Mozart - Ein Künstlerleben - Heribert Rau - E-Book

Mozart - Ein Künstlerleben E-Book

Heribert Rau

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Beschreibung

Eine sehr umfangreiche Biografie des bekannten Komponisten, verfasst von dem 1813 in Frankfurt/Main geborenen Schriftsteller Heribert Rau. Inhalt: Erste Abtheilung 1. Ein Geburtstag. 2. Die Musikanten und die Musikantenkutsche. 3. Hoffnungsvolle Tintenkleckse. 4. Der kleine Virtuos. 5. Ein neuer Amphion. 6. Am Wiener Hofe. 7. Der kaiserliche Zahlmeister. 8. Cavalier und Freier. 9. Heimkehr und Ueberraschung. 10. Die Encyklopädisten. 11. Frau von Pompadour. 12. Choisy-le-Roi. 13. In Paris. 14. Ein Abend am Hofe zu Versailles. 15. Die ersten Werke. Zweite Abtheilung. In Italien. 16. Signore Carlo Broschi. 17. Abenddämmerung und Morgenröthe. 18. Il cavaliere filarmonico 19. Der Fußkuß. 20. Ein junger Prinz. 21. Das Miserere. 22. Giuditta. 23. Jugendfreundschaft und Jugendliebe. 24. List um List. 25. Eine Nacht in Neapel. 26. Der Zauberring. 27. Signora Bernasconi. 28. Leben und Tod. 29. Das Ordenskreuz. 30. Intriguen. 31. Das Ungewitter. 32. Evviva il maestro! evviva il maestro! Dritte Abtheilung. Täuschungen. 1. Im Volke. 2. Am Hofe. 3. Die Nachtmütze. 4. Pater Nonnos. 5. Zwei Schwestern. 6. Ein schöner Abend. 7. Ein musikalischer Charlatan. 8. Die Weihnachtsbescheerung. 9. Wieder Nichts. 10. Auch ein Genie! 11. Mißtöne. 12. Der Ruf zur Heimath. 13. Und wieder Täuschung. 14. Der Wirth vom "Herrgöttle zu Mannheim." 15. Der Traum der Liebe. 16. Der Zukunft schönster Stern. Vierte Abtheilung. König und Knecht. 17. Idomeneus. 18. Der König der Töne. 19. König - und Knecht. 20. Zerbrochene Fesseln. 21. Wiener Leben. 22. Kaiser Joseph II. 23. Ein Frühstück. 24. Die Schlange. 25. Joseph Haydn. 26. Das letzte Licht. 27. Die "Entführung aus dem Serail". 28. Die Entführung aus dem Auge Gottes. Fünfte Abtheilung. Hoch am Tage. 1. Schatten und Licht. 2. Abbate da Ponte. 3. Die Unsichtbare. 4. Zauberei. 5.

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Seitenzahl: 1551

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Mozart. Ein Künstlerleben.

Heribert Rau

Inhalt:

Wolfgang Amadeus Mozart – Biografie

Mozart. Ein Künstlerleben.

Erste Abtheilung

1. Ein Geburtstag.

2. Die Musikanten und die Musikantenkutsche.

3. Hoffnungsvolle Tintenkleckse.

4. Der kleine Virtuos.

5. Ein neuer Amphion.

6. Am Wiener Hofe.

7. Der kaiserliche Zahlmeister.

8. Cavalier und Freier.

9. Heimkehr und Ueberraschung.

10. Die Encyklopädisten.

11. Frau von Pompadour.

12. Choisy-le-Roi.

13. In Paris.

14. Ein Abend am Hofe zu Versailles.

15. Die ersten Werke.

Zweite Abtheilung. In Italien.

16. Signore Carlo Broschi.

17. Abenddämmerung und Morgenröthe.

18. Il cavaliere filarmonico

19. Der Fußkuß.

20. Ein junger Prinz.

21. Das Miserere.

22. Giuditta.

23. Jugendfreundschaft und Jugendliebe.

24. List um List.

25. Eine Nacht in Neapel.

26. Der Zauberring.

27. Signora Bernasconi.

28. Leben und Tod.

29. Das Ordenskreuz.

30. Intriguen.

31. Das Ungewitter.

32. Evviva il maestro! evviva il maestro!

Dritte Abtheilung. Täuschungen.

1. Im Volke.

2. Am Hofe.

3. Die Nachtmütze.

4. Pater Nonnos.

5. Zwei Schwestern.

6. Ein schöner Abend.

7. Ein musikalischer Charlatan.

8. Die Weihnachtsbescheerung.

9. Wieder Nichts.

10. Auch ein Genie!

11. Mißtöne.

12. Der Ruf zur Heimath.

13. Und wieder Täuschung.

14. Der Wirth vom "Herrgöttle zu Mannheim."

15. Der Traum der Liebe.

16. Der Zukunft schönster Stern.

Vierte Abtheilung. König und Knecht.

17. Idomeneus.

18. Der König der Töne.

19. König – und Knecht.

20. Zerbrochene Fesseln.

21. Wiener Leben.

22. Kaiser Joseph II.

23. Ein Frühstück.

24. Die Schlange.

25. Joseph Haydn.

26. Das letzte Licht.

27. Die "Entführung aus dem Serail".

28. Die Entführung aus dem Auge Gottes.

Fünfte Abtheilung. Hoch am Tage.

1. Schatten und Licht.

2. Abbate da Ponte.

3. Die Unsichtbare.

4. Zauberei.

5. In den "drei Löwen."

6. "Non più andrai far falone!"

7. Die Macht der Leidenschaft.

8. Die Hauptprobe.

9. Ein neues Wunder.

10. Verzweiflung über Verzweiflung.

Sechste Abtheilung. Abend und Nacht.

11. Ein Original.

12. So war er.

13. Die letzte Hoffnung.

14. Es will Abend werden.

15. Die Zauberflöte.

16. Die Schatten des Todes.

17. "Es war ein herzig's Veilchen."

18. Der räthselhafte Bote.

Unterthänigstes Promemoria

19. Zum zweiten- und drittenmale.

20. Hm, hm, hm!

21. La Clemenza di Tito.

22. Die Aufführung.

23. Es will Abend werden.

24. Das Requiem.

25. Der Engel des Todes.

26. "Requiem aeternam dona eis Domine, et lux perpetua luceat eis!"

