Nachtlichter - Ursula Schray - E-Book

Nachtlichter E-Book

Ursula Schray

0,0
0,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Sehr unterhaltende wahre Begebenheiten, wie sie fast jeder in der Nachkriegszeit erlebt haben könnte. Sie erzählen von einer armen, strengend Jugend, die erst nach und nach in eine bessere Zeit hineinwächst, von welcher sie bis dahin keine Ahnung hatte. Die Geschichten beschreiben alle Facetten dieser heranwachsenden Generation und ihrer Erzieher bis zum heutigen Wohlstand.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 91

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ursula Schray

Nachtlichter

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Tante Irma - 1943

Erntetag

Der verdorbene Sonntag

Ungute Zeit - 1946

Aufsichtspflicht

Bürogeheimnisse

Herr Gassmann

Die Schweizertante

Alles macht was

Freunde

Fröhliche Weihnachten

Der Herr Major

Sciopero

Kundendienst

Auf grosser Reise

Impressum neobooks

Tante Irma - 1943

Erinnern kann ich mich nicht an sie, denn ich war erst drei Jahre alt als ich sie kennenlernte. Alles, was ich jetzt erzähle, weiss ich von meiner Mutter.

Wir wohnten bei meiner Großmutter auf dem Land, mein Vater war im Krieg bei der Luftwaffe und so zog meine Mutter zu ihrer Mutter, die eine Landwirtschaft betrieb und Witwe war, mit mir in ihr Bauernhaus. Es war eine schlechte Zeit und trotz Krieg mussten wir wie viele andere Menschen keinen Hunger leiden, denn die Landwirtschaft meiner Grossmutter ernährte uns. Im Stall standen vier Kühe, im Garten - durch einen Zaun abgetrennt - liefen Hühner herum und hinter dem Schopf gab es einen Hasenstall. Auf ihren Äckern wuchsen Kartoffeln, Getreide und Rüben. Auch hatte sie einige Obstwiesen mit Kirschen, Äpfeln und Birnen.

Das musste alles gepflegt und bearbeitet werden und daher wurde ich oft alleine gelassen, vor allem, wenn es kalt war oder schlechtes Wetter und man mich nicht mit aufs Feld nehmen konnte. Eine Nachbarin, die „Lutze-Ahne“, passte dann auf mich auf.

Aber eines Tages bin ich ihr einfach ausgebüchst und rannte davon. Da sie schon etwas gebrechlich war, konnte sie mich aber nicht wieder einfangen. Als gegen Mittag meine Mutter von der Feldarbeit heimkam, um das Mittagessen vorzubereiten, suchte sie verzweifelt überall nach mir. Als sie mich nirgends fand, ging sie in ihrer Verzweiflung noch in den Kindergarten, wo sie mich schlussendlich ganz versteckt zwischen den anderen Kindern sitzen sah.

Ab da durfte ich jeden Tag in den Kindergarten, denn Tante Irma, die Kindergärtnerin, hatte nichts dagegen, mich schon so früh aufzunehmen.Tante Irma war von Reutlingen und fuhr mit dem Zug bis Metzingen und von da musste sie dann zu Fuss in unser Dorf, und denselben Weg am Abend wieder zurückgehen.

Unser Bauernhaus stand direkt an der Hauptstrasse am Ortsausgang Richtung Metzingen. Tante Irma musste also immer an unserem Haus vorbei, sodass sie mich auf ihrem Nachhauseweg meist mitnahm und an unserer Haustüre ablieferte. Meine Mutter und Großmutter wussten mich ab da gut aufgehoben und wollten sich dafür erkenntlich zeigen. Meine Großmutter füllte nach dem abendlichen Melken ihrer Kühe eine Kanne Milch extra ab, um sie Tante Irma mitzugeben. Erst wollte meine Kindergärtnerin die Milch nicht annehmen, doch meine Großmutter bestand darauf, und so kam jeden Abend Tante Irma zu uns um ihre Milch abzuholen. Manchmal rief Großmutter Tante Irma in die Küche herein, wenn die Milch noch abgeseiht werden musste. So entstand zwischen den Frauern mit der Zeit ein vertrautes Verhältnis.

