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Was wird und bleibt anders, wenn man als 12-Jähriger beide Eltern und eine gutbürgerliche Zukunft durch eine Fliegerbombe verliert? Welche Ängste entstehen, wenn man als Kind Schwerverwundete und Leichen durch den Splitterhagel des Infernos rund um Berlin schleppen muss? Welche Narben bleiben im Gesicht und auf der Seele, wenn man als Heranwachsender von Heim zu Heim geschubst wird, schwere Krankheiten übersteht und letztlich in einem Pastorenhaus statt Lob und Liebe nur Vorwürfe und Strafen bekommt? Wolfgang Pfeifenschneider und sein Zwillingsbruder Joachim haben all das und noch viel mehr erlebt. Seine Erinnerungen, die er im Alter von 80 Jahren aufzuschreiben begann, zeigen auf beeindruckende Weise, wie sich ein Leben verändern kann, wenn aus dem wohlwollenden Dürfen liebender Eltern über viele wichtige Jahre hinweg immer nur ein Müssen wird.
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Seitenzahl: 93
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Impressum
Autor & © 2014 Wolfgang Pfeifenschneider,
Paulskamp 20, 33790 Halle Westfalen
Lektorat & Produktion: Joachim Kummrow,
Schützenberg 5, 33790 Halle Westfalen
Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
ISBN 978-3-7375-1842-0
Das Autorenhonorar geht als Spende an den Verselbstständigungsfonds des Vereins Westfälisches Kinderdorf. Dieser unterstützt Heimkinder bei ihrem Start in der Welt der Erwachsenen. Mehr Infos unter www.wekido.de.
Wolfgang Pfeifenschneider
Morgen werde ich verkauft
Lebensweg eines Zwillings, der im Zweiten Weltkrieg Vater und Mutter an einem Tag verlor.
Widmung
Ich widme dieses Buch allen Kindern, die durch Krieg, Unfall oder Krankheit viel zu früh ihre Eltern verloren haben. 500.000 wurden im letzten Weltkrieg zu Vollwaisen, weitere 2.000.000 zu Halbwaisen.
Ich widme dieses Buch meinem Zwillingsbruder Joachim, meiner Frau Sigrid und meinen Kindern Bärbel und Hartmut sowie allen Enkeln, Urenkeln und ihren Nachkommen.
Ich hoffe für alle uns nachfolgenden Generationen, dass sie ihre Leben vor allem in jungen Jahren beschützter, unterstützter, selbstbestimmter und somit sicher später auch erfolgreicher gestalten können.
Danke
möchte ich mit diesem Buch all den Menschen sagen, die uns schwere Zeiten zu durchstehen geholfen haben. Und insbesondere jenen darunter, die gebrochenes Selbstvertrauen mit Anerkennung, Lob und Liebe gestärkt haben.
Danken möchte ich aber auch den vielen Freunden, Weggefährten und Helfern, die diesen Rückblick unterstützt haben. Dieser Dank gilt vor allem Brigitte Kreft (heute Bamberg), die Handschriftliches in Computerlesbares umgewandelt hat, und insbesondere dem ebenfalls hier bei uns in Halle Westfalen wohnenden Patenkind meiner aus Pommern stammenden Schwiegermutter Ilse Boers, Joachim Kummrow. Er hat mit seinen Ergänzungen aus meinen Erinnerungen ein faszinierendes Buch gemacht.
Inhaltsverzeichnis
1)Beste Verbindung
2)Waschechte Berliner
3)Frische Seeluft
4)In der Grundschule
5)Begegnung mit einem Tennis-Star
6)Unbeschwerte Tage in Berlin
7)Ruhe vor dem Sturm
8)Bomben von oben
9)Die letzten guten Tage
10)28. Mai 1943, Tag 1 einer schweren Zeit
11)Wochen im Kinderheim
12)Ungewisse Tage in Berlin
13)Die letzten Kriegstage in der Heimschule
14)Heimschulen – so hießen die Internate im verklärten Deutsch der Nazis.
15)Die Mitschüler
16)Freie Wochenenden und Ferien
17)Unvergessene Weihnacht in Garzin
18)Flucht vor den Russen
19)Totenträger im Splitterhagel
20)Langer Marsch zurück nach Waldsieversdorf
21)Typhus
22)Freigänger in der Erziehungsanstalt
23)Mit den Störchen gen Westen
24)Eine neue Familie?
25)Strafen statt Anerkennung
26)Ausbrüche in ein neues Leben
27)Ein Sommernachtstraum
28)Abschied vom Pfarrhaus
29)Das erste Fahrrad
30)Schwere Tage am Krankenbett
31)Unter Tage in der alten Heimat
32)Freikaufen für die Liebste daheim
33)
Margarete Conell und mein Vater heirateten im April 1928 in Berlin. Er war nicht ganz 24, sie ein gutes Jahr jünger.
