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Maria Sanders, Jahrgang 1962, geboren im Ruhrgebiet, blickt auf ein bewegtes, zuweilen exzessives Dasein zurück, geprägt von Drogen, Missbrauch, Selbsthass und psychotischen Episoden. Eingeschlossen von zahlreichen Ängsten, hat sie ständig das Gefühl mit einer Haut zu wenig auf die Welt gekommen zu sein. Erst eine schwere Krankheit bringt sie dazu, sich das Leben zu nehmen, das sie sich wirklich wünscht. Etwas wollte durch sie ins Leben gebracht werden, auch wenn es für andere unscheinbar, für sie aber wesentlich war. Sie hatte nie wirklich an sich geglaubt. Die inneren Widerstände waren groß. Jetzt sah sie vieles in einem anderen Licht. Vielleicht macht diese Biographie anderen Menschen Mut, trotz aller Verletzlichkeit, Selbstzweifel und Widrigkeiten, ihrer ganz persönlichen Bestimmung zu folgen.
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Seitenzahl: 422
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Zu diesem Buch
Zum Schutze der Menschen wurden die Namen in diesem Buch geändert. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig. Außerdem war es keine Absicht geistiges Gedankengut zu stehlen, daher wurde nach bestem Wissen und Gewissen zitiert.
Maria Sanders, Jahrgang 1962, geboren im Ruhrgebiet, blickt auf ein bewegtes, zuweilen exzessives Dasein zurück, geprägt von Drogen, Missbrauch, Selbsthass und psychotischen Episoden. Eingeschlossen von zahlreichen Ängsten, hat sie ständig das Gefühl mit einer Haut zu wenig auf die Welt gekommen zu sein. Erst eine schwere Krankheit bringt sie dazu, sich das Leben zu nehmen, das sie sich wirklich wünscht.
Eine Lebensgeschichte
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge zieh´n.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
Rainer Maria Rilke, 20.9.1899, Berlin-Schmargendorf *1
Für alle, die voller Angst und Zweifel sind.
Hört nicht auf an Euch zu glauben und spinnt Euren Lebensfaden!
I Meilensteine und andere Brocken
II Die dritte Geige
Quellennachweis
Kurz nach der Geburt trennte man Maria von der Mutter. Die Entbindung per Kaiserschnitt hatte Komplikationen ergeben und zog einen längeren Krankenhausaufenthalt nach sich. Die Kleine schrie und weinte unaufhörlich, war kaum zu beruhigen.
Der Vater arbeitete als Rechnungsprüfer um die Familie zu ernähren und konnte sich nicht um das Neugeborene kümmern. Deshalb brachte man den Säugling zu Oma Luise. Werner Sanders hatte kein gutes Verhältnis zu seiner Mutter, denn der zwölf Jahre ältere Heinz war ihr ausgesprochener Liebling. In einer Sache allerdings konnte er seinen ungeliebten Bruder ausstechen: Werner war Manns genug ein Kind zu zeugen. Damit hatte er etwas auf die Beine gestellt, wozu der Erstgeborene nicht in der Lage war.
Das einzige Enkelkind wurde nun von der Oma versorgt. Natürlich mochte sie die Kleine, aber was fing man mit so einem Wurm an, wenn man sich zu Höherem berufen fühlte? Der Großvater, ein einfacher Mann, schuftete als Elektriker im Schichtdienst, um seiner anspruchsvollen Ehefrau gerecht zu werden.
Bei Gräfin Mariza, wie die Großmutter heimlich genannt wurde, herrschte Ordnung und Sauberkeit. Ständig wischte sie Maria den Mund und ihre kleinen Finger ab um Infektionen zu vermeiden. Auf so viel Fürsorge reagierte der Säugling mit Ausschlag und Verstopfung.
Weil die Oma mit dem Winzling überfordert war, kam Maria zu einer Tante. Und als die Mama ihr Kind nach der langen Trennung endlich in die Arme schließen wollte, wandte es den Kopf ab.
*
Therese Kämper stammte aus einer armen kinderreichen Familie. Ihre Mutter, eine gläubige Frau, unternahm im Alter von 40 Jahren eine Wallfahrt, um zum neunten Male schwanger zu werden. Sie starb durch einen tragischen Autounfall, als Resi, wie das Nesthäkchen auch gerufen wurde, 14 Jahre alt war.
Nachdem die Geschwister ausgezogen waren, kümmerte die Jüngste sich rührend um den alten Vater, der nie wieder geheiratet hatte. Sie wohnten in einer kleinen Siedlung am Stadtrand in einem bescheidenen Reihenhaus mit wunderschöner Grünanlage und Hinterhof. Lediglich ein kleiner Fußweg, das „Gängsken“, trennte die Behausungen von den Gärten.
Resi kam gerade aus der Kur. Schon als junge Frau litt sie an schwerem Asthma. Jetzt saß sie gut erholt, die Haut von der Sonne leicht gebräunt in der Straßenbahn Richtung Norden, um eine Freundin zu besuchen.
Anfang Oktober brach schon zeitig die Dunkelheit herein. Therese und Werner nutzen die Dämmerung, um im Spiegel der Scheiben miteinander zu flirten. Sie kamen ins Gespräch. Um sicher zu gehen, dass die Angebetete auch wieder kam, nahm der stattliche Junggeselle ihre Armbanduhr als Pfand. Das imponierte der Frau. Mit 27 Jahren war sie immer noch nicht unter der Haube. So langsam beschlich Resi Torschlusspanik. Ein Mann musste her. Ihre biologische Uhr lief schließlich nicht rückwärts.
Werner betrat ungewohntes Terrain, als Therese ihn der Familie vorstellte. Immer sprangen irgendwelche Enkelkinder, Nachbarn, Cousins oder Cousinen herum und sorgten für Stimmung. Und Resi, die geborene Gastgeberin bewirtete die komplette Sippschaft mit allem, was dazugehörte. Werner, von Natur aus eher Einzelgänger, kam damit an seine Grenzen. Der Trubel im Haus wurde ihm oft lästig. Viel lieber wäre er mit seiner Liebsten allein gewesen und hätte sie nicht mit der buckligen Verwandtschaft geteilt.
Obwohl das Paar sehr gegensätzlich war, heiratete es ein Jahr später und nach einem weiteren Jahr kam Maria zur Welt.
Der Alkohol auf den vielen Feiern blieb nicht ohne Wirkung und die verwünschte Mischpoke konnte einem schon auf den Geist gehen. Sanders bereute in das Haus gezogen zu sein, denn manch einer drängte sich mit guten Ratschlägen in die junge Beziehung. Das brachte den „Stier“ zum Rasen. Es kam zu wüsten Beschimpfungen und häufige Auseinandersetzungen trübten das Glück. Therese ging stets den untersten Weg und versuchte ihren tobenden Gatten zu beschwichtigen, was ihr nicht immer gelang.
*
Ihren ersten Urlaub verbrachte Maria auf einem Bauernhof am Bodensee. Tiere waren ihre Freunde und davon gab es hier genug. Da war Moritz, der Bulle, der einen Ring durch die Nase trug; Hühner gackerten zur Begrüßung und die „Sutzeles“ quiekten aufgeregt, wenn Maria den Stall betrat.
Die Kleine sorgte sich um ein Kälbchen, welches man in einen Lastwagen verlud. Die Mutter versuchte sie zu trösten:
„Keine Angst, das wird nur fotografiert.“
Die Zweijährige weinte bitterlich. Wenn Therese Sanders Geschichten erzählte, durfte kein Tier Schaden nehmen. Sogar mit dem bösen Wolf hatte Maria Mitleid. Nachdem der Jäger ihm den Bauch mit Wackersteinen gefüllt hatte, sollte er im Brunnen ertrinken, weil er Rotkäppchen und die Großmutter verspeist hatte. So eine harte Strafe hatte selbst Isegrim nicht verdient. Frau Sanders sah sich genötigt, die Märchen umzudichten; und an Phantasie mangelte ihr es wahrhaftig nicht.
Die Sagen stammten aus einer anderen Welt, handelten von Heiligen und Engeln, Prinzessinnen und Königssöhnen, von Wassergeistern und Elfen. In diesem Traumland fühlte Maria sich wohl. Den Hl. Franz von Assisi, der mit den Tieren sprechen konnte und die Mutter Gottes verehrte das Kind sehr.