27. Ein Tag nachher.

28. Die Verklärung.

Mozart, ein Künstlerleben Heribert Rau

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Freesurf - Fotolia.com

Wolfgang Amadeus Mozart – Biografie

Eigentlich Johannes Chrysostomus Wolfgang Gottlieb, gewöhnlich Wolfgang Amadeus genannt, Komponist, geb. 27. Jan. 1756 in Salzburg, gest. 5. Dez. 1791 in Wien, hatte das große Glück, der Sohn eines zugleich hochgebildeten und selbstlosen Musikers zu sein, der sein musikalisches Genie in der sorgfältigsten und umsichtigsten Weise von frühester Kindheit an hütete und leitete. Der Vater Leopold M. (geb. 14. Nov. 1719 in Augsburg, gest. 28. Mai 1787 in Salzburg), Hofkomponist und seit 1762 Vizekapellmeister des Erzbischofs von Salzburg, ist nicht nur der Verfasser einer noch heute geschätzten Violinschule (1756), sondern war auch als Komponist von Symphonien, Konzerten und kirchlichen Vokalsachen hoch angesehen, hörte aber auf zu komponieren, als er in seinem Sohn einen Meister erwachsen sah. Bereits im sechsten Jahre komponierte dieser kleine Stücke für Klavier und war im Spiel so weit vorgeschritten, dass der Vater sich 1762 entschloss, mit dem Wunderknaben und dessen fünf Jahre älterer, gleichfalls Klavier spielenden Schwester, Maria Anna, zu reisen. Der erste Ausflug ging nach München, der zweite im Herbst d. J. nach Wien, wo Kaiser Franz I. den Knaben mit Gunstbezeigungen überschüttete. 1763–66 wandten sie sich durch Bayern, die Rheinprovinzen, die Niederlande nach Paris, wo sich der achtjährige M. vor dem König und dem ganzen Hof auf der Orgel hören ließ und seine ersten Kompositionen, vier Violinsonaten, veröffentlichte. Während eines anschließenden Aufenthalts in England komponierte M. weitere sechs Violinsonaten, die in London gestochen und der Königin gewidmet wurden (vgl. C. F. Pohl, M. in London, Wien 1867). In London prüfte J. S. Bachs jüngster Sohn, Joh. Christian Bach, einer der historisch bedeutsamsten Komponisten der Zeit des Übergangs zum modernen Stil, den Knaben. Den Sommer des nächsten Jahres verlebte die Familie in Flandern, Brabant und Holland. Hier mit seiner Schwester durch heftige Erkrankung mehrere Monate lang an das Bett gefesselt, schrieb M. wiederum sechs Violinsonaten, die er der Prinzessin von Nassau-Weilburg widmete. 1766 kehrten sie über Paris und Lyon durch die Schweiz und Schwaben nach Salzburg zurück, wo M. während der beiden folgenden Jahre seine Kompositionsstudien mit Eifer fortsetzte. Auf einer neuen Reise nach Wien komponierte er im Auftrag des Kaisers Joseph II. seine erste komische Oper: »La finte semplice« (1768), deren Ausführung hintertrieben wurde. Dagegen komponierte und dirigierte der junge Künstler zur Einweihung der Waisenhauskirche in Wien eine solenne Messe in Gegenwart des Hofes, und im Hause des musikliebenden Schuldirektors Mesmer gelangte die Operette »Bastien und Bastienne« zur Darstellung. 1769 wurde M. zum Konzertmeister am salzburgischen Hof ernannt. Anfang 1770 unternahm er mit seinem Vater eine Reise nach Italien, wo Sammartini in Mailand, Padre Martini in Bologna und Volletti in Padua sich von der Ausnahmebegabung des Knaben überzeugten, der vom Papst zum Ritter vom goldenen Sporn ernannt und in die philharmonische Akademie zu Bologna aufgenommen wurde. In Rom schrieb M. das neunstimmige »Miserere« von Allegri nach einmaliger Anhörung am Mittwoch der Karwoche nieder. In Mailand, wo er gegen Ende Oktober 1770 anlangte, komponierte er die Oper »Mitridate«, die schon 26. Dez. unter seiner Leitung über die Bühne ging und 20mal hintereinander ausgeführt wurde. Weiter schrieb er für Mailand das Festspiel »Ascanio in Alba« (1771) und kehrte dann, nachdem er noch Venedig und Verona besucht, nach Salzburg zurück. Hier komponierte er zur Einführung des neuen Erzbischofs von Salzburg 1772 Metastasios »Il sogno di Scipione« und begab sich noch Ende 1772 abermals nach Mailand, wo seine Oper »Lucio Silla« zur Ausführung kam. Wieder nach Salzburg zurückgekehrt, vollendete er die komische Oper »La finta giardiniera« (für München 1775) und die Festoper »Il re pastore« (für Salzburg), denen sich im Laufe der folgenden Jahre noch verschiedene Kirchenkompositionen, die Musik zum Drama »Thamos« und die Operette »Zaide« anschlossen. Inzwischen hatte ihm der Mangel an künstlerischer Anregung und die geringschätzige Behandlung des Erzbischofs den Aufenthalt in Salzburg verleidet. und er begab sich 1777 wieder auf Reisen, doch blieben seine Anstrengungen in München, in Mannheim und in Paris, eine Anstellung zu erhalten, erfolglos, und enttäuscht kehrte er nach Salzburg zurück, nachdem er in Paris die ihn begleitende Mutter durch den Tod verloren hatte (3. Juli 1778). 1779 wurde er zum Hoforganisten in Salzburg ernannt. Sein nächstes größeres Werk war die Oper »Idomeneo re di Creta« für München (1781), in welchem Werk er sichtlich von den Wegen der italienischen Oper abwich und, im Anschluss an die französische Glucks, kräftigere Töne anschlug. Noch in demselben Jahre zwang ihn die Rücksichtslosigkeit seines Fürsten, die Salzburger Stellung aufzugeben; er siedelte nun nach Wien über, wo er sich im nächsten Jahre mit Konstanze Weber, einer Schwester seiner ersten Jugendliebe, der Sängerin Aloysia Weber, später verehelichten Lange, vermählte. In Wien schrieb er auf speziellen Wunsch Kaiser Josephs II. für das Nationalsingspiel die deutsche Oper »Belmonte und Konstanze, oder die Entführung aus dem Serail«, deren Aufführung schließlich nur durch speziellen Befehl des Kaisers zustande kam, so stark waren wiederum die Intrigen. Selbst die 1785 zuerst ausgeführte Oper »Figaros Hochzeit« wurde fast durch die absichtlich schlecht singenden Italiener zu Falle gebracht. M. feierte daher seinen ersten vollen Triumph als Opernkomponist mit »Don Juan«, der bei der ersten Aufführung 1787 in Prag mit Jubel aufgenommen (vgl. Procházka, M. in Prag, Prag 1892), aber in Wien ebenfalls geraume Zeit gegen die Intrigen der italienischen Sänger und die Gleichgültigkeit des Publikums zu kämpfen hatte, bis es seinem vollen Wert nach erkannt wurde. Im folgenden Jahr entstanden außer andern Instrumentalsachen seine drei Meistersymphonien in Es dur, G moll und C dur (»Jupiter-Symphonie«). In diese Zeit fällt eine Reise Mozarts über Dresden nach Leipzig und Berlin. König Friedrich Wilhelm II. von Preußen bot ihm die Stelle eines Kapellmeisters mit einem Jahrgehalt von 3000 Taler an; aber M., wiewohl er in Wien mit dem Titel eines kaiserlichen Kammerkomponisten seit 1789 eine Besoldung von nur 800 Gulden bezog, antwortete ihm: »Kann ich meinen guten Kaiser verlassen?« Letzterer beauftragte ihn nach der Rückkehr mu der Komposition der Oper »Così fan tutte« (1790) und versprach ihm, daß in Zukunft auf ihn Bedacht genommen werden solle; aber das bald darauf erfolgte Ableben Josephs II. vernichtete jede Hoffnung Mozarts auf eine Verbesserung seiner Lage. 1791 komponierte er für seinen in Schulden geratenen Freund Schikaneder die Oper »Die Zauberflöte«, für die Krönungsfeierlichkeiten des Kaisers Leopold II. die Oper »La clemenza di Tito« und sein »Requiem«, letzteres für die verstorbene Gräfin Walsegg, deren Gemahl es bei M. bestellt hatte. Es war des Künstlers letzte Arbeit (vgl. J. Ev. Engls Festschrift zur M.-Zentenarfeier, Salzb. 1891). Noch in seinen Phantasien mit dieser Komposition beschäftigt, starb M. im 36. Jahre seines Lebens. Nur wenige Freunde gaben ihm das letzte Geleit, und selbst diese kehrten des schlechten Wetters wegen auf halbem Weg um. Da M. nur ein Armenbegräbnis erhielt, konnte später nur mit Mühe sein Grab festgestellt werden (s. unten).

Mozarts Charakter als Mensch war von einer fast sprichwörtlich gewordenen Gutherzigkeit und Naivität. Hilfreich gegen alle Welt, neidlos gegenüber seinen vom Glück begünstigten Kunstgenossen, hatte er seinen eignen Vorteil so wenig im Auge, dass er zeit seines Lebens mit Mangel kämpfen musste. Dabei war er von einer unglaublichen Arbeitskraft, besonders in seinen letzten Lebensjahren. Er hat im ganzen 626 Werke hinterlassen (vgl. v. Köchel, Chronologischthematisches Verzeichnis sämtlicher Werke W. A. Mozarts, 2. Aufl. von Graf Waldersee, Leipz. 1905), darunter 20 Messen etc., 8 Litaneien und Vespern, 40 Offertorien, Hymnen und andre geistliche Gesangstücke, 17 Orgelsonaten, 10 Kantaten mit Orgelbegleitung, 23 Opern, über 100 Arien und Lieder mit Orchester- und Klavierbegleitung, 23 Kanons für 2–12 Stimmen, 22 Klaviersonaten, über 50 andre Klavierstücke, 45 Sonaten für Klavier und Violine, 11 Trios, Quartette etc. mit Klavier, 48 Kammermusikstücke für Streichinstrumente, 49 Symphonien, gegen 100 kleinere Werke für Orchester und 55 Konzerte. Eine solche Fruchtbarkeit in einem so kurzen Leben, von dem die Reisen zwei Drittel in Anspruch genommen, ist um so bewunderungswürdiger, als M. auch übrigens durch seine Dienstpflichten und Lektionen so vielfach vom Komponieren abgezogen wurde, daß er meist nur die frühen Morgenstunden oder die Nacht dazu verwenden konnte.

Die unvergängliche Größe Mozarts beruht in der durch ihn vollzogenen glücklichen Verschmelzung italienischer Melodiosität mit deutscher Gemütstiefe. Wenn auch die höchste Steigerung der musikalischen Ausdrucksmittel auch zur Darstellung der die tiefsten Tiefen des Seelenlebens aufrührenden Leidenschaft seinen Nachfolgern, vor allem Beethoven, vorbehalten blieb, so gelangte doch der homophone Stil unbestritten mit M. zuerst auf den Gipfel klassischer Vollendung. Als Opernkomponist ist M. eine Ergänzung Glucks, sofern er die komische Oper derselben Stufe künstlerischer Durchbildung zuführte, wie Gluck die tragische, und damit vollends den Italienern das Zepter entwandte, das sie fast zwei Jahrhunderte geführt. Ist in seinen frühesten Opern noch der Anschluss an die Italiener deutlich fühlbar, so ist er mit »Così fan tutte«, »Figaro« und »Don Juan« mit Singspielen über dieselben hinweggegangen trotz der italienischen Texte mit ihren Konventionalitäten und Schwächen und hat mit der »Entführung« und »Zauberflöte« die Grundsteine zur kräftigen Entwickelung einer nationalen Oper gelegt, obgleich auch diesen nichts weniger als bedeutende Libretti zugrunde liegen. Das lautere Gold der Musik, in das er alle gefühlsechten Momente der Dichtungen gefasst hat, überstrahlt deren tote Partien mit seinem Glanze. Wenn auch eigentliche Tragik in der komischen Oper selbstverständlich ausgeschlossen ist, so hat er es doch verstanden, auch in »Figaro« und »Don Juan« über das bloße frivole Spielen mit den Problemen des Seelenlebens hinauszukommen und den Grundton deutschen Empfindens zur Geltung zu bringen. Am fremdesten ist von allen Opern aus Mozarts Periode voller künstlerischen Reise der »Titus« geblieben, in dem der Text Metastasios auch ihn noch einmal wieder in das Gleis der abgelebten italienischen Opera seria zurück riss. Dagegen ist der alberne Schikanedersche Text der »Zauberflöte« für M. zu dem unsichtbaren Faden geworden, auf dem er eine Kette köstlichster deutscher Liedperlen aufreihte. Den Opern Mozarts (denen noch das Lustspiel mit Musik »Der Schauspieldirektor« nachzutragen ist) schließt sich zunächst eine große Zahl (über 40) detachierte Arien an.

