder ruhig seinen Gedanken und Tätigkeiten nach. Auf einmal begann Hermine zu sprechen.
„Ella, habe ich dir eigentlich mal erzählt, wo du her kommst? Dass Vati und ich uns im Krieg im Osten eine Existenz aufgebaut hatten? Wir mochten unser Leben im Sudetenland. Durch die Vermittlung von Oma Johannas zweitem Mann, Opa Hermann, der Polizeioberst war, bekamen wir eine schöne Stadtwohnung in einem alten Patrizierhaus in Troppau. Sogar einen VW-Käfer hatten wir bestellt. Es war noch Krieg, und plötzlich hieß es, die Russen kommen“!
Ella schrieb gerade an ihrem Aufsatz: „Ein Mensch, der mich beeindruckt hat“. Dabei brauchte ihr niemand zu helfen, das fiel ihr leicht. Ihre Aufsätze gehörten immer zu den längsten in der Klasse. Jetzt ließ sie sich aber gerne ablenken und sah überrascht zu ihrer Mutter auf.
Es kam nicht oft vor, dass sie von früher erzählte. Das wollte Ella sich nicht entgehen lassen.
„Die Russen kommen! Diese Worte hatten die Menschen gefürchtet“, fuhr Hermine fort.
„Diese Worte lösten auf der Stelle Panik und Fluchtgedanken aus. Stell dir vor, Millionen von Soldaten der Roten Armee machten sich in den Westen auf. Wir Deutsche hatten ja leider den Krieg angezettelt, das heißt, die Machthaber, wie das immer so ist“!
Was Hermine so alles durch den Kopf ging, wollte und konnte sie ihrem Kind nicht erzählen, das würde Ella nicht verstehen. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges besetzten die Nationalsozialisten die Tschechoslowakei. Die eingewanderten Deutschen bauten sich dort eine neue Heimat auf. 1943 wehrten sich die tschechischen Regierenden gegen die deutsche Minderheit und wollten sie brutal aus dem Land vertreiben. Sie wollten sich dafür rächen, was die Deutschen ihnen seit 1938 angetan hatten. Sie hassten die Deutschen, beschimpften deutsche Frauen als Huren. Ein friedliches Zusammenleben war nicht mehr möglich. Mit Einverständnis der Alliierten wurden schlimme Parolen verkündet wie: „Schlagt sie, lasst niemanden am Leben“! Privatvermögen wurden konfisziert.
So genau brauchte Ella das nicht zu wissen. Ihre Mutter wollte ihr die Flucht mit einfachen Worten erklären und fuhr fort:
„Wir Deutsche im Osten waren am nächsten dran. Das hieß, wir mussten alles stehen und liegen lassen. Ein gepackter Koffer stand zu diesem Zweck immer bereit. Wir mussten, wie fast 3 Millionen Deutsche, nach Westen flüchten! Wir hatten in Troppau eine so schöne Wohnung“.
Hermine seufzte bedauernd.
„Wo liegt denn Troppau, Mutti“?
„Das liegt im Sudetenland, Ella. Das gehörte früher zu Deutschland, heute gehört das zur Tschechoslowakei“.
Hermine nahm ein Küchentuch und holte die Springform mit dem vorgebackenen Boden aus dem heißen Backofen.
„Omi war gerade bei mir, um mir in den letzten Wochen vor deiner Geburt beizustehen. Stell dir vor, wir mussten alles Hals über Kopf verlassen, nur mit dem gepackten Koffer in der Hand, und ich mit dem dicken Bauch“!
„Wie lange war es denn noch bis zu meiner Geburt“?
Ella sah mitfühlend zu ihrer Mutter auf.
„Das war ja das Schlimme! Du konntest jeden Tag kommen“!
Sie hielt mit Ihrer Arbeit inne und strich sich nachdenklich eine blondierte Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Omi und ich versuchten dann, mit Militärfahrzeugen oder Lastwagen, oft alt und klapperig, Richtung Heimat zu kommen, denn Opa war ja in Münster. Wir wollten zu ihm nach Hause! Wir kamen aber nicht weit. Wir gingen ja zu Fuß. Manche hatten Karren oder Wagen dabei, wir nicht. Wir schafften mit unserem Gepäck nur wenige Kilometer am Tag. Ich war nicht die einzige Schwangere. Zwischendurch war man wirklich in Not, weil man dringend ein Klo aufsuchen musste. Wir klingelten dann an fremden Haustüren. Manche ließen uns auf ihre Toilette, manche nicht. Schlimm! Dann musste man sich in eisiger Kälte, es war ja Winter, hinter irgendeine Mauer oder ein Gebüsch hocken“!
Ella sah ihre Mutter aufmerksam an. Das konnte sie sich vorstellen. Hermine erzählte weiter:
„Wir waren nicht weit gekommen und noch immer im Sudetenland, als die Wehen losgingen. Ich konnte nicht mehr. Wir waren in einem kleinen Städtchen, das Römerstadt hieß. Heute heißt das anders. Du kamst in einem kleinen, ländlichprimitiven Krankenhaus zur Welt. Besonders hygienisch war es nicht! Ich erinnere mich an eine Ziege, die vor den Zimmern herumlief und etwas unter sich ließ. Es war eine quälend lange Geburt. Zwei Tage lag ich in den Wehen. Kaum jemand sah nach mir. Eine Krankenschwester saß neben uns und las. Wenn ich meine Mutter nicht gehabt hätte! An einem Mittwoch warst du endlich da“!
Hermine konnte ihrer Tochter nicht erzählen, dass das Kind aus ihr herausgeplatzt war und ein langer Riss ohne jede Betäubung genäht wurde.
Ella stützte den Kopf auf die Hände, wobei ihre langen, goldblonden Zöpfe auf die Tischplatte fielen. Unter Geburtsschmerzen konnte sie sich nur wenig vorstellen. Ihre Mutter hatte aber noch nie so ausführlich über ihre Geburt gesprochen! Deshalb hörte sie gebannt zu. Hermine fuhr fort:
„Dich Winzling in ein paar Tücher gewickelt, eine Decke darüber, flüchteten Omi und ich weiter, so bald ich wieder gehen konnte. Ende Februar war es kalt. Ich hatte kaum Milch, um dich zu stillen, und das Wenige behieltest du nicht bei dir. Du wurdest schwer krank, erbrachst dich nach jeder Mahlzeit, wenn es denn mal etwas Milch gab. Wir bekamen Angst um dich. Oft steckte ich dir den Zipfel eines nassen Tüchleins in den Mund, damit du ein bisschen was zu Nuckeln hattest. Einmal gerieten wir sogar in ein Gefecht! Stell dir vor, die Flüchtlinge wurden oft von den Russen überholt! Sie schossen einfach in die Karren der Leute und taten den Frauen etwas an. Mir nicht, das Bündel mit Dir auf dem Arm schützte mich. Als wir mitten in dem Gefecht waren, mussten wir uns in einen Graben werfen, und ein blutender Soldat fiel auf mich! Mit dir im Arm“!
Hermine schüttelte sich in der Erinnerung.
„Mutti, das ist ja wirklich furchtbar. Das kann man sich heute ja gar nicht mehr vorstellen“, meinte Ella teilnehmend.
„Leider dauerte der der Krieg noch ein paar Wochen. Es war kalt. Wir flüchteten weiter. Wir krochen abends in Bunker, um uns vor Bomben zu schützen und hasteten am Tag weiter, Richtung Westen. Jeder, dem ich dich zeigte,
machte ein betretenes Gesicht. Du warst ganz weiß, hattest Arme und Beine wie Stöckchen und einen dicken, aufgeblähten Bauch. Du hast bestimmt schon einmal Bilder von hungernden Kindern in Afrika gesehen, ja, so sahst du aus. Nur, dass deine Hautfarbe weiß war und du dunkle Ringe unter den Augen hattest.
Als wir in der Stadt Wiesbaden ankamen, wussten wir nicht mehr weiter. Um dein Leben zu retten, brachten wir dich dort in ein großes Krankenhaus. Die Ärzte machten mir wenig Hoffnung, nahmen dich aber auf. Schweren Herzens mussten wir dich dort zurücklassen. Ich konnte Omi nicht alleine nach Hause trampen lassen, sie war immerhin auch schon 60 Jahre alt“!
„Was sagte denn Opa, als ihr zu Hause ankamt“? wollte Ella wissen.
„Na, der war erstmal froh und erleichtert, nicht mehr in der Ungewissheit leben zu müssen, was mit seinen Frauen los war. Wir hatten ja keine Verbindung, viele Leitungen waren zerstört. Die Freude meiner Eltern war natürlich groß, mich jetzt bei sich zu haben, aber wir hatten hauptsächlich ein Thema: wie es dir ging! Wir bangten jetzt alle Drei um dich. Wir wussten ja nicht einmal, ob du noch lebtest!
Vati hatte auch noch keine Ahnung, was aus uns geworden war, er war noch in russischer Kriegsgefangenschaft, er wusste noch nichts von dir.
