Nach dem Krieg war alles anders - Gregor Raab - E-Book

Nach dem Krieg war alles anders E-Book

Gregor Raab

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Beschreibung

Nach dem Krieg war alles anders Seit über 75 Jahren leben wir nach zwei verheerenden Weltkriegen nun schon im Frieden. Krieg, Tod, Heimatverlust, Flucht, Vergewaltigung und andauernde Lebensgefahr haben in zwei Weltkriegen viele Menschen, Männer wie Frauen, physisch und psychisch schwer belastet. In diesem Buch kommen Menschen zu Wort, die in jungen Jahren die schreckliche Zeit des Zweiten Weltkriegs erlebt haben, die aber dennoch das Beste aus ihrem Leben gemacht haben. Ihre Geschichten sollen den Leser dazu ermutigen, hinzuschauen, miteinander zu reden und zu hinterfragen, um traumatische Kriegserlebnisse unserer Vorfahren zu heben, zu verstehen und, wenn nötig und möglich, zu erlösen. Denn was die Heilung verwundeter Seelen betrifft, gilt: Nicht Schweigen, sondern Reden ist Gold.

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Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Gregor Raab

geboren 1982 in Roding, ist Lehrer am Robert-Schuman-Gymnasium in Cham, engagierter Bienenzüchter und freier Journalist. Der vielseitig interessierte und sozial engagierte Familienvater sammelte von 2008 bis 2014 als dritter Bürgermeister von Traitsching politische Erfahrungen.

Für eine Serie der Mittelbayerischen Zeitung hielt er 2014/2015 die Kriegserinnerungen ehemaliger Soldaten seiner Heimat fest.

L. Alexander Metz

geboren 1946 in Cham/Opf., Regensburger Domspatz von 1955 bis 1966, von Beruf IT- und Datenkommunikations-Manager, ist seit 2006 als Verleger, Filmproduzent und Autor tätig. Als Yoga-Lehrer aus der Schule Yesudian/Haich und Chorleiter arbeitete er viele Jahre im Rahmen des „Chamer Modells“ therapeutisch mit an Demenz erkrankten Menschen.

Inhalt

Vorwort

Nur das Überleben zählte

Im Dienst für Volk und Vaterland

Ein Menschenleben war nichts wert

Sie haben nicht nachgegeben

Glücklich ist, wer vergisst

Es war die Hölle

Ich habe nie einen Krieg gewollt

Sie wollten uns fertigmachen

Ein schier unendliches Martyrium

So schnell wie möglich raus

Eine Kugel verfehlte ihn

Hotel Fritz Ritz

Glück im Unglück

Gefangen in Sibirien

Krieg und Frieden

Einer von Tausenden

Der Mitläufer

Nur zum Schein ein Hitlerjunge

Nachwort

Vorwort

Der Zweite Weltkrieg (1939 bis 1945), Gefangenschaft, Flucht und Vertreibung forderten Millionen Opfer bei allen beteiligten Völkern.

Wer die schrecklichen Kriegsjahre als Soldat oder als Flüchtling überlebte, ist meist schwer traumatisiert in die Heimat zurückgekehrt. Junge Männer wurden gezwungen, in den Krieg zu ziehen. Für Führer, Volk und Vaterland. Kriegsdienstverweigerung bedeutete den sicheren Tod. Nach Krieg, Gefangenschaft und Flucht galt es, ins Leben zurückzufinden, anzupacken, Deutschland wieder aufzubauen. Es gab keine Zeit, die verwundeten Seelen zu heilen. Viele der Heimkehrer und Flüchtlinge waren ein Leben lang geplagt von Albträumen. Darüber zu sprechen oder gar klagen, war tabu.

Wir möchten in diesem Buch Menschen zu Wort kommen lassen, die diese schreckliche Zeit er- und überlebt haben. Nicht jeder Soldat war ein eifriger und dienstbeflissener Täter, nicht jeder Deutsche ein aktiver Verfechter des Hitler-Regimes.

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“, möchten wir all jenen mitgeben, die auf die Kriegsgeneration mit dem Finger zeigen.

70 Jahre nach dem schrecklichen Krieg sprachen wir mit Betroffenen über ihre Erlebnisse. Es war erschütternd für uns, die wir 70 Jahre Frieden erleben durften und in der Zeit des Wirtschaftswunders aufgewachsen sind, zu erfahren, was die Kriegsgeneration erdulden musste. Nur weil ein Größenwahnsinniger glaubte, die Welt erobern zu müssen.

