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Die Geschichte einer grundehrlichen, hilfsbereiten, wunderschönen jungen Frau, die so müde in der Seele ist, dass sie sich als lebende Tote durchs Leben bewegt, geschickt ihre Show abzieht, sodass niemand etwas bemerken solle. Die Kindheit verbracht in einer Alkoholiker-Familie, total überfordert von der kindlichen Liebe zum Vater, der jeden Abend mutierte vom liebevollen Hochbegabten zum verabscheuungswürdigen Psychopathen. Die Jugend nur durch Zufall überlebt, schon damals resigniert angesichts all der Lügen, des Neids und der Tatsache meist nur nach Äußerlichkeiten beurteilt und als Lustobjekt gebraucht zu werden. Erst die Geburt einer Tochter gibt dem tristen Dasein ein wenig Sinn, jedoch meint das Schicksal die junge Frau sei auserkoren um ewig zu lernen und so wollen die Sorgen nicht enden. Als das Kind auch noch an Krebs erkrankt, beginnt ein erbitterter Kampf um Leben und Tod, der die junge Mutter sehr schwächt. Eine bildhübsche tapfere Frau, die letztendlich zerbricht als sie sich noch einmal auf eine neue Liebe einlässt. Dieser Mann beraubt sie endgültig all ihrer Kraft.
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2021
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„Dieses Buch widme ich euch, die ihr euer Leben meistern müsst, begleitet von einer großen Traurigkeit. Einer Traurigkeit, überdie man nicht spricht, die keiner hören will, die nicht Betroffene nervt. Euch, die ihr den Sinn nicht finden könnt, euch, die ihrSchmerzen ertragen müsst, die ihr nicht fähig seid zu erklären, oder zu beschreiben. Euch, die ihr geboren wurdet mit zu viel Gefühl, eigentlich nicht fähig, in dieser Welt zu bestehen.“
Die Geschichte beschreibt die Metamorphose einer einst sehr liebenswerten, gutmütigen, grundehrlichen jungen Frau, die niemals wirklich daran glaubte, der wahren ewigen Liebe zu begegnen und im Unterbewusstsein doch beharrlich ihr ganzes Leben damit verbrachte, diese Liebe trotz Allem zu suchen, zu einer lebenden Toten! Meine Geschichte!
Die Autorin
Emma D. Dragon hatte nie Gelegenheit zu studieren.
Eine sehr einfache Frau aus den Bergen - Lehrmeister das Leben – Worte aus dem Herzen.
Sie illustrierte dieses, ihr erstes Werk mit Fotos der eigen geschaffenen Kunstwerke aus Keramik, durch die sie ihren Schmerz auszudrücken versucht.
Ihr Körper ist noch am Leben – die Seele seit vielen Jahren schwer krank.
Impressum
Emma Dolores Dragon: Müde in der Seele
Copyright: Emma D. Dragon
Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
Schriftsatz, Fotos und Buchcover: Emma D. Dragon
Es begann in den Sechzigerjahren, in einer notdürftig ausgebauten Scheune, bittere Kälte erfüllte den Raum und die Hebamme wurde schon sichtlich nervös. Es war zwar schon das dritte Kind, das meine Mutter gebären sollte, aber ich wollte anscheinend gar nicht so unbedingt heraus zu den Menschen in diese schöne Welt. Nur der Kopf war schon da und der lief schon blau an. Ich würde wohl ein stattlicher Junge werden mit schönen breiten Schultern.
Und dann endlich war es soweit, ein gesundes wunderhübsches kleines Mädchen, über und über bedeckt von einer wohlig wärmenden Fettschicht, erblickte das Licht der Welt.
Das also war mein Start in ein sehr bewegtes, chaotisches, unvergleichliches Leben erfüllt von Freude und Schmerz, endend in einer totalen Katastrophe! Kein außergewöhnliches Leben, ich war keine Wüstenblume, kein Straßenkind, hatte niemals Hunger und immer ein Dach über dem Kopf und niemand schlug mich mit Fäusten, eigentlich ein ganz normales Leben, aber trotzdem möchte ich euch meine Geschichte erzählen.
Viele Passagen meines Weges konnte mein total überfordertes Gehirn irgendwann leider nicht mehr speichern und an meine Kindheit kann ich mich nur vage erinnern.
Wir wohnten am Land, bei meiner Großmutter im Haus, unten waren Tante, Onkel, Cousins und Cousinen einquartiert, im oberen Stockwerk hatten wir zwei Zimmer zur Verfügung. Sehr einfach eingerichtet, die Möbel fast alle selbst gebaut von meinem Vater, der Zeit seines Lebens ein begnadeter Handwerker war und es verstand, mit primitivstem Arbeitsgerät und aus einfachsten Materialien wunderschöne, gemütliche Sachen zu bauen und auch mich zu begeistern von seinen vielen Talenten. Schon in früher Kindheit interessierte ich mich meist für alle Arbeiten die eigentlich von Männern verrichtet werden sollten, was mich jedoch keineswegs davon abhielt diese auch zu erlernen. Mauern, verputzen, Fliesen legen, Wände malen, Holz hacken, welches Handwerk auch immer, es war für mich immer eine Freude mich darin zu versuchen und da mein Vater großes Vertrauen in mich setzte und auch viel Geduld für mich aufbrachte, wurde aus mir dann auch eine sehr geschickte Handwerkerin.
Wir, das waren meine Eltern und mein älterer Bruder (es gab auch noch eine ältere Stiefschwester, die hatte man jedoch meiner Mutter nach der Scheidung von ihrem ersten Mann weggenommen und ich sollte sie erst kennenlernen, als sie schon achtzehn Jahre alt war). Es war ein sehr einfaches Dasein, im Kindesalter noch völlig unbeschwert zumal man alles ja eigentlich gar nicht richtig verstand und in der kindlichen Unbeschwertheit auch nichts hinterfragte.
Beeindruckend war für meinen Bruder und mich zum Beispiel, wenn es an den Adventsonntagen im Untergeschoß für die Kinder eine kleine Schale gefüllt mit ein paar Nüssen und einer Mandarine gab, das konnten wir uns nicht leisten. Kurz vor Heilig Abend verschwand jedes Jahr meine Puppe auf sehr mysteriöse Weise, damit meine Ma ihr ein neues Kleid nähen konnte. Und einmal wurde eine Fotografie von meinem Bruder und mir gemacht, da musste ich mir von meiner Cousine eine „schöne“ Puppe leihen, für das Bild! Aber das alles war selbstverständlich für uns und es war eine wunderbare Zeit gefüllt von Abenteuern, die wir beim Herumtollen in der Natur erfuhren, ganz ohne Spielsachen, Computer oder Hightech.
Nur hatte ich schon immer eine panische Angst vor dem Alleinsein und erinnere mich, dass ich oft völlig durchnässt von Angstschweiß unter der Decke lag, mich nicht einmal getraute, sie leicht anzuheben, um zu atmen. Die Angst war mein ständiger Begleiter und ich hasste die schlimmen Träume, die mich verfolgten. Das Resultat daraus war wohl, dass ich bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr Bettnässerin war und mich dazu noch jeden Tag abgrundtief schämte.
