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Eine Reise in die Oberlausitz katapultiert die Erzählerin in ihren Erinnerungen explosiv zurück in ihre DDR-Kindheit. Bis genau zu jenem Tag, als ihr Vater verkündet: »Wir gehen nach Afrika!« Die damals Sechsjährige ahnt noch nicht, dass diese Nachricht ihr ganzes Leben verändern wird. Zwar fliegen sie im August 1980 von Ost-Berlin nach Mogadischu, landen aber wieder in einer streng kontrollierten kleinen DDR. Aberwitzige Regeln, Verbote anstelle des erhofften Abenteuers. Und doch, eingesperrt in diesem wilden Land, schafft es das Mädchen, sich ein Stück Freiheit zu erobern. Was wird sie davon in die DDR und in ihre Zukunft mitnehmen können? Lebendig erzählt die Autorin ihre außergewöhnliche Geschichte über Heimat und Entfremdung. Dabei lässt sie traurig und zugleich witzig eine DDR erscheinen, wie sie so noch nicht beschrieben wurde.
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2020
Dominique Engler, geboren in Erfurt, wuchs in der ehemaligen DDR auf. Mit acht Jahren ging sie mit ihrer Familie für ein Jahr nach Somalia. Zurück in der DDR, lebte sie in Weimar, Erfurt und Chemnitz und besuchte als Fechterin die Kinder- und Jugendsportschule Berlin.
Dominique Engler studierte Gesang und Klavier in Köln und Düsseldorf. Seit 2005 ist sie im Opernchor des Pfalztheaters Kaiserslautern engagiert. Daneben ist sie als Konzertsängerin und in verschiedenen literarischen Portraits zu hören, die sie selbst konzipiert und schreibt.
Heimat
Warten
David
Abschied
Ankunft
Kulturhaus
Die Liste
Heimatkunde
Safari
Die Mauer, der Affe, der Müllmann und der Fishman
Westauto
Botschafter
Im Osten nix Neues
Überraschungen
Katharinenhof
Heimkehr
Johannes
Jahre
Erinnerungen
Zur Hochzeit meiner Eltern sagte Großmutter Charlotte: »Ihr Lieben, ich werd nun also nicht mehr lange leben.« Das tat sie dann aber doch und ihr Leben überdauerte auch die Deutsche Demokratische Republik.
Während Charlotte von da an bei jedem Familientreffen bekräftigte, dass es mit ihr wohl demnächst zu Ende gehe, ließ die DDR-Führungsriege keine Gelegenheit aus, die Kraft und Langlebigkeit unseres sozialistischen Vaterlandes zu lobpreisen. Richtig geglaubt haben wir keinem, aber gestorben sind am Ende beide.
Nun sitz ich hier auf dem kleinen Friedhof mitten in der Oberlausitz, ihr Grab ist gerade frisch geschaufelt und die Frühlingssonne trocknet so langsam die Kränze aus. Der alte Friedhofsgärtner klappert geschäftig mit Schaufel und Eimer. Erika raus, Frühblüher rein, Gießkannengeklapper. Gebückt schlurft er zum dritten Mal an mir vorbei. Schnaufend bleibt er stehen.
»Ham Se hier jemand?«
»Ja«, antworte ich und schaue auf Charlottes Grab.
»Ach, Sie gehör’n zur Mühle! Bald alle tot, tja nu, so isses halt. Wann wir nu wer’n sterben, das wissen wir nu och nich, ni waarr«, sagt er im breiten Oberlausitzer Dialekt. Ich nicke ihm lächelnd zu und denke, nee, das wissen wir nu och nicht.
Gemeinsam schauen wir ein Weilchen auf das Grab, in dem auch die Asche vom Großvater liegt. Charlotte ist im Ganzen unter der Erde. »Kinder, nein, also verbrennen kommt ja nu nich in Frage«, schallt es aus dem Erdhügel.
»Dann also, ich muss weiter. Wenn Se noch ne Frage ham, ich kenn hier ja alle.« Er wischt sich über die Stirn und schleppt sich den schmalen Kiesweg, an der Buchsbaumhecke entlang, wieder zurück in den oberen Teil des Friedhofs. Ich lehne mich zurück. Die Uhr der kleinen Dorfkirche gegenüber schlägt zur vollen Stunde. Nur die mittlerweile gut befahrene Straße trennt die Kirche und den Friedhof voneinander, sie gehören zusammen, wie Leben und Sterben eben zueinandergehören. Ich denke an eine alte Familienfotografie. Die Hochzeit meiner Großeltern. Charlotte mit langem weißen Schleier und der Großvater mit Zylinder. Viele weiß gekleidete Blumenkinder umringten das Brautpaar. Das ganze Dorf war in der kleinen Kirche versammelt und die Verwandten aus der Stadt zeigten ihre neuen Kleider. Ein Foto, nur ein schwarz-weißer Moment. Noch gab es die vier Kinder, von denen eines mein Vater werden sollte, nicht, aber auch sie wurden hier getauft. Auch die Eltern und Geschwister meines Großvaters und deren Kinder. Alle hier getauft und getraut und am Ende ausgesegnet. Letzter Weg über die Bundesstraße hier herüber. Erika, Frühblüher.
Dieses Dorf war ihre Heimat. In der Mühle, die man über der Kirchturmspitze auf dem Mühlberg gerade noch sehen kann, wuchs mein Großvater auf. Dort, wo sich im Zweiten Weltkrieg deutsche Wehrmachtssoldaten einquartierten und auf die Russen unten schossen, während meine Urgroßmutter allen Schmalzbrote schmierte. Später dann umgedreht, die Russen oben, keine Schmalzbrote, und die Deutschen rannten unten davon. Genau genommen steht heute nur noch das Wohnhaus. Die Mühle selber fiel in den 60er Jahren einem Sturm und später der LPG zum Opfer. Die Bauernhöfe im Ort wurden ab 1953 zwangsenteignet und zur dörflichen LPG umgewandelt. Die Mühle haben sie nicht mehr aufgebaut.