Gebannt lauschte das Mädchen den Schilderungen aus früheren Zeiten. Therese und Werner Sanders waren beide Kinder, die die Wirren des Kriegs und Hungersnöte hautnah miterlebt hatten.
Resis Mutter Margarete hatte Gesichte: Im Traum waren ihr Männer mit Stahlhelmen erschienen, die auf zwei Kreuze deuteten. Demütig betete sie:
„Herr, dein Wille geschehe! - Zwei meiner Söhne werden wohl ihr Leben lassen.“
Resi verlor ihren Lieblingsbruder Hans in Russland, als er gerade 19 Jahre alt war; und Hermann starb nach den Kämpfen durch einen Blindgänger. Als Karl vermisst wurde, hatte die Mutter keine Sorge:
„ Der kommt schon wieder!“ Ihr Gottvertrauen war ungebrochen.
Im Luftschutzkeller betete die kleine Therese zu ihrer Namenspatronin, sie möge einen Teppich aus Rosen streuen und die Soldaten und deren Angehörige beschützen.
Mit großen Augen folgte Maria den Ausführungen ihrer Mutter und konnte nicht genug davon bekommen. Immer und immer wieder musste Ihre Mama vom Krieg und der Kinderlandverschickung berichten, bis Maria die Geschichten fast auswendig konnte.
Nachts, kurz vor dem Einschlafen betrachtete Maria den glitzernden Mantel der Gottesmutter, den diese schützend über alle Menschen ausgebreitet hatte. Manchmal war er mit Perlen oder Tautropfen bestickt. Auf wundersame Weise passte er sich immer Marias Vorstellungen an. Leider verlor sie diese Gabe, als sie älter wurde.
Tiere waren Maria auch wichtig, wenn sie aus Stoff und Plüsch beschaffen waren. Jeden Abend wurden sie mit ins Bett genommen und zugedeckt, so dass das Mädchen selbst kaum Platz zum Schlafen fand.
Der Großvater kannte eine Menge Lieder und viele geheimnisvolle und auch traurige Geschichten. Wenn er erzählte, saß Maria gerne auf seinem Schoß und hing an seinen Lippen.
Ihre Welt war friedlich und in Ordnung, bis die Mutter erneut schwanger wurde und den ersehnten Stammhalter zur Welt brachte. Der Sonnenschein der Familie, ein aufgewecktes Kerlchen, eroberte schnell die Herzen der Erwachsenen. Mit seinem kindlichen Charme wickelte Johannes jeden um den kleinen Finger. Und er war der ganze Stolz des Vaters.
*
Eines Tages, der Großvater saß in seinem Lehnstuhl und holte eine Zigarre aus der Kiste mit der weißen Eule, kletterte Maria wie gewohnt auf seinen Schoß, um sich von seinen Erzählungen verzaubern zu lassen. Zu ihrem Entsetzen wies er sie schroff ab:
„ Du bist jetzt groß. Jetzt hab` ich ein anderes Baby!“
Maria wurde ganz traurig und zog sich in eine Ecke zurück. Als sie sich unbeobachtet fühlte, knuffte sie ihren kleinen Bruder und hieb ihm mit der Haarbürste eins über.
Vom Opa lernten die Kinder Namen von Bäumen und Blumen. Auf dem angrenzenden Waldfriedhof gab es schlanke Buchen mit silberfarbener glatter Rinde; die Oberfläche der Eichen zeigte tiefe Furchen und war rau. Kastanien trugen Blätter, die Händen glichen und im Herbst konnte man aus ihren Früchten und ein paar Zahnstochern lustige Figuren basteln.
Im Garten blühten sie in allen Farben: Löwenmäulchen, Tulpen, Astern und Hyazinthen. Der Schnittlauch schmeckte scharf und trug lilafarbene Blüten und Erdbeeren hatten einen körnigen, süßen Geschmack, wenn sie reif waren. Mit der Mistgabel erntete man Kartoffeln, nachdem die oberirdische Pflanze ausgetrocknet und abgestorben war. Manchmal kroch dann ein lichtscheuer Regenwurm schnell wieder ins Erdreich zurück. Wenn man mit den Händen den lockeren Boden von der Kartoffel abstreifte, entstand ein modriger Duft.
Auf dem Hof krabbelte Hugo, die Landschildkröte und ließ sich das saftige Grün munden. Maria entdeckte Schmetterlingspuppen und schaukelte bis in den Himmel. Ihr Bruder bewahrte eine Spinne in einem Behälter mit Löchern auf, die er auf den Namen Kira getauft hatte. Im Garten, hinter dem alten Kirschbaum wuchsen Stachel- und Johannisbeeren, die im Sommer eingesammelt wurden. Die Mutter kochte daraus Gelee. Maria sah gerne dabei zu, wenn sie die weiche Fruchtmasse durch ein Geschirrtuch drückte.
Schon damals hatten die Großeltern in lauen Sommerabenden bis tief in die Nacht unter dem knorrigen Baum gesessen und erzählt. Die Zeit schien dann still zu stehen. Einzige Lichtquelle war der Mond. Auch die kleine Maria war vom Vollmond fasziniert und verlor sich in den dunklen Kratern. Manchmal geisterte sie nachts sogar durch die Wohnung, ohne sich am nächsten Morgen daran erinnern zu können.
*
Als es Herbst wurde, hüpften die Trabanten in Gummistiefeln durch die Pfützen und tollten im bunten Laub. Manchmal erschien ein schillernder Regenbogen am Himmel, der sich schützend über die tobenden Kinder legte. Nichts und niemand schien ihnen etwas anhaben zu können.
Im Garten des Nachbarn stand eine Tonne, in der sich Regenwasser sammelte. Als Achim, der freche Nachbarsjunge Maria ärgerte, stopfte sie ihn kurzerhand hinein. Das rief förmlich nach einem Denkzettel: Maria musste sich öffentlich entschuldigen und mit ansehen, wie die anderen Knirpse Süßigkeiten naschten. Sie fühlte sich bloßgestellt und schmollte wegen der ungerechten Behandlung.
Im November bastelten die Kinder Laternen für den St. Martins Zug. Sie wurden von den Eltern begleitet, doch aus irgendeinem unerklärlichen Grund fand man Maria alleine im Dunkeln auf dem Bordstein sitzend. Sie weinte herzzerreißend. Das laute Getöse der Musikkapelle machte ihr schrecklich Angst. Tränenüberströmt brachten Nachbarn die Kleine nach Hause.
In der Adventszeit durften die Geschwister Plätzchen ausstechen und vom Teig kosten. Auch sonntags duftete es im ganzen Haus nach frisch gebackenem Kuchen. Damit es alle schön warm hatten, feuerte die Mutter den Ofen mit Kohlen aus dem Keller. Wenn die Sprösslinge durchgefroren vom Schneemannbauen wieder ins Haus stapften, wärmte sie ihre kalten Hände unter den warmen Achseln.
Jeden Nachmittag bereitete der Großvater eine kleine Mahlzeit für sich. Dazu bestrich er eine Schnitte Weiß- und Schwarzbrot mit Butter, belegte sie mit Käse oder rohem Schinken, klappte die Scheiben zusammen, um sie dann in mundgerechte Streifen zu schneiden. Dann setzte er sich in seinen grauen Ohrensessel, aß genüsslich, um sich anschließend eine Zigarre anzuzünden. Alsdann wurde der Fernseher eingeschaltet. Das war das Zeichen: Kinderstunde. Die hübsche Ansagerin Sonja Kurowski erschien auf dem Bildschirm und kündigte den aufmüpfigen Hasen Cäsar an. Oder es gab den „Häuptling der Cheyenne“. Die Geschwister saßen dem Großvater zu Füssen und starrten gebannt auf die schwarz weiße Mattscheibe. Nach dem Film wurde das Gerät wieder ausgeschaltet. Da konnten die Gören noch so quengeln und betteln. Der Großvater schickte sie `raus in die Natur.
*
Nachts hatten die Geschwister jeder auf seine Art einen Weg gefunden, wie man besser einschlief. Maria wiegte sich wippend in den Schlaf und Johannes rollte mit dem Kopf auf seinem Kissen hin und her. Der Zweijährige bekam häufig keine Luft und litt sehr, weshalb er oft zur Erholung an die Nordsee geschickt wurde. Auch hatte er eine schlimme Haut, die er ständig mit seinen kleinen Fingern blutig kratzte.
