Mummelchen - Lisa Möller - E-Book

Mummelchen E-Book

Lisa Möller

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Beschreibung

Das Besondere an Lisas dargestellter Lebensreise ist, dass sie in der "Jetzt-Zeit" geschrieben wurde. Selten entsteht ein Buch in dieser Art, weil die Jetzt-Zeit normalerweise den Filmemachern vorbehalten ist. Der Leser kann unmittelbar in Lisas kindliche Erlebniswelt eintauchen, alles miterleben, was sie seelisch verkraften muss, weit über ein gesundes Maß normaler Herausforderungen hinausgehend. Die dargestellte Weise der manisch-depressiven Mutter, dürfte nicht nur für Psychologen von Interesse sein, denn die relevante Frage, für alle, lautet: wie ist es, wenn ein Mensch, wie die kleine Lisa, mit einer Fülle von Ereignissen konfrontiert wird, die bedrohlich erscheinen, über den Kopf wachsen und man sich dessen nicht erwehren kann? Während des Miterlebens wird nicht so sehr der Verstand angesprochen, sondern das Gefühl. In einer Gesellschaft, die dem trügerischen Verstand den Vorrang gibt, wird das Gefühl oft "unter den Tisch gekehrt" (Mensch-Maschine). Lisas unverblümt geschilderte LebensEpisoden, zuerst in Kindheitsperspektive, lassen die besondere Atmosphäre der deutschen Nachkriegszeit aufscheinen, anfangs noch ohne Telefon und TV. Sie erzählt ihr Heranwachsen, lässt Gedanken, Gefühle und ihren Alltag lebendig werden. Geschichtlich Wichtiges kommt in den Dialogen mit den vom Krieg traumatisierten Eltern zum Ausdruck. Der Vater war bereits als junger Soldat im 1. Weltkrieg und litt massiv unter dem faschistischen Regime, konnte das blinde Mitläufertum kaum ertragen und verarbeitete dies u.a. in einem Gedicht. Lisas Kindheit ist von einem "Mangel" geprägt, einem Mangel, der den meisten Menschen auferlegt ist, jedoch eingestreut ins Bewusstsein wie von ferne her rührend, erlebt sie, trotz allem, ein zartes Gefühl von Fülle und Vollkommenheit, das vom täglichen Leben unabhängig scheint. Angesteckt von der fröhlichen Gelassenheit ihrer Mutter, aus ihren gesunden Zeiten, diesem Teil, in dem sie sich weseneins wahrnimmt, findet sie zu einem selbstbewussten Leben.

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EPUB

Seitenzahl: 528

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Lisa Möller

Mummelchen

Liebeserklärung an das Leben

geb. 1953 in Dijon/Frankreich

Technische Zeichnerin

1. Ehe 10 Jahre

2. Ehe ab 1987

2 Söhne

wie ein Märchenbuch anmutet, täuscht.

Was auf den ersten Blick,

Es werden Lebenserinnerungen aus der “Jetzt-Zeit“

ausgebreitet, die der Leser, wie in einem Film,

verfolgen kann.

Ein kleines Mädchen erzählt seine Lebensreise.

Eine erwachsene Frau hört zu, was dieses Kind

zu sagen hat und schreibt alles auf.

Oftmals steht dieses kleine Mädchen am

drohenden Abgrund. Liebevoll nimmt

die Frau es in die Arme und zeigt ihm

den Weg aus all den Gefahren.

Die beiden sind unzertrennlich -

das innere Kind und die innere

Erwachsene sind eins.

Unbeirrt geht das Menschenkind

seinen Weg und reift zu einem

vollwertigen Mitglied

der Gesellschaft heran.

© 2020 Lisa Möller

Autor: Lisa MöllerUmschlagsgestaltung: Lisa Möller

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-09278-5 (Paperback)

 

978-3-347-09279-2 (Hardcover)

 

978-3-347-09280-8 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

fürPatrickundMichael

Voller Schönheit

Voller Schönheit ist die Welt

und voller Wunder,

im Kleinen wie im Großen.

Hundert unerkundete Zaubergärten,

Tausend ungesungene Lieder,

eine Million ungetanzte Schritte

sehnen dem Augenblick entgegen,

von dir entdeckt zu werden

und belebt von deiner Schöpferkraft.

Erschaffen bist du, Kind der Sonne,

um zu leben, um zu tanzen,

in Leichtigkeit und Frohsinn,

auf dass du glücklich seiest

und dankbar

jeden Tag aufs neue.

Beobachte also,

erkunde die Geheimnisse um dich,

im Kleinen wie im Großen,

und entfalte dich!

Siehe, Kind der Sonne:

Alles ist dir gegeben,

Schönheit und Würde,

Kraft und Vermögen,

alles zu begreifen, zu verstehen,

alles zu überwinden.

Tanze also,

spiele dein Spiel,

im Kleinen wie im Großen,

und lüfte die Schleier.

Voller Schönheit ist diese Welt

und voller Wunder,

im Kleinen wie im Großen -

und doch eine Ahnung nur

jener fernen Heimat,

die seit Ewigkeiten schon

deiner Rückkehr entgegen sehnt.

Das Heimweh deiner Seele wird deine Rettung sein.

© Ronald Zürrer, „Rosenschöne“, Govinda-Verlag 2009

Zu diesem Buch:

Es handelt sich um eine persönliche Lebensgeschichte, die die Autorin in größtmöglicher Wahrhaftigkeit vor den Leser stellt. Jedoch hat Jeder seine Wahrheit, lebt in seiner Welt, die er real für die richtige hält. Dadurch gibt es viele parallele Welten, die sich berühren oder sogar aufeinander prallen können. Bei Berührung ist „Befruchtung“ (besonders geistig: stimulieren, anregen) möglich. Beim Prallen entsteht „Leid“. Letzeres ist vom Autor nicht beabsichtigt.

Als Vorsichtsmaßnahme sind alle Personen- und die meisten Ortsnamen geändert worden. (Viele Personen, aus meinem Leben sind bereits gestorben)

Falls Jemand sich in den Beschreibungen wiederfinden sollte, wird es sich um eine „ähnliche Begebenheit“ handeln und nicht um dieselbe. In diesem Fall wird die Autorin für Rede und Antwort nicht zur Verfügung stehen.

Für Ihr Verständnis besten Dank.