Einmal kam Tante Irma dazu, als uns der Postbote ein Paket aus der Schweiz brachte. Es kostete aber 3 DM Nachporto. Geld war bei uns äusserst knapp, wir hatten selten welches im Haus, und an diesem Tag nicht einmal drei DM. So musste das Paket wieder zurückgeschickt werden. Wenn der Tierarzt oder sonst etwas Dringendes gebraucht wurde, bezahlte meine Großmutter mit einer Flasche Schnaps, für die bekam sie so ziemlich alles. Schnaps war unser Kapital, davon hatten wir immer ein paar Flaschen im Haus. Wenn er ausging, brannte Großmutter wieder welchen.

Das wusste aber Tante Irma nicht, denn Schnapsbrennen war ja verboten. Mit der Zeit merkte Tante Irma, dass wir wirklich kein Geld hatten und wollte wissen, warum. Meine Großmutter wäre doch Witwe, ob sie denn keine Witwenrente erhielte. Sie bekam aber keine Witwenrente, weil ihr Mann im 1. Weltkrieg an Lungenentzündung, und nicht an einer Kriegsverletzung, starb. Das erklärte sie Tante Irma. Ausserdem wäre das ja schon ewig her.

Doch die Sache liess meiner Kindergärtnerin keine Ruhe und sie erzählte das zu Hause ihrem Vater, der Rechtsanwalt war. Dieser nahm dann die Sache in die Hand und sorgte dafür, dass meine Großmutter als Kriegerwitwe anerkannt wurde.

Auf sein Betreiben bekam sie im Alter dann doch noch eine kleine Rente und musste keinen Schnaps mehr brennen. Wenn ich mich recht erinnere, sagte meine Mutter noch, die letzte Flasche hätte Tante Irma für ihren Vater bekommen.

Erntetag

Meine Grossmutter väterlicherseits wohnte in Metzingen und hatte einen Hutladen. Ich lernte sie mit fünf Jahren kennen. Damals wohnte ich bei meiner anderen Grossmutter, einer Bäuerin, in dem nächst gelegenen Dorf, etwa vier Km von Metzingen entfernt.

Mein Vater war seit einigen Wochen vom Krieg zurück und wohnte jetzt auch mit uns im Bauernhaus meiner Grossmutter. Doch alles wurde anders. Ich wusste gar nicht warum. Plötzlich sollte ich nicht mehr tun was mein Döte, sondern was mein Vater sagte, der aber völlig andere Ansichten hatte und alle nur durcheinander brachte. Mein Döte – der Bruder meiner Mutter – war immer Derjenige der alles konnte und wusste. Dem folgte ich und den kannte ich. Aber meinen Vater? An ihn kann ich mich nur einmal erinnern, wie er im Schopf stand und einem Hasen das Fell abzog. Aber jetzt blieb er anscheinend für immer da, und wenn er mir irgendeine Anweisung gab, fragte ich erst meine Grossmutter oder meinen Döte, wenn er da war, ob ich das machen soll.

Da die Getreideernte anstand, meinte mein Vater, ich müsse an diesem Tag dann zu seiner Mutter, denn ich würde ja allen nur im Weg stehen, und brachte mich schon frühmorgens auf seinem Fahrrad zu ihr nach Metzingen.

Die Oma wohnte in einem schönen Haus mit grossem Garten, im oberen Stock wohne eine Frau Mangold, wie sie sagte. Nachdem mein Vater mich abgeliefert hatte, machte sie mir erstmal ein Frühstück mit heisser Milch und einer Scheibe Brot. Wie gewohnt tauchte ich das Brot in die Milch, aber die Oma sagte, bei ihr würde nicht eingetunkt, so würde man nicht essen. Und ausserdem würde ich schmatzen.

Nach einer Weile klopfte es an die Küchentüre und eine Frau kam herein um sich was von Oma auszuleihen. Da ich die Frau ja noch nie gesehen habe, fragte ich sie: „Bist Du die Frau Mangold?“ worauf die Oma sagte, als diese wieder gegangen war, ich könne doch nicht einfach Du zu den Leuten sagen, was ich denn für Manieren hätte.

Ich fühlte mich gar nicht wohl und sagte zu Oma, ich würde jetzt mal die Nachbarin besuchen. Ja was ich denn bei der wollte, fragte sie. „Schauen, was sie zum Mittagessen kocht“, antwortete ich. „Ja du kannst hier doch nicht einfach zu der Nachbarin gehen, und fragen, was sie kocht, was hast du denn bloss für Ideen!“ rief sie entsetzt.

