Mosaiksteinchensuche - Reinhard F.E. Althoff - E-Book

Mosaiksteinchensuche E-Book

Reinhard F.E. Althoff

0,0

Beschreibung

Gottfried ist Rentner oder wenn man so will Pensionär. Mit den Gedanken an vor ihm liegende freudige Konsum- und Urlaubseskapaden könnte nun alles gut sein. Ist es aber anscheinend nicht. Gottfried möchte wissen, wo er steht, wo er noch hinwill, wo er persönlich noch nicht so ganz "im Lot" ist. Das Tagebuch bei seiner Verabschiedung ist ihm ein willkommenes Geschenk für seine Notizen. Auf dieser für ihn neuen Reise begegnet er inhaltlichen und das Gefühl beeinflussenden Anstößen sowie menschlichen Herausforderungen, die er anscheinend nötig hat. Er ist ein Nachkriegskind; ist das eins seiner Themen? Und, angestoßen durch einen irritierenden Traum, lässt er sich die Frage gefallen: Was wäre gewesen, wenn? Also, hätte sein Leben auch einen anderen Verlauf nehmen können; tut es gut, sich Spekulationen darüber zu öffnen? Gottfried hält es für klüger, sich diesen Fragen schon jetzt zu stellen, bevor es vielleicht eines Tages zu spät sein könnte.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass das Leben im Grunde eine Suche nach der eigenen Identität ist. …

(Charles Handy, Management-Philosoph)

Inhaltsverzeichnis

00 Verabschiedung

01 Was jetzt sein musste

02 Start me up

03 Herausforderung statt Harmonie in der Freundschaft?

04 Marianne weiß was

05 Exkurs in die Gedankensammlung: Das Experimentierzimmer

06 Eltern und angezogene Handbremsen – die Mutter

07 viel weniger Handbremse – der Vater

08 Spurensuche

09 „Du hast dich im Kreis gedreht …“

10 Der Beruf klopft noch mal an

11 Klassentreffen

12 Ali trinkt Astra

13 Auf der anderen Seite des Flusses

14 Nachwirkungen

15 Die Hütte im Wald

16 DER TRAUM

17 Entscheidungen mit 16

18 Pforzheim und es krachen lassen

19 Theresa - Bauernhofillusionen

20 Berliner Ästhetik und Gedanken an Politik

21 Wenn ein Gruß aus dem Süden kommt

22 Noch was vorhaben

23 Und nun …?

24 eine Art Blick nach vorne

00 Verabschiedung

Keine Kritik, die Würstchen waren wunderbar gegrillt, die Beilagen passten. Einige hatten bei herrlich warmem Juliwetter im Sommer 2014 auf Holzbohlen am gepflegten Teich zwischen zwei Gebäudetrakten gesessen, Füße baumeln, Anspannungen des letzten Halbjahres runtersacken lassen. Die Mehrheit hatte es allerdings vorgezogen, auf Stühlen an improvisierten Klapptischen mit weißen Papiertischdecken Platz zu nehmen. Jeder hatte sich um Pünktlichkeit bemüht. Gottfried hatte alles gut arrangiert, sich helfen lassen. Einige der Kinder aus seiner alten Klasse hatten ihm schon gestern alles Gute gewünscht: „Viel Spaß in der Rente!“

Die meisten von ihnen hätten sich bestimmt gerne irgendwo versteckt und das Abschiedsritual heimlich belauscht.

Für Gottfried war es selbstverständlich gewesen, auch das Reinigungspersonal einzuladen. Das machten nicht alle so und es provozierte Bemerkungen:

„War das denn nötig? Das haben die anderen früher doch auch nicht gemacht.“ Matthias zog Gottfried etwas zur Seite, flüsterte ihm leise etwas ins Ohr, wie: „Da siehst du’s mal wieder, ich hab’s ja gleich gesagt.“

Seine Rede war gut durchdacht, phasenweise etwas locker, kleine Scherze eingebaut. Auch die Kolleginnen und Kollegen hatten sich bei ihren Vorträgen ihm zu Ehren viel Mühe gegeben.

Die Veranstaltung gefiel seinem Sohn und seiner Liebsten. Mit Charlotte hatte er einen Volltreffer gelandet, man kannte sich zwar erst seit ungefähr gut vier Jahren, aber bei ihr und mit ihr fühlte er sich nach vielen Jahren des Aufs und Abs unglaublich wohl. „Nest“ wäre der falsche Ausdruck für ihre Beziehung gewesen. Das Besondere war, dass man sich vorgenommen hatte, keinem Konflikt aus dem Weg zu gehen; außerdem war man entschlossen, jedem eigene Freiheiten einzuräumen. Sein Sohn Markus hatte sich einige Tage freigenommen, seine Tochter Henriette war leider unabkömmlich gewesen.

Gottfried hatte ein schneeweißes Hemd gewählt. Die richtige Entscheidung. Gottseidank, keine unangenehmen Schweißflecken unter den Achseln.

Wie immer, einige Essensreste, Salat, Würstchen, Baguette waren mit nach Hause genommen worden. Besonders hatte er sich über das Abschiedsgeschenk, ein Tagebuch mit einem wirklich originellen Einband, gefreut. Er nahm sich vor, es demnächst auch wirklich intensiv zu nutzen; wie oft hatte er schon Tagebücher angefangen und sie dann nicht weiter beachtet.

