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Im Mittelpunkt dieses autobiografischen Textes steht der Tod der Mutter des Autors. Aber wie davon sprechen und wie darüber schreiben? Die allgemeine Sprachlosigkeit im Angesicht des Todes muss überwunden, eine Sprache, die den Tod beschreibbar macht, erst einmal gefunden werden. Und so setzt die Familie der Tapferkeit und Stärke der Mutter das eigene Bestehen des Alltags entgegen, begegnet sie der Schwierigkeit, über ihren Tod zu sprechen, nicht zuletzt mit Ironie und einem Rückgriff auf familieneigene Erinnerungen und Redensarten, die dem Text eine ganz persönliche Färbung verleihen. Durch den eigenen Schmerz hindurch richtet sich der unverstellte Blick des Autors auf den Vorgang des Sterbens selbst, ruft er sich die letzten Tage und Stunden immer wieder in Erinnerung. Akribisch, beharrlich und in immer neuen Anläufen umkreist er den zentralen Moment des Todes und rückt so die Frage nach der Beschreibbarkeit selbst ins Zentrum der Auferksamkeit. Schonungslos offen, klar und konsequent entwickelt sich der Text zur ungeschminkten Beschreibung eines zu Ende gehenden Lebens.
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Seitenzahl: 188
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Martin Pichler
NACHTREISE
© 2005
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
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ISBN 978-3-7099-7700-2
Umschlag: Benno Peter
Satz: Haymon-Verlag
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Für Schwester Maria Ancilla Wieser
Da sie das Licht unter der Türritze sah, kam sie vom anderen Ende des Hauses aus ihrem Krankenzimmer. Ihr Haar musste während der Krankheit geschnitten werden, und das machte ihre Augen fast fremd. Oder nein, die Kürze ihres Haars machte nur die Botschaft lesbarer: Mein Sohn, dies ist der Tod.
Ich zog es vor, diesen Text nicht zu lesen.
Saul Bellow: Herzog
I.
Leichenfledderer, sagt mein Vater. Totengräber. Am Abend rufen sie an, wollen wissen, wie weit es schon ist. Das ist kein Mitgefühl, erklärt mein Vater. Diese Sensationslust, dieses makabre Interesse. Sie bohren nach, lassen sich nicht abfertigen mit schnellen Auskünften. Mein Vater verwehrt ihnen das Besuchsrecht: Nein, sie ist zu schwach, das strengt sie nur an! Ich werde die Grüße ausrichten.
Das kannst du so nicht schreiben, sagt mein Vater zu mir. Er hält die Manuskriptzettel in der Hand, zuerst hat er noch gelacht, wie auch meine Mutter beim Lesen: Ja, so sage ich immer! Die Wirbelwinder. Dass ich ihr in mancher Sprachnot nützliches Behelfswort zu einer solchen Wichtigkeit erhoben habe, amüsiert sie. Wie eine Umkehrung: Das Alltäglichste wird, einmal zu Papier gebracht, zum Besonderen. Nach der zweiten Seite lacht mein Vater nicht mehr: Es geht um den Urin meiner Mutter, das Blut, die Wunde. So genau müssen die Leute das nicht wissen, ruft er entrüstet aus. Damit sie noch mehr zu reden haben über uns. Meine Mutter winkt ab: Aber es war doch so, genau so und nicht anders. Das ist nun einmal die Wahrheit!, entschuldigt sie, setzt Beweise hinzu, die Zahlen, die Werte. Etwas nach außen tragen, sagt mein Vater mit größter Missbilligung. Meine Mutter gibt die Wahrheit frei, ich darf darüber schreiben. Sie traut dem geglätteten Wort nicht, hasst die Lüge: Sagst du mir schon die Wahrheit?, fragt sie mich, als ich nach dem Gespräch mit dem Arzt wieder ins Zimmer trete, und mit dem Eintreten jener Blick, der mich stellt: Hat er über meine Beine wirklich nichts gesagt?
Noch einmal: Sag die Wahrheit!
Einmal, beim Mittagessen, fällt mein Vater der Mutter ins Wort: Pass auf, was du sagst, unser Sohn schreibt alles mit. Als ich für die Todesanzeige in den Dolomiten die Danksagung an die Ärzte, Krankenpflegerinnen und Klosterfrauen schreiben soll, sagen mein Vater und mein Bruder übereinstimmend: Wozu haben wir sonst einen Schriftsteller im Haus?