Natürlich wusste er, dass ich schwanger war, und freute sich auf sein heiß ersehntes Wunschkind. Nach über vier Jahren Ehe! Wir hatten am Tag vor Heiligabend 1940 geheiratet.
Jetzt musste ich mich erstmal von der Flucht und Geburt erholen. Ich war völlig fertig. Aber nach ungefähr sechs Wochen hielt ich es nicht mehr aus. Es war höchste Zeit, nach dir zu sehen. Ich trampte nach Wiesbaden mit dem sehnlichsten Wunsch, dich nach Hause zu holen. Glaub mir, ich hatte ganz weiche Knie, als ich endlich das Krankenhaus betrat! Wenn du nur noch da warst! Auf meine schüchterne Frage hin führte mich eine verständnisvolle Schwester zu deinem Bettchen. Das hieß, du lebtest“!
Hermine hob ihren Kopf von ihrer Arbeit und sah auf ihre Tochter. Sie konnte es immer noch kaum glauben, dass ihre Ella jetzt im Alter von 13 Jahren so gesund und blühend vor ihr saß.
„Na und? Wie ging es mir? Ging es mir besser“? fragte Ella ungeduldig.
Was für eine Geschichte! Das war ja richtig spannend! Sie konnte die Fortsetzung kaum abwarten.
Ihre Mutter enttäuschte sie nicht.
„Als ich dich endlich zu sehen bekam, sahst du genauso aus, wie ich dich verlassen hatte, einfach furchtbar. Arme und Beine nur Haut und Knochen.
Deine großen, blauen Augen sahen mich an, mit tiefen, schwarzen Ringen darunter. Es ging mir durch und durch. Die ganzen sechs Wochen hast du so da gelegen. Man sagt ja, wenn man sich nicht um einen Säugling kümmert, stirbt er. Bestimmt gab es dort liebe Krankenschwestern, die dich mal angesprochen und gestreichelt haben, denn du warst ja Gott sei Dank noch da. Ein mitleidiger Arzt gab mir dich mit auf den Weg, und ich trampte wieder Richtung Heimat“.
„Mutti, was war das denn eigentlich für eine Krankheit“? wollte Ella wissen.
„Es war Magen- und Darm-Katharr. Dabei sind diese Organe entzündet. Es ist ein Wunder, dass du das überstanden hast“.
Ella sah ihre Mutter mit großen Augen an.
„Du meinst, es ist ein Wunder, dass ich noch lebe“?
„Das kannst du laut sagen“.
Hermine hatte die Käsecreme fertig gerührt und füllte sie nun in die Form auf den vorgebackenen Boden. Sie bestrich die Oberfläche mit Eigelbmilch und gab dann den fertigen Kuchen in den Ofen. Sie räumte alle gebrauchten Gegenstände an ihren Platz und wischte den Tisch ab. Dabei erzählte sie weiter:
„Alle Menschen, die man unterwegs traf, waren hilfsbereit zu einer jungen Mutter mit einem Säugling. Aber das wenige, das du bekamst, spucktest du wieder aus. Ein bisschen muss wohl immer drinnen geblieben sein, sonst hättest du ja nicht überlebt.
Wie froh war ich, als wir endlich bei deinen Großeltern ankamen, und wie erschüttert war deine Omi bei deinem Anblick. Ich legte dich auf mein Bett. Als Opa sich über dich beugte und dich das erste Mal sah, meinte er nur:
Macht ein Neues“.
Durch die üppige Vegetation des hochsommerlichen Münsterlandes näherte sich auf einer einsamen, unbefestigten Landstrasse eine Gestalt. Auf einem alten Fahrrad radelte ein Mann in den Dreißigern heran. Sein Gesicht war bleich und ausgezehrt, sein grauer Anzug schlotterte vom Fahrtwind um seine mittelgroße, magere Gestalt.
Er war in einer Mission unterwegs.
Der Radfahrer war Hartwig Ostermann. Jetzt, Ende Juli 1945, war Hartwig endlich aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Er hatte eine lange, entbehrungsreiche Zeit auf der russischen Halbinsel Krim verbracht. Dann wurde er mit anderen Gefangenen nach Bayern verfrachtet, wo ihn die Amerikaner noch sechs Wochen lang festhielten. Gut zwei Monate nach Kriegsende durfte er endlich gehen und war wieder ein freier Mann. Es gab für ihn nur einen Ort, an den es ihn zog, und an den er täglich dachte. Er hatte vor viereinhalb Jahren geheiratet und seine junge Frau seitdem wenig gesehen. Er hoffte, seine Frau Hermine bei ihren Eltern in Münster anzutreffen. Sie war ja aus dem Sudetenland geflohen, wo sie eigentlich ein gemeinsames Leben führen wollten.
Seinen Entlassungsschein und andere Papiere sorgsam in seinem schäbigen Jackett verborgen wissend, war es ihm gelungen, mit Militärfahrzeugen oder Lastwagen nach zwei Tagen den östlichen Stadtrand der Hauptstadt Westfalens zu erreichen. Er wusste noch nicht einmal, ob das Haus noch stand und er seine Lieben dort noch finden würde. Natürlich hatte er seiner Frau das Nötigste in Feldpostbriefen mitgeteilt, und natürlich hatte sie ihm geschrieben. Das war aber schon wieder längere Zeit her.
Was ihn am meisten beschäftigte, war, dass Hermine inzwischen entbunden haben musste! Mein Gott, er hatte ein Kind! Er hatte es in einem seiner Kurzurlaube gezeugt. In einem Brief teilte ihm Hermine überschwänglich vor Glück mit, dass sie endlich von einem kleinen Mädchen entbunden war, dass es aber krank war. Wenn es denn leben durfte, müsste das Kind jetzt fünf Monate alt sein!
Er näherte sich dem lang gestreckten Wohnblock in der Rheinstraße. Der hatte von zahlreichen Geschossen einige Löcher und Risse in der Fassade abbekommen, aber da stand er! Hartwigs Herz klopfte plötzlich stark, und ihm schoss durch den Kopf, welchen armseligen Anblick er bot. Bartstoppeln bedeckten sein bleiches Gesicht, seine Wangen waren hohl und seine Kleidung durch die lange Zeit, die er sie schon trug, stark vernachlässigt. Egal! Auf dem Türschildchen stand der vertraute Name „Franke“. Er drückte auf den Klingelknopf. Ob sie wirklich da waren? Ein Summen ertönte! Er stemmte die Tür auf und rannte die Treppe hinauf in den ersten Stock. Da stand sie, schlank und blond! Seine Frau!
Was sich jetzt dort an der Wohnungstür abspielte, war an Dramatik nicht zu überbieten. Der Moment des Erkennens, der Ausbruch großer Gefühle.
Hartwig und Hermine wollten sich gar nicht wieder loslassen.
Da kamen seine Schwiegereltern aus der Küche glückstrahlend auf das Paar zu, und alle herzten sich laut und überschwänglich. Sie konnten es nicht fassen, wieder vollständig und gesund zusammen zu sein. Gleich nach der Begrüßung fragte der erschöpfte Heimkehrer nach seinem Kind. Sofort wurden die Mienen seiner Lieben ernst. Hermine ging vor, dahinter Hartwig, und seine Schwiegereltern folgten ihnen. Sie wollten seine Reaktion auf den Anblick seines Kindes sehen. Alle gingen die paar Schritte in das helle, nach Süden zum Garten liegende Zimmer, das Hermine jetzt mit dem Baby bewohnte.
Hartwig bot sich ein erschreckender Anblick, so dass ihm die Tränen aus den Augen stürzten und die eingefallenen Wangen herab liefen. Der Säugling sah so elend aus! Seine Haut war weiß. Unter den großen, blauen Augen lagen schwarze Ringe, und der Körper bestand nur aus Haut und Knochen. Aber sein Kind lächelte ihn an. Es lächelte immer, wenn ein Erwachsener sich über sein Bettchen beugte. Ein Schluchzer stieg in der Kehle des jungen Vaters auf und machte sich Luft.
„Du hast eine Tochter“, meldete sich sein Schwiegervater zu Wort,
„aber wir wissen nicht, wie lange du sie noch hast“. Seine Ausdrucksweise war ein bisschen barsch, aber damit kaschierte er seine Rührung.
„Wilhelm“, sagte seine Frau Christine dann auch tadelnd zu ihm, und sich zu ihrem Schwiegersohn wendend:
„Sie behält schon seit ihrer Geburt nichts bei sich, jedenfalls fast nichts“.
„Ich kann sie nicht stillen“, sagte Hermine traurig, „sie war ja lange im Krankenhaus. Wir hoffen noch irgendwie auf ein Wunder“.
Hartwig blieb noch eine Weile erschüttert vor dem Kinderbettchen stehen. Seine Schwiegermutter Christine legte eine Hand auf seinen Arm und sagte gütig und besorgt wie immer:
„Komm gleich in die Küche, Hartwig. Ich koche uns jetzt erst mal Kaffee und mache dir ein Brot“. Der junge Vater nickte dankbar. Sein Hunger war vorhanden, aber im Moment sekundär.