Als der Bruder zur Kur war, hatte Maria ihre Mutter wieder ganz für sich. Morgens, in der Frühe, krabbelte sie zu den Eltern ins Bett und lag in der „Besucherritze“. Sie hörte auf das Schnarchen des Vaters, welches merkwürdige Geschichten erzählte.
Eines Nachts erschien der kleinen Maria die Gottesmutter. In Silber und Gold gehüllt mit einer glänzenden Krone auf dem Kopf, schaute sie gütig auf das Kind herab.
Wenn die Eltern früh aus dem Haus waren, um Zeitungen auszutragen, war Maria nie ganz allein. Das Ticken des roten Reiseweckers, dessen grüne Ziffern im Dunkeln funkelten, beruhigte sie. Und das „Wackelhaus“ gegenüber mit den erleuchteten Fenstern, brachte Licht in die Dunkelheit, vor der sich jedes Kind irgendwie fürchtet.
Maria hatte eine feine Nase und machte sich einen Spaß daraus mit geschlossenen Augen die Kopfkissen von Mutter und Vater zu erkennen.
Nach einiger Zeit, die manchmal sehr lang wurde, kamen die Eltern wieder heim. Der Vater brachte Maria von diesen Ausflügen einmal einen Ring mit und der Mutter war ein winziger Zwerg auf dem Weg begegnet. Diese Schätze hütete Maria wie ihr Augenlicht.
*
Sanders arbeitete viel. Wenn man ihn zu Gesicht bekam, wirkte er oft unzulänglich und kalt. Der bullige Mann war leicht reizbar und polterte los, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen verlief. Aber er hatte auch eine andere Seite. Mit der Familie verreiste er oft in ferne Länder. Das war die Art des Vaters seine Zuneigung zu zeigen. Sie lernten Spanien, Rumänien, Holland und Österreich kennen. Sanders Lieblingsreiseziel aber war Italien. Die temperamentvollen Italiener genossen guten Vino und liebten ihre Siesta. Obwohl alle wie die Ölsardinen am Strand nebeneinander lagen, zog es Sanders immer wieder nach Cattolica oder Gabicce Mare. Im Urlaub war er wie ausgewechselt, stapfte barfuss durch den heißen Sand, um Gelati für die Bambini zu kaufen und genoss das dolce far niente.
Sanders hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, mit den Italienern „gebrochen Deutsch“ zu sprechen. Er war fest davon überzeugt, dass sie ihn dann besser verstanden.
Und obgleich er nie schwimmen gelernt hatte, unternahm die Familie fast täglich Ausflüge mit dem Segelboot. Octavio läutete mit der Schiffsglocke, bis sich genug Touristen auf seinem Boot versammelt hatten. Auf dem offenem Meer warf er dann Anker, damit die Kundschaft sich im glasklaren Wasser aalen konnte.
Abends, wenn die Kinder schliefen, bestiegen die Eltern den Gradara, um tanzen zu gehen.
*
Um nicht im Kindergarten bleiben zu müssen, hatte Maria erfolgreich alles zusammen geschrieen, aber dieses Mal half das Weinen nicht: Ängstlich saß sie mit den anderen „I-Dötzchen“ im Klassenzimmer.
Wartend standen die Mütter in einer Reihe an der Wand, bis die Lehrerin eintraf. Hilfe suchend schaute die Kleine zu ihrer Mama herüber. Zum Glück gab es Sylvia, das Nachbarmädchen, Marias beste Freundin. Die beiden waren unzertrennlich und wollten unbedingt zusammenbleiben. Erleichtert stellte Maria fest, dass sie in einer Klasse sein würden.
Die ersten Schuljahre waren grauenhaft. Ständig wurden die Mädchen von den Jungs geärgert und auf dem Nachhauseweg verfolgt. Sylvia war mit ihren langen schlanken Beinen immer schneller und die pummelige Freundin verlor fast ihren Ranzen, weil sich die Gurte beim Laufen lösten. Maria klagte der Mutter ihr Leid. Bemüht dem Kind zu helfen, verklebte sie die Enden der Träger mit Isolierband, anstatt das Mädchen zu ermuntern, den Rangen Paroli zu bieten.
Als Maria acht Jahre alt war, zog die Familie in eine Neubausiedlung eines benachbarten Stadtteils. Das Kind tat sich schwer mit der Umstellung in eine andere Grundschule. In den Zeugnissen stand: Maria sei aufmerksam, aber zu still.
Wenn sie Sorgen oder Angst hatte, riet die Mutter:
„Iß, Kind. Essen hält Leib und Seele zusammen!“
Und Maria hatte viele Sorgen.
Der Turnunterricht war dem dicklichen Mädchen verhasst. Maria schämte sich ihres Körpers. Am liebsten hätte sie ihn gar nicht gespürt. Die Hänseleien waren nur schwer zu ertragen und es war auch nicht lustig, beim Völkerball immer als Letzte ausgewählt zu werden.
*
Plötzlich starb der Großvater väterlicherseits an einem Schlaganfall. Eine Tante hielt es für angemessen, dass Maria auf der Beerdigung ihr Kommunionkleid trug. Das Mädchen fühlte sich sichtlich unwohl und hätte sich am liebsten wie die „bezaubernde Jeannie“ mit einem Kopfnicken an einen anderen Ort gewünscht. Tante Inge forderte die Geschwister auf:
„Ihr könnt den Opa ruhig anschauen, er sieht aus, als wenn er schläft.“
Das sahen die Sprösslinge aber ganz anders. Es war Sommer und der Leichnam des Großvaters lag schon längere Zeit aufgebahrt in der Totenhalle. Das rechte Auge war halb geöffnet und die Nägel an den aufgedunsenen Fingern dunkelblau verfärbt. Ein ungewohnter, ja gruseliger Anblick für die Kinder. Voller Trauer beugte sich Oma Luise über ihren Gatten und berührte die gefalteten Hände.
In der Nacht schlief die Mutter bei den aufgewühlten Geschwistern, die von Alpträumen geplagt wurden und wie Espenlaub zitterten.
Die Großmutter war nun ganz allein und die Sanders beschlossen, sie in ihre Nähe zu holen. Das Ehepaar erledigte die Verlegung der „Gräfin“ und entrümpelte erst einmal ihren Keller. In den Jahren hatte sich einiges angesammelt. Ein Container wurde bestellt, um die verstaubten Sachen zu entsorgen. Zig Paar Schuhe und eingeweckte Lebensmittel aus dem vorigen Jahrhundert wanderten mit Hitlers „Mein Kampf“ und Werners Geige in den Müll.
Luise Sanders hatte immer darauf bestanden, dass ihr halbwüchsiger Sohn Schlips und Kragen trug. Er sah dann aus wie aus dem Ei gepellt. Auch war es ihr Wunsch, dass Werner Violine spielte. Der verausgabte sich aber lieber mit Kollegen beim Fußball. Von ihnen wurde er dann auch wegen seines Aussehens „der Baron“ genannt.
Resi war eine Frau, die anpacken konnte und als sie mit ihrem Mann nach der Kelleraktion rußverschmiert in Luises Behausung einliefen, schlug diese empört die Hände vor´ s Gesicht:
„Oh je, ihr seid ja ganz schmutzig. Hier, in der Waschküche könnt ihr euch erst einmal säubern, sonst macht ihr mir noch die ganze Wohnung dreckig.“
Dass aus dem Schlauch nur kaltes Wasser kam, erwähnte sie mit keiner Silbe.
Jetzt stand die Gräfin im Hauseingang und dirigierte die Möbelpacker:
„Dass ihr mir ja nichts kaputt macht! Das Porzellan ist noch aus Kaisers Zeiten.“
Großzügig steckte die alte Dame Johannes das Wechselgeld vom Einkaufen zu und finanzierte ihm später ein Auto. Maria erhielt Almosen. Selbst bei den Enkelkindern machte sie Unterschiede. Aber Johannes Gerechtigkeitssinn war früh entwickelt. Als die Oma ihrem Enkel ein dickes Sparbuch überschrieb, teilte dieser es mit der ganzen Familie.
