Na du, Karline - Hildegard Dubois - E-Book

Na du, Karline E-Book

Hildegard Dubois

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Beschreibung

"Na du, Karline" ist eine ungewöhnliche, autobiografische Liebesgeschichte, die von den Höhen und Tiefen des jungen Erwachsenenlebens in den 1950ern erzählt.

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Seitenzahl: 241

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Nach liebevoller Ermunterung meiner Freundin Bea geschrieben und ihr gewidmet.

Inhaltsverzeichnis

Zugfahrt nach Frankfurt

Wieder in Köln

Hameln

Wieder in Köln

Sylt

Wieder in Köln

Saarbrücken

Wieder in Köln

Hildas Wohnung

Bonn

Wieder in Köln

Darmstadt

Oppenheim

Wieder in Köln

München

Wieder in Köln

Darmstadt

Strasbourg

Sesenheim

Wieder in Köln

Frankfurt

Darmstadt

Der Vater

Die Verlobung

Erste Anzeichen

Urlaub auf Sylt

Wieder in Köln

Die neue Wohnung

Die Hochzeit

Mainz – Köln

Zugfahrt nach Frankfurt

Und wieder saß sie im Zug, diesmal nach Frankfurt. Fast auf die letzte Minute hatte Lena ihn erreicht, ein Glück! Sie suchte sich ein leeres Abteil und setzte sich in Fahrtrichtung ans Fenster. Schon fast wie zu Hause müsste ich mich hier fühlen, dachte sie. Denn vor ein paar Stunden erst war sie im Liegewagen mit dem Nachtzug aus ihrem Kurz-Urlaub an der See in Köln angekommen. „Wieso machst du so etwas Verrücktes? Drei Tage Sylt, von Freitagabend bis Dienstagmorgen? Und dann auch noch nachts fahren!“, hatte ihre Freundin Buschi gesagt, als sie sich letzte Woche nach Büroschluss im Eiscafé Campi trafen.

Lena sah aus dem Zugfenster an diesem Maitag. Kölns Sonne war, wie immer, hinter einem gelben Industrie-Nebelschleier verloren. Doch es war angenehm warm, wie alle Tage am vorangegangenen langen Pfingst-Wochenende auch. Sie behielt vorerst den hellen, leichten Mantel an, man wusste nie, ob die dunkelgrünen Kunststoff-Sitze im D-Zug auch sauber waren. Drunter trug sie nämlich das schicke, zitronenfarbene, enge Leinenkleid, ärmellos, vom Hals bis zu den Knien durchgeknöpft. Natürlich hatte ihre Haut viel Farbe angenommen auf ihrer Lieblingsinsel, drei Tage nur Sonne, Sand und Meer. So war sie mit ihrem Äußeren tatsächlich zufrieden. Sie schloss die Augen und hörte immer noch in das gleichmäßige Rattern der D-Zug-Räder die tosende Brandung und das Geschrei der Möwen. Wie gerne wär sie dort geblieben! Der Wettergott hatte sie so sehr verwöhnt. Das gab’s nicht allzu oft an der Nordsee. Sparsam hatte sie ihr Tiroler Nussöl verwendet.

Im Zug vergewisserte sie sich, ob sie auch den Stenoblock nebst ein paar Stiften in die Handtasche gesteckt hatte. Um 11:30 Uhr sollte sie im Verband sein, um auf die Wünsche des Architekten für den Stand auf der ANUGA, der „Nahrungs- und Genussmittel-Ausstellung“, einzugehen und alles zu notieren. Alle zwei Jahre fand diese im August in Köln in mehreren Messehallen statt.

Es war ihr erster Besuch in Frankfurt, sie kannte niemanden dort, außer der einen oder anderen Telefonstimme, hessisch gefärbt. Und die Örtlichkeiten kannte sie erst recht nicht. Ihre aus Sylt mitgebrachte Hochstimmung ließ sie in ein Taxi steigen, in einen alten Chevrolet. Sie war erstaunt: der dinkelhäutige Fahrer lachte mit schneeweißen Zähnen und wirkte irgendwie sympathisch. Lena nannte die Straße im Frankfurter Westen, zeigte ihm den Briefkopf ihrer Einladung mit gedruckter Adresse. Er nickte und fuhr los. Er war wohl als amerikanischer Soldat nach Deutschland gekommen, dachte Lena, und hat nun hier ein deutsches „Fraulein“ gefunden, sein Grund zum Hierbleiben. Sie sah auf der Fahrt zu ihrer Rechten und Linken immer noch eine Menge zerbombter Häuser zwischen den wieder aufgebauten, genau wie in Köln, auch noch im Jahr 1959.

