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Eine der umfassensten Biografien des berühmten Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart. Inhalt: Vorwort zur zweiten Auflage. Vorrede des Verfassers zur ersten Auflage. Erster Band. Mozart's Kindheit. Die ersten Kunstreisen. Große Kunstreise nach Paris und London. Zweiter Aufenthalt in Wien. Erste italienische Reise. Zweite italienische Reise. Salzburg und dritte italienische Reise. Wien. München und Salzburg. Reise nach Paris. Zweiter Band. Aloysia Weber. Aufenthalt in Paris bis zum Tode der Mutter. Tod der Mutter. Rückkehr nach Deutschland. Mozart als Hof- und Domorganist zu Salzburg. München - Idomeneo. Mozart in Wien bis zu seinem Austritt aus dem erzbischöflichen Dienste. Mozart's bleibender Aufenthalt in Wien. Die Entführung aus dem Serail. Mozart's Verehelichung mit Constanze Weber. Compositionen in den Jahren Violin-Quartetts - Davidde Penitente - Schauspieldirector. Figaro's Hochzeit. - Mozart in Prag. Mozart's zweiter Besuch in Prag. - Don Juan. Mozart in Leipzig. Mozart in Berlin. Mozart's Rückkehr nach Wien. - Così fan tutte. Die Zauberflöte. - Titus. - Requiem. Mozart's Tod. Anhang I. Anhang II. Dritter Band. Irdische Mission Mozarts. Analysen der classischen Opern Mozart's. Vierter Band. Das Requiem und das Misericordias Domini. Mozart als Virtuose und Improvisator. Mozart's Compositionen für Streichinstrumente. Die vier großen Symphonieen. Anhang I. Wegweiser durch das Gebiet der von Ulibischeff nicht analysirten Compositionen Mozart's. Anhang II. Verzeichniß der wichtigsten Schriften über Mozart's Leben und Werke. Musikalische Beilagen Bildanhang
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Seitenzahl: 1796
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Mozart's Leben und Werke
Alexander Ulibischeff
Inhalt:
Wolfgang Amadeus Mozart – Biografie
Mozart's Leben und Werke
Vorwort zur zweiten Auflage.
Vorrede des Verfassers zur ersten Auflage.
Erster Band.
Erstes Kapitel. Mozart's Kindheit.
Zweites Kapitel. Die ersten Kunstreisen.
Drittes Kapitel. Große Kunstreise nach Paris und London.
Viertes Kapitel. Zweiter Aufenthalt in Wien.
Fünftes Kapitel. Erste italienische Reise.
Sechstes Kapitel. Zweite italienische Reise.
Siebentes Kapitel. Salzburg und dritte italienische Reise.
Achtes Kapitel. Wien.
Neuntes Kapitel. München und Salzburg.
Zehntes Kapitel. Reise nach Paris.
Zweiter Band.
Elftes Kapitel. Aloysia Weber.
Zwölftes Kapitel. Aufenthalt in Paris bis zum Tode der Mutter.
Dreizehntes Kapitel. Tod der Mutter. Rückkehr nach Deutschland.
Vierzehntes Kapitel. Mozart als Hof- und Domorganist zu Salzburg.
Fünfzehntes Kapitel. München – Idomeneo.
Sechszehntes Kapitel. Mozart in Wien bis zu seinem Austritt aus dem erzbischöflichen Dienste.
Siebenzehntes Kapitel. Mozart's bleibender Aufenthalt in Wien.
Achtzehntes Kapitel. Die Entführung aus dem Serail.
Neunzehntes Kapitel. Mozart's Verehelichung mit Constanze Weber.
Zwanzigstes Kapitel. Compositionen in den Jahren 1783–1786.
Violin-Quartetts – Davidde Penitente – Schauspieldirector.
Einundzwanzigstes Kapitel. Figaro's Hochzeit. – Mozart in Prag.
Zweiundzwanzigstes Kapitel. Mozart's zweiter Besuch in Prag. – Don Juan.
Dreiundzwanzigstes Kapitel. Mozart in Leipzig.
Vierundzwanzigstes Kapitel. Mozart in Berlin.
Fünfundzwanzigstes Kapitel. Mozart's Rückkehr nach Wien. – Così fan tutte.
Sechsundzwanzigstes Kapitel. Die Zauberflöte. – Titus. – Requiem.
Siebenundzwanzigstes Kapitel. Mozart's Tod.
Anhang I.
Anhang II.
Dritter Band.
Erster Abschnitt. Irdische Mission Mozarts.
Zweiter Abschnitt. Analysen der classischen Opern Mozart's.
Vierter Band.
Dritter Abschnitt. Das Requiem und das Misericordias Domini.
Vierter Abschnitt. Mozart als Virtuose und Improvisator.
Fünfter Abschnitt. Mozart's Compositionen für Streichinstrumente.
Sechster Abschnitt. Die vier großen Symphonieen.
Siebenter Abschnitt.
Anhang I. Wegweiser durch das Gebiet der von Ulibischeff nicht analysirten Compositionen Mozart's.
Anhang II. Verzeichniß der wichtigsten Schriften über Mozart's Leben und Werke.
Bildanhang
Mozarts Leben und Werke, Alexander Ulibitscheff
Jazzybee Verlag Jürgen Beck
Loschberg 9
86450 Altenmünster
www.jazzybee-verlag.de
Frontcover: © Freesurf - Fotolia.com
Eigentlich Johannes Chrysostomus Wolfgang Gottlieb, gewöhnlich Wolfgang Amadeus genannt, Komponist, geb. 27. Jan. 1756 in Salzburg, gest. 5. Dez. 1791 in Wien, hatte das große Glück, der Sohn eines zugleich hochgebildeten und selbstlosen Musikers zu sein, der sein musikalisches Genie in der sorgfältigsten und umsichtigsten Weise von frühester Kindheit an hütete und leitete. Der Vater Leopold M. (geb. 14. Nov. 1719 in Augsburg, gest. 28. Mai 1787 in Salzburg), Hofkomponist und seit 1762 Vizekapellmeister des Erzbischofs von Salzburg, ist nicht nur der Verfasser einer noch heute geschätzten Violinschule (1756), sondern war auch als Komponist von Symphonien, Konzerten und kirchlichen Vokalsachen hoch angesehen, hörte aber auf zu komponieren, als er in seinem Sohn einen Meister erwachsen sah. Bereits im sechsten Jahre komponierte dieser kleine Stücke für Klavier und war im Spiel so weit vorgeschritten, dass der Vater sich 1762 entschloss, mit dem Wunderknaben und dessen fünf Jahre älterer, gleichfalls Klavier spielenden Schwester, Maria Anna, zu reisen. Der erste Ausflug ging nach München, der zweite im Herbst d. J. nach Wien, wo Kaiser Franz I. den Knaben mit Gunstbezeigungen überschüttete. 1763–66 wandten sie sich durch Bayern, die Rheinprovinzen, die Niederlande nach Paris, wo sich der achtjährige M. vor dem König und dem ganzen Hof auf der Orgel hören ließ und seine ersten Kompositionen, vier Violinsonaten, veröffentlichte. Während eines anschließenden Aufenthalts in England komponierte M. weitere sechs Violinsonaten, die in London gestochen und der Königin gewidmet wurden (vgl. C. F. Pohl, M. in London, Wien 1867). In London prüfte J. S. Bachs jüngster Sohn, Joh. Christian Bach, einer der historisch bedeutsamsten Komponisten der Zeit des Übergangs zum modernen Stil, den Knaben. Den Sommer des nächsten Jahres verlebte die Familie in Flandern, Brabant und Holland. Hier mit seiner Schwester durch heftige Erkrankung mehrere Monate lang an das Bett gefesselt, schrieb M. wiederum sechs Violinsonaten, die er der Prinzessin von Nassau-Weilburg widmete. 1766 kehrten sie über Paris und Lyon durch die Schweiz und Schwaben nach Salzburg zurück, wo M. während der beiden folgenden Jahre seine Kompositionsstudien mit Eifer fortsetzte. Auf einer neuen Reise nach Wien komponierte er im Auftrag des Kaisers Joseph II. seine erste komische Oper: »La finte semplice« (1768), deren Ausführung hintertrieben wurde. Dagegen komponierte und dirigierte der junge Künstler zur Einweihung der Waisenhauskirche in Wien eine solenne Messe in Gegenwart des Hofes, und im Hause des musikliebenden Schuldirektors Mesmer gelangte die Operette »Bastien und Bastienne« zur Darstellung. 