*
Maria bekam eine Lungenentzündung und hohes Fieber. Das machte einen zweiwöchigen Aufenthalt in der Kinderklinik notwendig. Bei Wind und Wetter kam die Mutter mit dem Fahrrad. Maria konnte sie schon von ihrem Bett aus sehen, sehnsüchtig wartend. Die Stunde verging dann immer viel zu schnell und Maria weinte bitterlich. Jeder Abschied war schlimm und voller Qual.
Im Jahr darauf verstarb auch der Opa, mit dem die Geschwister einen wichtigen Teil ihrer Kindheit verbracht hatten. In den Tagen kurz vor seinem Tod spürte Maria ganz deutlich, dass er nicht mehr gesund werden würde. Bei einem der Besuche hielt sie seinen Kopf, um ihm etwas Wasser einzuflößen. Sie staunte, wie schwer dieser in ihrer kleinen Hand lag. Immer wieder ging sie zum Bett des Sterbenden. Der Tod hatte schon etwas Anziehendes.
*
Maria kam auf eine weiterführende Schule, obwohl die Lehrerin davon abgeraten hatte. Die Eltern entschieden sich für ein reines Mädchengymnasium. Jetzt gab es zwar keine Jungen mehr, die Maria zusetzten, aber die Mädels waren auch nicht besser.
„Nimmst du die Dicke, oder ihr?“ Eine Sportskanone würde Maria nie werden. Die heranwachsenden Teenager waren gemein:
„Hast du gesehen, die hat eine Sattelschnauzennase und ganz kleine Brüste… Das wird Maria Sanders, sprach der liebe Gott und schlug die Erbse auf das Brett “, lästerten die früh entwickelten Fräulein gehässig.
Glücklicherweise wurde Maria eine Zeit lang vom Turnunterricht befreit, als man sie an den Füssen operierte. Im Schwimmbad hatte sie sich Dornwarzen zugezogen, die die Mutter vergeblich mit einer Rasierklinge herauszuschälen versuchte. So kam sie erneut für drei Wochen ins Krankenhaus. Wieder von der Mutter getrennt, litt Maria sehr unter Heimweh und zählte die Tage bis zur Entlassung. Es war die Zeit um Karneval als ein Halbgott in Weiß leichthin flachste:
„ Na, da ist ja unser Warzenschwein…“
Das sensible Mädchen war gekränkt und zog sich bekümmert zurück.
Eines Nachts kam eine ältere Krankenschwester ins Zimmer und schlug Marias Bettdecke zurück, um die Zwölfjährige an einer ganz intimen Stelle zu berühren. Maria war kurz vor dem Einschlafen und riss erschrocken die Augen auf, als die Schwester energisch zischte:
„ Halt still, das muss so sein!“ Maria gehorchte.
*
Während sich die anderen Kinder im Schullandheim vergnügten, war Maria der Verzweiflung nahe. Die frühe Trennung von ihrer Mutter hatte sie ängstlich gemacht. Das Mädchen lebte in der ständigen Furcht, ihre Mama könne sie verlassen oder sterben.
In Mathematik stand das Kind ebenfalls unter Druck. Die Zeit schien nie auszureichen. Der strenge Vater verschlimmerte die Situation, indem er sich polternd bei der Pädagogin beschwerte, sie halte zu lange Reden, bevor sie die Aufgabenhefte verteilte. Maria war die Leidtragende:
„ Na, stehst du wieder mit der Stoppuhr da und nimmst die Zeit?“ zog die Lehrerin sie auf.
Durch die aufbrausende und wenig einfühlsame Art des Vaters hatte das Mädchen keinen leichten Stand. Deshalb beschloss man, sie erneut die Schule wechseln zu lassen, zumal es jetzt auch Jungs erlaubt war, am Unterricht teilzunehmen.
Maria fuhr immer mit der Straßenbahn zum Unterricht. Eines Morgens trödelte sie und erwischte gerade noch den Anhänger. Außer Atem plumpste sie auf eine Bank. Im Beiwagen befand sich lediglich ein junger Mann, der sich plötzlich dem Mädchen näherte. Maria witterte Gefahr, als er vor ihr in die Hocke ging und nach dem Fahrschein fragte. Seine Hand glitt zwischen ihre leicht geöffneten Schenkel und streichelte die Innenseiten. Sie saß da, wie die Katze im Lichtkegel eines Autoscheinwerfers und rührte sich nicht von der Stelle.
Mühsam brachte Maria ein „Lassen - Sie - das - bitte - sein“ hervor und rannte beim nächsten Halt hinüber in den Hauptwaggon.
Voller Schamgefühl berichtete sie ihrem Bruder von dem Ereignis. Dieser hatte nichts Besseres zu tun, als brühwarm die Mutter zu informieren.
Als Monate später ein anderer Mann in der Straßenbahn sein erigiertes Glied an Marias Gesäß rieb und sich ein Südländer in exhibitionistischer Weise zeigte, behielt das Mädchen diese Vorfälle lieber für sich.
Sie wusste nicht mehr genau, wann es angefangen hatte, es war immer wieder derselbe Traum: Maria war auf der Flucht vor einem Mann mit einem Gewehr. Vor lauter Angst rannte sie in eine Scheune. Dann konnte sie sich nur noch an gegensätzliche Empfindungen erinnern. Einmal war etwas ganz weich und plötzlich ganz hart. Sie biss die Zähne zusammen und wachte auf, aber der Alptraum nahm kein Ende. Mit offenen Augen saß sie im Bett. Johannes, mit dem sie das Zimmer teilte, hatte das Licht angeknipst und versuchte seine Schwester zu beruhigen.
*
An ihrem 13. Geburtstag wurde Maria von ihrer Periode überrascht. Die Mutter war bemüht das Mädchen aufzuklären und versicherte, dass sie jetzt erwachsen werde. Den Gästen aber erzählte sie, dass ihre Tochter Nasenbluten hätte. Diese offensichtliche Lüge enttarnte alles und beschämte Maria zutiefst. Man sprach nicht über dieses „Erwachsenwerden“, oder wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand. - Und als die kleinen Brustknospen beim Wachsen schmerzten, berührte sie der Vater dort plump und nannte sie „Mölleken“.
Maria war 14, als sie sich zu einer radikalen Diät entschloss. Sie wollte nicht mehr dick sein, so wie ihre Eltern, und nahm in kürzester Zeit 10 Kilo ab. Man konnte sie jetzt als dünn bezeichnen.
So langsam wurden Jungs interessant. Nach der Schule trieb sich der Teenager mit einer Klassenkameradin im Stadtpark herum, wo viele Jugendliche abhingen. Testosterongesteuerte Südländer überhäuften die pubertierenden Teenies mit Komplimenten. Sie posten und balzten wie aufgeblasene Frösche, waren an Coolness nicht zu überbieten. Den jungen Damen gefiel es begehrt und umschwärmt zu werden und Maria bekam ihren ersten Kuss.
Frau Sanders wusste von den Exkursionen in die Parkanlage und war Marias Verbündete. Auch hielt sie vor ihrem Ehemann geheim, dass ihre Tochter heimlich Zigaretten rauchte. Aber die Mutter war ständig in Sorge. Grundsätzlich kam das Mädchen zu spät nach Hause. Das brachte den cholerischen Vater in Rage. Maria provozierte ihn so lange, bis er explodierte und ihr eine schallende Ohrfeige gab. Wenn er die Beherrschung verlor, fühlte sie sich überlegen.
Johannes wurde in diesem Alter viel mehr zugetraut und erlaubt. Schließlich war er ein Junge und spielte zudem Fußball in einem Verein. Maria war eher ein Eigenbrötler. Ohne Wissen der Eltern besuchte die 14-jährige eine Diskothek, zu der sie eigentlich noch keinen Zutritt hatte. Als sie zur ausgemachten Zeit noch nicht zu Hause war, schickte die Mutter Johannes vor. Er sollte seine Schwester dort herausholen. Es bedurfte einiger Überredungskünste, denn Maria weigerte sich mitzugehen. Der Alkohol hatte sie benebelt.
Zu den Fußballturnieren des Bruders gehörte der Konsum von viel Bier und Schnaps. Manchmal nahmen die Sanders ihre Tochter mit und amüsierten sich, wie sie dann betrunken mit dem Fahrrad abschoss. Zum Jahreswechsel erlebte das Mädchen auch den ersten Vollrausch mit Filmriss. Schuld war die Silvesterbowle. Maria war hundeelend zumute und drei Tage krank.