Dieses Dorf war ihre Heimat. Ihre Heimat. Heimat, so als Wort eigentlich ganz harmlos, ein bisschen gutmütig und durchaus angenehm. Es impliziert eine innige Vertrautheit, die mehr verspricht als nur die Liebe zu einem Ort. Aber als Frage verkleidet, entzaubert sich mir das freundliche Wort, wird ungemütlich fremd. Die Buchstaben fallen wie marodes Fleisch von dem soeben noch wohligen Wortlaut und übrig bleibt, bei genauerer Schau der Überreste, ein nagender Schmerz, der in eine Fremdheit mündet. Heimat und Fremde liegen unbehaglich nah beieinander.
»Haben Sie hier jemanden?«, hatte der Alte gefragt. Plötzlich bin ich mir da nicht mehr so sicher. Habe ich das tatsächlich? Leidige alte Fragen ohne Hoffnung auf die richtige Antwort. Eine einsame Auseinandersetzung mit der Heimat. Und wo war meine Heimat DDR doch überall? In Weimar, in Erfurt, in Berlin, in Karl-Marx-Stadt, in Mogadischu, in Kabul, in Phnom Penh, in diesem verlassenen Kaff an der polnischen Grenze? Alles Heimat, alles Fremde, alles DDR.
Werde ich nach meiner Herkunft, meiner Heimat gefragt, preise ich immer wieder den weißen Ort in meinem Inneren, den ich zu meinem Königreich erkoren habe. Eine behütete Halbwahrheit, bei der irgendwie die Sehnsucht bleibt. Ich könnte auch sagen, ich bin in Erfurt geboren, habe in Weimar gelebt, von dort komme ich her, genau das ist meine Heimat. Aber das stimmt so einfach nicht. Lieber würde ich antworten: Christa Wolf ist meine Heimat oder die Weltzeituhr am Alexanderplatz.
Ich kann nicht mehr auf der Bank sitzen bleiben. Der berühmte Ort in mir droht zu bersten. Unangemeldet gibt er ganze Jahre frei. Grad so, als würde sich immer wieder der Deckel dieses übervollen Erinnerungstopfes von unsichtbarer Hand heben, damit nichts überkocht und vielleicht verloren geht. Eigentlich erscheint nur ein kleiner Gedankenkristall, welcher sich, fällt er auf die richtige Stelle, zu einem ganzen Gebilde konstituiert. Ein Gebilde voller Erinnerungen, so lebendig, dass mir die Luft knapp wird.
Seit über zehn Jahren war ich nicht in diesem Dorf, hier im östlichsten Teil vom Osten Deutschlands. Mein süddeutsches Autokennzeichen ist wohl selten hier zu sehen und auch sonst erkennt mich niemand. Genau wie damals, als wir wieder aus der afrikanischen Fremde zurückkamen. Afrika – eine unerreichbare Ferne für diese Menschen hier. Überhaupt für die meisten Menschen in der DDR. Afrika, buchstäblich unvorstellbar. Damals, im Spätsommer 1981, bin ich aus dem Auto herausgesprungen und in das alte Haus Nr. 8 gerannt.
»Oooopa, Ooooma, wir sind wieder da!«
»Da seid ihr ja endlich«, riefen sie aus dem Garten hinter dem Haus. »Da könnt ihr mal gleich Bohnen schnippeln helfen. Das sind so viele, in diesem Jahr ist das ganz verrückt.« Afrika – eben unvorstellbar.
Ich winke noch kurz dem Friedhofsgärtner zu. Er ruft etwas herunter, aber gerade fährt ein Traktor hinter mir die Straße entlang. Nichts ist zu verstehen. »Alles klar«, rufe ich zurück und gehe noch einmal die Reihe mit den Gräbern meiner Familie ab. Bei den Großeltern bleibe ich stehen und muss lachen. »Ich bin wieder da, Oma. Bohnen gibt’s aber noch keine.« Dann gehe ich.
Ko, Labba, Sadach, Afar, Schan … Das sind Zahlen auf Somalisch. Ich zähle jeden Baum an der Landstraße ab. Linden, die so oft gestutzt wurden, dass sie ganz verkrüppelt aussehen. Als Kinder freuten meine Schwester und ich uns auf diese Straße. Sie zweigt von der großen Bundesstraße zum Dorf ab. Eine herrlich dunkle Gasse. Wenn wir mit dem alten Ford, den mein Vater liebevoll in Schuss hielt, in diese Allee abbogen, schrien wir immer vor Vergnügen: »Krüppelallee!«
Lich, Detobban, Sidet, Sagal, Toban … Alle Linden stehen noch, bis auf eine. Ein Kreuz und Kuscheltiere stattdessen. Die Ruhe hier mitten auf der Landstraße ist herrlich. Aus der Oberlausitz fliehen die Leute immer noch, sagte mir der Wirt im Kretscham gestern Abend. »Die Menschen geh’n alle weg, vor allem die Jungen. Hier is ja nüschd«, hatte er gesagt und mir ein Bier gezapft. Zwischen zwei Bäumen setze ich mich auf einen Stein. Außer ein paar Käfern nichts. Dieses Nichts atme ich ein paarmal ein und aus und schließe die Augen.
