Nachtschicht - Stephen King - E-Book
oder
Beschreibung

Die zwanzig Erzählungen in Nachtschicht sind Stephen Kings persönliche Auswahl vom Besten, was er je geschrieben hat: der Stoff, aus dem die Alpträume sind. Unter der Oberfläche unseres Alltags lauert der allnächtliche Wahnsinn. Nachtschicht ist ein Stundenbuch des Grauens. Stephen King blättert es auf. Seite um Seite fällt den Leser das Entsetzen an. Nachtschicht: kein Buch, um früh schlafen zu gehen!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl:642


STEPHENKING

NACHTSCHICHT

Erzählungen vom»Meister des Horrors«

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Night Shift

© 1976/1977/1978 by Stephen King

All rights reserved

© für die deutschsprachige Ausgabe 1988 by

Bastei Lübbe AG, Köln

Übersetzungsnachweis und Einzelcopyrights

am Ende des Buches

Titelillustration: Bildagentur Huber

Umschlaggestaltung: Tanja Østlyngen

Datenkonvertierung E-Book: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-5204-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Inhalt

Vorwort

Briefe aus Jerusalem

Spätschicht

Nächtliche Brandung

Ich bin das Tor

Der Wäschemangler

Das Schreckgespenst

Graue Masse

Schlachtfeld

Lastwagen

Manchmal kommen sie wieder

Erdbeerfrühling

Der Mauervorsprung

Der Rasenmähermann

Quitters, Inc.

Ich weiß, was du brauchst

Kinder des Mais

Die letzte Sprosse

Der Mann, der Blumen liebte

Einen auf den Weg

Die Frau im Zimmer

Quellennachweise

Vorwort

Unterhalten wir uns, Sie und ich. Unterhalten wir uns über Angst.

Das Haus ist leer, während ich diese Zeilen schreibe. Draußen fällt ein kalter Februar-Regen. Wenn der Wind aus der Richtung weht, aus der er gerade weht, haben wir manchmal Stromausfall. Aber im Augenblick brennt das Licht noch, also reden wir ganz aufrichtig über Angst. Reden wir darüber, wie man an den Rand des Wahnsinns kommt … und vielleicht auch noch ein Stück darüber hinaus.

Ich heiße Stephen King. Ich bin ein erwachsener Mann mit einer Frau und drei Kindern. Ich liebe sie, und ich glaube, dass dieses Gefühl erwidert wird. Mein Job ist das Bücherschreiben, und dieser Job gefällt mir sehr gut. Zur Zeit bin ich körperlich in einigermaßen gesunder Verfassung. Während des letzten Jahres habe ich geschafft, mir statt des filterlosen Krauts, das ich seit meinem achtzehnten Geburtstag geraucht habe, leichte Filterzigaretten mit niedrigem Nikotin- und Teergehalt anzugewöhnen. Ich hoffe immer noch, dass ich es mir eines Tages ganz abgewöhne. Meine Familie und ich leben in einem hübschen Haus neben einem relativ sauberen See in Maine. Im letzten Herbst wachte ich eines Morgens auf und sah einen Hirsch auf dem Rasen hinter unserem Haus neben dem Gartentisch. Wir führen ein gutes Leben.

Trotzdem … reden wir über Angst. Wir wollen die Stimme dabei nicht heben, und wir werden nicht schreien. Wir unterhalten uns auf einer völlig rationalen Ebene, Sie und ich. Wir reden über die Art, auf die sich das schöne Gefüge der Dinge unserer Welt manchmal mit schockierender Plötzlichkeit auflöst.