*
Einmal begleitete die Heranwachsende Vater und Mutter nach Bochum zu einem Freund von Sanders, dem Wirt der „Kellerklause“. In der düsteren Kaschemme lungerten eigenartige Cracks herum, für die „Knast“ sicherlich kein Fremdwort war. Der 27-jährige Rolf bemühte sich sehr um die Aufmerksamkeit des Mädchens. Er redete von Drogen und Waffen und davon Maria zu besuchen, wenn die Eltern es erlaubten.
„Auf die Kleene hat der Staatsanwalt noch die Hand `druff….“ Sanders hörte die nölende Stimme des Gastes nicht, denn er veranstaltete gerade ein Wettsaufen mit dem Gaststättenbesitzer.
Am kommenden Tag stand Rolf auf der Matte. Wie selbstverständlich gingen sie in Marias Jungmädchenzimmer, das sie jetzt nicht mehr mit ihrem Bruder teilte. Die Sanders hatten das Schlafzimmer geräumt und nächtigten jetzt auf einer Couch im Wohnzimmer. So stand jedem Teenager ein separater Raum zur Verfügung.
Rolf kam gleich zur Sache: Fest nahm er Maria in die Arme. Sein Schnurrbart piekste, als er sie küsste. Die wusste gar nicht, wie ihr geschah, als seine Hand unter ihren hellblauen Pulli glitt und ihre winzigen Brüste massierte.
„ Na, kleine Maus, mein Sportwagen steht draußen und hat Liegesitze…“ raunte er ihr zu „wir können ja Zigaretten holen…“ er tat verschwörerisch.
Marias Herz klopfte bis zum Hals und die Knie wurden ganz weich. Ihr wurde mulmig bei dem Gedanken, allein mit dem Mann im Auto zu sein. Kurz darauf zündete er sich auf dem Balkon eine Zigarette an, denn im Hause Sanders herrschte striktes Rauchverbot. Schnell nutzte die Jugendliche die Gelegenheit und berichtete der Mutter von seinem Vorhaben. Plötzlich hatte der Bärtige es eilig, die Wohnung zu verlassen. - Der sonst so wortgewaltige Vater hielt sich aus allem heraus.
*
Heike, eine zierliche Person mit dunklem Haar und ebensolchen Augen führte die Mitschülerin in den Kreis ihrer Clique ein. Die Jungs waren schon volljährig und lenkten dicke Maschinen. Gemeinsam fuhr der Freundeskreis nach Venlo, Essen und Düsseldorf. Maria genoss es als Sozia mit 180 Sachen durch die Gegend zu preschen.
Abends machte es sich die Gruppe im „Maxim“ oder im „Pferdestall“ gemütlich. „Connie Kramer“ von Juliane Werding und Christian Anders` „Zug nach Nirgendwo“ waren angesagte Schlager. Die Männer bevorzugten härtere Tonarten wie die Musik von Golden Earring oder T. Rex. Es war die Zeit von Persiko und „Appelkorn“, Weinbrand und Bacardi Cola. Je mehr Prozente, desto besser. Wenn man dazu gehören wollte, rauchte man Zigaretten und hielt sich auch beim Alkoholkonsum nicht zurück. Es war schick in den Schulpausen das „Argonaut“ aufzusuchen oder sich neugierig vor dem verruchten Stundenhotel herumzudrücken.
Außer den Motorrädern hatten die jungen Männer mit Rockern nichts gemeinsam, aber für den strengen Sanders war alles „ein Pack“. Seine Frau versuchte zu vermitteln und lud die jungen Leute nach Hause ein. Dort tischte sie Kartoffelsalat und Frikadellen auf. Es gab sogar Bier. Widerwillig revidierte Sanders seine Vorurteile, machte allerdings eine Einschränkung:
„Die scheinen ja ganz in Ordnung zu sein aber komm´ mir jetzt bloß nicht mit ´nem Kober an. Das kannst du machen, wenn du Arbeit gefunden hast.“
Heike und Jochen wurden ein Paar. Maria beneidete die hübsche Mädchenfrau um ihren Erfolg bei den Männern. Sie wirkte so viel erwachsener. Die kleine Sanders imitierte ihr Idol. Heike trug Stoffhosen und khakifarbene T- shirts und Maria tat es ihr gleich. Bewundernd schaute sie auf die Schulkameradin, die es ihr ermöglicht hatte, an diesem aufregenden Leben teilzuhaben.
Ein tragischer Motorradunfall beendete jäh das kurze Glück. 100 Meter vor der Haustüre stürzte Jochen mit seiner 750er Honda und zog sich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Im Krankenhaus bekam er durch unzureichend sterilisierte Instrumente eine lebensbedrohliche bakterielle Wundinfektion und starb an deren Folgen.
Heike blieb nicht lange allein. Nachdem sie von Pittchen genug hatte, nahm sie Wolfgang und überließ Maria großzügig ihren abgelegten Freund. Es ging nie weiter als `Rumknutschen und ein wenig Fummeln, aber im Zusammenspiel mit Alkohol hatte auch das seinen Reiz. Man wurde immer mutiger.
*
Jedermann schien souveräner und gelassener aufzutreten als die scheue Maria, der man jede Gemütsregung an der Nasenspitze ansah. Die Unbekümmertheit der Jugend war an ihr vorbeigegangen. Ihr fehlte der Gleichmut, den andere mit scheinbar unerschütterlicher Abgeklärtheit an den Tag legten. Maria wünschte sich so sehr wie sie zu sein: unnahbar und somit unangreifbar. Sich verletzlich zu zeigen hatte ihrer Erfahrung nach immer negative Folgen.
Das Mädchen fühlte sich allein mit ihren pubertären Nöten. Schon als Kind konnte sie anstellen, was sie wollte, sie hatte immer den Eindruck, dass der Vater sie nicht wahrnahm. Oft forderte sie ihn durch patziges Verhalten heraus `rumzubrüllen oder zuzuschlagen. So hatte sie wenigstens seine Aufmerksamkeit.
Immer wieder kam es zu lauten Streitigkeiten. Maria hatte gelernt, ihren Ärger zu unterdrücken, flüchtete in ihre eigene Welt und schrieb alles in ein Tagebuch. Sie wurde zusehends verschlossener. Das machte die Mutter besorgt und indiskret. Sie las in Marias intimsten Aufzeichnungen. Helfen konnte sie ihrer Tochter nicht, im Gegenteil, sie war total überfordert mit den Teenienöten und ersten Selbsttötungsabsichten. Therese Sanders machte dicht und hoffte, ihre Tochter würde in der Zwischenzeit vernünftig. Kleine Kinder konnte man mit Märchen bei Laune halten, bei Heranwachsenden spürte sie ihre Unzulänglichkeit ganz deutlich. Frau Sanders litt sozusagen an einer Teenager-Unverträglichkeit.
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Mit 15 Jahren verliebte sich die Jugendliche unsterblich. Werner saß mit seinem Freund an einem Steg der Seen Platte. Sie redeten über Musik, die Maria völlig unbekannt war. Es war ihr peinlich, nicht zu wissen, wer Simon and Garfunkel oder die Doors waren. Die jungen Männer belächelten Marias Unwissenheit und taxierten sie belustigt. Sie schämte sich. Errötend betrachtete sie ihre Hände. Plötzlich machte Werner Anstalten, sie zu küssen. Maria bekam kalte Füße, sie war zu unsicher und befangen, um die Zärtlichkeiten zu erwidern und befürchtete nicht gut genug zu sein.
„Wenn du mich wirklich kennen würdest, wolltest du bestimmt nichts mit mir zu tun haben!“ dachte sie.
Sie hielt sich für ein Stück Dreck, weil sie ständig wütend auf ihre Eltern war, sich gleichzeitig aber dafür verurteilte, dass sie so empfand. Maria fühlte sich für alles und jeden verantwortlich, war machtlos und ärgerte sich, dass sie daran nichts ändern konnte. Maria schämte sich für sich selbst. Das war ihr tiefes dunkles Geheimnis. Sie wollte nicht mehr fühlen. Gefühle hatten etwas sehr störendes. Ständig befand sie sich in irgendwelchen emotionalen Krisen. Sie konnte sich einfach nicht auf den jungen Mann einlassen, zumal sie befürchtete, verlassen zu werden, wie von ihrer Mutter. Diese Vorstellung war absolut entsetzlich.