Das Taxi hielt vor einem alten, bis zur Hälfte erhaltenen Backstein-Bau. Auf einem eher unscheinbaren Schild neben der Eingangstür las sie: „Fleischer-Fach-Verband“. Die schwere Messing-Glas-Tür wurde nach ihrem Klingeln mit Summer geöffnet, dann stand sie in einem großen Vestibül mit mehreren beschilderten Büroeingängen. Ihre Augen gewöhnten sich langsam an den düsteren, holzgetäfelten Raum mit abgestandenem Zigarrenrauch, spärlich möbliert mit ein paar braunen, tiefen Ledersesseln. Nach einer Weile erschien ein nicht mehr junger Mann mit Zigarre, formell gekleidet im Anzug mit Weste, die dunklen Haare hatten schon zwei tiefe Geheimratsecken.

„Sie kommen aus Köln? Dellbach, und Sie sind …?“, sagte er, sehr kurz angebunden. Lena stellte sich mit ihrem Familiennamen vor und dachte, wieso ist der so arrogant?

„Nehmen Sie Platz und notieren Sie.“ Da rief eine weibliche Stimme aus einem der Büros:

„Herr Dellbach, Telefon für Sie“, und er entschwand. Lena kramte nach Block und Stift und wartete. An der gegenüberliegenden Wand dominierte ein wuchtiges Ölgemälde im breiten Goldrahmen, eine Jagdscene, scheußlich, dachte sie. In der Größe hingen noch zwei weitere Schinken an der anderen Wand mit dem Motiv: Berge und Seen; modern wahrscheinlich um die Jahrhundertwende, überlegte Lena.

Der Arrogante erschien wieder, rückte einen Sessel zurecht, ihr gegenüber, und begann zu diktieren. Er erläuterte, dass die diesjährige ANUGA die fünfte nach dem Krieg sei und immer in Köln alle zwei Jahre ausgerichtet würde – als ob Lena das nicht wüsste! –, während die allererste 1919 in Stuttgart stattgefunden habe, dann ab 1922 nur noch in Köln präsentiert wurde. In diesem Jahr übernehme zum ersten Mal der Verband die Organisation.

„Und damit meine ich mich“, kam noch abschließend. Natürlich war Lena bewusst, niemals einem Chef zu widersprechen, aber er war nicht ihr Chef. Später, dachte Lena, er kommt ja nach Köln, warte nur! Sie notierte alle Handwerker, Schreiner, Elektriker, Fliesenleger, die Innungs-Fleischereien, die jeden Morgen frische Ware anliefern sollten, und natürlich die Anforderung an Hotelzimmern für ihn und seine Mitarbeiter, die er mitbringen würde. Damit war sie entlassen, ohne ein Glas Wasser oder einen Kaffee, sogar ohne Händedruck. Sie nahm eine Bahn zum Hauptbahnhof und den nächsten Zug nach Hause.

Wieder in Köln

In den darauffolgenden Tagen telefonierte sie viel, um die Wünsche des Herrn zu erfüllen. Allerdings hatte sie große Schwierigkeiten, Ende Mai für August mehrere Hotelzimmer in der Nähe der Messe, etwa in Köln-Deutz oder Kalk, oder gar in der Innenstadt, zu bekommen. Noch gab es in Köln nicht viele wieder aufgebaute Hotels, zumal nicht im Stadtkern. Außerdem waren seine Vorgaben viel zu kurzfristig. Die vorhandenen Hotels waren mit Messegästen längst ausgebucht. Also suchte Lena aus dem Telefonbuch kleinere Pensionen in Kölns Vororten und den Außenbezirken und versuchte da ihr Glück. Zum Schluss war sie froh, als diese Extra-Aufgabe erfüllt war.

Eine Woche vor Beginn der ANUGA erhielt sie kurz vor Dienstschluss einen Anruf:

„Dellbach, die Handwerker waren bis auf den Fliesenleger da. Schauen Sie danach, oder nehmen Sie einen anderen. Und können Sie mir sagen, warum Sie mich ausgerechnet am anderen Ende der Welt untergebracht haben? Ich fahre eine Ewigkeit bis zur Messe. Außerdem möchte ich wissen, ob Sie heut Abend mit mir essen gehen?“ Lena traute ihren Ohren nicht. Doch da sie sowieso auf Abwehr eingestellt war sagte sie kurz:

„Nein, ich habe keine Zeit.“ Seine Stimme wurde freundlicher:

„Was machen Sie denn heute Abend?“

„Ich bin Babysitter bei meiner Freundin Doris.“ „Schade, da kann man wohl nichts machen. Also dann.“