Wenn ich abends ins Bett gehe, achte ich noch immer sorgfältig darauf, dass meine Beine schön unter der Decke liegen, sobald ich das Licht ausknipse. Ich bin kein kleiner Junge mehr, aber … ich schlafe nicht gerne mit einem aufgedeckten Bein. Denn wenn eine kalte Hand von unter dem Bett nach meinem Fußgelenk greift, dann würde ich laut kreischen. Ja, ich würde schreien, dass die Toten aufwachen. Natürlich passiert so etwas nicht, und wir alle wissen das. In den folgenden Geschichten werden Ihnen alle möglichen Arten von Nachtgeschöpfen begegnen: Vampire, Wiedergänger, das Ding, das im Kleiderschrank haust, jede Art von Horror. Nichts davon ist real. Das Ding, das unter dem Bett darauf lauert, meinen Fuß zu packen, ist nicht real. Ich weiß das, aber ich weiß auch, dass es mich nie erwischen wird, solange ich meinen Fuß gut unter der Decke halte.

Manchmal spreche ich vor Menschen, die an der Schriftstellerei oder an Literatur interessiert sind, und bevor das »Bitte stellen Sie jetzt dem Autor Ihre Frage« vorbei ist, steht immer jemand auf und stellt die Frage: »Warum haben Sie sich entschieden, über solche grauenvollen Dinge zu schreiben?«

Normalerweise antworte ich darauf mit der Gegenfrage: »Warum nehmen Sie an, ich hätte mir das frei aussuchen können?«

Das Schreiben ist eine Art »Catch-as-catch-can«. Wir alle scheinen bestimmte Sorten Filter im Kopf zu haben, und diese Filter haben ihre unterschiedlichen Größen und Dichten. Was in meinem hängen bleibt, kann bei Ihnen durchrutschen, und umgekehrt. Wir alle scheinen auch ein Bedürfnis eingebaut zu haben, uns das Zeug regelmäßig genauer anzusehen, das sich in unseren Wahrnehmungsfiltern ansammelt. In der Regel beschäftigen wir uns nebenher damit. Der Kassierer ist Hobbyphotograph. Der Astronom mag Münzen sammeln. Der Lehrer zeichnet in seiner Freizeit Grabsteine nach. Der Müll aus dem Filter im Kopf, was einem dort hängen bleibt, wird meist unsere private Leidenschaft – unser »Hobby«, wie wir uns in einer zivilisierten Gesellschaft geeinigt haben, die Sache zu nennen.

Manchmal kann dieses Hobby auch zu einer Vollzeitbeschäftigung werden. Der Kassierer stellt vielleicht fest, dass er mit seinen Photos genug Geld verdienen kann, um die Familie durchzubekommen. Und es gibt einige Beschäftigungen, die als Hobby beginnen und Hobbys bleiben, selbst wenn der Hobbyfreund damit längst seinen Lebensunterhalt verdient. Aber weil Hobby so ein gewöhnlich und alltäglich klingendes Wort ist, haben wir uns auch wortlos darauf geeinigt, dass wir unsere professionellen Hobbys »Kunst« nennen.

Malerei, Bildhauerei, Komposition, Gesang, Schauspielerei. Das Spielen eines Musikinstrumentes. Allein über diese sechs Beschäftigungen sind genug Bücher geschrieben worden, um damit eine ganze Flotte von Luxusdampfern zu versenken. Doch die einzige Sache, in der all diese Werke übereinstimmen, ist: Wer immer Kunst praktiziert und es ernst damit meint, wird mit seiner Kunst auch fortfahren, selbst wenn er für seine Anstrengungen von niemandem einen Pfennig bekommt, selbst wenn seine Anstrengungen kritisiert oder abgelehnt werden, ja selbst wenn man ihm seine Kunst bei Todesstrafe verbieten würde. Für mich scheint dies eine recht passende Beschreibung von etwas zu sein, das man obsessives Verhalten nennt. Es gilt genauso für die schlichteren Hobbys. Waffensammler in den Staaten haben Autoaufkleber mit der Aufschrift: Meine Pistole bekommt nur, wer sie mir aus den toten Fingern windet! Falls morgen das Münzensammeln verboten wird, würde unser Astronom mit Sicherheit seine Sammlung nicht abliefern, sondern sie, in Plastik gewickelt, im Wassertank der Toilette versenken, um nach Mitternacht heimlich seine Kupferpfennige auf dem Klo zu genießen.