Sprache ist Distanz.
Meinst du, du kriegst das hin?, fragt mich mein Vater. Dann spielt er auf die homoerotischen Stellen in meinem Roman an: Oder bist du nur für die Pornographie zuständig?
Wenn andere Leute ihn ansprechen auf meinen Roman, antwortet er: Bis zur Pornographie bin ich gekommen, dann habe ich es aufgegeben.
Mein Vater kehrt von einem entscheidenden Gespräch mit der Ärztin zurück und ruft mir durchs Stiegenhaus das Urteil zu: Sie ist voller Metastasen. Der Satz ist knapp und nüchtern, er wuchert in meinem Kopf. Mein Bruder sagt das andere Wort, Gott sei Dank höre ich es erst am Tag nach Mutters Tod: Sie hat es lange hinziehen können, aber jetzt ist der Krebs explodiert. Diese Worte hätte die Ärztin gebraucht. Die Detonation bebt nach in mir, ich beginne schon zu rechnen, da begreife ich erst: Der Kampf ist vorbei. Ich kann diesen Zwang ablegen, dieses Rechnen im Kopf, das fortwährende Abwägen der Hoffnung. Aber die Wörter erschüttern noch jetzt. Ich habe mich getäuscht: Der Schrecken ist nicht ausgestanden, mit den Wörtern kehrt er zurück und holt mich ein.
Nach ihrem Tod werden die Verliese von Mutters Körper geöffnet. Der Spuk, der dort sieben Jahre lang vor unseren Blicken und Begriffen geschützt sein Schauerwesen getrieben hat, nimmt endlich Gestalt an, wird Wort: eine Explosion, ein Streuen.
Hast du ein Geschwür?, fragt meine Tante Rosi. Fünf Jahre ist es nun her.
Nein, viel schlimmer!, antwortet meine Mutter ihrer ältesten Schwester und hält ihren Arm gegen die Brust gepresst.
Sie hat die Gürtelrose, deshalb dieses Zudecken mit Gewand, dieses Abbinden und Schnüren mit Verbandszeug – erklären mir alle. Und wie beschämend und hässlich der Ausschlag wäre. Danach, nach dem Aufdecken der Wahrheit und Mutters Entblößung, heißt es: Sie hat die Gürtelrose nie gehabt.
Von dem Überfall spricht mein Vater noch heute. Das Wort markiert den Wendepunkt vom hilflosen Zusehen zum gemeinsamen Vorgehen meines Vaters und meiner Tante gegen die Mutter, ihr letztes Mittel, um sie zur Vernunft zu bringen. Bei der Marende am Tag davor sprechen sie sich ab, entwickeln sie eine Strategie, die meiner Mutter keinen Ausweg mehr lassen soll. Mein Vater weigert sich, noch zu paktieren mit Mutters Trotz, längst hält er die Ungewissheit nicht mehr aus. Sie muss zum Arzt gebracht werden, auch gegen ihren Willen. Keine Beschwichtigung von Seiten meiner Mutter bewahrt ihn mehr davor, das Schlimmste zu befürchten: Sie hat etwas. Ihre Drohung, sich etwas anzutun, wenn er einen Krankenwagen ruft, ist schon entschärft durch das, was er mit eigenen Augen sehen kann, gleich an seiner Seite spielt es sich ab, Tag für Tag. Sie braucht nicht erst Hand anzulegen an sich, sie geht auch so zugrunde.
Ihr Zustand verschlechtert sich von Mal zu Mal, da sie sich ihm noch zeigt. Und er ist nicht mehr gewillt, dem hilflos zuzusehen.
Zwei gegen eine, darauf läuft es hinaus. Die Vorstellung, seiner Frau aufzulauern und sie zu stellen wie einen Feind im eigenen Haus, ist ihm zutiefst zuwider. Diese Vorgangsweise ist seinem Wesen völlig fremd, nun ist er dazu gezwungen. Niemand hat ihm gesagt, dass seine Liebe einmal diesen Ausgang nehmen könnte: einen gewaltsamen Schlussstrich zu ziehen unter all die Hypothesen, die Notlügen und das Schweigen. Die Zeit setzt nicht aus, kein Wort stellt Nähe her. Ihm wird kein weiterer Aufschub gewährt.