Später zu Hause fand er sich leicht errötet von der Sonneneinstrahlung und den ganzen Aufregungen, aber immer noch schick, passend angezogen, so wie damals in dem mittelblauen Feincordanzug beim Polterabend der Cousine oder beim 25-sten Hochzeitstag seiner Eltern. Damals viele Gespräche, einige tiefsinnige Fragen, die man meinte, ihm, dem einzigen langhaarigen Studenten unter den Anwesenden, stellen zu müssen, allerhand Alkohol war immer mit im Spiel. Heute auch viele Gespräche, Sympathiebekundungen, wenig Fragen, kaum Alkohol. Damals studierte er noch; es war 1975. Heute war es ca. 40 Jahre später. Unglaublich. Er hatte Glück gehabt in vielerlei Hinsicht, wenige ernsthafte Krankheiten hatten ihn heimgesucht, persönliche Krisen hatte er ganz gut überstanden. Und nun? Was würde auf ihn zukommen?

Man hatte ihm gratuliert, es endlich geschafft zu haben, hatte ihm viel Erfolg bei seinen neuen Plänen gewünscht. Er würde es bestimmt gut hinkriegen, so wie immer. Alle, fast ohne Ausnahmen, träumten vom nachberuflichen Lebensabschnitt, redeten viel darüber. Okay, alte Lasten waren von ihm abgefallen; Gottfried war darüber erfreut. Es war ihm leichtgefallen zu gehen. Zuerst hatte er bei der Planung seiner Rede noch lange überlegt, wie kritisch sie ausfallen würde. Wenige hatten ihm zugeraten, einige Dinge aus den letzten Jahren auf den Tisch zu legen. Konferenzen, die zu lange dauerten, zu viel Routine und Wiederholungen enthielten. Mehr und mehr Zeit wurde in Formales investiert anstatt in pädagogische Aufbruchsstimmungen im Interesse der Kinder und in mehr Lust und Zufriedenheit bei der Arbeit. Wichtigtuer, die zu wenig bei „Dienstbesprechungen“ oder ähnlichem zur Zurückhaltung aufgerufen wurden. Trotzdem war Gottfried bis zum letzten Tag mit Freude zur Arbeit gegangen, fand es wichtig und richtig, sich bis zum letzten Tag zu engagieren. Bei seiner Rede hatte er schließlich die Ratschläge der Mehrheit angenommen und einen recht harmonischen Vortrag mit nur wenigen Spitzen formuliert.

„Kritische Anmerkungen hätten zur passenden Zeit und am richtigen Ort besser gepasst, als jetzt nachzukarten“, da war sich Conny ziemlich sicher. Matthias hatte sich aufgeregt: „Ja, ja, sich immer schön korrekt verhalten. Manchmal musst du auch was rauslassen!“

Und nun? Würden sich neue, ungewohnte Lasten auftürmen? Gewarnt hatte ihn jedenfalls keiner. Er fühlte sich stark genug, war sogar ziemlich neugierig. Die meisten schafften sich etwas Neues an und fuhren in Urlaub. Gottfried auch? Gab es Freunde oder Bekannte, die ihr Ärgernis darüber mitteilten, sich als Rentner falsche Ziele gesetzt zu haben, die sie jetzt bereuten? Die es nach einigen Jahren falsch fanden, einfach so unüberlegt in dieses Rentnerdasein hineingestolpert zu sein? Wie hatte es noch Heinrich formuliert: „Nun kann ich endlich ausschlafen. Vor halb neun weckt mich keiner mehr!“

Und sonst? War das alles, was zählte?

War er zu spät gegangen? Hätte er gut 4 Jahre vorher das Angebot seines Freundes Hans annehmen und mit in sein Autogeschäft einsteigen sollen? Er hatte geschwankt, schlaflose Nächte gehabt. Hans kannte seine wunden Punkte, hatte wiederholt in Frage gestellt, ob Gottfried sich in diesem pädagogischen Umfeld, stark geprägt von feministischen oder gar pseudofeministischen, gelegentlich auch machthungrigen Kolleg*innen, überhaupt noch wohl fühlte. Hans war wiederholt der Meinung gewesen, dass zu Gottfried ein anderer Job besser gepasst hätte.

Bei einem Bier war Hans deutlich geworden: „Ok, du liebst die meisten dieser Kinder. Freust dich über ein: Einen schönen guten Morgen und einen schönen Tag noch, Herrn B.“ Jeden Morgen diese Worte von David, einem seiner Lieblingsschüler, der Tag für Tag einer der ersten war und dessen Mütze immer etwas schief, aber dafür sehr keck auf seinem Kopf saß. Am besten gefiel Gottfried immer dieses „Herrn B.“, irgendwie ein Ausdruck für gegenseitige Sympathie, jenseits aller Grammatikregeln.