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Mittlerweile 16 und zu einem hübschen Teenager herangewachsen, verschlang Maria den „Steppenwolf“ von Hermann Hesse und erwarb ihre erste LP von Queen, „News of the world“. Die deutschen Singles verschwanden im Schrank. Jetzt war es cool Frank Zappa oder Neil Young zu hören. Jimi Hendrix` Gitarrensoli ertönten aus dem Mädchenzimmer. Winnetou Darsteller Pierre Brice wich dem Poster von Mick Jagger, der mit ekstatisch verdrehtem nackten Oberkörper lockte.
„Hair“ wurde zu Marias erklärtem Lieblingsfilm. Die Hippiephilosophie machte sie ganz euphorisch. Vom Vater abgelegte Unterhemden färbte sie mit Stofffarbe lila, trug dazu bodenlange Batikröcke und Jesuslatschen. Das Mädchen fühlte sich zu Randgruppen hingezogen, die diskriminiert wurden oder niemand zu beachten schien. Zum Leidwesen der Eltern nahm Maria Kontakt zu einem Gefängnisinsassen auf und schrieb ihm lange Briefe. Mit einem Nachbarjungen philosophierte sie bis in den späten Abend über den Sinn des Lebens. Das sah Sanders gar nicht gern. Die Jugendliche drohte ihm zu entgleiten:
„Ich verbiete dir den Umgang zu diesem Hohlkopf!“ ordnete er gebieterisch an und erstellte ein 10 Punkte Programm, an das Maria sich zu halten hatte. Unter anderem enthielt es Hausarrest und Kontaktverbot zu gewissen Leuten, die einen schlechten Einfluss auf sie hatten.
Peace, Love and Music… „let the sunshine in“. Das Ideal einer heilen, von Liebe getragenen Welt ohne Gewalt und Rassenhass, konnte das wirklich gelebt werden? War Maria nicht nur ein ganz kleines Licht? Die Realität war grausam und kalt, wie ihr Vater. Alleine konnte sie nichts bewirken. In der eigenen Familie herrschte ständig Streit und Zank. Maria fühlte sich unverstanden und ungeliebt. - Die Sonne war untergegangen…Wer würde sie schon vermissen?
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Werner ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Seine graublauen Augen verfolgten sie bei Tag und Nacht. Am liebsten hätte Maria die Zeit zurückgedreht.
Dann lernte sie seinen Freund besser kennen. Das Mädchen hoffte, dadurch ihrem Schwarm wieder näher zu kommen, verstrickte sich in Lügengebilde und ließ sich auf Falko ein. Zum Sonnenbaden verabredeten sie sich auf der Vogelinsel, als ein Gewitter sie überraschte. Der 18-jährige nahm Maria mit auf sein Zimmer, wo sie verschämt ihr nasses Hemd ablegte. Es kam zu linkischen Küssen. Maria fühlte sich irgendwie verpflichtet. Dennoch ging sie nicht bis zum Äußersten. Voller Neugier fragte sie Falko über seinen besten Freund aus, in der Hoffnung, dass er ihre Absichten nicht durchschaute. Aber der junge Mann war nicht dumm und wartete auf die Gelegenheit, es dem Mädchen heimzuzahlen.
Das „Old Daddy“, eine für Drogenkonsum berüchtigte Diskothek, die aus einem Kellergewölbe entstanden war, wurde Kult. Knallbunte Malereien zierten die Wände der Katakomben. Man saß auf harten Holzbänken oder lehnte lässig an einem Geländer. Große Holzfässer waren zu Tischen umfunktioniert. Der modrige Geruch von Patchouliöl und Moschus stieg einem in die Nase, wenn man am dicken Hoss vorbei, die Treppe hinunterlief. Hoss` Arme waren von oben bis unten tätowiert. Scheinbar unbeteiligt gab er Verzehrskarten aus.
Maria bestellte an der Theke ein Bier und bemühte sich, Werner nicht mit offenem Mund anzustarren, als er wie der Frontmann der Rolling Stones über die Tanzfläche fegte. Sie war hingerissen und es schmeichelte ihr, als er sie später mit ausgewählten Worten umwarb, um sie zum Abschied zu küssen. Überglücklich verabredete sie sich mit ihm für den kommenden Tag im Park.
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Eine Stunde, zwei Stunden…Maria wartete vergeblich. Ihre Befürchtungen waren wahr geworden. Werner hatte nur mit ihr gespielt. Tief betrübt ging sie mit Anna Lena, ihrer Freundin ins „Eschhaus“. Das Jugendzentrum in der City war baufällig, die Fassade mit Sprühfarben beschmiert. Im oberen Geschoß gab es eine Teestube. Der Boden war mit Matratzen ausgelegt, das Licht schummrig. Tabakrauchende Jugendliche saßen mit gekreuzten Beinen auf dem Boden und schlürften Darjeelingtee. Räucherstäbchen glimmten, um den süßlichen Geruch von Haschisch zu übertünchen.
Werner saß in einer Nische und würdigte das Mädchen keines Blickes. Eine Welt brach zusammen. Maria war von dem jungen Mann so fasziniert, auch wenn dieser sich gerade mit seinem Freund über ihre Naivität krumm lachte. Geschah ihr ganz recht. Schließlich hatte sie es nicht besser verdient.
Den ganzen Heimweg über konnte Maria sich nicht beruhigen und weinte in einem fort. Um nicht allzu sehr aufzufallen, ging sie in den benachbarten Garten der Großmutter, setzte sich auf die Wiese und ließ ihrem Schmerz freien Lauf.
Zu Hause angekommen, versuchte sie die rot geweinten Augen zu verbergen und das Schluchzen zu unterdrücken, aber es gelang ihr nicht. Aufgelöst ging sie auf ihr Zimmer. – Sanders reagierte in seiner Hilflosigkeit total aufgebracht:
„ Kein tätlicher Angriff? - Dann ist ja alles in Ordnung!“
Die Mutter folgte der Tochter. Wenn sie ehrlich war, wollte sie gar nichts wissen, was geschehen war, das widersprach ihrer Vogel-Strauß-Taktik.
„Du bist ja hysterisch!“ rief sie entnervt, als Maria nicht aufhörte zu weinen und knallte ein Buch auf den Tisch.
Das Mädchen war wie vor den Kopf gestoßen, wusste nicht wohin mit ihrem verzweifelten Herz. Selbst Johannes schien nicht der geeignete Gesprächspartner zu sein. Der hatte andere Dinge im Kopf. Die junge Frau fühlte sich alleingelassen, dumpf und unverstanden in ihrer Not. Niemand schien ihr kompliziertes Innenleben auszuhalten, geschweige denn sie selbst. Maria war tief verletzt und litt stumm, weil sie den Unmut der anderen nicht auch noch spüren wollte.
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Die 70er Jahre waren die Zeit der Kellerkinder. Es genügten einige Matratzen, Sprit und Fluppen, ein paar Jungs aus der Nachbarschaft und schon war die Fete perfekt.
Die Eltern wähnten die Kinder in Sicherheit und spendierten daraufhin großzügig Wein aus ihren Beständen. Ein bisschen Alkohol hatte schließlich noch niemandem geschadet. Rauchen war allerdings strengstens untersagt, da gesundheitsschädlich.
Johannes erforschte mit seinen Kumpeln die Wirkung von Äther, den sie für kleines Geld in der Apotheke erworben hatten. Auf dem Handrücken des Betäubten drückten sie Räucherstäbchen aus, um das Schmerzempfinden zu testen.
Um Taschengeld zu sparen, liefen Anna Lena und ihre Freundin sechs Kilometer in die Stadt zum Jugendzentrum und fuhren abends per Anhalter nach Hause. Das „Eschhaus“ wurde zu Marias zweiter Heimat, ständig darauf hoffend dort auf Werner zu treffen. Er war so unerreichbar wie ihr Vater. Sie trugen sogar den gleichen Vornamen.