Gregor Raab L. Alexander Metz

Franz Janker 1943

(* 9.10.1925         † 28.4.2017)

Nur das Überleben zählte

Franz Janker aus Tragenschwand, einem kleinen Ort in der Oberpfalz, erlebte als Panzerfahrer hautnah die Schrecken des Zweiten Weltkriegs.

Die grauenvollen Eindrücke konnte er ein Leben lang nicht vergessen oder gar verarbeiten. Das knirschende Geräusch der alles zermalmenden Panzerketten, die Enge im Inneren des Kolosses, das Zischen der Geschosse, quietschender Stahl, reglos am Boden liegende Soldaten.

Im Zweiten Weltkrieg hatte Franz Janker als Panzerfahrer ein unauslöschliches Trauma erlitten. Jahrzehntelang versuchte er, wie vermutlich viele andere Kriegsveteranen, diese grausamen und belastenden Bilder zu vergessen. Vergebens. Deshalb sieht er es, auf sein Leben zurückblickend, geradezu als seine Pflicht an, seine Erlebnisse mit deutlichen Appellen an die Nachwelt weiterzugeben.

Als der Veteran am Tisch seiner Stube sitzend über den Krieg redet, spürt man sofort, dass dieser betagte Mann viel zu erzählen hatte. Manches weiß Franz Janker noch ganz genau, etwa wie ein Aufklärungsflieger seinen unter einer Überführung versteckten Panzer entdeckte und nur um Haaresbreite verfehlte. „Die Detonation erschütterte die Brücke. Sie vibrierte und drohte über uns einzustürzen“, schildert er noch immer sichtlich bewegt die Situation.

Viele seiner Erinnerungen sind aber auch nur noch verschwommen vorhanden. Doch je länger sich das Gespräch entwickelt, desto mehr bekommt man den Eindruck, als wäre er erneut mitten im Kriegsgeschehen.

Als Franz Janker, am 9. Oktober 1925 in Tragenschwand geboren, im Alter von 17 Jahren seinen Militärdienst beim Panzerregiment 6 in Bamberg antreten musste, ahnte er bereits, was auf ihn zukommen würde. Sein Vater, ein Kriegsveteran aus dem ersten Weltkrieg, hatte ihm in seiner Kindheit hin und wieder von den furchtbaren Geschehnissen an der Front erzählt. Franz hatte aufmerksam zugehört.

Noch oft denkt er an die mahnenden Worte seines alten Herrn zurück: „Mein Vater war ein erbitterter Gegner des kriegstreibenden Naziregimes und hat jeden vor einem erneuten Aufflammen des Krieges gewarnt. Schon damals wusste er, dass Hitler das ganze Land in den Abgrund reißen würde.“

Zunächst leistete Franz Janker in Irlbach nahe Straubing, also nicht weit von seinem Heimatort entfernt, für sechs Monate seinen Arbeitsdienst ab, bis er 1942 schließlich seine Grundausbildung in Bamberg antrat. Mehrere Wochen wurde der junge Rekrut, der bereits eine Schusterlehre begonnen hatte, mit militärischem Drill zum Panzerfahrer ausgebildet.

Danach wurde der junge Rekrut auf einem Panzerkampfwagen III sowie dem Panzerkampfwagen IV des Herstellers Krupp geschult, bis er schließlich auf seiner eigentlichen Kampfmaschine, dem „Panther“, detailliert und gründlich eingewiesen werden konnte.

Zwar fällt es Franz Janker im Gespräch schwer, sich an die verschiedenen Stationierungen in der Folge genau zu erinnern, jedoch blieben ihm während der Vertiefung seiner Ausbildungszeit Orte wie Fallingbostel in der Lüneburger Heide, Besigheim bei Heilbronn und Bamberg sehr wohl in Erinnerung.

„Da kommt nachts der Befehl des Leutnants zum Aufbruch, dann packst du deine Sachen und fährst mit dem Tross weiter. Du weißt nicht, wohin du ziehst. Und wenn du ankommst, weißt du nicht einmal, wo du dich befindest.“

Oft mussten sie tagelang an einem Ort die Stellung halten, bis der nächste Einsatzbefehl kam. „Da war auch Zeit für andere Sachen“, erinnert er sich etwas schmunzelnd an die schönen Mädchen, denen ein Paar Soldaten zum Opfer fielen. „Da wurde schon mal kurzerhand der Tanzboden eines Wirtshauses mit Stroh ausgelegt.“ Die Freude aber währte nicht lange, denn schon bald hatten jene Schürzenjäger gesundheitliche Probleme. „Denen hat die ganze Zeit der Stutzen getropft und ich musste sie ins Krankenhaus fahren, wo der Doktor einen Tripper diagnostizierte.“

In Saarbrücken kam Franz Janker das erste Mal in einem Kriegsgebiet zum Einsatz. Hier wurde im Sommer 1943 die Panzerdivision 6 nach Calais in Frankreich versetzt und schließlich auf den „Königstiger“, den stärksten deutschen Kampfpanzer des Zweiten Weltkriegs, umgeschult.