»Wir gehen nach Afrika!«, verkündete mein Vater eines Abends im Herbst 1978. Wir saßen noch immer am Tisch, obwohl das Abendessen längst vorbei war. Mein Vater sprach sehr lange. Meine Mutter war ganz rot im Gesicht und sie redete auch. Aber mehr in Wiederholungen, so als müsste sie Vaters Worten eine eigene Bedeutung verleihen. Mein Vater ist ein Redner, das sagen alle. Seine Stirn verdunkelt sich zunächst, denn er muss die Worte erst einzeln erdenken und selber begreifen. Wie große Wolken steigen dann die wortgewordenen Gedanken aus seinem Mund und schweben in den Raum. Erst nur ein Klang, dem ich träumend lausche. Aber sobald ich den Sinn erkenne, habe ich es mit messerscharfen, klaren Tatsachen zu tun, von denen ich sofort hellwach werde. Und schon schwebe ich auf der nächsten Klangwolke dahin.
Als draußen die herbstliche Nacht hereinbrach, redeten meine Eltern immer noch. Mein Vater, meine Mutter und meine kleine Schwester, die plapperte einzelne Worte nach. »Arikaaa! Arikaaa!«
»Nein«, sagte meine Mutter. »Affffrika. Da gibt es vielleicht große Elefanten.«
»Fanten«, quietschte meine kleine Schwester und schüttelte ihren rosa Plastikbecher.
Bei allem, was ich an diesem Abend gehört hatte, wurde mir ganz schwindlig. Ich versuchte weiter zuzuhören, aber mein Kopf war zu schwer geworden. Meine Mutter räumte die Teller ab und kochte noch eine Kanne Pfefferminztee mit Zucker. Ich legte mein Gesicht einfach auf den Tisch und sah die Welt nun quer. Das wird mir einfach niemand glauben. Mit einem Flugzeug werden wir fliegen und ein ganzes Jahr weg sein und alle Menschen dort sind schwarz und sicher haben sie bunte Kleider an, wie ich sie noch nie gesehen habe, und eine andere Sprache sprechen sie da und die kann niemand verstehen, wenn überhaupt – dann mein Vater und wer weiß, ob ich dort Freunde finde, und Moppi muss mit, sonst kann ich nicht einschlafen, und die Katze soll dann bei Oma Erfurt wohnen, ach, die Oma kann ja nicht mit, das ist schade, aber ich werde alles in Afrika malen und jeden Tag einen Brief nach Erfurt schreiben und besonders, wenn ich auf einem Elefanten reite, das muss ich unbedingt malen und der Papa muss fotografieren, wie ich da auf und ab schaukele, auf und ab, auf und ab. Wie von Zauberhand verschwamm die Welt langsam in einem Kaleidoskop von Farben. Die Beine auf dem dicken, grauen Berg, mein Kopf zwischen den großen Ohren, mein Körper schwer und schwerer. Der Elefant, also mein Vater, schaukelte mich an diesem Abend sicher in mein Bett.
Am nächsten Morgen in aller Frühe stellte ich meinen Kinderstuhl vor den Schrank, legte noch drei Bücher darauf und kletterte hinauf, um den kleinen roten Pappkoffer vom Schrank zu holen. Mit einiger Mühe gelang es mir. Ich begann zu packen.
Als mein Vater in seinem gestreiften Schlafanzug verschlafen in Richtung Badezimmer wankte, bekam er einen Lachanfall. Ich stand mit meinem Koffer und Moppi unter dem Arm im Flur und war bereit für das Abenteuer.
»Ja was machst du denn da?«, fragte mein Vater.
»Wir fahren doch nach Afrika. Ich bin fertig.«
»Aber Kind, wir fahren noch nicht heute. Du musst nachher in die Schule«, sagte mein Vater. Er war schon fast im Badezimmer verschwunden, da öffnete er noch einmal die Tür und fügte hinzu: »Ach, und bitte, sprich erst einmal mit niemandem darüber.«
»Auch nicht mit David?«, fragte ich enttäuscht.
»Nein, mit niemandem. Das ist doch alles noch nicht entschieden und du musst auch lernen, ein Geheimnis zu bewahren. Auch vor David. Das ist sehr wichtig, hörst du?«
»Ja«, sagte ich trocken und leise.
Ich schluckte meinen Schreck und auch meine Tränen herunter und ging wieder in unser Kinderzimmer. Moppi flog zurück ins Bett und der rote Koffer darunter. Mir war plötzlich fad und leer zumute. Bis zum Frühstück saß ich still auf meinem Bett, umgeben von einem Schweigen, das neu und fremd für mich war.
Zwei Jahre hat es von diesem Zeitpunkt an gedauert, ehe wir wirklich gepackt und die DDR in Richtung Afrika verlassen haben. Zwei Jahre waren so unüberschaubar lang für mich, dass ich irgendwann fast nicht mehr an Afrika und all die Abenteuer glauben konnte.
Aber der Reihe nach. Am folgenden Wochenende wurden Oma und Opa Erfurt eingeweiht. Die Oma weinte und schnäuzte sich immer wieder in ihr Taschentuch. Wortlos zupfte sie an den Ecken des Taschentuchs, bis sich die blaue Häkelborde löste. Ich kuschelte mich auf ihren Schoß und schloss die Augen.
»Na, erzähl mal genau, wie das nu kam«, sagte der Opa zu meinem Vater.
Mein Vater holte tief Luft. »Der Heinz, was unser Kaderleiter ist, der olle Stasistinkstiefel, hat mich zu sich gerufen und …«
»Moment, so kannste den nu och nich immer nennen, das ist ein alter Genosse, den kenne ich!«, unterbrach ihn mein Opa.
»Is ja gut, Rudi, also der hat mich gefragt, ob ich eigentlich mal ins nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet möchte. Ganz gestelzt hat er geredet, der olle Sta…,« mein Vater winkte lachend ab und fuhr fort: »Da war ich natürlich erst mal vorsichtig, ich wusste ja nicht, worauf der hinauswollte. Aber dann wurde der Heinz recht gesprächig und hat berichtet, dass die vom Ministerium jemanden suchen für Entwicklungshilfe, höchstwahrscheinlich Afrika.« Beim Wort Afrika schnäuzte es in meinem Rücken wieder laut in ein Taschentuch.