Wer hätte ihn davor warnen können, dass ihm eines Tages Unmögliches abverlangt würde: seiner Frau Gewalt anzutun, um sie zu bewahren vor ihrem eigenen Willen?
Die Rettung kommt in letzter Sekunde. Hätten mein Vater und meine Tante noch länger zugewartet und sich nicht aus ihrem Bann gelöst, wäre meine Mutter laut Aussage des Arztes wenige Tage darauf erstickt.
Mein Vater erschauert noch heute angesichts der juridischen Schuld, die wir auf uns geladen hätten: Unterlassung von Hilfeleistung.
Und das im eigenen Haus.
Wir hätten belangt werden können. Es ist nicht auszudenken, unser Versäumnis wäre in beschämendster Weise nach außen getragen worden.
Erst nachdem es ausgestanden ist, sieht unsere Sprache großzügig darüber hinweg, übergeht sie den erlebten Schrecken, der in den Einzelheiten steckt.
Die Dolomiten berichten von einer bevorstehenden Grippewelle, die auch Südtirol streifen wird. Mein Vater schaut von der Zeitung auf, richtet sich an meine Mutter mit dem Kosenamen, der schon in meinen Kinderohren seltsame Lautpirouetten geschlagen hat: Gell, Hubbsel, wir waren ein Lebtag lang nie krank. Von einer Grippe wüsste ich nichts. Wir haben beide ein bisschen Krebs, aber sonst fehlt uns nichts!
Meine Mutter rügt Vaters Blasphemie, man nimmt dieses Wort nicht ungestraft in den Mund.
Am besten überhaupt nicht.
Wird es nicht Wort, wird es nicht Fleisch. Wuchernde Zellen.
In der Ankündigung einer meiner Lesungen steht im letzten Satz das Wort Krebserkrankung. Meine Mutter liest den Abschnitt, faltet die Zeitung: Schön, was da steht, nur der letzte Satz gefällt mir nicht. Später, als meine Mutter wieder in der Klinik ist, finde ich den Artikel ausgeschnitten in ihrem persönlichen Telefonbuch. Bis zuletzt legt sie diese Angewohnheit nicht ab, alles auszuschneiden, was ihr Freude macht, und es zu sammeln: in Schrankkästen Abgelegtes, auf die Innenseiten der Türchen Aufgeklebtes. Immer dort, wo dieses Wort auftaucht, zwischen den Zeilen, zwischen den Bildern, zwischen den Sätzen, wird ihr erneut der Blick in den Spiegel abverlangt: Ich höre auf das Wort, auch gegen meinen Willen.
Sie kennt das gut, was sie da zu sehen bekommt. Zwei Jahre lang hat sie, unerkannt von uns, vor den Spiegeln geübt, hat sich hingestellt und getan wie blind. Die Augen hielten den Blick: Am linken Scheitel stand vielleicht das Haar etwas ab, der unter den Wasserhahn gehaltene Kamm fuhr durch den widerspenstigen Schopf und zähmte ihn. Die feinen Haare aber, die sich in den Zähnen des Kamms verfingen, beim ersten Durchziehen schon, die registrierten ihre folgsamen Augen nicht. Ihre Finger ließen das Büschel ins Abflussrohr gleiten, sie spülten Wasser nach und zitterten nicht bei ihrer alltäglichen Verrichtung. Ließ ihre Konzentration jedoch nach, öffnete sich ein Spalt in dem gewollten Dunkel und ein Bild drang ein. Sogleich war die Gedankenkette nicht mehr zu stoppen im Kopf. Meine Mutter erkannte die Symptome und untrüglichen Zeichen: Es ist wahr.
Parallel zu der von ihr selbst erschaffenen und täglich neu ins Leben gerufenen imaginären Welt gab es diese unanfechtbare Logik des Tatsächlichen.