1769 wurde M. zum Konzertmeister am salzburgischen Hof ernannt. Anfang 1770 unternahm er mit seinem Vater eine Reise nach Italien, wo Sammartini in Mailand, Padre Martini in Bologna und Volletti in Padua sich von der Ausnahmebegabung des Knaben überzeugten, der vom Papst zum Ritter vom goldenen Sporn ernannt und in die philharmonische Akademie zu Bologna aufgenommen wurde. In Rom schrieb M. das neunstimmige »Miserere« von Allegri nach einmaliger Anhörung am Mittwoch der Karwoche nieder. In Mailand, wo er gegen Ende Oktober 1770 anlangte, komponierte er die Oper »Mitridate«, die schon 26. Dez. unter seiner Leitung über die Bühne ging und 20mal hintereinander ausgeführt wurde. Weiter schrieb er für Mailand das Festspiel »Ascanio in Alba« (1771) und kehrte dann, nachdem er noch Venedig und Verona besucht, nach Salzburg zurück. Hier komponierte er zur Einführung des neuen Erzbischofs von Salzburg 1772 Metastasios »Il sogno di Scipione« und begab sich noch Ende 1772 abermals nach Mailand, wo seine Oper »Lucio Silla« zur Ausführung kam. Wieder nach Salzburg zurückgekehrt, vollendete er die komische Oper »La finta giardiniera« (für München 1775) und die Festoper »Il re pastore« (für Salzburg), denen sich im Laufe der folgenden Jahre noch verschiedene Kirchenkompositionen, die Musik zum Drama »Thamos« und die Operette »Zaide« anschlossen. Inzwischen hatte ihm der Mangel an künstlerischer Anregung und die geringschätzige Behandlung des Erzbischofs den Aufenthalt in Salzburg verleidet. und er begab sich 1777 wieder auf Reisen, doch blieben seine Anstrengungen in München, in Mannheim und in Paris, eine Anstellung zu erhalten, erfolglos, und enttäuscht kehrte er nach Salzburg zurück, nachdem er in Paris die ihn begleitende Mutter durch den Tod verloren hatte (3. Juli 1778). 1779 wurde er zum Hoforganisten in Salzburg ernannt. Sein nächstes größeres Werk war die Oper »Idomeneo re di Creta« für München (1781), in welchem Werk er sichtlich von den Wegen der italienischen Oper abwich und, im Anschluss an die französische Glucks, kräftigere Töne anschlug. Noch in demselben Jahre zwang ihn die Rücksichtslosigkeit seines Fürsten, die Salzburger Stellung aufzugeben; er siedelte nun nach Wien über, wo er sich im nächsten Jahre mit Konstanze Weber, einer Schwester seiner ersten Jugendliebe, der Sängerin Aloysia Weber, später verehelichten Lange, vermählte. In Wien schrieb er auf speziellen Wunsch Kaiser Josephs II. für das Nationalsingspiel die deutsche Oper »Belmonte und Konstanze, oder die Entführung aus dem Serail«, deren Aufführung schließlich nur durch speziellen Befehl des Kaisers zustande kam, so stark waren wiederum die Intrigen. Selbst die 1785 zuerst ausgeführte Oper »Figaros Hochzeit« wurde fast durch die absichtlich schlecht singenden Italiener zu Falle gebracht. M. feierte daher seinen ersten vollen Triumph als Opernkomponist mit »Don Juan«, der bei der ersten Aufführung 1787 in Prag mit Jubel aufgenommen (vgl. Procházka, M. in Prag, Prag 1892), aber in Wien ebenfalls geraume Zeit gegen die Intrigen der italienischen Sänger und die Gleichgültigkeit des Publikums zu kämpfen hatte, bis es seinem vollen Wert nach erkannt wurde. Im folgenden Jahr entstanden außer andern Instrumentalsachen seine drei Meistersymphonien in Es dur, G moll und C dur (»Jupiter-Symphonie«). In diese Zeit fällt eine Reise Mozarts über Dresden nach Leipzig und Berlin. König Friedrich Wilhelm II. von Preußen bot ihm die Stelle eines Kapellmeisters mit einem Jahrgehalt von 3000 Taler an; aber M., wiewohl er in Wien mit dem Titel eines kaiserlichen Kammerkomponisten seit 1789 eine Besoldung von nur 800 Gulden bezog, antwortete ihm: »Kann ich meinen guten Kaiser verlassen?« Letzterer beauftragte ihn nach der Rückkehr mu der Komposition der Oper »Così fan tutte« (1790) und versprach ihm, daß in Zukunft auf ihn Bedacht genommen werden solle; aber das bald darauf erfolgte Ableben Josephs II. vernichtete jede Hoffnung Mozarts auf eine Verbesserung seiner Lage. 1791 komponierte er für seinen in Schulden geratenen Freund Schikaneder die Oper »Die Zauberflöte«, für die Krönungsfeierlichkeiten des Kaisers Leopold II. die Oper »La clemenza di Tito« und sein »Requiem«, letzteres für die verstorbene Gräfin Walsegg, deren Gemahl es bei M. bestellt hatte. Es war des Künstlers letzte Arbeit (vgl. J. Ev. Engls Festschrift zur M.-Zentenarfeier, Salzb. 1891). Noch in seinen Phantasien mit dieser Komposition beschäftigt, starb M. im 36. Jahre seines Lebens. Nur wenige Freunde gaben ihm das letzte Geleit, und selbst diese kehrten des schlechten Wetters wegen auf halbem Weg um. Da M. nur ein Armenbegräbnis erhielt, konnte später nur mit Mühe sein Grab festgestellt werden (s. unten).
Mozarts Charakter als Mensch war von einer fast sprichwörtlich gewordenen Gutherzigkeit und Naivität. Hilfreich gegen alle Welt, neidlos gegenüber seinen vom Glück begünstigten Kunstgenossen, hatte er seinen eignen Vorteil so wenig im Auge, dass er zeit seines Lebens mit Mangel kämpfen musste. Dabei war er von einer unglaublichen Arbeitskraft, besonders in seinen letzten Lebensjahren. Er hat im ganzen 626 Werke hinterlassen (vgl. v. Köchel, Chronologischthematisches Verzeichnis sämtlicher Werke W. A. Mozarts, 2. Aufl. von Graf Waldersee, Leipz. 1905), darunter 20 Messen etc., 8 Litaneien und Vespern, 40 Offertorien, Hymnen und andre geistliche Gesangstücke, 17 Orgelsonaten, 10 Kantaten mit Orgelbegleitung, 23 Opern, über 100 Arien und Lieder mit Orchester- und Klavierbegleitung, 23 Kanons für 2–12 Stimmen, 22 Klaviersonaten, über 50 andre Klavierstücke, 45 Sonaten für Klavier und Violine, 11 Trios, Quartette etc. mit Klavier, 48 Kammermusikstücke für Streichinstrumente, 49 Symphonien, gegen 100 kleinere Werke für Orchester und 55 Konzerte. Eine solche Fruchtbarkeit in einem so kurzen Leben, von dem die Reisen zwei Drittel in Anspruch genommen, ist um so bewunderungswürdiger, als M. auch übrigens durch seine Dienstpflichten und Lektionen so vielfach vom Komponieren abgezogen wurde, daß er meist nur die frühen Morgenstunden oder die Nacht dazu verwenden konnte.
Die unvergängliche Größe Mozarts beruht in der durch ihn vollzogenen glücklichen Verschmelzung italienischer Melodiosität mit deutscher Gemütstiefe. Wenn auch die höchste Steigerung der musikalischen Ausdrucksmittel auch zur Darstellung der die tiefsten Tiefen des Seelenlebens aufrührenden Leidenschaft seinen Nachfolgern, vor allem Beethoven, vorbehalten blieb, so gelangte doch der homophone Stil unbestritten mit M. zuerst auf den Gipfel klassischer Vollendung. Als Opernkomponist ist M. eine Ergänzung Glucks, sofern er die komische Oper derselben Stufe künstlerischer Durchbildung zuführte, wie Gluck die tragische, und damit vollends den Italienern das Zepter entwandte, das sie fast zwei Jahrhunderte geführt. Ist in seinen frühesten Opern noch der Anschluss an die Italiener deutlich fühlbar, so ist er mit »Così fan tutte«, »Figaro« und »Don Juan« mit Singspielen über dieselben hinweggegangen trotz der italienischen Texte mit ihren Konventionalitäten und Schwächen und hat mit der »Entführung« und »Zauberflöte« die Grundsteine zur kräftigen Entwickelung einer nationalen Oper gelegt, obgleich auch diesen nichts weniger als bedeutende Libretti zugrunde liegen. Das lautere Gold der Musik, in das er alle gefühlsechten Momente der Dichtungen gefasst hat, überstrahlt deren tote Partien mit seinem Glanze. Wenn auch eigentliche Tragik in der komischen Oper selbstverständlich ausgeschlossen ist, so hat er es doch verstanden, auch in »Figaro« und »Don Juan« über das bloße frivole Spielen mit den Problemen des Seelenlebens hinauszukommen und den Grundton deutschen Empfindens zur Geltung zu bringen. Am fremdesten ist von allen Opern aus Mozarts Periode voller künstlerischen Reise der »Titus« geblieben, in dem der Text Metastasios auch ihn noch einmal wieder in das Gleis der abgelebten italienischen Opera seria zurück riss. Dagegen ist der alberne Schikanedersche Text der »Zauberflöte« für M. zu dem unsichtbaren Faden geworden, auf dem er eine Kette köstlichster deutscher Liedperlen aufreihte. Den Opern Mozarts (denen noch das Lustspiel mit Musik »Der Schauspieldirektor« nachzutragen ist) schließt sich zunächst eine große Zahl (über 40) detachierte Arien an.