Aus der großen Zahl der kirchlichen Vokalwerke Mozarts (15 Messen, 9 Offertorien etc.), die bei aller Meisterschaft in der Handhabung der Form doch am stärksten das Gepräge der Zeit verraten, heben sich mit der Bedeutung unvergänglicher Denkmäler seiner herzlichen Frömmigkeit und unverfälschten Empfindung das »Requiem« und das »Ave verum« heraus. Als Liederkomponist ist M. nicht bahnbrechend geworden; doch zeigt seine Komposition des Goetheschen »Veilchen« deutlich genug, was er als Liederkomponist geschaffen haben würde, wenn ihm ein solcher Schatz lyrischer Dichtungen zur Verfügung gewesen wäre, wie ihn einige Jahrzehnte nach seinem Tode Franz Schubert vorfand. Am größten aber, größer sogar als in seinen Opern, ist M. als Instrumentalkomponist; da steht er unvergänglich inmitten des leuchten den Dreigestirns der Klassiker der Instrumentalmusik: Haydn-M.-Beethoven. Wenn auch die fortschreitende Geschichtsforschung mehr und mehr die Wurzeln der Kunst Haydns und Mozarts aufdeckt, so steht doch M., noch mehr als Haydn, inmitten dieser neuen Entwickelung plötzlich als ein Großer da, dessen Werke den Stempel der Vollendung tragen, so dass er, obgleich ein viertel Jahrhundert nach Haydn geboren und zunächst sich an diesen anschließend, für Haydns weiteres Schaffen starke Anregungen gibt. Die Herübernahme des kantabeln Elements auch in seinen bewegteren figurativen Formen aus der weltlichen Vokalkomposition (Oper, Kantate, Kammerduett) in den Instrumentalsatz ist zwar nach dem Vorgange Pergoleses besonders durch die ältere Mannheimer Schule (Johann Stamitz, Fr. X. Richter) bereits in umfassender Weise durchgeführt, die auch mit der Hervorziehung der Blasinstrumente aus ihrer untergeordneten Rolle im Orchester und mit der Ausbeutung buntwechselnden Stimmungsausdrucks und den soliden Ausbau der thematischen Arbeit der einzelnen Sätze und der Sätzeordnung der Sonate und Symphonie epochemachend wurden und somit nicht nur die Formen, in denen Haydn und M. schufen, sondern auch ihren Stil bestens vorbereiteten. Aber welch ein Abstand zwischen dem Inhalt der reisen Werke Mozarts und derjenigen seiner Vorgänger auf diesen Gebieten. Obenan stehen seine Symphonien, besonders die vier letzten, in D dur (ohne Menuett), Es dur, G moll und C dur (»Jupiter«), neben denen aber einzelne seiner (erheblich früher geschriebenen) Divertimenti und Serenaden einen Ehrenplatz behaupten. Als völlig ebenbürtig steht M. auch zwischen Haydn und Beethoven mit seinen Kammermusikwerken, besonders den Streichquartetten und Streichquintetten; auch seine Violinsonaten, Klaviertrios, Klavierquartette und das Quintett mit Blasinstrumenten in Es dur sind dauernd wertvoll und wirksam, wenn auch die weitere Steigerung der Klaviertechnik dieselben gegenüber denen Beethovens stark in Schatten gerückt hat. Auch seine Soloklavierwerke (17 Sonaten, 4 Phantasien) und die Klavierkonzerte sind wohl auf dem Repertoire der Konzertspieler nur noch selten zu finden, behalten aber dauernd ihren hohen Wert als gediegenstes Bildungsmaterial des musikalischen Geschmackes. – Eine vollständige, kritisch durchgesehene Ausgabe der Werke Mozarts veranstalteten 1876–86 Breitkopf u. Härtel in Leipzig. Mozarts Leben beschrieb zuerst Niemtschek (Prag 1798, 2. Aufl. 1808; Neudruck, das. 1905), dann, mit Benutzung von Familienpapieren, der zweite Gatte von Mozarts Witwe (s. unten), G. N. v. Nissen (»Biographie Mozarts«, Leipz. 1828), der Russe Ulibischew (Mosk. 1843; deutsch, 2. Aufl., Stuttg. 1859, 4 Bde.), E. Holmes (»Life and correspondance of M.«, Lond. 1845, neue Ausg. 1878), mit epochemachender Gründlichkeit und Begeisterung aber Otto Jahn (»W. A. Mozart«, das Hauptwerk über M., Leipz. 1856–59, 4 Bde.; 4. Aufl. von Deiters, 1905 f., 2 Bde.). Vgl. auch Nohl, Mozarts Leben (3. Aufl. von Sakolowski, Berl. 1906); Meinardus, M., ein Künstlerleben (das. 1882), und O. Fleischer, Mozart (das. 1899). Nohl gab auch die Briefe Mozarts (2. Aufl., Leipz. 1877) und »M. nach den Schilderungen seiner Zeitgenossen« (das. 1879) heraus. Weitere Briefe der Witwe und der Schwester Mozarts veröffentlichte Nottebohm in »Mozartiana« (Leipz. 1880).

Denkmäler, Familie.Das Grab Mozarts auf dem Wiener Zentralfriedhof schmückt ein Denkmal von Hanns Gasser, das von der früheren Ruhestätte Mozarts auf dem St. Marxer Friedhof (hier 5. Dez. 1859 enthüllt) dahin übertragen worden ist. 1896 wurde in Wien auf dem Albrechtsplatz, beim Opernhaus, ein Marmorstandbild Mozarts, von Tilgner (s. Tafel »Wiener Denkmäler II«), aufgestellt. In Salzburg wurde bereits 4. Sept. 1842 seine Erzstatue (von Schwanthaler) enthüllt. Von den vorhandenen Bildnissen Mozarts ist das angeblich von Tischbein gemalte neuerlich als irrig nachgewiesen; ein Medaillonbildnis, mit Silberstift auf Elfenbeinkarton gezeichnet, von Doris Stock, befindet sich jetzt in der Musikbibliothek Peters in Leipzig (s. die Reproduktion auf unsrer Tafel »Deutsche Tondichter I« beim Artikel »Musik«); ein aus früherer Zeit stammendes, in Buchsbaum geschnittenes Medaillon von Posch befindet sich nebst einem Gesamtbild der Familie M. (1780 von della Croce gemalt) im Mozarteum (s. d.) zu Salzburg.

Mozarts Witwe, der Kaiser Leopold II. eine Pension von 260 Gulden bewilligte, verheiratete sich 1809 mit dem dänischen Etatsrat Georg Nikolaus v. Nissen (dem Biographen Mozarts, s. oben), ward 1826 zum zweiten mal Witwe und starb 6. März 1842 in Salzburg. – Mozarts Schwester Maria Anna, geb. 30. Juli 1751, war ebenfalls ein musikalisches Talent, trat auf den Kunstreisen der Familie 1762 bis 1766 als Klaviervirtuosin auf, lebte dann bei ihrer Mutter in Salzburg und verheiratete sich 1784 mit dem Freiherrn von Berchthold zu Sonnenberg. Nach dessen Tode (1801) kehrte sie nach Salzburg zurück, wo sie, seit 1820 erblindet, 29. Okt. 1829 starb. Mozarts ältester Sohn, Karl, geb. 1784, starb 1859 in Mailand als Steuerbeamter. Sein zweiter Sohn, Wolfgang Amadeus, geb. 26. Juli 1791 in Wien und von Neukomm und Albrechtsberger in der Musik gebildet, trat im 14. Jahr zum ersten mal als Virtuose und Komponist auf, ging dann 1808 nach Galizien, wo er als Privatlehrer auf dem Lande, seit 1823 in Lemberg wirkte, gründete daselbst 1826 einen Cäcilienverein und übernahm später die Kapellmeisterstelle am dortigen Theater. Er starb 30. Juli 1844 in Karlsbad. Seine Kompositionen (zwei Klavierkonzerte, ein Streichquartett, Sonaten, Variationen etc.) sind nicht von Bedeutung. Sein Leben beschrieb Jos. Fischer (Karlsbad 1888).

Mozart. Ein Künstlerleben.

Erste Abtheilung

1. Ein Geburtstag.

"Wie du nun wieder aussiehst, Wolfgangerl!" – rief die Frau Vice-Capellmeister Mozart ihrem dreijährigen Söhnchen zu, indem sie ihm mit mütterlicher Sorgfalt die Kleider abstäubte und den gefältelten Hemdkragen, der die offene Brust des Kindes sehen ließ, zurechtzupfte. "Wie, um aller Heiligen Willen, kommt denn nur der viele Sand in dein Haar? Deine Schwester hat dich doch erst so schön gekämmt, und heute ist Vaters Geburtstag!"

"Ja, Mama, ich und Schachtner's Andres haben Purzelbäume geschlagen!" – sagte Wolfgang ernsthaft und schaute die Angeredete so offen und kindlich an, daß die leisen Falten, die sich auf der hohen Stirne der Frau Vice-Capellmeisterin zusammengezogen, rasch verschwanden.

"Purzelbäume!" – wiederholte mit mühsam unterdrücktem Lächeln die Mutter und gab dem Schelmengesichtchen einen scherzhaften Streich auf die Wange: – "Wie kann man nur Purzelbäume machen, wenn man seine schönen Sonntagskleider an hat. Weißt du nicht, daß diese dem Vater so viel Geld kosten, und er das Geld dafür mit Mühe und Sorgen verdienen muß?"

"Ja!" – rief das Kind und seine Augen feuchteten sich, denn der Gedanke, den geliebten Eltern wehe gethan zu haben, berührte sein zartes, empfängliches Gemüth peinlich: – "der Kopf ist ja nur auf die Erde gekommen, die Beine waren immer in der Höhe."

"Und daher ist das ganze Haar voll Schmutz und Sand und die Kleider sind bestäubt von unten bis oben."

"Nun, so mach' mir den Sand aus den Haaren!" – rief der kleine Wolfgang – "und ich will es nicht mehr thun. Aber" – setzte er bittend hinzu und lehnte sich schmeichelnd an die volle, noch immer schöne Gestalt der Mutter – "du bist mir doch nicht mehr böse, Mamachen?"

"Wenn du brav bist, gewiß nicht!" – entgegnete Frau Mozart und drückte einen Kuß auf die Lippen des Kindes. Wolfgang aber sprang fort und rief seinen kleinen Freund, Andreas Schachtner, wieder zu sich, der in der anstoßenden Stube geblieben war.

"Was machen wir jetzt?" – frug er hierauf diesen – "wir sollen keine Purzelbäume mehr schlagen."

"Nun" – entgegnete Andreas – "so spielen wir Schule."

"Recht!" – versetzte Wolfgang – "aber im andern Zimmer. Drüben ist's wärmer. Ich bin der Schulmeister und du geh'st in die Schule. Nimm die kleine Bank, ich nehme die Tafel und die Kreide."