Inhalt

Einleitung

Dijon

1. Püpperling

2. Das Schwesterchen

3. Mama im Krankenhaus

4. Das Gurkenbeet

5. An der Brücke

6. Das Zugunglück

7. Bei den Pflegeeltern

8. Petite Vérole

9. Der Unfall

10. Die Stadtwohnung

11. Der Kindergarten

12. Frau Larosé

Grabau

1. In Deutschland

2. Bei Helen

3. Nicki

4. Das Nonnenheim

5. Kinderheim Grande

6. Wieder Kinderheim Grande

7. Bei Frau Brecht zu Besuch

8. Das Paradies

9. Tagträume

10. Viel Besuch

11. Ein Tag auf dem Bau

12. Der eiserne Vorhang

13. Sternentau

14. Missgeburt

15. Die Elbe

16. Kinderheim Lütjensee

17. Wieder Kinderheim Lütjensee

18. Auswandern

Korsika

1. Der Buchfink

2. Die Spinne und die Schlange

3. Der Einsiedler

4. Am Strand

5. Der rote Punkt

6. Jenny

7. Korsika ade

8. Die Flucht

Trier im Asyl

1. Schiffbrüchige

2. Der Onkel

3. Die Prüfung

Trier-Viehmarkt

1. Mäuse

2. Bei Lydia

3. Die Schlange

4. Rollschuhe

5. Die Badeanstalt

6. Die Raserei

7. Fasching

8. Der Jahrmarkt

9. Der Übergriff

10. Gift

11. Vatis OP

12. Mensch ärgere dich nicht

13. Der komische Traum

14. Der nackte Mann

15. Richtlinien

16. Kaiser’s Kaffegeschäft

17. Schöne Aussichten – Warten

18. Bei Brigitta

Trier-Thyrsusstraße

1. Die neue Wohnung

2. Der Streit

3. Bei Oma zu Besuch

4. Lehrer Kemp

5. Norma

6. Das blaue Veilchen

7. Vatis Fahrstunde

8. Mit Vati reden

9. Depressiv

10. Piep

11. Der Kinderwagen

12. Katzenelnbogen

13. Muttis Geburtstag

14. Die Ferienreise

15. Der Urlaub

16. Tante Irma

17. Schwarz auf weiß

18. Die Krankenkasse

19. Die Predigt

20. Kunsthandwerk

21. Mummelchen

22. Das Südbad

23. 2. Weltkrieg

24. 1. Weltkrieg

25. Alter Lebenslauf meines Vater

26. Im Weinberg

27. Die Manie

28. Der große Auftritt

29. Elise

30. Weihnachten

31. Die Diagnose

32. Die verschlossene Tür

33. Ver-rückt

34. Schallplatten

35. Montabaur

36. Auf dem Gelände

37. Ungerecht

38. Fernsehen

39. Farbfernsehen

40. Die Fahradtour

41. In Wittlich

42. Im Krankenhaus

43. Abreise

Kassel

1. Die neue Wohnung

2. Die Tanzschule

3. Der Brief von Onkel Fritz

4. Die Elisabeth-Knippg.-Schule

5. Rheinstahl-Henschel

6. Der Stopfpilz

7. Plotsch

8. Kilian

9. Inge

10. Der Besuch

11. Püpperling

12. Detlef

13. Zusammen mit Detlef

14. Bei Helen und Henry

15. Parolen

16. Mit Inge unterwegs

17. Vatis Brief

18. Jennys Hausaufgaben

19. Die Urlaubsreise

20. In Vinaròs

21. Krank

22. Das dumme Gefühl

23. Im Krankenhaus

24. Der Lippenstift

25. An der Ostsee

26. Schreiben

27. Jenny verreist

28. Vatis Klage

29. Stubenarrest

30. Der Dolchstoß

31. Die Flucht

32. Locker werder

33. Die Flugreise nach Berlin-Ost

Anhang

Danksagung

Einleitung

Der Name steht für Pummelchen, für eine weiche, mollige Masse in die man sich hinein kuscheln konnte. Er steht auch für Mümmelmann, der Hase, der mit seiner Schnute mümmelt, und zwar dann, wenn sie ihr Gebiss auf den Tisch knallte und, obwohl aus feinem Hause abstammend, sagte: “Scheiß Gebiss!“. Dann mummelte sie morgens Toastbrot ungetoastet, trank dazu ihr Tässchen Kaffee und rauchte anschließend genüsslich ihr Rettchen. Andenken an dieses Ritual mit den Rettchen nach der Tasse Kaffee sind zwei Brandflecken, einer unter dem Chaiselongue auf dem Parkett und einer auf unserem massiven Eichentisch. Letzteren hatte sie mit Feinschliff herausgearbeitet. So geschickt hätte es kein Möbeltischler machen können, jedoch blieb eine leichte Delle. Wenn sie mit ihrer kleinen Hand über diese Delle strich, bereute sie ihre Missetat sehr und bewunderte gleichzeitig ihre Kunstfertigkeit und optimistisch meinte sie, dass alles im Leben sich zum Guten wenden würde.

Dann steht Mummelchen für meine liebe Mumi. Allein ihre Anwesenheit mit ihrem feinen Berliner Humor, der einem immerzu ein Lächeln abverlangte und im Herzen fröhlich stimmte, war ein Geschenk Gottes in guten Zeiten. Aber da ist auch das viele, abgrundtiefe Leid, weil dieses sanfte Wesen, welches im Herzen um Freude und Leid der ganzen Welt wusste, engelsgleich, auf unserem Erdenfeld nicht wirklich existieren konnte. In ihrer beruflichen Karriere brachte sie es zu Hitlers Zeiten zur Hortleiterin in einem Berliner Hort bis der Krieg kam und sie das Fürchten lehrte und nicht nur das … Die Gestapo, SA und die SS nahmen ihr ein Kind nach dem anderen fort, welche ihr ans Herz gewachsen waren. Mein Vater, den sie 1947 heiratete, und der damals den vollen Durchblick besaß, weil er schon beim Ersten Weltkrieg dabei war, wusste, wohin diese Judenkinder verschleppt wurden …

Neben pädagogischen Größen ist sie mit dem Geist Rudolf Steiners in Berührung gekommen. Und wenn wir Kinder aus der Schule mit guten Noten nach Hause kamen, war ihre Devise: Bildung ist gut und notwendig. Besser jedoch ist die Herzensbildung und diese sollten wir nicht außer Acht lassen.

Dann steht Mummelchen auch für Hummelchen. Man möge mir und ihr die vielen … chens verzeihen. Die Mutti, welche im Kindergarten ihre Kleinen gefragt hatte: „ Wie heißt ein kleiner Baum?“ usw. und weil ihr das Leben erträglicher erschien, wenn sie neben all den großen Dingen auch die kleinen Dinge gegenüberstellte, summte den ganzen Tag vor sich hin, lief dabei geschäftig hin und her und wuselte herum, hier ein bisschen und dort ein bisschen. Ihr Lied auf den Lippen war meistens ein Dauerbrenner. Wenn wir dieses Summen vernahmen waren wir unsagbar glücklich – in guten Zeiten.

Als gelernte Kindergärtnerin hat Mummelchen alles darangesetzt, wie in dem Märchen Der Wolf und die sieben Geißlein, uns eine gute Mutter zu sein. Sie hat es versucht, so gut es ging.

In tiefenpsychologischer Sichtweise erklärt Eugen Drewermann in seiner Abhandlung über die Geiß in seinem Werk Der Wolf und die sieben Geißlein : Das Nicht-Leben der Mutter bedeutet notwendig die Lebensverweigerung ihrer Kinder, und es ist wichtig, sich dieser Wahrheit wie einen allgemein gültigen Lehrsatz klarzumachen. Keine noch so „christliche“ Tugend- und Opferideologie führt an diesem psychologischem Tatbestand vorbei.

Diese Lehrmeinung sitzt tief wie ein Stachel. Und dieser Stachel schaut mich an oder ich schaue ihn an, wie auch immer. Er ist eine Herausforderung zum heil werden geworden.

Hier möchte ich mit diesem Buch ansetzen. Es ist für mich eine Möglichkeit die vielen Zementsäcke, abgesehen von den vielen kleinen Päckchen, die ein jeder sowieso zu tragen hat, sichtbar zu machen, welche auf meinen Schultern, wie auf einem Lastesel drücken und die ständige Erschöpfung in meinen Gliedern spürend, mit der ich Tag für Tag durchs Leben krieche.

Wenn ich mir jede einzelne Last anschaue, jedes Trauma, kann ich den Esel verstehen lernen, wie er sie so brav und auch störrisch schleppen muss. Schleppen muss? Nein, ich möchte nun mit jeder einzelnen Zeile alles neu bündeln, klein und fein in ein Büchlein hinein und es dann in den Bücherschrank stecken – weg damit und in die Ecke … Dann können irgendwann einmal meine Söhne es zur Hand nehmen, wenn für sie der Tag gekommen ist, zur inneren Schau. Vielleicht kann dieses Büchlein dann eine Hilfe sein, um ihr „Muttchen“ und gleichzeitig alle Mütter dieser Welt besser verstehen zu lernen.

Vor meiner Seele lasse ich Schritt für Schritt die Bilder aus meiner Kindheit aufsteigen und stelle sie vor mich hin, so dass ich sie in allen Einzelheiten anschauen kann. Es ist ein Anschauen, welches die vielen unvergossenen Tränen zum Vorschein bringt, welche mein tiefstes Wesen erschüttern, sodass die vielen Schrunden und Wunden ausbluten, die das Schicksal mir zugefügt hat. Es ist ein Reinwaschen und ich habe die Vision, dass die nächsten Seiten meines Lebensbuches wie ungeschrieben vor mir liegen, ohne Verdruss, ohne Anklage und ohne Angst vor der Zukunft und ich jedem neuen Tag begegne barfuß und frohen Herzens.

Und zuletzt steht Mummelchen für das gleichnamige Märchen von Manfred Kyber*, welches ich beim Schreiben meiner Erinnerungen entdeckt habe. Mummelchen ist eine kleine Nixe. Sie ist in einem sumpfigen Krötenteich aufgewachsen und von ihrer Sehnsucht geleitet, begibt sie sich auf die Suche um eine Seele zu erlangen …

* Mumm elchenManfred Kyber - siehe Anhang

Dijon

Püpperling

1955

(Die Erzählerin ist 0 Jahre)

Als ich zur Welt kommen möchte, vernehme ich das Rufen der Hebamme: „Pressen! Pressen! Pressen!“ Eine riesige Welle kommt über mich, saugt mich in ihren mächtigen Strudel, reißt mich fort immer weiter und weiter in die dunklen Weiten des endlosen Raumes hinein. Mir wird schwindlig, denn ich spüre, dass ich falle. Es ist ein Fallen immer tiefer und tiefer und schneller und schneller in ein großes schwarzes Loch hinein. Ich wünsche mir, dass ein riesiger Berg Watte meinen Fall aufhalten möge! Dieses Fallen muss doch einmal ein Ende nehmen! Es ist aussichtslos und es kommt mir vor, als wenn ich durch mehrere Zeitalter hindurch falle, ohne Ende und es ist so schwarz um mich herum …

Plötzlich hört das Fallen doch auf und mit einem Blubb bin ich auch schon da. Das ist also der Anfang, so unsanft geschubst zu werden auf die Erde nach dem Motto: „Sieh’ zu wie du zurecht kommst!“

„Mal sehen wie das noch geht…“ denke ich. Da schlafe ich in den Armen meiner überglücklichen Mutter ein. Es ist wirklich alles sehr schnell gegangen, auch die Fahrt ins Krankenhaus mit dem Taxi...

Von einem fantastischen Geruch werde ich wach. Das ist der Duft von einem riesigen Maiglöckchenstrauß den Muttis Freunde vorbei gebracht haben.

Das Schwesterchen

1955

(Die Erzählerin ist 2 Jahre)

Mama ist in letzter Zeit anders geworden. Sie geht oft mit mir und dem lieben guten alten San* spazieren. Dabei drückt Mamas Hand meine Hand ganz fest … Heute gehen wir zu Nicole. Nicole ist meine Freundin und fast so alt wie ich. Ich bin froh, dass ich mit ihr spielen kann, dann ist es nicht so langweilig.

Wieder zu Hause angekommen, zeigt mir Mama nach dem Baden ihren Bauch, der in letzter Zeit ganz schön dick geworden ist. Sie sagt, dass sie dort in ihrem Bauch ein Brüderchen oder ein Schwesterchen beherbergt, das bald auf die Welt kommen möchte. Das Brüderchen oder Schwesterchen muss aber im Bauch von Mama noch ein bisschen wachsen, damit es groß und stark wird. Und auch, wenn es zur Welt kommt, muss es noch weiter wachsen, damit ich mit ihm bald spielen kann. Auch Papa findet es toll, dass ich jemanden zum Spielen haben werde.