»›Mensch, Genosse, da bist du doch genau der Richtige für. Bei deinen Qualifikationen!‹«, hat er geschwafelt. Dann hat er mal gleich prophylaktisch gelobt, dass wir mit Rolf und Hertha in Düsseldorf keinen großen Kontakt haben. Und dass ich SED-Mitglied bin, ist wohl auch ganz gut.«
Nun seufzte ich, denn mit Tante Hertha hätte ich gerne Kontakt gehabt. Schokolade oder Filzstifte aus dem Westen – das wär schon was gewesen! Außerdem verstand ich auch nicht, was das nun mit Afrika zu tun haben sollte.
»Na, viel mehr Westverwandtschaft gibt es ja nicht. Oder in deiner Familie?«, flüsterte mein Opa.
»Doch, schon, aber mit denen habe ich selber keinen Kontakt. Nur meine Eltern, aber das wird hoffentlich kein Problem sein.« Mein Vater kratzte sich über den Hinterkopf. »Das wär schon eine dolle Sache. Afrika, mal raus hier. Und ihr wisst doch, wie sich, als ich damals auf die Kombinatsleitung verzichtet habe, die grauen Eminenzen in ihren Lodenmänteln die Klinke in die Hand gegeben haben. Hat zwars nichts genützt, ich wollte einfach nicht, aber Afrika würde mich schon reizen. Und noch mal kann ich denen so eine Geschichte von wegen Erschöpfung und Herzprobleme nicht vorgaukeln. Das glaubt heut keiner mehr. Vor allem, wo ich jetzt als Ingenieur hier völlig überqualifiziert bin. RFT-Techniker, das ist auf Dauer nix. Da könnte so eine Auslandserfahrung schon was ändern, ohne dass ich den ganzen Parteiblödsinn mitmachen muss. So’n Zirkus immer!«
Mein Opa schnaufte nur vor sich hin, seine Brille rutschte immer wieder auf seine Nasenspitze, so sehr war sein Gesicht in Bewegung. Sicher hätte er gerne einen Kombinatsleiter als Schwiegersohn gehabt, einen, der sich eindeutig für das Wohl des geliebten sozialistischen Vaterlandes einsetzt und sich nicht solche Spitzfindigkeiten ausdenkt. Hätte auch schiefgehen können, hat mein Opa sicher gedacht. Das sehen die Kollegen vom Ministerium nicht gern, wenn ein Auserwählter sich drückt und damit auch noch durchkommt, weil er so geschickt pariert hatte, dass keine Avancen mehr landeten. Aber es gefiel ihm auch, Hut ab, das hätte er nicht gewagt.
»Oma, hast du Schneewittchenkuchen mitgebracht?« Ich hielt das jetzt nicht mehr aus. Wenn schon nicht Afrika, dann wenigstens meinen Lieblingskuchen. Auf diesen Startschuss hatten scheinbar alle gewartet. Es dauerte nicht lange und wir saßen rund um den Kaffeetisch und stopften Kuchen in uns hinein.
»Wie geht es denn jetzt weiter?«, fragte Oma Erfurt. Dafür liebte ich sie besonders. Genau das war meine Frage! Wie geht es jetzt weiter, worauf warten wir denn noch?
»Genau, wann packen wir endlich, Papa?«
»Mit Kofferpacken wird es wohl nicht getan sein, mein Kind.« Schmatzend kippte mein Vater den letzten Kaffeerest in seinen Mund.
»Aber ihr habt euch doch noch nicht entschieden?« Oma ließ nicht locker.
»Na klar, das haben wir. Der Heinz hat mir nur vierundzwanzig Stunden Zeit gegeben und ja, wir wollen das machen. So eine Chance, wer weiß, wann die wiederkommt.«
»Über Nacht, da kann man doch so was nicht entscheiden. Um Himmels Willen, so weit weg.« Oma Erfurt schluchzte wieder in ihr Taschentuch.
»Aber ich verstehe dich. Wenn es jemand kann, dann du.« Sie tätschelte meinem Vater mit der Taschentuchhand über den Arm. Immer hin und her, ganz nass ist sein Ärmel geworden davon.
»Fachlich bin ich wohl genau das, was sie suchen. Aber er hat was von Lehrgängen gesprochen. Schulung oder so. Na, das wird sich noch zeigen.«
»Können ganz schön Kapital aus dir schlagen, die Genossen. Aber sonst würden die dich auch nicht schicken. Welches Ministerium ist das noch mal?«, schaltete sich mein Opa ein.
»Ministerium für Post- und Fernmeldewesen. Sitzen auch in Berlin. Werd ich wohl mal hinfahren müssen.«
Alle nickten und schwiegen daraufhin. Das war eine gute Gelegenheit, mir noch ein Stückchen Kuchen zu schnappen und zu verschwinden. In meinem Zimmer legte ich mich aufs Bett. Ich dachte über das Gehörte nach. Etwas war merkwürdig. Entscheiden müssen hatten sich meine Eltern ganz schnell über Nacht. Und nun? Nichts bewegte sich. Der Zeiger auf meinem Kinderwecker tickte laut. Ich beobachtete ihn eine ganze Minute lang. Er bewegte sich brav immer weiter, aber die Zeit stand trotzdem still.