Wir scheinen uns von unserem Thema Angst entfernt zu haben, aber wir sind nicht weit vom Weg abgekommen. Das Zeug, das sich in meinem Filter ansammelt, ist oft der Stoff, aus dem unsere Ängste gemacht sind. Meine Obsession gilt dem Makabren. Keine der folgenden Geschichten habe ich wegen des Geldes geschrieben, auch wenn ein paar davon vorher an Zeitschriften verkauft wurden, auch wenn ich nie einen Scheck zurückgeschickt habe. Ich mag eine Obsession haben, aber verrückt bin ich nicht. Doch ich wiederhole: keine Geschichte wurde wegen des Honorars geschrieben. Ich schrieb sie alle, weil mir danach war, solche Geschichten zu schreiben. Meine Obsession lässt sich vermarkten. Es gibt Verrückte in den Gummizellen überall auf der Welt, die solches Glück nicht haben.

Ich bin kein großer Künstler, aber ich habe immer einen Drang zum Schreiben gespürt. Also schütte ich jeden Tag meinen Filter aus, sehe mir die Erinnerungsfetzen und Beobachtungsstücke an und versuche, etwas aus dem Zeug zu machen, was nicht direkt durch den Filter hindurch in mein Unterbewusstsein sinken kann.

Louis L’Amour, der Westernautor, und ich könnten zusammen am Rand eines kleinen Teiches in Colorado stehen und wir könnten beide gleichzeitig die Idee zu einer Geschichte haben. Seine Story würde vom Krieg um Wasserrechte in der Trockenzeit handeln, meine wahrscheinlich von einem furchtbaren, lauernden Etwas, das aus dem stillen Wasser kriecht, um Schafe fortzuschleppen … und Pferde … und schließlich Menschen. Louis L’Amours Obsession ist die Zeit des »Wilden« Westens. Ich tendiere mehr zu den Dingen, die in mondlosen Nächten herumkriechen. Er schreibt Western, ich schreibe Gruselgeschichten. Beide haben wir nicht alle Tassen im Schrank.

Die Künste sind Leidenschaften, und Leidenschaften sind gefährlich. Sie sind wie ein Messer im Kopf. In einigen Fällen – Dylan Thomas fällt mir ein, oder Hart Crane und Sylvia Plath – kann das Messer den treffen, der es selbst führt. Kunst ist eine lokalisierte Krankheit, gewöhnlich gutartig-kreative Menschen werden oft sehr alt –, manchmal aber auch bösartig. Man benutzt das Messer vorsichtig, denn man weiß, es ist ihm gleich, wen es schneidet. Und wenn man klug ist, leert man auch seinen Filter im Kopf vorsichtig aus … denn von dem Zeug darin könnte einiges noch nicht ganz tot sein.

Die andere Frage, mit der ich bei Lesungen oder Signierstunden häufig konfrontiert werde, lautet: Warum lesen Leute so was? Warum verkaufen sich Ihre Geschichten?

Diese Frage impliziert eine unausgesprochene Vermutung – die Vermutung, dass die Lektüre einer Story der Angst und des Horrors irgendwie von einem ungesunden Geschmack zeugt. In Briefen von Lesern stoße ich oft auf Sätze wie: »Vielleicht bin ich ein wenig morbid, aber ich habe ›Shining‹ von der ersten bis zur letzten Seite genossen …«