„Aber sei doch mal ehrlich, wie oft hast du mir erzählt, was dich ärgert, warum du so viele Orte, Chefs ausprobiert hast, bei mir, in meiner Firma wärst du selber Chef und Spaß hätten wir sowieso miteinander. Ich hol‘ dich da raus. Spinner!“

„Halt die Klappe und lass mich zufrieden. Irgendwie hast du ja Recht, aber irgendwie auch nicht“, Gottfried hatte sich oft mit einem „Prost, und lass uns mal über was Anderes sprechen, rausgeredet.“ In der Regel reagierte Hans mit einem Grinsen und seinem Standard-Satz: „Ja dann eben nicht. Anderes Thema. Und was machen die Frauen so?“

Ja, das andere Geschlecht. Würde Gottfried eine von diesen Kolleginnen besonders vermissen, hatte er Abschiedstränen der besonderen Art vergossen oder sie vorsichtig – für andere unbemerkbar – auf den Wangen ganz langsam, Träne für Träne herabgleiten lassen? Der Mensch musste Geheimnisse haben. Er hätte sich gewünscht, Marianne wäre bei seiner Verabschiedung auch dabei gewesen; vor 7 oder 8 Jahren war sie ausgestiegen, hatte sich irgendwie selbstständig machen wollen. Dann hatte er, abgesehen von dieser einen spontanen Begegnung auf der Berghütte, so ungefähr 2009, nichts mehr von ihr gehört. Nach ihrem Weggang war über sie auch nicht im üblichen Sinne getratscht worden, insofern hatte er auch dadurch nichts Neues über sie erfahren. Marianne war so der Kumpeltyp gewesen, immer Zeit für ein nettes Wort. Sie ließ andere an ihren Arbeitsergebnissen teilhaben, war großzügig, nie arrogant. Was Gottfried eigentlich über sie nicht wusste, war ihr Privatleben. Man hatte zwar über alles Mögliche, also quasi über Gott und die Welt gesprochen, aber es auch gegenseitig akzeptiert, dass dieses Mal nicht im Stil der „ach so offenen“ und „ehrlichen“ Altachtundsechziger beider Privatleben auf den Tisch gelegt und durchleuchtet wurde. Ob sie nun solo, lesbisch, bi oder festverbandelt war, interessierte Gottfried nicht so wirklich. Schließlich fand er sie rein äußerlich, als Frau, nicht besonders attraktiv. Meistens erwischte er sie mit fettigen Haaren, bollerigen, älteren Klamotten und flachen abgetragenen Sportschuhen, die Gottfried eher nicht anzogen. Kein Mensch hätte sich darüber gewundert, wenn sie diese alternativen „Earthschuhe“, deren Sohle vorne hoch und nach hinten schräg runterging, getragen hätte. Flapsig formuliert hätte man sie als Gegenstück zu Heiko Maaß und seinen überengen und modernen Anzügen beschreiben können.

Gottfried wunderte sich, warum ihn diese Exkollegin gerade heute beschäftigte.

Er schob seine Gedanken zur Seite, wollte seinen Koffer bzw. seine Fahrradtaschen packen und die nächsten Tage oder Wochen zu einer Reise bereit sein, zusammen mit Charlotte oder alleine.

01 Was jetzt sein musste

Jetzt musste er erst einmal raus, die Natur, den Himmel, Gerüche, Geräusche oder Stille auf sich wirken lassen. Sich bewegen. Schließlich doch ohne Charlotte. Sie fehlte ihm zwar, aber es gehörte zu ihren Abmachungen, dass man gelegentlich eigene Wege ging.

Besondere Wünsche für die Zukunft? Konnte man es mit dieser Art von Glücksgefühl vergleichen, welches sich früher in der Vorweihnachtszeit und Weihnachten selber kurz vor der Bescherung eingestellt hatte? Ein positives Gefühl so von innen heraus. Das wünschte er sich. Aus dem Mittelpunkt. Jedenfalls so in diese Richtung gehend hatte er nach einigem Hin und Her Vorfreude bei sich entdeckt, sie sich in der Fantasie ausgemalt … Ok, einfach gesagt, er wünschte sich etwas Schönes für die nächsten Tage und hoffte, dabei würde ein gutes Feeling herauskommen. Nichts Kompliziertes, vielleicht positive Dinge, die nur ein gewisses reifes Alter herauspurzeln ließ? So startete er. Mittlerweile war es bald Spätsommer 2014.

Doch einige Tage später wurde es ein bisschen schwieriger mit der „ganz einfachen Reise“. Waren es halb versteckte und ungeklärte Dinge von früher, die ihn auch umtrieben, ihn verwirrten, auf dem Gepäckträger dreist Platz genommen hatten, sich zu Wort meldeten und mitfahren wollten? Hallo? Musste er für ein gutes Gefühl „im Alter“ auch alten Ballast, also auch das Negative aus seinem Leben, einladen, mitzufahren? Mit anderen Worten, ehrlich zu sich zu sein. Alles zu integrieren, was sich zurecht anbot, ohne dabei – Achtung, aufgepasst! – so ein ganz komischer, sich bei sich selber verlaufender Grübler zu werden. So ein übertrieben Komplizierter, der alles und jedes – sogar von ganz früher noch – hinterfragte, etwas verändern wollte, was gar nicht mehr veränderbar war? Plötzlich war er verwirrt, schien nicht mehr alles Friede, Freude, Eierkuchen zu sein …

Eigentlich war die Parole oberflächlich recht klar gewesen: Konsum und Urlaub und Abwarten. Und aus der Vergangenheit wollte er nur das, was ihn ganz, ganz stark beschäftigte zulassen. Nur wenn ihm seine zurückliegenden „Fehltritte, Sackgassen, Irrtümer …“ dauerhaft schlaflose Nächte beschert hätten. Gerne verordnete er sich ein „Schwamm drüber! Mach dir keinen Kopf!“ So versucht man, sich Distanz zu verschaffen. Sein Vater hatte auch so gesprochen. Unterm Strich am besten nur das wunderbar Schöne annehmen, Kritisches möglichst erfolgreich verdrängen. War das als Lebensfazit nach dem Berufsleben richtig? Ging das so einfach? Er hatte es anscheinend noch nicht ganz vom Tisch. War da noch was nötig? Sich selber nichts mehr vormachen? Frieden mit sich selber finden. Wenn nicht jetzt, wann dann? War das möglich? Mist! Das hatte er sich ein bisschen einfacher vorgestellt. Und andere „Leidensgenossen“ hatten davon auch nicht gesprochen, dass diese Rentnerzeit Haken und Ösen haben könnte.