Als er sich dann vom Anblick seines Kindes los riss, ging er in die gemütliche Küche. Dort saßen sie lange zusammen und tranken Muckefuck aus der beliebten weißen Packung mit den blauen Punkten. Nach dem Hartwig sich die abenteuerliche Geschichte der Flucht der Frauen und der Geburt seiner Tochter angehört hatte, rief er:
„Aber was kann man denn tun? Man muss doch etwas tun können“!
„Ich war schon mit ihr bei der hiesigen Kinderärztin“, meinte Hermine, „die ist sehr kompetent und verständnisvoll, und Frau Dr. Wortmann, so heißt sie, riet mir, Milchpulver könnte ihr helfen. Aber woher nehmen“?
„Ich kümmere mich sofort darum“, nahm sich Hartwig vor.
„Zuerst musst du mal selbst zu Kräften kommen“, mischte sich jetzt seine Schwiegermutter mit einem Blick auf seine kümmerliche Gestalt ein, und ihr Mann und ihre Tochter waren der gleichen Meinung.
Hartwig wurde, so gut es ging, aufgepäppelt. Die Frauen waren, wie hunderttausende andere auch, geschickt darin geworden, aus den wenigen Lebensmitteln, die sie erhielten, möglichst viel Nahrhaftes und Schmackhaftes zu zubereiten. Die Mahlzeiten waren und blieben vorerst knapp, und so gut wie alle Überlebenden waren schlank. Hartwig stärkte sich, so gut es ging, und schlief sich gründlich aus. Sie hatten ihm Hermines Zimmer gegeben, und seine Frau zog mit dem Baby solange auf das Sofa im Wohnzimmer, damit er erstmal Ruhe hatte und ein richtiges Bett. Er fühlte sich geborgen und wie im Paradies. Aber nach ein paar Tagen hielt ihn nichts mehr und er rief:
„Ich habe mich jetzt genug erholt und keine Ruhe mehr! Ich werde jetzt übers Land zu den Bauernhöfen fahren und nach Milchpulver fragen! Habt ihr ein Fahrrad“?
„Du kannst meinen alten Drahtesel nehmen, er steht im Keller“, bot sein Schwiegervater an.
So kam es, dass Hartwig Ostermann durch das voll im Saft stehende Münsterland radelte. Die Bauernhöfe lagen so friedlich da, als hätte es nie einen Krieg gegeben. Hartwig sah das wohl, konnte sich aber nicht so richtig daran erfreuen, denn sein Herz war schwer. Er war von seiner Mission erfüllt, seinem so lang ersehnten Kind ein Gedeihen zu ermöglichen. Er war sich nicht zu schade, bei den Bauersleuten um Milchpulver zu betteln. Jedes Mal sagte er sein Sprüchlein mit Inbrunst auf. Jedes Mal musterten die Leute den mageren Mann in dem viel zu weiten Anzug. Und jedes Mal kam die Antwort:
„Tut uns Leid, haben wir nicht“.
Nachmittags fuhr er nach Hause zu seiner Familie. Am nächsten Morgen war er wieder unterwegs. Sein Kind lag unverändert in seinem Bettchen und erbrach alles, was man ihm einflößte. Eine winzige Menge wird wohl im Körper geblieben sein, sonst hätte das Würmchen ja nicht überlebt. Hermine war sehr unglücklich darüber, dass sie ihr Kind nicht stillen konnte. Frau Dr. Wortmann versuchte sie zu trösten, in dem sie sagte, dass ihre Tochter ein starkes Herz besaß, das bisher über die Krankheit siegte.
Nach einigen Ausflügen kam Hartwig an einem großen, gepflegten Bauernhof an. Er hatte kaum noch Hoffnung und war kurz davor, zu resignieren. Er sah die Bäuerin vor der mit Blumen flankierten Eingangstür hantieren und stieg vom Fahrrad ab. Er grüßte höflich und sagte sein Sprüchlein so traurig auf, dass die Frau aufhorchte. Das klang nach echter Verzweiflung! Sie bat ihn herein und forderte ihn auf, sich in die Stube zu setzen.
„Ich komme sofort wieder“, sagte sie und ging hinaus in die Scheune, in der ihr Mann beschäftigt war, und redete kurz mit ihm. Hartwig war dankbar für die Pause und sah sich in der heimeligen Bauernstube um. Hier waren wohl alle Möbel aus massiver Eiche! Sonnenschein fiel durch das Fenster seitlich auf den Kamin. Es sah so aus, als ob diese Bauersleute im Krieg keine großen Verluste erlitten hatten. Vielleicht war der Hausherr noch nicht einmal an der Front gewesen! Während sich Hartwig so seine Gedanken machte, kam das Ehepaar herein und setzte sich zu ihm. Mit seiner gepflegten Ausdrucksweise gefiel er den Leuten. Er musste ihnen von seinem Beruf und seiner Gefangenschaft erzählen. Hartwig saß so an dem rustikalen Eichentisch, dass ein Sonnenstrahl auf ihn fiel. Seine dunkelblonden, glatten Haare hatte er nach hinten gebürstet. Die Schläfen waren vorzeitig ergraut und glänzten silbern. Seine Augen leuchteten blau unter buschigen Brauen, und seine regelmäßigen Zähne blitzten beim Sprechen. Er redete klar und aufrichtig, so dass die Bauersleute wohl erkannten, dass sie hier einen Ehrenmann vom präzise gezogenen Linksscheitel bis zu den abgetragenen, aber blitzblank geputzten Schuhen vor sich hatten. Einen deutschen Offizier, den nun keiner mehr brauchte. Die Bäuerin ging kurz hinaus und kam mit einem Brett wieder herein, auf dem sich ein dickes Speckbrot mit Senf befand, dazu stellte sie ihm ein großes Glas mit frischem Brunnenwasser daneben. Hartwig nahm es nur zu gerne. Endlich sprach er auch davon, dass er sein Kind erst jetzt gesehen und in welchem Zustand er es angetroffen hatte.
Er hätte noch stundenlang erzählen können, denn er merkte, dass ihm hier geholfen werden könnte. Sein Besuch war anscheinend auch eine willkommene Abwechselung für das Ehepaar. Die Bäuerin schenkte Hartwig noch einmal ihr wunderbares, frisches Brunnenwasser aus einer Kanne nach. Dann wurde ihm wirklich geholfen. Sie gingen hinaus, und etwas später drückte der Landwirt ihm ein Paket in die Hand und wünschte seinem Kind baldige Genesung. Hartwig bedankte sich überschwänglich. Gestärkt und glücklich fuhr er mit mindestens zwei Kilogramm Milchpulver, gut befestigt auf dem Gepäckträger, zügig in die Stadt zurück. Sie sahen ihm schon erwartungsvoll entgegen, und diesmal strahlte er, voller Stolz über seinen Erfolg.
Sofort wurden ein paar Löffel der kostbaren Substanz in warmem Wasser aufgelost und dem Kindchen in einem Fläschchen eingeflößt. Voller Spannung verbrachten die Eltern und Großeltern des kleinen Würmchens die nächsten Stunden. Dann stand es fest: Die so mühselig erworbene Nahrung verließ den kleinen Menschen nicht durch den Mund, sondern ganz normal verarbeitet durch Magen, Darm und Blase. Der Jubel war groß!
Das erhoffte Wunder war geschehen. Das Kleine gedieh und wurde rund und rosig wie alle Babys, heiß geliebt von vier Erwachsenen. Jetzt tauchte die Frage auf: Wie sollte das kleine Mädchen heißen? Hermine fand den Namen Anke schön. Hartwig wollte eine Ella. Er schwärmte für die Jazz-Sängerin Ella Fitzgerald. Und weil er so lange auf sein Kind warten musste, setzte er sich durch. An eine kirchliche Taufe dachte in dieser Zeit niemand. Eltern und Großeltern waren nur auf dem Papier evangelisch, in die Kirche gingen sie so gut wie nie.
Hartwig Ostermann war 1912 in Herford geboren und als ganz junger Mann zur Polizei gegangen. Er wechselte dann aber zur Luftwaffe, weil er vom Fliegen fasziniert war. Er wurde in seinem gewünschten Beruf ausgebildet und als Pilot eines kleinen Kampfflugzeugs, der Junkers 87, kurz Ju87 genannt, im Krieg eingesetzt. Hartwig kannte keine Angst. Mit seinen 172 Zentimetern war er nicht groß, aber ungeheuer sportlich und drahtig. Mit seiner schnell gebräunten Haut und den regelmäßigen Zähnen sah er sehr gut aus. Er war ein Muster an Korrektheit und konnte sehr charmant sein. Als Pilot war er erfolgreich und brachte es zum Staffelkapitän bei den Sturzkampffliegern. Er absolvierte über 600 Feindflüge über Russland.