Die Sache mit der Zeit hatte mich und meinen schnellen Charakter gehörig erwischt. Ein Ende für dieses Warten war nicht in Sicht, denn der genaue Termin unserer Abreise stand eben noch nicht fest. Zumindest war das die Auskunft, die ich auf mein ungeduldiges Nachfragen erhielt. »Steht noch nicht fest, nun hör aber mal auf zu fragen.« Ich hatte den Worten meines Vaters, wir würden nach Afrika gehen, Glauben geschenkt, und nun gab es für mich keinen Grund zu zögern. Worauf wurde da nur gewartet? Ich hatte schon so viel zu warten. Auf Weihnachten, auf den Beginn der Schule, auf meinen Geburtstag, auf das neue Buch aus der Bibliothek oder auf den Schlaf. Der Schlaf, das war nun sowieso ein Geheimnis für mich. Woher kam der Schlaf? Und wo war ich überhaupt, während ich schlief? Als die Afrikageschichte in mein Leben trat, hatte ich gerade erst das Schlafphänomen entdeckt. Es beschäftigte mich einige Zeit und kostete meine Eltern viel Kraft. Jeden Abend legte ich mich voller Erwartung in mein Bett und wartete. Irgendwie musste doch herauszufinden sein, was genau passierte, wenn man einschlief. Ich dachte so lange darüber nach, dass ich natürlich nicht schlief. Ich war so überbewusst wach, dass mich nach einiger Zeit Verzweiflung ergriff. Herausfinden konnte ich es einfach nicht. Entweder ich blieb wach oder es war plötzlich morgens. Dann hatte ich die Idee, meine kleine Schwester beim Schlafen zu beobachten. Vielleicht konnte ich es bei ihr erkennen, wenn ich es schon nicht bei mir selber herausfand.
Leise schlich ich mich an ihr Bettchen. Da lag sie und atmete schniefend ein und aus, von tiefem Schlaf umhüllt. Sie war da, denn sie lag nun mal vor mir im Bett, und doch war sie nicht da. Ich sagte leise ihren Namen, aber sie reagierte nicht. Sie war eben nur ein kleines Ding, das friedlich schlummerte und von Luftballons träumte. Die ganze Nacht wartete ich und glotzte. Ich dachte, so gut ich konnte, darüber nach, wie es sein kann, dass der Mensch, sich keinen Zentimeter aus seinem Bett bewegend, in seinen Träumen die wundervollsten Orte aufsuchen kann und dennoch keine Erinnerung daran hat. Ich zum Beispiel träumte damals unentwegt davon, wie ich durch die schwarzen Himmel flog. Entlang der Milchstraße, an den herrlichsten Sternen vorbei und durch Farben, die ich bei Tage niemals erblickte. Ein Gefühl von Geborgenheit umgab mich dort. War es das Universum? Oder eine andere Art Heimat? Wenn es eine Heimat war, dann scheint sie verloren zu sein, denn schon seit Jahren gelange ich nicht mehr an den Ort. Manchmal, in faden Zeiten, sehne ich mich nach diesen nächtlichen Ausflügen ins All.
Folge meiner Studien des Schlafes war Schlaflosigkeit. Ich war so besessen von der Idee, das Einschlafen verstehen zu wollen, dass es gar nicht mehr gelang. Damals begann ich heimlich zu lesen. Mein Bett stand unter dem Fenster, so konnte ich die meiste Zeit bei Mondschein lesen. Licht war verboten, ich sollte ja schlafen. Kniend stützte ich mich auf das Fensterbrett und las Kinderbücher oder geklaute Bücher aus dem Schrank meiner Mutter. Ich nehme an, in dieser Zeit gewöhnte ich mich daran, nachts zu arbeiten.
Erst in den Ferien bei Oma Erfurt konnte ich wieder schlafen. Als ich ihr meine Beobachtungen und Überlegungen schilderte, sagte sie: »Nu lass ma gut sein.« Das war’s. Sie sagte einfach, nu lass mal gut sein, mehr hatte sie dazu nicht zu sagen. Am Abend legten wir uns in das große Ehebett meiner Großeltern und sie erzählte mir Geschichten. Meistens Geschichten vom Krieg, die sehr lange dauerten und in denen immer ein wackeliger Handwagen und ihr verstorbener Bruder vorkamen. Der war beim Spielen von einer Panzerfaust getötet worden, da war der Krieg gerade ein paar Tage vorbei. Draußen quietschte die Straßenbahn, die am Anger Nachtschwärmer und Schichtarbeiter auflas oder wahlweise auskippte. Und wenn Omas Geschichte vorbei war, stand schon der Opa vor mir und rief: »Na, du Langschläfer, jetzt gibt’s aber mal Frühstück. Du verpasst noch den ganzen Tag.«
Die Frage nach dem Einschlafen verschwand dann über Nacht, ebenso wie mein Vater. An einem Sonntagabend nahm er den großen karierten Stoffkoffer, gab uns einen Kuss und fuhr in die Dunkelheit. Meine Mutter räumte das Abendgeschirr vom Tisch. Dabei erklärte sie, dass mein Vater nach Plaue fahren würde. »Plaue ist ein altes Schloss und da wird er einen Sprachkurs machen.«
»Wo ist Plaue?«, fragte ich meine Mutter. »Ganz schön weit, in Brandenburg.« Sie fegte die letzten Krümel vom Tisch. »Wenn man nach Afrika oder sonst wohin will, muss man Englisch können. Diplomaten, Wirtschaftsleute, eben alle, und dort bekommen sie das beigebracht. Manche brauchen auch Französisch oder Russisch, das kann man da auch lernen.«
»Diplaten«, schnatterte meine kleine Schwester.