Was denkt der sich eigentlich? Lena war empört. Außerdem schützte sie sich sowieso immer vor solchen Einladungen mit Absagen. Sie lebte nun seit geraumer Zeit allein in einem möblierten Zimmer. Nach ihrem Auszug daheim mit einundzwanzig war sie nie mehr dort gewesen. Von ihrer Mutter erhielt sie zu den Geburtstagen und zu Weihnachten Aussteuer-Wäsche als Geschenke, gebracht von einem der Fahrer. Sie hatte Lena schon früh erzählt, wie wichtig es wäre, eine Mitgift zu haben bevor man heiratete. Und von den so gewandten Klöpplerinnen im Erzgebirge hatte sie geschwärmt, die ihre geklöppelte Spitze in früheren Jahren kunstvoll in die Tisch- und Bettwäsche eingearbeitet hatten. Diese Fertigkeit habe sie stets bewundert.

In diesen Jahren sah Lena von ihrer Familie niemanden.

Ihre Freundin Karin und ihr Verlobter hatten sie in einer Tanzschule angemeldet, weil sie erfüllt waren von dem Gedanken, ihr einen Mann zu besorgen. Doch Lena war nicht sehr begeistert. Die Kursteilnehmer waren alle achtzehn, neunzehn Jahre alt, sie hingegen schon vierundzwanzig. Nicht, dass sie sich als zu alt empfunden hätte, nein, sie war eher sehr, sehr unsicher. Des Vaters: „ Du bist nichts, du hast nichts und du kannst nichts“, und natürlich sein oft zitierte Satz: „ Alles, was Männer wollen ist schlecht!“, fraßen immer noch in ihr. Als beim Walzer-Lernen ihr Tanzpartner mit ihr zu oft die Links-Drehung übte, wurde ihr schwindelig, und sie fiel, als er sie losließ, unter lautem Gelächter aller rückwärts ins Klavier. Zum Schlussball begleiteten sie Karin und Winfried, anstelle der Eltern, und das war’s dann auch mit der Tanzerei. Von ihrer Mutter hatte sie als kleines Mädchen gehört: „Du bist ja völlig unmusikalisch!“ Und das durfte man ja auf keinen Fall sein, beim Tanzen.

Kurz vor Schluss des nächsten Arbeitstages erhielt Lena wieder einen Anruf des Frankfurters. Zuerst kam ein Lob, dass alles handwerklich mit ihrer Hilfe heute geklappt hatte, und dann zum zweiten Mal die Frage: „Kann ich Sie heute Abend zum Essen einladen?“

„Nein, auch heute bin ich schon verabredet.“

„Schade.“

Am nächsten Morgen rief sie der Direktor zum Diktat.

„Zunächst,“ sagte er, „möchte ich Ihnen einen guten Rat geben: dieser Herr Dellbach ist zwar nicht verheiratet, aber er betört alle Damen in seinem Umkreis. Ich wünsche nicht, dass Sie sich mit ihm einlassen.“

Das wollte Lena jetzt nicht glauben! Der Herr Direktor hört die Telefongespräche ab! Ungeheuerlich! Und außerdem erdreistet er sich, ihr etwas zu verbieten! Nicht zu fassen! Doch damit hatte er tatsächlich ihre Neugier geweckt. Jetzt erst recht wollte Lena diesen ominösen Herrn Dellbach kennen lernen. Wird das ein Experiment? , wunderte sie sich über sich selbst. Sie arbeitete etwas länger und wartete, bis der Chef gegangen war. Und tatsächlich rief Herr Dellbach wieder an. Es sei alles fertig, der Stand sei sehr schön geworden und er möchte sich bei ihr für ihre Hilfe bedanken. Da nahm sie all ihren Mut zusammen und sagte tatsächlich:

„Heute Abend hätte ich Zeit. Steht Ihre Einladung noch?“ Sekundenlange Stille.

„Damit hätte ich nicht gerechnet! Ein drittes Mal wollte ich mir keine Abfuhr holen.“ Er lachte. Ob sie zum Messe-Parkplatz finden könne, er habe einen Karmann Ghia, weinrot mit dem Auto-Kennzeichen DA, für Darmstadt.

„Ich erwarte Sie in einer Stunde.“

Nein, sie wollte diesmal nicht kneifen. Sie war aufgeregt, wie nie! Sie ordnete ihren Schreibtisch, nahm Lippenstift und „Le Bleu du Ciel“, ihren neuen Duft, aus der Handtasche, schaute in den Spiegel und lächelte. Sie schätze ihn auf Anfang vierzig, er wird wohl wissen, was er tut, doch ich weiß es auch, dachte sie.