Sein Jagdbomber Ju87 hatte leicht nach oben geknickte Flügel. Das Flugzeug war klein und wirkte nicht sonderlich robust. Über dem Kopf des Piloten und des Kopiloten dahinter befand sich nur eine lächerlich leichte Plexiglashaube. Einige dieser kleinen Bomber waren an den Fahrzeugbeinen mit einer Furcht erregenden Sirene ausgestattet, der Jericho-Sirene, die schon im Anflug zu hören war und die Menschen in Angst und Schrecken versetzte, während sie zahlreiche Bomben über ihren Zielen abwarfen. Unvorstellbar, was sie angerichtet haben, aber damals war das der Job eines Soldaten, sein Vaterland zu verteidigen. Das war eine furchtbare Zeit. Soviel sinnlose Zerstörung! Zerstörung an der Infrastruktur, aber vor allem unvorstellbare Zerstörung menschlichen Lebens. Die Welt war durch einen der schlimmsten Verbrecher aller Zeiten völlig aus den Fugen geraten. Ob die Menschen es noch lernen, Konflikte nur durch Demokratie und Diplomatie zu lösen und nicht charismatischen Despoten hörig zu folgen? Lernen sie denn nichts aus der Vergangenheit?
Natürlich gab es riesige Verluste unter den Sturzkampfbombern und ihren Piloten. Hartwig Ostermann hatte das Glück, den Krieg überlebt zu haben. Ohne Folgen blieb das nicht. Wie viele Überlebende kam er mit zerrütteten Nerven davon. Die Piloten sahen zwar nur aus der Entfernung, was ihre Bomben auf der Erde anrichteten, aber sie sahen viel Schmerzliches in unmittelbarer Nähe, dass der Feind ihnen antat. So musste Hartwig erleben, dass seinem Kameraden neben ihm nach einem russischen Angriff von einem Trümmerteil der halbe Kopf wegrasiert wurde.
Hartwig und Hermine konnten beinahe dabei zusehen, wie ihre kleine leidgeprüfte Ella sich entwickelte. Die Entzündungen in ihrem Körper klangen ab. Die Haut glättete sich und nahm eine gesündere Farbe an, Arme und Beine polsterten sich aus, der Blähbauch ging zurück. Was für eine wunderbare Verwandlung!
Es war ihr bestimmt, zu leben, und sie wollte leben! Das Gesicht wurde rund und rosig, und die dunklen Ringe unter den Augen verschwanden fast ganz! Mit großen, blauen Augen blickte Ella jetzt staunend in die Welt.
Aus Freude über diese Entwicklung taten die Eltern jetzt des Guten zuviel, und ihr Baby ging auf wie ein Hefeklösschen. Die Nahrungszufuhr wurde reduziert, und mit der Zeit wurde aus dem Pummelchen ein normal schlankes Kleinkind.
„Mutti, wie war ich als Baby“? fragte sie ihre Mutter Jahre später.
„Du warst ein sehr ruhiges Kind, immer freundlich, leicht zufrieden zu stellen“, meinte Hermine.
„Wenn ich mal in einem anderen Raum zu tun hatte oder in den Keller gehen musste, setzte ich dich mit einem Stück Brot auf die Liege in der Küche, und wenn ich nach einer Weile wieder kam, hast du noch genau so da gesessen“!
Daran konnte sich Ella natürlich nicht mehr erinnern. Sie glaubte später, ihre früheste Erinnerung wäre eine Balkonszene gewesen. Jede Wohnung in diesem lang gestreckten Wohnblock hatte zum Garten hin einen halbkreisförmigen Balkon aus dickem Beton. Er war gerade groß genug für einen kleinen Tisch und zwei Stühle. Hartwig und Hermine waren sehr froh über diesen luftigen Platz. Einmal stellte Hartwig seine kleine Ella einmal kurz frei auf den Tisch, und sie warf einen Blick von der ersten Etage in den Hof, was ihr furchtbar hoch vorkam. Sie schrie wie am Spieß. Ihr Vater nahm sie natürlich sofort wieder herunter, aber diese Schrecksekunde vergaß sie nie.
Hartwig konnte auf dem Balkon seine Zeitung lesen. Er las Hermine oft etwas daraus vor, während sie an einer Arbeit saß. Das behielten sie bis ins Alter bei. Hartwig hatte eine angenehme Stimme, und er wurde an der Luft schnell braun. Auch Ellas Mutter hatte immer einen leicht gebräunten Teint, weil sie bei Sonne so viele kleine Arbeiten wie möglich dort erledigte.
Wenn die Hausarbeit getan war, strickte und nähte sie stundenlang auf dem kleinen Balkon.
Sie war eine Meisterin darin, alte Kleidungsstücke zu verwandeln. Sie nahm sie auseinander, schnitt sie neu zu, nähte alles mit winzigen Stichen mit der Hand. Eine Nähmaschine besaß sie nicht. Die Kindersachen wurden liebevoll bestickt. Alte Stricksachen wurden aufgeribbelt und neue daraus gemacht. Hermine war sehr einfallsreich. Es gab ja kaum neue Sachen, und sie hatten in den ersten Jahren sehr wenig Geld.
Hartwig fand einen unbedeutenden und schlecht bezahlten Job als Preisprüfer bei der Stadt, den er hasste.
Als Hermine 1947 wieder schwanger war, wurde die Wohnung für alle zu klein. Ihre Eltern zog es wieder in die Heimat ihres Vaters. Wilhelm Franke war Oldenburger, und dort war auch Hermine 1917 geboren. Wilhelm und Christine zog es aber nicht direkt in die Stadt. Sie fanden eine neue Heimat einige Kilometer südlich der Stadt auf dem Land.
Jetzt hatten Hartwig und Hermine mit Ella eine schöne Wohnung für sich. Sie hätten es auch genießen können, wenn die Zeit nicht so hart gewesen wäre. Es gab nämlich kaum etwas zu essen.
So sehr sich Ehepaar Ostermann über den baldigen Nachwuchs freute, sie waren voller Sorge. Hermine erzählte später gerne, wie froh sie über den einzigen Apfelbaum war, der hinter dem Haus auf ihrem Gartenstück stand. Er trug in diesem Sommer unzählige kleine, rote Äpfel, an denen sie sich in den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft satt essen konnte.
Fehlerlose Exemplare dieser Äpfel wurden im Keller auf Regalen gelagert, damit sie bis in den Winter hinein einen Vorrat hatten.
Zur Freude der Familie kam im September 1947 ein Schwesterchen für Ella auf die Welt. Voller Sorge, es könnte etwas passieren, wurde das Kind drei Wochen nach der Geburt in der Notkirche am Kaiser-Wilhelm-Ring evangelisch getauft, und Ella gleich mit. Ja, an Ellas Taufe hatte man gar nicht mehr gedacht. Man hatte mit dem Überleben genug Probleme.
Der furchtbare zweite Weltkrieg hatte insgesamt 55 Millionen Menschen das Leben gekostet, davon allein 27 Millionen Sowjets. Auch noch Ende 1946 war kein Aufschwung in Sicht. Die Menschen erhielten Lebensmittelmarken, die 1000 Kalorien pro Person wert sein sollten, oft aber nur 800 Kalorien enthielten.
Der Winter 1946/47 war bitter kalt, es soll der kälteste seit Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts gewesen sein. Man sprach vom „Weißen Tod und schwarzem Hunger“, die Lage war dramatisch.
Die Menschen waren schon lange Zeit durch Mangel geschwächt. Dazu kamen große Anstrengungen, Nahrung und Kohle herbeizuschaffen. Stundenlanges Anstehen, Hamsterfahrten, sogar Diebstähle waren an der Tagesordnung. Aber selbst die Katholische Kirche drückte hier ein Auge zu. Der Erzbischof Joseph Kardinal Frings hielt eine Ansprache, in der er das Stehlen billigte, wenn es denn zur Lebensrettung geschah. Daraufhin nannten die Menschen das Organisieren von Lebensmitteln und Brennstoffen „Fringsen“.
Erst im April 1947 wurde es wärmer. Die Lage der Bevölkerung stabilisierte sich aber erst nach der Währungsreform 1948. Die Deutsche Mark löste die Reichsmark ab und brachte den langsamen Aufschwung.
Irgendwie brachte die Familie Ostermann sich durch. Natürlich war die Freude über den Nachwuchs groß. Besonders Ella, die zu dem Zeitpunkt zweieinhalb Jahre alt war, hängte ihr Herz sofort an ihr Schwesterchen und nahm an seinem Gedeihen liebevollen Anteil. Das Baby erhielt den Namen Schwantje, nach dem zweiten Vornamen der Großmutter Christine. Es wurde aber nur Schwänchen genannt. Von Anfang an hingen die beiden Mädchen zärtlich aneinander. Der zeitliche Vorsprung, den Ella hatte, tat ihr gut. Schwänchen sah bis zur Pubertät zu ihr auf und sah in ihr neidlos ein Vorbild.
Schwantje kam figürlich ganz und gar auf ihren Vater. Sie war klein und drahtig. Vom Wesen her war sie witzig und charmant und reckte ihre süße Stupsnase in die Luft.
Sie war Hartwigs erklärtes Lieblingskind. Er durfte ihre Entwicklung von Anfang an miterleben.
