Nach dieser Nacht will ich mehr - Victoria Pade - E-Book

Nach dieser Nacht will ich mehr E-Book

VICTORIA PADE

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Beschreibung

Ein Jahr lang durch fremde Länder bummeln - Carly steht kurz vor der Verwirklichung dieses Ziels, da begegnet ihr Baxter McDermot: Groß, schmalhüftig und mit seegrünen Augen scheint er Carly so ziemlich jede Sünde wert - aber auch den Verzicht auf ihren Lebenstraum …?

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IMPRESSUM

Nach dieser Nacht will ich mehr erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Ralf MarkmeierRedaktionsleitung:Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)Produktion:Jennifer GalkaGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2000 by Victoria Pade Originaltitel: „Cowboy’s Caress“ erschienen bei: Silhouette Books, Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe COLLECTION BACCARABand 169 - 2001 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg Übersetzung: Brigitte Marliani-Hörnlein

Umschlagsmotive: GettyImages_BLACKDAY

Veröffentlicht im ePub Format in 04/2018 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733756529

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

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1. KAPITEL

„Wie heißt das Sprichwort doch gleich? ‚Erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt.‘ Ich denke, der Spruch trifft auf dich zu, Carly.“

„Ohne Zweifel“, stimmte Carly Winters genervt zu. Sie saß seitlich auf dem Rücksitz im Wagen ihrer Freundin und hatte ihren rechten Fuß hochgelegt.

Im Gegensatz zu Deanas unbeschwertem Kommentar klang Carlys Entgegnung ziemlich niedergeschlagen. Deana war von Carlys Reiseplänen nie begeistert gewesen und freute sich über jeden Aufschub.

„Deshalb blase ich meine Reise aber nicht gleich ab. Sie verzögert sich nur ein wenig“, stellte Carly klar, damit ihre Freundin gar nicht erst auf andere Gedanken kam. „Die Ärzte in der Ambulanz haben gesagt, dass ich in einigen Wochen wieder absolut fit sein werde. Und dann geht es los.“

Deana sagte nichts dazu. Sie drehte nur das Radio ein wenig lauter und schien darauf zu vertrauen, dass das Leben noch etwas in petto hatte, was Carlys Pläne durchkreuzen würde.

Diese seufzte und lehnte frustriert den Kopf gegen die Rücklehne. Wieder einmal war ihr Leben anders verlaufen als geplant.

Als sie sah, wie die Sonne aufging, seufzte Carly noch einmal. Eigentlich hatte sie heute, an diesem wunderschönen Junitag, Abschied nehmen wollen von Elk Creek, der kleinen Stadt in Wyoming, in der sie vor zweiunddreißig Jahren geboren wurde und wo sie die ganze Zeit ihres bisherigen Lebens verbracht hatte. Jahre, in denen sie davon geträumt hatte, irgendwo anders zu sein.

Aber im Moment entfernte sich Carly nicht von Elk Creek. Im Gegenteil, sie war auf dem Weg dorthin, nachdem sie die Nacht in der Krankenhausnotaufnahme in Cheyenne verbracht hatte, um ihren Knöchel röntgen und verarzten zu lassen.

Glücklicherweise war ihr ein Gipsverband erspart geblieben. Auch wenn die Verletzung im Moment sehr schmerzhaft war und sie an Krücken laufen musste, war Carly dennoch zuversichtlich, dass ihr großes Abenteuer bald beginnen konnte.

Besser spät als nie.

Der Unfall hatte sich auf ihrer Abschiedsparty zugetragen, und die Umstände, die dazu führten, entbehrten nicht einer gewissen Komik. Sie hatte sich gerade von ihren Freunden, Nachbarn und Verwandten verabschiedet, bereit, ein letztes Mal in ihr Bett in Elk Creek zu steigen, als bei ihrer Schwester Hope plötzlich die Wehen einsetzten. Ihre Mutter sprang vom Sessel, um die Hochschwangere zu stützen, war aber so aufgeregt gewesen, dass sie sich mit dem Absatz im Saum ihres eigenen Kleides verfing. Carly erkannte die missliche Lage, hechtete zu ihr, um sie vor einem Sturz zu retten, und knickte dabei selbst um. Während ihrer Mutter nichts passiert war, hatte Carly sich den Fuß unglücklich verdreht.