Die Briefe von der Südtiroler Krebshilfe wandern ungelesen in den Schürkasten. Als ich ihr einen in die Klinik bringe, sieht sie schon am Absender: Ah, das ist nichts, das kannst du wegwerfen. Mein Vater entnimmt dem Postkasten einen ähnlichen Brief: Den händige ich der Mutter nicht aus, mit denen will sie in keinster Weise in Verbindung gebracht werden.
Mein Vater kennt diese Scham vor dem Wort nicht. Jahre vor Mutters Erkrankung sagt er leichtfertig: Ich muss zu einer Kontrollvisite in die Klinik und schauen, was mit meinem Krebs los ist. Ein Aussprechen gegen die Angst. Das Ergebnis ist negativ. Und doch behält mein Vater in seinen Reden das Possessivpronomen auch weiterhin bei. Ja, ich habe auch einen Krebs, sagt er in der Küche zu mir: Die Prostata-Werte sind erhöht. Meine Mutter ist zu dieser Zeit bereits in der Klinik, sie bekommt von unserem Gespräch nichts mit. Dann schüttelt mein Vater den Kopf, als wäre alles nur ein Scherz gewesen, und lässt mich ohne ein weiteres Wort der Erklärung allein in der Küche zurück.
Martin, reich mir die Toilettentasche, bittet mich meine Mutter, hält das o und das i gleich lang. Oder: Reich mir meinen Onkologierucksack.
Schwester Veronika ruft aus der Klinik an: Von nun an sollte immer jemand bei ihr sein. Der Satz markiert einen Wendepunkt. Die Hoffnung auf Aufschub wechselt endgültig in eine Hoffnung auf einen schnellen, schmerzfreien Tod. Die Sätze liegen schon bereit, nun gelten sie auch für uns. Nicht wir machen Gebrauch von ihnen, nein, es scheint umgekehrt zu verlaufen. Sie treten in Kraft wie ein Gesetz.
Unter ihrer Jurisdiktion stehen wir jetzt.
Am letzten Tag ihrer Bewusstheit, als Vater hereinkommt und mich ablöst, sagt sie unter Tränen: Es wird nicht mehr. Es wird einfach nicht mehr mit mir. Diesen Ausdruck verwendet sie gewöhnlich für Pflanzen, die trotz ihrer besonderen Pflege eingehen. Ich bin überrascht darüber, dass sie so offen mit meinem Vater spricht, merke wieder die Unterschiede zwischen mir und ihm, da Mutter und ich im Laufe meines Besuchs einander geflissentlich über die Tatsache hinwegbetrogen haben, dass sich ihr Zustand arg verschlechtert hat. Ich will den Trug aufrechterhalten und aus dem Zimmer gehen, da spricht meine Mutter es aus, während mein Vater sich vorbeugt zu ihr und sie begrüßen will: Es wird nicht mehr. Es ist wie ein unverstellter Blick in die Intimität meiner Eltern, der sich plötzlich auftut vor mir. Ich werde Zeuge einer in langen Jahren gewachsenen Vertrautheit, die gewöhnlich hinter Türen verborgen gehalten wird. Es gibt eine besondere Verbundenheit zwischen meinem Vater und meiner Mutter, in die ich als Sohn niemals Einblick bekommen habe.
Wenn wir es zu diesem Zeitpunkt auch nicht wissen, es stehen uns nur noch wenige Worte zur Verfügung. Auch deshalb ist mir Vaters Antwort im Rückblick immer wichtiger geworden:
Ja, eben, sagt mein Vater. In seinem Ton klingen Erbarmen mit und Resignation.
Nach all dem Ringen gibt es nun nichts mehr zu tun, die Mittel sind erschöpft. Mein Vater setzt sich zu ihr, wie er sich an jedem vorangegangenen Abend an ihre Bettseite gesetzt hat, und schweigt.
Wir können nur noch warten, zusehen, wie alles seinen unumkehrbaren Lauf nimmt.
Ich schließe Mutters Zimmertür leise hinter mir. Vaters Antwort geht mir nicht so schnell aus dem Kopf: Er hat keine bequeme Ausflucht genommen in eine Beschönigung oder Lüge, in einen gedankenlos hingeworfenen Satz, der ihm leicht über die Lippen gekommen wäre, um ihre Tränen abzuwehren.
Die beiden Worte besiegeln endgültig ihre Trennung: Fortan steht er auf der Seite der Gesunden, sie auf der Seite der Todkranken.