In Niedersachsen, ein paar Kilometer südlich der hübschen Stadt Oldenburg, liegt ein kleines Dorf. Es heißt Streek. Wie es heute aussieht, Ella weiß es nicht.
Sie war im Sommer 1963 zum letzten Mal in ihrem Ferienparadies.
Damals bestand das Dorf nur aus wenigen Häusern. Ein paar lagen direkt an der Landstraße, einige lagen an einem breiten, unbefestigten Weg, der die Landstraße im rechten Winkel schnitt.
Hinter diesen kleinen Häusern begann der Wald. Auf der linken Seite, etwa nach 100 Metern, stand eine einfache, dunkelbraun gestrichene Hütte. Sie hatte einen kleinen Vorgarten, in dem man etwas Gemüse ziehen konnte, denn hinter der Hütte begann ja der Wald, wo wegen der Baumwurzeln kein Beet möglich war. Dort stand nur eine Pumpe, die Ellas Großeltern stets herrlich kaltes, klares Wasser schenkte, das nach Eisen schmeckte.
Die Großeltern hatten eine einfache Bleibe auf dem Lande gefunden, die einem Gartenhäuschen ähnlicher war als einem Haus. Innen bestand die Hütte aus einem größeren Raum, der als Wohnraum und Küche diente, und einem winzigen Schlafraum, in dem sich zwei Betten gegenüberstanden. Zum Waldrand hin gab es eine kleine verglaste Veranda, in der vor den Fenstern ein alter Küchentisch und zwei Stühle standen.
In der Hütte gab es keinen Strom und keinen Wasseranschluss. Dafür hatten Ellas Großeltern ja die Pumpe draußen. Bei Dunkelheit erhellte eine Petroleumlampe die mehr als bescheidene Einrichtung. Ellas Großmutter Christine kochte auf einem eisernen Herd, auf dem eigentlich fast ständig ein Feuer in Gang gehalten wurde. Ella sah ihrer Omi fasziniert zu, wenn sie mit einem langen Schürhaken die Eisenringe auf die runden Öffnungen in der Herdplatte legte. Je nach Größe des Topfes oder der Pfanne hatte sie drei verschiedene Größen zur Auswahl. Der Topfboden stand dann direkt über dem offenen Feuer. Ihre Omi war sehr geschickt im Hantieren mit diesen unhandlichen Geräten, und sie kochte immer sehr lecker.
Seit ein paar Monaten wohnten die Großeltern nun in Streek. Sie hatten sich schon ganz gut eingelebt, als Ellas Mutter auf die Idee kam, ihre Tochter für ein paar Wochen zu ihren Eltern zu geben. Also brachte Hermine ihre Ella mit der Bahn zu ihnen und fuhr nach ein paar Tagen wieder zurück nach Münster, wo sie von Hartwig und Kleinkind Schwantje gebraucht wurde. Auch hatte sie in der Hütte kein richtiges Bett, es musste improvisiert werden, und dann wurde es eng.
Ellas Mutter Hermine war froh, dass ihre Eltern ihr die Tochter für eine Zeit lang abnahmen. Sie wusste Ella bei ihnen in besten Händen. Die Verpflegung war auf jeden Fall hier vitaminreicher, was Ella gut tun würde. Die Großeltern liebten ihre erste Enkelin abgöttisch. Sie hatten sie von Anfang an aufwachsen sehen. Vier gütige Augen schenkten ihr ungeteilte Aufmerksamkeit und folgten ihr sorgsam, wo immer sie in Sichtweite um die Hütte herum spielte. Ellas weißblonder Schopf hob sich gut vor der dunklen Waldkulisse ab, wenn sie hinter der Veranda spielte.
Ihr Opa hielt sich hinter dem Haus ein paar Kaninchen. Er kam jetzt mit einem ovalen, henkellosen Korb auf Ella zu. Darin saßen zwei sehr junge Tierchen auf etwas trockenem Heu. So etwas Entzückendes hatte sie noch nie gesehen.
„Opa, darf ich die mal halten“?
Sie setzte sich auf den warmen Grasboden. Opa Wilhelm stellte ihr den Korb auf ihren Schoß. Sie saß da mit ausgestreckten Beinchen und sah auf die Kaninchenkinder hinab.
„Oh, sind die schön“.
Ein Glücksgefühl durchströmte Ella, und ganz vorsichtig streichelte sie diese liebenswürdigen Geschöpfe. Mit dem Kaninchenkorb auf dem Schoß gab sie wohl ein so hübsches Bild ab, dass ihr Opa ein Foto von diesem Idyll machte.
Er war gerührt. Wer hätte das gedacht, dass der harte Wilhelm Ella, sein Enkelkind, so tief ins Herz geschlossen hatte. Er konnte beobachten, wie aus dem elenden Baby ein so reizendes Kind wurde. Es gefiel ihm auch, dass sie so viele Fragen stellte und eine rasche Auffassungsgabe besaß.
Eines Nachmittags hatte ihre Omi Christine sie in einem Zinkwännchen gebadet, das sie auf den Tisch in der Veranda gestellt hatte. Sie stellte Ella auf und fing an, sie mit einem Handtuch abzurubbeln. Da kam Opa Wilhelm, hob das nackte Kind mit einem Schwung aus der Wanne und stellte es daneben auf den wackeligen Tisch.
„Na, hast du denn schon einen Busen“? fragte er. Christine sah entsetzt zu ihm hin. „Nein, Opa“, sagte Ella.
Wilhelm tippte mit dem Finger zweimal auf ihren mageren Oberkörper und meinte:
„Aber die Stelle, wo er hinkommt, ist schon da!“
Da lachten sie alle Drei.
Da die Hütte ebenso wie die benachbarten Hütten so wenig Wohnraum boten, spielte sich das Leben im Sommer überwiegend im Freien ab.
Die Haustüren standen offen, denn niemand hatte nach dem Krieg Reichtümer, die es zu bewachen galt. Nachbarschaftshilfe war eine Selbstverständlichkeit. Niemand verlangte etwas dafür, man half sich eben gegenseitig.
Den meisten Kontakt hielten Wilhelm und Christine Franke mit den Bewohnern der nächsten Hütte. Familie Albrecht war aus Rumänien geflüchtet, also Rumäniendeutsche, wie man sagte. Vater Heinrich war Zimmermann, ein großer, schweigsamer Mann mit braunen Locken. Er war immer zur Stelle, wenn an seiner oder einer anderen Hütte etwas repariert werden musste. Seine Frau war das Gegenteil, klein und korpulent. Sie bewegte sich ungern. Sie redete ununterbrochen, saß meistens auf einem Küchenstuhl und klagte, mit einem grauenhaften Akzent. Das ertrug man gerne, weil sie gutmütig war. Käthe Albrecht trug einen schwarzen, strengen Haarknoten, mit silbernen Strähnen durchzogen. Heinrich und Käthe hatten zwei nette Kinder mit großem Altersunterschied. Tochter Hedda war zehn Jahre alt und sehr klug.
Ihr Brüderchen Martin war mit drei Jahren der kleine verzogene Kronprinz.
Hedda war eine gute Schwester und beschäftigte sich liebevoll mit ihm.
Hedda war doppelt so alt als Ella und hatte schon ganz andere Interessen. Erst ein paar Jahre später befreundeten sich die Mädchen. Wilhelm und Heinrich verstanden sich gut und machten allerlei Arbeiten zusammen, sie bauten Ställe und Zäune und reparierten die Dächer, die nur mit Teerpappe gedeckt waren. Die Frauen legten im Vorgarten Gemüsebeete an und pflegten sie. Dabei gerieten die beiden Hausfrauen in ein Schwätzchen über den Zaun hinweg. Dafür reichte die gegenseitige Sympathie, für eine Freundschaft waren sie wohl zu verschieden.
Auf der anderen Seite des sandigen Weges, direkt gegenüber den Hütten, befand sich eine blickdichte Ligusterhecke, bestimmt dreißig Meter lang. Dahinter verbarg sich ein lang gestrecktes, wunderschönes Grundstück mit einem Häuschen in der Mitte, das in einer Mulde lag und von außen nicht einsehbar war. Es wurde von dem netten, alten Herrn Werner und seiner unverheirateten Tochter bewohnt. Dort half Ellas Opa oft aus, die großen Kartoffel- und Gemüsebeete zu bestellen und reife Früchte von den Obstbäumen zu ernten, was dem heimischen Speiseplan zugute kam.
Dieses große Grundstück würde in Ellas Leben noch eine wichtige Rolle spielen. Viele wunderbare Ferien durfte sie dort verbringen.
Am Ende der gegenüberliegenden Ligusterhecke hörte auch der Wald auf.
Ab dort war das Land vollkommen flach und menschenleer.