Ab Herbst 1943 spitzte sich die Lage in Nordfrankreich bedrohlich und beängstigend zu. In der Erwartung eines Angriffs der Alliierten verlagerte die deutsche Heeresleitung große Teile der Truppen an die Küste. Aufgrund einer strategischen Entscheidung waren die Panzerkräfte aber nicht für die vorderste Front bestimmt worden. Da der genaue Ort des alliierten Vorstoßes nicht vorhersehbar war, sollten die mächtigen Stahlkolosse stattdessen im Hinterland auf ihren Einsatzbefehl warten. Die Oberbefehlshaber erhofften sich durch diese Taktik einen größeren Angriffsradius der Panzer.

Als schließlich am 6. Juni 1944 die ersten feindlichen Boote in der Normandie landeten, befand sich die Division von Franz Janker in einem Waldstück nahe der historischen Hafenstadt Cherbourg. „Wir wurden sofort in Bewegung gesetzt. Niemand hatte mit so einer Übermacht des Gegners gerechnet“, erinnert er sich.

Im Kampfgebiet spielten sich entsetzliche Szenen ab. Die Deutschen hatten der Überlegenheit der Alliierten nichts entgegenzusetzen. „Wir versuchten vergebens die Stellung zu halten. Mit unserer Kanone schossen wir auf die näherkommenden Schiffe. Hunderte von Flugzeugen donnerten über uns hinweg und ließen einen Bombenhagel herabregnen. Die vielen Fallschirmjäger verdunkelten geradezu den Himmel. Diese Invasion war nicht mehr zu stoppen. Ich dachte: Das ist das Ende. Jetzt erwischt es mich“, sagt der Zeitzeuge.

In ihrer aussichtslosen Lage traten sie letztendlich den Rückzug an, der ihnen nur mit großen Verlusten an Menschen und Material glückte. „Viele gute Leute mussten in diesem Gemetzel ihr Leben lassen. Die haben die jüngeren, nachrückenden und unerfahrenen Soldaten abgeschossen wie die Hasen.“

Deutscher Panzer auf dem Vormarsch

Foto: Franz Xaver Mayer

Außerhalb der Gefahrenzone sammelten sich die aufgeriebenen Kompanien. Die Wehrmacht holte umgehend zum Gegenschlag aus, doch die Einsätze auf den Wiesen und Feldern der französischen Provinzen glichen einem Himmelfahrtskommando. Angetrieben von den Durchhalteparolen ihrer fanatischen Befehlshaber lieferten sich die deutschen Truppen mit den anrückenden Streitkräften schwere Gefechte und stellten sich mutig dem Feind entgegen. Franz Janker gelang es, mit seiner Besatzung mehrere feindliche Panzer abzuschießen.

„Man musste immer aufs Ganze gehen. Entweder überleben die oder wir“, bringt er die damalige Zwangslage auf den Punkt. Die dicken Stahlwände seines Gefährts boten ihm einigermaßen Schutz vor dem Stahlgewitter des Schlachtfelds, die meisten Infanteristen aber, die sich hinter dem Heck seines Ungetüms verschanzt hatten, kamen im Kugelhagel der Alliierten ums Leben. Der Gegner war ihnen in den Kämpfen materiell und personell weit überlegen, sodass sie bei ihren verzweifelten Gegenoffensiven immer wieder steckenblieben.