Sie stieg in die Bahn mit Umsteigen bis Köln-Deutz, Messe, stiefelte mit ihren hohen Hacken zum Rhein hinunter bis zum Parkplatz. Der einzige Wagen, der dort stand, war besagter Karmann Ghia. Es war inzwischen 19 Uhr, die Sonne schien noch warm, sie wartete. Ihr Blick folgte den Sonnenstrahlen, die auf dem Wasser tanzten, und beobachtete die vorbeiziehenden Schleppkähne und die wenigen Schiffe. Hier war in den Endzwanzigern von Oberbürgermeister Adenauer ein Schwimmbad eingerichtet worden, mit Bojen abgeteilt im Rhein, nachdem er 1920 die Messehallen erbauen ließ. Lena war auf den jetzigen Bundeskanzler nicht besonders gut zu sprechen. Er hatte ab 1945 – von der amerikanischen Militärregierung wieder als Kölns OB eingesetzt – in den Schulen nicht nur die Buben streng von den Mädchen, sondern sogar die evangelischen von den katholischen Kindern getrennt! So hatte Lena als einzige aus ihrer Gegend einen weiten Fußweg von fünfunddreißig Minuten bis zur evangelischen Schule zu gehen. Wie bestraft und diffamiert sie sich gefühlt hatte!

Ein lautes Räuspern, sie drehte sich um, da stand er, der Herr „Arrogant“, salopp im dunkelgrünen Pullover.

„Warten Sie schon lange? Es tut mir leid, aber mit der Kühlung klappte es noch nicht. Morgenabend, nach dem ersten Tag, nur für die Fleischereien, möcht ich Sie gerne rundführen. Vielleicht so um halb sechs? Könnten Sie sich freimachen?“ Er sprach ohne Luft zu holen, schaute Lena freundlich an und lächelte.

„Ja, vielleicht“, sagte Lena. Er öffnete rechts den Schlag und ließ sie einsteigen, setzte sich neben sie und startete, einmal, zweimal, wieder und wieder, doch sein Auto sprang nicht an. Er schimpfte und fluchte und fragte Lena, wer? wo? Die Notdienst-Werkstatt … doch, die könne er anrufen, so Lena. „Steht im Telefonbuch!“, rief sie ihm hinterher, als er den Weg zur Messehalle wieder zurückeilte. Lena, nun allein, saß wohl aufgehoben in einem schicken Wagen, der sich allerdings nicht von der Stelle bewegte. Sie wartete, schaute Spaziergängern hinterher und dachte an ihre Mutter, die hierher sonntags zum Schwimmen kam, „an der Pressa“, so nannte man dieses Schwimmbad. Einmal war sie sogar mit ihrer zwölfjährigen Schwägerin hier, Lenas ängstlicher Tante Henny, Vaters viel jüngerer Schwester. Das dokumentierten die Fotos von 1932 in einem schwarzen Album. Doch der Rhein war jetzt, in diesen Wirtschafts-Wunderjahren, zum Schwimmen leider nicht mehr geeignet: zu viel Chemie, hieß es. Fische gab es deshalb auch keine mehr.

Ganz außer Atem riss er die linke Wagentür auf und ließ sich in den Sitz fallen. „Ein Abschleppdienst kommt aus, wie heißt das: aus Nippes?“

„Ja, genau, da hat er ein gutes Stück zu fahren“, sagte Lena. Inzwischen war es 20:30 Uhr, doch „warten“ war die Devise. Er erzählte, wie schön der Stand geworden sei.

„Nackt steht er noch da, bis morgen früh das Fleisch- und Wurst-Sortiment angeliefert und dekoriert wird. Die Firma des Obermeisters ist die erste, die morgen beginnt.“ „Ja“, sagte Lena, die den Plan der anliefernden Fleischereien für die nächsten acht Tage kannte. Sie dachte an den Senior-Chef dieser Firma, der seine Finger nie bei sich behalten konnte, schrecklich. Man musste ihn ständig im Auge behalten und konnte sich ihm nur frontal nähern.

„Und wieso“, fragte Her Dellbach nochmals, „haben Sie mich in Marienburg in diesem herrschaftlichen, pompösen Haus der zwei ältlichen Schwestern untergebracht, so weit ab von allem?“

„Na, warum wohl? Weil zu Messezeiten in Köln jede Badewanne vermietet ist. Wenn man sich nicht rechtzeitig um ein Zimmer bemüht, muss man halt mit allem zufrieden sein. Für diese Reservierung hatte ich doch nur lächerliche fünfeinhalb Wochen Zeit, vor Beginn der ANUGA!“, war Lenas Antwort. „Außerdem war die Marienburg vor dem Krieg Kölns vornehmstes Viertel, da wohnte die Hautevolée von Köln.“

„Nun ja“, lenkte er ein, „meine Tage sind gezählt, nur noch zwei Nächte bin ich in Köln, meine Arbeit ist hier getan.“

„Und dann fahren Sie zurück nach Frankfurt? Wohnen Sie dort?“

„In Frankfurt ist nur das Büro. Ich lebe in Darmstadt, das ist meine Heimatstadt. Aber übermorgen muss ich zu einem Vortrag nach Kassel.“

„Den hören Sie oder den halten Sie?“, fragte Lena neugierig.