Grüne Wiesen erstreckten sich bis zum Städtchen Wardenburg, dessen Kirchturm man in der Ferne gerade noch erkennen konnte. Durch diese Wiesen floss der kleine Fluss Hunte, in dem die Mädchen später ab und zu mal badeten. Es gab auch einen künstlich angelegten, fast quadratischen Fischteich, an dem selten ein Angler zu sehen war. Nicht zu vergessen die vielen Fleete, kleine Wasserläufe, über die hölzerne Bretter als kleine Brücken gelegt waren.
Im Sommer, wenn das Holz der Stege von der Sonne gewärmt war, legten die Kinder sich der Länge nach darauf und sahen in das fließende Wasser. Dort krabbelten Spinnen und Käfer über die Wasseroberfläche, und reichlich andere Geschöpfe ließen sich beobachten. Ella, Martin, Gernot und andere Kinder genossen eine große Freiheit, die sie die Natur lieben lehrte. Hier brauchten sie keine Schuhe. Sie liefen barfuss durch den warmen Sand. Am Rande der Wege wuchs Heide und dazwischen Ellas Lieblingsblümchen, die kleine blaue Glockenblume.
Ihr Opa sah es nicht so gerne, wenn die Kinder das Grundstück verließen, außer, er war dabei. Wenn er mal nicht da war, ließ Christine sie ziehen. Sie spielten so gern auf dem Stückchen Heideland, nicht weit vom Grundstück. Den würzigen Duft von wildem Thymian, der die Heide durchzog, wird Ella nie vergessen.
Hier in Streek war sie glücklich.
Vor Ellas sechstem Geburtstag im Februar 1951 musste eine Entscheidung gefällt werden. Sollte sie jetzt, mit sechs Jahren, eingeschult werden, oder erst im nächsten Jahr? Ella war zart und gesundheitlich anfällig. Hermine führte ein ernstes Gespräch mit Frau Dr. Wortmann. Ella war dabei und hörte aufmerksam zu.
„Frau Doktor, Sie kennen unsere Ella doch schon so lange. Mein Mann und ich sind uns nicht sicher, Ella jetzt schon einzuschulen. Unser Kind braucht sehr viel Ruhe und kann Lärm gar nicht vertragen.
Was meinen Sie“?
„Frau Ostermann, ihre Bedenken sind berechtigt. Geistig ist Ihre Tochter voll schulreif, aber körperlich und nervlich scheint sie noch Zeit zu brauchen. Stellen sie sie noch ein Jahr zurück. Es wird ihr gut tun“. Sie strich Ella gütig über das blonde Köpfchen.
„Ihr Rat ist uns sehr wichtig, Frau Doktor. Mein Mann und ich werden Ihnen den Tipp mit dem Milchpulver damals nie vergessen. Sie haben Ella quasi damit das Leben gerettet“, sagte Hermine, dankbar die Ärztin und dann ihr Kind anschauend.
„Dafür sind wir doch da, Frau Ostermann. Alles Gute für Sie und ihre Tochter. Auch für Ihr zweites Kind“. Frau Dr. Wortmann hatte natürlich auch Schwantje von Anfang an betreut. Sie verabschiedeten sich herzlich und gingen gestärkt vom Rat dieser klugen Frau nach Hause. Abends besprach Hermine mit Hartwig, was Ella in dem Jahr machen sollte.
Sie war oft krank gewesen, zog sich gern zurück.
Auch fiel sie ab und zu kurz in Ohnmacht, war aber schnell wieder da. Keiner kannte die Ursache dafür.
Hermine hatte Ella, als sie kleiner war, in den Kindergarten schicken wollen. Dort hielt sie es nur zwei Tage aus, dann schrie sie so lange, bis Hermine sie wieder herausnahm. Ella fand den Lärmpegel unerträglich. Vor ein paar Wochen war die Familie auf dem Jahrmarkt, in Münster Send genannt. Die Eltern wollten ihren kleinen Mädchen mit dem Besuch eine Freude machen, erreichten bei ihrer Ältesten aber das Gegenteil. Nach kurzer Zeit fing Ella furchtbar an zu weinen. Der Krach war zuviel für sie. Es blieb den Eltern nichts Anderes übrig, als den Weg nach Hause einzuschlagen.
Also wurde beschlossen, Ella erst mit sieben Jahren zur Schule zu schicken. Die Eltern besprachen sich. Die gute Landluft und die vitaminreiche Kost in Streek würden ihrer ältesten Tochter gut tun, da waren sie sich einig. Sie riefen sie zu sich.
„Ella, könntest du Dir vorstellen, das ganze Jahr in Streek zu verbringen, bei Omi und Opa? Wir kommen Euch auch im Sommer besuchen“!
Die Augen ihrer Tochter leuchteten auf.
„Jaaaa, gerne! Schööön“!
Sie hüpfte und sprang vor Begeisterung herum. Es wurde sofort nach Streek geschrieben, und postwendend kam die ebenfalls begeisterte Antwort der Großeltern.
Hermine brachte ihr Kind also wieder nach Streek. Das war immer mit Umständen verbunden. Sie fuhren mit der Bahn und mussten in Ahlhorn umsteigen. Nach ungefähr einer Stunde Wartezeit kam dann endlich der Zug nach Sandkrug an, und nach etwa einer weiteren Stunde Fahrzeit waren sie endlich am Ziel. Da stand Opa schon mit seinem Rad, um die Beiden abzuholen. Das Fahrrad wurde mit ihrem Gepäck beladen, und sie wanderten ein Stück die Landstraße entlang, bis sie links in einen Wald abbogen. Ella sah einige Vögel, die die Baumstämme munter herauf und herunter liefen.
Sie machte ihren Opa darauf aufmerksam.
„Das sind Kleiber, Ella, eine Meisenart. Die suchen sich Nahrung, Insekten oder Nüsse, klemmen sie in der Baumrinde ein und picken sie dann auf“!
Seine Enkelin staunte. Sie hatte noch nie Vögel gesehen, die einen Baumstamm hinunterliefen. Die Stunde zu Fuß nach Streek kam Ella endlos vor.
Endlich kamen sie im Dorf an und hielten an der langen Ligusterhecke.
Die Großeltern hatten die einfache braune Hütte verlassen und waren auf die andere Seite des Weges auf das große Grundstück gezogen.
Dem alten Herrn Werner mit seiner Tochter war es zu einsam geworden, sie zogen wieder in die Stadt. Hermine und Ella gingen zum ersten Mal durch das Törchen in der Hecke, das Hermine aufhielt, um ihren Vater mit seinem Fahrrad durchzulassen. Dann gingen sie die leichte Anhöhe hinauf freuten sich riesig, als sie das gelbe Häuschen im Grünen zum ersten Mal etwas tiefer liegen sahen.
Das war ja wie im Märchen!
„Opa, wo ist Omi“? rief Ella.
„Lauf nur schon ins Haus, Omi kocht sicher etwas Gutes“! meinte Opa, und so war es. Großmutter Christine stand vom Kochen erhitzt vor dem gusseisernen Herd mit dem Suppentopf darauf. Wilhelm und Hermine kamen herein, und es war ein großes Hallo.
Dann saßen sie in dem winzigen Wohnraum am Tisch und aßen Omis
fantastische Rindfleischsuppe. Die Vier waren glücklich.
Hermine blieb wie immer nur zwei Tage, denn ihr Mann war mit Schwänchen allein in Münster, und die Beiden brauchten sie.
In diesem Häuschen war nicht viel mehr Platz als in der alten, braunen Hütte. Aber es war anders aufgeteilt. Wilhelm hatte hier ein winziges Kämmerchen mit seinem Bett. Dass er allein schlief, war nötig, denn er schnarchte unglaublich laut. Christine hatte daneben ein etwas größeres Zimmerchen, in dem neben ihrem Bett auch der einzige Kleiderschrank und zwei Kommoden standen.
Es gab elektrisches Licht im Haus. Wasser mussten sie sich wie früher von der Pumpe vor dem Haus holen. In der winzigen Küchenecke stand rechts an der Wand eine Kiste, darauf standen zwei Eimer Wasser, die jeden Tag frisch gefüllt wurden. Einer war zum Kochen und einer zum Putzen bestimmt. Das Wasser schmeckte genau so gut wie in der alten Hütte, kalt und köstlich.
Das Ganze machte aber einen viel besseren Eindruck.
Die Familie Albrecht kaufte das Grundstück, auf dem die braune Hütte gestanden hatte. Sie zog ein paar Hütten weiter in eine, die leer stand. Das war nur als Übergangslösung gedacht, bis das neue Haus fertig war. Denn sie bauten, richtig gemauert, ein Einfamilienhaus auf der Stelle, wo die alte Hütte gestanden hatte. Die gab es nicht mehr, sie wurde vorher abgerissen. Das bedauerte niemand.
Das neue Haus wuchs langsam in die Höhe, denn Heinrich machte viel in Eigenleistung. Es wurde weiß verputzt und bekam ein hellrotes Schindeldach. Das sah doch schon ganz anders aus!
Jetzt hatten sich beide Familien schon erheblich verbessert.