Aus der großen Zahl der kirchlichen Vokalwerke Mozarts (15 Messen, 9 Offertorien etc.), die bei aller Meisterschaft in der Handhabung der Form doch am stärksten das Gepräge der Zeit verraten, heben sich mit der Bedeutung unvergänglicher Denkmäler seiner herzlichen Frömmigkeit und unverfälschten Empfindung das »Requiem« und das »Ave verum« heraus. Als Liederkomponist ist M. nicht bahnbrechend geworden; doch zeigt seine Komposition des Goetheschen »Veilchen« deutlich genug, was er als Liederkomponist geschaffen haben würde, wenn ihm ein solcher Schatz lyrischer Dichtungen zur Verfügung gewesen wäre, wie ihn einige Jahrzehnte nach seinem Tode Franz Schubert vorfand. Am größten aber, größer sogar als in seinen Opern, ist M. als Instrumentalkomponist; da steht er unvergänglich inmitten des leuchten den Dreigestirns der Klassiker der Instrumentalmusik: Haydn-M.-Beethoven. Wenn auch die fortschreitende Geschichtsforschung mehr und mehr die Wurzeln der Kunst Haydns und Mozarts aufdeckt, so steht doch M., noch mehr als Haydn, inmitten dieser neuen Entwickelung plötzlich als ein Großer da, dessen Werke den Stempel der Vollendung tragen, so dass er, obgleich ein viertel Jahrhundert nach Haydn geboren und zunächst sich an diesen anschließend, für Haydns weiteres Schaffen starke Anregungen gibt. Die Herübernahme des kantabeln Elements auch in seinen bewegteren figurativen Formen aus der weltlichen Vokalkomposition (Oper, Kantate, Kammerduett) in den Instrumentalsatz ist zwar nach dem Vorgange Pergoleses besonders durch die ältere Mannheimer Schule (Johann Stamitz, Fr. X. Richter) bereits in umfassender Weise durchgeführt, die auch mit der Hervorziehung der Blasinstrumente aus ihrer untergeordneten Rolle im Orchester und mit der Ausbeutung buntwechselnden Stimmungsausdrucks und den soliden Ausbau der thematischen Arbeit der einzelnen Sätze und der Sätzeordnung der Sonate und Symphonie epochemachend wurden und somit nicht nur die Formen, in denen Haydn und M. schufen, sondern auch ihren Stil bestens vorbereiteten. Aber welch ein Abstand zwischen dem Inhalt der reisen Werke Mozarts und derjenigen seiner Vorgänger auf diesen Gebieten. Obenan stehen seine Symphonien, besonders die vier letzten, in D dur (ohne Menuett), Es dur, G moll und C dur (»Jupiter«), neben denen aber einzelne seiner (erheblich früher geschriebenen) Divertimenti und Serenaden einen Ehrenplatz behaupten. Als völlig ebenbürtig steht M. auch zwischen Haydn und Beethoven mit seinen Kammermusikwerken, besonders den Streichquartetten und Streichquintetten; auch seine Violinsonaten, Klaviertrios, Klavierquartette und das Quintett mit Blasinstrumenten in Es dur sind dauernd wertvoll und wirksam, wenn auch die weitere Steigerung der Klaviertechnik dieselben gegenüber denen Beethovens stark in Schatten gerückt hat. Auch seine Soloklavierwerke (17 Sonaten, 4 Phantasien) und die Klavierkonzerte sind wohl auf dem Repertoire der Konzertspieler nur noch selten zu finden, behalten aber dauernd ihren hohen Wert als gediegenstes Bildungsmaterial des musikalischen Geschmackes. – Eine vollständige, kritisch durchgesehene Ausgabe der Werke Mozarts veranstalteten 1876–86 Breitkopf u. Härtel in Leipzig. Mozarts Leben beschrieb zuerst Niemtschek (Prag 1798, 2. Aufl. 1808; Neudruck, das. 1905), dann, mit Benutzung von Familienpapieren, der zweite Gatte von Mozarts Witwe (s. unten), G. N. v. Nissen (»Biographie Mozarts«, Leipz. 1828), der Russe Ulibischew (Mosk. 1843; deutsch, 2. Aufl., Stuttg. 1859, 4 Bde.), E. Holmes (»Life and correspondance of M.«, Lond. 1845, neue Ausg. 1878), mit epochemachender Gründlichkeit und Begeisterung aber Otto Jahn (»W. A. Mozart«, das Hauptwerk über M., Leipz. 1856–59, 4 Bde.; 4. Aufl. von Deiters, 1905 f., 2 Bde.). Vgl. auch Nohl, Mozarts Leben (3. Aufl. von Sakolowski, Berl. 1906); Meinardus, M., ein Künstlerleben (das. 1882), und O. Fleischer, Mozart (das. 1899). Nohl gab auch die Briefe Mozarts (2. Aufl., Leipz. 1877) und »M. nach den Schilderungen seiner Zeitgenossen« (das. 1879) heraus. Weitere Briefe der Witwe und der Schwester Mozarts veröffentlichte Nottebohm in »Mozartiana« (Leipz. 1880).
Denkmäler, Familie.Das Grab Mozarts auf dem Wiener Zentralfriedhof schmückt ein Denkmal von Hanns Gasser, das von der früheren Ruhestätte Mozarts auf dem St. Marxer Friedhof (hier 5. Dez. 1859 enthüllt) dahin übertragen worden ist. 1896 wurde in Wien auf dem Albrechtsplatz, beim Opernhaus, ein Marmorstandbild Mozarts, von Tilgner (s. Tafel »Wiener Denkmäler II«), aufgestellt. In Salzburg wurde bereits 4. Sept. 1842 seine Erzstatue (von Schwanthaler) enthüllt. Von den vorhandenen Bildnissen Mozarts ist das angeblich von Tischbein gemalte neuerlich als irrig nachgewiesen; ein Medaillonbildnis, mit Silberstift auf Elfenbeinkarton gezeichnet, von Doris Stock, befindet sich jetzt in der Musikbibliothek Peters in Leipzig (s. die Reproduktion auf unsrer Tafel »Deutsche Tondichter I« beim Artikel »Musik«); ein aus früherer Zeit stammendes, in Buchsbaum geschnittenes Medaillon von Posch befindet sich nebst einem Gesamtbild der Familie M. (1780 von della Croce gemalt) im Mozarteum (s. d.) zu Salzburg.
Mozarts Witwe, der Kaiser Leopold II. eine Pension von 260 Gulden bewilligte, verheiratete sich 1809 mit dem dänischen Etatsrat Georg Nikolaus v. Nissen (dem Biographen Mozarts, s. oben), ward 1826 zum zweiten mal Witwe und starb 6. März 1842 in Salzburg. – Mozarts Schwester Maria Anna, geb. 30. Juli 1751, war ebenfalls ein musikalisches Talent, trat auf den Kunstreisen der Familie 1762 bis 1766 als Klaviervirtuosin auf, lebte dann bei ihrer Mutter in Salzburg und verheiratete sich 1784 mit dem Freiherrn von Berchthold zu Sonnenberg. Nach dessen Tode (1801) kehrte sie nach Salzburg zurück, wo sie, seit 1820 erblindet, 29. Okt. 1829 starb. Mozarts ältester Sohn, Karl, geb. 1784, starb 1859 in Mailand als Steuerbeamter. Sein zweiter Sohn, Wolfgang Amadeus, geb. 26. Juli 1791 in Wien und von Neukomm und Albrechtsberger in der Musik gebildet, trat im 14. Jahr zum ersten mal als Virtuose und Komponist auf, ging dann 1808 nach Galizien, wo er als Privatlehrer auf dem Lande, seit 1823 in Lemberg wirkte, gründete daselbst 1826 einen Cäcilienverein und übernahm später die Kapellmeisterstelle am dortigen Theater. Er starb 30. Juli 1844 in Karlsbad. Seine Kompositionen (zwei Klavierkonzerte, ein Streichquartett, Sonaten, Variationen etc.) sind nicht von Bedeutung. Sein Leben beschrieb Jos. Fischer (Karlsbad 1888).
Ulibischeff, der geistreiche Dilettant, dessen Leben Mozart's in der Schraishuon'schen Uebersetzung so große Theilnahme in Deutschland gefunden hat, ist am 5. Februar 1858 verschieden. Es war ihm nicht vergönnt, an der neuen Auflage seines so beliebt gewordenen Werkes selbst Hand anzulegen. Ohne Zweifel würde er selbst Manches verbessert, berichtigt und erweitert haben. Vielleicht hätte er selbst noch ausführlichere Analysen über die Mozart'schen Werke beigefügt. Der Unterzeichnete, welcher von der Verlagshandlung der deutschen Uebersetzung aufgefordert worden ist, das Geschäft zu übernehmen, welches der Verfasser nicht mehr selbst besorgen konnte, hat sich bemüht, dem Ulibischeff'schen Werke, das durch das seither erscheinende höchst umfassende Werk des berühmten Philologen Otto Jahn, in den Hintergrund gedrängt zu werden Gefahr lief, eine solche Gestalt zu geben, daß es neben der gründlichsten aller musikalischen Monographien, dennoch sich in der Gunst des deutschen Volkes erhalten könnte. Die hiedurch nothwendig gewordene Erweiterung und theilweise Umarbeitung des Ulibischeff'schen Werkes stützt sich hauptsächlich auf folgende Punkte:
Erstens hat Ulibischeff die Lebensgeschichte Mozart's selbst etwas zu kurz und übersichtlich behandelt. Nun ist aber bei einem Manne, wie Mozart, Alles, auch das kleinste Detail, interessant genug, um der Vergessenheit entzogen zu werden. Es stellt sich daher diese neue Umarbeitung zur Aufgabe, die Ulibischeff'sche übersichtliche Schilderung mit zahlreichen Detailzügen auszuschmücken. Hiezu wird besonders für die frühere Periode von Mozart's Leben die Correspondenz des Vaters Leopold benutzt, welche in Nissens Biographie gesammelt worden ist. Da Nissens Werk längst vergriffen ist, und auch Otto Jahn die Briefe des Vaters mehr inhaltlich als wörtlich benutzt hat, so hat man der neuen Bearbeitung des Ulibischeff'schen Werkes den größeren Theil der Briefe Leopold Mozart's einverleibt, damit dieselben auch für größere Leserkreise zugänglich werden.
Zweitens ist die Analyse der Mozart'schen Werke, die sich bei Ulibischeff nur auf die berühmtesten Schöpfungen des Meisters beschränkt, so ausgedehnt worden, daß derselben alle seine übrigen bedeutenderen Werke, namentlich seine kleineren Sinfonien, seine Messen, seine Kammer-und Clavier-Compositionen unterworfen worden sind, während die Original-Analysen Ulibischeff's unverändert wiedergegeben werden.
Drittens sind die musikalischen Beispiele in weit größerem Maße beigegeben worden, so daß sie als thematische Motive benützt werden können. Dadurch kommt das Stück, welches besprochen wird, auch augenblicklich in die Erinnerung des Lesers, ein Vortheil, der bei keinem musikalisch-literarischen Werke fehlen sollte, und der für diesen Theil der Kunstgeschichte das leistet, was die Holzschnitt-Illustrationen bei den bildenden Künsten bezwecken.
Endlich ist die, fast einen ganzen Band einnehmende Uebersicht der allgemeinen Geschichte der Musik, als nicht zum Zwecke des Buches gehörig, ausgeschlossen worden, wodurch zugleich Raum für die Vermehrung der Analysen und Erweiterung des rein biographischen Theiles gewonnen wurde.
Zwar hat Ulibischeff durch die Aufnahme dieser Uebersicht zu beweisen suchen wollen, daß Mozart nicht eine vereinzelte Kunsterscheinung, sondern das Resultat und der Abschluß der abendländischen Tonkunst sei, allein es ist dieß eine ganz verfehlte Beweisführung, wie O. Jahn in seinem Vorworte deutlich nachgewiesen hat. Mozart ist allerdings das Resultat der vorangehenden Kunstepochen, dieß zu beweisen ist aber Aufgabe der tief eingehendsten Geschichtsforschung, und nicht einer kritischen Biographie. Und daß er der Abschluß der Geschichte der Tonkunst sei, kann Angesichts Beethovens und der von ihm, entzündeten neuesten Kunstrichtung auch von den wärmsten Verehrern Mozart's nicht behauptet werden.