Nach mehreren gescheiterten Operationen ordnete die Armeeführung schließlich an, das Territorium zu räumen. Das große Blutvergießen war vorläufig gestoppt. „Dann mussten wir die Toten aufsammeln und auf Wagen legen. Keiner sollte zurückbleiben.“

Auf dem Rückzug nach Paris lauerten überall weitere Gefahren auf sie. Hinter Hügeln, in Waldrändern, aber auch in Dörfern hatten sich französische Widerstandskämpfer verschanzt. Bestärkt durch den alliierten Vormarsch kämpften sie enthusiastischer denn je und voller Pathos für die Befreiung ihres Landes. Franz Janker berichtet: „Vor ihnen musste man sich besonders in Acht nehmen. Sie kamen aus dem Hinterhalt. Viele Kameraden fielen ihnen zum Opfer.“

Der Krieg hatte bei all diesen Auseinandersetzungen seine eigenen grausamen Gesetze. Sobald Jankers Panzerkommandeur einen versteckten Schützengraben entdeckte, steuerte er diese Stellung an. Mit kreischenden Stahlketten rollte der „Königstiger“ auf das Erdloch zu. Angesichts des mächtigen Kolosses ergriffen die Männer, wenn sie dazu noch in der Lage waren, panikartig die Flucht. Der Richtschütze an Bord erledigte mit dem ratternden Maschinengewehr dann den Rest. Über dem Erdloch wurde das Ungetüm dann einmal um seine eigene Achse gedreht. Entweder wurden die Kämpfer, die sich nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, unter dem Panzer zermalmt oder die Kluft wurde durch den enormen Druck auf die Wände zugeschüttet. Tod und Beerdigung fanden dann zur gleichen Zeit statt. „Wieder ein Vermisster mehr“, meinte dann der Kommandeur im Panzer süffisant dazu.

Franz Janker gewährt bei diesen grauenvollen Schilderungen tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt: „Damals konnte man nicht lange über sein Handeln nachdenken. Im Krieg gibt es keine Regeln. Hier zählt nur das Überleben.“

Er musste aber auch die Erfahrung machen, dass der Todbringer selbst zur Todesfalle werden kann. So waren die behäbigen Panzer ständig den Angriffen von feindlichen Kampfflugzeugen ausgeliefert. „Die Amerikaner hatten einen Fliegertyp, den man schon aus weiter Ferne hörte. Wir sagten immer Nähmaschine dazu, da sein Geräusch dem einer Nähmaschine ähnlich war.“ Tagsüber versteckten sie die Panzer meist in Scheunen, unter Brücken oder an Waldrändern. Nicht selten wurde sogar der ganze Panzer eingegraben. Hierzu musste der V-Tross ein Loch ausheben, dann wurde der Panzer hineinchauffiert und mit Stroh und Ästen zugedeckt. Der Zug bewegte sich vorrangig im Schutze der Nacht weiter.

Die gefährlichen Tiefflieger, die auf alles schossen, was sich bewegte, konnten dennoch die fahrenden Kettenfahrzeuge wegen ihrer glühenden Auspuffrohre leicht ausfindig machen, wenn diese nicht rechtzeitig bedeckt wurden.

„Ständig fielen Bomben vom Himmel. Aber ich habe immer Glück gehabt“, erzählt Franz Janker. Ein solches Massel hatte er auch, als sein „Königstiger“ von einer Mine getroffen wurde. Die Wucht der Explosion hob im Bruchteil einer Sekunde den tonnenschweren Panzerturm aus den Angeln, der beim Zurückfallen den Richtschützen zerquetschte. „Plötzlich kamen mir zwei Beine entgegen und dann eine Unmenge von Blut.“

Franz Janker, der direkt unter ihm am Steuer saß, überlebte die heftige Detonation wie durch ein Wunder unverletzt. Der Krieg ging für ihn aber dennoch weiter. Gnadenlos. Er wurde nach Ungarn versetzt, um dort bei der Plattensee-Offensive den Vorstoß der Roten Armee Richtung Wien abzuwehren. Es galt, die dortigen Ölquellen und Treibstoffreserven für die deutsche Kriegswirtschaft zu sichern.

Vom Plattensee herkommend drang seine Panzerdivision bis nach Budapest vor. Während der erbitterten Straßenkämpfe wurde die deutsche Wehrmacht schließlich eingekesselt. „Die SS-Division Wiking hat uns wieder rausgeschlagen. Das waren ganz Fanatische, diese SS-ler. Die hatten im inneren Oberarm das SS-Zeichen eintätowiert. Die kannten keine Gnade, mit niemandem, außer den eigenen Leuten.“

Trotz der geglückten Befreiung wurden sie bis nach Österreich zurückgeschlagen. Die Strapazen der einzelnen Etappen ließen bei den Soldaten allmählich den letzten Rest an Siegeswillen und -glauben verglühen. In Österreich verschärfte sich durch die weit in den Westen vorgestoßenen Amerikaner die Situation zusätzlich.