Ich glaube, der Schlüssel zu dieser Einstellung lässt sich in einem Satz finden, den ich in einer Filmkritik in »Newsweek« zu einem nicht besonders guten Horrorfilm fand. Er lautete ungefähr: »… ein wunderschöner Film für Leute, die Spaß daran finden, wenn sie einen Autounfall bemerken, langsam daran vorbeizufahren und ihn sich genau anzusehen.« Das ist eine gute, treffende Bemerkung, aber wenn man genauer darüber nachdenkt, trifft sie auf alle Horrorfilme und -geschichten zu. George Romeros »Die Nacht der lebenden Toten« mit seinen grausamen Szenen von Kannibalismus und Muttermord war sicher ebenso ein Film für Leute, die sich gerne die Autounfälle genau ansehen; und wie war das wohl mit diesem kleinen Mädchen, das einen Priester mit Erbsensuppe bespuckte, in »Der Exorzist«? In Bram Stokers »Dracula«, den man oft als Muster des modernen Horrorromans heranzieht (zu Recht, denn es ist der erste Roman seiner Art mit offenkundigen Freudschen Obertönen), kommt ein Verrückter namens Renfeld vor, der Fliegen herunterschlingt, Spinnen und schließlich einen ganzen Vogel. Er würgt den Vogel wieder aus, nachdem er ihn mit Federn und allem geschluckt hat. Zum Roman gehört auch die Pfählung – die rituelle Penetration, kann man sagen – eines jungen und schönen weiblichen Vampirs und der Mord an einem Baby und seiner Mutter.

Auch die große Literatur des Übernatürlichen weist oft dasselbe »Lass uns den Unfall genauer ansehen«-Syndrom auf: Beowulf erschlägt Grendels Mutter; der Erzähler in »Das verräterische Herz«, der seinen kranken Wohltäter umbringt und zerstückelt unter den Dielen versteckt; der grimmige Kampf von Sam, dem Hobbit, mit der Spinne Kankra in Tolkiens »Ring-Trilogie«.

Einige werden hier gegen diese Gedankenführung sehr entschieden einwenden, dass es auch subtilere Geschichten gibt, dass Henry James uns in »Die Tortur« keinen Autounfall zeigt, oder dass Nathaniel Hawthornes makabre Geschichten von wesentlich besserem Geschmack zeugen als »Dracula«. Doch dies ist ein unsinniger Einwand. Auch sie zeigen uns den Autounfall; die Leichen sind bei ihnen fortgeschafft, aber man kann noch immer die zerquetschten Autowracks mit dem Blut auf den Polstern sehen. In mancher Hinsicht ist sogar die klare Eindringlichkeit von Hawthorne, sein bewusstes Weglassen des Melodramatischen und sein gelehrter, vorsichtiger Tonfall der Rationalität noch viel schrecklicher als Lovecrafts Monstrositäten oder Poes Foltern in »Die Grube und das Pendel«.

Tatsache ist einfach – und im Grunde unseres Herzens wissen wir das fast alle –, dass nur sehr wenige an dem Unfall vorbeifahren können, ohne nicht einen schnellen, neugierigen und unbehaglichen Blick auf die Autowracks zu werfen, die da vom flackernden Blaulicht eingerahmt werden. Rentner schlagen die Zeitung erst einmal auf der Seite mit den Todesanzeigen auf, um zu sehen, wen sie überlebt haben. Wir alle sind für einen Augenblick unbehaglich gebannt, wenn wir erfahren, dass eine Janis Joplin gestorben ist, ein John Lennon oder sonst jemand, dessen Tod unerwartet eingetreten ist. Wir verspüren Entsetzen, vermischt mit einer eigenartigen Faszination, wenn wir in der Boulevard-Presse lesen, dass eine Frau auf einem kleinen Landflughafen während eines dichten Regenschauers in einen laufenden Propeller gestolpert ist, oder dass ein Mann von einer Stahlpresse erfasst und zerquetscht wurde. Es ist nicht notwendig, weiter für diese offenkundige Tatsache zu argumentieren: Das Leben steckt voller großer und kleiner Schrecken, aber weil die kleinen Katastrophen diejenigen sind, die unsere Vorstellungskraft nicht überschreiten, sind sie es, die uns am deutlichsten mit unserer Sterblichkeit konfrontieren.