Hope brachte schließlich mit Hilfe von Tallie Shanahan, Krankenschwester und Hebamme der Stadt, ihren vierten Sohn gesund zur Welt, während Deana Carly ins nächste Krankenhaus in Cheyenne brachte. Tallie hatte den Transport angeordnet, weil sie mit der Geburt selbst alle Hände voll zu tun hatte und weil sie fürchtete, der Fuß könnte gebrochen sein und ärztliche Behandlung erfordern. Und ein Arzt fehlte seit einiger Zeit in Elk Creek – ein Umstand, der sich erst heute ändern würde.

„Vielleicht ist dein Unfall ein Zeichen, dass du nicht reisen sollst“, orakelte Deana.

„Quatsch. Es ist nur ein kleiner Aufschub“, entgegnete Carly.

Und sie meinte es auch so. Denn nichts – absolut gar nichts – konnte sie davon abhalten, ihren lebenslangen Wunsch endlich in die Tat umzusetzen. Seit ihrem siebten Lebensjahr, als ihre Großtante Laddy zu Besuch gekommen war und Fotos von ihren diversen Reisen mitgebracht hatte, träumte Carly davon, die Welt zu sehen.

Es hatte viele Jahre gedauert, bis sie sich endlich in der Lage sah, sich ihren Traum zu erfüllen.

Zuerst war da ihr Lehramtsstudium in Cheyenne gewesen, wo sie jeden Pfennig dreimal umdrehen musste. Um zu sparen, hatte sie sogar bei Deanas Tante gewohnt, einer schrecklich nervigen alten Dame. Nach Ende ihrer Ausbildung war Carly nach Elk Creek zurückgekehrt, hatte das Fach Erdkunde unterrichtet und jeden Monat eine feste Summe für ihre Reise aufs Sparbuch gebracht. Das letzte Hindernis war ihre Beziehung zu Jeremy gewesen.

Jetzt lag all das hinter ihr. Sie hatte genug Geld gespart und sich für ein Jahr von der Schule beurlauben lassen. Der Zeitpunkt war gekommen, das Leben außerhalb von Elk Creek kennenzulernen.

Sie würde eine Frau von Welt werden.

„Ich will ja nicht für immer von hier fort“, versuchte sie ihre Freundin Deana zu trösten. „Ich will nur etwas Neues sehen und erleben, andere Menschen kennenlernen, einfach hinaus aus diesem Nest. Wer weiß, vielleicht bin ich schon nach kurzer Zeit krank vor Heimweh und komme zurück. Deshalb habe ich meinen Job nicht gekündigt und mein Haus nicht verkauft, sondern nur für ein Jahr vermietet.“

„Du wirst nicht zurückkommen, wenn wirklich alles so schön und aufregend ist, wie du es dir vorstellst.“

„Schön, selbst wenn es so wäre – was für einen Unterschied macht es für uns? Wir werden ständig telefonieren, wir können uns schreiben oder E-Mails schicken. Und es gibt nichts in Elk Creek, was dich davon abhalten könnte, mich dort zu besuchen, wo ich gerade bin.“

„Es ist etwas anderes, wenn man Tür an Tür lebt.“

Natürlich hatte ihre Freundin recht. Und Carly würde Deana schrecklich vermissen. Sie kannten sich seit ihrem vierten Lebensjahr. Damals war Deana mit ihrer Familie in das Nachbarhaus gezogen. Alles hatten sie gemeinsam erlebt, von den ersten Küssen bis hin zu den Begräbnissen ihrer Väter, die beide in einem Zeitraum von drei Monaten verstorben waren.