»Diplomaten, du Mops!«, verbesserte ich sie. »Mutti, wie lange dauert Englisch lernen?«
»Ein halbes Jahr«, antwortete sie und stellte einen warmen Kakao vor uns hin. »Das schaffen wir schon und dann fliegen wir nach Afrika, versprochen.«
Da war sie wieder, diese dröhnende Stille. Ein halbes Jahr, also irrsinnig weit entfernt. Das kann man sich fast gar nicht mehr vorstellen. Ich atmete tief ein und aus, so lange, bis sich das Rauschen in meinem Kopf beruhigt hatte und nur noch das Wort warten übrig blieb. Nach weiteren Minuten begann aber wieder das Wort Afrika in mir zu klingen und langsam überdeckte es warten. So ging es, so konnte ich es aushalten. Afrika wog stärker als das Warten darauf. Ich nickte mir selber zu und trank meinen Kakao in einem Zug aus.
Einige Wochen später machten wir einen Wochenendausflug nach Plaue. Das Schloss hatte ich mir wirklich großartiger vorgestellt. Farbe und Putz bröselten durch meine neugierigen Finger und innen sah es aus wie in einem FDGB-Ferienheim, nur langweiliger. Keine Ritterrüstungen oder Brokatstoffe. Noch nicht mal große Filzschuhe, um einen wertvollen Boden zu schonen. Nichts als Holztische, Schulbänke und kleine Zimmerchen. Es roch nach Bohnerwachs wie in den Gängen meiner Schule. Schnell verließen wir das Sprachschloss und pilgerten in die nächste Milchbar. Jeder bekam einen Schwedeneisbecher, nur meine Mutti nicht, die trank sehr schwarzen Kaffee.
Ein halbes Jahr lang fehlte mir mein Vater. Nachmittags saß ich vor unserem Haus und las in meinem neuen Lieblingsbuch Eva in Afrika. Oma Erfurt hatte es mir geschenkt. Ich war ganz verliebt in dieses Buch. Ein Mädchen namens Eva reiste mit ihrer alten Großmutter nach Tansania, wo sie ein Abenteuer nach dem anderen erlebte. Sie flogen nach Daressalam an den Indischen Ozean, und ein Mann, Onkel Ndogo, fuhr mit ihnen tief in das Landesinnere in ein kleines Dorf. Dort wohnten sie in einer runden Hütte, die mit Palmblättern gedeckt war, lernten Affen, Flusspferde, Giraffen, Pelikane, Krokodile und viele andere Tiere kennen. Und natürlich ihren neuen Freund Mbago. Mit ihm erlebte sie die unglaublichsten Dinge auf der Suche nach dem kleinen Mgabo, der plötzlich aus dem Dorf verschwunden war. Niemand hatte den Jungen gesehen und sie mussten durch den Dschungel, die Savanne und den Fluss streifen, um ihn zu finden. Ein sonderbarer Zauber ging von dieser Geschichte aus. Gebannt erlebte ich auf diese Weise schon einmal Afrika. Ich schwitzte, schwamm im Ozean, befreundete mich mit den Dorfkindern, fürchtete mich vor der riesigen Schlange Mamba, bewunderte den mächtigen Affenbrotbaum, den Baobab, und sprach mit allen Tieren und Pflanzen, die ich entdeckte. So fanden wir, Eva, Mbago und ich, den kleinen Mgabo, und gemeinsam endete unsere Reise mit der Rückkehr in das Dorf, wo uns Evas Großmutter und die Bewohner mit einem Fest begrüßten. Dafür sollten bei Einbruch der Dunkelheit die Tamtams, die Buschtrommeln, erklingen. Die Tamtams sprechen eine eigene Sprache. Versteht man diese Sprache, erzählen sie über das Land Tansania und davon, was ihm und seinen Menschen geschehen ist. So versprach es mein Buch. Die Tamtams hatten alle Zeiten erlebt und nur die Erfahrensten konnten auf ihnen trommeln. Neugierig zu erfahren, was die alten Trommeln zu erzählen hatten, blätterte ich die nächste Seite um.
Und da nun war das Problem. In meinem Buch fehlten die letzten zwei Seiten. Es war kein neues Buch, überhaupt wusste niemand so ganz genau, wo Oma Erfurt es herhatte und warum die Seiten in dem Buch fehlten. Die verschwundenen Seiten bereiteten mir großen Kummer. Ich wollte um jeden Preis wissen, was die Tamtams zu sagen hatten. Immer wieder las ich das Buch, vielleicht würden so auf wundersame Weise die Seiten doch noch erscheinen. Das könnte doch möglich sein. Aber wie oft ich mein Buch auch aufschlug, es endete zwei Seiten zu früh.
»Wo is’n eigentlich dein Vater«, fragte Frank aus dem Nachbarhaus. Unbemerkt hatte sich Frank von hinten angeschlichen. Er war zwei Jahre älter als ich und doof.
»Weg.«
»Eh, nun sag doch mal, wo ist der denn?« Dabei trat er nach meinem Buch.
»Verschwinde, geht dich nix an.«
»Meine Mutter sagt auch, ihr seid komisch. Den sieht man ja nur noch manchmal, hat wohl ’ne Freundin, hä.«
»Hat er nicht, du Idiot. Und deine Mutter läuft nackt auf dem Balkon rum. Seid selber komisch.« Ich nahm mein Buch und ließ ihn stehen.
Manchmal kam mein Vater an den Wochenenden nach Hause. Er war verändert. Müde, grau im Gesicht, traktiert mit der neuen Sprache. Viele Stunden am Tag Unterricht und auch in die Nacht hinein musste er lernen. Alle hatten am Bett Kopfhörer, welche sie zum Einschlafen aufsetzen mussten. Eine flötende, das Erlernte wiederkäuende Stimme hielt das Unterbewusstsein in den Schlaf hinein wach. »The weather is nice … no, I’m not responsible … could you ask my colleague … may I introduce my wife …« So hatte mein Vater, zur selben Zeit wie ich, auch mit dem Schlaf zu kämpfen. Aber auch er schaffte es, damit fertig zu werden, und kehrte nach sechs Monaten zu uns zurück.