Endlich ist ein Schwesterchen im Krankenhaus aus Mamas Bauch gekommen. Es heißt Jenny. Sie ist ganz süß, aber noch sehr klein, so klein wie meine Babypuppe.

Mama macht sich große Sorgen darüber, weil die klitzekleine Jenny nicht richtig wachsen möchte. Sie ist zu dünn geworden, weil sie die Mammimilch nicht verträgt. Papa muss immerzu in die Stadt fahren, um gute Milch von einer Amme für Jenny zu holen. Auch ich mache mir Sorgen, denn Mama ist sehr traurig und unglücklich darüber, dass Jenny so dünn ist.

* San ist unser treuer Hund.

Anmerkung:  Aus Erzählungen meiner Eltern ging hervor, dass erst mit einer sogenannten halbverdauten Dosen-milch (Ammenmilch) meine Schwester aufge- päppelt werden konnte. Aus welchen Grund sie wirklich die Muttermilch nicht vertrug, ist unbekannt.

Mama im Krankenhaus

1955

(Die Erzählerin ist 2 Jahre)

„Mama, Mama, Mama, Mama!!!!!!!!!!! Wo ist meine Mama?“ – „Deine Mama musste ins Krankenhaus gebracht werden. Sie wird bald wieder gesund. Beruhige dich Kleines. “

Ich sehe mich umhüllt von einem breiten schwarzen Rock. Die Frau, die mit mir spricht, sitzt auf einem Stuhl und wischt mit ihrer Hand die Tränen von meinem Gesicht. „ Wann wird meine Mama wieder gesund?“ – „Das wissen wir nicht, Kleines. Aber wenn sie wieder gesund ist, wird sie kommen und dich abholen. Beruhige dich Kleines, beruhige dich!“ Die Frau greift mich fest und stellt mich auf die Beine. Alles bricht in mir und um mich herum zusammen … Es ist so dunkel, so dunkel... „ Wenn meine Mama nicht mehr da ist …“, ich spüre, dass meiner Mama etwas Schweres und Schreckliches zugestoßen ist, „möchte ich auch weg! Bitte bringt mich weg von hier!“, höre ich mich sagen. Die Frau vor mir redet leise mit einer anderen Frau, die hinter ihr steht, in diesem kleinen Raum. Fades elektrisches Licht scheint von der Decke. Plötzlich höre ich ein lautes Klappern von draußen her. Durch das Fenster kann ich nur Dunkelheit erkennen. „Was ist das? Was ist das? Sagt es mir!“ Panik macht sich in mir breit. „Das war nur der Deckel von einer Mülltonne. Es ist nichts weiter. “ Die Frauen reden wieder leise miteinander und ich weiß, dass ich hier festgehalten werde. Plötzlich ist alle Angst schlagartig weg. Weg – nur weg – ich möchte weg! „Schmeißt mich in diese Mülltonne!“, höre ich mich sagen. Da steht die Frau auf, nimmt mich an die Hand und sagt: „Wir gehen jetzt nach unten und dann bekommst du erst einmal etwas zu essen und zu trinken. Dann zeigen wir dir dein Bettchen, dann wirst du fein schlafen und morgen mit den anderen Kindern hier spielen. Du wirst sehen, dass alles nicht so schlimm ist.“ Die Dunkelheit weicht und macht einer Leere in mir Platz, die sich ausbreitet, weit und breit bis in den endlos weiten Raum…

Anmerkung: Als meine Mutter in der Klinik war, konnte unser Hund nicht mehr versorgt werden. So sah sich mein Vater gezwungen unseren guten alten San zu töten. Nachdem er ihm einen Sack über den Kopf gezogen hatte, wurde er von ihm mit einer Axt erschlagen. Es hat ihm sehr Leid getan. Es wurde gesagt, dass unser Hund bei keinem Fremden geblieben wäre, weil er schon zu alt war.

Das Gurkenbeet

1956

(Die Erzählerin ist 3 Jahre)

Oft holt Mama mich mit dem Fahrrad vom Kindergarten ab. Mamas Fahrrad hat hinten einen Kindersitz. Als wir zuhause ankommen und Mama die Eingangstür aufschließt, merkt sie, dass etwas Schweres hinter der Tür liegt. Das ist aber die kleine Jenny die Mama vorsichtig erst dort hervor holen muss. Mama sagt, dass sie bis zur Tür gerobbt sein muss. „Mama!“, sage ich entsetzt, „was ist mit der kleinen Jenny passiert? Hat sie geweint?“ – „I wo“, macht Mama, „es ist nichts passiert. Macht dir wegen Jenny keine Sorgen!“

Papa arbeitet viel im Garten. Er hat Gemüsebeete angelegt und es gibt einen Komposthaufen, auf dem große Kartoffeln zum Vorschein kommen, nur weil dort die Kartoffelschalen aus dem Küchenabfall hin gekippt worden sind. Papa arbeitet auch viel am Haus. Jetzt arbeitet er daran, viereckige große Steine zu machen, denn es soll ein Anbau gemauert werden, dort wo der Hühnerstall gestanden hat. Hühner zu züchten ist nicht rentabel, meint Papa. Steine zu machen ist nicht schwer. Dazu hat Papa mehrere Formen aus Holz gefertigt. Da gießt er groben Zement hinein und lässt ihn in der Sonne trocknen. Danach werden die Holzteile entfernt. Die Steine zum Bauen sind innen hohl. So wie dieser Anbau, ist unser ganzes Häuschen entstanden. Mama und Jenny sind in die Stadt gefahren und zur Abwechslung muss Papa mit mir Verstecken spielen. Das finde ich lustig! Erst versteckte ich mich und wenn Papa mich gefunden hat, muss ich den Papa suchen gehen. Es ist ganz leicht ihn zu finden. Ich finde immer alles, sogar Papas Brille, die er einmal im Gurkenbeet gelassen hat. Darüber hat er sich riesig gefreut, weil er lange überall herumsuchte und sie einfach nicht finden konnte. Aber jetzt ist der Papa verschwunden. Ich schaue hierhin und schaue dorthin, kann ihn aber nirgendwo finden. Immer wieder renne ich ums Haus herum, aber der Papa ist nicht da. Hier nicht und dort nicht. Ich rufe: „Papa, wo bist du?“, aber er gibt keine Antwort. Ich rufe noch mal und noch mal, aber der Papa zeigt sich nicht. Ich renne um das Haus herum, immer wieder und immer wieder. Aber Papa bleibt verschwunden. Ich hetze und hetze immer wieder ums Haus und bekomme kaum noch Luft – da steht der Papa plötzlich vor mir und lacht. „Was ist denn mit dir los?“ – „Papa, du bist auf einmal weg gewesen!“ – „Quatsch, ich löse mich doch nicht einfach in Luft auf!“ – „Doch Papa, die Luft hat auf einmal gezittert und alles wurde schwarz! “ Ich bin froh, dass Papa mich in den Arm nimmt und mich tröstet. Er wischt mir die Tränen fort und putzt mir mit seinem großen Taschentuch die Nase. „Nun beruhige dich doch!“ – „Papa! So -hhhhhh- einen riesigen Schreck -hhhhh- darfst du mir nicht noch einmal einjagen!“ – „Du bist ein Dummerchen!“ Papa lacht immerzu darüber, dass ich gedacht habe, der Papa ist wie ein Luftballon davongeflogen.

Der Anbau ist fertig geworden. Auf dem Anbau hat Papa eine Zisterne gebaut. So haben wir im Bad schönes warmes Wasser zum duschen. Einmal beim Duschen ist Mamas goldener Ehering durch den Abfluss gerutscht, aber Mama ist gar nicht traurig darüber. „Es ist nur ein kleines Stückchen Metall. Diesen Verlust kann ich verkraften.“

Auf dem Dach der Zisterne können wir an heißen Sommertagen herrlich schön baden. Und unser Haus hat nun einen schönen weißen Anstrich bekommen.

Aber jetzt muss Papa von Dijon immer nach Lyon zur Arbeit fahren und kommt deswegen immer sehr spät nach Hause, manchmal nur übers Wochenende. Papas alter Arbeitgeber, auf dessen Firmengelände er das schöne kleine Häuschen bauen durfte, hat keine Arbeit mehr für ihn.

An der Brücke

1957

(Die Erzählerin ist 4 Jahre)

Von unserem Häuschen geht durch die Prärie ein von uns getrampelter Pfad, der bis zum Kanal führt. Dort gibt es eine Eisenbahnbrücke, die über den Kanal geht. Darunter wohnen Clochards.

Mama verbietet mir mit ihnen zu reden, denn sie stinken nach Rotwein und sind so schmutzig, weil sie immer draußen auf der harten Erde schlafen. Mama scheint etwas gegen diese Vagabunden zu haben, wahrscheinlich deswegen, weil es ein paar Mal vorgekommen ist, dass in die gelieferten Milchflaschen, die für uns in der Nähe der Brücke abgestellt werden, hinein gepinkelt worden ist. So eine Sauerei ist geschehen wegen dem bösen Hitler aus Deutschland. Mama möchte nicht, dass ich diesen Namen ausspreche und erklärt mir, dass viele Menschen in Frankreich denken, dass alle Menschen aus Deutschland böse sind, wie der Hitler. Dabei war es so, dass Mama und Papa aus Deutschland geflohen sind, weil die Menschen, die zu Hitler gehalten haben, hinter Papa her waren und ihn fangen wollten.