„Sie wollen’s aber ganz genau wissen. Ja, den werde ich halten.“

„Und das Thema? Doch nicht etwa, wie man effektiv einen Messestand baut?“

„Nein. Es ist ein Vortrag über Werbung.“

„Aha, so wie: Miele, Miele, sprach die Tante, die alle Waschmaschinen kannte!“

Er lachte laut und sagte: „Ja, so ungefähr, aber nicht in Reim-Form.“

Da hörten und sahen sie den Abschleppwagen kommen. Zwei Männer stiegen aus, der eine kam zu ihnen und bat, die Motorhaube zu öffnen, setzte sich danach auf den Fahrersitz, versuchte zu starten: nichts, er sah auf das Armaturenbrett und sagte: „Sie haben vergessen, das Licht auszuschalten. Ihre Batterie ist leer. Einen ganzen Tag eingeschaltet, das hält sie nicht aus. Steigen Sie beide wieder ein. Wir ziehen Sie hoch auf die Ladefläche und fahren zurück in die Werkstatt.“

Gesagt – getan! So saßen sie beide nun in einem Auto, das auf einem LKW gefahren wurde. Lena sah plötzlich die Welt aus einer ganz anderen, einer „gehobeneren“ Perspektive. Sie war begeistert. Die Verspätung und alles Unangenehme waren gar nicht mehr so wichtig. Entspannt und locker sah sie ihr Köln von oben. Sie fuhren über die Deutzer Brücke, rechts am Rhein entlang bis zum Eisstadion und bogen ab in die Neußer Straße. Sie war sichtlich mit sich und der Situation zufrieden. Herr Dellbach hatte schon seinen rechten Arm auf ihre Rückenlehne gelegt, schaute sie an und sagte:

„Jetzt wird es Zeit, dass ich den Spieß umdrehe, nachdem Sie mich ganz schön ausgefragt haben. Erzählen Sie mal was von sich. Sind Sie ein kölnisches Mädchen?“ Da musste Lena lachen. Wenn er aus Darmstadt kam, was nicht so weit von Köln entfernt ist, dann müsste er doch wissen, dass man „Kölsches Mädchen“ sagt. Na ja, das muss ich nicht auf die Goldwaage legen, dachte sie.

„Ja, das bin ich, allerdings nur zur Hälfte, meine Mutter kommt aus Leipzig. Ich bin also ein halbes Kölsches Mädchen.“

„Na von ‚halb‘ kann bei Ihnen ja nicht die Rede sein“, sagte er und lachte. „Aber hier in Köln sind Sie geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen? Haben Sie denn schon ein Stückchen von der Welt gesehen? Wohin fahren Sie am liebsten in Urlaub?“

„An die Nordsee, ich fahre immer an die Nordsee, Ende des Monats wieder, auf Sylt. Das heißt, im letzten Jahr musste ich auf Bitten meiner Mutter meine kleinere Schwester begleiten, die unbedingt per Bus mit ihrer Freundin zwei Wochen an die Cóte d’Azur wollte, organisiert vom Jugendfahrtendienst. St. Maxime hieß der kleine Ort, ganz in der Nähe von St. Tropez. Ein altes Schloss war die Jugendherberge. Gleich am ersten Tag sah ich aus wie ein Streuselkuchen, der Arzt sagte nur: ‚Mais oui, c’est une allergie! Vous ne marchez pas au soleil et dans l’eau.‘ Toll! Nicht in die Sonne und nicht ins Wasser! Wozu war ich denn hierhergekommen? Eine Woche später erst fuhr der Bus wieder zurück. Nie wieder Mittelmeer, wo die Urlauber wie Ölsardinen in der Dose am Strand liegen und in der Sonne bruzzeln, das fehlte mir noch!“

„Und wer fährt diesmal mit?“ Auf diese Frage hatte sie gewartet. Doch ehrlich sagte sie:

„Diesmal fahre ich allein. Am Strand lernt man ganz schnell die Burg-Nachbarn kennen, vor allem, wenn es Familien mit Kindern sind.“