In der Führungsebene herrschte zwischenzeitlich das blanke Chaos. Die Einheiten wurden immer weiter zersprengt. „Niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Wir nahmen nur noch vor dem Feind Reißaus. Wir ließen alles mitten im Nirgendwo liegen und stehen.“ Der Ring um sie schnürte sich gnadenlos immer weiter zusammen. Völlig von der Außenwelt abgeschnitten stellten sie sich schließlich den Amerikanern.

Sechs Monate lang musste Franz Janker anschließend mit seinen Kameraden in einer österreichischen Sandgrube schuften. Als ein Gefangenentransport nach Nürnberg anstand, wurde er schließlich von den G.I.s als Fahrer ausgewählt. Ein Wink des Schicksals! Die Route in die fränkische Metropole sollte über Straubing führen, wo seine Schwester wohnte. Franz Janker sah deswegen den idealen Zeitpunkt für eine Flucht gekommen.

Bereits vor der Abfahrt heckte er zusammen mit seinem Kumpel aus Berlin einen gewagten Plan aus. Ziel war es, den Truck durch einen fingierten Defekt zum Stehen zu bringen, um dann im geeigneten Augenblick das Weite zu suchen. Bei Straubing schien der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein. Franz Janker täuschte einen Fahrfehler vor und steuerte den Transporter mit voller Wucht in einen Bombenkrater. Das Kalkül ging auf. Die Achse des Wagens war auf der Stelle gebrochen und eine Weiterfahrt somit ausgeschlossen.

„Der Amerikaner, der bei mir im Führerhaus saß, hat sich fürchterlich über mich aufgeregt“, lacht Franz Janker, während er seine Befreiung schildert. Alle Mitfahrer, die allesamt den Unfall unbeschadet wenngleich mit großem Schrecken überstanden hatten, wurden auf die übrigen Fahrzeuge verteilt. Franz Janker und sein Kumpan durften dagegen beim Wrack zurückbleiben. Ohne Bewachung! Als die Blechkarawane aus ihrer Sichtweite war, machten sie sich aus dem Staub.

Zunächst versteckten sie sich auf einem Friedhof, bis die Luft rein war. Anschließend suchten sie einen Bekannten von seiner Schwester auf, der sie in einem Mistwagen versteckte, auf einem Floss über die Donau brachte und dann nach Hunderdorf im Landkreis Straubing fuhr. Querfeldein schlugen sich die beiden dann unbemerkt bis nach Tragenschwand durch. Aber sogar noch nach Kriegsende mussten sie sich vor den regelmäßig durch das Dorf patrouillierenden Soldaten verstecken, da sie keinen gültigen Entlassungsschein vorweisen konnten.

Allmählich aber entspannte sich die Situation. Nach den Wirren des Krieges krempelte der „Abraham Franz“, wie ihn alle Freunde liebevoll nennen, beherzt die Ärmel hoch. Er übernahm die Landwirtschaft seiner Eltern und baute nebenbei noch ein kleines Fuhrunternehmen auf. Im Jahr 1954 trat er mit seiner Frieda vor den Traualtar. Drei Söhne und zwei Töchter gingen aus der Ehe hervor.

Der Zeitzeuge Franz Janker ist ein tiefgläubiger Mensch. Über die Verheerungen, die der Krieg seiner Seele zugefügt hatte, hilft ihm besonders seine Frömmigkeit und sein Glaube an einen ihn beschützenden Gott hinweg. So erzählt er auch, dass ihm vor Antritt seines Arbeitsdienstes der Ortspfarrer Markl noch den Segen Gottes gespendet und einen Rosenkranz geschenkt hatte. Dieser geweihte Talisman war im Panzer sein ständiger Begleiter. Das stille Gebet verschaffte dem jungen Soldaten offenbar Trost und Hoffnung trotz der vielen traumatischen Erlebnisse.

Auch 70 Jahre nach Kriegsende, muss er noch fast täglich an die schrecklichen Geschehnisse denken. „Oft werde ich nachts wach, dann kommt mir alles wieder in den Sinn, dann versuche ich all diese schrecklichen Gedanken zu verdrängen, sonst ist es vorbei mit dem Schlaf“, erzählt er ganz offen. Und er ist sich sicher: „Der Herrgott im Himmel hat mir geholfen.“ Anders kann er sich sonst nicht erklären, wie er das Ganze unversehrt überstanden hat. Seine Botschaft ist eindringlich: „Es ist ein Geschenk, dass wir seit sieben Jahrzehnten in Frieden leben dürfen. Wir müssen alles daransetzen, dass das auch weiterhin so bleibt; denn was ich im Krieg erlebt habe, das wünsche ich niemandem.“

Gotteskraft

Ich sehe den Tod und das Leben. Wenig geleistet habe ich in meinem kurzen Leben. Gott dem Herrn habe ich meine Seele befohlen, in ihm habe ich sie ganz und fest versiegelt. Frei bin ich, alles zu wagen. Meine Seele gehört Gott, mein Leben dem Vaterland, mir selbst aber bleibt übrig Freude und Kraft.