Da es nicht immer thunlich war, die Ueberarbeitung in den Text selbst aufzunehmen, um das Kolorit des Ganzen nicht in seiner Harmonie zu stören, so wurden häufig die Berichtigungen und Zusätze in Amerkungen beigefügt. Bei den Analysen der Werke selbst, sind die Ulibischeff'schen ebendeßwegen so viel als möglich unverändert geblieben, dagegen sind die vom Bearbeiter selbst hinzugefügten Analysen, der von Ulibischeff nicht besprochenen Werke in ganz besonderen Abschnitten in das Werk ausgenommen worden.
Möge nun das Buch auch in seiner neuen Gestalt sich dieselbe Gunst erwerben, wie zuvor, und zum Verständniß und Genusse der unsterblichen Werke Mozart's, auch fernerhin segensreich wirken. Möge es neben dem, weniger für das größere Publikum berechnete, voluminösen O. Jahn'schen Werke, in seiner bescheidenen, aber dennoch vollständigen Ausführung sich der lebhaftesten Theilnahme des deutschen Volkes erfreuen dürfen.
Stuttgart,den 12. Januar 1859.
Ludwig Gantter.
Es existiren zwanzig und noch mehr Biographien Mozart's; man kennt Mozart's Leben bis auf die unbedeutendsten Einzelnheiten hinaus; Tausende von Schriftstellern haben ex professo von dem großen Musiker und seinen Werken gesprochen; tausend Andere thaten es gelegentlich, und jeden Tag lies't man noch in den musikalischen Blättern von ihm. Der Gegenstand ist also so erschöpft als möglich. Dieß Alles wird man wahrscheinlich im Publikum sagen, wenn man mein Buch angekündigt lesen wird.
Wir besitzen allerdings von gedruckten Sachen über Mozart: biographische Notizen, Artikel in Journalen, Handbücher, Mittheilungen von Zeitgenossen, Sammlungen von Anekdoten, technische Analysen, die in verschiedenen Werken veröffentlicht wurden; aber eine vollständige, in's Einzelne gehende Biographie konnte es keine geben, ehe die, im Jahre 1828 in Leipzig herausgekommene, erschienen war.
Der Verfasser dieser Biographie, Herr v. Nissen, schien ganz besonders dazu berufen zu sein, sie zu schreiben. Er war im Jahre 1791 bei der dänischen Gesandtschaft am Wiener Hofe angestellt, und hatte, wie es scheint, Mozart, durch häufigen Umgang mit ihm, sehr genau kennen gelernt, denn ihm wurde unter der Leitung des Abtes Maximilian Stadler die Aufnahme des Mozart'schen Nachlasses übertragen, der in nichts als musikalischen Handschriften bestand. Achtzehn Jahre später, das heißt im Jahre 1809, heirathete Herr v. Nissen, der indessen wirklicher Etatsrath und Ritter des Danebrog-Ordens geworden war, die Wittwe Mozart's, adoptirte seine beiden Söhne, und ließ sich mit seiner Familie in Kopenhagen nieder. Durch diese Verbindung gelangte er in den Besitz einer umfangreichen Correspondenz, die durch einen längern Zeitraum und zwar ziemlich regelmäßig fortgeführt worden war, so daß sie einen fast zusammenhängenden Leitfaden für die Ereignisse von 1762 bis 1786 abgab. Leopold Mozart, der Vater unseres großen Meisters, hatte alle diese Materialien aufbewahrt und in der Absicht geordnet, selbst die Geschichte seines Sohnes zu schreiben. Dieser Plan kam zwar nicht zur Ausführung, dafür fand aber Herr v. Nissen Hülfsquellen im Ueberflusse in ihnen zu dem Werke, mit dem er sich trug, und zu welchem ihm, vielleicht erst in Folge dieser Entdeckung, der Gedanke gekommen war. Ueberdieß besaß er in seiner Frau eine lebende Quelle, durch welche er die kostbarsten Aufschlüsse erlangen konnte. Da aber sowohl die Erinnerungen dieser, als die Familienbriefe noch viele Lücken in der Geschichte Mozart's übrig ließen, so suchte Herr v. Nissen durch Ueberlieferungen, Bücher, Journale und Aussagen von Augenzeugen das zu ergänzen, was ihm an authentischen Belegen fehlte. Endlich fügte er seiner Arbeit, zu möglichster Vervollständigung in jeder Beziehung der Materialien, die er im Laufe mehrerer Jahre gesammelt hatte: 1) den Hauptkatalog der vollendeten und nicht vollendeten Werke Mozart's; 2) eine ausführliche Sammlung von Auszügen aus beinahe allen Schriftstellern, die Mozart und seine Werke besprochen hatten; 3) eine Sammlung von Gedichten, die zu Mozart's Preise gefertigt worden waren, in Gestalt eines Supplements hinzu.
Herr v. Nissen starb im Jahre 1826, und zwei Jahre später ließ seine Wittwe das Werk bei Breitkopf und Härtel in Leipzig drucken, das sie mit den Bildern ihrer beiden Gatten und ihrer zwei Söhne erster Ehe, ihrem eigenen Bilde und vielen anderen Blättern, Facsimiles, Musikbeilagen u.s.w. illustrirte.
Es liegt etwas ziemlich Romantisches in den Umständen, die wir so eben berührt haben, und denen wir die Veröffentlichung dieses Werkes verdanken. Die Wittwe Mozart mußte etwa fünfzig Jahre zählen, als sie zum zweiten Male in die Ehe trat; sie war ohne alles Vermögen und weder schön noch sonst hübsch gewesen, wenn anders ihr Bild getroffen ist, das sich aus dem Jahre 1782, also aus der Zeit ihrer ersten Ehe herschreibt. Welcher Grund konnte Herrn v. Nissen vermocht haben, eine solche Verbindung einzugehen, ihn, dessen gesellschaftliche Stellung als Geschäftsträger, wirklichen Etatsrath und Ritter, von der ihrigen so verschieden war? Geschah es aus begeisterter Verehrung für das Andenken eines großen Mannes; warum wartete er dann achtzehn Jahre lang? Was der Grund gewesen sein mag, genug, Herr v. Nissen entrichtete für sich allein die Schuld der civilisirten Welt, indem er die in Vergessenheit und im Elende schmachtende Wittwe heirathete, und den Erben des ruhmvollsten Namens unter den Musikern eine Erziehung gab. Als Wohlthäter der Familie Mozart und Verfasser einer, durch die in ihr enthaltenen Notizen kostbaren Biographie, verdient Herr v. Nissen in dieser doppelten Eigenschaft die ewige Dankbarkeit aller wahren Freunde der Musik.
Seien wir vor Allem dankbar; hernach aber seien wir gerecht. Entsprach die Arbeit des Verfassers – welchen die Vergangenheit, gleichsam als Entschädigung für sein edelmüthiges Verfahren, bevollmächtigte, eine Biographie Mozart's zu schreiben – der Erwartung und dem allgemeinen Interesse, das ein, unter solchen Auspicien veröffentliches Buch erwecken mußte? Es schmerzt, die Frage verneinend und zwar durchaus verneinend beantworten zu müssen. Wie groß auch das wohlwollende Vorurtheil beschaffen sein mag, mit dem man dieses Buch zu lesen beginnt, so überzeugt man sich doch bald, daß das schriftstellerische Talent und die speciellen Kenntnisse, die dazu nöthig gewesen wären, um ein gutes Buch daraus zu machen, Herrn v. Nissen gänzlich fehlten. Die Wahrheit zu sagen, so findet sich Nichts in dem Werke, was eigentlich von ihm ist. In dem historischen Theile hat Herr v. Nissen, statt aus der Familien-Correspondenz und anderen Quellen die Elemente seiner Erzählung zu ziehen, die Quellen selbst wörtlich wieder gegeben. Er glaubte genug gethan zu haben, wenn er die zu seiner Verfügung stehenden Materialien wie einen Aktenstoß zusammenlegte. Dabei ist nicht zu übersehen, daß die Familien-Correspondenz durchaus nicht dazu bestimmt war, veröffentlicht zu werden. Die Schreiber dieser Briefe sprechen darin von dem, was sie interessirt, ohne sich je darum zu kümmern, was einen künftigen Biographen interessiren könnte. Finanzielle Berechnungen einer kleinen bürgerlichen Haushaltung, öffentliche oder private Beziehungen eines Musikers, der reis't, um Geld zu verdienen, oder seinen Sohn in der Welt weiter zu bringen, das ist es, was diese Correspondenz zu drei Viertheilen umfaßt und sie Jedem, der nicht weiter als eine Lektüre sucht, tödtlich langweilig macht. Zuweilen folgen sich zwanzig, dreißig Seiten, deren Hauptinhalt der Biograph leicht in eben so vielen Linien hätte geben können.
Der kritische Theil des Werkes ist noch viel mangelhafter, und bildet wo möglich noch weniger ein zusammenhängendes Buch, als der erzählende Theil. Man denke sich einen lärmenden Haufen Musiker und Nichtmusiker, Schriftsteller und Journalisten von allen Nationen und von allen Farben, von denen jeder für sich selbst von Mozart's Werken spricht, ohne seine Nachbaren rechts und links zu hören, die er nicht kennt und die er nicht einmal zu kennen verlangt. Es bietet das vollständige Bild des Thurmbaues zu Babel. Man sieht, daß Herr v. Nissen geglaubt hat, das Zusammentragen von Materialien heiße ein Buch machen; und das Compiliren alles Dessen, was über die Musik Mozart's gesagt worden sei, sowohl dafür als dagegen, heiße musikalisch kritisiren. Einen leitenden Gedanken, Einheit, Plan, Redaktion, Styl und Logik, sind lauter Dinge, die man vergebens in dem Buche sucht. Diese Biographie ist demnach keine Biographie, dieses Buch ist demnach kein Buch, sondern nur das rohe Material zu einer Biographie und zu einem Buche. Weit entfernt, daß der Gegenstand darin erschöpft worden wäre, lag vielmehr für jeden schriftstellernden Musiker eine Art von Aufforderung darin, sich der Materialien zu seiner Bearbeitung zu bemächtigen.