„Sie mögen wohl Kinder besonders gern?“

„Ja, ich wollte Kindergärtnerin werden, aber mein Vater hat es nicht erlaubt.“

„Warum nicht? Das ist doch ein schöner Beruf.“

„Ach, das ist eine lange und keine lustige Geschichte.“

Da fuhr der Abschleppwagen in einen Hof ein, sein Auto wurde rückwärts abgeladen, der Chef wechselte die alte gegen eine neue Batterie aus, er wolle die alte in der Nacht aufladen, um sie am nächsten Tag wieder austauschen zu können, und jetzt bekäme er als Pfand für die neue 100 Mark. Lena sah, wie ihr Herr Dellbach in allen Taschen seiner Garderobe erfolglos suchte und nichts fand. Man konnte merken, dass es ihm sehr peinlich war. Dann sagte er zu ihr:

„Hätten Sie vielleicht so viel Geld dabei? Ich habe wahrscheinlich auf der Messe meinen Geldbeutel in den Arbeitskittel gesteckt. Doch wenn wir jetzt ins Hotel fahren, kann ich Ihnen den Betrag sofort zurückgeben.“ Das fängt ja gut an, dachte Lena, sie schaute nach und konnte helfen, aber ganz geheuer war ihr dabei nicht. Sie wusste einfach nicht, was sie von der Sache und diesem Herrn halten sollte.

Als sie beide wieder im Auto saßen und er nach ihrer Anweisung vom Norden nun in Kölns Süd-Westen fuhr, bedankte er sich sehr und sagte:

„Wenn wir schon gemeinsame Sache mit Geld machen, so sollten wir uns wenigstens duzen. Ich heiße Philipp, doch all meine Freunde nennen mich Filipo. Du bist Lena, das weiß ich ja von deinem Chef. Den Kuss holen wir nach wenn wir angekommen sind, einverstanden?“

„Klar“, sagte Lena „wie im Karneval, jetzt auf der Sitzung duzt man sich, und am nächsten Morgen im Büro ist der Kollege wieder ‚Herr Müller‘.

„Nein, so meine ich das nicht. Wer mit mir durch dick und dünn geht – und das hast du ja heute Abend bewiesen – der merkt bald, dass die Distanz kleiner wird zum andern und da möchte man auch ‚du‘ sagen. Freundschaft, Liebe, sag, was du willst. Mein ‚du‘ bleibt.“

Er nimmt die Dinge in die Hand, die Entscheidungen, die Pläne, so wie ich es niemals können werde, dachte Lena. Doch im gleichen Moment fiel ihr ein, wie hilflos er war, als der Wagen nicht ansprang und er eben sein Geld nicht finden konnte. Das machte ihn ihr sogar sympathisch.

„Es kommt mir noch ein bisschen ungewohnt vor, wenn ich an meinen Besuch bei Ihnen, ach ja: bei dir in Frankfurt denke. So unnahbar und von oben herab hat mich noch nicht einmal ein Chef behandelt.“

„So, diesen Eindruck hast du von mir? Das tut mir leid. Mit dir hatte meine gereizte Laune gar nichts zu tun, das war einfach nur die Knausrigkeit der Geschäftsleitung für das Kölner Projekt. Geld, Geld, diese Einstellung kann mich auf die Palme bringen. Wenn etwas Besonderes hergestellt werden soll, etwas wirklich Schönes, das gefällt und alle loben, dann darf das auch etwas kosten! Oder siehst du das anders?“

Und damit standen sie vor seiner Pension. Eine der beiden ältlichen Damen öffnete, sah Lena an und sagte: „Sie müssen draußen bleiben. Wir sind ein anständiges Haus.“

„Aber bis in die Eingangshalle kann sie mitkommen“, sagte er, nahm sie an die Hand und geleitete sie zu einem roten Plüsch-Sessel. Lena setzte sich, von der Dame argwöhnisch beobachtet. Aus dem langen Gang rief Filipo:

„Ich bin sofort zurück, ich hole nur das Bewusste.“ Lena hörte Wasserrauschen, er rief:

„Willst du dir auch kurz die Hände waschen?“

„Nein, nein, nicht nötig, mach ich später.“ Das alte Fräulein wich keinen Schritt und behielt Lena fest im Blick. Als Filipo zurückkam, strahlte er, fasste sie mit seiner Rechten um die Schulter und schob sie Richtung Ausgang. „Auf Wiedersehen“, rief er und zu Lena:

„Jetzt können wir. Ich habe großen Hunger, du auch?“ In dieser ganzen Aufregung war das für Lena die unwichtigste Sache. Wieder im Auto fragte sie sich: wohin jetzt? Es war schon 21:40 Uhr und fast dunkel. Lena kannte sich mit Lokalen in Köln nicht aus, und er natürlich erst recht nicht. Sie fuhren stadteinwärts, da fiel Lena die Kneipe in der Christophstraße, Nähe Kaiser-Wilhelm-Ring ein, wohin ihre Freundin Karin samt Verlobtem sie einmal mitgenommen hatten. „Jan von Werth“ hieß sie, in einem zerbombten Haus, außer dem Erdgeschoss war kein Stockwerk stehengeblieben. Bevor sie ausstiegen gab er Lena den vorgestreckten Hundert-Markschein zurück.