Ella blühte auf. Sie liebte das Haus in dem riesigen Garten. Das Leben hier kam ihr wie im Paradies vor. Das Grundstück hatte aber auch alles. Kartoffelfelder, Gemüsebeete, Obstbäume, Beerensträucher und rundherum Gebüsche und Bäume, die das kleine Haus in der Mulde vollkommen abschotteten und vor Blicken von außen schützten. Es gab aber auch einige Kiefern, besonders an der hinteren Begrenzung des Grundstücks und im Hühnergehege standen einige. Den Hühnerstall mit etwa einem Dutzend braunen Hühnern, die robust und ruhig waren, und einem stolzen Hahn liebte Ella ganz besonders. Er lag im rechten, hinteren Teil des Gartens. Im Hühnerstall wuchs gar kein Gras, da standen nur Nadelbäume. Ella suchte oft langes, saftiges Gras, Löwenzahn oder Miere und warf es den Hühnern über den Zaun. Die kamen dann auch gerne und stürzten sich auf das Grün. Sonst wurden sie natürlich von ihrem Opa mit Körnerfutter und Legemehl versorgt. Wenn Ella sich den Hühnern in ihrem weitläufigen Gehege näherte, kamen auch die Tiere vorsichtig näher, blieben aber in einiger Entfernung stehen und sahen sie an. Wenn sie dabei den Kopf schief hielten und der rote Kamm auf ein Auge kippte, fand Ella das unwiderstehlich.
Dieses Jahr in Streek genoss Ella ungemein. Sie liebte die Natur um sich herum und wusste sich beschützt in der Obhut ihrer Großeltern. Die waren klug genug, nicht dauernd nach ihr zu rufen. Auch wenn sie sie nicht sahen, Ella würde nie das Grundstück verlassen, es bot ihr alles, was sie glücklich machte. Da gab es mehrere Lieblingsplätze. Entweder sie saß in einem Baum auf einer Astgabel, unter einem Gebüsch oder in der Nähe des Hühnerstalls, um mit den Hühnern zu sprechen. Immer fand sie etwas, das sie mit Freude erfüllte.
„Ella“! rief ihre Omi oft am Morgen.
„Ella, hast du Lust, mit mir Milch zu holen“? Ella hatte. In einer Hand die Aluminiumkanne, in der anderen Ellas Händchen haltend, schlug Christine den Weg zum nahe gelegenen Bauernhof der Familie Scheffer ein. Dort hielt sie gern ein Schwätzchen mit der netten Bauersfrau. Frau Scheffer hatte einen achtjährigen Sohn, der Ella gefiel. Sie sah sich beim ersten Besuch den hübschen, blonden Jungen, der Gernot hieß, genau an. Er beachtete sie gar nicht.
„Möchtest du mal unsere Kühe sehen, Ella“? fragte Frau Scheffer, „Ja, gerne, kommst du mit“? fragte sie vorsichtshalber ihre Omi, und so gingen die Drei in den Kuhstall.
„Das ist Käthi, das ist Leni, das ist Sophie“, stellte die Bauersfrau ihre riesigen Tiere vor. Das fand Ella gut, dass die Milchkühe so schöne Namen hatten und überhaupt so gemütlich aussahen und Wärme ausstrahlten. Aber vor ihrer Größe hatte sie gewaltigen Respekt. Bisher hatte Ella die Kühe nur von Weitem auf einer Weide grasen sehen. Frau Scheffer hatte noch mehr Kühe, die sie aber nicht vorstellte. Als sie sich verabschiedeten, stand Gernot hinter der Tür und sah Ella neugierig an. Als sich sein Blick mit dem Ellas traf, schlug er rasch die Augen nieder. Also war er schüchtern. So viele Kontakte hatte man hier auf dem Lande ja auch nicht.
Zufrieden Schlug Christine mit Ella an der einen Hand und der vollen Milchkanne in der anderen den kurzen Heimweg an.
Großvater Wilhelm hatte oft in Sandkrug zu tun, das nur wenige Kilometer entfernt lag. Bei der dortigen Raiffeisenbank konnte man früher Kunstdünger für den Garten bekommen und auch Hühnerfutter.
Das schleppte Ellas Opa alles auf seinem Fahrrad heim. Als er mal nicht so viel zu schleppen hatte, konnte er Ella mitnehmen. In der Nähe der Bahnstation in Sandkrug befand sich auch die Bank, bei der Wilhelm sein Konto führte und seine Finanzen regelte. Er kannte den Filialleiter noch von früher aus Oldenburg. Nachdem das Geschäftliche erledigt war, sprachen die Herren noch ein paar persönliche Worte miteinander. Herr Schneider saß hinter seinem Schreibtisch, Wilhelm saß auf einem Sessel davor. Ella stand neben ihrem Opa. Hinter Herrn Schneider hing ein prächtiger Ölschinken an der Wand. Auf dem großen Alpenpanorama blühte im Vordergrund ein Büschel leuchtendblauer Blumen. Herr Schneider drehte sich auf seinem Stuhl um. Er sah zuerst auf das Gemälde und dann auf Ella.
„Na, wie diese Blume heißt, weißt du wohl noch nicht“?
Ella sah zuerst ihren Opa an, dann Herrn Schneider.
„Enzian“! krähte sie fröhlich.
Der nette Herr Schneider war sichtlich beeindruckt von der kleinen, sechsjährigen Person, und ihr Opa wuchs vor Stolz und warf sich in die Brust. Diese Blume kam in einem Bilderbuch vor, das sie kannte. Ihre Mutter Hermine hatte ihr den Namen gesagt, und Namen konnte sie sich gut merken.
Nach diesem Besuch wollte Wilhelm ein Glas Bier trinken und suchte die Gastwirtschaft des Ortes auf, wie bei jedem Besuch. Wenn Ella ihren Apfelsaft trank, genehmigte er sich ein, zwei Gläser, nicht mehr. In Sandkrug wollte er einen guten Eindruck hinterlassen. Die Kneipe, in der er manchmal einige Gläser über den Durst trank, lag in entgegen gesetzter Richtung an der einsamen Landstraße Richtung Oldenburg, wo ihn keiner kannte.
Während Ellas Großvater sich mit dem Wirt unterhielt und Neuigkeiten erfuhr, malte Ella Quittungsblöckchen voll mit Bäumen, Sonnen und Glockenblümchen.
Dann wurde es Zeit, zu Oma Christine zurückzuradeln, die die Beiden schon sehnsüchtig erwartete.
Als Wilhelm wieder mal alleine weggefahren war, gab es ein grauenhaftes Gewitter. Das war in dieser Gegend keine Seltenheit. Es blitzte und donnerte so heftig, dass Ella und ihre Großmutter es mit der Angst zu tun bekamen. Wenn Wilhelm da war, fühlten sie sich sicherer, aber sie waren allein. Es goss draußen wie aus Kübeln, und das Gewitter war genau über ihnen. Da nahmen sie ihre Jacken, hielten sie über den Kopf und rannten rüber zu Albrechts. Sie schrieen unterwegs vor Angst, und die Nachbarn ließen sie schnell herein. Ella dachte noch lange mit Schrecken an das Gewitter. Bei Albrechts hatte sie sich unter ein Bett gelegt und gebetet. Es muss wirklich schlimm gewesen sein, denn am anderen Morgen hörten sie, dass Bäume gespaltet wurden und Kühe auf der Weide vom Blitz erschlagen worden waren. Ihre Angst war berechtigt, denn die Hütten hatten noch keinen Blitzableiter.
Im nächsten Jahr schrieben die Großeltern, dass es wieder so ein schlimmes Gewitter gegeben hatte, als beide im Wohnzimmer saßen. Da krachte ein Blitz in die Vorderfront ihrer Hütte, und die halbe Wand fiel zusammen. Hinter Wilhelm, der wie immer in seinem Sessel saß, krachte das große Radio vom Regal auf das Sofa, das hinter ihm stand. Es flog nah an seinem Kopf vorbei. Hätte Christine wie immer in ihrem Sessel am Fenster gesessen, wäre sie nicht mehr am Leben, aber Gott sei Dank stand sie zwischen Küche und Wohnraum.
Die elektrischen Leitungen im Haus, die damals ja über dem Verputz lagen, fingen an zu brennen. Während Christine kreischend zu Albrechts hinüber lief, um Heinrich zu Hilfe zu holen, fing Wilhelm geistesgegenwärtig an, den Brand zu löschen.
Als die Familie Ostermann in Münster den Bericht der Großeltern las, waren alle noch nachträglich entsetzt und dann froh über den Ausgang.
Man konnte später die Reparatur an der Außenwand des Häuschens gut erkennen, die Stelle, wo die Steine heraus gefallen waren.