Er ertappte sich dabei, dass er von mehr Ehrlichkeit, von einer ganz anderen Harmonie in der Familie träumte. Eine Früchte bringende Gesprächskultur zwischen den Alten und zwischen den Alten und den Jungen. Sozusagen ein munterer Austausch zwischen den Generationen, sich gegenseitig etwas mitgebend. Also, einfach voneinander mehr zu lernen. Er dachte jedenfalls, es könnte besser sein, als es war. Er hielt daran fest, obwohl ihm dies wiederholt ausgeredet worden war. Charlotte und Hans und noch andere hatten ihn angegiftet: „Was er sich denn so einbildete, man solle sich gegenseitig zufriedenlassen. Die Jungen die Alten und die Alten die Jungen. Schließlich hätte nun mal jeder ein Recht auf seine Ruhe und die Kultivierung und Pflege des eigenen Quatsches. Wäre es nicht früher bei uns genauso gewesen als wir jung waren? Wir wollten uns auch von den Eltern nix sagen lassen.“

Ende der Rede, Widerspruch nicht erwünscht.

Auch wenn Gottfried sich wiederholt Mühe gegeben hatte, sich zu benehmen, hier und da nicht auszurasten; insgeheim ließen ihn diese Wünsche aber doch nicht den wohlverdienten Familien-Frieden finden. Genauso wie sich andere mit geheimen Stimmen auseinandersetzten, die sie wichtig fanden und schätzten, die sie aber äußerst selten bis nie in einem konstruktiven Vier-Augen-Gespräch auf den Tisch legen würden. Ging es nicht ohne Provokationen wie diese: „Ich wünsche mir von euch mehr politisches Engagement; mehr Klarheit, was ihr erreichen wollt! Täusche ich mich, wenn ich davon ausgehe, dass ihr völlig egoistisch drauflos lebt? Was wisst ihr überhaupt von mir?“

Auf dem Rückweg von Dänemark Richtung Husum waren ihm diese Gedanken in den Sinn gekommen. Bei kräftigem Südwind, teilweise war nur eine Stundengeschwindigkeit von 8,5 km/h mit seinem in die Jahre gekommenen Trecking-Rad möglich. Zwischenzeitlich hatte es auch noch kräftig geschüttet. Die Regenkleidung hielt noch durch, seine ewig beschlagene Brille hatte er mittlerweile irgendwo verstaut. Linke Tasche unten, rechte Tasche oben? Sie war wohl sicher untergebracht. Gut, dass er damals nicht auch noch den Mundschutz am Meer tragen musste.

Seine Kinder, sein Sohn Markus und seine Tochter Henriette, wohnten in der Nähe von Tönning, es bot sich an, sie zu besuchen. Geplant hatte Gottfried es ursprünglich nicht, sicher gab es aber noch einiges über Gottfrieds Entlassfeier zu sprechen.

Markus arbeitete in einem Großbetrieb als Elektriker, Henriette unterrichtete Pädagogik und Mathematik in der Oberstufe eines Gymnasiums. Gottfried schätzte, dass sie im Leben gut klarkamen. Wie man so spricht und denkt. Beide waren zwischen 30 und 40, Henriette seit 6 Jahren verheiratet, Markus hatte Beziehungen gehabt, lebte im Moment aber wohl alleine. Enkelkinder gab es noch keine, wahrscheinlich ein Grund dafür, dass Vater und Kinder sich nicht so häufig sahen. Schätzungsweise 4 bis 5 Mal im Jahr. Wie oft sie ihre Mutter Irene trafen, konnte Gottfried nicht so genau sagen. Interessierte ihn aber auch nicht so brennend.

Beim Griechen hatten sie noch einen Tisch bekommen. Man war freundlich miteinander umgegangen, hatte lecker gegessen, Gottfried selber etwas zu viel. Der Nachtisch wäre für ihn nicht nötig gewesen. Ok, um den nett gemeinten Ouzo vom Lokal kam man nicht herum. Gesundheitlich war bei allen dreien noch alles im Lot. Arbeitsplatzrisiken gab es bei Henriette sowieso nicht, schließlich war sie Beamtin, Markus musste sich aktuell auch keine Sorgen machen. Über Kinderwünsche sprachen beide heute mal wieder nicht. Gottfried träumte recht wenig von Enkelkindern, hatte sich damit allerdings auch wenig beschäftigt, hatte mit diesem Thema aber noch nicht ganz abgeschlossen.

„Und du radelst mal wieder durch Deutschland?“, begannen beide fast gleichzeitig das Gespräch. „Hast ja auch genug Zeit jetzt dafür. So gut wie du, möchten wir es auch mal haben, aber da müssen wir ja noch 25-30 Jahre warten. Eigentlich schade. Willst du dir nicht mal ein besseres Rad anschaffen, im Alter tut bestimmt ein E-Bike ganz gut?“ Da war das Standard-Thema wieder. Wollte Gottfried schreien, schweigen, gar weglaufen?