Evangelisches Feldgesangbuch 1939

Franz Janker 2015

Deutsches Soldatentum

1. Die Wehrmacht ist der Waffenträger des deutschen Volkes. Sie schützt das Deutsche Reich und Vaterland, das im Nationalsozialismus geeinte deutsche Volk und seinen Lebensraum. Die Wurzeln ihrer Kraft liegen in einer ruhmreichen Vergangenheit, in deutschem Volkstum, deutscher Erde und deutscher Arbeit. Der Dienst in der Wehrmacht ist Ehrendienst am deutschen Volk.

2. Die Ehre des Soldaten liegt im bedingungslosen Einsatz seiner Person für Volk und Vaterland bis zur Opferung seines Lebens.

3. Höchste Soldatentugend ist der kämpferische Mut. Er fordert Härte und Entschlossenheit. Feigheit ist schimpflich, Zaudern unsoldatisch.

4. Gehorsam ist die Grundlage der Wehrmacht, Vertrauen die Grundlage des Gehorsams. Soldatisches Führertum beruht auf Verantwortungsfreude, überlegenem Können und unermüdlicher Fürsorge.

5. Große Leistungen in Krieg und Frieden entstehen nur in unerschütterlicher Kampfgemeinschaft von Führer und Truppe.

6. Kampfgemeinschaft fordert Kameradschaft. Sie bewährt sich besonders in Not und Gefahr.

7. Selbstbewusst und doch bescheiden, aufrecht und treu, gottesfürchtig und wahrhaft, verschwiegen und unbestechlich soll der Soldat dem ganzen Volk ein Vorbild männlicher Kraft sein. Nur Leistungen berechtigen zum Stolz.

8. Größten Lohn und höchstes Glück findet der Soldat im Bewusstsein freudig erfüllter Pflicht. Charakter und Leistung bestimmen seinen Weg und Wert.

Gebet für Führer, Volk und Wehrmacht

In Deiner Hand, o Gott, liegt die Herrschaft über alle Reiche und Völker der Erde.

Segne unser deutsches Volk in Deiner Güte und Kraft und senke uns tief ins Herz die Liebe zu unserem Vaterlande. Lass uns ein heldenhaftes Geschlecht sein und unserer Ahnen würdig werden.

Lass uns den Glauben unserer Väter hüten wie ein heiliges Erbe.

Segne die deutsche Wehrmacht, welche dazu berufen ist, den Frieden zu wahren und den heimischen Herd zu schützen, und gib ihren Angehörigen die Kraft zum höchsten Opfer für Führer, Volk und Vaterland.

Segne besonders unseren Führer und Obersten Befehlshaber in allen Aufgaben, die ihm gestellt sind. Lass uns alle unter seiner Führung in der Hingabe an Volk und Vaterland eine heilige Aufgabe sehen, damit wir durch Glauben, Gehorsam und Treue die ewige Heimat erlangen im Reiche Deines Lichtes und Deines Friedens. Amen.

Evangelisches Feldgesangbuch 1939

Arnold Tiedemann 2014

(* 12.12.1924         † 2.11.2020)

Im Dienst für Volk und Vaterland

„Ich hatte immer Glück!“, meint Arnold Tiedemann, als er auf sein bewegtes Leben zurückblickt. Während der rüstige Sattelpeilnsteiner, Jahrgang 1924, äußerst detailliert von seinen Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges und der harten Nachkriegszeit erzählt, betont er immer wieder, wie gut es das Schicksal mit ihm gemeint hatte.

Aufgewachsen ist Arnold Tiedemann mit seinen acht Geschwistern in der Nähe vom ostpreußischen Königsberg im heutigen Polen. Mitten in den Kriegswirren des Jahres 1942 glaubte der damals 17-jährige Schneidergeselle, er „müsse Deutschland helfen, den Krieg zu gewinnen“ und entschied sich daher freiwillig zum Dienst bei der Wehrmacht. Und das, obwohl bereits einer seiner Brüder im Zuge einer russischen Offensive ums Leben gekommen war. Als selbstverständlich sah es Arnold Tiedemann zu diesem Zeitpunkt, sich in den Dienst des Deutschen Reiches zu stellen. Für Führer, Volk und Vaterland.