Das Sammelwerk des Herrn v. Nissen fiel in meine Hände, zu einer Zeit, welche in dem Leben des Menschen eine scharfe Abgränzungslinie zwischen der Vergangenheit und der Zukunft bildet. Es war im Jahre 1830; ich hatte kurz zuvor den Dienst verlassen und die Freuden der glänzenden Hauptstadt (Petersburg) mit der Einsamkeit eines entfernten Landgutes im Gouvernement Nischnei-Nowogorod vertauscht. So sehr mir Anfangs meine Lage, theils wegen ihrer Neuheit und des Lebenszweckes, den ich hier verfolgte, theils wegen der herrlichen Umgebung, in der ich lebte, gefiel, so fühlte ich doch bald eine gewisse Leere, die mich quälte. Man versetze einen enthusiastischen Musikfreund in ein Paradies, in dem nicht musicirt wird, und er wird sich bald langweilen; und vor zehn Jahren waren die musikalischen Hülfsmittel unserer Stadt Nischnei beinahe Null. Weil ich keine Gelegenheit mehr fand, Musik zu hören, und noch weniger, welche zu machen, so suchte ich meinen Notendurst dadurch zu stillen, daß ich die, dieser geliebten Kunst gewidmeten Journale und Bücher begierig verschlang. Damals beschäftigte Herr v. Nissen's Werk meine Mußestunden. Sogleich stieg der Gedanke in mir auf, was ein Jeder, der nur die Feder zu halten im Stande wäre, aus dieser formlosen Compilation zu machen vermöchte, welche so kostbare Materialien in sich schloß. Die Aufgabe, welche Herr v. Nissen seinen Nachfolgern hinterließ, schien mir ebenso angenehm, als leicht zu sein. Man brauchte nichts, als unter den Materialien die authentischen zu sichten; die anderen dagegen, welche Traditionen und die Erzählungen der Zeitgenossen geliefert hatten, der Prüfung der muthmaßenden Kritik zu unterwerfen; sodann, nach Scheidung der Spreu vom Korne, hatte man nur das Ausgelesene in Ordnung zu bringen, und auf diese Weise eine Biographie Mozart's zu Tag zu fördern, die wahrer, umständlicher und in jeder Hinsicht genügender ausfallen mußte, als die großen und kleinen Bände, die bis jetzt unter diesem Titel erschienen waren.
Ich glaubte, etwa drei oder vier Monate damit zu thun zu haben, als ich mich im Herbste 1830 an's Werk machte und heute, den vierzehnten Juni im Jahre der Gnade 1840, schreibe ich die Vorrede zu einer zehnjährigen Arbeit. Als jung und unverheirathet fing ich das Buch an, welches ich auf dem Wendepunkte des Lebens, verheirathet und als Familienvater, beendige. Ich gestehe meinen Lesern offen, daß ich beim Beginne nicht die entfernteste Idee von dem hatte, was aus dem Buche werden würde, das ich ihnen jetzt biete. Ich muß daher den auffallenden Verstoß eines Dilettanten erklären, der zu seiner Unterhaltung einen leichten, kleinen Band Erzählung zu schreiben beabsichtigt, und sich nach und nach ganz gegen seine Absicht in eine Arbeit verwickelt sieht, welche tiefes Nachdenken und lange Zeit erfordert; eine Arbeit, welche, je weiter man damit kommt, Kenntnisse verlangt, die man nur sehr mangelhaft besitzt, und die zu gelehrten Studien veranlaßt, zu denen man niemals zuvor Lust gezeigt, noch sich Zeit genommen hatte. Dieses offenherzige Geständniß wird dem Leser den Schlüssel zu dem Buche geben und der Kritik den Standpunkt liefern, von welchem aus sie es zu beurtheilen hat.
Seit meinem siebenten Jahre treibe ich Musik, spiele ziemlich erträglich die Violine, singe auch, wenn es nöthig ist, bin in die Grundsätze der Composition eingeweiht und endlich auch Ehrenmitglied der philharmonischen Gesellschaft in Petersburg1, in Folge einiger Artikel, die ich in den Journalen veröffentlichte, und so glaube ich ohne Anmaßung, mich auf der Höhe meiner Aufgabe als Biograph zu befinden. Mozart's Werke kenne ich von Deutschland her, wo ich erzogen wurde. Das war, wie ich meinte, mehr als genug, um eine Biographie Mozart's schreiben zu können.
Sobald ich aber damit begonnen hatte, den Stoff meines ersten Bandes, den geschichtlichen Theil, zu verarbeiten, so entdeckte ich zu meinem großen Erstaunen zwischen mehreren Werken Mozart's und den biographischen Umständen, die sich daran knüpfen, dieselbe wechselseitige Beziehung, wie die, welche in der Geschichte des Requiems einen so starken Eindruck macht und uns mit so großem Erstaunen erfüllt. Je weiter ich diese Prüfung verfolgte, je mehr ich den Charakter des Meisters studirte, und je mehr diese Aehnlichkeiten nach Zahl und Wichtigkeit sich vermehrten, um so mehr entfaltete sie mir eine Kette von Ursachen und Wirkungen, die in jeder Beziehung so augenscheinlich und eng zusammenhingen, daß man unmöglich in dieser Laufbahn eines Menschen und Künstlers die Leitung eines höhern Willens mißkennen kann. Und dieser Punkt war es, wo ich auf die erste, bei meiner Arbeit nicht vorhergesehene Bedingung stieß, nämlich die, derselben eine philosophische Grundlage zu geben, die ich nicht gesucht hatte, die sich mir aber mit der Macht unwiderstehlicher Ueberzeugung aufdrängte. Die Anwendung dieser Idee konnte mich übrigens weder aufhalten, noch sehr in Verlegenheit setzen. Die Thatsachen sprachen von selbst.
Dagegen machte mir ein anderer Umstand mehr zu schaffen. Nachdem ich die Vorherbestimmung als Grundlage in meinem Buche zugelassen, oder vielmehr gezwungen angenommen hatte, so mußte ich mir natürlicher Weise darüber Rechenschaft ablegen, zu was Mozart vorher bestimmt worden sei. Man wird mir sagen, daß Jedermann weiß, daß Mozart in der musikalischen Kunst eine große Revolution zu Wege gebracht hat. Ganz gewiß; ich wußte es so gut, wie Jemand; aber ich wußte es nur vermöge der Behauptung Anderer, das heißt, ich wußte nicht genau, in was diese Revolution oder diese Reform bestand. Wie alle Liebhaber, für welche die Beiwörter alt oder schlecht, beinahe gleich bedeutend sind, wenn es sich von Musik handelt, so hatte auch ich bisher mich nur mit den musikalischen Neuigkeiten beschäftigt. Meine historischen Kenntnisse erstreckten sich kaum weiter zurück, als auf das Ende des vorigen Jahrhunderts; sie fingen mit Mozart selbst und seinen berühmtesten Zeitgenossen an, statt daß ich durch Umkehren der Zeit bei ihnen aufgehört, und bei dem Entstehen der Musik angefangen hätte. Dieß war eine zweite ganz unvorhergesehene Bedingung für meine Arbeit, eine Bedingung, welche die Unerschrockensten unter den Musikern meiner Art hätte abschrecken können, denn sie nöthigte mich, die umfangreichen Gräber Burney's und Forkel's zu öffnen, mich in das Lesen der alten Partituren und alten Theorieen des Contrapunctes zu vertiefen, zu lernen mit den Angen zu hören, und eine lange Zeit, ganze Jahre auf diese Studien zu verwenden, wenn ich Nutzen daraus ziehen wollte.
Nachdem ich gesehen hatte, wie die Musik vor Mozart beschaffen war, mußte ich zeigen, zu was sie Mozart gemacht hatte; das heißt, ich mußte die Meisterwerke Mozart's analysiren, ihnen besondere Abschnitte widmen; dieß war die dritte, ebenso lästige Bedingung, die ebenfalls bei meiner ursprünglichen Idee von dem Buche, und zwar vermöge eines zweifachen Fehlers in meinem Calcul, nicht in Betracht gekommen war. Ich glaubte nämlich, es wäre über diese Meisterwerke Alles gesagt, als wenn es möglich wäre, einen solchen Gegenstand jemals zu erschöpfen. Sodann dachte ich nicht daran, daß ein Ausschließen der kritischen Beleuchtung seiner Werke aus der Biographie eines Musikers, soviel heiße, als über die hauptsächlichsten Handlungen seines Lebens zu schweigen, die eben diese Werke bilden. Jedenfalls schien dieser unvermeidliche Theil meiner Aufgabe, die Viele vor mir und darunter Einige mit Glück schon versucht hatten, sehr schwierig zu lösen.
Ich gestehe, daß bei diesen unvorhergesehenen Schwierigkeiten, diesen mühsamen und langwierigen Studien gegenüber, der Muth mich mehr als ein Mal zu verlassen drohte. Mehr als einmal ließ ich eine Arbeit, mit dem Entschlüsse, sie nicht mehr aufzunehmen, liegen, die nur einen Zeitvertreib hatte abgeben sollen, und nun nach und nach zu einer ernsthaften Beschäftigung meines Lebens geworden war. Reisen und mannigfache Geschäfte veranlaßten mich oft, die Feder niederzulegen; aber der Gedanke an Mozart verfolgte mich fortwährend, und trieb mich immer wieder an, sie von Neuem zu ergreifen. Die Zeit, welche ich bereits dem Buche geopfert hatte, der Vorwurf der Muthlosigkeit, den ich mir machte, und der stets am mächtigsten die mit einiger Energie begabten Menschen antreibt; eine die Trägheit überwiegende Neugierde, auf was ich wohl stoßen werde, wenn ich mit Fleiß und Ausdauer fortfahren würde; dieß Alles zusammen und noch mehr die zunehmende Begeisterung, mit der mich der Gegenstand meiner Studien erfüllte, erlaubten mir endlich das, was ich etwas leichthin begonnen hatte, so wie ich es gewollt, zu Ende zu bringen.