Sofort wurde er nach Berlin ins Ministerium gerufen. Ich hatte keine Ahnung, was ein Ministerium war, allerdings musste es etwas Besonderes sein, denn mein Vater zog sich sein hellblaues Hemd für die Reise an. Das war sein gutes Hemd, so viel wusste ich. Immer wenn mein Mutter zu ihm sagte, nun zieh aber mal das gute Hemd an, dann nahm er das hellblaue aus dem Schrank. Im Morgengrauen setzte er sich in sein Betriebsauto und fuhr nach Berlin. Am Abend saßen wir wieder alle um den Tisch. Wir starrten sein sehr verschwitztes blaues Hemd an. Schimmerte es nicht ein klein wenig grün unter den Armen? Ich blinzelte durch meine Wimpern und ja, auf jeden Fall, das helle Blau wurde grün.
»Hör auf zu blinzeln, davon bekommst du Falten.« Meiner Mutter entging nichts. Mein Vater brachte die Nachricht mit, dass die Region Ostafrika schon feststand, das genaue Land aber noch nicht. Nun war mir das Land vollkommen egal, alle Länder in Afrika waren mir willkommen. Wir schlugen den Schulatlas auf und inspizierten Ostafrika.
»Na«, schnaufte mein Vater, »da sind wir mal gespannt.« Gespannt auf etwas sein bedeutete nichts anderes als weiterwarten und das reichte mir langsam.
Mir war nicht klar, dass meine Eltern auf das von mir so ersehnte Abenteuer vorbereitet werden mussten. Und zwar mit Lehrgängen. Lehrgang, ein neues Wort, das ich in der folgenden Zeit ständig hörte. Papa muss auf einen Lehrgang. Sei leise, Papa muss lernen für seinen Lehrgang. Vielleicht muss die Mutti auch noch zu einem Lehrgang. Alle schienen etwas zu tun zu haben, nur ich musste weiter warten. So entschied ich mich für einen privaten Lehrgang in meinem Kinderzimmer. Wir spielten die Suche nach Mgabo nach. Meine Schwester war Mbago und manchmal ein kleines Äffchen oder ein Fischlein, während ich natürlich Eva und die großen starken Tiere spielte. Besonders liebte ich die Szene am Fluss, in der wir mit dem Flusspferd sprachen. Das konnte ich gut, denn ich hatte noch ein weiteres Afrikabuch bekommen. Nämlich eine Geschichte über ein Flusspferd, dessen Familie und ihre kriegerischen Auseinandersetzungen untereinander. Das war sehr hilfreich für unsere Suche. Unsere Betten dienten als ein seichtes Flussbett und wenn die Flusspferde darum kämpften, wer wohl als Erstes sagen wird, wo der kleine Mgabo ist, warf ich mich mit wildem Geheul auf meine Schwester und die quietschte dann so laut, dass unsere Mutti den Lehrgang für beendet erklärte.
Es war überhaupt gut, mit meiner kleinen Schwester zu spielen. Sie konnte ordentlich einstecken, war selten beleidigt, und weil sie noch nichts Vernünftiges sagen konnte, hörte sie gut zu. Außerdem verstanden sich Moppi und ihr Teddybär Erwin ziemlich gut. Genau genommen waren wir also zu viert, lässt man Katrin weg, die eine sehr hässliche Puppe war und sowieso nichts zu sagen hatte.
Wenn wir meinen Vater von der Arbeit oder von einem Lehrgang erwarteten, liefen wir ans Ende der Straße und setzten uns auf die Stufen der Wetterwarte. Wir wohnten ganz oben auf dem Berg und konnten so bei klarer Sicht auf der anderen Seite von Weimar den Ettersberg und Buchenwald sehen. »Junge Pioniere, vergesst es niemals!«, hatte der alte Antifaschist auf einem Pioniernachmittag mit dem Thema Buchenwald immer wieder gesagt. »Vergesst es niemals!« Meine kleine Schwester und ich hatten aber einen anderen Auftrag und der hieß Autos erspähen. Bog eines unten in die Bergstraße, erblickten wir es gleich. Abgesehen davon kannten wir auch jedes Auto und die Fahrer, weil es 1979 noch nicht so viele DDR-Bürger zu einem Auto gebracht hatten. Die meisten warteten auf ihr Auto wie ich auf Afrika.
»Da Fischeeeer«, rief meine Schwester.
»Nee, das is der olle Oelschlegel. Der hat wieder gesoffen. Siehste, wie der schlingert.«
Wir lachten uns kaputt und warfen Steinchen in die Pfützen, auch in die Reifen der vorbeifahrenden Autos, was uns manchmal Ärger einbrachte. Über den Parkplatz zwischen den Häusern hüpften wir wie die Hühner, um nicht in einem Schlagloch oder einer Schlammpfütze zu landen. Hat nicht immer geklappt und dann stiegen wir das sauber geputzte Treppenhaus mit nassen Schlammsocken hinauf.
Wir saßen also da und warteten in stiller Übereinkunft, dass man als Kind eben zu warten hat. Und eine Seite des Wartens hatte auch etwas ungemein Schönes und Aufregendes, denn am Ende geschah dann manchmal etwas Gutes, etwas Überraschendes. Wenn dann endlich unser Vater die Straße hochgefahren kam, verschwand meine Mutti, die heimlich am Küchenfenster mitgewartet hatte, um schnell das Essen auf den Tisch zu bringen. Bis dahin gab ich mich meiner Träumerei zwischen den Pfützen hin und wartete auf die Erfüllung meiner fantastischen Gedankenreisen.