Das Zugunglück

1957

(Die Erzählerin ist 4 Jahre)

Mein Weg zum Kindergarten führt an der Eisenbahnbrücke vorbei, dann am Kanal entlang bis zur Écluse (Schleuse), wo die nette Frau wohnt mit den vielen Schäfchen. Rechts ab geht es die Straße entlang bis zum Bahnübergang. Wenn die Schranke unten ist, warte ich auf dem Fußweg bis der Zug vorbeigefahren ist. Von hier kann ich die Schulgebäude aus rotem Backstein sehen. Neben dran ist auch der Pavillon in dem der Kindergarten untergebracht ist. Wir basteln dort und arbeiten viel mit Knete. Am liebsten wäre es mir, ich könnte wie die großen Kinder schon zur Schule gehen. Einmal war ich nachmittags in so einer Schulklasse, wo die Kinder rechnen und schreiben lernen. Das finde ich ganz toll und sage, dass ich rumkneten blöd finde. Aber in die 1. Klasse darf ich leider nicht.

Auf dem Nachhauseweg komme ich wieder an der Écluse vorbei. Da sehe ich, wie 2 Kühe ihre Köpfe aus dem Wasser im Kanal heben. Irgendwie sind sie da hinein geplumpst. Männer in blauen Uniformen mit schwarzen Gürteln um den Bauch, versuchen die Köpfe der Kühe mit dicken Stricken, welche ihnen um den Hals gebunden sind, über Wasser zu halten. Immer wieder versuchen die Männer die Kühe aus dem Wasser zu ziehen. Aber die Kühe sind doch viel zu schwer, um die steile gepflasterte Kanalwand hinauf zu kommen! Das schaffen sie doch nie und nimmer! Mir tun die armen Kühe leid, die ständig am Strick gezerrt werden. Immer wieder tauchen die riesigen Köpfe unter Wasser und wenn sie wieder hoch kommen schauen sie mich mit ihren großen dunklen Augen an. Vielleicht kann man die Kühe irgendwie anders aus dem Wasser bekommen, überlege ich. Aber die Männer zerren und zerren an den riesigen Köpfen und ich schaue in ihre traurigen Augen, stehe wie angewurzelt da und schaue immerzu in diese traurigen Augen. Plötzlich steht die Frau von der Écluse neben mir, fasst mich an die Hand und sagt, ich soll mit ihr ins Haus gehen. Sie packt mich in so ein Bett an der Wand mit dunkelroten Vorhängen davor. Ich bekomme eine Wärmflasche auf den Bauch und ich soll schlafen. Die Mama wird mich dann schon abholen. So liege ich nun, starre in die wohlige Dunkelheit, weil auch an den kleinen Fenstern die Vorhänge zugezogenen sind und warte auf Mama.

Später erzählt mir Papa auf meine Frage, ob die Kühe gerettet werden konnten, dass in dem Güterzug, in dem die Kühe transportiert wurden, sich eine Türverriegelung gelöst hatte. Deswegen sind die 2 Kühe in den Kanal gestürzt. Dabei haben sie sich schwer verletzt. Die Polizei hat sie erschießen müssen.

Bei den Pflegeeltern

1957

(Die Erzählerin ist 4 Jahre)

Nun bin ich mit meinem Schwesterchen zu den Pflegeeltern gekommen, bei denen Jenny schon als kleines Baby war. Mama ist noch einmal ins Krankenhaus gekommen und ich bin froh, dass ich bei Jenny bleiben darf, denn sonst müsste ich wieder alleine ins Heim. Aber ich habe starke Halsschmerzen und Fieber und habe schon grässliche Medizin schlucken müssen. Ich werde sofort ins Bett gesteckt. Da liege ich nun und starre an die Decke und kann nicht schlafen. In dem kleinen kahlen Raum, in dem nur Platz für 2 kleine Bettchen ist, fühle ich mich sehr einsam. Es ist draußen dunkel geworden. Von weitem höre ich leises Gemurmel und der Geruch von Essen steigt mir in die Nase. Sicher wird jetzt zu Abend gegessen. Ich beschließe all meinen Mut zusammen zu nehmen und aufzustehen, gehe durch den dunklen Flur zur Tür, durch die es hell durch das Schlüsselloch blinkt. Als ich den Raum betrete, sehe ich einen langen reich gedeckten Tisch, an dem bei Kerzenschein viele Leute sitzen. Es riecht stark nach geräuchertem Schinken und rotem Wein.

Als die Leute mich erblicken, sagt keiner ein Wort. So stehe ich einfach nur da und fange an zu frieren in meinem Nachthemd. „Du bist krank und musst ins Bett!“, sagt jemand barsch. „Ich habe kein Fieber mehr.“, sage ich. „Frederic“, sagt eine Frau am Tisch, „gibt der Kleinen etwas von deinem Teller!“ – „Von meinem Schinken bekommt sie aber nichts!“, brummt der bärtige Alte. „Gib ihr etwas Gelbes vom Ei, das kann sie sicher schon vertragen“, antwortet eine stämmige Bauersfrau. „Komm her, nur nicht so schüchtern! An uns raue Gesellen wirst du dich noch gewöhnen! Wir tun dir aber nichts, wirst schon sehen.“ Zaghaft trete ich etwas näher. Weil kein weiterer Platz an dem großen Tisch ist, werde ich von dem Alten auf seinen Schoß gehoben und mit einem kleinen Löffel darf ich mir das noch warme cremigflüssige Gelbe vom Ei herauslöffeln.

Wie die mir endlos vorgekommenen Tage hier vergangen sind, weiß ich nicht. Immer habe ich gewartet und gehofft, dass die Mama wieder gesund wird und wir abgeholt werden. Jetzt endlich ist es soweit. Wir sollen abgeholt werden, sagt man uns. Vor lauter Aufregung kribbelt es mir im Bauch. Wir gehen vor die Tür. Von weitem sehe ich 2 schrecklich dünne Gestalten um das große Stallgebäude herum auf uns zu gehen.

Jenny ist vor lauter Freude ganz aus dem Häuschen. Sie ruft: „Da kommt Mama Ele Moller! Da kommt Mama Ele Moller! Mama Ele Moller ist da!“ Sie stolpert los, wackelt auf ihren kleinen Beinen unseren Eltern entgegen und wird von dem langen dürren Papa aufgefangen.

Nach ein paar Tagen zuhause, wage ich am Abendbrottisch zu fragen, wie es Mama im Krankenhaus ergangen ist. Sie wirkt auf mich genauso wackelig auf den Beinen, wie die kleine Jenny. „Frage nicht Püpperling!“ gibt Mama zur Antwort. „Darüber kann ich nicht sprechen, aber du kannst mir glauben: ihr beiden kleinen süßen Fröschlein habt mir sehr, sehr gefehlt!“ Ich spüre, dass etwas Schlimmes vorgefallen sein muss und nehme mir vor, gut auf Mama aufzupassen.

Anmerkung: Meine Mutter erzählte später, dass mein Vater zu dieser Zeit einen Magendurchbruch hatte und dabei beinahe „hopps“ gegangen wäre. Er war mit Tatütata ins Krankenhaus gekommen. Danach musste sie in die Nervenheilanstalt. Das war ein schwarzes Loch, wie sie sagte, in der Ratten herumliefen.

Beim Onkel Doktor Petite Vérole

1957

(Die Erzählerin ist 4 Jahre)

Mama sagt, dass sie mit mir zu einem Onkel Doktor fahren muss, der nur einen kleinen Piek an meinem Arm machen wird. Natürlich geht es mit Mamas Fahrrad dorthin, bei dem ich hinter dem Sattel in einem Korbgestell Platz habe. Mama hat heute ein dickes Kissen dort für mich bereit gelegt.

„ Warum muss der Onkel Doktor bei mir einen Pieks machen?“ – „Damit du nicht eine gefährliche Krankheit bekommst. Alle Kinder bekommen diesen Pieks am Arm, damit sie nicht krank werden müssen.“

Also fahren wir los.

Der böse Onkel hat diesen Pieks an meinem Arm gemacht. Mutti fährt mit dem Fahrrad und ich sitze wieder hinter ihr und es geht mir gar nicht gut und sage dauernd ganz leise, so dass Mama es nicht hört: „Auu-aaa – auu-aaa – Maa-maa – auu-aaa – “.

Plötzlich hört Mama doch mein leises Aua-Lied und hält an, fühlt mit ihrer Hand meine heiße Stirn und stopft hinter mir das Kissen zurecht.

„ Warum hast du das getan? Warum hast du mich zu diesem bösen Mann gebracht?“ – „ Sei still, Püpperling, dein Aua ist nur eine Reaktion auf den Pieks, es wird bestimmt schnell wieder gut.“

Mama steigt wieder aufs Fahrrad und es geht weiter und ich hoffe dass es stimmt, was Mama sagt.

„Auu-aaa – auu-aaa – Maa-maa – bitte – bit-te auu-aaa – “.

Es fühlt sich an, als wenn ich bald ganz, ganz weit weg müsste, ohne zu laufen. Aber ich darf doch nicht einfach weggehen, weil ich niemals meine liebe Mama allein lassen darf !! Ohne mich wird Mama sehr, sehr traurig sein.