„Auch wenn sie euch tausendmal sagen: „Das gibt es doch gar nicht, du musst dich doch nicht fürchten!“ Ich kenne das Gefühl, das einem keiner zu nehmen vermag. Zu wissen, dass es dumm ist, es aber nicht abschalten zu können, es ist einfach da. Schämt euch nicht, sprecht darüber!“
Meine Mutter strahlte für mich immer sehr viel Ruhe aus und ich kann mich nicht erinnern, sie jemals schreien gehört zu haben. Nach ihren Erzählungen verließ sie bereits im vierzehnten Lebensjahr das Elternhaus da sie sehr streng erzogen wurde, ihr Bruder ständig der Bevorzugte war und sie die Schläge, im wahrsten Sinne des Wortes, einsteckte. Sie war später für mich das Schaf der Familie und mein Vater war in betrunkenem Zustand der Wolf. Manchmal wenn ich versuchte mein Wesen zu ergründen, stellte ich fest, viel von beiden zu haben und bezeichnete mich für mich selbst als „Scholf“. Wie sehr mich diese Mischung zerreißen sollte erfuhr ich aber erst sehr viel später.
Einen Großteil der Erziehung übernahm unsere Großmutter, bei der wir uns sehr oft aufhielten, nachdem wir mit den Eltern in eine eigene Wohnung im Dorf gezogen waren. Eine sehr energische Frau, die ihr Leben als Geschiedene, was damals durchaus ein schweres Los war, bravourös meisterte.
„Liebe Oma, was hast du nicht alles für uns getan, wie oft denke ich an dich und wünsche mir, du könntest mich manchmal unterstützen von dem Ort aus an dem du jetzt bist, sagt man doch, ihr könnt uns Energie schicken aus der Unendlichkeit. Wie schön, dass alle in den Herzen weiterleben dürfen!“
Meine Mutter erklärte mir irgendwann, dass sie uns so oft zu Oma gab, weil sie uns schützen wollte, damit wir nicht so nah am „Geschehen“ sein mussten. Irgendwann mussten wir dann ganz weg von der Großmutter und bekamen den vollen Überblick. Jeden Tag Tränen, jeden Tag dasselbe Ritual – warten bis mein betrunkener Vater hungrig wurde, damit er nach dem Essen gleich einschlief. Dann hieß es absolute Ruhe, denn wenn er aus seinem Schlaf aufschreckte bedeutete dies die Hölle für uns alle, er wurde unberechenbar, aggressiv, provozierte jedes Mal Streit, obwohl niemand wagte, auch nur ein Wort zu sagen oder gar zu widersprechen.
Einmal schnappte er sich unseren geliebten kleinen Hund, erklärte uns, dass er ihn jetzt umbringen würde und ging mit einer Axt hinaus zur Werkstatt. Wir saßen im Wohnzimmer - weinten zusammen mit unserer Mutter - hatten aber nicht den Mut etwas zu erwidern - niemals! Er kam mit unserem Liebling, der sichtlich verstört war aber noch lebte, wieder zurück, denn so etwas brachte Vater wohl nicht einmal in betrunkenem Zustand fertig.
Schlimme Erinnerungen blieben auch von dem Tag, als er sich ein Seil und einen Sessel schnappte, zum Dachboden ging und uns mitteilte, dass er sich erhängen wolle. Mein Herz klopfte bis zum Hals und die Tränen schossen nur so aus den trüben Kinderaugen, ich fasste all meinen Mut zusammen und zum ersten Mal schrie ich ihn an, schrie um sein Leben, schrie, um meinen geliebten Papa nicht zu verlieren. Auf einen Schlag war er nüchtern, nahm mich an der Hand und brach sein Vorhaben ab.
Jedes dieser Ereignisse schnitt tiefe Narben in mein Herz, die wohl niemals heilen wollten und mein Erinnerungsvermögen hat sehr viele Momente „gestrichen“, eine ausgesprochen positive Eigenschaft des Menschen, denn diese Chaossituationen standen bei uns an der Tagesordnung. Als wir noch kleiner waren versuchte uns unsere Mama immer verständlich zu machen, dass sie jeden Tag „Augenpflege“ mache, wenn sie weinte – und wir haben es geglaubt! Inzwischen hatte diese „Augenpflege“ auch schon auf mich und meinen Bruder übergegriffen und wir verbrachten eine gestörte Kindheit – da waren wir sicher nicht die Einzigen! Wie viele grausame traurige Schicksale existieren wohl hinter verschlossenen Türen?
„Doch ihr seid nicht allein! Meine Gedanken begleiten euch und ihr sollt wissen, dass nicht alle Menschen euer Leid ignorieren, ihr hilflosen verängstigten Geschöpfe, ich wünschte ihr fändet alle die Kraft euch aufzulehnen und zu flüchten, bevor auch eure Seelen Schaden nehmen!“
Mein Vater – ein sehr intelligenter, dominanter Mann, eine verpatzte Existenz, ein riesengroßes Herz – eine lange Geschichte!
In der Nachkriegszeit verbrachte er eine sehr harte Kindheit in bitterer Armut mit sieben Geschwistern und einer viel zu stolzen Mutter, den Vater hatte er im Kampf gegen den Krebs verloren als er selbst gerade einmal zehn Jahre alt war. Es gab nichts zu essen und alles was barmherzige Menschen geben wollten wurde aus Stolz verweigert. Im vierzehnten Lebensjahr versuchte er sein Glück beim Heer, wo man dem Kind mit einem Schmunzeln auch prompt das Rauchen beibrachte und es mit dem Alkohol bekannt machte, wovon der Junge sein Leben lang nicht mehr loskommen sollte und sich somit niemals die Chance gab seine vielen Talente zu nutzen, wohl oder übel Zeit seines Lebens unglücklich dahinvegetierte und niemals fertig wurde mit dem Wissen nichts erreicht und eigentlich versagt zu haben.
So zogen wir also durch die Gegend wie Zigeuner, immer wenn es zu Differenzen mit Vermietern kam, brachen wir unsere Zelte wieder ab. Diese ständige Angst, es könnte an der Tür klingeln, wenn mein Vater zu viel getrunken hatte, Streit war vorprogrammiert und das Ergebnis war Flucht, er hatte nie verstanden, dass er vor sich selbst nicht flüchten kann und log sich natürlich sein Leben lang vor, dass er kein Alkoholiker sei und man ihm sowieso nichts anmerkte – weit gefehlt! Wie sehr hatte ich mir gewünscht irgendwo sesshaft werden zu dürfen und gute Freunde zu gewinnen. Leider blieben meine Träume unerfüllt und irgendwie setzte sich das Nomadenleben dann bei mir auch im Erwachsenenalter fort, so, als ob ein Fluch auf mir lastete.