In Vaters Antwort habe ich den Beweis, sollte ich ihn noch nötig haben: Sie haben sich geliebt, bis zuletzt.
Natalia Ginzburg urteilt über das Schreiben in Zeiten persönlichen Schmerzes: Wenn wir leiden, ist unsere Phantasie kraftlos und träge. Alle Dinge haben tiefe Wurzeln in uns und wir empfinden Erbarmen für die Welt. In unserem Gedächtnis bleiben jeder Schatten und jede Erschütterung aufgezeichnet. Nur eines ist uns nicht möglich: zu erfinden.
*
Schwester Veronika, jetzt bin ich wieder da!, jubelt meine Mutter. Vor fünf Jahren war sie das letzte Mal in der Klinik, jetzt begrüßt sie Krankenschwestern und Klosterfrauen wie alte Bekannte, denen sie einen längst geplanten und immer wieder aufgeschobenen Besuch abstattet. Ihre Freude ist echt, nur die anderen sind peinlich berührt, weil sie die bittere Wahrheit über ihre Rückkehr kennen: Diesmal ist sie da, um zu sterben.
Ich bin so glücklich, dass ich wieder hier sein darf, sagt sie. Ihr Dank gilt der Ärztin des Allgemeinen Krankenhauses, die der Überstellung in die Privatklinik zugestimmt hat. Tief sitzt die Angst vor den Schmerzen, die zu Hause nicht mehr auszuhalten waren. Es ist wie in alten Zeiten, erklärt sie mir und zählt die Schwestern auf, die sie schon begrüßt hat: ein frohes Wiedersehen. Es gibt einiges zu erzählen.
Meine Mutter schwelgt in Klinikerinnerungen, sie erkundigt sich nach Pflegerinnen, die nicht mehr hier arbeiten, und macht ein enttäuschtes Gesicht, wenn sie erfahren muss, dass eine lieb gewonnene Schwester inzwischen anderswo ihren Dienst tut. Den neuen steckt sie zwischendurch einmal einen Zwanzig-Euro-Schein zu. Zu Hause sagt mein Vater: Sie muss immer übertreiben, ein Zehner tut es nicht, nein, es müssen zwanzig Euro sein!
Mein Bruder hingegen versteht: Sie tappt halt auch in die Eurofalle.
Mein Vater weiter: Es ist wie mit den Hennen, da wollte sie auch zehn, nicht fünf. Dieser Starrsinn. Und jetzt sitzen wir auf den Eiern.
Die vollen Schachteln stapeln sich im Kühlschrank, mein Vater kocht kaum noch seine Omeletten oder plentenen Ribl. Diese einfachen Eierspeisen schmecken nicht mehr, nun, da sie sein allabendliches Kunststück nicht mehr bewundert, sein elegantes Hochschwingen der Pfanne und Wenden des Omelettenteigs in der Luft. Auch wenn mein Vater das Mehl stauben ließ und den Teig über die Platte des Gasherds tropfen, auch wenn eine Sichel vom Pfannenrand auf den Boden fiel, weil mein Vater zu wenig Augenmaß bewies, blieb sie ruhig auf ihrem Lehnstuhl am Tisch sitzen und wartete, bis er ihr den Teller füllte.
Granten- oder Himbeermarmelade?
Mein Bruder: Das hatte sie sich so eingerichtet, dass sie immer wieder eine Sechserschachtel Eier herschenken konnte an irgendwen.
Auf dieses Bild kommen wir immer wieder: Meine Mutter, die das Schicksal zu bestechen sucht. So groß ist die Dankbarkeit über ihr geschenktes Leben, dass sie nicht anders kann, als das wenige, das sie besitzt, an die anderen zu verteilen. Sie legt es sich so zurecht, dass sie immer etwas zur Hand hat. Man weiß nie, welcher Mensch einem geschickt wird. Steht sie mit leeren Händen da im entscheidenden Augenblick, ist die Verzweiflung groß.
In ihrem früheren Leben ist die Einsamkeit Gebot. Meine Mutter fasst sich ans Herz und lässt niemanden mehr an sich heran. Die Geheimhaltung verlangt ihr dieses Opfer ab, es ist nur eines von vielen. Es wird gestorben um sie herum: zuerst der Hund, dann die Katze. Die Tiere gehen ihr voraus, wird sie sich gedacht haben. Der Weg ist bereitet, die Leere nimmt zu.