Beide zogen kurz darauf nach Altenessen (das Foto unten zeigt die Horster Straße mit unserer späteren Schule),
wo sie eine sehr schöne große Wohnung fanden. Die Lederfabrik lag gleich nebenan, war nur durch einen Garten und die Zufahrt zur Fabrik getrennt. Im Garten stand eine schöne Laube. Vater und Mutter genossen die ersten Jahre zu zweit. Mit dem Steeler Kanu-Club unternahmen sie gerne Touren auf der Ruhr (unten).
Am 1. Mai 1931 wurden wir, mein Zwillingsbruder Joachim und ich, Wolfgang, in Berlin-Lankwitz geboren. Es war der Wunsch unseres Großvaters mütterlicherseits gewesen, dass Mutter uns in Berlin zur Welt bringt. Die Großeltern wohnten in Steglitz. In der dortigen Lukas-Kirche wurden wir am 28. Juni 1931 getauft. Meine Patentante waren Herta Pfeifenschneider, die Schwester unseres Vaters, und Gabriele Schwartz.
1934 – mit gerade einmal drei Jahren – kamen wir Pfeifenschneider-Zwillinge in den Kindergarten von Altenessen. Die damals ungeheuer schlechte Luft inmitten des Ruhrgebiets (bei uns hieß die westfälische Industrieregion nur „Pütt“) machte uns schwer zu schaffen. Wir hatten Asthma. Die Anfälle wurden immer häufiger. Unser Hausarzt empfahl den Eltern, für uns eine Kur an der Nordsee zu beantragen. Dem Antrag wurde stattgegeben und wir durften für vier Wochen auf die Nordseeinsel Norderney. Von Norddeich fuhren wir mit der Fähre zur Insel hinüber. Ganz nahe am Strand war das Kurheim. Es war eine schöne Zeit für uns. Wir spielten im Meerwasser und am Strand, was uns – wie man auf dem Bild unten bestimmt gut sieht - tüchtig Spaß machte.
Bei schlechtem Wetter gingen dieSchwestern vom Kurheim mit uns in den Ort. Sie zeigten uns die Sehenswürdigkeiten der Insel.
Ich weiß noch, es gab es einen Keller mit Spinden in denen wir unsere Schuhe, Jacken und Mützen deponierten. Zum Schuhe putzen gab es eine blaue Schürze, die die Kleidung schonen sollte. Kurz vor der Rückfahrt nach Altenessen ging es noch einmal in den Ort – wir durften doch noch Geschenke für die Eltern kaufen. Joachim fand einen Fischerkopf mit Maßband, ich ein Muschelkästchen und ein kleines Segelboot – auf dem Segel stand „Norderney“.
Im April 1937 wurden Joachim und ich eingeschult (Foto).
Unsere erste Schule war die Altenessener Karlschule an der Badeanstalt. Unser Rektor war Herr Sträter, der mit uns eine Klassenfahrt nach Xanten und Wesel an den Niederrhein unternahm. Dort gab es ein Denkmal der elf Schillschen Offiziere und die Zitadelle.Nach zwei Jahren wurden wir in die Bahnhofschule umgeschult. Warum, weiß ich heute nicht mehr. Aber ich erinnere mich noch an unseren damaligen Klassenlehrer, Herrn Pentzin. Zu seinem Namenstag Peter & Paul holten wir uns vom Hausmeister den Schlüssel für den Klassenraum. Mit großem Eifer schmückten wir sein Katheder (Stehpult, Anm. d. Red.).
Eine andere kleine Geschichte ist mir auch noch in Erinnerung geblieben: Es muss im Jahr 1938 gewesen sein, in der Adventszeit. Ich sollte noch Gehacktes vom Metzger holen, machte aber erst einen Umweg zu einem Spielzeuggeschäft mit einem besonders schön geschmückten Schaufenster. Beim Überqueren der Straße – ich war schon auf der Fußgängerinsel in der Mitte – kam von links ein Auto und fuhr mir über den rechten Fuß. Neben der Fußgängerinsel war ein beschrankter Bahnübergang. Die eine Hälfte war bereits geschlossen, sodass der Wagen praktisch Slalom fuhr, was er ja eigentlich nicht durfte. Irgendwelche Passanten kümmerten sich um mich und wollten mir helfen. Aber zu dem Zeitpunkt tat mir überhaupt nichts weh – eher drückte mich mein schlechtes Gewissen. Darum ging ich flott zum Metzger, um meinen Einkauf zu erledigen. Dort angekommen plagten mich aber nun doch schon leichte Schmerzen und ich war etwas durcheinander, denn ich verlangte nur ein Achtel Gehacktes, was die Verkäuferin sehr verblüffte. Auf dem Nachhauseweg – es war nicht weit – bekam ich fürchterliche Schmerzen und weinte jämmerlich. Mutter hatte mich wohl schon weitem gehört, denn sie kam mir entgegen und sah sofort, dass ich am besten ins Krankenhaus eingeliefert werden sollte. Ich kam ins Marienhospital. Der Stiefel musste aufgeschnitten werden - und der Fuß wurde geröntgt. Die Röntgenaufnahme zeigte, dass Mittelfußknochen gebrochen waren. Ein paar Tage wurde der Fuß gekühlt, damit die Schwellung zurückgehen konnte. Erst danach wurde er eingegipst. Im Krankenhaus bekam ich Besuch von unserer Klassenlehrerin Frl. Kolb und ein paar Mitschülern. Dieses Fräulein Kolb war auch unsere Religionslehrerin. Ich weiß noch wie heute, dass wir bei ihr ein Lied lernen mussten. Es hieß „Wie mit grimmigem Unverstand“ und es stand im Anhang des Gesangbuches 39. Auf meinen Gipsverband haben die Mitschüler und auch meine Lehrerin ihre Namen geschrieben. Ich war ganz stolz!