„Nee, glaube ich nicht, wenn´s zu anstrengend wird, dann schiebe ich lieber oder lege Pausen ein; will noch spüren, was mein Körper schafft und was nicht. Hm …“, Gottfried hatte vorsichtig und etwas zaghaft eine Gegenrede gestartet. Zufrieden war er damit nicht. Eigentlich hätte er noch den Konsum-Mainstream kritisieren wollen, und dass das nix für ihn wäre. Immer noch nicht.

„Und ihr, Pläne, neue Pläne?“

„Wir müssen jetzt erst einmal an die Abzahlung unseres Hauses denken. Schönen Dank für deinen finanziellen Beitrag vom Frühjahr“, so die Worte von Henriette.

„Bitte, gern geschehen.“ Gottfried merkte, dass er an diesem Abend mehr wollte.

Markus hatte angefangen, fleißig wie immer, seine neue Eigentumswohnung zu renovieren. Da hatte er bestimmt noch Pläne und davon erzählte er auch locker und cool wie immer. Er beendete seine Rede mit Einem: „Eigentlich bin ich doch ganz zufrieden. Was will man mehr?“

Gottfried unternahm einen kurzen Versuch, noch abschließend etwas von der weiteren Verwandtschaft zu erzählen. Unterließ es aber dann mangels Interesse der beiden. Ja, so schien sie zu sein, die typische Kommunikation zwischen alt und jung. Jedenfalls ging es beiden gut. Beruhigend zu hören. War´s das für heute?

Dann konnte er sich aber doch nicht zurückhalten, wie immer bei wichtigen Themen, spürte er eine Unruhe und Aufgeregtheit in sich. Er wusste, dass sie nicht so gerne über sich selber redeten, Henriette war früher etwas offener als Markus gewesen. War das heute noch gültig?

„Lasst uns noch was trinken“, Gottfried hielt diesen Satz für einen halbwegs guten Einstieg. Markus protestierte nicht, Henriette machte Anstalten, hielt sich dann aber auch zurück.

„Ich bin nicht zufrieden“, Gottfried versuchte, das, was er dachte, auf diesen Nenner zu bringen. Ganz glücklich fand er diese Wortwahl auch nicht. Egal, ein Anfang.

„Schau her, der alte Herr hat Probleme“, Markus versuchte etwas Lockerheit in das Gespräch zu bringen.

„Wenn ich das so höre, ich glaube, diese Rentner haben so viel Zeit, dass sie sich alles Mögliche einfallen lassen können. Wahrscheinlich sollte man das nicht so ernst nehmen. Vielleicht hätten wir das mit dem gerade bestellten Getränk mal lassen sollen“, Ablehnung und Lustlosigkeit sprachen aus den Worten von Henriette.

So etwas hatte „der alte Herr“ eher von Markus erwartet.

„Also, wir sollten jetzt, heute, damit anfangen, anders, besser miteinander zu sprechen, zu kommunizieren“. Das waren Gottfrieds direkte Worte. Peng! Etwas ungeschickt. Ohne eine einfühlsame Einleitung. Und Henriette war offensichtlich nicht bereit, sich besonders darauf einzulassen:

„Oh, hört mal, da spricht der Pädagoge, er möchte mit uns einen neuen Gesprächsstil pflegen …“

„Nun lass doch mal“, Markus wollte heute, überraschenderweise, seine bisher unbekannte Seite zeigen, „dann leg mal los.“

„Wenn wir uns nun schon so wenig sehen – vielleicht könnte das demnächst ja anders werden –, wäre es befriedigender, schöner, wir würden uns mehr … voneinander … äh erzählen. Ich zum Beispiel … äh“, Gottfried wollte unbedingt mit einer Ich-Botschaft beginnen, „würde gerne mehr von mir und Charlotte berichten, würde euch sicher mehr von meinen Plänen als Rentner erklären wollen, von Gedanken, die mich seit ein paar Monaten beschäftigen. Was habt ihr so vor? Hast du ne neue Freundin Markus, was stellst du dir beruflich vor? Henriette, wie läuft’s mit deinem Mann Georg? Ist er der Typ – um es einfach mal frech auf den Punkt zu bringen –, den du dir immer gewünscht hast?“

„Ach du meine Güte, so hätte ich es mir nun nicht vorgestellt, na ja, etwas nervig warst du ja schon immer“, da war er wieder, der alte Markus.

Henriette zog es vor zu schweigen, sie konnte sich nur ein „Und was haben wir davon?“ abringen.

Beide wollten zurück zu dem Standard-Thema, das Stichwort Konsum sparten sie aus, aber zu dem anderen Stichwort gab es blitzschnell und wenig überraschend für Gottfried dieses:

„Habt ihr schon Urlaubspläne, du und Charlotte?“

Gottfried antwortete Belangloses wie „Ach, das überlegen wir noch.“

Nach etwas Smalltalk brach man auf. Man nahm sich in den Arm, hätte es aber auch seinlassen können. Gottfried war mit sich nicht unzufrieden, er hatte was probiert.

Trotz halber Baustelle fand Gottfried einen erholsamen Schlaf in der Wohnung von Markus. Mit einigen Unter– brechungen von 2 bis halb 3 und von 5 bis 6. Das überraschte ihn allerdings nicht. Das kannte er von Situationen, die ihn aufwühlten. Eigentlich hätte er noch länger bleiben müssen, Gesprächsfetzen vom Vorabend mit den Kindern noch einmal neu zusammenfügen. Sich näherkommen.