„Auu-aaa – auu-aaa – Maa-maa – auu-aaa – “.

Ich friere so schrecklich.

Ohne zu laufen ganz weit weg sein, ist nicht schlimm.

Plötzlich sagt es in mir, dass ich nicht gehen darf und ich beschließe für mich, dass ich partout nicht gehen werde! Ich werde das böse Aua überstehen!

Wie das böse Aua weggegangen ist, weiß ich nicht. Es hat sich ganz viel heiß in meinem Kopf, Bauch und meinen Beinen angefüllt.

Die kleine Jenny darf niemals dieses böse Aua bekommen! Darauf müssen Mama und auch der Papa acht geben!

Anmerkung: Bei der obligatorischen Nachimpf-Anktion in der Grundschule, wurde ich von zwei Ärzten an den Armen gezogen, die jedoch bei mir keine Pockennarben feststellen konnten. Aus Risikogründen wurde darauf verzichtet, mich ein zweites Mal zu impfen.

Der Unfall

1957

(Die Erzählerin ist 4 Jahre)

„Mama, Mama, Jenny hat mein Bilderbuch zerrissen! Warum hat sie das getan? Es war doch mein allerschönstes Buch!“ – „Sei nicht traurig darüber, die kleine Jenny weiß noch nicht, dass es dein schönstes Buch war, was du so sehr gemocht hast.“ Ja, das ist wirklich dumm von ihr gewesen. Es wird noch sehr lange dauern, fürchte ich, bis ich mit ihr richtig spielen kann.

Obwohl ich heute nicht in den Kindergarten muss, sind wir alle ganz früh aufgestanden, weil Mama, ich und Papa verreisen wollen. Unsere liebe Oma aus Berlin ist ja bei uns und passt, so lange wie wir weg sind, auf die kleine dumme Jenny auf. Wir fahren mit dem Zug bis ans Meer. Um auf die Insel Île du Levant zu kommen, müssen wir weiter mit einer kleinen Fähre. Es ist heiß und es ist ein Unwetter über uns losgebrochen. Es regnet in Strömen und die Leute sitzen dicht gedrängt unter einem Dach. Das Schiff schaukelt mächtig. Mir ist schlecht und Mama schaut mich sorgenvoll an. Als wir an Land gehen, meint Mama zu mir: „Du bist ja seekrank geworden, kleiner Püpperling. Ganz grün warst du im Gesicht!“ So eine schaukelige Schiffsreise möchte ich auch nicht noch einmal machen. Aber Papa kann es kaum erwarten auf der Insel sich von seinen Klamotten zu entledigen, um Nackedei rumlaufen zu können.

Manchmal holt auch Papa mich vom Kindergarten ab, wenn er von der Arbeit kommt. Dann werde ich in dem Fahrradanhänger kutschiert. Papa ist viel mit dem Anhänger unterwegs, auch wenn es zum Einkaufen in die Stadt geht. Das ist besonders lustig. Manchmal fährt Mama mit und kauft uns dann ein kleines Baguette und versteckt im Inneren ein kleines Stückchen schwarze Schokolade. Aber heute ist Papa ohne Anhänger gekommen. Hinter ihm auf dem Fahrrad soll ich die Beine abspreizen und immer schön gerade halten, sagt er. Auf dem Gepäckträger ist es ganz schön hart für meinen Popo und so lasse ich auch mal die Beine baumeln. Papa merkt das und ruft: „Lass die Beine oben, sonst kommen sie in die Speichen!“ Die Beine immer oben halten, finde ich ganz schön anstrengend.

Zack, da ist es auch schon geschehen und Papa macht eine Vollbremsung, dass der Staub vom Weg aufwirbelt. Beinahe wäre ich über den Papa hinweg geschleudert worden, so schnellte das Hinterrad mit mir in die Höhe. „Himmel Arsch und Zwirn!“, Papas Donnerstimme saust durch mich durch. Ich habe etwas Schlimmes angestellt, ja – aber Papas Wut ist schlimmer zu ertragen. Mein Fuß ist arg zugerichtet. Jetzt hat Papa große Mühe, ihn aus den Speichen zu bekommen mit all dem Groll in seinem Bauch. Außerdem steht das Fahrrad gefährlich nahe am Kanalrand. Die schräge Kanalwand ist nur einen Schritt entfernt und ich kann hinunter ins Wasser blicken. „Papa, schieb das Fahrrad vom Wasser weg!“ rufe ich, denn ich befürchte samt Papa und Fahrrad da hinein zu rutschen. „Keine Angst, ich muss erst einmal deinen Fuß befreien!“ – „Nein Papa, hier ist es zu gefährlich!“ – „Sei endlich still!“ Es gestaltet sich schwierig, meinen Fuß aus den Speichen zu bekommen, aber ich kann da nicht einfach still sein, denn das Fahrrad will schon rutschen. „Papa, Papa, Papa! Bitte schieb das Rad weg vom Wasser!“ – „Lass mich hier machen! Du sollst endlich ruhig sein!“ – „Nein Papa, ich weine auch nicht, bitte Papa! Je ne pleur pas! Je nepleur pas!“, bettele ich weiter. „Bring das Fahrrad auf die andere Seite vom Weg!“ Endlich wird der Papa vernünftig und hebt das Rad mit mir und meinem Fuß im Hinterrad auf die andere Wegseite, wo es im grünen Gras halt findet. Ich bin erleichtert, so kann der Papa sich besser um meinen Fuß kümmern. Es braucht einige Zeit, bis mein Fuß frei kommt. So schiebt Papa den Rest des Weges mit mir nach Hause.

Das war ein hartes Stück Arbeit mit dem sturen und laut schimpfenden Papa! Da fängt es in mir leise an zu dämmern und ich sehe einer schweren Zeit entgegen mit der Mama und diesem Papa. „Ach, da kullern dir doch die Tränen“, stellt Papa nun freundschaftlich fest. Wütend ist er jetzt nicht mehr. Leise wimmere ich vor mich hin, denn der Fuß an dem die blutigen Hautfetzen herunter hängen, schmerzt doch sehr. „Wird mein Fuß wieder gesund? “ – „Darauf kannst du dich verlassen! Es sind schon schlimmere Dinge wieder heil geworden!“ Zu Hause angekommen ist Mama entsetzt und zugleich schrecklich hilflos, wie sie da meinen kaputten Fuß erblickt. „Mama“, höre ich mich sagen, „Es wird schon alles wieder gut werden! Der Fuß wird wieder gesund! Ganz bestimmt! Bitte Mama, glaub mir das!“

Anmerkung: Von der Fußverletzung ist, bis auf den heutigen Tag, eine breite Narbe zurückgeblieben, vom Knöchel bis zur Fußmitte.

Die Stadtwohnung

1958

(Die Erzählerin ist 5 Jahre)

Papas Arbeitsstelle in Lyon wurde gekündigt und er hatte große Mühe eine neue Stelle in der Stadt zu finden. Auf dem Firmengelände, auf dem unser Häuschen steht, dürfen wir nicht mehr wohnen. Deutsche Ausländer sind extrem verachtet. In Frankreich ist eine große Arbeitslosigkeit eingetreten. Mama und Papa blicken wehmütig zurück, als wir den schmalen Trampelpfad zum Kanal ein letztes Mal gehen und wir unserem kleinen Häuschen für immer „Lebewohl“ sagen.

Die neue Wohnung hat ein großes Zimmer. Wir betreten einen kleinen Flur. Durch eine große Glasscheibe blicken wir links in eine rundum weiß geflieste Küche ohne Fenster, die auf Mama kühl und ungemütlich wirkt. Tageslicht kommt von einem Fenster rechts oben im Flur. Im Wohnzimmer ist es dunkel, weil das große schwarze Nachbarhaus nur wenige Schritte entfernt steht. Im angrenzenden schmalen Raum dürfen Jenny und ich schlafen. Jennys Bett steht rechts vom Eingang an der Wand zu einem dunklen Fenstern hin, mein Bett steht auf der linken Seite, wo das Tageslicht noch spärlicher hinkommt. „So schlecht ist die Stadtwohnung doch gar nicht!“, tröste ich Mutti. „Mit elektrischem Licht ist es auch gar nicht mehr so dunkel hier. “ – „Elektrisches Licht ist nur für die Winterabende“, sagt Mama.

Mit Danielle, die direkt neben uns auf einer anderen Etage wohnt, habe ich mich schnell angefreundet. Sie geht auch mit mir in den Kindergarten. Sie hat eine kleine elektrische Nähmaschine. Darauf hat sie mich einmal nähen lassen. Die Schlingennaht an dem Puppenkleidchen lässt sich aber ganz leicht aufribbeln. Papa möchte mir aber bald eine große Nähmaschine kaufen, die mit Unterfaden nähen kann.

Wir haben auch einen elektrischen Plattenspieler. Meine Eltern haben sich eine kleine Sammlung von Schallplatten mit klassischer Musik zugelegt. Kinder- und Weihnachtslieder sind auch dabei. Mama lässt mich die Peer Gynt Suite auflegen. Dazu muss ich ganz vorsichtig die kleine Nadel am Ende des Auflegers auf die sich drehende schwarze Platte setzen. Wenn das nicht gelingt, gibt es einen Kratzer über die feinen Rillen und dann hört man immerzu „Knack – Knack – Knack“, wenn die schöne Musik spielt. „Voila – es geht“, die Musik spielt und es klingt mächtig und schön und ich kann mir gut vorstellen, wie der Bergkönig durch seine Höhle stampft. Ich finde es lustig und geheimnisvoll zugleich, wie der kleine weiße Hund vor dem großen Trichter des Grammophons, auf dem runden Etikett in der Mitte der Schallplatte, sich um den kleinen silbernen Stift dreht.