Schon bald bemerkte ich, dass mein Sinn für Gerechtigkeit und mein Drang zu helfen sehr stark ausgeprägt waren. Wenn meine Cousine einen Käfer fing, um ihm einen Strohhalm in den Körper zu bohren, damit sie belustigt beobachten konnte, wie er versuchte damit zu fliegen, rastete ich völlig aus vor Entsetzen. Bis zu meiner Jugend stellte ich dann fest, dass mir die Gesellschaft und die Menschen mit ihrer Grausamkeit überall in der Welt derartige Schmerzen bereiteten, dass es mir unmöglich war einen Sinn im Leben zu erkennen. Ich schämte mich, eine von denen zu sein und wünschte mir oft ein Gesicht voller Narben, um nicht ständig den Schlägen auf meine Seele ausgesetzt zu sein. Umgeben von Lügen, Eifersucht und Heuchelei versuchte ich, die Menschen in ihrem Handeln zu verstehen. Von niemandem vorbereitet auf die Härte, die Berechnung, den Neid und den mangelnden Respekt der menschlichen Rasse vor allem Leben und der Natur begann mein Albtraum des Erwachsenwerdens.
„Wie viel Leid habt ihr mir bereitet, was habe ich euch getan? Wollte doch nur geliebt werden und versuchte jedem alles recht zu machen. Liebe Welt, liebe Tiere, es tut mir so unendlich leid, dass ich aus lauter Schwäche nicht im Geringsten fähig bin euch zu helfen. Welche Qualen fügen wir euch zu, welche Arroganz versteckt sich in der Aussage: Wir Menschen sind intelligent?“
Aus dem Baby das über und über mit einer Fettschicht bedeckt das Tageslicht erblickt hatte, war ein wunderschönes, schlankes, hochgewachsenes Mädchen geworden mit langem, dichtem, gewelltem hellbraunem Haar und rehbraunen neugierigen Kulleraugen, die sich ins Grüne verfärbten, wenn es zornig war. Ein Gesicht wie ein Engel und eine Figur, perfekt proportioniert, lange Beine, pralle Brüste, eine Wespentaille und natürlich immer noch die breiten Schultern. Hätte der Schöpfer diese junge Frau nur mit einem kleinen bisschen weniger Herz, Charakter und Gewissen ausgestattet, wäre aus ihr wohl eine sehr verwöhnte Dame eines vermögenden Gönners geworden.
Die Vorsehung hatte aber ganz andere Pläne mit dem armen Ding!
Ein ganzes Meer von Tränen und unbeschreibliche Schmerzen sollten ständige Begleiter meines Lebens werden.
Die erste Liebe, so viel Geborgenheit, Zärtlichkeit, Zuneigung und das Gefühl einfach nur das Allerwichtigste für den geliebten Menschen zu sein. Jemandem meine überwältigende Liebe schenken zu dürfen und zu sehen, dass er sie annimmt, aufsaugt und völlig neue Welten entdeckt, das waren die Momente, in denen ich sagen konnte: „Ich lebe!“
Es war ein sehr aufgeweckter lebenslustiger junger Mann, dessen zu Hause starken Einfluss nahm auf mein späteres Lebensziel. Er hatte sieben Geschwister, Vater und Mutter lebten in absolutem Einklang und hielten sich bei ihren Spaziergängen sogar nach vielen Ehejahren noch ganz verliebt an den Händen und stets gab es in der Familie ein buntes Treiben. Das war es, was auch ich anstrebte, das war meine Sehnsucht. Alles was ich je erreichen wollte, bestand darin eine Familie zu gründen und meinen Kindern all das zu geben, was mir leider nie zu Teil wurde. Das war alles, keine Karriere, kein Reichtum, nur eine Familie, einen Menschen, der mir jeden Tag mit kleinen Gesten zu verstehen gibt, dass ich die Welt für ihn bedeute, dass ich mich fallen lassen darf und nie mehr Angst fühlen muss!
Der junge Mann war sehr geduldig mit mir, ich war bereits bekannt als „eiserne Jungfrau“ und er musste ein halbes Jahr warten, bis ich mich endlich „traute“. Wir waren zu Besuch bei einer sehr guten Freundin und hatten beschlossen „es“ in dieser Nacht zu wagen. Für mich war es sehr schmerzhaft und peinlich, das ganze Laken war voll Blut und die Vorstellung, dass dieses nun zur Wäsche der Familie kam erfüllte mich mit großer Scham. Es war nicht so, wie alle schwärmten, die romantische Vereinigung zweier Liebender, nicht so, wie es in den Romanen zu lesen war. Nein – ich empfand zwar unendliche Liebe im Herzen doch mein Körper fühlte anders! Auch die nächsten Male bereiteten mir große Schmerzen, so hatte ich es mir nicht vorgestellt. Aufklärung war damals eher tabu und alles was ich über Liebe wusste, oder mir einredete, war so romantisch und unbeschreiblich. Mein Freund hat nie erfahren, dass ich nur Schmerzen empfand.
Die Beziehung hielt nur ein Jahr lang, ich hatte es nicht geschafft. Meine Eltern hatten unseren Wohnsitz ins Ausland verlegt und der Belastung der weiten Entfernung hatte ich nicht standgehalten und so die Freundschaft beendet. Die Liebe hatte aufgehört, einfach so, es gab keine Chance mehr für mich und dies war meine erste Entscheidung, die ich nicht treffen wollte. Warum in Gottes Namen konnte mir denn keiner helfen, mir sagen warum es so weit gekommen war und mir meine Entscheidung abnehmen. Zeit meines Lebens hasste ich nichts mehr als Entscheidungen zu treffen, da den Kampf um die Antwort bei mir immer das Herz gewann und niemals der Verstand, was natürlich fatale Auswirkungen mit sich zog. Niemand hatte mich vorbereitet auf die Realität, niemand hatte mir jemals erklärt, dass ich mich nicht in einem Roman befand, niemand hatte mich je „leben“ gelehrt!
„Mein Lieber, wie wäre wohl alles verlaufen, wenn mir damals schon bewusst gewesen wäre, wie krank meine Seele ist?“
So vergoss ich also die ersten Tränen der Liebe, eigentlich, weil es mir das Herz zerriss, jemanden verletzen zu müssen, weil ich es einfach nicht verstand! Was war bloß los mit mir? Niemand konnte mir jemals erklären, wohin die Liebe ging, oder mir helfen und es sollte für mich ein sehr trauriges, bewegtes, von Emotionen geleitetes Leben werden bis zum Schluss!
Ich lebte bei meinen Eltern, wieder einmal in einer völlig fremden Stadt und traute mich nirgends allein hinzugehen, denn das schickte sich nicht für ein junges Mädchen. Meine extreme Schüchternheit war mir beim Knüpfen von neuen Kontakten auch nicht sehr hilfreich und so verbrachte ich meine Abende zu Hause und werkte fleißig kreativ vor mich hin.