Manchmal höre ich sie nach ihrer toten Katze rufen. Sie geht gebückt durch die Wohnung und horcht auf jedes Möbelknarren, als würde das Tierchen gleich hervorgekrochen kommen aus einem Verschlupf, irgendwo in ihrer Nähe. Ich spreche sie nicht an auf ihren Wahnsinn.
Mit unnachgiebiger Härte bricht meine Mutter alle Kontakte ab, sie entzieht sich den Besuchen, den Fragen und bohrenden Blicken. Sie weiß: Mit den anderen wächst die Angst. Sie könnte ertappt und überführt werden. Jedes Klingelzeichen, das Schellen des Telefons oder der Haustürglocke, wird zum abgegebenen Warnschuss, er scheucht sie auf und treibt sie in die Flucht, in die höhlenartigen Verstecke zurück. Das Aufschnappen des Hoftores, das Knirschen der Autoreifen auf dem Kies der Einfahrt, Stimmen im Stiegenhaus künden ihr an, dass sie sich zum Verschwinden bringen muss. Die eigene Familie hält sie schon in Schach, nur vor den anderen meldet sich die alte Schwäche zurück. Die erkennen auf den ersten Blick, wie es um sie steht. Sie darf ihnen erst nicht vor die Augen treten.
Und ich habe geglaubt, du magst mich nicht mehr!, sagt meine Tante Marta, die oft mit dem Fahrrad an unserem Haus vorbeigekommen ist und nach ihrer Schwester gerufen hat, ohne eine Antwort zu erhalten. Vielleicht habe ich dir gegenüber etwas Falsches gesagt oder getan, fährt sie fort, und meine Mutter im Krankenbett der Klinik winkt weit ausholend ab: Aber nein, überhaupt nicht!
Tante Marta arbeitete damals noch im Krankenhaus, sie barg die größte Gefahr. Eine Freundin von mir versieht in der Personalabteilung des Spitals ihren Dienst. Nachher verrät mir meine Mutter: Jedes Mal wenn du zu ihr gefahren bist, war ich in größter Angst. Ich habe mir vorgestellt, wie ihr gesprochen habt über mich und ein Vorgehen geplant.
Es ist alles nur ein großes Missverständnis!
Gott sei Dank gibt es noch gute Menschen, sagt sie jetzt wiederholt. Auch dieser Satz gehört zu Mutters neuem Leben, darin schwingt das Staunen darüber mit, wie viele Hände sich ihr entgegengestreckt haben in der Not, wo sie doch mit Abweisung gerechnet hatte und mit Verurteilung. So viele Retter sind in ihr jüngstes Leben getreten, die Unheil abgewendet haben, dass der Beweis für sie allemal erbracht ist: Es gibt noch gute Menschen. Sie hat Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger, Klosterfrauen, Freunde, Verwandte ins Herz geschlossen: Noch nie gab es so viele Menschen an ihrer Seite. Aber auch die anderen sind über ihre Lebensfreude und Leutseligkeit verwundert: Das ist die Frau, die sich versteckt hat und das Versteck gehalten für zwei Jahre? Neuen Personen gegenüber aber behält meine Mutter ihre Skepsis. Als ihr Vertrauensarzt im Urlaub ist und ein junger Ersatz seinen Dienst übernimmt, winkt sie geringschätzig ab: Der versteht überhaupt nichts!
Mein Vater bringt die blauen Banknoten abgezählt in die Klinik. Jetzt wird ihr jeder Wille erfüllt. Die Milka ist so eine Liebe, erklärt sie mir. Sie kommt aus dem Osten und hat kein leichtes Leben hier. Aber wie geschickt die ist, besser als viele von den unsrigen, das muss ich schon sagen! Sie verzieht keine Miene und ist so nett, auch wenn es nicht immer ganz angenehm ist, was sie da zu tun kriegt bei mir.
Meine Mutter schweigt kurz, dann sagt sie noch schnell, als wäre sie stolz auf ihre Reinlichkeit, die sie sogar unter solchen Umständen noch einzuhalten versteht: Aber ich muss auch sagen, heute früh hat es überhaupt nicht gestunken, nein, wie bei einem Baby war es!