Wir waren auch schon ein paar mal im Kino. Kleine Kinder dürfen in Begleitung ihrer Eltern mit. An einen Film kann ich mich noch gut erinnern: „L’eau vive“ (Wildwasser). Der Film handelte von einer Überschwemmungskatastrophe. Allein zurück geblieben und eingesperrt in einem Holzhaus hämmerte eine schöne Frau mit einem Besenstiel in panischer Angst auf dem hölzernen Boden herum. Das Wasser stieg und stieg. Dann stürzte sie sich in die Fluten. Sie konnte noch gerettet werden. Ich hatte fürchterliche Angst um sie gehabt!

Der Kindergarten

1958

(Die Erzählerin ist 5 Jahre)

Außer, dass wir immer sehr lange im Kindergarten sein müssen, finde ich es dort toll. Dort lernen wir Schreiben. Wie vorgemalt, müssen wir in ein Heft Reihen mit Buchstaben schreiben. Die Tische, auf denen wir arbeiten und an denen wir zu zweit sitzen, sind in langen Reihen im halbrund angeordnet. Danielle und ich sitzen in der letzten Reihe.

Dann kommt Ausstechen dran. Auf grünem Buntpapier ist auf der hellen Rückseite ein kleiner Tannenbaum gedruckt. Das Buntpapier liegt auf einem dick zusammengefaltetem Küchentuch. Mit einer dicken Stecknadel müssen wir entlang der Linie ganz dicht hintereinander kleine Löcher stanzen. Wenn ich mit der Nadel rundherum wieder zum Anfang komme, kann ich ganz vorsichtig den ganzen Baum heraustrennen. Dieser Tannenbaum wird von der Erzieherin in unser Heft geklebt. Zu Weihnachten können wir das Heft mit nach Hause nehmen und den Eltern zeigen. Aber bis es soweit ist, müssen wir sehr, sehr lange mit der Nadel arbeiten. Dann machen wir Pause und dürfen unser Butterbrot essen. Nach dem Essen müssen alle Kinder den Kopf auf die Unterarme auf den Tisch legen. Wir sollen uns ausruhen. Wir können auch dabei schlafen. Aber in so einer unbequemen Lage kann ich nicht schlafen.

Bald ist Weihnachten. Auf dem Marktplatz steht ein riesiger Tannenbaum mit vielen goldfarbenen elektrisch beleuchteten Kugeln daran. Zuhause reden Mama und Papa oft über den schrecklichen Krieg, den der Hitler angezettelt hat. Die Menschen haben nichts zu essen gehabt. Als die Bomben gefallen sind, sind die Menschen in die Keller gelaufen und haben dort voller Angst gewartet. Viele Häuser sind zerstört worden und Menschen sind verletzt oder auch getötet worden. Immer wieder musste man sich vor den Fliegern in Acht nehmen. Die Sirenen haben so laut aufgeheult! Oh, das ist alles so schrecklich, so schrecklich gewesen!

„Papa, wie kann denn so ein fürchterlicher Krieg entstehen?“, frage ich. „Das kommt, wenn Menschen nicht in Frieden leben können und immerzu Streit machen. Wenn Streit eskaliert, entsteht Krieg.“, antwortet Papa.

Nach einer Weile höre ich wie 2 Frauen im Nachbarhaus sich laut anschreien. Sie haben sicherlich Streit miteinander, denke ich. „Papa, Papa!“, rufe ich entsetzt. „Kommt jetzt der böse Krieg?“ – „Du Dummchen!“, fängt Papa an zu lachen. „Wenn 2 Frauen sich laut unterhalten, ist das kein Grund zur Angst!“ Vor Papa, der immer schnell wütend wird, verberge ich schnell meine Tränen. Aber der Schreck sitzt tief in mir drin.

Oh, wie freue ich mich auf Weihnachten! Das ist ein schönes glänzendes Fest weil die Menschen sich bemühen, in Frieden zu leben.

Und jetzt ist Weihnachten! Es ist schön still und friedlich überall. Der Kindergarten hat geschlossen. Wir hören die Weihnachtslieder auf der Schallplatte. Ich wünsche mir ganz fest, dass die Menschen vernünftig bleiben und sich nicht mehr auf einen Krieg einlassen werden. Papa und Mama wünschen sich das auch sehr. Wir sitzen um den Tisch herum, fassen uns an den Händen und wir wünschen uns außerdem ganz fest, dass Papa, Mama, Jenny und ich immer zusammen bleiben können.

Frau Larosé

1958

(Die Erzählerin ist 5 Jahre)

Oft muss ich zu Frau Larosé, manchmal auch über Nacht, wenn es Mama nicht gut geht. Sie wohnt im obersten Stockwerk in einem weißen Wohnblock, in der Nähe von meinem Kindergarten. Wenn ich zu ihr komme, schneidet sie mir eine Pampelmuse in 2 Hälften, streut etwas Zucker drauf und lässt mich das bittere Fruchtfleisch auslöffeln. Pampelmusen mag ich nicht, aber ich muss sie essen, weil ich immer so oft Angina mit hohem Fieber bekomme.

Frau Larosé malt sich ihre Lippen bunt. Das möchte ich auch mal machen, aber der Lippenstift steht auf der Ablage vor dem Spiegel über dem Waschbecken im Badezimmer. Also stemme ich mich heimlich aufs Waschbecken und male mir die Lippen schön rot, presse sie aufeinander und rolle sie ab, so wie Frau Larosé es immer so schön macht. Klatsch – bekomme ich einen dicken Klaps auf den Po und ich rutschte vom Waschbecken herunter. „Was machst du denn da?“, fragt Frau Larosé und ich bekomme einen roten Kopf weil ich es heimlich getan habe. Doch Frau Larosé meint, es wäre schlimmer gewesen, dass ich mich auf das Waschbecken aufgestützt habe. Es hätte aus der Wand brechen können. Das sehe ich ein, aber von dem Brennen auf meinem Po und dem Schreck schießen mir doch die Tränen in die Augen. Ich schlucke und schlucke und schlucke sie weg. Mama hätte mich nicht so erschreckt und geschlagen, aber Mama benutzt auch keinen Lippenstift. Sie ist auch ohne Lippenstift meine liebste und schönste Mama.

Als ich mich später einmal bei Mama bitterböse darüber beklage, dass Frau Larosé mich geschlagen hat, sagt sie: Ich soll Frau Larosé nicht mehr böse sein. Sie hatte einfach zu große Angst um ihr Waschbecken. Es stimmt, ansonsten ist Frau Larosé ganz nett.

Grabau

In Deutschland

1959

(Die Erzählerin ist 5 Jahre)

Papa ist wieder arbeitslos geworden und nun gibt es in Frankreich für ihn gar keine Arbeit mehr. Deswegen sind wir mit dem Zug nach Deutschland gekommen. Henry, der älteste Sohn von Papa aus seiner 2. Ehe – die Mama ist Papas 3. Frau – nimmt uns für ein paar Tage bei sich auf, bis Papa wieder Arbeit hat und wir eine Wohnung haben.

Henry und Helen haben uns einmal in Dijon besucht. Dabei haben sie mich für ein paar Wochen nach Deutschland mitgenommen. Helen mag mich sehr. Sie hat mir auf einer Schallplatte, die sie und Henry für Mama und Papa besprochen hatten, ein Schlaflied gesungen, extra für mich: Die Blümlein sie schlafen*. Dieses Lied mag ich auch sehr gern.

Wir alle schlafen im Wohnzimmer. Das Schlafzimmer ist mit einer niedrigen Mauer, so hoch, wie Jenny groß ist, abgeteilt. Auf dieser hat Henry dicke Bambusstäbe senkrecht in Abständen von 2 Handbreiten angebracht, als Abgrenzung. So ist das eine durchsichtige Wand, weil die Schlafecke ohne Fenster ist. Mama und Papa schlafen auf Luftmatratzen auf dem Boden, ich auf dem Chaiselongue und Jenny in 2 zusammen geschobenen Sesseln. Nachts können Henry und Helen nicht schlafen, weil wir Keuchhusten haben. Auch der Papa hustet. Das kommt aber vom Zigarettenqualm. Deswegen hat Henry uns nun rausgeschmissen. Papa hat eine vorübergehende Bleibe in einer Holzbude am Ortsende gefunden. Es ist nur ein Raum mit einem riesigen Fenster darin. Die Holzbude ist nämlich ein Fahrradladen gewesen. Bei den Besitzern der Holzbude können wir aufs Klo gehen und Wasser zum Kochen holen. Sie haben eine große Tochter. Sie heißt Karin und ist schon 11 Jahre. Mit Karin können wir spielen, weil jetzt alle Schulkinder Sommerferien haben. Mama organisiert Spiele für uns. Das kann sie gut, denn sie ist ja eine Kindergärtnerin von Beruf. Solange Ferien sind, können wir in der Bude bleiben.