In dem fremden Land hatte ich den Einstieg ins neue Schuljahr verpasst und so musste ich auf den Beginn des neuen Schuljahres warten, um vielleicht in der neuen Schule Anschluss zu finden. Die Tage waren lang und die Nächte noch länger. Es ist sehr bedrückend für einen Teenager sich wertlos und ungebraucht zu fühlen und so kam es, dass ich ohne Schlaftabletten keine Ruhe mehr fand.
„Wie funktionieren die Menschen eigentlich? Was würde ich alte Frau dafür geben, könnte ich der Jugend den Schmerz einer kaputten Liebe nehmen, könnte ich ihr erklären, dass die Zeit Wunden heilt, dass man Ruhe bewahren soll! In Gedanken muss ich alles noch einmal durchleben, denn ich fühle so sehr mit, kenne ich doch diese Qualen nur zu gut! Aber so ist es schon seit eh und je, jeder möchte seine eigene Welt durchleben auf seine Art und sich von niemandem etwas sagen lassen. Alte Menschen werden gütig belächelt, können jedoch die Gefühlswelt, die sie erforscht haben, nicht glaubhaft erklären und nicht ihr Wissen weitergeben, um andere Seelen vor Narben zu bewahren. Ich kann euch nicht helfen, aber ich fühle mit euch, so sehr, dass mich jeder Tag traurig macht und es mir schwer fällt immer wieder aufzustehen.“
Damals hätte mir mein Herz schon gesagt, dass ich meine Berufung im Umgang mit Tieren finden könnte, aber niemals hätte ich es gewagt, allein in einer Großstadt zu wohnen, um dort eventuell den Beruf der Tierpflege zu erlernen. Meine Mutter ermöglichte mir stattdessen, auf eine private Wirtschaftsschule zu gehen, in der Hoffnung, dass aus mir einmal etwas würde. Die Arme bezahlte viel Geld dafür, mir eine bessere Zukunft als die ihre zu ermöglichen, sie wusste, dass ich klug war. Erst heute, nachdem ich selbst Mutter bin, kann ich nachvollziehen, wie viel Kummer ich ihr bereitet haben muss. Sie selbst war damals in einer schlimmen Situation, litt an Angstzuständen und bewegte sich an Rande des Wahnsinns. Keiner von uns wollte das sehen, keiner von uns konnte helfen, keiner erkannte die Ernsthaftigkeit ihrer Lage, ihre Verzweiflung, ihre Hilflosigkeit. Wir waren doch immer zu sehr beschäftigt mit uns selbst!
„Arme Mama, ich hoffe du siehst mich und hörst meine Gedanken, die sich so oft um dich drehen und dich um Verzeihung bitten, für all das, was ich nicht für dich getan habe und dafür, dass ich erst heute, nachdem ich selbst diese Schmerzen nachvollziehen kann, richtig verstehe!
Wie sehr haben wir belächelt, wenn dir bei trauriger Musik immer gleich die Tränen über die Wangen kullerten. „Mama, das ist doch nur ein Lied. Damit wollen die Leute ein Geschäft machen, glaub doch nicht alles und nimm es dir nicht so zu Herzen!“ Das waren unsere Kommentare und prompt würgtest du deine Gefühle ab, um uns ja alles recht zu machen. Heute kenne ich selbst den Schmerz, dieses unbeschreibliche Gefühl, diese Welle, die durch den ganzen Körper rollt, wenn eine Melodie oder eine Stimme einen Menschen im tiefsten Inneren berührt und das Herz anfängt zu klopfen, dass man Angst bekommt, es könnte irgendwann aufhören zu schlagen vor Aufregung, die Augen plötzlich feucht werden und du mitfühlst und dich irgendwo selbst wiederfindest im Text oder aber nur berührt wirst von einer unglaublich wärmenden Stimme, die dir den Brustkorb auf unerklärliche Weise zusammenpresst, du den Text nicht verstehst und trotzdem genau weißt worum es geht. Heute ist es für mich ein unergründliches Phänomen, auf der einen Seite schmerzhaft, auf der anderen unbeschreiblich schön zu den Glücklichen gehören zu dürfen, die so fühlen können.
Könnte ich meinem Kind simulieren, wie es sich anfühlt keine Mama mehr zu haben und alleingelassen zu werden mit diesem Gefühl sie vernachlässigt zu haben, dann………?“
Eines Tages, es war kurz nach Beginn des neuen Schuljahres, nahmen mich ein paar Kumpels mit in ein Tanzlokal im Ort. Es sollte ein schicksalhafter Tag für mich werden, hier begann mein „Sterben“!
„Armes, dummes, schüchternes, unerfahrenes, unheimlich gutaussehendes, ahnungsloses, liebesbedürftiges, krankes Mädchen vom Land - was kam hier auf dich zu……?“
Eine altmodische, geschmacklos eingerichtete Bar mit Livemusik, eine One-Man-Band, so gar nicht mein Geschmack, aber es war eine lustige Runde, wir hatten Spaß! Den ganzen Abend umgarnte mich der Musiker, er sah aus wie ein Zigeuner, langes pechschwarzes gelocktes Haar, dunkelbraune Teddybäraugen, kräftige Statur, eine beeindruckende rauchige männliche Stimme, eine Art väterliche Vertrautheit.
Er wartete bis alle meine Freunde gegangen waren und redete unentwegt auf mich ein, machte mir Komplimente, gab mir das Gefühl etwas ganz Besonderes zu sein und gab mir Alkohol. Plötzlich waren wir fast allein, nur noch das Personal schwirrte herum. Er flehte mich an noch zu bleiben und als ich ihm erklärte meiner Mutter das Versprechen gegeben zu haben nach Hause zu kommen - und ich würde niemals so ein Versprechen brechen - rief er einfach bei mir zu Hause an und versprach hoch und heilig, mich später höchstpersönlich abzuliefern. An den genauen Ablauf kann ich mich bis heute nicht erinnern. Auf jeden Fall stellte sich heraus, dass er der Besitzer dieser Bar war und er brachte mich in ein Hinterzimmer, in das er sich, wie er mir sagte, manchmal zurückzog um „zu ruhen“! Noch heute schäme ich mich dafür, dass er es auf eine mir unerklärliche Weise schaffte, mit mir zu schlafen.
Ganz langsam hatte er sich vorgetastet. „Nur ein Kuss, nur ein wenig streicheln, nur ein ganz klein wenig in mich hineinfühlen – dann kam die volle Wucht des schweren Körpers, ich konnte nichts mehr tun - heute sehe ich es als Vergewaltigung eines unbeholfenen Kindes das nicht die Kraft hatte sich zur Wehr zu setzen. Für mich fühlte sich danach alles schmutzig, beschämend und ekelhaft an. Es gibt Situationen meines Lebens, die ich im Nachhinein unmöglich erklären kann.
Fatal, aber wahr – für mich war eine Welt zusammengebrochen – ich hatte meinen ersten Freund nicht geheiratet, hatte keine Familie gegründet, mich mit einem irren Typen eingelassen! Das war mein „zweiter Mann“, es gab keine andere Möglichkeit, ich musste bleiben, ich war doch selbst schuld, ich war doch freiwillig mitgegangen. Dass ich keine Chance hatte würde sicher niemanden interessieren! In der heutigen Zeit würde mich für diese Denkweise wohl jedes Mädchen belächeln und für geisteskrank erklären, aber für mich war es damals die bittere Realität!