Das erste Mal hatte er bezüglich seines Heldenmutes insofern Glück, dass er ganze zwei Zentimeter zu klein war, um für den militärischen Dienst in den Schlachten eingesetzt werden zu können. So kam es, dass Arnold Tiedemann von Januar 1943 bis zum Kriegsende an verschiedenen Stationen dienen musste und zwar als Fallschirm- und Sicherheitsbediensteter der deutschen Luftwaffe, wie etwa in Warschau, Schleißheim, Stuttgart und schließlich Schwäbisch Hall.

Noch im April des Jahres 1945, als eine deutsche Niederlage längst besiegelt war, wurde Tiedemann mit zwei weiteren Kameraden ins niederösterreichische Amstetten versetzt. Als Bahnknotenpunkt war dieser Ort während des Krieges von strategischer Wichtigkeit als Kriegsziel und wurde deshalb mehrmals von US-Amerikanern und später von sowjetischen Truppen schwer bombardiert. Das schwerste Bombardement erlitt die mit Flüchtlingstrecks und sich zurückziehenden Wehrmachtsteilen vollgestopfte Stadt erst in den letzten Apriltagen 1945.

Und Arnold Tiedemann hatte wiederum Glück: Er und seine beiden Kumpanen konnten sich in einer Scheune in der Nähe von Amstetten verstecken, wo sie die letzten Tage des Krieges in ständiger Angst, entdeckt zu werden oder in die drohende Gefangenschaft zu gelangen, ausharrten.

„Jungs, der Krieg ist aus! Ihr könnt heim gehen!“ Mit diesen Worten wurden die drei jungen Soldaten nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am Morgen des 9. Mai 1945 von ihrem Befehlshaber nach Hause geschickt. So wie für unzählige Landser nach Kriegsende begann auch für Arnold Tiedemann eine Reise ins Ungewisse. Wohin sollte er gehen? Das vormals deutsche Ostpreußen war längst von der Roten Armee eingenommen worden. Die Menschen seiner Heimat befanden sich zu Hundertausenden auf der Flucht. War seine Familie denn noch am Leben? Wenn ja, wohin sind sie geflüchtet? Fragen über Fragen gingen ihm durch den Kopf, auf welche zu diesem Zeitpunkt niemand eine Antwort geben konnte.

Mit gerade mal 20 Jahren entschied er sich zunächst, von Österreich zurück nach Schwäbisch Hall zu gehen, während seine beiden Freunde hofften, gesund in ihre Heimatstädte Mannheim und Erfurt zu gelangen. Aus Angst, auf dem Weg von feindlichen Soldaten gefangen genommen zu werden, versuchten sie, öffentliche Straßen zu meiden und ausschließlich über Feldwege mit Hilfe von Kompass oder Landkarte zurück über die bayerische Grenze zu kommen. Arnold Tiedemann erinnert sich im Gespräch vor allem an die Hilfsbereitschaft „lieber Menschen“, die ihm auf diesem Weg begegnet sind. So kann er sich noch sehr gut an eine Frau erinnern, die ihm ihr letztes Stück Brot anbot, in der Hoffnung, dass ihrem Mann und ihren beiden Söhnen, „die irgendwo da draußen rumlaufen, auch etwas zum Essen gegeben wird.“ Ins Gedächtnis des Veteranen hat sich auch eingebrannt, dass sich auf seiner Flucht die „kleinen Leute“ als hilfsbereiter erwiesen als jene mit „großem Misthaufen“ vor dem Haus.

Auf dem langen Weg zurück peilten die drei Soldaten schließlich den Weg nach Cham in der Oberpfalz an, von wo aus sie planten, über Roding und Schwandorf weiter in die jeweiligen Zielorte zu gelangen. Als Arnold Tiedemann und seine beiden Gefährten in Traitsching, einem Dorf im Landkreis Cham ankamen, gab ihnen der damalige Schmid den Hinweis, dass es nach Roding eine Abkürzung über Schorndorf gäbe. Sie nahmen diesen Weg, der die erschöpften Männer schließlich über den Rauchenberg, zwischen den Nachbargemeinden Traitsching und Schorndorf gelegen, führte. Hier traf Arnold Tiedemann auf eine ältere Bäuerin, eine Begegnung, welche seine Zukunft maßgeblich beeinflussen sollte.