Wir bringen Karin das Blattspiel Misthaufen bei. Dabei werden über das Blatt verteilt Zahlen geschrieben, möglichst schön durcheinander. Die 1 und die 2 bekommen jeweils einen Kreis, die diese Misthaufen darstellen. Von Kreis 1 bis Kreis 2 wird vorsichtig, ohne abzusetzen, eine Linie gezogen. Dann kommt der nächste Spieler an die Reihe und eine 3 darf in einem Kreis stehen. Von Kreis 2 bis Kreis 3 wird wieder eine Linie gezogen und wieder kommt der Nächste an die Reihe und immer so weiter. Dann versperren Linien den Weg zur nächsten Zahl, die man natürlich nicht durchkreuzen darf. Aber durch die Misthaufen dürfen sie hindurch. Wer die Linien allerdings berührt oder beim Linienziehen absetzt, muss den Stift an den nächsten Spieler weiter reichen. Zum Schluss wird es meistens sehr eng und man muss ganz schön zirkeln. Mit Mama und Jenny macht das Spiel aber am meisten Spaß. Wir spielen es sehr oft.

Mit Karin strolchen wir auch zum nahe gelegenen Teich. Am Ufer ist sie ganz begeistert darüber, Kaulquappen zu fangen. Auch wir bringen ein paar quirlige, schwarze, kugelige Tierchen in einem Topf mit Wasser zur Bude. „Aber ohne Sauerstoff werden Sie nicht lange leben“, meint Papa. Schade, wir hätten gerne die Verwandlung in Frösche verfolgt, aber das dauert zu lange. Sauerstoff bekämen die kleinen Kiemenwesen nur im Teich, also geben wir ihnen ihre Freiheit zurück.

Es ist schön hier am Rande von Schwarzenbek. An der Straße vor der Bude, die nur aus sandiger Erde und Schlaglöchern besteht, stehen Pfeiler aus Stein die mit weißer Farbe bestrichen sind. Darüber machen wir unsere kläglichen Versuche mit Bocksprüngen. In die Erde malen wir Hüpfkästchen. Am Anfang der Straße steht ein gelber Briefkasten. Ich bekomme Lust den Postleuten einen Streich zu spielen. Mit etwas Holzwolle fülle ich einen weißen Briefumschlag und werfe ihn ein. Aber am Abend meldet sich bei mir ein schlechtes Gewissen. Ich spüre, dass ich etwas Verbotenes getan habe. Die ganze Nacht kann ich kaum schlafen und stelle mir vor, wie die Polizei herausfindet, dass ich den Briefumschlag mit merkwürdigem Inhalt und unfrankiert in den Briefkasten geworfen habe. Am nächsten Morgen frage ich Mama, ob man deswegen von der Polizei abgeholt werden wird. Wie gut, dass ich Mama meine Sorgen beichten kann. Papa hätte sicherlich nur du Dummerchen gesagt.

Die Sommerferien sind vorbei und Mama bekommt ihre Zustände hier in der Holzbaracke. Die alte Küstersfrau, die immer fröhlich mit dem Fahrrad unterwegs ist, hat Mitleid mit unserer Familie und hat uns in ihrem kleinen Holzhaus, am nahe gelegenen Wäldchen, eine kleine Wohnung zur Verfügung gestellt. Mama atmet auf, dass wir nun endlich aus der Bude heraus können! Sie ist ohnehin viel am Jammern und denkt, dass sie den Umzug nicht schafft. Papa ist wütend darüber und fängt fast an zu toben über die viele Jammerei. „Alles habe ich bisher getan und gemacht, auch ohne die Mama!“, stampft er los. Oh, es ist schrecklich dieses viele Durcheinander! Papa brüllt, die Mama jammert immerzu, Jenny weint, ein Umzug ist zu machen – wenn das nicht aufhört und es die Leute merken, kommen wir alle samt in so eine Klapsmühle, statt in die neue Wohnung! Das darf nicht geschehen!

Beim Umzug steht Mama immerzu im Weg. Sie zittert andauernd vor lauter Angst. Wir können nicht nachvollziehen, wovor Mama so oft so große Angst hat. Arme Mama!

*Die Blümlein sie schlafen, ein Schlaflied – siehe Anhang

Bei Helen

1959

(Die Erzählerin ist 5 Jahre)

Mama ist in eine Nervenheilanstalt gekommen und ich bin nun bei Henry und Helen. Aber bei ihnen ist es immer langweilig, weil ich niemanden zum Spielen habe. Wo Jenny hingekommen ist, weiß ich nicht. Helen sagt, dass ihr 2 kleine Rabauken zu viel sind, weil sie viel in der Fabrik arbeiten muss, im Schichtdienst. Das bedeutet, dass sie auch in der Nacht in die Fabrik muss. Ich stehe vor dem Wohnzimmerschrank, lasse die langen blanken Fäden der Türschlüsselanhänger durch meine Finger gleiten und stelle mir vor, wie anstrengend es sein muss, nachts in der Fabrik zu arbeiten, wenn alle anderen Leute schlafen. Die Wohnung in der auch Oma und Opa Nowack wohnen, ist picobello. Henry hat eine Menge drauf, wie Mama sagt, und hat schöne rosa Kacheln im Bad an die Wände geklebt. Es gibt jetzt dort eine Badewanne, damit man nicht mehr in der Waschküche auf dem Hof, im großen Wäschekochtopf baden muss. Das war lustig. Nacheinander sind wir in den großen Bottich in die Seifenlauge gestiegen. Daran kann ich mich noch gut erinnern, als ich von Dijon hierher kam. Helen sagt, ich hätte da immer nur auf Französisch geantwortet, wenn Leute mich nach etwas gefragt haben.

Die Oma ist immer in der Küche und der Opa werkelt in seiner kleinen Schuppenwerkstatt draußen auf dem Hof. Aber dauernd bei der Hobelei zuzusehen langweilt mich auch. Ganz hinten im Hof ist eine Sandkiste. Aber dort spiele ich nicht gerne, weil ich es alleine doof finde. Helen sagt, ich soll doch mit den Nachbarskindern spielen. Aber die haben eine Schlachterei. Da habe ich einmal Schweine quieken gehört. Wenn es da so brutal zugeht, möchte ich da nicht hin. Auf der anderen Straßenseite ist eine Schreinerwerkstatt. Leider werde ich dort oft weggeschickt. Wenn die Kreissäge geht, ist es mir dort sowieso zu laut. Helen sagt, ich soll nicht immer in der Werkstatt herum lungern. Also nehme ich mein Dreirad und nudele damit rum. Ich wünschte, die Schule könnte beginnen. Ich habe schon ganz viele Zahlenreihen bis 10 geschrieben bei denen ich immer jeweils die 1, eine 2 oder eine 3 usw. hinzurechne. Zum Malen habe ich keine Lust. Die Bilder werden nur krickelkrackel. Zuhause bei Mama darf ich mit dem Tuschkasten malen. Und weil der Nicki, der kleine Langhaardackel, in seiner Tonne, immer zu viel schläft, wird er ab und zu von mir geärgert. Wenn ich auf das rot-lackierte alte Weinfass klopfe, saust er mit lautem Rawau heraus. Das finde ich lustig. Einmal habe ich auch den alten Opa Nowack etwas ärgern wollen. Da habe ich einfach von außen den Riegel an der Schuppentür vorgeschoben. Er hat von innen ganz laut an die Tür gedonnert und sich dabei zu doll erschrocken. Es hat mir gleich Leid getan. Ganz schnell habe ich die Tür wieder aufgemacht und mich bei Opa entschuldigt. Aber es gab abends noch ein Riesentheater deswegen.

Nicki

1959

(Die Erzählerin ist 5 Jahre)

Vor Helens Wohnzimmerfenster ist ein kleiner Blumengarten. Vielleicht wachsen da auch ein paar Rüben oder Salat. Aber vor lauter Unkraut kann man davon nichts sehen. Der Gartenzaun ist alt und wackelig. Das Schaukeln darauf finde ich sehr schön. Die Oma Nowack sagt, für eine kleine Dame mit Lackschuhen gehört sich das Schaukeln auf dem Gartenzaun nicht. Helen sagt, wenn ich immer über den großen Onkel laufe, bin ich von einer feinen Dame auch noch weit entfernt. Auf den Gartenzaun soll ich nicht. Aber leider hat Helen mich wieder auf dem Gartenzaun gesehen und sagt: „ Wenn ich dich noch einmal auf dem Zaun erwische, gibt’s ein’n Jack voll!“ Da erwischt mich Henry und gibt mir einen Jack voll. Darüber bin ich todunglücklich und möchte nach Hause. Ich weiß, dass ich da nicht hin kann, weil keiner da ist. Aber das ist mir jetzt egal. Hier möchte ich nicht bleiben, wenn ich wegen so ein bisschen Schaukeln geschlagen werde. Ich beschließe abzuhauen.

Am nächsten Morgen ziehe ich mich in aller Frühe schnell an. Dabei zittert es mir im Bauch und im Po, weil ich sehr aufgeregt bin. Leise gehe ich an der Küche vorbei zur Wohnungstür.

Da schaut die Oma Nowack um die Ecke und sagt: „Na, du bist aber schon früh aufgestanden!“ Also beschließe ich morgen noch zeitiger aufzustehen, damit mich keiner sieht.

Am nächsten Morgen ist aber die Oma bei offener Küchentür wieder zugange und so schleiche ich zurück, ziehe meine Sachen aus, lege mich wieder ins Bett und warte betrübt, bis ich aufstehen kann.

Am nächsten Morgen ist niemand zu sehen, also bin ich schnell zum Haus raus. Auf dem Gehsteig ist Nicki und freut sich, dass er mich draußen sieht und wedelt mit dem Schwanz.