Der junge Mann wirkte unheimlich cool, wenn er betont relaxed im John Wayne Stil daherschlenderte. Das aschblonde Haar wehte im Wind und seine Augen blickten gleichgültig. Maria war wie hypnotisiert. Auch wenn sie sich damit der Lächerlichkeit preisgab: Sie lief ihm wie ein Hündchen hinterher. Maria wäre so dankbar gewesen, wenn der junge Mann ihr nur einen Krümel Beachtung geschenkt hätte.
Werners Bruder hatte sich mit 18 erhängt. Drogen spielten in seinem Leben eine große Rolle. Und auch Werner schien Gebrauch davon zu machen. Der Ausdruck seiner Augen war leer. Maria fühlte sich geehrt, als er sie eines Tages nach Valium fragte. Diese Tabletten hatte sie bei der Mutter im Bad gesehen. Stolz berichtete sie Werner davon. Und der nagelte sie gleich darauf fest.
„Kannst du mir morgen ein paar mitbringen? Ich brauch sie dringend.“
Marias Angst erwischt zu werden war groß und sie wand sich wie ein Wurm.
„Dann eben nicht!“ gab Werner gespielt teilnahmslos zurück.
Maria war überzeugt, dass er mit der Art jedes Mädchen haben konnte und himmelte ihn an. Ganz gleich welchen Preis sie dafür zahlen müsste, sie wollte in seiner Nähe sein - und wenn es ihr Stolz war, den sie verlor.
Schnell hatten sich im „Eschhaus“ ein paar Jugendliche gefunden, die sich mit den Freundinnen bekannt machten. Obwohl sie Haschisch rauchten, waren sie längst nicht so interessant wie Werner - halt Mittel zum Zweck. Die beiden Frauen beschafften etwas dope und als sich eine günstige Gelegenheit bot, probierten sie es aus. Maria wurde übel und sie übergab sich. Anna Lena schien härter gesotten. Aber beide waren sich einig, dass der Rauch bitter schmeckte. - Keine Anzeichen von Lachflash oder Highgefühl. Jedenfalls konnten sie jetzt mitreden.
Eines Tages erfuhr Maria, dass man Werner auf einer Trage aus der Einrichtung geschleppt hatte. Schuld an seinem Zustand war eine zu hohe Dosis Heroin.
Maria schrieb sich auf die Fahne, ihn zu retten oder gemeinsam mit ihm unterzugehen. Zunächst versuchte sie sich im Retten und sprach bei der Drogenberatung vor. Der Therapeut erklärte ihr, dass sie gar nichts tun könne, solange Werner sich nicht einsichtig zeigte auf dem falschen Weg zu sein.
„In einen Süchtigen kannst du soviel Liebe und Geld hineinpumpen, wie in einen hungrigen Wolf. Am Ende stehst du mit leeren Händen da.“
Dann wollte Maria eben mit ihm sterben. Ohne ihn hatte ihr Leben keinen Sinn. Seine Unerreichbarkeit und Unbeständigkeit machte ihn der Maßen anziehend, dass Maria sämtliche Selbstachtung verwarf.
Ihre erste Begegnung mit einem Drogensüchtigen hatte Steine losgetreten, die eine Lawine ins Rollen brachten und nicht mehr aufzuhalten war.
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Ein Ventil für Marias Gefühle war das ungestüme Tanzen zu heißen Rhythmen. Allein in ihrem Zimmer, glaubte sie sich sicher. Ungebändigt flog die dunkle Mähne in ihr vor Zorn gerötetes Gesicht. Roger Taylor intonierte voller Leidenschaft „Fight from the inside“, als Frau Sanders ohne Vorwarnung den Raum betrat. Voller Entsetzen starrte sie ihre Tochter an, die sich offensichtlich unbeobachtet gefühlt hatte. Von diesem Zeitpunkt an ließ Maria sich nur noch unter Alkohol - oder Drogeneinfluss so gehen. Zu sehr hatte sie dieser Blick beschämt.
Mit 54 Jahren starb Marias Lieblingstante an Nierenversagen. Die jahrelange Abhängigkeit von Schmerzmitteln forderte nun ihren Tribut. Wenn die Nichte zu Besuch kam, bat die Tante sie oft ein paar Spalt Tabletten aus der Apotheke zu besorgen. Vielleicht machten die Tabletten ihr Leben etwas erträglicher. Ihr Mann war Alkoholiker und hinter jedem Rock her. Mathilde hatte sich damals blenden lassen. Schnell war das erste Kind unterwegs - zur damaligen Zeit ein Skandal. Sie musste heiraten, wenn sie nicht noch mehr Unmut auf sich ziehen wollte.
Als Thereses Schwester starb, wurde diese selbstredend zur Ersatzmutter für die drei halbwüchsigen Kinder. - Der Tod spielte jetzt häufiger eine Rolle in Marias jungem Leben.
Sie war in der 10. Klasse des Gymnasiums, als sich eine Schulkameradin wegen verschmähter Liebe aus dem 3. Stock stürzte. Stefanie erlag den schweren inneren Verletzungen. Die ganze Klasse erwies ihr die letzte Ehre, als die Mutter der Schülerin am offenen Grab zusammenbrach. Wenn man durch die eigene Hand aus dem Leben schied, musste man die Trauer der Hinterbliebenen verantworten. Ob es Steffi am anderen Ende des Regenbogens jetzt besser ging?
Oft war Maria schwermütig und fragte sich, warum die Ideale, die sie hatte nicht gelebt werden konnten. Werte wie Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit, daran wollte das sensible Mädchen glauben. Rassenhass und Gewalt waren ihr zuwider und trotzdem begegneten sie ihr an jeder Ecke. Maria wollte nicht mit den Massen marschieren. Liebe, Toleranz und Phantasie, das waren Dinge, die das Leben lebenswert machten. Ohne schützenden Kokon war die Wirklichkeit aber nur schwer zu ertragen.
Maria malte sich aus, erst einmal ein Jahr Ferien zu machen, um dann die Lehre als Kinderkrankenschwester zu beginnen. Aber die Eltern erlaubten dieses „Gammel-Jahr“ nicht, sondern schickten die fluchende Tochter auf eine Frauenfachschule. Dort traf sie erneut auf Werner, der sie wie Luft behandelte. Es gelang dem Mädchen nicht, seine Gefühlsregungen zu verbergen. Maria brauchte eine Maske, damit sie sich nicht ständig verriet.
In Marias Klasse befanden sich zwei Jungs, die dem Unterricht völlig tiefenentspannt mit roten Augen folgten. Auch bewunderte sie Mitschülerinnen, die in den Pausen Rotwein tranken oder kifften. Maria wollte dazugehören, genauso gleichmütig sein. Zu lange hatte sie sich ausgeschlossen und missachtet gefühlt.
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Am letzten Tag des Jahres 1978 zog Maria mit einer Decke unter dem Arm los, um sich durch Schnee und Eis zu einer Silvesterparty aufzumachen. Der bitterkalte Winter hatte Bus- und Bahnverkehr lahmgelegt. Sie fröstelte in dem lilafarbenen Maximantel, den ihre Mutter gestrickt hatte. Im Gegensatz zum gebieterischen Vater zeigte Frau Sanders Verständnis für die Sprunghaftigkeit der Jugend - zumindest in punkto Mode.
Auf der Feier lernte Maria den jungen Winter kennen. Er war gerade dabei sein Abitur zu absolvieren, mit dem Ziel Sozialwissenschaften zu studieren. Ronny trug das blonde Haar schulterlang, ähnlich wie Werner und auch seine Statur erinnerte stark an die Figur ihres Traummanns. Auf der Fete wurde viel getrunken und Haschisch konsumiert. Maria stand auf Strümpfen im Schnee und kotzte.
Ronny überredete sie mit den anderen bis zum nächsten Morgen zu bleiben. Maria kam es gar nicht in den Sinn zuhause anzurufen. Wieder nüchtern, ereilte sie gegen Mittag dann doch das schlechte Gewissen und sie hastete zu Fuß nach Hause. Dort fand sie eine völlig verstörte Mutter vor:
„Kind, ich bin um Jahre gealtert. Ich wusste doch nicht, wo du warst. Gleich hätte ich die Polizei gerufen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie besorgt ich war.“
Zerknirscht entschuldigte sich Maria, obwohl sie die Not der Mutter nicht wirklich verstand. Ihr ging es doch gut. Was konnte ihr schon geschehen?
Geduldig hörte Frau Sanders ihrer aufgedrehten Tochter zu, als diese von ihrer neuen Flamme berichtete.