Bei uns konnte ich immer zur Berta, unserer Nachbarin gehen und schauen, was sie zum Mittagessen kocht. Wenn es Waffeln gab, durfte ich dableiben und mitessen, und auch zu unseren anderen Nachbarn konnte ich jederzeit kommen, aber hier anscheinend nicht. Überhaupt, warum ging sie denn nicht in ihren Hutladen und blieb zu Hause, dort wäre es bestimmt interessanter gewesen als in ihrer Küche, wo sie mich auf Schritt und Tritt beobachtet, dachte ich.

Da ich ihr nichts recht machen konnte, wollte ich so schnell wie möglich wieder heim, und sagte, dann würde ich jetzt mal den Garten anschauen und schlich mich hinaus.

Sicher war bald Mittagszeit, ich könnte bis zur Hauptstrasse vorlaufen und dann mit dem Thedl heimfahren. Der Thedl hatte eine Transportfirma, er fuhr täglich mit seinem Pferdefuhrwerk Holz und andere Güter nach Metzingen die er aber gegen Mittag meist abgeladen hatte und dann leer wieder zurückfuhr. Immer wenn er mich sah, hielt er an und ich durfte aufsitzen.

Ich rannte so schnell ich konnte raus aus dem Garten und vor zur Hauptstrasse, die aber gar nicht so belebt war wie sonst. Auch keine Fabrikarbeiter mit ihren Fahrrädern fuhren heim, wo einer mich hätte mitnehmen können. Sie werden schon noch kommen und mich einholen, dachte ich, und marschierte schon mal los. Aber es kam keiner, die Strasse blieb die ganze Zeit fast leer und als ich im Dorf ankam, ging ich gleich weiter bis ins Schlatt, wo die Getreideernte stattfand.

Als erster sah mich mein Vater. Er warf seinen Rechen weg und kam erbost auf mich zu. Jetzt sahen mich auch mein Döte und die Anderen. „Der gehört jetzt mal tüchtig der Frack versohlt“ rief mein Vater, aber da war schon mein Döte bei ihm und sagte, hier würde niemand geschlagen und im übrigen müsse auch keiner auf mich während der Ernte aufpassen, ich wäre immer dabeigewesen. Darauf schwang sich mein Vater auf sein Fahrrad und fuhr davon. Als ich meinen Döte fragte, wo der denn jetzt hinfahren würde, sagte er, nach Metzingen, um der Oma Bescheid zu sagen. Und als ich ihn fragte, ob er wüsste, wieso der Thedl heute nicht fahren würde, sagte er, weil heute ein Feiertag wäre.

Deshalb ging die Oma nicht in ihr Hutgeschäft und war auch die Strasse so leer. Ich hatte keine Ahnung, was das für ein Feiertag war, jedenfalls kein schöner.

Das erste Mal, dass mir der Erntetag nicht gefiel, und ich wollte auch nicht wie sonst oben auf dem Garbenwagen sitzend am Abend heimfahren.

Der verdorbene Sonntag

Wir wohnten nun schon eine ganze Weile im Elternhaus meines Vaters in der Stadt, 3 oder 4 Kilometer von dem Dorf entfernt, wo ich während dem Krieg bei meiner Großmutter aufgewachsen bin.

Ich ging inzwischen in die zweite oder dritte Grundschulklasse, Spielkameraden hatte ich keine und auch sonntags gab es ausser dem üblichen Spaziergang so gut wie keine keine Abwechslung.

An einem verregneten Sonntag, ich weiss noch, es war schon Herbst, war es mir ziemlich langweilig und so beschloss ich, mal wieder meine Großmutter im nächsten Dorf zu besuchen. Bevor ich am Nachmittag losging, sagte meine Mutter: „Vergiss nicht die Leute schön zu grüßen!“

Auf dem Land sagte man zu allen, an denen man vorbeiging, „Grüß Gott“, aber in der Stadt sagte man das nur zu den nächsten Nachbarn. Da es ein trüber Tag war, begegnete mir auf der ganzen Strecke niemand den ich zu grüssen gehabt hätte. Aber als ich bereits drei Häuser vor Großmutters Bauernhaus ankam, sah ich – wie in all den vergangenen Jahren – Herrn Etter am Fenster sitzen, den ich dann freundlich grüßte. Er lachte, grüßte zurück und winkte mir, ich solle hereinkommen, dabei deutete er auf seine Haustüre.