„Still Nicki, geh rein ins Haus! “ Die Haustür mach’ ich einen Spalt weit auf, aber Nicki denkt gar nicht daran ins Haus zu laufen. Na, vielleicht kehrt er bald wieder um! Auch der Nicki muss allein draußen auf der Straße seine Runden drehen. Er wird schon umkehren, wenn es für ihn zu weit werden wird, denn der Weg nach Hause zu Papa ist sehr weit. Den Weg kenne ich gut, denn Mama ist ihn mit uns gelaufen, um in Schwarzenbek Besorgungen zu machen. Dann ist sie mit uns ins Café gegangen, wo es leckere Windbeutel gibt. Mama liebt Eiscafé. Von dem Eis und der süßen Sahne durften wir auch probieren. Aber jetzt muss ich mich beeilen, um aus der Stadt heraus zukommen. Es sind nur wenige Frühaufsteher unterwegs. Schade, dass ich nicht Nickis Leine dabei habe. Ich laufe und laufe und es kommt mir endlos lange vor, bis wir an dem Café vorbei sind. Dort gibt es auch eine Bahnschranke, die aber zum Glück offen ist. Dann gehe ich die gepflasterte Straße entlang. Der Fußweg ist breit genug, dass ich gut auf den Nicki Acht geben kann. Er trottet immer noch neben mir her und jetzt finde ich es gut, dass er mit mir mit kommt. Wenn ich an der großen Biegung angelangt bin, geht es etwas aufwärts und dann haben wir fast die Hälfte des Weges bis nach Grabau geschafft. Als wir um die Biegung herum sind, sehe ich von weitem einen Mann auf uns zukommen. Das Kribbeln in meinem Bauch wird stärker und ich hoffe, dass der Mann nur an uns vorüber geht. Der dunkel gekleidete Mann geht ganz gemächlich auf uns zu und ich möchte so schnell wie möglich an ihm vorbeikommen. Der Nicki kann nicht so schnell laufen. Ganz langsam wird der Mann vor uns größer und größer. Er ist ganz grün gekleidet, also ist es ein Polizist – du meine Güte!

Jetzt ist alles vorbei!, denke ich. Vielleicht hat Oma Nowack schon die Polizei angerufen! Mir schlägt mein Herz bis zum Hals und spüre es heiß in mir aufsteigen. Hoffentlich sieht der Polizist nicht mein rotes Gesicht! Vielleicht darf aber ein kleines Mädchen, wie ich es bin, auch einfach nur so Angst vor der Polizei haben?! Mit dieser Frage versuche ich mich zu beruhigen.

„Na, ihr Beiden? Wo wollt ihr denn hin? Ihr seid aber schon früh unterwegs!“ – „Ja“, kommt es aus mir heraus, „wir wollen nach Grabau!“ – „Da macht ihr aber einen weiten Spaziergang morgens früh um 6“, meint der Polizist, und es klingt gar nicht so böse, finde ich. „Ja schon, aber den Weg kenne ich sehr gut.“ – „Wie alt bist du denn, kleines Mädchen?“ – „6 Jahre.“, sage ich schnell, obwohl ich erst 5 bin. „Ich komme nächstes Jahr zur Schule!“ – „Na dann! Da hast du aber einen netten Begleiter!“, sagt der Polizist freundlich und lacht. „Ja, der Nicki ist mein Freund!“ sage ich zurück. „Dann wünsche ich euch Beiden einen schönen Tag! “ – „Das wünsche ich Ihnen ebenfalls! Komm Nicki!“, und wir kommen endlich an dem Polizist vorbei. Nach einem Stückchen Gehen mache ich: „Puh …! Nicki, da haben wir aber Glück gehabt!“

Natürlich ist der Papa nicht zu Hause anzutreffen. Was machen Nicki und ich bloß den ganzen Tag, bis der Papa von der Arbeit kommt? Wir bummeln durch den Garten. Zu Frau Brecht, unserer Vermieterin, möchte ich nicht, denn die könnte gleich den Papa holen und er würde mich dann wieder zu Henry und Helen schicken. In der Nachbarschaft stehen noch 2 Häuser, direkt an der Straße. Die Tiedemanns sind auch nette Leute. Bei ihnen ist es toll im Blumen- und Gemüsegarten mit dem kleinen Goldfischteich und den Hühnern. Aber auch zu ihnen möchte ich nicht. Zu den anderen Nachbarn haben wir wenig Kontakt. Da werde ich einfach fragen, ob ich bis abends bei ihnen warten kann, bis der Papa von der Arbeit kommt. Ich klingele und die Frau sagt, ich kann bleiben. Ich darf am Küchentisch sitzen und auf den Papa warten. In der Küche ist es warm und ich bekomme ein Butterbrötchen mit Marmelade zu essen.

Auch wenn die Leute jetzt, wie ich vermute, doch den Papa rufen gehen, ist es mir egal. Wenn der Papa kommt, werde ich ihm sagen, dass ich groß bin und auch schon Kartoffeln kochen kann. Immer so am Tisch sitzen, bei den Leuten, die ich nicht kenne, ist anstrengend.

Da kommt auch schon der Papa mit dem Fahrrad angefahren und ich sage ihm, dass ich groß bin und Kartoffeln kochen kann und dass ich nicht mehr zu Henry und Helen möchte. Papa glaubt mir schon, dass ich für ihn kochen kann. Er erklärt mir aber, dass Kinder nicht alleine zuhause bleiben dürfen. So muss ich doch wieder zurück.

Jetzt sind alle besonders nett zu mir und Helen hilft mir auch ein wenig beim Rechnen. Einmal im Monat bekomme ich 1 Mark für einen Märchenfilm, den ich mir in dem großen Kino ansehen darf. Das finde ich ganz toll. Zur Zeit läuft: Aschenputtel. Nur, dass ich dort ganz alleine hingehen soll, davor graust es mir.

Das Nonnenheim

1959

(Die Erzählerin ist 6 Jahre)

Oft schickt mich Mama zum Milchholen. Dann gehe ich erst einmal den langen Trampelpfad durch Frau Brechts Obstgarten bis zur Straße. Auf der Straße muss ich weit laufen, bis zum Ortsanfang, an der Holzbude vorbei, in der wir den Sommer über gewohnt und mit Karin gespielt haben. Als Mama eines Tages die Karin am Bahnhof getroffen hat, als sie gerade von der Schule kam, lud Mama sie zu einem Süppchen in einer Gaststätte ein. Manchmal ist sie sehr spendabel, besonders nachdem sie in der Klinik war. Das sieht Papa aber nicht so gerne. Nach dem Essen hat Karin im Restaurant den Teller abgeleckt und Mama war sehr entsetzt darüber. „Wie kann eine 12-jährige noch so etwas tun?!“, hat sie gesagt.

Neben dem Milchgeschäft ist ein Kunstgewerbeladen. Mama mag Kunstgewerbe und wir sind oft in dem Laden und schauen uns die fingergroßen bunten Holzfigürchen an, die ihr besonders gefallen. Dann sagt sie immer, ich solle, wenn ich groß bin, auch einen Kunstgewerbeladen eröffnen. Das weiß ich aber noch nicht so recht, ob ich das machen möchte, auch wenn Mama meint, dass ich künstlerisch begabt bin. Im Milchladen ist die Blechkanne gefüllt worden. Also gehe ich den langen Weg wieder nach Hause. Milchholen finde ich total langweilig. Einmal habe ich auf dem Heimweg beim Gänseblümchenpflücken fast die Hälfte aus der Kanne verschüttet.

Der Herbst ist vorüber und Mama bekommt wieder ihre Tour. Sie jammert und jammert und jammert und sagt immer, alles geht zu Grunde und wir haben nichts anzuziehen und im Winter müssen wir frieren. Außerdem kann uns der Brunnen im Garten einfrieren und wir haben dann nichts zu trinken und auch die Wäsche kann nicht gewaschen werden. Das ist wieder sehr schlimm geworden mit Muttis Jammerei.

Wasser aus dem Garten zu holen, finde ich nicht schlimm. Ich pumpe gern. Zuerst geht es ganz leicht. Dann denke ich immer, dass das Wasser gar nicht nach oben kommen möchte. Aber wenn man ganz lange und ganz schnell den Hebel betätigt, kommt das Wasser doch irgendwann aus der großen Öffnung herausgesprudelt. Dann aber muss der Hebel immer wieder kräftig heruntergedrückt werden. Wenn der Wassereimer voll ist, bin ich total aus der Puste.

Jedenfalls muss Mama wieder in die Klinik und dieses Mal muss ich mit Jenny ins Heim. Zu Henry und Helen will ich sowieso nicht mehr. Helen will mich am liebsten adoptieren. Das bedeutet, dass ich nie mehr zu Hause wohnen darf. Einmal hat mich Mama gefragt, ob ich immerzu bei Henry und Helen bleiben möchte. Ich würde dann im Sommer jedes Wochenende mit ihrem Auto an die Ostsee fahren können, würde immer schicke Kleider haben und schicke Schuh’.

„Falte mal deine Händchen!“, hat mich Mama aufgefordert. „Warum?“, habe ich gefragt. „Damit ich sehen kann, wie dein rechter Daumen liegt, über oder unter dem linken Daumen.“ 5x habe ich meine Hände gefaltet und Mama hat mir gezeigt, wie meine Daumen liegen. Der Daumen meiner rechten Hand liegt dabei immer über dem linken Daumen. Da hat Mama gesagt: „Gott sei dank, das ist ein Zeichen, dass du Muttis Töchterchen bist!“