Unterdessen musste ich weiter in die Schule zu Frau Trebes gehen. Zu Beginn des Wartens war ich gerade in der ersten Klasse und Frau Trebes mühte sich als Klassenlehrerin mit uns ab. Morgens, wenn sie das Klassenzimmer betrat, rief sie mit heller Stimme »Seid bereit!« und die Klasse brüllte »Immer bereit!« zurück. Das gelang nicht jeden Morgen, denn Frau Trebes vergaß öfters ihre Lehrerinnenorder und grüßte morgens im Hereinkommen mit einem herkömmlichen »Guten Morgen«. Worauf wir auch »Guten Morgen« riefen, bis auf den Sohn des Direktors. Der schrie als Antwort »Immer bereit!«, was nun wiederum Frau Trebes irritierte: »Ja, bereit sein, morgens, seid bereit, ähm, na ja, ist ja nun auch egal.« Auf dem Weg von der Tür bis zum Lehrertisch verlor sie meistens irgendetwas aus ihrer riesigen übervollen Tasche und landete schnaufend im Stuhl. »Ach du meine Güte, da wären wir also.«
Ein Morgenmensch war sie nicht. Und ich war es auch nicht. Ich schlief konzentriert bis zur Hofpause mit offenen Augen, während Frau Trebes vorne ihr Bestes gab.
»Wir schlagen unsere Fibel Seite elf auf. Wer will denn mal beginnen zu lesen?«, fragte sie.
An der Stelle duckte ich mich noch tiefer in meine Bank hinein. Genau auf dieser Seite hatte es in der letzten Deutschstunde Streit mit Frau Trebes gegeben. Ich sollte vorlesen, was kein ernsthaftes Problem darstellte, denn ich konnte schon lesen, aber das, was ich vorlesen sollte, machte mir ungeheuer Probleme. Ich verstand es nicht. »Loni Moni am Zaun«, wobei der Zaun nur mit einem Bild dargestellt war. ›Das ergibt doch keinen Sinn. Wer ist eigentlich Loni Moni? Oder wenn das zwei sind, was tun die beiden denn am Zaun? Und warum?‹ Dass es ein Verb war, welches ich vermisste, wusste ich damals noch nicht, aber es fehlte, und genau das teilte ich Frau Trebes mit. Die war, wie gesagt, noch müde und keineswegs zu Diskussionen aufgelegt. So wollte ich das aber nicht lesen.
»Frau Lonimoni lutschte einen alten Drops am grünen Zaun.«
Die Klasse tobte, Frau Trebes ebenfalls, und sie knallte mir einen fetten Igel in mein Hausaufgabenheft. Die Klasse hielt mich für doof und Frau Trebes für ungezogen.
Dann doch lieber die Geschichte vom Schlaraffenland weiter hinten in der Fibel. Erst fressen wir uns farbenfroh ins gelobte Land der Faulen hinein, um am Ende in der »Woher soll denn das alles kommen, wenn keiner arbeitet!«-Pointe zu landen. Völlig eindeutig, aber genauso blöd.
Das Warten auf Afrika in der Schule half mir nicht sehr weiter. Vor allem, weil ich es mit niemandem teilen konnte. David war mein bester Freund, und gerade ihm sollte ich nichts von unseren Plänen erzählen? Es fiel mir schwer, dies zu akzeptieren.
In dem Moment landete ein Zettelchen auf meiner Bank. Darauf stand Lonimoni und eine gelbe Eiswaffel mit rosa Eiscreme und einem Fragezeichen war darauf. Ich drehte mich zu David um und nickte grinsend. Fast ein ganzes Schuljahr war vergangen, ohne dass ich mich verplappert hatte, noch nicht mal vor Wut bei Frank aus dem Nachbarhaus.
Und dabei hatte mich David seit dem ersten Schultag niemals im Stich gelassen. Bei der Schulanfangsfeier, die für meinen Geschmack viel zu lange dauerte, konnte ich meine riesige Zuckertüte nicht mehr tragen. Die Tüte war nicht die größte und schönste im Vergleich mit manch anderer, die den Weg aus dem Westen zu uns zurückgelegt hatte. Meine war hellgrün mit bunten Figuren darauf und oben guckte die hässliche Katrin mit der karierten Mütze heraus. Irgendwie fühlte ich mich unwohl mit der Zuckertüte. Bis alle Kinder aufgerufen wurden, verging eine Ewigkeit.
Die Stühle in den ersten fünf Reihen hatte ich schon gezählt und wir waren erst bei den Nachnamen mit N angekommen. Außerdem kniff die neue weiße Strumpfhose. Vorne sprach die Direktorin. Ihr Mund bewegte sich ununterbrochen. Ich starrte sie längere Zeit an. Schnipp schnapp ging der Mund auf und zu.
»… werdet ihr mit großem Eifer lernen, bald fleißige Jungpioniere sein und mit Stolz euer blaues Halstuch tragen.« Schnipp schnapp. Schnippl schnappl. Dann hatte ich genug und stellte erst mal mit einem kräftigem Ausatmen die Zuckertüte ab. Das Jaulen meiner Mutter konnte ich hören, obwohl sie weit hinten saßen. Das hatte sie mir am Morgen noch extra eingeschärft.
»Stell bitte die Tüte nicht ab. Die Spitze ist nicht so stabil. Hör mir zu! Nicht abstellen. Ich habe zwar Socken unten hineingestopft, aber ob das hält?« Sie war furchtbar aufgeregt an diesem Tag.
Außer mir hatte der halbe Saal den Aufschrei gehört und auch das Knacken meiner durchgeknickten Spitze. Die hing nun wie ein Lämmerschwänzchen an der Tüte herum.
Alle schon aufgerufenen Kinder guckten mich und meine grüne Schlappspitze an. Mir war ganz heiß. Das war peinlich. Hätte ich nur nachgedacht vorher, aber es war einfach so passiert.