Als er am Morgen gegen halb 8 aufwachte, hatte Markus schon das Frühstück etwas vorbereitet, Teeutensilien bereitgestellt und einen kleinen Zettel hingelegt: „War schön gestern, wünsche angenehme weitere Reise ohne viel Gegenwind. Und immer genug Luft im Reifen! M.“ Gottfried freute sich über diese nette Geste. Aber war sie ein neuer Schritt des Aufeinander-Zugehens?

Neuer Tag, neues Glück. Nach weiteren 2 Stunden und ca. 26 km auf dem Rücken des Sattels bot sich bei der kleinen Bäckerei eine Kaffeepause an. Typischer Nordseehimmel mit Blau und den interessanten Wolkenformationen und einem gleichzeitigen Blick auf den Deich und fleißige Schafe, die ab und an einen Blick zu ihm rüber riskierten. Gelegentlich ein Moin von vorbeiradelnden Touristen und Einheimischen; beide Gruppen deutlich unterscheidbar an den unterschiedlichen Gepäckträgern und den von ihnen zu tragenden Lasten.

Gottfried musste wiederholt an den Abend mit seinen Kindern denken. Dass sie sich für das verwandtschaftliche Getratsche nicht so sehr interessierten, war nichts Neues. Es ging ihnen auf den Wecker, wenn die Älteren ihren Ordnungs- und Gründlichkeitssinn lobten, ihre Toleranz gegenüber den Anwandlungen der Jüngeren aber häufig nur heuchelten, anstatt echtes Interesse zu versprühen. Aber, warum hatte es so wenig Fragen an Gottfried gegeben, warum so wenig Berichte aus dem „Innenleben“ seiner Kinder? Warum mussten die Anstöße von ihm kommen. Was er sich vorwerfen konnte, war, dass er mehr von sich aus hätte einbringen können, er war am Anfang des Treffens auch nicht besonders redselig gewesen. Trotzdem. Hatten Sie es wie immer vergessen, Fragen an den Vater zu stellen oder lag es ihnen tatsächlich fern, wie sich später zeigte? Im Wesentlichen waren von ihnen oberflächliche Kurzreferate zu ihrer aktuellen Situation, beruflich und privat, vorgetragen worden und Gottfrieds Fragen beim Schlürschluck passten ihnen überhaupt nicht in den Kram. Aber mal ehrlich gesagt, Gottfried blieb dabei, dass es ihm um mehr ging. Solche Fragen hätten ihn erfreut: Papa, wie war deine Radtour im Detail? Diese Begegnungen mit der Natur, gibt es da für dich besondere Momente des persönlichen Glücks? Hattest du neue Ideen, Beobachtungen deinerseits? Denkst du an deine Vergangenheit auf diesen Touren? Noch Pläne für die Zukunft, Alter? Oder anders herum, wir würden dir gerne noch Sachen von uns erzählen; so Angelegenheiten, über die wir sonst mit keinem reden. Ach so, ruhig mal was Negatives: Wir finden an dir scheiße, Papa, dass du damals …

Naja, machte sich Gottfried Illusionen? Hatte er sich nicht auch selber eingestehen müssen, dass ihm in bestimmten Lebensphasen die Meinungen seiner Eltern völlig egal waren. War das zwischen ihm und seinen Kindern logischerweise ähnlich? Versprach man sich nichts davon, persönliche Dinge von der älteren Generation zu erfahren? Respektierte man sie nur noch halb? Schön, wenn man sich nicht unterhalten musste? Jeder machte Seins? Jedenfalls wünschte sich Gottfried besonders in den letzten Jahren mehr denn je einen anregenderen Austausch, sich gegenseitig etwas mitzugeben als eine innerfamiliäre Selbstverständlichkeit. Obwohl von manchen belächelt, ließ er sich nicht davon abbringen, er wollte etwas besser machen, als es zwischen ihm und seinen Eltern in den Nachkriegsjahren möglich gewesen war.

Kleines Aber: Ging das noch was? Waren Korrekturen möglich?

02 Start me up

Seit seiner Pensionierung war ein gutes halbes Jahr vergangen, wir schrieben den Januar 2015. Heute war ein Montagabend und normalerweise hatte er noch ganz viel Zeit. Es war Viertel nach Sechs. Eigentlich wollte er sich mit dem Fahrrad eine Salami-Pizza mit scharfer Peperoni holen. Bis zum Supermarkt war es nicht weit. Aber er sehnte sich nicht gerade nach Knut und Uschi, die immer alles zusammen machten, sogar die simpelsten Dinge. Meistens kauften sie gegen halb Sieben letzte Sachen ein. Wahrscheinlich war es auch heute so wie immer. Gerade dann, wenn er keinen Bock auf sie hatte, traf er sie. Es kam ihm so vor, als hätten sie Spaß daran, ihm wiederholt die gleichen Fragen zu stellen. Ob sie´s merkten? War es eine ausgefuchste Strategie der Ironie, die ihn provozieren sollte? Keine schlechte Idee, neuer Kommunikationsschwung hätte sich einen Weg bahnen können. Ganz so nahe waren sie ihm doch nicht. Sie waren seine Ex–Nachbarn, ungefähr im gleichen Alter, vielleicht fünf Jahre älter.