Dankbarkeit und Freundschaft legen mir die Pflicht auf, die Personen zu erwähnen, welche mir in meiner Arbeit eine zwar indirekte, aber nichts desto weniger sehr werthvolle Hülfe angedeihen ließen. Eine lange Uebung hatte mich zwar in Stand gesetzt, Partituren ziemlich geläufig zu lesen, das heißt die Musik im Geiste zu hören; aber dieses geistige Hören konnte doch nicht immer das wirkliche Hören ersetzen; ebenso wie das Hören allein auch nicht hinreicht, um Werke, die im contrapunctischen und fugirten Style geschrieben sind, zu beurtheilen. Der Zufall führte aber mehrere ausgezeichnete Dilettanten in unsere Stadt Nischnei, unter anderen den Collegienrath Koudriawzeff, einen trefflichen Violoncellisten, und den Obersten Verstowsky, der ausgezeichnet die Violine, und im Nothfall auch das Violoncell und den Contrabaß spielt. Diese schlossen sich den bereits Anwesenden an, die aus dem Herrn Averkieff, der beinahe alle Saiteninstrumente, namentlich aber die Violine vortrefflich spielt, den Brüdern Zwanzoff, beide gute Musiker, und meiner Wenigkeit, als Violinisten bestanden. So hatten wir also ein Quartett und Quintett. Um aber größere musikalische Werke in Angriff nehmen zu können, mußten wir einen Dirigenten haben, und dieser fand sich in Herrn Kindt, Capellmeister des Reserve-Infanteriecorps, wie wir keinen bessern hätten wünschen können, und welcher mit seinen ungemeinen Kenntnissen für jedes Theaterorchester eine ausgezeichnete Acquisition wäre. Dem Liebhaber-Quartett schlossen sich einige Musiker unseres Theaters an, und so hatten wir ein vollständiges Orchester. Zu den Gesangspartieen nahmen wir zu den Sängern des Herrn Erzbischofs von Nischnei-Nowogorod unsere Zuflucht, der die Güte hatte, sie zu meiner Verfügung zu stellen, und so waren wir im Stande, unser Repertoir weit über meine Erwartungen auszudehnen und mannigfaltig zu machen. So führten wir im vergangenen Winter folgende Werke auf: Das Stabat Mater von Palestrina (allein für Singstimmen); Bruchstücke aus Händel's Messias, einzelne Nummern aus Mozart's Requiem; das letzte der sieben Worte von Haydn mit den Singstimmen, welche er diesem ursprünglich nur für Orchester geschriebenen Werke beigefügt; einen Chor von Sarti und viele andere Chöre; die Symphonie aus C von Beethoven (die erste); die Symphonieen aus C dur (mit der Fuge), und aus G moll von Mozart; die Ouverturen zu Don Juan, der Zauberflöte, den Hugenotten und anderen Opern. Außerdem spielten wir noch die Quartetts und Quintetts der drei Väter (so nennen wir nämlich in unserm musikalischen Jargon Haydn, Mozart und Beethoven), beinahe alle Werke dieser Gattung von Onslow; die Quartetts von Cherubini, Spohr, Ries, Mendelssohn-Bartholdy und anderen; endlich auch das Octett des letztern Componisten (für vier Violinen, zwei Bratschen und zwei Violoncells), das trotz seiner Schwierigkeiten sehr gut ging. Ich hatte auch die Quintetts Boccherini's kommen lassen, allein meine Freunde, welche weniger antiquarisch gesinnt als ich waren, und auch nicht mein Interesse dabei hatten, wollten sie nicht spielen.
Auf diese Weise gelang es mir, in der guten Stadt Nischnei-Nowogorod, deren herrliche Lage nicht weniger Interesse verdient als ihre kaufmännische Bedeutung, am Sitze des Weltmarktes, in der Königin der Wolga und Oka, mehrere Meisterwerke zu hören, die ich nie zuvor gehört hatte, und den Eindruck zu vervollständigen, den sie bei'm Lesen auf mich gemacht hatten.
Fußnoten
1 Diese Gesellschaft ist das schönste musikalische Institut unseres Landes. Sie wurde zu einem wohlthätigen Zwecke gegründet, um den Wittwen und Waisen von Musikern, welche die Ihrigen ohne Vermögen hinterließen, Pensionen und Unterstützungen angedeihen lassen zu können. Der Grundstock der Gesellschaft bildet sich aus den jährlichen Beiträgen, welche die wirklichen Mitglieder, lauter Künstler vom Fache, beisteuern, namentlich aber durch den Ertrag der Concerte, welche sie während der großen Fastenzeit geben. Da hört ein großes und wahrhaft musikliebendes Publikum die Meisterwerke der heiligen Musik und andere classische Produktionen, zu deren würdiger Aufführung sich nirgends sonst ausreichende Mittel vorfänden. Diese großen musikalischen Feierlichkeiten vereinigen die Elite der Künstler und Dilettanten. Die Chöre singen gewöhnlich die Sänger des Hofes, hundert die besten aus dem ganzen weiten Reiche zusammengesuchte Stimmen und die wie ein Mann zusammen wirken; der Stolz der Eingeborenen und die Bewunderung der Fremden.
Ehemals wurden von der philharmonischen Gesellschaft keine Symphonieen aufgeführt, was aber jetzt glücklicher Weise anders ist.
Die Ehrenmitglieder find Liebhaber, welche vermöge ihrer Stellung in der Welt, ihres Vermögens oder ihres Talents, in der Lage waren, sich der Gesellschaft nützlich zu machen. Als ich im Jahre 1827 das Diplom als Ehrenmitglied erhielt, hatte ich nur drei oder vier Personen zu Collegen. Die gegenwärtige Zahl kenne ich nicht.
Erster Band.
1756–1762.
Eine neue Wissenschaft, die Philosophie der Geschichte, lehrt uns die nothwendige und vorausbestimmte Verbindung gewisser, vom menschlichem Willen unabhängigen Thatsachen zu entdecken, welche der Zufall in ihren jetzigen Zusammenhang gebracht zu haben scheint. Aber was ist die Geschichte im weitesten Sinne des Wortes? Ist es nicht die Gesammtheit aller merkwürdigen Begebenheiten, welche auf unserer Erde, seit sie bewohnt ist, geschehen sind? Wenn man daher die leitende Hand der Vorsehung in den Begebenheiten anerkennt, welche das Schicksal mächtiger Reiche entschieden, und die Völker auf so verschiedenen Bahnen ihre Rollen spielen läßt, sollte man andere Begebenheiten, welche außerhalb der politischen Sphäre, dennoch zum Fortschritt der Menschheit beigetragen haben, von blos zufälligen Ursachen abhängig machen? Eine solche Unterscheidung wäre weder philosophisch noch vernünftig. Die Wissenschaften, die Literatur und die Künste können ebensowenig blindlings einherschreiten, als die historischen Begebenheiten. Warum sollten die Gelehrten, die Schriftsteller und die Künstler nicht auch dieselbe göttliche Sendung erhalten haben, wie wir sie bei den an die Spitze von Nationen gestellten Männern – bei Fürsten, Eroberern oder Gesetzgebern anerkennen? Es erfordert nicht viel Scharfsinn um einzusehen, welche göttliche Sendung Peter der Große oder Napoleon zu erfüllen hatten. Und doch wird sich die göttliche Sendung jener, aus einer niederen Klasse auserlesenen Männer, welche durch geistige Eroberungen im Gebiet der Künste und Wissenschaften die Menschheit ihrer gesitteten Vervollkommnung entgegenführten, ebenso deutlich erkennen lassen, wenn man nur nicht in dem Wahne befangen ist, als gehören blos die politischen Begebenheiten in den Bereich der Weltgeschichte.
Unter den Auserlesenen dieser Klasse gibt es wohl Wenige, deren Leben und Wirken so deutlich ihre göttliche Sendung beweist, wie das Leben und Wirken Mozart's. Mozart war ein gottgesandter Tonkünstler. Andere haben dies vor mir gesagt, und dieses Buch habe ich geschrieben, um es zu beweisen!
Johann Chrysostomus Wolfgang Amadeus Mozart wurde den 27. Januar 1756 in Salzburg, der Hauptstadt des nach ihr genannten Erzbisthums, geboren. Er war das jüngste unter sieben Kindern, von denen er und eine um fünf Jahre ältere Schwester allein am Leben blieben. Er stammt aus einer Familie, welche schon im siebzehnten Jahrhundert in Augsburg ansäßig war und dem Handwerkerstande angehörte. Sein Großvater, Johann Georg Mozart, war ein Buchbinder, aus dessen Ehe mit Anna Maria Peterin, der Wittwe eines Buchbinders, mehrere Söhne hervorgingen, darunter Leopold Mozart, geboren am 14. November 1719, der Vater Wolfgangs.
Es sei uns vergönnt, zuerst einige Worte über diesen Mann zu sagen, der wohl verdient, daß man von ihm spricht, und welcher überdies in der Lebensbeschreibung seines Sohnes eine so wichtige Rolle spielt.
Leopold Mozart zeichnete sich als Mensch und Künstler so sehr aus, daß er vermöge seines Charakters, seines Geistes, seiner Frömmigkeit, und seiner mannichfachen, und, wie ich glaube, für einen Musiker jener Zeit sehr seltenen Kenntnisse, eine Zierde jedes andern Standes gewesen wäre. Schon in seiner Jugend fühlte er sich beschränkt in seinen sämmtlichen Verhältnissen und strebte nach einem höheren Ziele. Während seine Brüder in der gewerblichen Stellung des väterlichen Hauses verharrten, wandte er alle Energie seines Willens und seines Verstandes an, um es zum Studiren bringen zu können. Nach langem Emporringen durch die kümmerlichen häuslichen Verhältnisse setzte er es endlich durch, Jurisprudenz studiren zu dürfen, und er begab sich zu diesem Zwecke nach Salzburg. Ohne Zweifel verschaffte er sich, theilweise wenigstens, die Mittel dazu durch Privatunterricht in der Musik, die er von Frühe auf eifrig und gründlich getrieben hatte. Nach vollendeten Studien bewarb er sich um eine Anstellung als Jurist. Seine Bemühungen waren aber erfolglos, und es blieb ihm zuletzt nichts übrig, als bei einem Domherrn in Salzburg, dem Grafen Thurn, in der Eigenschaft eines Kammerdieners in Dienste zu treten. Hier hatte er Muße, sich in der Musik zu üben; namentlich legte er sich eifrigst auf's Violinspiel, so daß er sich bald darin auszeichnete, und einen so bedeutenden Ruf als Violinist erhielt, daß der Erzbischof Sigismund ihn im Jahr 1743 in seine Kapelle nahm, und ihn später zum Hofkomponisten und endlich 1762 zum Vice-Kapellmeister ernannte.