Einige Tage darauf gestalteten Mutter und Tochter das Jungmädchenzimmer um. Die 70er Jahre-Tapete mit den grünen Kringeln war einfach nicht mehr angesagt. Die Wände erhielten einen erdfarbenen Anstrich und in Windeseile bezog Frau Sanders zwei kleine Unterbetten mit braunem Cordstoff, die als Sitzgelegenheit dienten. Ein maisgelber indischer Schal schmückte die Wand über Marias Bett. Sie hatte sich so viel Mühe gegeben, abgefahren zu erscheinen, trotzdem lästerte Ronny über den Hitkoffer und die Schallplatten. Maria war verletzt.
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Später ging die junge Frau bei Ronny ein und aus. Seine Familie bewohnte ein großes Haus in der Innenstadt mit drei Etagen, wo man den Sohn im Dachgeschoss untergebracht hatte. Seine mondäne, Wasserstoffperoxid blonde Mutter ließ ihrem Liebling jegliche Freiheit und keine Gelegenheit aus zu bekunden, wie gut sie sich mit ihm verstand. Sie nutzte jede Möglichkeit, Ronny über das Haar zu streicheln oder schmiegte sich an ihn, als wenn es ihr Ehemann wäre. Maria war peinlich berührt, aber auch besorgt, weil Frau Winter ihren Sohn mit Schuldgefühlen manipulierte.
Hannah Winter war seit Ronnys Geburt herzkrank und machte ihn auf ganz subtile Art dafür verantwortlich. Maria zog oft den Kürzeren. Wenn Frau Winter die Gesellschaft ihres Sohnes wünschte, verzichtete Ronny ihr zuliebe auf ein Treffen mit der Freundin.
Der junge Mann besprach scheinbar alles mit seiner Mami. Sie gab ihm sogar Tipps, wie er sich beim Ersten Mal verhalten sollte:
„Ronnylein“, pflegte sie zu sagen, „sei ganz zärtlich und nimm dir viel Zeit. - Sei nicht so wie dein Vater.“
Anschließend offerierte sie ihm den Besuch in einem gewissen Etablissement, damit er Erfahrungen sammeln konnte. Das Ganze wurde natürlich so diskret vorgetragen, dass Maria alles mitbekam. Hannah Winter warf ihr schulterlanges Haar in den Nacken und wandte sich an das Mädchen:
„Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin nicht so eine von den altmodischen eifersüchtigen Müttern, die um ihren Sohn bangen, sondern denke modern: ich verliere nicht meinen Sohn, sondern bekomme eine Tochter dazu.“
Dabei strich sie Maria sanft über den Rücken. Die Berührung war der jungen Frau mehr als unangenehm. In ihrer Familie ging es eher kühl zu. Frau Sanders zeichnete lediglich mit dem Daumen ein Kreuz auf die Stirn der Kinder, wenn sie den Schulweg antraten und es gab einen Abschiedskuss auf die Wange. Vater Sanders war noch leidenschaftsloser. Streicheleinheiten gehörten nicht zu seinem Erziehungsprogramm.
Herr Winter war von seiner Gattin aus dem elterlichen Schlafgemach ausquartiert worden und schlief in seinem Eisenbahnzimmer unter dem Dach. Tagsüber arbeitete er als Verkäufer in einem Autozubehörladen; ein einfacher Mann, der Maria natürlich und humorvoll gegenübertrat. Um seiner exzentrischen Frau zu entgehen, brasselte er oft stundenlang an der Modellbahn oder am Haus. Franz Winter war es auch, der Maria nach Hause fuhr, wenn es abends spät wurde. Er verlor keine großen Worte, wirkte trotz allem zufrieden und bescheiden.
Ronnys Kammer bestand aus einen niedrigen Couchtisch und zwei Matratzen. An den Wänden hingen Poster von Ernesto Che Guevara und Bob Marley. Die Decke hatte er mit Kölsch Werbung tapeziert. Spiegelbruchstücke und Kronkorken fanden Platz neben selbst gemalten Bildern und dem berühmten Why - Plakat, auf dem ein Soldat im Vietnamkrieg fällt. Von der ursprünglichen Tapete war kaum noch etwas zu sehen.
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Maria und der junge Winter kamen sich näher, die Küsse wurden intensiver. Nach einem knappen Jahr und einer Feier mit Alkoholgenuss war es dann soweit. Die junge Frau wurde langsam ungeduldig und wollte wissen, was es bedeutete Sex zu haben.
Auf dem Plattenteller lag eine LP von Ufo. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, weil sie spürte, dass es gleich passieren würde. Maria lag auf der Seite, als sein steifes Glied plötzlich von hinten in sie eindrang. - Das sollte es gewesen sein? Das war so großartig, dass alle hinter vorgehaltener Hand darüber tuschelten? Da hatten ihr die Küsse und der Austausch von unbeholfenen Zärtlichkeiten besser gefallen. Aber sie liebte Ronny. Da war es nur selbstverständlich, dass man auch zusammen ins Bett ging.
Was würde ihr Freund wohl dazu sagen, dass sie nicht geblutet hatte? Schließlich war es für beide das erste Mal. - Vielleicht war das Jungfernhäutchen durch einen Tampon zerstört worden. Sie mochte nicht darüber nachdenken.
Schon als Kind hatte man Maria jede Empfindung im Gesicht angesehen. So war es auch jetzt nicht schwer zu erraten, was geschehen war. Frau Sanders hatte nichts Eiligeres zu tun, als ihre Tochter darauf anzusprechen. Peinlich berührt zog die junge Frau sich auf ihr Zimmer zurück und weinte. Jetzt hatte sie Ronny alles gegeben, was eine Frau einem Mann geben konnte. Würde er sie jetzt verlassen? Maria fühlte sich unwohl und allein mit ihren stark schwankenden Gefühlen. Sie war verliebt. Durch Ronny konnte sie Werner vergessen. Aber irgendwie war sie nicht ganz glücklich. Sie hatte Angst.
Die jungen Menschen sahen sich fast täglich. An den Wochenenden gingen sie ins „Eschhaus“ oder ins „Old Daddy“. Manchmal gab es Privatfeten bei einem der Kumpel von Ronny. Immer wurde viel Alkohol und Haschisch konsumiert. Maria befand sich ständig im Rausch.
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Als Therese Sanders mit Johannes wegen ihres Asthmas zur Kur an die See fuhr, führte Maria ihrem Vater während dieser Zeit den Haushalt. Anschließend besuchte sie Ronny. Es regnete Bindfäden und Sanders saß alleine zuhause und sinnierte. Trübsinnig starrte er aus dem Fenster, als abends das Telefon klingelte. Es war Maria:
„Kann ich bei Ronny übernachten, es gießt in Strömen?“
„Kommt gar nicht in Frage!“ brüllte Sanders.
Nach einigem Hin und Her machte Maria sich auf den Heimweg, ihr Freund begleitete sie, um Sanders umzustimmen. Als sie vor der Haustür standen, hatte der Vater Schaum vor dem Mund und tobte. Während er sprach, hieb er mit einem Kleiderbügel auf die Dielen kommode ein. Maria wurde angriffslustig. Sie wusste genau, wie sie ihren Vater auf die Palme bringen konnte. Dann wurde er zum Tier. Wie oft schon hatte sie eine Krise provoziert, um sich wieder auf vertrautem Gelände zu befinden? Emotionale Achterbahn war ihr bekannt. Sanders würde es nicht wagen, Maria im Beisein ihres Freundes zu schlagen. Ein Wort gab das andere. Wutentbrannt entriss er seiner Tochter den Haustürschlüssel und schubste sie aus der Wohnung.
„Du brauchst gar nicht mehr wieder zukommen!“ schnaubte er.
Maria war nicht sonderlich erstaunt über sein Verhalten. Sie hatte ihren Willen bekommen und konnte bei Ronny übernachten. Eine gute Woche blieb sie bei den Winters. In einem Brief berichtete sie ihrer Mutter von dem Rausschmiss. Die Fronten klärten sich, als Frau Sanders und Johannes heim kamen. Vater und Tochter waren wie Feuer und Wasser. Einerseits hasste Maria ihren Erzeuger, aber im Grunde buhlte sie ein Leben lang um Beachtung und seine Liebe.
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