„War schon peinlich für mich. Nochmals vielen Dank“, sagte er. Sie lächelte. Nur noch sehr wenige Gäste saßen dort. Auf Filipos Frage nach der Speisekarte kam: „Die Küche ist aus, 22 Uhr!“

„Aber etwas Kaltes können Sie uns doch machen?“, fragte er. Sehr unwillig und auch unfreundlich empfahl die Kellnerin:

„Russische Eier, eingelegte Heringe mit Brot, oder nen halven Hahn.“ Lena erklärte: „Das ist ein Roggenbrötchen mit einer dicken Scheibe sehr altem Gouda, schmeckt gut, aber ….“

„Ne,“ sagte er, „das ist mir doch zu wenig.“ Sie entschieden sich beide für die russischen Eier mit einem Glas Kölsch für jeden. Das Bier war Lena zu kalt, so dass er, wohl zum ersten Mal, dieses Obergärige, genannt Kölsch, trank und ihres natürlich mit. Es war sehr ungemütlich, dort zu sitzen. Die letzten Gäste waren gegangen. Lena fror an den nackten Beinen in ihren neuen Sandaletten. „Zahlen. Wir gehen“, rief er.

Lena dirigierte ihn in Richtung Kölner Nord-Westen, ihres augenblicklichen Zuhauses. Das Eis war gebrochen, fand Lena. Sie unterhielten sich sehr angeregt, sodass sie am Ziel im Auto sitzen blieben und redeten. Er erzählte von seinem beruflichen Werdegang. Nicht nur eine Schreinerlehre habe er gemacht, auch den Beruf des Grafikers in einer Druckerei erlernt, das Zeichnen hätte ihm besonders gut gefallen, deshalb kam die Ausbilldung zum Technischen Zeichner außerdem noch obendrauf. Lena war überrascht und sichtlich beeindruckt.

„Und heute?, fragte sie, „wie heißt dein Beruf heute?“

„Werbefachmann bin ich nun. Sehr gerne halte ich in großen Firmen Vorträge, wie man das neue Produkt nicht nur vorstellen, sondern es so darstellen kann, dass der Kunde genau dieses haben möchte. Kennst du das kleine ‚f‘ in blau und rot, das mit auf dem Firmenschild und auf jedem Einwickelpapier der Fleischereien gedruckt ist? Das hab ich für den Verband entworfen“, und er begann sofort es mit seinem rechten Zeigefinger in ihre linke Hand zu zeichnen. Lena musste lachen, weil es so kitzelte. Da zog er ihren Kopf mit beiden Händen zu sich und gab ihr einen langen Kuss. Sie saß einfach nur da und ließ es geschehen, und sie fühlte sich sehr wohl dabei, ja sie kam ihm sogar zwei Zentimeter entgegen, sofern man das beim Küssen in einem Karmann Ghia überhaupt kann. Als er sie endlich los ließ, rutschte sie schnell nach rechts in ihren Sitz. Da sagte er: „War das nun ein schöner Du-Kuss, oder nicht?“

„Jaa“, sagte Lena, „es ist sicher schon spät, morgen früh ist die Nacht um. Ich muss ins Bett.“

„Ich auch“, sagte er. Mit einem kräftigen Händedruck verabschiedete er Lena, „und nicht vergessen: morgen Abend um halb sechs auf der Messe, Halle fünf sind wir, das findest du, schlaf gut!“ Sie stieg schnell aus, winkte noch einmal zurück und schloss die Haustür auf, schaute im Licht des Treppenhauses auf ihre Armbanduhr: ein Uhr dreißig! Was für ein Abend! Und was für ein Mann! Was passierte da gerade mit ihr? Die Nacht war kurz und unruhig. Am Morgen nahm sie sich für ihre Garderobe Zeit und wählte aus dem schmalen Kleiderschrank die Rosen-Bluse und den weißen Leinenrock aus, denn am Abend … oh je, da war das Herzklopfen wieder! Zum Frühstück blieb keine Zeit, außerdem hätte sie sowieso keinen Bissen heruntergekriegt.