Mein Vater kommt jeden Abend in die Klinik, setzt sich an das Fußende von Mutters Bett, schlägt die Beine übereinander und gähnt. Da dauert es keine zwei Minuten, sagt meine Mutter zu mir, und ihm fallen vor Müdigkeit die Augen zu. Erzähl mir etwas, bitte ich ihn, aber er ruckt bloß die Schultern hoch und hält sich schon wieder die Hand vor den Mund, bis ich aufgebe und ihn wieder nach Hause schicke.
Geh ruhig, ich höre noch ein bisschen Radio!
Dann kann er vor seinem Fernseher weitergähnen.
Manchmal komme ich von einem Mutterbesuch nach Hause, da hebt Vater seinen Kopf nur ein wenig von der Lehne des Polstersessels: Und, wie schaut es aus?
Die besten Klinikgespräche zwischen meiner Mutter und mir handeln immer von meinem Vater: In welchem Zustand er die Küche hinterlässt, wie kostspielig sich seine dauernde Vergesslichkeit auswirken kann, welch völlige Unkenntnis aller Familienbelange ihm wieder einmal anzulasten ist. Wir mokieren uns und wenden uns unseren geringsten Sorgen zu: Vaters Schwerfälligkeit, seinem ständigen Verzetteln, seinem fehlenden Ordnungssinn. Mit gespielter Entrüstung berichten wir einander über die Katastrophen, die er im Haushalt heraufbeschwören kann, lassen wir ihn walten in Mutters ehemaligem Reich, das sie räumen hat müssen aufgrund höherer Gewalt.
Lieber koche ich mir selbst, als ihn an die Töpfe zu lassen, sage auch ich.
Ich sehe meine Mutter, wie sie auf dem Stuhl vor dem Gasherd Platz nimmt, sehe die großen Augengläser, die sie sonst nie trägt und die sich nun mit Dampf beschlagen, während sie sich vorbeugt, den Reis umrührt und sich dann wieder zurücksinken lässt in die Stuhlbeuge, erschöpft. Die um den Holzlöffel gefalteten Hände im Schoß. Langsam lichtet sich der Nebel, hebt sich der Schleier der Welt, ihr sich streckender Blick über den Topfrand: Sie stellt den bläulichen Flammenkranz der Düsen kleiner.
Mein Vater ist zum Zwiebelschneiden für die Panadlsuppe abkommandiert, die Schalen verteilt er über die gesamte Fläche der Anrichte.
Die doppelte Arbeit, sagt meine Mutter. Aber er hat viel gelernt, auch das Aufräumen.
Mein Vater setzt sein himmelblaues Dreirad irgendwo in die parkende Autoschlange, ein letztes Kopfstück oder ein Wurmfortsatz, da steht es gleich vor der Klinik, am liebsten in den freien Haarspalt neben die Mülltonnen gezwängt. Die Rampe hoch, wenige Schritte nur und die Glastür öffnet sich. Ich finde immer einen Platz!, trumpft er auf, als mein Bruder ihm sein Leid klagt über seine allmittägliche Suche nach einer Parklücke. Wenn dieser meine Mutter besuchen geht, kommt er meistens direkt von der Arbeit. Er ist mit dem Renault-Kleintransporter unterwegs, in dessen Laderaum er die Rohre und das Hydraulikerwerkzeug mit sich führt. Was kaufst du auch immer so große Maschinen?, hält ihm mein Vater entgegen. Und mein Bruder: Ein großer Betrieb braucht große Wägen.
Mein Vater nennt die Klosterfrau, die häufig Nachtschicht hat, die Königin der Nacht. Er staunt, dass die Klosterfrauen immer bei der Arbeit sind. Ich kann kommen, zu welcher Stunde ich will, immer wuseln sie geschäftig in den Gängen und Zimmern umher. Meistens sind es sogar dieselben! Schlafen die nie? Mein Vater bewundert diesen Einsatz übers Menschenmögliche hinaus, der sich an keinen festen Stundenplan hält. Ja, habt ihr keine Gewerkschaft?, fragt er einmal Schwester Veronika.