Die Salzburger Hofkapelle gehörte stets zu den besten Deutschlands und zählte unter ihren Mitgliedern viele ausgezeichnete Künstler, wie z.B. Eberlin, Michael Haydn, Adlgasser. Auch Leopold Mozart darf als Zierde derselben betrachtet werden. Wenn auch seine Compositionen das Schicksal so vieler damaliger Gelegenheitsmusik getheilt haben, und jetzt in Vergessenheit gerathen sind, so hat sich doch noch Manches erhalten, das ihn als gründlichen Theoretiker und einer höheren Weihe fähigen Componisten bezeichnet, so namentlich seine Kirchen-Compositionen, darunter eine große Litania de Venerabili, deren Original-Manuscript im Mozarteum zu Salzburg aufbewahrt wird.
Sein vorzüglichstes Werk jedoch, das ihm auch im Ausland einen bedeutenden Ruf verschaffte, ist sein im Jahr 1756 erschienener "Versuch einer gründlichen Violinschule", den er auf seine Kosten zu Augsburg drucken ließ. Es war allerdings zu seiner Zeit der erste Versuch einer gründlichen Methode des Violinspiels, und wie vortrefflich seine Methode sich auch in praktischer Beziehung erprobte, beweist die Thatsache, daß sie lange Zeit in ganz Deutschland beliebt war, in mehreren Auflagen und Uebersetzungen erschien, und noch von Neukomm in einer umgearbeiteten Ausgabe auch für die neuere Zeit brauchbar gemacht werden konnte.
Aber nicht blos als Componist, ausübender Künstler und Lehrer verdient Leopold Mozart die Erinnerung der Nachwelt, auch seinem Charakter gebührt die vollkommenste Achtung. Aus dem Briefwechsel, den Leopold Mozart mit seiner Familie geführt hat, kann man ihn ganz erkennen lernen. Er war ein Deutscher von ächtem Schrot und Korn, ernst, überlegt, methodisch, arbeitsam, äußerst sparsam, ein fast pedantischer Freund der Ordnung und gewöhnt, mit fester Hand die Zügel des Hausregiments zu führen; ein Mann von unerschütterlicher Ausdauer und Rechtlichkeit. Den Großen gegenüber, mit welchen ihn sein Beruf so viele Jahre hindurch in Berührung brachte, beobachtete er ein ehrerbietiges Benehmen, bei welchem er sich aber im mindesten nichts vergab; gegen Leute von seinem Stande war er zurückhaltend, stets höflich, aber kalt. Niemand hatte einen würdigern Begriff von der Kunst und dem hohen Berufe eines Künstlers, wie er nichtsdestoweniger setzte er einen größern Werth auf eine klingende Kundgebung des Enthusiasmus von Seiten des Publikums, als auf jede andere Art von Anerkennung, womit dasselbe ihn an den Tag zu legen pflegt. Das Positive und Gegenwärtige beschäftigte ihn mehr als die Ungewißheit, wie die Nachwelt urtheilen würde. Unter den ihm angeborenen Eigenschaften dürfen wir vielen Scharfsinn und Klugheit nicht vergessen. Bei jedem Geschäfte, in dem es sich um seine Interessen handelte, zeigte Leopold Mozart eine auffallende Gewandtheit, Anderen in die Karten zu sehen, und wir finden ihn häufig geneigt, da etwas Verborgenes vorauszusetzen, wo nichts zu finden war. Bei Allem, was er that, zeigte er stets die ängstlichste Vorsicht. So hütete er sich unter Anderem in den Briefen, die er während seines Aufenthaltes in Italien an seine Frau schrieb, den Betrag seiner Einnahmen dieser mitzutheilen, weil eine Frau Dinge der Art nicht verschweigen könne, und da, wie er sagte, die lieben Salzburger, welche die Reisekosten und andere Auslagen nicht zu schätzen vermöchten, ihn nach diesen Einnahmen für viel reicher halten würden, als er es in der That wäre. Obgleich er sich in seiner Correspondenz stets von Politik fern hielt, so hatte er doch mehrere, sehr schwer zu enträthselnde Chiffern erfunden, die er in dem Falle anwandte, wenn in einem seiner Briefe von seinen Verhältnissen zu hochgestellten Personen die Rede war. Ohne diese diplomatische Vorsicht hätte er es nie über sich vermocht, einem Freunde die Mittheilung zu machen, daß sein Erzbischof ihn schlecht behandle und noch schlechter bezahle.
Meine Leser werden aus diesem wohl ersehen haben, wenn sie es nicht zuvor schon wußten, daß der Compositeur des Don Juan diesem Muster eines vollendeten Spießbürgers nicht sehr gleichen konnte. Sie werden im Gegentheile die Individualität des Sohnes im schneidendsten Gegensatze zu der des Vaters sich entwickeln sehen, indem Beide nichts mit einander gemein hatten, als jene Offenheit und Rechtschaffenheit, die sie, Einen wie den Andern, so ehrenvoll auszeichnete. Allein diese Contraste, sowohl nach Gemüthsart als Temperament, zwischen zwei Wesen, deren Fähigkeiten so verschieden ausfielen, während doch ihre gegenseitige Verbindung unumgänglich nothwendig war, zeigten eigentlich doch nichts Anderes, als die vollkommenste Uebereinstimmung zwischen den Mitteln und dem Zwecke. Die Summe der Fähigkeiten des Einen stellt den reinen Genius dar, die Mensch gewordene musikalische Kunst, das Fleisch gewordene Vermögen übersinnlicher Begriffe. Die Summe der Fähigkeiten des Andern stellt, wie man finden wird, alles das vor, was durchaus nothwendig war, um diesen Genius auf den äußersten Punkt der Möglichkeit des Vollbringens zu erheben, um diese übersinnlichen Begriffe praktisch in eine Menge Meisterwerke zu verwandeln. Einen geeignetern Vater hätte der Sohn gar nicht haben können.
Am 21. November 1747 verehlichte sich Leopold Mozart mit Anna Maria Pertlin, einer Pflegetochter des Stiftes von St. Gilgen. Wie Nissen in seiner Biographie Mozarts sagt, waren Beide von einer so vortheilhaften Körpergestalt, daß man sie zu ihrer Zeit für das schönste Ehepaar in Salzburg hielt. Mozarts Mütter wird als eine gutmüthige und liebevolle Hausfrau geschildert, ohne bedeutende geistige Anlagen, wie man sie so häufig bei Müttern großer Männer findet. Nur ihre Neigung für das Derbkomische, das die Salzburger Frauen charakterisirt, mag ihr Sohn, dessen Briefe namentlich davon übersprudeln, von ihr ererbt haben.
Die Stellung, welche L. Mozart in der erzbischöflichen Capelle einnahm, machte ihm viel zu thun, obgleich seine Besoldung kaum zur Deckung seines Lebensunterhaltes hinreichte. Musikunterricht und der Verkauf seiner Werke mußten das Fehlende ersetzen, um sich mit den Seinigen durchbringen zu können. Natürlicherweise blieb ihm auf diese Art wenig Muße übrig. Schüler und Musikalienhändler wurden aber von dem Augenblicke an vergessen, als der kleine Wolfgang die himmlische Sprache zu stammeln anfing, die kein Sterblicher wie er sprechen sollte. Der Vater hätte selbst den Dienst darüber vergessen, wenn es möglich gewesen wäre, die Fortschritte des Kindes zu überwachen, ohne es ernähren zu müssen. Wir dürfen nicht vergessen, daß L. Mozart mit ganzer Seele Katholik war. Er war daher sogleich mit sich im Reinen, wem er das Wunder, das er vor Augen hatte, zuzuschreiben habe; er erkannte sogleich das in dem Kinde, was wir heutzutage in demselben erkennen; und weil er vollkommen überzeugt war, daß die Vorsehung ihn zum Werkzeuge einer außerordentlichen Erscheinung erkoren habe, so weihte er sein ganzes Ich der Pflege dieser Wunderblume, welche Gottes Gnade ihm hatte erblühen lassen.
Wie wir bereits gesagt haben, so besaß Wolfgang eine ältere Schwester, deren ebenso frühzeitige Talente viel mehr Aufsehen in der Welt erregt hätten, wenn sie nicht durch die des Bruders verdunkelt worden wären. Anna Maria, die man in der Familie Nannerl nannte, war sieben Jahre alt, als ihr Vater mit ihr den Clavierunterricht begann, Wolfgang zählte damals deren drei. Bis dahin hatte man nur eine ungestüme Lebhaftigkeit und eine große Vorliebe für alle Spiele seines Alters bei ihm wahrgenommen, die in dem Knaben die den Kindern seines Alters eigene Naschhaftigkeit weit überwog; auch hatte er stets eine große Empfindlichkeit an den Tag gelegt. Jeden Augenblick fragte er die Personen und die Bekannten des Hauses, ob sie ihn liebten, und wenn sie dies verneinten, fing er an zu weinen. Von dem Tage an, an welchem Nannerl's Unterricht anfing, wurde der Kleine ganz anders. Gespannt und aufmerksam wartete er, bis das Clavier frei wurde, um sogleich ebenfalls sich zu üben. Wenn man ihn ungestört ließ, so sah man ihn ganze Stunden damit hinbringen, Terzen zu suchen, und sein Gesicht strahlte von Entzücken, wenn es ihm glückte, ein harmonisches Intervall zu treffen. Der Vater beobachtete ihn, und wußte nicht, ob er Gewicht darauf legen solle oder nicht. Doch wollte er einen Versuch machen. Man legte dem Kinde einen sehr kurzen Menuet vor. Nach einer halben Stunde spielte das Kind den Menuet so fertig und im Tacte, als man es nur erwarten konnte. Zu etwas längeren Musikstücken brauchte er eine Stunde, und kaum war ein Jahr verflossen, so dictirte Wolfgang seinem Lehrer Stücke, die er erdacht hatte. Er componirte, ehe er eine Note schreiben konnte1. Noch zwei Jahre und der Kleine hätte den guten Clavierspielern seiner Zeit beigezählt werden können.