Carlys Abschied bedeutete, dass sie sich nicht mehr jeden Tag sahen und jedes Erlebnis, sei es auch noch so unbedeutend, miteinander teilen konnten. Keine nächtlichen Eiscremegelage mehr, wenn eine von ihnen nicht schlafen konnte und barfuß und im Schlafanzug über den Rasen gelaufen kam. Kein gegenseitiges Trösten am Ende eines schlimmen Tages. Kein Doppelrendezvous mehr. Keine Gesellschaft, wenn man sich einsam fühlte. Keine Popcornorgien am Samstagabend bei schnulzigen Liebesfilmen im Fernsehen. Keine spontanen Shoppingtouren oder Renovierungsaktionen, kein gemeinsamer gemütlicher Abend am Feuer, wenn draußen ein Schneesturm wütete. Die Trennung bedeutete, einfach nicht mehr da zu sein, wenn der andere einen brauchte.

Aber daran wollte Carly jetzt nicht denken. Stattdessen träumte sie von San Francisco und New York. Vom Altweibersommer in Vermont. Von den verschneiten Wäldern in Alaska, den Stränden von Hawaii. Von den ägyptischen Pyramiden, von London, Rom – und von Paris. Oh, wie gern würde sie den Eiffelturm sehen!

„Ich wünschte nur, du kämst mit.“ Carly seufzte abermals.

Deana schüttelte den Kopf. „Es gibt nichts, das ich in Elk Creek nicht auch finden könnte.“

„Was ist mit dem Herzallerliebsten?“, erinnerte Carly sie.

„Der wird schon irgendwann aufkreuzen“, erwiderte Deana überzeugt. „Und wenn es so weit ist, möchte ich nicht irgendwo anders sein und mir gerade Türme, olle Ruinen oder Pyramiden ansehen.“

So ähnlich sie sich auch waren, in einem unterschieden sie sich grundlegend: Deana war durch und durch heimatverbunden.

Und Carly eben nicht.

Zumindest wollte sie es nicht sein.

Sie erreichten Elk Creek. Deana steuerte den Wagen über die noch menschenleere Hauptstraße der Kleinstadt, vorbei an der alten Molner Villa, dem jetzigen ärztlichen Versorgungszentrum, wo auch Krankenschwester Tallie arbeitete.

Schließlich bog sie in die Einfahrt zu Carlys Haus ein. Deren Mutter hatte es ihr überschrieben, als sie nach dem Tod ihres Mannes zu ihren zwei unverheirateten Schwestern gezogen war.

Das geräumige zweigeschossige Holzhaus war in einem hübschen Gelb gestrichen, Fenster, Türen und Dachfirst waren weiß abgesetzt. Auf der großen, säulengestützten Veranda entdeckten sie einen Mann und ein kleines Mädchen.

„Du scheinst Besuch zu haben“, bemerkte Deana.

„Er sollte doch erst morgen Vormittag hier eintreffen!“ Carly stöhnte.

„Tja, aber er ist schon da.“

„Und ich sehe wahrscheinlich grässlich aus.“

Deana klappte die Sonnenblende an der Beifahrerseite hinunter, damit Carly vom Rücksitz aus einen Blick in den Spiegel werfen konnte.

Damit sie ihre widerspenstigen, schulterlangen rotbraunen Haare nicht immer im Gesicht hängen hatte, hatte sie sie zu einem Knoten gedreht und einen Bleistift hindurchgesteckt. Mittlerweile hatten sich jedoch viele Strähnen gelöst und standen ihr jetzt in alle Richtungen vom Kopf ab.

Von dem Rouge, das sie extra für die Party aufgelegt hatte, war nichts mehr übrig. Doch glücklicherweise hatte Carly einen etwas dunkleren Teint, sodass sie auch ohne Wangenrot nie ungesund wirkte. Ihr malvenfarbener Lippenstift gehörte ebenfalls der Vergangenheit an. Nur die langen Wimpern, die ihre rauchtopasfarbenen Augen rahmten, waren noch schwarz getuscht. Insgesamt aber machte Carly einen ziemlich mitgenommenen Eindruck.

„Nichts zu machen“, sagte sie seufzend zu ihrem Spiegelbild, als Deana den Wagen abstellte und ausstieg.

„Wenn Sie Carly Winters suchen, hier kommt sie“, rief die Freundin den beiden auf der Veranda zu. „Lassen Sie ihr einen Moment Zeit.“

Sie öffnete die hintere Tür und holte dann aus dem Kofferraum die Krücken, während Carly ans Ende der Sitzbank rutschte und dort wartete.

„Hallo“, begrüßte sie ihre Gäste lahm.

Der Mann hob die Hand und winkte zum Gruß.

„Wow!“ Staunend reichte Deana ihrer Freundin die Krücken und nickte dann vielsagend in Richtung des Mannes, um anzudeuten, dass ihm ihre Begeisterung galt.

Als wenn Carly das nicht erraten hätte!

Er war groß, mindestens einsfünfundachtzig, und sah eher wie ein Cowboy als wie ein praktischer Arzt aus.

Seine Haare waren hellbraun und kurz geschnitten. Sein attraktives Gesicht wies die für die McDermots typische Familienähnlichkeit auf, die Carly nur zu gut kannte, da seine Brüder in Elk Creek wohnten: hohe Wangenknochen, edel geformte Nase, markantes Kinn. Seine Lippen waren schmal und wirkten freundlich und ironisch zugleich und viel verführerischer, als Carly lieb war.

„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte er, als er Carlys Handicap erkannte. Mit langen Schritten kam er auf sie zu. Er sah aus, als hätte er mehr Zeit auf dem Rücken eines Pferdes verbracht als in einer Arztpraxis.

Er trug verwaschene Jeans und dazu ein knapp sitzendes weißes T-Shirt. Carlys Herz machte einen Satz beim Anblick seines breiten Oberkörpers und seiner muskulösen Arme.

„Ich schaffe es schon“, erwiderte sie und versuchte sich daran zu erinnern, was man ihr im Krankenhaus über die Handhabung der Krücken gesagt hatte.

„Sie müssen Baxter McDermot sein“, meinte sie, um Zeit zu gewinnen.

„Nennen Sie mich Bax“, bat er und nickte.

„Doktor McDermot“, sagte Deana kokett, was Carly ganz verlegen machte.

So sagte sie nur: „Ich bin Carly Winters, und das ist Deana Carlson.“

„Entschuldigen Sie bitte, dass ich schon so früh hier aufgetaucht bin. Wir sind ja aus Denver und hatten eigentlich für die Nacht ein Hotelzimmer gebucht, doch im Zimmer neben uns wurde offenbar gerade ein neuer Weltkrieg ausgetragen. Da bei dem Lärm an Schlaf nicht zu denken war, sind wir einfach weitergefahren.“

„Natürlich … Äh, es gibt hier nur ein winziges Problem“, sagte Carly und stützte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf die Krücken.

„Sie verlassen die Stadt noch nicht“, riet er mit einem Blick auf ihren bandagierten Fuß.

„Ich hatte gestern Abend leider einen kleinen Unfall und muss meine Reise verschieben, bis die Verletzung ausgeheilt ist.“

„Schon gut. Dann quartieren wir uns eben solange auf der Ranch ein“, schlug er freundlich vor.

Es wäre vielleicht einfacher gewesen, wenn er ärgerlich geworden wäre. Wenn er sie daran erinnert hätte, dass sie vertraglich festgelegt hatten, dass er heute in das Haus einziehen konnte.

Stattdessen war er ungemein nett und bot an, zu seinen Brüdern und seiner Schwester auf die Ranch zu ziehen, die sie vom Großvater übernommen hatten.

Carly wusste jedoch von dem Makler, der den Mietvertrag ausgearbeitet hatte, dass McDermot eben deshalb ihr Haus gemietet hatte, weil es so dicht an der Krankenstation lag. So konnte er ganz in der Nähe seiner kleinen Tochter sein, während er arbeitete. Die Ranch dagegen lag etwas abseits von Elk Creek auf dem Land.

„Hören Sie“, sagte sie. „Wir haben einen Vertrag abgeschlossen, und der gilt. Ab heute gehört Ihnen das Haus. Auf dem Grundstück befindet sich ein Cottage, das mein Vater einst als provisorisches Krankenzimmer gebaut hat. Ich werde dort wohnen, bis ich wieder laufen und meine Reise antreten kann. Ich müsste nur gelegentlich die Küche im Haupthaus benutzen.“

„Ich möchte Sie nicht vor die Tür setzen. Kann ich vielleicht in das Gästehaus ziehen?“

„Es bietet nur Platz für eine Person. Außerdem ist es ja nur für zwei oder drei Wochen. Es wird sogar einfacher für mich sein, da ich dort keine Treppen steigen muss.“

Er sah ihr forschend ins Gesicht und schien nach einem Zeichen zu suchen, dass sie tatsächlich meinte, was sie sagte.

„Wirklich, es macht mir nichts aus“, wiederholte sie beharrlich.

Schließlich willigte er ein. „Wenn Sie sicher sind …“

„Bin ich.“

„Okay. Großartig.“ Er lächelte, und dabei wurden die kleinen Grübchen links und rechts von seinen Mundwinkeln sichtbar. Carly war hingerissen von dem Anblick.

„Brauchst du mich noch?“, schaltete sich Deana plötzlich ein.

Erst in diesem Moment erinnerte sich Carly wieder an ihre Freundin. Bax McDermot hatte sie dermaßen in seinen Bann gezogen, dass sie Deana ganz vergessen hatte!

„Ich komme schon klar“, versicherte Carly ihr. „Danke, dass du mich nach Cheyenne gefahren hast, Dee.“

„War Ehrensache. Das Gleiche würdest du doch auch für mich tun. Jedenfalls wenn du hier bist“, erwiderte Deana vielsagend. „Ich komme heute Nachmittag vorbei. Falls du mich in der Zwischenzeit brauchst, dann schrei einfach.“

„Danke“, wiederholte Carly.

„Es war nett, Sie kennenzulernen“, sagte der neue Arzt zu Deana.

„Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite“, entgegnete sie und lächelte ihn an. Dann fuhr sie aus der Einfahrt hinaus und gleich in die nächste wieder hinein.

„Kurze Fahrt“, bemerkte Bax McDermot lachend. Seine Blicke folgten Deana, was bei Carly ein merkwürdiges Ziehen in der Brust verursachte.

Sie benötigte wirklich unbedingt etwas Schlaf. Die Müdigkeit machte sie reizbar.

„Lassen Sie uns hineingehen“, sagte sie resolut und unternahm unbeholfen die ersten Schritte auf den Krücken.

Um den Weg abzukürzen, wollte sie über den Rasen gehen, was sich als Fehler erwies. Sie geriet mit einer Krücke in einen Maulwurfshügel und stolperte prompt.

Bax McDermot konnte sie gerade noch rechtzeitig vor dem Fallen bewahren. Er legte den Arm um ihre Taille und stützte sie.

Carly spürte, dass ihr bei seiner Berührung ganz warm wurde.

„Tut mir leid“, entschuldigte sie sich hastig. Sie fühlte sich wie ein Idiot. „Ich habe noch nicht viel Übung mit diesen Dingern.“

„Auf festem Untergrund geht es einfacher.“

Bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte er sie auf seine starken Arme genommen und trug sie zur Veranda. Dort setzte er sie vorsichtig so ab, dass sie sich an einer der Säulen festhalten konnte.

Das alles war ziemlich schnell gegangen, und doch hatte Carly der kurze Körperkontakt völlig durcheinandergebracht.

Es dauerte einen Moment, bis sie sich wieder gefasst hatte und realisierte, dass er ihr gerade seine Tochter vorstellte.

„Das ist Evie Lee.“

„Evie Lee Lewis“, korrigierte das kleine, etwa sechsjährige Mädchen.

„Evie Lee McDermot steht in der Geburtsurkunde“, erklärte Bax. „Den Namen Lewis hat sie selbst vor ein paar Monaten hinzugefügt. Ich weiß nicht, wie sie auf die Idee gekommen ist.“

„Jeder Mensch sollte drei Namen haben“, erklärte das Mädchen. „Damit er sich von anderen unterscheidet.“

„Erscheint mir logisch“, stimmte Carly zu.

Evie Lee war ein süßes kleines Mädchen. Sie war zwar blond, sonst aber das Ebenbild ihres Vaters, einschließlich der wunderschönen grünen Augen. Noch ein paar Jahre, und die Jungs würden ihr in Scharen nachlaufen.

Mithilfe der Krücken bewegte sich Carly zur Haustür. Bax blieb dicht dahinter, um Carly im Notfall auffangen zu können.

„Die Tür ist offen“, sagte sie, als er darauf zu warten schien, dass sie einen Schlüssel aus der Tasche zog. „In Elk Creek ist es nicht nötig abzuschließen. Hier gibt es kaum Kriminalität, deshalb ist jeder sehr vertrauensselig.“

„Wie schön“, bemerkte er, als er erst das altmodische Fliegengitter und dann die schwere Eichentür mit dem ovalen Fenster in der Mitte öffnete.

Carly trat ein und blieb in der Diele am Fuße der Treppe zum Obergeschoss stehen. „Ich glaube, wir sind jetzt alle zu müde für eine ausführliche Begehung, deshalb sage ich Ihnen nur, wo Sie alles finden. Okay?“

„Gern.“

„Das große Schlafzimmer ist gleich links, wenn Sie die Treppe hochkommen. Daneben ist ein kleines, das Evie bestimmt gefällt. Es gehörte meiner Schwester und ist immer noch für ein kleines Mädchen eingerichtet. Die Betten sind frisch bezogen und die Schränke leer. Am anderen Ende des Flurs finden Sie weitere Schlafzimmer, ein Badezimmer und einen Wäscheschrank. Hier unten befindet sich die Küche, und dort drüben …“ Sie deutete mit dem Kopf über ihre rechte Schulter. „… ist das Wohnzimmer, an das sich das Esszimmer anschließt mit Zugang zur Küche. Außerdem gibt es hier ein zweites Bade- sowie ein Arbeitszimmer.“

„Im Moment brauchen wir nur ein Bett.“

„Ich auch. Zum Cottage gelangt man über die Terrasse. Falls Sie mich also brauchen …“ Sie deutete mit einer Krücke in die Richtung des Gästehauses.

„Soll ich Ihnen helfen, dort hinzukommen?“, fragte er.

„Nein, danke, es geht schon. Wirklich“, versicherte sie ihm. „Schlafen Sie gut“, fügte sie hinzu, bevor sie sich auf den Weg machte.

Carly spürte seinen Blick in ihrem Rücken und war froh, als sie endlich außer Sichtweite war.

Irgendwie breitete sich in ihr eine unerklärliche Wärme aus.

Das sind die seltsamen Nebenwirkungen einer schlaflosen Nacht, sagte sie sich.

Trotzdem hoffte sie, dass es kein Fehler gewesen war, Bax McDermot in ihrem Haus wohnen zu lassen, bevor sie tatsächlich ausgezogen war.

Denn egal, ob müde oder nicht, irgendetwas in ihr war hellwach und nahm zu viele Dinge an diesem Mann wahr.

Und das passte überhaupt nicht in Carlys Pläne.

2. KAPITEL

Für den Bruchteil einer Sekunde fühlte sich Bax beim Aufwachen in seine Vergangenheit als Assistenzarzt zurückversetzt, als eine Vierundzwanzig-Stunden-Schicht nichts Ungewöhnliches war und er zu jeder möglichen und unmöglichen Zeit und in irgendeinem leeren Bett ein Nickerchen machte.

Doch dieser Abschnitt seines Lebens lag weit hinter ihm. Jetzt befand er sich in Elk Creek, Wyoming, in dem Schlafzimmer des Hauses, das er gemietet hatte.

Carly Winters’ Haus.

Eine Woge der Zufriedenheit erfasste Bax.

Er war so froh, nicht mehr in der Großstadt zu sein!

Im Grunde seines Herzens war er ein Kleinstadtkind. War es immer gewesen. Nur lag die Stadt, in der er mit seinen Geschwistern aufgewachsen war, in Texas und nicht in Wyoming.

Es war aufregend gewesen, sie wegen seines Medizinstudiums zu verlassen. Noch aufregender war die Assistenzzeit in der Universitätsklinik von Denver gewesen. Aber in den letzten Jahren hatte sich Bax verändert, und er sehnte sich nach seiner Familie und nach dem ruhigen Leben in einer Kleinstadt. Für sich. Und für Evie Lee – vor allem für sie.

Leider war seine Tochter bisher viel zu kurz gekommen. Seine Frau war bei der Geburt gestorben und hatte Evie Lee als Halbwaise zurückgelassen. Und Bax selbst war seiner Tochter nicht immer ein guter Vater gewesen.

Nach dem Tod seiner geliebten Frau hatte er sich in die Arbeit gestürzt, um dem unerträglichen Schmerz zu entfliehen, und eine der größten Arztpraxen in Denver aufgebaut. Sechzig bis siebzig Stunden Arbeit in der Woche, Nacht- und Wochenenddienste waren an der Tagesordnung. Die Vaterschaft war an die zweite Stelle gerückt.

Evie Lee war in der Obhut ständig wechselnder Kindermädchen geblieben. Und nicht alle hatten sie gut behandelt.

Bax war nicht stolz auf sein Verhalten.

Aber er würde es wieder gutmachen – hier und jetzt!

Er schaute auf den Wecker. Drei Uhr am Samstagnachmittag. Ein neues Leben hatte für Evie Lee und ihn begonnen!

Bax gähnte, streckte sich und legte dann die Hände in den Nacken, um in aller Ruhe das Zimmer, das für ihn bestimmt war, zu betrachten.

Es war ausgestattet mit einem großen, metallenen Vier-Pfosten-Bett. Zu seinen Füßen stand ein Fernseher auf einem Tischchen. Rechts vom Bett befanden sich ein großer Kleiderschrank und eine Tür, die zweifellos ins Badezimmer führte.

Der ganze Raum war in freundlichen Beigetönen gehalten. Weiße Vorhänge aus einem weich fallenden Stoff umrahmten die großen Fenster zu beiden Seiten des Fernsehers.

Das Zimmer wirkte gemütlich, war funktionell eingerichtet und herrlich altmodisch.

Es gefiel ihm sehr.

Bax fragte sich, ob es wohl Carly Winters’ Schlafzimmer war. Nein, wahrscheinlich nicht, gab er sich selbst die Antwort. Es duftete nicht nach ihr.

Nicht, dass es überhaupt anders roch als sauber. Aber er wünschte irgendwie, er könnte dieses zarte Mandel- und Honigaroma wahrnehmen, das er an Carly wahrgenommen hatte, als er sie auf die Veranda getragen hatte.

Ein lieblicher Duft, der zu einer so hübschen Lady passt, dachte er. Nun ja, man hatte ihr die lange Nacht in der Ambulanz angesehen. Trotzdem war sie eine Frau, nach der sich bestimmt die Männer umdrehten.

Ihre Haare dufteten nicht nur gut, sondern waren auch weich und glänzend. Vorhin hätte er am liebsten diesen komischen Stift aus Carlys Knoten herausgezogen, damit diese Pracht in schmeichelnden Wellen auf ihre Schultern und um ihr Gesicht fallen konnte.

Ein Gesicht mit makelloser Haut.

Zartrosa, perfekt geschwungene, sinnliche Lippen, auch ohne Lippenstift unglaublich verführerisch. Auf ihrer kleinen Stupsnase hatte Bax einige Sommersprossen entdeckt, die ihm gewiss entgangen wären, wenn sie ihm nicht so nah gewesen wäre.

Schön geschwungene Brauen und lange, dichte Wimpern betonten die ungewöhnlich großen Augen. Sie waren hellbraun mit kleinen goldenen Pünktchen darin und schimmerten wie geschliffene Topase.

Auch Carly Winters’ Körper konnte man nicht einfach ignorieren: klein, zierlich – auf seinen Armen hatte sie fast nichts gewogen –, doch wohlgeformt und mit herrlichen, festen Brüsten.

Oh ja, sie war schön. Sehr schön …

Merkwürdig, dass er sich jede kleine Einzelheit von ihrem Äußeren so bildlich ins Gedächtnis rufen konnte.

An die andere Frau, ihre Freundin, konnte sich Bax nämlich nur noch dunkel erinnern. Wahrscheinlich würde er sie nicht einmal auf der Straße wieder erkennen. Und ihr Name war ihm auch entfallen.

Doch Carly Winters sah er klar vor sich.