Jeden Abend stellte ich mich nun hinter die Bar in diesem Lokal und arbeitete, natürlich unentgeltlich, brav mit und versuchte meine Sorgen zu ertränken. Die Gäste hatten ihre Freude mit mir und spendierten mir etliche harte Drinks, ich begann sehr starke Zigaretten zu rauchen und versuchte mich so gut als möglich selbst zu belügen. Nach zwei drei Stunden Schlaf ging ich zur Schule, roch verraucht und hatte wohl eine Alkoholfahne, wie mir meine spätere beste Freundin gestand, die den ganzen Unterricht lang neben mir ausharren musste.
Jeden Tag das gleiche Spiel! Das Personal der Bar übernahm so eine Art Beschützerrolle und man sprach sich ab, wie man mich einteilen konnte, damit ich nichts von der „Kundenbetreuung“ meines Geliebten mitbekam. Es gab zwei Theken, ziemlich weit voneinander entfernt. Gesellte sich der Boss an der Unteren zu einer netten Dame, so bestellte man mich sofort zur Oberen und umspann er an der Oberen das nächste Opfer, rief man mich ganz dringend wieder nach unten. Rührend versuchten sie ihr Baby - das war ich - zu verschonen vor der ganzen Schweinerei!
Eines Tages fuhr ich mit meinem „Liebsten“ zum Christbaummarkt - er zerrte mich überall hin mit in die Öffentlichkeit und am liebsten wäre ich im Erdboden versunken vor lauter Scham. Dort verschwand er mit einer der Marktfrauen für kurze Zeit in einem dort abgestellten Wohnwagen, …… mir war übel!
In der Silvesternacht arbeitete ich bis zum Umfallen und als ich mich in das besagte Ruhezimmer zurückziehen wollte, da ich mich vor Trunkenheit und Müdigkeit fast nicht mehr auf den Beinen halten konnte, war das Bett nicht frei und „er“ fragte mich, ob ich denn nicht sehen würde, dass hier schon besetzt sei und forderte mich auf, ihn mit seiner Begleitung alleine zu lassen und mir eine Sitzbank im Lokal zum Schlafen zu suchen.
„Kann man in Worte fassen, wie sehr ein Kind leiden muss in solch einem Moment? Nein! Ich war erst siebzehn Jahre alt! Man kann es genauso wenig in Worte fassen, wie den Schmerz, der mir noch heute das Herz zusammenschnürt, dass es mir körperlich weh tut, wenn die Vergangenheit Revue passiert, den Schmerz, der mich das Schreiben dieser Zeilen so viele Jahrzehnte hat hinauszögern lassen, aus Angst vor den Emotionen!“
Irgendwie war ich es gewohnt immer zu gehorchen und suchte mir tatsächlich eine Bank, aber ich nahm mir ein Glas mit, das ich vorher zerbrach. Verzweifelt versuchte ich, mir die Handgelenke aufzuschneiden, ritzte und ritzte, aber es tat so weh und mich beschlich eine ganz furchtbare Feigheit! Wie in Trance ging ich nach Hause durch den Schleier meiner Tränen, die blutigen Arme eingebunden in Tücher, schlich in mein Zimmer und legte mir eine Platte auf den Plattenteller.
Siebzehn Jahre alt, wunderschön, blondgefärbtes Haar bis zu den Hüften, beneidenswert, überall beliebt und die Welt stand mir offen. Ich wollte sie nicht erkunden, das was ich bisher gesehen hatte, reichte mir völlig aus. Meine sogenannten Freundinnen, denen ich mein letztes Hemd geschenkt hätte, waren neidisch und belogen mich wo es nur ging, meine Eltern hatten sich vor zwei Wochen scheiden lassen, nachdem Papa den Entschluss gefasst hatte, dass sich meine Mutter von ihm trennen müsse, da sie sonst „draufgehen“ würde, und es quälte mich, nicht zu wissen, wo er sich aufhielt und wie es ihm wohl erging. Männer betrachteten mich als Beute und niemand machte sich die Mühe, sich für mein Inneres zu interessieren, überall auf der Welt passierten unbeschreibliche Grausamkeiten, für die ich mich schämte, obwohl ich gar nicht verantwortlich war, wer hätte mir einen Grund nennen können um dem Treiben weiter beizuwohnen? War es Wahnsinn, war es Depression? Leider gab es für mich bis heute keine Antwort.
Leise schlich ich mich ins Badezimmer, dort waren die Schlaftabletten deponiert. Eine Packung würde wohl reichen?! Draußen war es natürlich bitter kalt, Neujahr, Winter, egal – ich ging einfach drauflos und verschluckte bei jedem Schritt eine Tablette, Tränen liefen endlos über meine Wangen……………….!
Wo war ich? Alles war so hell, viele Stimmen, jemand weinte, mein Bruder war auch da und Ärzte! Es war also fehlgeschlagen, oh mein Gott – alles umsonst!
Die Platte in meinem Zimmer war zu Ende gespielt und die Nadel kratzte, das war normal bei den alten Geräten, ich hatte vergessen, den Plattenspieler auszumachen. Von dem Geräusch wurde meine Mutter wach und sie ging in mein Zimmer, um ihn auszumachen. Irgendetwas kam ihr merkwürdig vor, meine Jacke war da und meine Schuhe und es war diese Platte, die sie so sehr hasste, Ludwig Hirsch sang von einem großen schwarzen Vogel, der kommen sollte um ihn zu holen, damit er endlich glücklich sein durfte.
Nachdem sie sah, dass ich gar nicht hier war rief sie sofort meinen Bruder und der sah vor die Haustür, es hatte wohl leicht zu schneien begonnen bevor ich gegangen war und er konnte meiner Spur folgen. Zusammengekauert auf einer Parkbank hatte er mich gefunden. Man brachte mich ins Krankenhaus pumpte mir den Magen aus und nun saß da meine Mama weinte und hielt meine Hand.
„Liebe Mama im Himmel bitte vergib mir all das Leid, welches du durch mich erfahren hast und sag „ihm“ danke, dass er auf mich aufgepasst hat, wenn es auch ein langes Leben voller Schmerzen und harter Prüfungen wurde.“
Man befragte mich immer wieder nach dem Grund meiner Tat und forderte mich auf den Namen des Verursachers zu nennen. Warum hatte ich eigentlich geschwiegen…….?
Am nächsten Morgen besuchte mich die ganze Belegschaft der Bar, alle wollten mich trösten und aufbauen, nur „er“ kam nicht, ihn lies das alles total kalt, dieser Kinderkram interessiere ihn nicht, hatte er verlauten lassen - ich habe ihn nie mehr wiedergesehen.