Den Tag im Büro verbrachte sie konzentriert mit vielen Anrufen und Besuchern am Eröffnungs-Tag der ANUGA, doch mehr unbeteiligt. Sie sehnte den Feierabend herbei wie nie zuvor. Und tatsächlich rief er kurz vor siebzehn Uhr an und sagte, er habe eine Eintrittskarte für sie beim Portier Halle fünf hinterlegt, ihn könne sie fragen, wo genau der Fleischer-Stand sei, dort erwarte er sie. Pünktlich verließ sie das Büro ohne laute Verabschiedung nach rechts und links wie sonst, stieg in die Bahn in aufgeregter Stimmung. Es war noch viel Trubel auf dem Messegelände, denn bis achtzehn Uhr war die Ausstellung geöffnet. Sie fand den älteren Portier, der ihr die Eintrittskarte gab und ihr den Weg zum Stand zeigte. Schon von weitem sah sie Filipo dort stehen, er unterhielt sich mit jemandem. Als er Lena erblickte, verabschiedete er sich von seinem Gesprächspartner und kam sofort auf sie zu. Schick sah er aus im dunkelblauen Anzug und weißem Hemd.

„Da kommt ja mein Rosen-Reslie“, lachte er, und erklärte ihr in aller Ausführlichkeit „seinen Stand‘, wie er ihn nannte, während er sie um die Schulter fasste und sie führte. Natürlich bewunderte sie alles. Er schlenderte mit ihr durch die Halle von einer Firmenausstellung zur anderen und steuerte auf einen großen runden, in luftiger Höhe mit Fischernetzen behängten Stand zu.

„Schau, was es hier sogar gibt!“, sagte er überschwänglich. Lena sah genau hin und meinte dann:

„Ich weiß, dass es Austern sind, aber noch nie habe ich eine gegessen.“

„Dann wird’s aber Zeit!“, warf er ein und bestellte gleich welche. Er reichte ihr den Pappteller und zückte sein Portemonnaie. Lena sah auf die drei schon geknackten Austernhälften und ein paar in Achteln geschnittene Zitronenstückchen. Er nahm eine Auster, drückte den Saft über dem Inhalt aus und schlürfte laut die Schale leer. Der Verkäufer stellte zwei Gläser Sekt auf die schmale Theke.

„Jetzt du“, sagte er, gab ihr eine und träufelte den Zitronensaft darüber. Lena versuchte, ohne Geräusch den Inhalt zu erwischen, aber der hing fest. Filipo, der ihr Vorgehen genau beobachtete, ließ sich einen Teelöffel geben, womit sie nun leichtes Spiel hatte. Der salzige Geschmack behagte ihr wohl, doch die Konsistenz dieser „Köstlichkeit“, wie er sie nannte, gefiel ihr überhaupt nicht, es erinnerte sie an – nein, sag’s lieber nicht, ermahnte sie sich und reichte ihm die dritte Hälfte. „Willst du wirklich keine mehr?“, fragte er.

„Nein, nein, nimm du, bitte.“

„Dir schmecken sie also nicht? Na ja, da bist du sicher nicht die einzige. Manche sagen ja, es sei wie Nasenschleim“, er lachte. „Die Geschmäcker sind halt verschieden.“ Er gab ihr ein Glas und sagte:

„Dann lass uns wenigstens stilecht mit Sekt anstoßen darauf, dass du keine magst.“

Der Messebesuch zog sich hin, weil Filipo ihr unbedingt noch dieses und jenes zeigen und erklären wollte. Das machte er sehr höflich und fürsorglich, dass sie sich sehr behütet vorkam. Dieses Gefühl war ihr völlig fremd, doch sie merkte, wie wohl sie sich dabei fühlte. An diesem Stand gab es den westfälischen Knochenschinken, an jenem eine Praline einer ihr unbekannten Marke, eine Probe einer französischen Käsesorte dort, und hier eine neue, dunkle Brotsorte zu probieren. Doch ihr Favorit aller Stände war das bunte Obst-Angebot. Ein Tablett mit den herrlichsten Früchten, mundgerecht zugeschnitten, da musste sie zugreifen. Die Aussteller waren in Geberlaune am ersten Tag der Messe, den Eindruck hatte sie. Doch hier und da wurden nun langsam die Stände dicht gemacht, Zeit, zu gehen. Diesmal suchte Filipo sein Auto, denn es standen weit mehr PKWs auf dem Parkplatz.

„Was könnten wir beiden Hübschen noch unternehmen, bevor ich dich nach Hause bringe? Eine warme Mahlzeit zu allererst, was meinst du?“, fragte er.

„Ich habe mich erkundigt, wir gehen in den Goldenen Anker, hier ganz in der Nähe. Kennst du den? Heute soll kein Ruhetag sein“, sagte er nachdem beide in seinem geliebten Karmann Ghia Platz genommen hatten.

„Nein, da war ich noch nie“, sagte Lena, freute sich jedoch, noch eine Weile mit ihm zusammen sein zu können. Denn der Abschied würde unausweichlich sein, später, dachte sie.