Der Lehrer, welchen solche Fortschritte im höchsten Grade überraschten und fast beunruhigten, suchte ihn mehr zurückzuhalten, als anzutreiben. Er wagte nicht, ihn so frühzeitig mit den Regeln der Composition bekannt zu machen. Vergebliche Vorsicht, denn bereits beschäftigte der Plan zu einem Clavier-Concert diesen jungen Kopf, aus dem später die Vervollständigung und Feststellung der wahren Regeln der Kunst, sowie die Verwerfung so vieler seither giltigen Grundsätze hervorgehen sollte, welche so lange die Autorität der berühmtesten Theoretiker aufrecht erhalten hatte. Wolfgang fing an, daran zu schreiben, aber ein unerwartetes Hinderniß schien die Ausführung unmöglich machen zu wollen. Weil er seine Feder immer bis auf den Grund des Tintenfasses eintauchte, hatte er statt Noten lauter Kleckse gemacht. Dies machte ihm Vieles zu schaffen; er weinte, doch ließ er sich darum nicht abhalten, fortzufahren. Er wischte die Flecken mit der flachen Hand ab, und fuhr, nur mit den Gedanken beschäftigt, die er im Kopfe hatte, mit dem Schreiben fort. Welches Aussehen das Notenblatt bekam, kann sich Jedermann selbst vorstellen. Der Vater, welcher von dem Unternehmen seines Sohnes nichts wußte, trat in diesem Augenblicke mit einem Bekannten in das Zimmer. "Was machst denn Du da?" fragte er ihn. – "Ein Clavier-Concert; der erste Theil ist bald fertig." – "Laß sehen, das muß was Schönes sein." – "Nein, nein, es ist noch nicht fertig." – Der Vater nahm es ihm aber weg und brach bei'm Anblicke dieses Geschmieres in ein lautes Lachen aus. Als er aber die Composition aufmerksamer durchsah, nahm sein Gesicht einen ganz andern Ausdruck an; Thränen der Freude und Bewunderung rollten über seine Wangen. "Sehen Sie," sagte er zu seinem Freunde, dem Hoftrompeter Andreas Schachtner, dem wir die schriftliche Aufzeichnung mehrerer Anekdoten aus Wolfgangs Kindheit verdanken. "Sehen Sie, wie Alles richtig und regelmäßig gesetzt ist, nur ist's nicht zu brauchen, weil es so außerordentlich schwer ist, daß es kein Mensch zu spielen im Stande wäre." Der Wolfgangerl (wir führen Schachtners eigene Worte an) fiel ein: "Drum ist's ein Concert, man muß so lange exercieren bis man es treffen kann. Sehen Sie, so muß es gehen. Er spielte, konnte aber auch just soviel herausbringen, daß wir kennen konnten, wo er aus wollte. Er hatte damals den Begriff, daß Concert spielen und Mirakel wirken, einerlei sein müsse."
Schachtner, der ein alter Freund des Mozartschen Hauses in Salzburg war, wurde nach Wolfgang's Tode von dessen Schwester, damals Gattin des Freiherrn von Berchtold zu Sonnenburg, Pflegers zu St. Gilgen, um Aufzeichnung der interessantesten Erscheinungen in Mozarts erster musikalischer Entwicklung gebeten, eine Bitte, der er in einem ausführlichen Briefe2 an sie entsprach, welchem wir außer der obigen Anekdote noch folgende Notizen entlehnen wollen.
Auf die Frage was Mozart in seiner Kindheit für Lieblingsspiele hatte, antwortete er: "Auf diese Frage ist nichts zu beantworten: denn sobald er mit der Musik sich abzugeben anfing, waren alle seine Sinne für alle übrigen Geschäfte soviel als todt, und selbst die Kindereien und Tändelspiele mußten, wenn sie für ihn interessant sein sollten, von der Musik begleitet werden: wenn wir, Er und Ich, Spielzeuge zum Tändeln von einem Zimmer ins andere trugen, mußte allemal derjenige von uns, so leer ging, einen Marsch dazu singen und geigen. Vor dieser Zeit aber, ehe er die Musik anfieng, war er für jede Kinderei, die mit ein bischen Witz gewürzt war, so empfänglich, daß er darüber Essen und Trinken und alles andere vergessen konnte. Ich ward ihm daher, weil ich, wie Sie wissen, mich mit ihm abgab, so äußerst lieb, daß er mich oft zehnmal an einem Tage fragte, ob ich ihn lieb hätte, und wenn ich es zuweilen, auch nur zum Spaß verneinte, stunden ihm gleich die hellichten Zähren im Auge, so zärtlich und so wohlwollend war sein gutes Herzchen. "
Obiges bestätigt auch Leopold Mozart in einem Briefe an seinen Sohn: "Als Kind und Knab warst Du mehr ernsthaft als kindisch, und wenn Du beim Clavier saßest oder sonst mit Musik zu thun hattest, so durfte sich niemand unterstehen Dir den mindesten Spaß zu machen. Ja Du warest selbst in Deiner Gesichtsbildung so ernsthaft, daß viele einsichtsvolle Personen wegen dem zu früh aufkeimenden Talente und Deiner immer ernsthaft nachdenkenden Gesichtsbildung für dein langes Leben besorgt waren."
"Fast bis in sein zehntes Jahr," erzählt Schachtner, "hatte Mozart eine unbezwingliche Furcht vor der Trompete, wenn sie allein, ohne andere Musik geblasen wurde; wenn man ihm eine Trompete nur vorhielt, war es ebensoviel, als wenn man ihm eine geladene Pistole aufs Herz setzte. Papa wollte ihm diese kindische Furcht benehmen, und befahl mir einmal trotz seines Weigerns ihm entgegen zu blasen, aber mein Gott! hätte ich mich nicht dazu verleiten lassen. Wolfgangerl hörte kaum den schmetternden Ton, ward er bleich und begann zur Erde zu sinken, und hätte ich länger angehalten, er hätte sicher das Fraise3 bekommen."
Doch zurück zu den ersten Compositionsversuchen Mozarts. Diese fallen, wie wir oben gesehen haben, in sein viertes Jahr, und erregten so sehr die Aufmerksamkeit seines Vaters, daß er bald anfing, dieselbe zu sammeln. Er trug sie mit genauer Zeitangabe sorgfältig in ein Buch ein, welches Wolfgangs Schwester als ein theures Vermächtniß bewahrte. Man findet in Nissens Biographie mehrere Beispiele dieser kleinen Arbeiten, so wie auch die ersten Stücke, die sein Vater ihn spielen lehrte. Da es höchst interessant ist, den Entwicklungsgang eines Künstlers von seinen Uranfängen an verfolgen zu können, so mögen hier zwei dieser ersten Versuche folgen, wobei wir bemerken, daß wir hier, sowie in den im Verlaufe dieses Werkes gegebenen Notenbeispielen, zur Bequemlichkeit unserer Leser stets den nun außer Gebrauch gekommenen Diskantschlüssel mit dem jetzt allgemein üblichen Violinschlüssel vertauscht haben4.
Nro. 1
Comp. im Januar 1762.
Nro. 2
Comp. 4. März 1762.
Aber nicht allein in der Musik, sondern in Allem, was man den kleinen Wolfgang lehrte, zeichnete er sich aus. Ein ganz besonderes Talent zeigte er aber namentlich für die Mathematik, diese dem musikalischen Genius so nahe verwandte Wissenschaft; er wurde auch in der Folge ein gewandter Rechner, und löste leicht die verwickeltsten arithmetischen Aufgaben im Kopfe auf. Sein Gedächtniß, von dem er ganz merkwürdige Proben ablegte, war in der That ebenso außerordentlich als sein Genius. "Was man ihm immer zu lernen gab," sagte Schachtner, "dem hing er so ganz an, daß er alles Uebrige, auch sogar die Musik auf die Seite setzte; z.B. als er Rechnen lernte, war Tisch, Sessel, Wände, ja sogar der Fußboden voll Ziffern mit der Kreide überschrieben."
Interessant sind auch die folgenden Charakterzüge, die sowohl Schachtner, als sein Vater von ihm aufgezeichnet haben. Mozart verrieth als Kind nichts weniger als Stolz oder Ehrsucht: denn diese hätte er nie besser befriedigen kennen, als wenn er Leuten, die die Musik wenig oder gar nicht verstanden, vorgespielt hätte, aber er wollte nie spielen, außer seine Zuhörer waren große Musikkenner, oder man mußte ihn wenigstens betrügen und sie dafür ausgeben. Seine Bescheidenheit war so groß, daß er zu weinen anfing, wenn man ihn zu sehr lobte. Er war so folgsam selbst in Kleinigkeiten, daß er nie eine körperliche Strafe erhalten hat. Er hatte eine so zärtliche Liebe zu seinen Eltern, besonders zu seinem Vater, daß er eine Melodie componirte, die er täglich vor dem Schlafengehen sang, wozu ihn sein Vater auf einen Sessel stellen und immer zweistimmig mitsingen mußte. Wenn diese Feierlichkeit vorbei war, welche keinen Tag unterlassen werden durfte, küßte er dem Vater noch ein Mal mit innigster Zärtlichkeit die Nasenspitze und sagte oft: "wenn der Vater alt wäre, würde er ihn in einer Kapsel, vorn mit einem Glase, vor aller Luft bewahren, um ihn immer bei sich und in Ehren zu halten." Auch während des Singens küßte er bisweilen die Nasenspitze des Vaters, und legte sich dann mit voller Zufriedenheit und Ruhe zu Bett. Dieses trieb er bis in sein zehntes Jahr. Die Worte waren ein verketzertes Italienisch und lauteten ungefähr: oragna figata fa marina gamina fa. Die Melodie giebt Nissen in folgendem Beispiele:
