Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Auf Baltrum, in einem Schreibseminar haben sie sich kennen und schätzen gelernt. Wie in ihren ersten drei Bänden finden Sie in diesem Band eine gelungene Sammlung an Kurzgeschichten und Gedichten. Diesmal erzählen die Freunde in ihren immer wieder überraschenden Geschichten über die Nacht und ihre Besonderheiten. Ein weiteres Buch gegen Langeweile.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Nachtgeschichten
Andreas Berg, Anja Brokate, Martina Raguse, Eva Greif,
Ruth Esten-Montnacher, Nadejda Stoilova, Kathrin Thiemann
Buchbeschreibung:
Sie halten den vierten Band der Freunde in den Händen. Auf Baltrum, in einem Schreibseminar haben sie sich kennen und schätzen gelernt. Diesmal erzählen sie in ihren stets wieder überraschenden Geschichten über die Nacht und ihre Besonderheiten. Ein weiteres Buch gegen Langeweile.
Die Autor*innen:
Andreas Berg, Anja Brokate, Martina Raguse, Eva Greif, Ruth Esten-Montnacher, Nadejda Stoilova, Kathrin Thiemann
Impressum
© 2024 Baltrum Verlag GbR
BV 2431 – Nachtgeschichten
Umschlaggestaltung: Baltrum Verlag GbR
Lektorat, Korrektorat: Baltrum Verlag GbR, Hans Jörg Springer
Herausgeber: Baltrum Verlag GbR
Verlag: Baltrum Verlag GbR, Weststraße 5, 67454 Haßloch
Internet: www.baltrum-verlag.de
E-Mail an [email protected]
Druck: Epubli
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Nachtgeschichten
Andreas Berg, Anja Brokate, Martina Raguse, Eva Greif, Ruth Esten-Montnacher, Nadejda Stoilova, Kathrin Thiemann
Baltrum Verlag
Weststraße 5
67454 Haßloch
Schaflos
Eva Greif
»Ich habe wohl das große Los gezogen! Verdammt, ich kann nicht schlafen. Schon wieder.« Müde tappe ich in der Wohnung umher. Den Fernseher habe ich an- und wieder ausgeschaltet. Die Musik beruhigte mich auch nicht. Es ist schon wieder nach Mitternacht und ich geistere immer noch umher. Die warme Milch mit Honig hat geschmeckt, aber nichts gebracht. Spätestens um 22 Uhr bin ich wieder aus dem Bett gestiegen. Zunächst verlief der Abend ruhig und ich war zuversichtlich, dass es heute Abend klappen wird mit dem Einschlafen.
Waschen, Zähne putzen, eincremen, Klo, Nachtzeug anziehen. Kuscheliges aus Flanell und nicht zu warm.
Ich habe auf warme Füße geachtet.
Ich habe rechtzeitig gegessen und auch nur eine Kleinigkeit.
Das Bettzeug ist aufgeschüttelt, das Laken straff gespannt. Das mache ich morgens, damit ich abends gleich ins Bett steigen kann. Die Daunen sollen leicht und locker bleiben. Abends will ich nur noch die Decke aufschlagen und darunter schlüpfen. Dann senkt sie sich herrlich leicht auf meinen Körper und hüllt mich wie eine Wolke ein. Das Kissen duftet nach Lavendel. Mein Kopf mag das Einsinken und das Hochklappen der Kissenzipfel. Mein Bett ist so bequem.
Das Fenster habe ich vorhin geschlossen, so dass die Geräusche aus der Nachbarschaft nicht stören, falls Henri wieder mal von seiner Feuerwehrtruppe nach Hause kommt. Oder Claudias Wagen auf ihrer Kieseinfahrt knirscht und die Tür zuschmeißt. Oder wenn an der Ecke Opas Hund bellt, auf seiner letzten Gassi-Runde. Oder Kevin voll mit Testosteron vom Sport die Haustür öffnet und entsprechend schließt. Oder Lilli stöhnt und seufzt mit ihrem neuen Freund. – Ach, ja, das wäre auch mal wieder schön, Sex als Einschlafhilfe. – Oder wenn Herr Rudolf seinen Fernseher laut weiterlaufen lässt, weil er schwer hört und im Sessel eingeschlafen ist. Ich beneide ihn, diesen Stiesel. Oder wenn die Jugendlichen mal wieder an der Haustür quatschen müssen. Oder wenn einer zu schnell durch unsere 30er Zone fährt.
Alles ist ruhig.
Ich habe die Gardinen, bevor ich ins Badezimmer ging, fest zugezogen. Kein Lichtstrahl der Straßenlaterne dringt herein. Kein Scheinwerferlicht strahlt zu mir ins Zimmer des Obergeschosses. Auch der Mond, heute nur ein zunehmender halber, scheint nicht herein. Meinen Digitalwecker habe ich auf seine Leuchtanzeigeseite gelegt. Die Tür ist ordentlich geschlossen. Fast alle Stecker sind gezogen. Das Nachttischlämpchen ist ausgeknipst, meine letzte Handlung, bevor mein Arm unter der Decke verschwindet. Ich gähne, weil ich wirklich müde bin. Ich drehe mich seufzend auf die rechte Seite.
Ein kurzer Gedanke sagt mir: »Ich habe alles richtig gemacht.« Mein Atem wird gleichmäßiger und meine Augenlider senken sich langsam. Nichts stört.
Doch da, die Augen gehen schlagartig auf. Ein Starren in die Dunkelheit. Mein Herz klopft heftig und alles, was mich berührt, nehme ich ganz deutlich wahr. Wenn ich die Ohren drehen könnte, wie ein Pferd, dann würde ich es jetzt tun. Ich muss auf der Hut sein. Ich kann nichts entdecken, dass mich aufschrecken ließ. Die Dunkelheit wird mit den Augen von den Schatten geteilt. Die Stille hört sich vertraut an.
Im Bett behalte ich meine Position bei und atme gleichmäßig ein und aus, lasse nicht zu viel Sauerstoff in die Lungen. Wenn das nicht hilft, beginne ich mit einem stummen Mantra und lasse es im Kopf gefühlte tausendmal entstehen. Auf die Uhr mag ich nicht schauen.
Es ist zu spät. Mit meiner Erschöpfung kommt die Übermüdigkeit, aber ich kann nicht wieder einschlafen. Es ist wieder Zeit aufzustehen, durchs Haus zu wandern. Was soll ich noch tun, damit ich einschlafen kann? Das Gehirn blockiert den Körper. Die Gedanken kreisen nur noch um das Nicht-Einschlafen-Können. Gerade jetzt bin ich hellwach. So sollte ich mich tagsüber fühlen.
Eine Wut steigt in mir auf. Alles ist lästig und ärgerlich. Dies befeuert meine elende Wachheit und Rastlosigkeit. Ich sitze, stehe, gehe, lege mich irgendwann wieder ins Bett. Die Nacht schreitet voran. Jetzt beginnt die Drehphase. Alle paar Minuten wechsle ich im Bett die Position und die Gedankengänge. Die Ratgeber und Schlaftherapeuten haben gut reden:
»Den Tag achtsam ausklingen lassen.«
»Von der kühlen, hellen Welt des Tages zur wohlig, geheimnisvollen Sphäre der Nacht übergehen.« – Hilf, bitte hilf, poetisches Gesäusel?
»Bewusst Abstand zum Alltag gewinnen.« – Das hier ist mein Alltag!
»Entspannt die Schwelle zwischen Tag und Nacht überschreiten.«
»Herunterfahren.«
»Die Anspannung ablegen.« – Welche denn gleich?
»Noch einmal von vorn beginnen.«
»Zählen.« – Oh, wie altmodisch, aber ...
Warum geht es nicht mehr mit den süßen Schafen? Wie früher. Ist es zu profan mit dem Schäfchenzählen? Ich stelle mir also eine Weide vor. Sie ist groß, fest und grün. Vor mir liegt eine leicht gewellte, sehr weite Landschaft. Das Gras wogt leicht im Wind. Es werden hunderte Schafe dort weiden. Ich werde sie von rechts nach links treiben. Und dabei werde ich sie alle zählen, bis ich endlich eingeschlafen bin. Weiß, wollig, zahm.
Aber: kein Schaf zu sehen. Das Gatter steht offen. Oh, je, alle weg! Ich habe Panik. Nein, bitte nicht! Ich erschrecke mich zutiefst. Wie furchtbar! Wie soll ich jetzt einschlafen? Ich bin schaflos und die Nacht ist noch so lang! So lang. Doch: Just in diesem Moment verurteilt mich der Wecker dazu, in den Tag zu gehen.
Aufwachen.
Das Pendel schwingt
Andreas Berg
»Hello Darkness, my old friend. I’ve come to talk with you again.« Schwer lastete die dunkle Stimme des Sängers auf dem Raum. Der Zigarettenrauch bewegte sich im Rhythmus des Basses. Uwe wollte einen Schluck Rum trinken, aber das Glas war leer. Leer, wie die andere Seite des Bettes. Leer, wie der Raum daneben, den er nie mit Dinosauriern tapeziert hatte. Leer, wie sein Kopf.
Er sah zur Uhr, es war fünf. Bald würde es hell werden. Zuerst würden die Vögel anfangen zu zwitschern, das war noch erträglich. Danach begann das Gewusel, das Gerede, das Lachen, das Herumlaufen. Überall Menschen. Jedes Hallo eine eigene Hölle. Nachts ging es ihm auch scheiße, aber die Nacht gehörte wenigstens ihm.
Die Musik verklang. Er öffnete die Schublade des Couchtischs, darin befand sich das Buch 'Besseres Fühlen' und ein Revolver. Er nahm die Waffe und sah in die Trommel. Sie enthielt eine Patrone. Vielleicht würde er heute Glück haben. Er entsicherte die Waffe, drehte die Trommel und presste den Lauf unter sein Kinn. Er drückte ab. Klick.
Er ließ die Waffe sinken und den Kopf gegen die Lehne fallen. Die Decke war schmutzig – wie immer. Einen Moment starrte er sie an und ergab sich dem dunklen Nebel in seinem Kopf. Der waberte bis in die letzte Hirnwindung, erfasste jede Zelle. Dann wuchs er über den Schädel hinaus. Er legte sich um seine Schultern, fiel auf den Oberkörper wie ein schwerer Wintermantel. Dort wurde er enger und enger, bis er ihm den Atem abschnürte. Wie finsteres Wasser in einem Tümpel füllte die Dunkelheit den Raum aus und Uwe sank immer tiefer, einem Grund zu, den er nicht fühlen konnte.
In seiner Brust gab es noch ein kleines Licht. Der Nebel schloss es fest ein, kein Schimmer drang nach draußen. Das Licht glitt die Lunge entlang. Es spürte den schneller werdenden Rhythmus des Herzens, wie es unter dem starken Druck ächzte. Es sank tiefer bis zum Zwerchfell, stieß es an, bis es begann, sich auszudehnen und Luft in die Lunge zu ziehen. Immer mehr, bis der tiefe Atemzug den Ring um die Brust sprengte. Langsam entwich die Luft wieder aus der Lunge. Einen Flügelschlag lang hielt Uwe die Luft an, spürte, wie das Licht in ihm durch den Nebel dämmerte. Er atmete abermals tief ein und aus. Der Schweiß trocknete langsam auf seiner Haut. Er klatschte sich mit den Händen auf die Oberschenkel und legte den Revolver zurück in den Couchtisch. Dann stand er auf und schlurfte ins Bett. Wo er erschöpft in einen traumlosen Schlaf fiel.
Uwe wusste es nicht, aber egal, wie schlecht es ihm geht, es gibt immer jemanden, der den Schlagbolzen entfernt.
Vollmond-Lilien
Kathrin Thiemann
Er schlug die Decke weg, rollte sich auf die Seite und ließ seine Beine nach außen gleiten. Mühsam richtete er sich auf, bis er an der Bettkante saß. Mit der Fernbedienung, die glücklicherweise in Reichweite lag, fuhr er das Bett so weit herunter, dass er seine Füße in die Pantoffeln schieben konnte. Er nahm einen winzigen Schluck Wasser aus dem Glas, das auf dem Nachtschränkchen stand und schluckte ihn mühsam durch den schmerzenden Hals hinunter.
Er seufzte. Es war fast taghell im Zimmer. Der Vollmond stand tief über dem Horizont und leuchtete ihm direkt ins Gesicht. War er davon wach geworden? Hatte er überhaupt geschlafen?
Wieder seufzte er. Seine Kräfte schwanden, er spürte es. Der Schmerz hatte ihn in den letzten Tagen nicht mehr verlassen, wenn er auch im Moment nur schwach spürbar war.
Immer wieder wurde er gefragt:
„Auf einer Schmerzskala von null bis zehn, wobei null gar kein Schmerz ist und zehn so schlimm, dass Sie deswegen vom Dach springen würden, wie stark sind ihre Schmerzen jetzt gerade?“
„Drei“, würde er antworten, wenn er jetzt gefragt würde. „Es ist nicht weiter schlimm. Erträglich“, würde er sagen.