Einige Zeit später, ich war wieder zu Hause, kam eine Frau von der Polizei. Sie hatte Bauklötze, Autos und einen Block mitgebracht. Ich musste ihr erzählen, wie sich der Unfall zugetragen hatte und sie stellte mit den Bauklötzen den Unfallhergang nach.
Einige Wochen späterbesuchte mich ein freundlicher Herr und brachte mir einen großen Kasten Katzenzungen – zur damaligen Zeit eine absolute Besonderheit – mit. Es war Tennis-Baron Gottfried von Cramm (Foto unten), der zweimalige Wimbledon-Finalist, wie ich jedoch erst später erfuhr. Ich vermute im Nachhinein, dass er mir über den Fuß gefahren war.
Im Sommer 1939 – die Sommerferien hatten gerade begonnen – da fuhr Mutter mit uns nach Berlin zu ihren Eltern. Wir fuhren immer nachts im Eisenbahnabteil „Mutter und Kind“ und hatten dadurch den kleinen Raum ganz für uns alleine. Wir spielten Karten und andere Spiele. Zwischendurch schliefen wir auch. Auf den großen Bahnhöfen war es laut und hell, da wurden wir wieder wach. Am frühen Morgen, wenn es hell wurde, war es für uns Kinder besonders interessant zu sehen, wie die Leute mit ihren Fahrrädern oder zu Fuß an den Bahnschranken warteten. Wenn es uns allzu langweilig wurde, haben wir die Telegraphenmasten gezählt. Die Fahrt dauerte neun Stunden. Wir kamen am Bahnhof Zoo an und stiegen um in die S-Bahn nach Steglitz-Feuerbachstraße. Von da war es nicht weit bis zu unseren Großeltern in die Lauenburger Straße. Wir mussten über eine große Brücke, unten durch fuhren die Schnellzüge, Ring- und S-Bahnen. Diese Brücke war immer einer unserer Lieblingsplätze, denn da konnte man lange verweilen, denn es gab immer etwas zu sehen.
Die Großeltern wohnten in der dritten Etage (der Berliner sagt vermutlich heute noch „3 Treppen hoch“). Die Wohnung war im Vorderhaus. Das Ganze war ein riesengroßer Wohnkomplex. Durch die Hintertür konnten wir aus dem einen Haus schlüpfen, den Hof überqueren, in ein anderes Haus hinein – so kürzten wir den Weg zur Poschinger Straße extrem ab. Die Portiersfrau, sie hieß Frau Struwe, fand das gar nicht so toll und ließ uns das auch oft merken.
Für die „Alten Herrschaften“, unsere Großeltern, war es sehr beschwerlich, in den dritten Stock zu gelangen. Da wollte jeder Weg genau überlegt sein. Der Balkon der Großeltern war nach vorne zur Lauenburger Straße. Und sie wussten sich zu helfen: Oben vom Balkon wurde ein weißer Leinenbeutel mit passendem Geld heruntergelassen, der Bäckerjunge holte die Geldstücke heraus und legte die Brötchen hinein. Danach zogen wir den Beutel einfach wieder hoch.
Wir genossen die Zeit bei unseren Großeltern mütterlicherseits sehr.Leider konnte Vater erst immer später nachkommen, denn er mochte ja die Fabrik nicht so lange alleine lassen. Bevor er kam, rief er im Nebenhaus bei dem Bäcker an, denn die Großeltern hatten noch kein eigenes Telefon. Hierfür meldete er sich über Voranmeldung an und ließ den Großeltern seine Ankunft mitteilen. Wenn Vater kam, war die Freude groß; wir holten ihn vom Bahnhof ab. In der kurzen Zeit, die er bei uns sein konnte, nahm er sich für „seine Jungens“ viel Zeit. Wir besuchten die Museen für Meereskunde und Verkehr und das Zeughaus. Auch ein Besuch im Zoo gehörte unbedingt dazu, wenn Vater kam.