Unser Interesse an solchen Westentaschen-Schrecken lässt sich nicht leugnen, aber ebenso wenig lässt sich unser angeekeltes Schaudern bestreiten. Beides mischt sich auf beunruhigende Weise, und ein Nebenergebnis dieser Mixtur scheinen Schuldgefühle zu sein … Schuldgefühle, nicht unähnlich denjenigen, die wir beim Erwachen unserer Sexualität erleben.

Es ist nicht meine Sache, jemandem zu erzählen, hier seien Schuldgefühle angebracht, genauso wenig wie ich meine Romane und Kurzgeschichten rechtfertigen will. Aber zwischen Sex und Furcht lässt sich eine interessante Parallele beobachten. Während wir zur körperlichen Fähigkeit zu sexuellen Beziehungen reifen, erwacht unser Interesse an solchen Beziehungen; dieses Interesse wendet sich, soweit es nicht pervertiert wird, auf natürliche Weise der Kopulation und damit der Erhaltung unserer Art zu. Während uns unser eigenes unvermeidliches Ende bewusst wird, erwacht in uns das Gefühl für Furcht. Und ich bin der Ansicht, dass, wie alle Kopulation letztlich der Selbsterhaltung dient, alle Furcht letztlich dem Begreifen unseres unabwendbaren Todes dient.

Es gibt die alte Geschichte über die sieben Blinden, die sieben verschiedene Teile eines Elefanten zu fassen bekommen. Einer von ihnen meinte, er hätte eine Schlange, ein anderer, er hätte ein riesiges Palmenblatt, ein dritter, er würde eine steinerne Säule berühren. Als sie ihre Beobachtungen dann zusammentrugen, stellten sie fest, dass es ein Elefant war.

Furcht ist die Emotion, die uns blind macht. Vor wie vielen Dingen fürchten wir uns? Wir fürchten uns, das Licht anzuknipsen, wenn wir nasse Hände haben. Wir fürchten uns, mit einem Messer im Toaster herumzustochern, um den angeschmorten Toast herauszubekommen, solange der Stecker noch nicht abgezogen ist. Wir fürchten uns vor dem, was der Arzt uns nach der Röntgenuntersuchung sagt; und genauso, wenn das Flugzeug plötzlich in ein Luftloch sackt. Wir fürchten uns davor, dass es mit dem Öl zu Ende geht, mit dem Trinkwasser, mit dem guten Leben. Wenn die Tochter versprochen hat, um elf Uhr zu Hause zu sein, und jetzt ist es Viertel nach zwölf und der Regen hämmert gegen die Fensterscheiben, sitzen wir vor dem Fernseher und tun so, als wollten wir uns unbedingt den Spätfilm ansehen, während wir immer wieder nach dem stummen Telefon schielen; und wir fühlen jene Emotion, die uns blind macht, die Emotion, die jeden vernünftigen Gedankengang ruiniert.

Der Säugling ist ein angstfreies Wesen, bis die Mutter ihm zum ersten Mal nichts zum Saugen in den Mund schieben kann, wenn er schreit. Das Kleinkind entdeckt schnell die erschreckenden und schmerzhaften Wahrheiten einer zuschlagenden Türe, des heißen Ofens, des Fiebers, das mit den Masern und dem Keuchhusten kommt. Kinder lernen Furcht schnell; sie lernen sie aus dem Gesicht des Vaters oder der Mutter, wenn die Eltern ins Badezimmer kommen und ihre Kleinen mit Rasierklingen oder Tablettenrollen spielen sehen.

Furcht macht uns blind, und wir nähern uns unseren Ängsten mit all der typischen Neugier des Selbstinteresses, indem wir versuchen, aus den Hunderten verschiedenen Ängsten auf das Ganze, die eine große Angst, zu schließen, genau wie die Blinden mit ihrem Elefanten.

Wir bekommen so langsam einen Eindruck von der Gestalt der Sache. Kinder erfassen sie leicht, vergessen sie wieder, um sie als Erwachsene erneut zu lernen. Die Sache ist da, und die meisten von uns kommen früher oder später zu der Erkenntnis, womit wir es bei ihr zu tun haben: Es ist die Gestalt eines Körpers unter einem Tuch. All unsere Ängste zusammen ergeben zusammen die eine große Furcht, all unsere Ängste sind Teil dieser einen Furcht – ein Arm, ein Bein, ein Finger, ein Ohr. Wir haben Angst vor dem Körper unter dem Tuch, dieser stummen reglosen Gestalt. Es ist unser Körper. Und die große Anziehungskraft der unheimlichen Phantastik war zu allen Zeiten, dass sie uns als Probeaufführung unseres eigenen Todes dient.

Das Genre hat sich selten besonderer literarischer Wertschätzung erfreut. Lange Zeit waren die Franzosen die einzigen Freunde von Poe und Lovecraft. Die Franzosen haben offenbar zu einem Arrangement mit dem Sex und dem Tod gefunden, zu dem sich Poes und Lovecrafts amerikanische Mitbürger nie durchringen konnten. Die Amerikaner waren zu eifrig damit beschäftigt Eisenbahnen und Flugplätze zu bauen, und Poe und Lovecraft starben gebrochen. Tolkiens Fantasy-Trilogie von Mittelerde verstaubte zwanzig Jahre in den Buchhandlungen, bis sie von einem Geheimtipp zum Bucherfolg wurde. Und Kurt Vonnegut, dessen Bücher sich so oft mit dem Gedanken der Generalprobe des Todes beschäftigen, haben immer gegen eine wütende Kritik anzukämpfen gehabt, die sich teilweise bis zur Hysterie steigerte.

Das mag daran liegen, dass der Horror-Autor immer schlechte Nachrichten zu melden hat: du musst sterben, sagt er; er erzählt Ihnen, dass Sie sich nichts aus all der aufbauenden Alltagspsychologie in der Art von »es wird Ihnen immer wieder etwas Gutes widerfahren« machen sollen, denn es wird Ihnen auch immer etwas Schlechtes passieren, und das könnte ein Schlaganfall sein, Krebs, ein Autounfall, aber es kommt bestimmt. Und er nimmt Sie bei der Hand, öffnet Ihnen Ihre Hand, führt Sie in das Zimmer und legt Ihre Hand auf die Form unter dem Tuch … und sagt Ihnen, dass Sie diese Gestalt unter dem Tuch berühren sollen … hier … und hier … und da …

Natürlich ist das Thema der Angst und des Todes nicht exklusiv für den Horror-Autor reserviert. Eine ganze Reihe von Schriftstellern der sogenannten »Hochliteratur« haben sich mit diesen Fragen beschäftigt und auf die verschiedenste Art – von Dostojewski »Schuld und Sühne« über Edward Albees »Wer hat Angst vor Virginia Woolf« zu Ross MacDonalds Lew-Archer-Geschichten. Die Angst ist immer ein großes Thema gewesen. Der Tod ist immer eines gewesen. Sie sind zwei der menschlichen Konstanten. Aber nur der Autor von unheimlichen und phantastischen Geschichten gibt dem Leser die Möglichkeit zu einer totalen Identifikation und Katharsis. Wer in diesem Genre schreibt und auch nur die blasseste Ahnung hat von dem, was er da tut, weiß, dass es sich bei dem ganzen Gebiet der unheimlichen Phantastik um einen Filter zwischen dem Bewusstsein und dem Unterbewusstsein handelt. Horrorgeschichten sind wie ein U-Bahn-Hauptbahnhof in der menschlichen Psyche, wo sich die blaue Linie dessen, was wir uns unbesorgt aneignen, mit der roten Linie dessen kreuzt, was wir auf die eine oder andere Art wieder loswerden müssen.