Also hatte man meinen Körper gerettet, doch meine Seele war tot, das hatten sie nicht bemerkt. Konnte ich das jemandem erklären, würde das jemanden interessieren, konnte ich das damals eigentlich selbst verstehen, ich denke nicht. Es war nur so seltsam, dass ich ab diesem Tage keinerlei Gefühle oder Reaktionen mehr hatte. Plötzlich war ich nicht mehr kitzlig, konnte kein Buch mehr lesen, nicht mehr kreativ sein, wollte gar nicht mehr teilnehmen am Lauf der Welt, mich interessierte nichts mehr, absolut nichts! Jedoch hatte mich der Blick in die verzweifelten Augen meiner Mutter dazu gebracht, ihr zu versprechen, dass ich so etwas nie wieder machen würde.
Eigentlich kam ich mir im Nachhinein egoistisch vor mit meiner Aktion, aber viele Dinge kann man eben erst so richtig verstehen und sich in andere hineinversetzen, wenn man sich irgendwann selbst in derselben Situation befindet. Mir wurde später das Glück zuteil, mit einem unbeschreiblich wunderbaren Kind gesegnet zu werden, das mit beiden Beinen im hart erkämpften Leben steht und sich dieses in keiner Weise von schwachsinniger Schwermütigkeit trüben lässt!
„Danke Universum, danke!“
Sollte ich nun jemandem anvertrauen, dass ich mich „scheintot“ durchs Leben quälte? Wozu jemanden beunruhigen, vielleicht würde ja irgendwann alles gut. Man konnte ohnehin nicht verstehen, dass ausgerechnet ich, die doch alles hatte, so gut aussah und umschwärmt wurde, wie das Licht von den Motten, so zerfloss vor Selbstmitleid.
J.W. von Goethe sagte einst: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß wie ich leide!“
Und die Reise ging weiter, weiter ins Endlose - voller Leid, voller Sehnsucht - aber …. Sehnsucht wonach?
Mein Bruder kümmerte sich rührend um mich und versuchte, mich auf andere
Gedanken zu bringen. Überall hin nahm er mich mit und so kam es, dass wir eines Abends in eine private Bar fuhren, in der anscheinend so richtig was los war. In dieser Zeit trank ich sehr viel Alkohol, er versetzte mich in einen so ruhigen Zustand und erlöste mich ein wenig von meiner Schüchternheit. Am Plattenpult saß ein junger Mann, vielleicht 18 oder 19 Jahre alt, er beeindruckte mich, denn er war wohl der Einzige dort, der absolut nüchtern war und er war genauso schüchtern wie ich.
Es wurde eine große, tiefe, traurige Liebe daraus, die sich über zehn Jahre zog. Er war ein einfacher Bauernjunge und seine Eltern liebten mich, genauso wie ich auch sie. Wir beide schliefen an den Wochenenden wenn wir uns trafen in einem uralten, antiken, extrem schmalen Bett in einer kleinen spärlich eingerichteten Kammer auf dem elterlichen Bauernhof und sprachen gemeinsam Abendgebete, wir waren immer noch Kinder. Nach ein paar sehr glücklichen Jahren gab es dann immer wieder Trennungen, da es für mich tausende Versuchungen gab und ich oft dachte, dass meine „wahre ewige Liebe“ noch nicht gekommen sei. Doch auch all diese Versuche mein Glück zu finden schlugen fehl. Oft war der Auslöser für meine Beziehungen Mitleid, ich schlug mich auf die Seite Benachteiligter oder ungerecht Behandelter und tat mir dabei meist nichts Gutes, ja einmal kostete mich meine mitfühlende Naivität sogar fast mein Leben.
Gerade hatte ich eine Stelle in einer Notariatskanzlei angetreten, schrieb in meiner Freizeit nach Feierabend im Büro die Doktorarbeit für die Schwiegertochter meines neuen Arbeitgebers und tauchte ein in eine mir bis dahin völlig fremde Welt. Wir bearbeiteten hier viele Nachlassgeschichten, Erbsachen, Vormundschaftsfälle und ähnliche Angelegenheiten. Mein Chef, ein älterer Herr gehobenen Standes, kam jeden Morgen zur Tür herein und fragte sogleich alle beschäftigten Damen ob denn das Liebesleben in Ordnung sei, machte schmutzige Witze und fasste schon auch gelegentlich mal einer seiner Damen an den Hintern. Im oberen Stockwerk hatte er sich eine Rückzugsstätte eingerichtet, in der er manch erotisches Abenteuer mit seinen Eroberungen verbrachte, wie man hinter vorgehaltener Hand munkelte. Mir graute vor dem Gedanken, er könnte eines Tages auch zu mir zudringlich werden und mir unmoralische Angebote machen, doch das Schicksal verschonte mich davor, wahrscheinlich war ich ihm mit meinen zwanzig Jahren dann wohl doch ein wenig zu unerfahren.
Schon immer hatte ich großen Respekt vor allen Obrigkeiten, wie der Polizei, Richter, Anwälten, Ärzten oder dergleichen. Aber hier in diesem Umfeld sollte sich dies drastisch ändern. Was ich hier erlebte war für mich absolutes Neuland, enttäuschte mich zutiefst und bestätigte wieder einmal meine Abscheu vor der menschlichen Rasse. Am Rande bekam ich mit, wie man hier mit Vormundschaften umging und es wunderte mich nicht mehr im Geringsten, dass so manches Kind bei Erreichen seiner Volljährigkeit plötzlich mitgeteilt bekam, dass keinerlei Vermögen mehr vorhanden sei, da dies für sehr „wichtige“ Investitionen verwendet worden war, ekelhaft! Auch die vielen Streitigkeiten unter Erben waren alles andere als schön zu beobachten, faszinierend welche Monster Geld und Besitz schaffen konnte, plötzlich war alle Geschwisterliebe oder dergleichen total vergessen, niemand konnte sich an eine Eigenschaft die Charakter genannt wurde erinnern!
Nun gut, eines Tages begann eine meiner Arbeitskolleginnen die ganze Zeit auf mich einzureden, wie arm doch unser geschätzter junger Anwalt, der auch in dieser Kanzlei beschäftigt war, sei, da anscheinend so viele schlecht über ihn reden würden, allerlei Gerüchte würden ihm angedichtet, sogar dass er schwul wäre würde behauptet! Die gute Frau wollte gar nicht mehr aufhören, mir den ach so netten, schüchternen jungen Juristen schön zu reden und schmackhaft zu machen. Damals horchte ich bei solchen Geschichten sofort interessiert auf und versuchte natürlich so gut wie möglich zu helfen. Hätte ich das doch nur lieber unterlassen, alles entwickelte sich zu einer sehr hässlichen Erfahrung!
Nachdem meine Kollegin dafür sorgte, dass ich mich abends, beim Schreiben der Dissertation für die angehende Frau Magister, immer öfter zusammen mit dem jungen Mann im Büro aufhielt und er auf mich auch wirklich einen sehr netten Eindruck machte, was mich natürlich in meinem Vertrauen bestärkte, bahnte sich langsam eine Liebschaft zwischen uns an und es dauerte auch nicht lange bis wir zusammen waren. Anfangs bemerkte ich nicht die seltsamen Verhaltensweisen und Eigenarten meines neuen Freundes, mich wunderte nur, wie ruhig und ausgeglichen meine Arbeitskollegin plötzlich war. Schlagartig hatten ihre Erzählungen aufgehört, sie ging fröhlich ihrer Arbeit nach und erschien mir von einem Tag auf den anderen wie ausgewechselt, seltsam. Nach einigen Wochen war mir klar, wie es dazu kam.