Sie fragten sinngemäß so: „Na, alles klar? Schon an die neue Situation gewöhnt? Uns geht´s gut. Selber auch? Naja, man weiß ja nie, was noch so kommt. Aber wir genießen es. Nicht wahr „Schnuckelchen“?“

„Ja, du hast Recht „Schnauzibär“.“

Er hätte sich hinter einem Regal verstecken können. Hätte selber in die Offensive gehen können, hätte vorher Joggen können, um dann völlig verschwitzt im Supermarkt aufzutauchen. Wäre es nicht lustig gewesen, er hätte ihre Worte gewählt?

„Na, alles klar? Geht´s gut wie immer?“

Und ihre Antwort wäre wahrscheinlich so gewesen: „Alles prima. Stimmt doch „Schnuckelchen“, oder? Sie haben´s jetzt aber wissen wollen in ihrem Alter, Gottfried, was der Körper noch so bringt? Respekt, Respekt. Noch was einkaufen für heute Abend und dann mal fix zum Duschen …? Immer noch alleine im Leben unterwegs? Da wollen wir Sie nicht aufhalten. Bis demnächst.“

Gottfried war heute noch kaum draußen gewesen, hatte etwas aufgeräumt, ein wenig mit Charlotte noch vor dem Frühstück telefoniert, hatte auf der Suche nach Inspirationen spontan gezeichnet, zwei recht neue Bücher parallel angefangen. Er hatte beide erst vor kurzem begonnen, war ganz angetan von beiden, ein endgültiges Urteil konnte er sich noch nicht erlauben.

Er war schon ein kleiner Eigenbrödler, manchmal mit Altersbosheit, dabei gelegentlich unfair gegenüber Mitmenschen. Mitunter geradezu versessen auf Geschichten aus der eigenen Vergangenheit. Wie gesagt, nur die relevanten. Es tat ihm gut, er schien es zu brauchen. Wie hatten seine Mutter Dora und auch andere es abwertend formuliert:

„Nun hör mal auf, dich immer in den Mittelpunkt zu stellen, es geht nicht immer nur um dich und dein Leben!“ Das wollte er so nicht mehr hören, er konnte es schlicht nicht mehr ertragen, denn mit dieser abfälligen Art zu reden, war ihm das radikal ausgetrieben worden, was für ihn entscheidend gewesen war oder hätte werden können. Nämlich sich Fragen an das eigene Leben zu stellen und auch danach, wo damals als Kind sich entwickelnde Stärken, schwach geredet wurden. Und außerdem, verdammt noch mal! war er seit Jahrzehnten nicht nur mit sich beschäftigt, sondern er hatte ganz normal, wie alle anderen auch, mitten im Leben gestanden, hatte soziale Kontakte und hatte im Leben schon einiges gewuppt, hatte darüber hinaus sogar noch „Reiselust“, im eigenen Leben Besonderes zu entdecken, vielleicht noch ganz neue Seiten von sich. Nur manchmal fühlte er sich schwach, dann hatte er auch Tendenzen zu Überheblichkeiten, dann erhöhte er sich über Mitmenschen, meckerte an anderen rum und fand sich besser als andere. Ließ Vater Erwin grüßen?

Freund Hans hatte es heftig kritisiert und sich über ihn lustig gemacht, wenn er hier und da über eigene Schwächen sprach.

„Nun hör doch mal auf, dich schlecht zu machen, für mich bist du völlig o.k. Ich hätte es dir garantiert gesagt, wenn‘s mir aufgefallen wäre. Schließlich bist du seit fast 10 Jahren mein Freund.“

Gottfried hatte sich bemüht, davon was anzunehmen.

Möglicherweise war heute ein spezieller Tag für solche aufblitzenden Dinge aus zurückliegenden Zeiten. Dafür gab es manchmal ganz besondere Tage. Eins nach dem Anderen.

Nach dem Frühstückstee, vielleicht schon aus dem Traum in der Nacht, hatte sich die Frage wiederholt. Dieses Ereignis war schätzungsweise 1957 gewesen, als er so ca. 6 war. Angelika, die unten wohnte, musste so gut 4 gewesen sein. Ihre Oma hatte einen Kolonialwarenladen, Gottfried war immer ganz heiß drauf gewesen, dort unten zu helfen und in den endlosen Regalreihen rumzuschnüffeln. Unten im besagten Haus recht prunkvolles Wohnen mit einer großen Küche und sogar einem herrschaftlichen Wohnzimmer und Terrasse in den Garten. Oben, Gottfried mit seinen Eltern in zwei Zimmern: Wohnküche mit Kohlenherd, ein Schlafzimmer für drei Personen. Keine Korridortür, keine Garderobe außerhalb der zwei Räume. Direkt vom Treppenhaus gelangte man sofort in die Wohnküche.

„Kommst du mit runter in den Sandkasten?“, Angelika rief von unten aus der Deele, die jetzt keine mehr war, nach oben. Am Rande der ehemaligen Deele führte die Treppe im Winkel nach oben. Auf halber Treppe war das Vorratslager für den ebenerdigen Lebensmittelladen. Gottfried wohnte damals in den 50-er Jahren mit seinen Eltern in der 1. Etage. Seine Mutter achtete ziemlich streng auf korrektes, nicht über– mütiges Verhalten ihres Sohnes, man ließ sich nicht „gehen“, aber diesmal war er ihr entwischt und saß schon mit dem Hosenboden in voller Fahrt nach unten auf dem Treppengeländer. Mist! Wieder dieser Pömpel in der Mitte des Geländers in dieser rechtwinkligen Kurve. Es half nichts: abbremsen, abspringen, Pömpel umrunden und dann mit Schwung wieder drauf aufs Geländer. Angelika stand unten und war sprachlos. Hatte es solch eine Vorführung schon mal gegeben? Oben stand Gottfrieds Mutter und war fassungslos. Hatte sie es ihm nicht gegönnt? Auf jeden Fall hatte sie es verboten. Wahrscheinlicher war, dass sie sich mal wieder Sorgen gemacht hatte, es hätte dem „Stropp“, einer von seinen merkwürdigen Kosenamen, was passieren können. Was das ganze Leben nicht voller Gefahren? Also lieber nichts probieren und lieber brav sein. Das hätte zu seiner Mutter passen können. Gottfried hatte dann wie ein Verrückter tatsächlich im Sandkasten gespielt, nicht so sehr mit Angelika, sondern intensiv alleine, mit eigenen Ideen, neben ihr her. Er baute Straßen, steile Gebirgsstraßen aus Sand für süße kleine Automobile, die ziemlich laut brummen konnten. Sand für die Fundamente dieser festgeklopften Wege wurde mit größeren LKWs, den Kippern, herangekarrt. Vier Stunden an einem Stück zu spielen, war überhaupt kein Problem, aber schon nach 2 Stunden – er war gerade erst richtig in Schwung gekommen – wurde er zum Mittagessen gerufen, vorher musste von der treusorgenden Ehefrau und Mutter noch der frisch befüllte Henkelmann zum Vater in die Möbelfabrik gebracht werden. Nach dem Mittagessen sollte Gottfried sich ausruhen, etwas schlafen, weil es gut für ihn wäre. Das tat er dann auch mit wenigen Widerworten, obwohl er lieber im Sandkasten weitergespielt hätte. Angelika legte derweil ihre Puppen auch zum Schlafen hin.

Angelikas Frage von früher aus dem Treppenhaus „Kommst du mit in den Sandkasten?“ erinnerte ihn an andere Fragen von jüngeren und mittelalten Menschen des anderen Geschlechts in Beziehungen. Waren Fragen der verschiedenen Arten ein wesentlicher Bestandteil seines Lebens, des Lebens überhaupt? Fragen, die nach Antworten verlangten oder Antworten, die Fragen im Schlepptau nach sich zogen. Kommst du mit ins Kino? Ich geh schon mal ins Bett, kommst du gleich nach? Ich muss mal allein was unternehmen! Wieso das denn? Habe ich was falschgemacht? Haste mich noch lieb? Kommste mit nach nebenan zu Uli und Katrin? Fragen, die Gottfried liebte, die er ziemlich witzig fand, weil und wenn sie sich wiederholten. Sie konnten aber auch nerven. Fragen, die ihn verfolgt hatten, ihm manchmal keine Ruhe gelassen hatten.

Um komischen Fragen aus dem Weg zu gehen, sollte er es allen verraten, in welchem Lebensabschnitt er sich befand? Um den ständigen Fragen, die wirklich nervten, aus dem Weg zu gehen: „Und wie lange hast du noch?“ Er war „in Rente gegangen“, „hatte sich pensionieren lassen“. War er von sich aus aktiv gegangen oder war er gegangen worden? Basta! War es nicht schon allein deswegen an der Zeit, mal wieder richtig auf die Pauke zu hauen? Besser so als mit Altersbosheit. Wie konnte man sich das für verrentnerte Pensionsbezieher vorstellen? So wie damals?

Vor 5 Jahren bei seiner Leisten-OP hatte er überraschend auf den Tisch gehauen. Nach der OP hatte es Komplikationen gegeben, aus dem ambulanten Eingriff wurde dann doch ein stationärer. Die Komplikationen waren nicht voraussehbar. Und Heinrich, sein Bettnachbar, auch nicht. Heinrichs Fernsehgewohnheiten nervten, er wollte den ganzen Tag nicht sprechen, nicht lesen, sondern nur glotzen. Es reichte einfach! Zuerst hatte Gottfried ihm die Fernbedienung geklaut, als er schlief; nun wollte er sie nach dem Aufwachen aus dem Mittagsschlaf, sofort, ohne Umschweife, wiederhaben. Er hatte Gottfried im Verdacht. Wen sonst? Es sei schließlich eher seine als Gottfrieds. Nö, nö, damit habe ich nichts zu tun. Scheiße, es reichte! Auf nimmer Wiedersehen! Gottfried war aus seinem Bett gesprungen, in dieser Situation konnte es eher als vorsichtiges Klettern eingeordnet werden, von Springen war gar keine, absolut keine Rede. Gottfried flüchtete aus dem Zimmer, aus dem Krankenhaus, zwei Tage vorher als von ärztlicher Seite prognostiziert worden war. Es zog ihn fort von Heinrich und auch von Franziska. Jetzt kommt auch mal ne Freundin ins Spiel! Fragen von Franziska hätten sich so ergeben können, wie oben schon erwähnt. Sie konnte diese Art von Fragen abfeuern, ohne aufzuhören. Er schlich sich humpelnd nach Hause in die gemeinsame Wohnung, schrieb F. einen Zettel, packte einen kleinen Koffer, schob sein Fahrrad zum Auto, verstaute es unter viel Mühen, die Schmerzen wurden stärker, und weg war er. Keine Fragen, keine Antworten. War das nötig? Aha, auch noch eine andere Kategorie von Fragen. Fragen an sich selber. Konnte er überhaupt weg oder schwänzte er den Job? Beruhigung für den entrüsteten Leser, die entrüstete Leserin, es waren noch Ferienwochen übrig.