Aber er war immer da, der Schmerz. Er wusste nicht, woher er kam. Niemand wusste, woher er kam, da er so untypisch war für seine Situation. Aber drei bedeutete, dass niemand etwas dagegen tun musste, drei fiel unter erträglich.
Er seufzte erneut. Er konnte nicht mehr und eigentlich wollte er auch nicht mehr. Am liebsten hätte er sich die Decke über den Kopf gezogen und wäre einfach verschwunden.
Der Himmel war klar und der Vollmond erschien ihm größer als sonst. Ihm fiel auf, dass sein Wecker sogar einen Schatten warf, einen Mondschatten. Was für ein schönes Wort – Mondschatten!
Eigentlich waren alle hier wirklich nett. Vor seiner Aufnahme in diesem Hospiz hatte er gedacht, er würde zum Sterben hierhin abgeschoben und hatte sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. Aber Anita hatte gesagt, dass sie nicht mehr weiterwüsste, ihm nicht mehr helfen könne. Sie kenne sich als Sekretärin schließlich nicht aus mit Krankheiten und Schmerzen. Sie wollte bloß seine Ehefrau sein. Doch seine ständige Übelkeit und das wiederholte Übergeben hatte sie überfordert. Ihn hatte es auch überfordert, es war schrecklich gewesen. Das Leben war in heftigen Wellen aus ihm heraus gewichen. Sollte das Ende nun gekommen sein?
Eigentlich hatte er trotz seiner Krankheit noch nicht damit gerechnet. Genauer gesagt, sein Verstand hatte noch nicht damit gerechnet. Wie würde alles sein, ohne ihn? Wie sollte es sich für ihn anfühlen, wenn er nicht mehr da war? Wo war sein Ich dann? Ganz weg? An dieser Stelle hörten seine Gedanken immer auf.
Ob er vielleicht auch eine Art Mondschatten sein würde? Ob er bei Anita auf dem Nachtschränkchen einmal so auftauchen könnte?
„Jetzt fange ich an zu spinnen“, sagte er laut zu sich selbst.
Schon vor 25 Jahren hatte er sich eine Zeitlang ähnliche Fragen gestellt, als seine Tochter im Sterben lag. Sie wurde nur vierzehn Jahre alt, länger hatte ihr Herz nicht gehalten, das von Anfang an seine Mühe mit ihrem Kinderleben hatte. Doch eines Tages verlor er sie tatsächlich, er hatte sie nicht halten können und musste lernen, mit dem Verlust zu leben. Seitdem hatte er manches Mal nachts am Fenster gestanden und sich vorgestellt, dass sie dort oben auf dem Mond sei und auf ihn hinunterblickte. Es war stets ein tröstlicher Gedanke gewesen.
Nun war er derjenige, der gehen musste. Sich selbst zu verlieren, wie sollte sich das anfühlen?
Sie hatten ihm hier so viel geholfen und waren stets freundlich. Ab und zu hatten sie sogar Zeit für ein Gespräch mit ihm. Das hatte er im Krankenhaus nie so erlebt. Die Ärztin hatte es geschafft, ihm die Übelkeit zu nehmen, die Krankenschwestern ihn dabei unterstützt. Die lebendige und freundlich zugewandte Pfarrerin kam ab und zu und unterhielt sich mit ihm sehr ernsthaft über das ‚Sich-selbst-Verlieren‘, ohne ihn mit frommen Phrasen beruhigen zu wollen. Die Physiotherapeutin legte täglich ihre wohltuend warmen Hände an ihn.
Und dann gab es noch die Kunsttherapeutin, die es tatsächlich geschafft hatte, ihn zum Malen zu bewegen. Ihn! Mit Buntstiften hatte er gemalt! Das hatte er als Kind zuletzt getan. Sie hatte ihn über das Papier geleitet, ohne zu führen, und aufgegriffen, was sein Stift tun wollte. Er war sich dabei wider Erwarten nicht kindisch vorgekommen, sondern es war bereichernd gewesen. Die rosaroten Lilien hatte sein Stift fast ohne Absicht gezeichnet. Er fand sie gelungen.
Nun hing dieses Bild gegenüber seines Bettes an der Pinnwand und gefiel ihm. Wie intensiv die Lilien im blau-kühlen Mondlicht aussahen!