Großvater Wilhelm liebte es, mit seinem Enkeltöcherchen auf dem Gepäckträger seines Fahrrades in die Wälder südlich von Oldenburg zu radeln. Die waren in den Nachkriegsjahren weit ausgedehnt und fast unberührt, so kam es ihnen vor. Wilhelm fuhr nur los, wenn der Himmel wolkenlos blau war und kein schlechtes Wetter angesagt war. Dann war es wunderschön im Wald. Kilometerweit traf man keinen Menschen. Über den Kiefern der blaue Himmel, die Luft war warm und es roch nach Tannennadeln. An bestimmten Stellen gab es auch
Eichen, Buchen und Birken, Himbeer- und Brombeerschläge. Wilhelm kannte sich aus. Ella liebte die Stille, die nur manchmal durch das Klopfen eines Spechtes oder das Kratzen eines Eichhörnchens am Baumstamm unterbrochen wurde. Heute wollten sie Pilze suchen. Christine hatte einen Korb an den Lenker des Fahrrades gehängt. Den hatte Wilhelm jetzt in der Hand, als sie das Fahrrad an einem Baum stehen ließen und los zogen. Opa fand einen schönen Stock und machte ihn sich als „Schnüffelstock“ zurecht. Damit wollte er im Laub wühlen und Pilze aufspüren. Ella wollte natürlich auch einen Schnüffelstock haben, und ihr Opa machte ihr einen kleineren. Wilhelm kannte die wichtigsten Speisepilze mit großer Sicherheit und gab seine Kenntnisse stolz an sein Enkelkind weiter. Ella war begeistert. Kaum waren sie bei der Suche, rief sie:
„Opa, komm schnell, was ist denn das hier für ein Pilz“?
Sie hatte ein stattliches Exemplar entdeckt.
„Oh, schön“! meinte Wilhelm, der so schnell herankam, wie sein Rheuma es zuließ.
„Das ist ja ein Steinpilz, einer der besten Speisepilze, und was für einer! Und du bist ein Glückspilz, dass du ihn gefunden hast“!
Das Lob ihres Großvaters spornte Ella an.
„Denk immer dran“, meinte er noch:
„Wo ein Pilz ist, da sind noch mehr“!
Wilhelm zeigte ihr viele Pilzarten. Erstaunlich viele waren essbar, auch wenn sie gar nicht so aussahen. Aber sie ernteten nur die Besten.
Ellas Opa hatte ein kleines Messer mitgebracht, mit dem er die Stiele kurz über dem Boden abschnitt. Er meinte, dann kämen die Pilze im nächsten Jahr wieder. Ella hatte natürlich kein Messer dabei und brach die Pilze einfach am Stiel ab. Sie fanden Butterpilze und Maronen, an einer Stelle unter Birkenlaub und Moos sogar eine Ansammlung Pfifferlinge, die schon roh angenehm würzig rochen. Der ganze Wald war voll mit Sandröhrlingen, die Wilhelm wegen der schönen gelben Farbe Semmelpilze nannte.
„Die sind zwar nicht so wertvoll, Kind, aber zum Mischen kann man sie gut verwenden! Guck mal, hieran erkennst du sie“. Er brach ein Stück vom Pilzhut ab. Das Fleisch war weiß, lief aber an der Luft bläulich an. Das fand Ella spannend. Ein paar Minuten später zeigte sie auf kirschrote Täublinge mit weißem Fuß.
„Opa, guck mal, die sind aber hübsch“!
„Die lassen wir mal lieber stehen, die sind ungenießbar“!
„Opa, was ist ungenießbar“?
„Ungenießbar heißt, dass diese Pilze zwar nicht giftig sind, aber überhaupt nicht schmecken“!
„Aha, Opa“.
Als Ella ein wenig abseits mit ihrem Schnüffelstock im Laub stocherte und dann zu Opa zurück ging, rief sie ganz erschrocken:
„Opa, was machst du da“?
Er hatte seine lange, graue Hose ausgezogen und saß in der Unterhose in einem großen Ameisenhaufen. Die Tierchen liefen schon über seine nackten Beine. Opa saß mit seinem Rücken an einen Baum gelehnt und sah Ella an.
„Ich habe Rheuma. Die Ameisen sollen mich ruhig beißen. Die Ameisensäure soll gut gegen Rheuma sein“!
Ella war entsetzt. So etwas konnte nur ihrem Opa einfallen!
Irgendwann hatte er aber genug, stand auf und hatte Mühe damit, sich die Tierchen von der Haut zu streichen und seine Hose wieder anzuziehen. Der Korb war gut mit Pilzen gefüllt. Opa ging zielsicher zu seinem Fahrrad. Er wusste immer, wo er es abgestellt hatte, was in diesem großen Wald erstaunlich war.
Opa hängte den Korb mit den wunderschönen Pilzen an den Lenker.
Dann krempelte er wieder seine Hosenbeine auf und befestigte den Aufschlag mit den hässlichen Metallklammern, wie auf der Hinfahrt. Ella stieg wieder auf den Gepäckträger und umschlang Opas weichen Leib, und er strampelte müde nach Streek zurück, wo Christine schon sehnlichst auf sie wartete. Ellas Großeltern schütteten die Pilze auf den Pumpentisch und putzten sie. Mit viel Speck und Zwiebeln gebraten und ordentlich mit Pfeffer und Salz gewürzt, gab es zwei Tage hintereinander je eine große Pfanne einer herrlichen Mahlzeit.
An einem anderen strahlend schönen Tag beschloss Ellas Großvater, wieder mit ihr hinten auf dem Gepäckträger seines Fahrrades in den großen Wald zu fahren, um dieses Mal Blaubeeren zu pflücken.
Ihre Großmutter Christine hängte an die eine Seite des Lenkers einen großen emaillierten Eimer für ihren Mann und einen kleinen messingfarbenen Honigeimer für Ella an die andere Seite. Vielleicht wäre ihre Omi gerne mitgefahren, aber sie wurde gar nicht gefragt. Es war ja kein zweites Fahrrad da. Wie würde sie die „freien“ Stunden verbringen? Vielleicht war sie ganz froh darüber? Vielleicht setzte sie sich in die Sonne und legte die Beine hoch? Das hatte Ella noch nie bei ihr gesehen! Oder ging sie für ein Schwätzchen in die Nachbarschaft? Ella dachte nicht weiter darüber nach, denn jetzt ging es los. Ihr Opa radelte flott voran, und sie legte ihre Ärmchen vertrauensvoll um seinen stattlichen Leib. Sie waren in bester Stimmung. Schon nach wenigen Kilometern begannen rechts der Landstraße die herrlichen, ausgedehnten Kiefernwälder. Ihr Opa wusste, wo es Blaubeeren gab. Dafür mussten sie tiefer in den Wald hinein. Sie kamen auf einen sandigen Weg. Hier musste Wilhelm das Rad schieben, weil der Sand zu tief zum Befahren war. Unterwegs sprang Ella fröhlich rechts und links des Weges kleine Hügel hinauf und wieder hinab, wie Kinder das gerne tun. Es war wunderbar warm und still. Da gab es einen etwas größeren Hügel. Ella wollte unbedingt wissen, was es da oben zu sehen gab. Auf der Kuppe des Hügels befand sich eine Mulde im Sand, die rundherum mit Heidekraut bewachsen war. In dieser Mulde lag ein Liebespaar splitternackt und eng umschlungen in der Sonne. Wahrscheinlich hatten diese beiden jungen Leute die Welt vergessen. Sie nahmen Ella gar nicht wahr. Peinlich berührt, stand sie einen Augenblick da und lief dann schnell hinunter zu ihrem Opa, erzählte ihm aber nichts. Sie musste für einen Moment den ungewohnten Anblick verkraften. Danach plapperte sie wieder munter und sah den Schmetterlingen nach. Endlich - da waren sie- die Blaubeerbüsche! So weit man durch die Baumstämme gucken konnte, sah man die kleinen Sträucher mit den dunkelgrünen Blättchen und den dunkelblauen Beeren stehen! Opa lehnte sein Fahrrad an eine stattliche Kiefer.
„Ella, komm mal her“.
„Ja, Opa, was ist denn“?
„Hier hast du dein Eimerchen. Omi freut sich, wenn du tüchtig mitsammelst. Aber behalte mein Rad oder mich immer im Auge, hörst du? Immer in Sichtweite bleiben“! Er sah Ella eindringlich in die Augen.
„Ja, Opa, mach ich“.
Er nahm ein großes, kariertes Herrentaschentuch aus seiner Hosentasche und machte in jede Ecke einen Knoten. Dann legte er es auf seine Glatze, zum Schutz gegen die Sonne. Danach nahm jeder seinen Eimer und fing eifrig an zu pflücken. Während die ersten Beeren bei Wilhelm in den Eimer prasselten, gelangten bei Ella ein paar Händchen voll in den Mund. Hmm, die waren ja saftig und köstlich! Sie hatte noch nie Blaubeeren, ihr Opa sagte auch Bickbeeren dazu, vom Strauch gegessen.
Vollkommen glücklich genoss sie den Sonnenschein, der golden zwischen die Kiefern fiel, sah Käferchen krabbeln, Fliegen brummeln,
sah blauen und weißen Faltern nach und sog den Geruch der Walderde in sich ein.
Ein paar Beeren gelangten in Ellas Eimerchen, aber die meisten in ihren Mund, der schon ganz blau und rot verschmiert war. Hin und wieder sah sie zu ihrem Großvater hinüber, der