Nach und nach getrauten sich auch meine anderen Mitarbeiterinnen mir einiges zu erklären, leider viel zu spät. Wie sich herausstellte, hatte die Frau, die mir den armen verleumdeten Anwalt so schmackhaft gemacht hatte, selbst ein Verhältnis mit ihm, war jedoch verheiratet und litt schrecklich unter der Tyrannei ihres Liebhabers. Dieser hatte wohl den Ehemann tätlich bedroht und täglich vor dem netten Eigenheim des Ehepaares Terror gemacht, sich mitten in der Nacht vors Haus gestellt und Lärm gemacht, sogar den kleinen Sohn der armen Frau hatte er nicht verschont, der das ganze Dilemma auch mitbekam. So lebte diese Familie also in Angst und Schrecken und meine Kollegin hatte sich nicht besser zu helfen gewusst, als mich mit ihrem Liebsten zu verkuppeln, um ihn abzulenken und so endlich wieder in Frieden leben zu können.
Bald zeigte mein Begleiter nun auch mir sein wahres Gesicht, benahm sich bei jeder Gelegenheit absolut daneben, sodass ich ihn irgendwann sogar zu hassen begann. So zum Beispiel war er dermaßen eifersüchtig, dass es nicht auszuhalten war. Wir besuchten ab und zu ein Fitnessstudio in dem ein sehr netter Trainer arbeitete. Ich hatte ihn sehr gern und war stets froh, wenn er die Zeit fand mich zu beraten. Er war groß gewachsen, hatte natürlich einen sehr durchtrainierten muskulösen Körper, sah aber eigentlich nicht wirklich gut aus, doch seine Art war so erfrischend ehrlich und aufmunternd, dass ich echt gerne mit ihm sprach. Jeder wusste, dass dieser Betreuer zu stottern begann, wenn man ihm direkt in die Augen sah und so beschloss mein Liebster aus lauter Eifersucht, den Trainer bei jeder Gelegenheit zu schikanieren. Ich war zuerst erstaunt, doch als ich bemerkte, dass mein Freund dies alles mit voller Absicht machte und der arme Junge nur noch stotterte, war ich zutiefst erschüttert und enttäuscht, so ein Idiot, unbegreiflich!
Dann ein andermal gingen wir abends in ein Lokal und mein Freund bestellte einen Kaffee für mich, brav trank ich ihn, worauf er noch einen weiteren orderte, obwohl ich das gar nicht wollte. Er zwang mich so, einen nach dem anderen zu trinken und hörte nicht auf, schien mir fast belustigt von meiner Hilflosigkeit. Danach brachen wir in seinem alten klapprigen Mercedes auf in Richtung Autobahn, er fuhr prinzipiell nur mit Aufblendlicht, was mich jedes Mal zum Kochen brachte, doch er meinte nur, er sei halt eben etwas Besonderes! Er nahm eine Ausfahrt zu einer Autobahnraststätte und bestellte in dem Lokal von jeder Torte, die sich in der Vitrine befand, ein Stück und aß sie. Ich traute meinen Augen nicht, das war ja geisteskrank, Angst beschlich mich, doch ich schwieg, wusste nicht, wie ich aus dieser Situation herauskommen konnte. Das Ganze ging so weit, dass mich dieser Mann irgendwann durch meine Wohnung schubste, in manchen Nächten Sturm klingelte und ich die Tür öffnete, aus lauter Angst vor Problemen mit den Nachbarn, ich schämte mich so.
Als ich ihm eines Tages erklärte, dass ich nie im Leben mit so einem Menschen zusammen sein könnte, wurde es kritisch! Er erklärte mir seelenruhig, dass er mich heiraten und nie mehr hergeben würde und falls ich nicht einwilligen sollte, hätte er bereits einen Plan. „Zuerst werde ich dir im Geschäft meiner Eltern einen Ladendiebstahl anhängen, niemand würde dir glauben, alle schauen zu mir auf und ich habe ein sehr gutes Verhältnis zum hiesigen Richter.“ Er grinste mich an und schubste mich wieder aufs Bett! „Hmm, dann werde ich dich blenden und mich als geistig verwirrt erklären lassen, spätestens nach einem Jahre werde ich die Anstalt wegen guter Führung verlassen dürfen und dann pflege ich dich mein Leben lang, ja, so könnte ich es machen!“ Sein Blick war irr und nach ewigem Bitten und Betteln, es war nämlich zufällig Heilig Abend, dass ich doch so gerne zu meiner Mama fahren möchte und mich anschließend sofort wieder hier einfinden würde, erlaubte er mir die Wohnung zu verlassen. Nach diesem Ereignis ging ich zur Polizei, ich hatte Todesangst und wirklich Nervenfieber im wahrsten Sinne des Wortes, doch dort teilte man mir mit, dass mir leider nicht geholfen werden könnte, da ja noch nichts passiert sei! Also hatte ich das so zu verstehen, dass erst ein Vergehen vorliegen müsse, bevor etwas unternommen würde, verrückte Welt! Von diesem Tag an trug ich versteckt im hintersten Fach meiner Geldbörse einen Brief, in dem aufgeschrieben hatte, wer für meinen Tod verantwortlich war, falls mir etwas zustoßen sollte! Klingt schon fast lustig, war aber alles andere als ein Scherz!
In meiner Verzweiflung kontaktierte ich wieder meinen Exfreund, den ich wegen diesem Irren verlassen hatte, und dieser verschanzte mich sofort bei sich zu Hause, nahm mich wieder auf, veranlasste meine Kündigung in der Notariatskanzlei und beschützte mich Tag und Nacht so gut es ging. Nun sollten wir am eigenen Leib erfahren zu welch wahnsinnigen Aktionen dieser Mann imstande war.
Nächtelang stellte er sich mit seinem Auto auf einen Hügel über unserem Haus, öffnete die Türen und drehte sein Radio auf volle Lautstärke. Wir versuchten dies einfach zu ignorieren in der Hoffnung er würde sich bald verziehen. Doch dieser Mann war hoch intelligent, und ließ sich schnell etwas anderes einfallen. Ihm war bewusst, dass ich niemals mit meinem PKW stehen bleiben würde falls er mich aufhielte und so versuchte er sein Glück mit einem miesen Trick.
Eines Abends fuhr ich abends nach Hause, es war bereits ziemlich dunkel, und kurz bevor ich in die letzte Abzweigung einbog erschütterte mich ein heftiger Knall, was war das nur? Kaum glaubte ich meinen Augen zu trauen, der irre Kerl hatte mich einfach mit seinem Wagen von der Seite gerammt, ich war außer mir vor Wut, zumal dieses Fahrzeug ja gar nicht mein Eigentum war, was der Idiot nur zu genau wusste. Zornig und ohne nachzudenken riss ich die Fahrertür auf, stieg hektisch aus und rannte schimpfend auf den Übeltäter zu.