Andreas gehorchte. Als er aber in das andere Zimmer gehen wollte, hielt ihn Wolfgang am Arme fest und rief:

"Das geht nicht so! Stelle dich hinter mich? So – und nun marschiren wir erst rings in dem Zimmer herum und dann hinüber, und ich singe den Marsch dazu."

Und der kleine Mann sang mit leuchtenden Blicken und kindlichem Stimmchen einen Marsch, den er erfand, und beide tappten im Takte mit den Füßen auf, daß der Staub in Wolken emporwirbelte.1

Glücklicherweise war die Mutter in der Küche beschäftigt und Nannerl, die siebenjährige Schwester, half ihr; denn auf des Vaters Geburtstag sollte einmal eine Ausnahme in der sonst so streng geregelten und höchst bescheidenen Haushaltung gemacht werden. In der That verbreitete denn auch ein am Feuer stehender Braten seine Düfte durch das Haus, und eben jetzt schob die Frau Vice-Capellmeister in seiner Erzbischöflichen Gnaden zu Salzburg einen prächtigen Kuchen in den Ofen.

Während dieser luxuriösen Vorbereitungen aber hatten sich die beiden Knaben in dem warmen Zimmer eingerichtet. Andreas saß auf der Erde und hatte eine Fußbank vor sich über seine ausgestreckten Beine gestellt, auf der die Schiefertafel lag. Wolfgang aber, als Lehrer, hatte bereits den ganzen Fußboden, die Stühle und Wände mit der Kreide bearbeitet und unförmliche Zahlen, die mehr Kratzfüße, denn eigentliche Zahlen waren, in Masse auf denselben angebracht.2 Eben wollte er auch den alten mit Leder überzogenen Sessel im heiligen Eifer als Grundlage seiner Vorschriften benutzen, als die Schwester, das Tischzeug auf dem Arme, eintrat. Aber Messer und Gabeln und Tischtuch wären ihr bei dem Anblick des Zimmers beinahe aus den Händen gefallen. Sie stand im ersten Augenblicke wie versteinert, dann aber rief sie:

"Jesus Maria! Wolfgangerl, was hast du denn da wieder gemacht?"

Der Bruder sah sie erstaunt an und frug mit der vollsten Unschuld:

"Was denn, Nannerl?"

"Je nun, die Kreide!"

"Ich bin Schullehrer!" – entgegnete der Kleine mit komischer Würde – "und da muß ich vorschreiben und Zahlen machen."

"Aber doch nicht auf Fußboden, Stühle und Wände!" – rief die Schwester verzweifelt: – "Mama und ich haben gestern fast die halbe Nacht durch gefegt, damit alles recht blank und schön heute sei, und nun ....."

"Nun, ich will's wieder wegwischen!" – sagte Wolfgang; aber die Schwester warf nun wirklich das Tischzeug auf den Sessel und sprang herbei, denn der kleine Schulmeister machte Miene, die Stühle mit dem Aermel seines Sonntag-Kleides zu reinigen. Glücklicherweise kam ihm Nannerl noch zuvor, und indem sie ihn zurückschob, tilgte sie mit ihrer Schürze und einem herbeigeholten Schwamme die Spuren der kindlichen Schulweisheit.

Wolfgang, der jetzt erst überlegte, was er gethan, stand beschämt da und sah der Schwester schweigend zu. Aber es schmerzte ihn auch, daß er Nannerl betrübt, und ihr doppelte Arbeit gemacht hatte.

Als diese daher mit dem Abwischen fertig war, trat er leise zu ihr hin, zupfte sie am Kleide und frug, wie er seiner Gewohnheit nach wohl zwanzigmal im Tage zu thun pflegte:

"Nannerl, hast du mich lieb?"

Aber die Schwester war in der That ärgerlich und sagte:

"Nein, wenn du solche Sachen machst, habe ich dich nicht lieb!"

Doch das war zu viel für das gefühlvolle Herz des Kindes. Rasch drehte es sich um, die Tyräne nicht sehen zu lassen, die in seinem Auge glänzte, und indem es sich in eine Ecke des Zimmers setzte, brütete es schweigend und traurig vor sich hin. Da zerriß die Wolkendecke, die bis jetzt den winterlichen Himmel verdunkelte. Ein Sonnenstrahl fiel in das kleine Zimmer, und wie er den Käfig mit dem Canarienvogel traf, reckte dieser vergnügt das Köpfchen, hüpfte einigemal munter von einem Stängchen auf das andere und fing dann plötzlich an aus voller Kehle zu schmettern.

Aber was ist das? Warum verklären sich die Züge des kleinen Wolfgang mit einemmal so wunderbar? Seine Augen strahlen, seine Wangen röthen sich; ein weit über sein kindliches Alter hinausgehender Ausdruck von Begeisterung gibt seinen jugendlichen Zügen etwas ganz Eigenthümliches, fast möchte man sagen "Ueberirdisches!"

Wolfgang, – der kleine dreijährige Wolfgang ist jetzt nur Ohr. Er lauscht dem Schmettern seines gefiederten Lieblings und vergessen ist sein kleiner Kummer, vergessen sind Schwester und Spielgefährte, – vergessen ist Alles um ihn her!

Es ist ein Kind, das hier den süßen Tönen lauscht; – aber das innerste Wesen dieses Kindes ist so wunderbar geartet, daß Musik jede Faser seiner Nerven, seines Gehirnes, freudig erbeben macht, daß seine Seele gleichsam selbst Musik ist – die dunkle, noch verschwimmende Ahnung einer das Weltall durchziehenden, ewigen, göttlichen Harmonie!

Der kleine Wolfgang weiß noch nicht, was Musik ist; aber wo und wie sie sein Ohr trifft, elektrisirt sie ihn. Er singt sich einen Marsch, wenn er sein Spielzeug trägt; – er schwimmt in Entzücken, wenn sein Canarienvogel sich wie jetzt hören läßt.

Aber der Vogel hat längst zu schlagen aufgehört; sein kleiner Spielgenosse Andreas hat sich nach Hause geschlichen; – – Wolfgang indessen sitzt noch unbeweglich in der Ecke des Zimmers und sieht und hört nicht; aber .... er denkt, er träumt im wachen Zustande. Es klingt so etwas wie Märchen in ihm nach; – wie Märchen, die die gute Mutter ihm Abends vor dem Schlafengehen schon erzählt hat. Wolfgang träumt sich: er sei ein König, und sein Königreich heiße "Rücken," – und seine Einbildungskraft gebärt ihm ganz eigene Geschöpfe und Städte und Berge und Seen, welchen er phantastische Namen gibt.3 Auf seinem Haupte aber sitzt eine Krone und von hier aus geht ein Glanz, der weit, weithin seine Strahlen wirft.

Lange sinnt und träumt der Knabe auf diese Weise, – und lange würde er noch still weiter geträumt haben, hätte ihn jetzt nicht ein Kuß aufgeschreckt. Erstaunt blickt er empor. Es ist die Schwester, mit dem treuen, lieben, freundlichen Gesicht. Rasch umschlingt er ihren Hals und seine erste Frage ist: "Hast du mich auch lieb?"

"Ja!" – entgegnet jene herzlich, und beide halten sich innig umschlossen.

Es war eine schöne, liebliche Gruppe! aber der kleine, unruhige, für alle Sinneneindrücke so zart organisirte Mensch, vermochte jetzt plötzlich einem andern Einflusse, als dem der Geschwisterliebe, nicht zu widerstehen. Es war in der That komisch, wie sich – noch in den Armen der Schwester und von ihren Küssen glühend – das Köpfchen hob, und die weit geöffneten Nasenflügel bekundeten, daß Wolfgangerl auf dem Wege der Geruchsnerven die gastronomische Thätigkeit der Mutter entdeckt. Freude leuchtete aus seinen Zügen, und auf dem Schiffe des Columbus konnte man nach der langen, gefährlichen und mühseligen Fahrt das Wort "Land!" nicht so begeistert und triumphirend ausrufen, als der kleine Mozart jetzt rief: "Es giebt Kuchen!"

"Ja," – sagte die Schwester lachend, – "und zwar einen Geburtstagskuchen, denn wie du weißt, ist Papa heute 49 Jahre alt."

"Freilich weiß ich es!" – entgegnete Wolfgang, – "ich habe ja ein Gedichtchen dazu auswendig gelernt."

"Kannst du es denn noch?"

"Warum nicht."

"So sage es einmal."

"Ja!" – sagte der Kleine schlau lächelnd und mit verlangenden Blicken – "wenn du mir zuvor den Kuchen gezeigt hast!"

"Du bist ein kleines Leckermäulchen!" – rief die Schwester; aber sie nahm ihn doch bei der Hand und führte ihn in das anstoßende Zimmer, woselbst mitten auf dem reinlich gedeckten Tische ein prächtiger Kuchen stand.

Wolfgang, der so klein war, daß er kaum auf den Tisch sehen konnte, postirte sich dicht vor denselben, erhob sich auf den Zehen und betrachtete das gastronomische Kunstwerk seiner Mutter mit einer Mischung von Ehrfurcht und Lüsternheit. Noch aber zog er die süßen Düfte mit tiefen Zügen ein, als sich die Thüre öffnete und beide Eltern erschienen.

Der Vice-Capellmeister war ein schöner Mann, nicht groß, aber von edlen Formen. Seine Kleidung war sehr einfach, fast konnte man sagen ärmlich; aber dennoch war sein Erscheinen ein stattliches, wozu der würdevolle Ernst seiner wahrhaft edlen und schönen Züge, die hohe, gedankenvolle, den Musiker auf den ersten Blick verrathende Stirne, der kleine, sein geschlossene Mund und der sinnige Blick der Augen nicht wenig beitragen mochten. Dabei war in ihm der Deutsche von ächtem Schrot und Korn nicht zu verkennen. Auch seine Gattin trug die Spuren großer Schönheit, und bildete sich noch immer viel darauf ein, daß sie beide einstens allgemein für das schönste Ehepaar in ganz Salzburg gegolten. Freilich hatten seitdem viele und schwere Sorgen, harte und häufige Schicksalsschläge kleine Furchen in beider Antlitz gezogen, aber die Liebe wenigstens – auf gegenseitige Achtung gegründet – hatte nichts dadurch gelitten. Im Gegentheile, sie war doppelt erstarkt im Feuer des Schicksals, inniger geworden durch so manche trübe Stunden, die man gemeinsam durchgekämpft.

Darum war auch die Feier des heutigen Tages, so still und einfach er begangen wurde, keine gekünstelte. Sie ging vom Herzen und drang zum Herzen, und so gerade liebte es Herr Leopold Mozart und er hielt viel auf solche kleine Familienfeste, die dem häuslichen Leben, wie er sagte, so nöthig seien, wie dem öffentlichen die Sonn- und Festtage, und ihm Farbe, Licht und Wärme gäben. –

Mit sichtlicher Rührung nahm daher auch der im Leben so kalte und berechnende Mann die Glückwünsche der Seinen hin. Wolfgangerl aber ward auf einen Stuhl gestellt und sprach, den offenen Blick mit kindlicher Liebe auf den Vater gerichtet:

Was schlägt mein Herz, so froh und laut

Dem Tag, der freundlich niederthaut,

Dem jungen Tag entgegen?

Er grüßet mich in Gluth und Schein

Und jubelt mir in's Herz hinein:

"Ich bringe Glück und Segen!"

Ja, Glück und Segen bringst du mir,

Denn, schöner Tag, ich danke dir

Des treuen Vaters Leben!

Durch ihn ward mir ja Licht und Lust,

Und Alles, was in Herz und Brust

Mir Göttliches gegeben!

Wie treu und lieb sein Auge spricht:

"Vergiß des rechten Pfades nicht,

Laß Tugend uns verbinden!"

Ja, Vater, ewig bleib ich dein,

Und immer sollst du brav und rein

Mein Herz im Leben finden!

Der kindliche Ton, mit welchem der Kleine dies einfache Gedichtchen gesprochen, der Ausdruck des theilweisen Verständnisses, der aus der Art des Vortrages hervorging und weit über die Jahre des Kindes hinausreichte, ergriffen Vater und Mutter so sehr, daß sie Wolfgang mit Thränen im Auge an ihr Herz drückten.

Eine außerordentliche Frühreife war hier nicht zu verkennen, und vielleicht hätte, gerade durch diese Erkenntniß geweckt, ein peinliches, beängstigendes Gefühl in dem Herzen der Eltern jetzt Platz gegriffen, wäre diese Stimmung nicht rasch durch eine ebenso kindliche, als naive Aeußerung des Knaben verscheucht worden.

Noch auf dem Stuhle stehend, die kleinen Aermchen um den Nacken des Vaters geschlungen, die großen Augen auf diesen gerichtet, sagte er langsam: "Väterchen, ich hab' dich lieb, sehr lieb! und wißt Ihr was, gleich nach dem lieben Gott kommt der Papa!"4

Der Vater umarmte ihn; aber er konnte nichts sagen, als: "Behalte beide im Herzen und es wird dir wohlgehen!"

In diesem Augenblicke traten die Hofmusiker Adlgasser und Lipp – beide Freunde des alten Mozart – ein. Die Mutter hatte sie zu Tisch gebeten, und, so wenig es sonst im Mozart'schen Hause üblich war, Gäste zu sehen, so sehr trug diese Einladung heute zur allgemeinen Heiterkeit bei. Man scherzte, man sprach von Diesem und Jenem, und kam endlich auch auf die Verhältnisse zu reden, die alle Anwesenden berührten und die nichts weniger als angenehm erschienen.

Die anwesenden Männer waren ja sämmtlich in der Capelle des Fürst-Erzbischofs von Salzburg angestellt, von diesem aber unglaublich schlecht besoldet5 und in einer Weise behandelt, die es kaum begreifen läßt, warum sie den Erzbischöflichen Dienst nicht aufgaben. Aber es waren sämmtlich höchst bescheidene Naturen, und was sie anzog und hielt, war die Aussicht auf Versorgung der Wittwen, die Umgebung des Hofes und das behagliche und wohlfeile Leben in dem gemüthlichen, so romantisch gelegenen, von den herrlichsten Bergen umschlossenen Salzburg.

Freilich gehörte eine so unerschütterliche Ausdauer, ein so nie ermüdender Fleiß, eine so große Einfachheit und Sparsamkeit dazu, wie sie der alte Mozart besaß, um es am Erzbischöflichen Hofe zu Salzburg auszuhalten. Nur die vielen und mühsamen Unterrichtstunden auf Violine und Clavier, die der Vice-Capellmeister, außer seinem Dienste bei dem Fürsten und in der Metropolitankirche, noch gab, und der kleine Verdienst, den ihm seine Compositionen abwarfen, machten ihm eine bescheidene Existenz möglich.

Davon war denn auch eben die Rede, als Adlgasser sagte:

"Wir müssen uns freilich alle schinden; aber Vater Mozart hat doch noch etwas Besonderes davon."

"Etwas Besonderes?" – wiederholte der Capellmeister – "daß ich nicht wüßte."

"Ei, ei, wie bescheiden!" – fuhr jener fort, – "ist denn der Ruhm und die Ehre nichts?"

"Und wo hätte ich die verdient?" – rief Leopold Mozart, die Gläser der Freunde auf's Neue füllend – "etwa mit meinen Violinstunden?"

"Nein!" – sagte Adlgasser – "die machen Euch zwar auch alle Ehre; was ich aber meine, das ist die Herausgabe Eurer trefflichen Violinschule, die so großes Aussehen erregt.6"

"Und bereits in's Französische und Holländische übersetzt ist!" – fügte Lipp hinzu.

"Nun" – versetzte Mozart, sich vergnügt die Hände reibend, – "ich würde lügen, wenn ich nicht eingestehen wollte, daß mich in der That der Erfolg dieses Unternehmens glücklich macht. Ich danke denn auch meinem Schöpfer alle Tage recht innig dafür, daß er mir so viel Sinn für Musik gegeben hat. Und meine Violine, o! über meine Violine geht mir – nach Frau und Kindern – nichts. Am reinsten spricht sich eben doch das Wesen der himmlischen Tonkunst in der Instrumentalmusik aus, da diese, jede fremde Beimischung verschmähend, der ungetrübteste Ausdruck der Seele ist. Kinder! wenn ich glücklich bin, so jauchze ich meine Lust auf der Violine aus; – will ich beten, so recht innig beten, so geschieht es in den Glockentönen meiner Violine; drückt mich die Sorge zu Boden, nun so weint sie mit mir oder sie tröstet mich, wie ein von Gott gesandter Engel! – Und ist denn die Musik nicht überhaupt die geheimnißvolle Sprache Gottes, welche die Brust jedes für sie empfänglichen Menschen mit wunderbarer Allgewalt berührt? Ist sie nicht die Sprache, in der der ewige göttliche Geist selbst in der Natur zu uns Allen spricht, wenn der Frühling jubelt und der Sturm heult, – wenn die Lerche schmettert und der tobende Ocean in furchtbar erhabenen Accorden brüllt?"

"Ja, ja!" – rief Adlgasser mit leuchtenden Augen – "es liegt ein wunderbarer Zauber in ihr. Des Orpheus Lyra öffnete die Thore des Orcus! Welch' tiefer Sinn ruht in dieser reizenden Sage der Griechen."

"Es liegt die hohe beseligende Wahrheit darin" – sagte Lipp; – "die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußeren Sinnenwelt."

"Ja!" – rief Adlgasser – "eine Welt der höchsten Sehnsucht, der heiligsten Liebe, des reinsten Schmerzes, der göttlichsten Begeisterung!"

"So laßt uns dies Glas zu Ehren der edlen Musika leeren!" – fiel hier Vater Mozart ein. – "Glücklich der, dem Gott Sinn und Empfänglichkeit für sie gegeben hat. Ist er auch sonst ein armer Teufel, wie wir es alle sind, nun, so giebt es doch Stunden, in welchen er sich durch die Huld dieser Göttlichen als einen König, als einen Krösus träumen kann. Darum: Hoch lebe die edle Musika!" und die Gläser klangen und ein freudiges "Hoch!" erschallte und Alle, auch Wolfgangerl, stießen mit an, obgleich er nicht wußte, wovon die Rede war und der Kuchen seine volle, ungetheilte Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Aber des Vaters Blicke ruhten mit Wohlgefallen und Zärtlichkeit auf ihm und der Schwester.

"Ihr zwei seit von sieben Kindern die einzigen, die der Herr mir gelassen," – sagte er dann fast wehmüthig – "ob wohl so ein bischen musikalischer Sinn auf euch übergehen wird?"

"Warum nicht?" – versetzte die Mutter – "Nannerl hat recht viel Sinn dafür. Es käme jetzt nur auf die Probe an. Du hast ihr ja so lange schon versprochen, den Clavierunterricht mit ihr zu beginnen."

"Ach ja, Papachen!" – bat diese – "laß mich endlich Clavier lernen. Ich bin ja sieben Jahre alt und verspreche dir auch, recht fleißig zu sein."

"Gut denn" – sagte der Vater – "und damit ihr seht, daß ich dankbar für die viele Liebe bin, die ihr mir heute entgegengebracht, so will ich auch heute noch, wenn wir aus der Nachmittagskirche nach Hause kommen, mit Nannerl die Lectionen beginnen."

"Und ich?" – rief hier Wolfgang – "soll ich nicht auch Musik lernen?" – Alle lachten; der Vater aber sagte: "Du, Männchen, du mußt erst noch wachsen, damit du über das Clavier hinaussehen kannst. Aber ein Musiker wirst du doch gewiß auch werden?"

"Ja!" – rief der Kleine – "ich spiele schon."

"Gewiß" – versetzte die Mutter heiter – "mit Andres Purzelbäume schlagen!"

"Nein" – rief Wolfgang erhitzt, denn sein leicht verletzbares Ehrgefühl war empfindlich berührt, – "ich habe ihm diesen Morgen erst einen Marsch vorgeblasen!"

Allgemeine Heiterkeit folgte dieser kindlichen Aeußerung, während sich die Gesellschaft erhob und zum Kirchgang anschickte, da Mozart, Adlgasser und Lipp auch den Nachmittag in der Metropole zu thun hatten.

Es war ein ziemlich trüber Dezembertag und die Nacht lag daher schon völlig über der Erde, als die Familie Mozart in ihre stille Behausung zurückkehrte. Noch glühten die Kohlen im Ofen, die warmen Winterkleider wurden abgelegt, wenige Holzstücke genügten, das Feuer wieder laut aufprasseln zu lassen, und bald war auch der Kaffee gekocht, der den Bescheidenen als Vesper- und Abendbrod zugleich diente.

Nachdem er eingenommen war und sich alle genügend erwärmt hatten, schlug der Vater das Clavier auf und rief die Tochter herbei, um – seinem Versprechen getreu – mit ihr die erste Clavierstunde zu beginnen.

Nannerl zeigte vom ersten Augenblicke an viele Gelehrigkeit; der kleine Wolfgang aber stand, die Hände auf den Rücken gelegt, neben der Schwester und rührte sich nicht. Er nahm sich in der von den Kerzen des Claviers auf ihn zurückfallenden Beleuchtung reizend aus. Die offene, nur von dem weißen gefältelten Hemdkragen halb bedeckte Brust, das zarte Gesichtchen mit den feinen Zügen, die sich von Minute zu Minute bei den kindlichen Uebungen der Schwester mehr und mehr verklärten, machten ihn zu einem allerliebsten kleinen Bilde, an welchem denn auch das Auge der Mutter mit stillem Entzücken hing.

So verging die Stunde, ohne daß der sonst so lebhafte und auf kindliche Spiele verlegene Knabe auch nur einen Augenblick seine Stellung verlassen hätte. Ganz neue Gedanken mußten in ihm erwacht sein, und während er doch sonst seinen Vater so oft hatte vortrefflich spielen hören, ohne seinem Spiele besondere Aufmerksamkeit zu schenken, fesselten ihn heute die ersten Griffe der Schwester mit wunderbarer Gewalt. Des Vaters vollendetes Spiel lag eben dem Kinde zu fern, die gewaltigen Melodien rauschten über ihn hinaus. Jetzt aber durchzuckte ihn plötzlich und zum erstenmale in seinem Leben der Gedanke: das kannst du auch!

Sein Auge wich daher nicht von Nannerls Fingern, sein Ohr faßte mit Leichtigkeit den harmonischen Zusammenklang verschiedener Töne, und als der Vater geendet und die Schwester das Clavier verlassen, schlich er sich leise zu demselben hin und fing an, mit seinen kleinen Händchen Terzen zu suchen7. Wie aber strahlte sein Gesicht vor Entzücken, wenn er nun einen übereinstimmenden Ton berührte.

Der Vater, der seine Pfeife angezündet und die Zeitung ergriffen hatte, bemerkte im Anfang diese Erstlingsversuche seines Söhnchens nicht; als ihn aber sein Weib am Aermel zupfte und auf Wolfgang deutete, ließ er allmälig die Zeitung und endlich auch die Pfeife sinken. Immer freudiger erstrahlten seine Blicke, immer lebhafter prägten sich die Zeichen des Staunens in seinen Zügen aus; aber er glaubte seinen Ohren und Augen kaum mehr trauen zu können, als Wolfgang, der dreijährige Wolfgang, nun die kleine Uebung, die der Vater eben der Schwester gezeigt, fehlerlos mit seinen niedlichen Fingerchen wiederholte. Die Zeitung lag auf der Erde, – die Pfeife war ausgegangen, – die weiße Zipfelmütze, von der linken Hand im Staunen gedankenlos zurückgeschoben, deckte nur noch den hintern Theil des ehrwürdigen Hauptes, während helle dicke Freudenthränen die Augen des Vaters füllten. Endlich, endlich fand er Bewegung und Sprache wieder. Rasch eilte er zu dem Clavier, stürmisch hob er den Sohn empor und mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Wonne drängte sich der Ruf aus seiner Brust:

"Wolfgangerl! Blitzjunge! ja, du wirst ein Musiker!"

Und Vater und Mutter küßten das Kind, und sich die Freudenthränen aus den Augen wischend, rief Mozart mit dankbar zum Himmel gerichtetem Blicke:

"Herr! sei gepriesen für dies Geschenk! Ich ahne es, deine Gnade hat mir eine Wunderblume erblühen lassen; aber ich gelobe dir auch, mein ganzes Leben und Sein an ihre Pflege zu setzen!"

Und er nahm das Kind und stellte es – wie er dies jeden Abend vor dem Schlafengehen zu thun pflegte – vor sich hin auf einen Stuhl und faltete ihm die Händchen und sprach ihm sein kleines, einfaches Nachtgebet vor. Aber diesmal zitterte dem Vater die Stimme, als er aus dem tiefsten Grunde seiner Seele die Worte schöpfte:

"Lieber himmlischer Vater, ich danke dir für deine Güte ..."

Und der kleine Wolfgang wiederholte mit seinem kindlichen Stimmchen:

"Lieber himmlischer Vater, ich danke dir für deine Güte ..."

"Du hast mir ein herrliches Geschenk gegeben ..."

"Du hast mir ein herrliches Geschenk gegeben ..."

"Gieb deinen Segen, daß ich es redlich gebrauche ..."

"Gieb deinen Segen, daß ich es redlich gebrauche ..."

"Dir zur Ehre und mir zum Heil!"

"Dir zur Ehre und mir zum Heil!"

"Amen!"

"Amen!"

Aber die letzten Worte waren nur langsam und schwerfällig herausgekommen; denn der Schlaf machte plötzlich bei dem Kinde seine Rechte geltend und die Mutter hatte es noch nicht völlig in seinem Bette zugedeckt, – – als es schon schlief.

Aber bald spielte ein bunter Traum mit seiner Seele, und es war ihm, als befinde es sich auf einer Wiese. Tausend und abertausend Blumen prangten um es her in wunderbarer Pracht, der Himmel war blau und die Sonne strahlte warm und rein. Nie wohl war es ihm da, wie lauschte es dem Gesange der Vögel, dem Summen der Bienen. Und es sprang hin, die Blumen zu pflücken; aber wunderbar, – so oft es eine Blume berührte, fing sie an gar lieblich zu tönen, und je mehr es der Blumen pflückte, desto mehr Töne erklangen; aber sie mischten sich in unendlich süßen Harmonien, und wuchsen in seinen Händchen riesig groß empor, und mit ihnen wuchs die Gewalt der Töne, bis es wie Meereswogen brauste und die Blumen Sterne geworden waren. Da flammten sie oben am Himmel; – aber der Himmel war nicht mehr blau und licht, sondern schwarz und dunkel. Wolfgang weinte. Aber wie die Thränen über seine Wangen rollten, da zogen ihn die Töne, die nun zu gewaltigen ernsten Accorden angewachsen, zu den Sternen hinan, und, unwillkürlich dem Zuge folgend, entschwand er der Erde und verging in stillem Entzücken.

2. Die Musikanten und die Musikantenkutsche.

Der Winter war vorübergegangen: der Frühling hatte die Erde mit seinem grünen, blumendurchwirkten Gewande geschmückt, die Auferstandene mit Lerchenjubel begrüßt, und nun lag ein heißer Sommer über den Fluren, deren reiche Fruchtfelder sich schon gelb färbten. Bienen summten jetzt geschäftig von Blume zu Blume und die Morgensonne lächelte freundlich vom blauen Himmel herab, als aus dem Thore der Stadt Salzburg eine alte, gebrechliche Kutsche ihren Weg nach dem Fürstbischöflichen Lustschlosse Hellebrunn nahm.

Man sah es diesem Fuhrwerke an, daß es der Jahre und mit den Jahren der Schicksale viele erlebt hatte, und seine Geschichte glich in der That derjenigen manches Menschen, der in seiner Jugend goldene Tage gesehen und im Alter Zeiten kennen gelernt hatte, von welchen er mit Recht sagen kann: "sie gefallen mir nicht."

"Golden" waren die Jugendtage dieses Fuhrwerkes allerdings, und zwar im eigentlichsten Sinne des Wortes gewesen; denn noch immer konnte man an einigen Stellen des seiner Zeit reichen – jetzt freilich nur noch in Trümmern vorhandenen – Schnitzwerkes Spuren von einstiger Vergoldung erkennen. Einem geübten Auge mußte selbst die Form und riesige Größe des Wagens auf den ersten Blick sagen, daß er einst den hohen Rang einer Fürstbischöflich-Salzburgischen Hofequipage eingenommen; wenn gleich nur der tiefer Eingeweihte wissen konnte, daß er sogar bei Kaiser Karl VI. Krönung als Staatscarosse mit in Frankfurt gewesen war. Aber diese schönen Tage waren freilich längst vorüber. Vom herrschaftlichen Staatswagen zur Equipage des Gefolges degradirt sank der alternde Freund, all' seines Glanzes durch den Zahn der Zeit beraubt, endlich zur "Musikanten-Kutsche" herab, das heißt, zu dem gefährlichen Fuhrwerke, mit welchem die Musiker der Hof-Capelle bei besonderen Gelegenheiten zum Dienste nach den fürstlichen Lustschlössern gebracht und wieder zurückgeliefert wurden. "Gefährlich" war der Wagen aber deshalb, weil er – im höchsten Grade invalid – den guten Salzburgern bereits schon über ein halbes Jahrhundert als "Musikanten-Kutsche" bekannt war.

Heute nun schleppte er, langsam und nach allen Seiten hin wackelnd, von zwei alten, dürren Pferden gezogen, den Vice-Capellmeister Mozart, und die Hofmusiker Adlgasser, Lipp, Schneuzer und Regenauer durch die lachende und blühende Frühlingslandschaft. Aber welche Stöße er auch, im heimtückischen Zorne über sein Alter und im aristokratischen Gefühle seiner Herabwürdigung, den Künstlern versetzte, in eines vermochte er sie nicht zu versetzen – und das war, in eine üble Laune. Im Gegentheile, der Gesammtinhalt der "Musikanten-Kutsche" war heute besonders freudig angeregt, denn sie fühlten sich sämmtlich durch ein Ereigniß geehrt, welches ihren gemeinschaftlichen Freund, ihren allverehrten Vice-Capellmeister Mozart betraf.

Kurz vor ihrer Abfahrt hatte dieser nämlich einen Brief von Berlin erhalten, in welchem eine Gesellschaft musikalischer Notabilitäten ihm anzeigte, daß sie gesonnen sei, eine Zeitschrift unter dem Titel: "Kritische Briefe über die Tonkunst" herauszugeben. Nun aber ward Vater Mozart nicht nur in diesem Schreiben aufgefordert, bei diesem schönen und für die damalige Zeit höchst wichtigen Unternehmen mitzuwirken; – nein! die Gesellschaft sagte darin auch, daß sie gesonnen sei, jeden dieser Briefe an irgend eine hervorragende musikalische Persönlichkeit öffentlich zu richten, und daß sie sich daher erlauben werde, das erste Schreiben ihm zu dediciren. "Konnte" – heißt es in dem Briefe weiter – "die Gesellschaft bei diesem Vorsatze einen glücklicheren Anfang als mit Ihnen machen?"8

Dieses Zeichen der Achtung aus so weiter Ferne mußte nun natürlich nicht nur den, den es betraf, sondern auch – in ihm – die ganze Hof-Capelle ehren und erfreuen und so kam es denn, daß sich die ganze Gesellschaft der "Musikanten-Kutsche" heute in so heiterer Laune befand, wie der herrliche Frühlingstag, der die reizende Umgebung Salzburgs mit seinem schönsten Sommergolde überzog.

Da lag es ja, das freundliche Salzburg, – das alte Jouani der Römer, die Haupt- und Residenzstadt des gleichnamigen, damals noch reichsunmittelbaren Erzbisthums; – da lag es, hingestreckt an beiden Ufern der Salza, auf drei Seiten umschlungen von den grünen Armen bewaldeter Berge, während sich gegen Norden der Blick in ein fruchtbares Thal öffnete, das sich, längs der Salza hinab, in eine unabsehbare Ebene gegen das angrenzende Bayern verlor.

Auch das niedliche Schlößchen Emslieb winkte den Vorüberfahrenden und erinnerte sie, daß gerade dessen Besitzer, der Fürst Bischof zu Chiemsee, es sei, dessen Besuch am Salzburger Hofe die heutige Festlichkeit verursachte.

Und wie freundlich schimmerten durch die fruchtbeladenen Bäume der langen Obstallee, die die Hellebrunner Landstraße bildete, die Gebäude der Kaiserburg, des Christani-Schlosses und des mit wahrhaft fürstlicher Pracht von Erzbischof Max Gandolph erbauten Froburger Majorats-Hofes. Die Weiher, welche den letzteren umgaben, blinkten aus der Ferne wie silberne Spiegel und zwischen den lichtgrünen Büschen warf hie und da eine Fontaine ihre blitzenden Wasserstrahlen empor.

Zu der Zeit nämlich, von welcher wir erzählen – der Mitte des vorigen Jahrhunderts – war Salzburg, dies Alpenland voll erhabener Naturschönheiten, Gletschern, Wasserfällen, Engpässen und Höhlen, noch ein selbstständiges Fürsten- und Erzbisthum, und machte als solches einen Theil des hundertfach zerklüfteten deutschen Reiches aus. Aber so klein und unbedeutend im Ganzen auch dies Stückchen deutscher Erde war, seine regierenden priesterlichen Herren hielten so gut einen Hof, wie der benachbarte Churfürst von Bayern! und wie der Churfürst es dem Kaiser im Hofhalt gleichzuthun strebte, so war es für die kleineren Fürsten eine Ehrensache, – wenigstens in Aemtern, Hofchargen und Aufwand, den churfürstlichen Höfen nicht nachzustehen.

So war denn auch der Haushalt der Erzbischöfe von Salzburg ganz den churfürstlichen nachgebildet,9 und obgleich das Ländchen unter Steuern und Abgaben fast erlag, und die Beamten Besoldungen bezogen, bei welchen sie – wie man zu sagen pflegt – weder leben noch sterben konnten – bestand doch der Hochfürstlich-Salzburgische Hofstaat aus folgenden Chargen:

Das Ministerium bildete der Obersthofmeister, Graf von Lodron, – der Oberstkämmerer, des heil. römischen Reiches, Graf von Lamberg, – der Obersthofmarschall, der Oberststallmeister, Reichsgraf von Künburg, – der Oberstjägermeister, Reichsgraf von Kinigl und der Leibgardehauptmann, als Kriegsminister. Ferner gab es hier sogar, wie am kaiserlichen Hofe, vier Erbämter: einen Erblandmarschall, einen Erbschenk, einen Erbkämmerer und einen Erbtruchseß, dreißig Kammerherren, von welchen die activen bei dem Lever, der hochfürstlichen Tafel u.s.w. den Dienst hatten und bei Kirchen- und Hoffesten, wie am Kaiserhofe zu Wien unter Maria Theresia, in spanischer Kleidung erscheinen mußten; gegen zwanzig geheime Räthe, einen Leibmedicus, drei Hof-Capelläne, vierzehn Truchsesse und zahllose untergeordnete Aemter bei der Capelle, der Hofküche, der Silberkammer, der Confectstube, dem Marstall, – der allein über sechzig Bedienstete in Anspruch nahm – der Oberstjägermeisterei und der Leibgarde.10

So bildeten um jene Zeit alle die kleinen regierenden Reichsgrafen, Fürsten und Herren des heiligen römischen Reiches souveraine Höfe mit einem Alles erdrückenden Luxus; aber sie spielten auch – was das Schlimmste dabei war – die großen Souveraine selbst; und nirgends vielleicht war Ludwigs XIV. "L'état c'est moi!" mehr im Gange, als gerade an jenen kleineren deutschen Höfen. Daß dies aber bei dem jetzt regierenden Fürst-Erzbischofe von Salzburg, Sigismund, auch der Fall sei, wußte Niemand besser, als unsere kleine Gesellschaft, die jetzt von der "Musikanten-Kutsche" dem Lustschlosse Hellebrunn immer näher gebracht wurde. Hatte doch die Capelle, obgleich sie zumeist aus ausgezeichneten Musikern bestand, unendlich unter der souverainen Verachtung seiner hochfürstlichen Gnaden zu leiden, der selbst seine Capellmeister wie die untergeordnetsten Diener zu behandeln pflegte.

Das niederdrückende Bewußtsein dämpfte denn auch, mit der allmäligen Annäherung an den Ort ihrer Bestimmung, die bis dahin so ungetrübte Heiterkeit des würdigen Vice-Capellmeisters Mozart und seiner Freunde, und als sich nun das aus Marmor aufgeführte Schloß mit seinen altmodischen Stirngiebeln, Altanen und Vorsprüngen zeigte, hatte sich bereits ein trüber Ernst über Alle gelagert.

Jetzt endlich hielt der morsche Hofwagen an einem Nebenflügel des Prachtbaues, und während die Mitglieder der fürstlichen Capelle vorsichtig ausstiegen, um nicht durch irgend einen allzufesten Tritt ein Stück Fuhrwerk mitzunehmen, gewahrten sie auf der Terrasse vor dem Haupteingange zwei Männer, die, in ein tiefes Gespräch versunken, die Hände auf den Rücken gelegt, auf- und abgingen.

"Ist das nicht Graf Herberstein?" – frug jetzt der Vice-Capellmeister, indem er sich den Staub von den Kleidern klopfte – "der wackere Herberstein, der Freund echter, classischer Musik und der freigebige Beschützer ihrer Jünger?"

"Allerdings ist er's?" – entgegnete Adlgasser – "aber er ist in sauberer Gesellschaft."

"Wie so?" – frugen Mozart und Lipp zugleich.

"Nun" – fuhr jener fort – "kennt ihr denn den neuen Günstling seiner hochfürstlichen Gnaden nicht?"

"Aman?"

"Den Kammerdirector Aman, ja!"

"Was Kammerdirector?" – sagte Lipp spöttisch lachend – "Vorsteher der fürstlichen Canzlei. Ist dies etwa für einen ehemaligen Dorfschulmeister nicht genug?"

"Und doch ist dieser ehemalige Dorfschulmeister, der jetzt das Land tyrannisirt, seit vorgestern, was ich eben gesagt: Kammerdirector."

"Unbegreiflich, unmöglich!" – rief Lipp; aber Regenauer flüsterte ihm ein "Stille!" zu, denn eben näherten sich die beiden Herren den Musikern, und wenn diese – außer Adlgasser – den gefürchteten neuen Günstling auch bis dahin noch nicht gesehen, so hatten sie doch schon so viel von ihm gehört, daß sie es für gut fanden, auf ihrer Hut zu sein. Sie folgten also einem Winke ihres Vice-Capellmeisters und traten in die große Halle, die dem unteren Dienstpersonale – also auch den Mitgliedern der Capelle – als Versammlungsort diente. Als sie hier aber Niemanden fanden und der alte Mozart sich vorsichtig überzeugt hatte, daß sie auch nicht belauscht würden, trat er wieder zu Adlgasser, und das begonnene Gespräch fortsetzend, frug er: "Was hat das eigentlich für eine Bewandtniß mit dem Aman?"

"Nun!" – rief jener erstaunt – "weiß Gott, Mozart, man sieht, daß Ihr ein wahres Muster eines Ehemanns seid und nie ein Wirthshaus, einen Club oder ein Kaffeehaus besucht; denn sonst müßtet Ihr doch wahrlich schon erfahren haben, was das ganze Land in Aufregung versetzt!"

"Ich komme allerdings außer in meinem Dienst und meinen Unterrichtsstunden wenig mit andern Menschen zusammen!" – versetzte der Vice-Capellmeister – "darum laßt hören, was Ihr wißt. Was das Land interessirt, interessirt auch mich."

"Also hört," – sagte Adlgasser – "dieser Aman war noch vor Kurzem Dorfschulmeister."

"Aber wie lernte ihn der Herr kennen?"

"Auf eine höchst sonderbare und räthselhafte Weise. So recht wurde die Sache nicht bekannt. Einige wollen wissen, er habe wegen eines Vergehens seiner Stelle entsetzt werden sollen, doch sei es den Vorstellungen und Bitten seiner Tochter – die ein gar hübsches und unschuldiges Wesen – gelungen, dem Vater die Gnade zu verschaffen, sich persönlich vor dem Herrn Erzbischof vertheidigen zu dürfen. Dies sei denn auch nicht nur der Fall gewesen, sondern man habe auch an höchster Stelle seine außerordentlichen Fähigkeiten erkannt. So ward Aman Canzlist der Hofkammer, kurz darauf deren Vorsitzender und vorgestern – mit Ueberspringung aller Kammerräthe – sogar ihr Director."

"Hm!" – brummte hier der Vice-Capellmeister, mit dem Kopfe schüttelnd und eine Prise nehmend – "wer weiß, ob es so ist. Ich denke gern von meinen Nebenmenschen so lange das Gute, bis ich zum Gegentheil gezwungen werde. Und dann, unser allergnädigster Herr .... er ist ein frommer Mann .... ein Mann ...."

"Nach der Zeit!" – ergänzte Lipp, der unterdessen seine Geige aus dem Kasten genommen hatte, sie jetzt ansetzte und leise zu spielen und zu singen begann:

"Als der Großvater die Großmutter nahm,

Da wußte man nichts von Mamsell und Madam,

Die züchtige Jungfrau, das häusliche Weib,

Sie waren echt deutsch an Seel' und an Leib.

Als der Großvater die Großmutter nahm,

Da war ihr die Wirthschaft kein widriger Kram;

Sie las nicht Romane, sie ging an den Herd,

Und ihr Kind war mehr als ein Schoßhund ihr werth.

Als der Großvater die Großmutter nahm,

Da rief auch der Vaterlandsfreund nicht voll Gram:

O gäbe den Deutschen ein holdes Geschick

Die glücklichen Großvaterzeiten zurück!"

Aber Lipp hatte die letzte Zeile dieses, auf das Launigste vorgetragenen Liedes noch nicht beendet, als sich die Thüre des Gemaches rasch öffnete, und eine Gestalt unter ihr erschien, die ihm die Schlußworte auf den Lippen, die Töne auf dem Instrumente ersterben machte. Alle standen wie vom Donner gerührt, bleich und unbeweglich, denn es waren seine hochfürstlichen Gnaden selbst.

Der Kirchenfürst, ein angehender Sechziger, konnte noch immer ein schöner Mann genannt werden, um so mehr, als seine frische Gesichtsfarbe gegen das weiße Haar seines Hauptes vortheilhaft abstach. Nur kündeten seine Züge einen ungemeinen Stolz, eine vernichtende Härte und eine nicht weniger ominöse Strenge. Jedermann wußte, wieviel er auf Kirchenzucht, Ernst und vor allen Dingen auf unbedingte Unterwürfigkeit seiner Unterthanen und Staatsdiener verlegen war – mit welcher, in der That kleinlichen Eitelkeit und Strenge er eine Hofetiquette festhielt, wie sie kaum am kaiserlichen Hofe üblich war; obgleich sein ganzes Reich nicht so viel Unterthanen zählte, als die einzige Stadt Wien.

Aber gerade diese Kleinheit seines Ländchens sollte Prachtentfaltung, Nachahmung der größeren Höfe und unumschränkter Despotismus vergessen machen. Und Despot war Sigismund um so mehr, als er, trotz seiner Jahre, noch im vollen Besitz aller geistigen Kräfte, und dabei höchst leidenschaftlicher Natur war. Seine ganze Umgebung zitterte daher vor ihm, und selbst in Wien und München war er so wenig beliebt, als bei dem benachbarten reichsunmittelbaren Adel und seinem eigenen Domkapitel.

Es läßt sich daher denken, in welchen Schrecken Lipp und die Freunde versetzt wurden, als seine hochfürstlichen Gnaden so unerwartet und zur ungelegenen Zeit, – gefolgt von mehreren Herren und Dienern, dem Hauscapellan und einigen Geheimeräthen – eintraten. In der That glühte denn auch das Antlitz des Fürsten vor Zorn, denn das Aufspielen eines so unkirchlichen Liedes in einem der erzbischöflichen Schlösser, däuchte ihm eine große Beleidigung seiner Würde, und da er gewohnt war, die Künstler seiner Hofkapelle mit seinen Stabstrompetern und den ordinärsten Dorfmusikanten auf gleiche Linie zu stellen, so behandelte er auch Lipp und seine Genossen nach diesem Maßstabe.

Eine fulminante Strafpredigt, in welcher von "lüderlichem Gesindel," "leichtsinnigem Volk," "nichtsnutzigen, unmoralischen Menschen" und dergleichen mehr die Rede war, ergoß sich über die Armen, und tönte noch lange in ihren Ohren wieder, als der gestrenge Herr mit dem Gefolge schon lange das Gemach verlassen hatte.

Uebrigens waren Adlgasser, Lipp und die Anderen schön zu sehr an solche Scenen gewöhnt, um sich viel daraus zu machen. Nur der alte Mozart fühlte das Entwürdigende dieses Auftrittes in seiner ganzen Schärfe, und zwar um so mehr und um so tiefer, als er einmal gar keine Veranlassung dazu gegeben, und dann im Gefühle seines sittlichen und künstlerischen Werthes, über deren Anerkennung, selbst aus der Ferne, er erst vor wenigen Stunden so glücklich gewesen.

Indessen war es gut, daß Niemand Zeit blieb, lange über das Geschehene nachzugrübeln. Die Stunde für das Morgenconcert zu Ehren des hohen Besuchs war angebrochen und ein Lakei rief die Musiker in den großen Saal.

Es war eine recht gelungene Composition des Vice-Capellmeisters, die hier vor einer glänzenden Gesellschaft sehr tüchtig ausgeführt wurde. Nur kann man sich denken, mit welchen Gefühlen dies von Seiten der Künstler geschah, die denn auch – da jede Beifallsbezeigung gegen die Etiquette des Hofes verstoßen haben würde – eben so kalt und unbeachtet entlassen wurden, als man sie empfangen.

Dennoch war der Dienst nicht zu Ende, da ja höchsten Ortes auch noch später eine Musik befohlen werden konnte, und so begaben sich die Freunde wieder in das Gesindezimmer, wo sie mit den übrigen Dienern speisten, und ihre Ohren von deren albernen und gemeinen Späßen beleidigen lassen mußten. Ein namenlos niederdrückendes Gefühl, eine grenzenlose Langweile bemächtigte sich ihrer dabei, bis endlich gegen Abend der Herr Kammerdirector Aman herabsagen ließ: "die Musikanten seien entlassen!"

3. Hoffnungsvolle Tintenkleckse.

"Die Musikanten sind entlassen!" – tönte es noch immer in des Vice-Capellmeisters Ohren wieder, als die Freunde schon längst von Schloß Hellebrunn in dem alten, gebrechlichen Wagen abgefahren waren.

Er selbst hatte vorgezogen, nach Hause zu gehen, da der Abend sehr schön zu werden versprach, und es ihm außerdem seine Stimmung unmöglich machte, noch viel mit den Freunden zu sprechen.

Der alte Mozart war nichts weniger als sentimental. Er war ein ernster, überlegter, methodischer Mann. Ruhig in allem was er that, einfach und schlicht, streng rechtlich und arbeitsam. Dabei hielt er mit fester Hand die Zügel des Hausregimentes. Vor allen Dingen aber charakterisirte ihn eine praktische Auffassung des Lebens, die auch für ihn um so nöthiger war, als er sich, ohne alles Vermögen bei zahlreicher Familie – es waren ihm ja schon fünf Kinder gestorben – und einem armseligen Gehalte von vierhundert Gulden, nur mit der größten Anstrengung und bei der erstaunlichsten Sparsamkeit durchschlagen konnte.

Aber trotz seinem fast trockenen, nur auf das Praktische gerichteten Wesen, war Leopold Mozart doch auch ein ächter, für seine Kunst begeisterter Musiker, und als solcher ein Mann von tiefem Gefühl. Wie verschieden war dieses aber an dem heutigen Tag in ihm angeregt worden. Wie hatte ihn der Brief der Berliner Musikfreunde so hoch erhoben, so freudig berührt, und wie entsetzlich demüthigte ihn dann wieder das Benehmen seines Fürsten und der Gedanke an seine Stellung an diesem Hofe, die wahrlich eher die eines Lakaien als eines tüchtigen Clavierspielers, Violinisten, Organisten, Compositeurs und Vice-Capellmeisters war. Dennoch sah er recht gut ein, daß seine Verhältnisse ein Ausharren in dieser Stellung gebieterisch verlangten, zumal in jenen Zeiten an allen Höfen sowohl die Stellen der Sänger und Sängerinnen, als namentlich auch die der Capellmeister und ersten Orchestermitglieder fast durchweg mit Italienern besetzt waren. Eine "deutsche Oper" gab es ja damals noch nicht, und für die deutsche Musik im Allgemeinen war kaum mit Johann Sebastian Bach, dem "Fürsten aller Clavier-und Orgelspieler" ein junger Morgen aufgegangen, während der um jene Zeit erst sechsundzwanzigjährige Haydn gerade anfing, der Instrumentalmusik neue Bahnen zu brechen, und Gluck die Musik von den italienischen Schnörkeleien zu deutscher Einfachheit und Gediegenheit zurückzuführen strebte. An den Höfen aber herrschten in diesem Gebiete, wie eben erwähnt, fast nur Italiener und Kastraten und zwar mit einer Despotie, die keinen Deutschen aufkommen ließ.

Unser kluger und praktischer Vice-Capellmeister sah also wohl ein, daß hier ein geduldiges Ausharren das einzig Vernünftige sei; aber diese Ansicht vermochte ihn eben doch nicht unempfänglich für Mißhandlungen zu machen, und eben so wenig konnte sie ihn heute über seine gedrückte Stimmung erheben.

Er ging daher eben mißmuthig und gesenkten Hauptes durch den hintern Theil der Parkanlagen von Hellebrunn, um auf einem einsamen Feldwege zur Stadt zurückzukehren, als ihn plötzlich eine bekannte Stimme anrief.