Nachdem die alte Frau die drei Heimkehrer herzlich zum Abendessen eingeladen hatte, stellte sie Arnold Tiedemann die Frage, woher er denn eigentlich komme.

„Aus Ostpreußen“, antwortete er.

„Mei Bua, dann gehst du ja ganz verkehrt!“, wunderte sich die Landwirtin.

„Das weiß ich schon. Aber ich kann ja nicht mehr nach Hause“, versuchte Arnold Tiedemann der guten Frau seine Situation zu erklären.

Mitfühlend und beherzt machte sie ihm spontan den Vorschlag, doch bei ihr auf dem Hof zu bleiben und in der Landwirtschaft mitzuhelfen. Angesichts dieses Angebots war er zunächst irritiert. „Ich habe damals ja nicht mal gewusst, was eine Kuh oder ein Ochse ist. Ich kam ja aus der Stadt!“

Trotz seiner inneren Zerrissenheit entschied er sich für ein Dach über dem Kopf sowie eine feste Arbeitsstelle, um seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Wenngleich auch für ungewisse Zeit.

Sichtlich stolz berichtet Arnold Tiedemann im Interview davon, wie er sich bereits im ersten Jahr sämtliche landwirtschaftlichen Tätigkeiten selbst beigebracht hat. „Meine Hände haben anfangs geblutet. Ich war diese harte Arbeit ja nicht gewohnt.“ Doch dank seines unermüdlichen Einsatzes und Eifers fand er sehr bald Gefallen am Landleben und an der harten Arbeit und begann im Bayerischen Wald ein neues Leben. Abermals war Arnold Tiedemann das Glück hold.

Eine berechtigte Frage ließ ihm aber bis dahin keine Ruhe: „Was ist wohl mit meiner Familie nach dem Krieg passiert?“ Immer wieder machte er sich sorgenvoll Gedanken über deren Verbleib. Nachdem er zuvor über die „Hofer Post“ eine Suchmeldung inseriert hatte, erfuhr er ein gutes Jahr später vom zuständigen Sekretariat, dass seine Eltern und, bis auf den bereits gefallenen Bruder, auch noch alle seine Geschwister am Leben waren.

Unbeschreiblich groß war die Freude, als er 1948, nach sechs langen Jahren der Trennung seine Eltern wieder in die Arme schließen konnte. Sie waren nach Dänemark geflüchtet, hatten sich aber drei Jahre später in der Nähe von Osnabrück niedergelassen.

Nachdem er über 17 Jahre in seiner „zweiten Heimat“, dem Rauchenberg, gearbeitet hatte, entschied er sich am 25. April 1962, in Sattelpeilnstein, einem Ort im Landkreis Cham eine Schneiderei zu eröffnen, in welcher er bis kurz vor seinem 90. Geburtstag noch selbst für treue Kunden fleißig Kleidungsstücke nähte.

In den 1970ern bestimmte Arnold Tiedemann als Gemeinderat und zeitweise als 3. Bürgermeister die Geschicke der Gemeinde Traitsching entscheidend mit. Zudem ergriff er im Jahre 1970 die Initiative für die Gründung des TSV Sattelpeilnstein.

Im Sommer des Jahres 2004 kehrte der Zeitzeuge nach 62 Jahren noch einmal in seine „erste Heimat“ Königsberg zurück. Ein sehr emotionaler Moment, bei dem er auch feststellte, dass sein Elternhaus noch erhalten war.

Zusammen mit seiner Frau Ingrid, seinen vier Söhnen und Enkeln feierte Arnold Tiedemann im Dezember 2014 seinen 90. Geburtstag.

Vielleicht auch mit etwas Glück, doch vor allem mit seiner unerschöpflichen Willenskraft und seiner beständigen Hoffnung hatte er es geschafft, nach dem Krieg völlig mittellos in seiner neuen Heimat ein neues Leben zu beginnen.

Arnold Tiedemann wusste, dass der Rauchenberg in seinem Leben eine entscheidende Rolle spielte. Er bekam auch immer funkelnde Augen, wenn er davon sprach. Daher hat er die persönliche Bedeutung des Ortes für ihn mit einem Gedicht gewürdigt und verewigt:

Rauchenberg - Gedicht von Arnold Tiedemann

Die Soldaten hatten sich an der Front erbitterte Gefechte geliefert.

Ein Menschenleben war nichts wert.

Fotos: Franz Xaver Mayer