„Spinnst du denn jetzt total? Was kann denn meine Mutter für deinen Zorn?“ Ihr gehörte nämlich der Wagen und sie ging sehr sorgsam mit ihm um, da er für sie keineswegs ein selbstverständlicher Gebrauchsgegenstand, sondern für ihre finanziellen Verhältnisse schon eher Luxus bedeutete! Natürlich hatte sie volles Vertrauen in mich und hatte mir das Auto, ohne zu zögern geliehen, ich konnte es nicht fassen! „Warum tust du das, was bringt dir diese blöde Aktion?“
Er lachte schallend, viel zu laut, riss seinen Mund so weit auf, dass sein Gesicht hässlich verzerrt war und meinte lässig: „Ach weißt du, das ist für mich kein Problem, ich habe Geld, kann mir das leisten!“
Und dann wurde mir schlagartig klar, was er bezweckte! Er hob die Hand, versuchte mich am Mantel zu greifen, um mir mit aller Wucht ins Gesicht schlagen zu können. Durch mein intensives Kampftraining, welches ich damals voller Leidenschaft absolvierte, war ich wohl fähig schnell genug zu reagieren, drehte mich ab und konnte mich so in letzter Sekunde von seinem Griff befreien und dem Schlag ausweichen. All meine großen Reden, die ich oftmals schwang, von wegen ich mache Kampfsport, mir tut niemand etwas an, alle Courage war blanker Angst gewichen beim Blick in diese irren Augen und alles was ich noch tat, war rennen – laufen um mein Leben! Um mich zu verfolgen war er viel zu feige, war ihm doch bewusst, dass nur hundert Meter von hier entfernt mein zu Hause lag und dort wartete womöglich Hilfe auf mich, dies Wagnis ging er nicht ein, nein, er hatte eine bessere Idee!
Ohne zu zögern stieg er in das Auto meiner Mutter, zog den Zündschlüssel ab, den ich blöderweise in meiner Aufregung natürlich hatte stecken lassen, lies die Wagentür einfach offen, das Licht brennen und den armen ramponierten Kleinwagen einfach mitten auf der Straße stehen, stieg in seinen blöden ebenfalls zerbeulten Mercedes und fuhr seelenruhig mit meinen Schlüsseln nach Hause!
Mein Freund erledigte die Angelegenheit indem er hinterher fuhr, die Eltern des Wahnsinnigen herauslitt, bei denen der Übeltäter ja immer noch wohnte, und die Herausgabe des Schlüsselbundes forderte, was auch prompt erledigt wurde, waren die armen alten Leutchen doch froh, keine Polizei ins Haus gerufen zu bekommen.
Armer Irrer, einige Jahre später hatte ich erfahren, dass er im Alter von Mitte dreißig schon an einem Gehirntumor verstorben war und Unsummen von Drogen konsumiert hatte, was mir im Nachhinein erklärte, warum ich immer so bizarre Situationen mit ihm erlebt hatte, wie blöd war ich eigentlich?
Ich beschloss bei meinem Freund zu bleiben, doch die neugeschlossene Beziehung ging wieder nicht gut, ich fühlte mich nicht verstanden, oftmals eingeengt, wollte tanzen und lachen, aber auch er war schrecklich eifersüchtig, sah mich am liebsten brav zu Hause und betitelte alle meine Freunde als Deppen. Irgendwie funktionierte es mit uns beiden nicht, das konnte doch nicht alles gewesen sein – nein war es nicht, es folgten noch viele Tränen.
In meiner naiven Art und absoluten Ehrlichkeit meinem Partner gegenüber erzählte ich ihm, dass irgendetwas schieflaufen müsse und ich Gefühle für andere entwickelte. Es war so unverständlich für mich, es fühlte sich nicht richtig an und doch konnte ich nicht dagegen ankämpfen und bereitete meinem Freund sehr sehr viele Schmerzen und gleichzeitig mir selbst, denn ich hatte ihn wirklich sehr gern und wollte ihn auf keinen Fall leiden sehen. War das der „Scholf“ in mir?
Während dieser Beziehung sollte ich auch einen Mann kennenlernen, den ich für den Rest meines Lebens nicht vergessen, aber mit dem ich auch keine Zukunft haben konnte – er war verheiratet! Verheiratet und Vater einer kleinen Tochter, die gerade erst zur Welt gekommen war. Ich war sehr verliebt und erlitt Höllenschmerzen. Er war einige Jahre älter als ich, Australier, voller Humor, ruhig, sehr sportlich, trug die Haare schulterlang, wie ich es so sehr liebte und einen kleinen Bart nur am Kinn. Er arbeitete in dem Labor, in dem ich eine Lehre begonnen hatte, als Zahntechniker, ich bewunderte ihn, liebte seine Art zu reden, den süßen Akzent, wie er roch, ach was, ich liebte einfach alles an diesem Mann. Wir trafen uns privat nur ein paar Mal, doch waren wir in dieser kurzen Zeit beide im Himmel! Aber so etwas macht man nicht, es war schlecht! Er erzählte mir, dass seine Beziehung nicht gut sei und er nur wegen dem Kind geheiratet hätte, aber das waren nun mal die Tatsachen. Die Konsequenz war, dass ich das Labor verlies, meine Lehre abbrach und brav bei meinem Freund blieb. Nach neun Jahren Beziehung haben wir sogar geheiratet, aber nur damit ich bei ihm mitversichert war. Keine romantische Hochzeit, kein rührender Heiratsantrag, zwei Trauzeugen und wir beide, einige Unterschriften, das war´s. Es gab nicht einmal ein Foto!
„Armer junger Mann, wie oft schmerzte es mich, aus dir einen so harten Menschen gemacht zu haben, wie sehr hast du gelitten? Verstanden habe ich es schon damals, nur ändern konnte ich es nicht. Mir war bewusst, was ich dir antat, aber ich war unfähig anders zu handeln. Dir diese Schmerzen zuzufügen, dich allein zu lassen in deinem Elend, es zermürbte mich und doch konnte ich nichts tun. Heute tut es mir sehr leid, niemals den Versuch unternommen zu haben, mein Handeln zu hinterfragen und einen Experten um Hilfe zu bitten. Du hast es dennoch geschafft und eine kleine Familie gegründet und das ist gut so. Eigentlich habe ich nie aufgehört dich zu lieben, nur leben konnte ich nicht mit dir, nicht mit dir und nicht mit den anderen die da noch folgten! Keine Worte der Welt könnten meine Gefühle erklären, ich weiß sehr wohl, was ich dir angetan habe und hasste mich oft genug dafür, aber ich fliege eben wie ein Schmetterling durchs Leben und glaub mir, es war niemals meine Absicht jemanden zu verletzen.“