Wenn man unheimliche Geschichten liest, glaubt man nicht wirklich, was der Autor da geschrieben hat. Wir glauben nicht an Vampire, Werwölfe oder Lastwagen, die plötzlich von selbst fahren. Die Schrecken, an deren Realität wir alle glauben, sind die, über die Dostojewski, Albee oder MacDonald schreiben: Hass, Entfremdung, ungeliebt alt werden zu müssen, auf unsicheren Teenagerbeinen in eine feindliche Erwachsenenwelt zu stolpern. In unserer realen Alltagswelt sind wir oft wie Theatermasken von Tragödie und Komödie, auf der Außenseite grinsend, nach innen Grimassen schneidend. Und irgendwo in uns gibt es eine Art zentrale Umschaltstelle, einen Transformator, wo die Drähte von den beiden Masken miteinander verbunden sind. Diese Stelle ist es, an der uns die Horrorgeschichte zu packen bekommt.

Der Horror-Autor unterscheidet sich nicht sehr vom walisischen Sündenesser, der die Sünden des teuren Verblichenen auf sich nimmt, indem er das Brot des teuren Verblichenen isst. Die Geschichte der Monstrositäten und des Grauens ist ein Korb, vollgepackt mit Problemen; wenn der Schriftsteller vorbei kommt, nimmt man einen von seinen imaginären Schrecken aus dem Korb und legt einen eigenen wirklichen dafür hinein – für eine Zeit lang jedenfalls …

Die Werke von Edward Albee, von Steinbeck, Camus, Faulkner – sie handeln von Angst und Tod, manchmal auch von Horror, aber für gewöhnlich befassen sich die Autoren der Hochliteratur auf eine realere, alltäglichere Weise damit. Ihre Werke gehören in den Rahmen der rationalen Welt; es sind Geschichten, die »passieren könnten«. Sie gehören zu der U-Bahn-Linie, die draußen durch die äußere Welt führt. Es gibt andere Autoren – James Joyce, Faulkner beherrscht beides, Lyriker wie T. S. Eliot oder Sylvia Plath und Anne Sexton –, deren Werk im Land des symbolischen Unterbewusstseins angesiedelt ist. Sie fahren mit der Linie, die durch die Landschaften der Innenwelt führt. Aber der Horror-Schreiber befindet sich fast immer an jenem zentralen Umsteigebahnhof, an dem sich alle Linien treffen. Wenn er sein Bestes gibt, haben wir oft jenes unheimliche Gefühl, nicht zu wachen und nicht zu schlafen, wenn die Zeit sich zur Endlosigkeit zerdehnt, wenn wir Stimmen hören, aber ihre Worte nicht verstehen, wenn der Traum uns real erscheint und die Realität wie ein Traum.

Ein seltsamer und wunderbarer Umsteigebahnhof ist das. Hill House befindet sich dort, wo die Züge in beide Richtungen abfahren, mit seinen geisterhaft verschlossenen Türen; die Ringgeister, die Frodo und Sam verfolgen, sind dort; und Pickmans Modell; der Wendigo; Norman Bates und seine furchtbare Mutter. Kein Wachen oder Träumen gibt es auf jenem Bahnhof, nur die Stimme des Autors ist da, gedämpft und rational, und sie erzählt davon, wie die solide Struktur der Wirklichkeit mit schockierender Plötzlichkeit einen Riss bekommen kann. Er erzählt dir, dass du den Autounfall sehen willst, und ja, er hat Recht – du willst. Da ist eine tote Stimme am anderen Ende der Leitung mitten in der Nacht … hinter den Wänden des alten Hauses bewegt sich etwas, das sich größer als eine Ratte anhört … eine Bewegung im Dunkeln am Ende der Kellertreppe. Er will, dass du all diese Dinge siehst und noch mehr; er will, dass du deine Hand auf die Gestalt unter dem Tuch legst. Und du willst auch mit deinen Händen nach ihr fühlen. Ja, das willst du.

Dies sind einige von den Dingen, die eine Horrorgeschichte meinem Gefühl nach bewirkt, aber ich bin felsenfest überzeugt, dass sie außerdem noch etwas bewirken muss, und das vor allem anderen: Sie muss eine Geschichte erzählen, die den Leser oder Zuhörer für eine Weile in ihrem Bann hält, verloren in einer Welt, die niemals war und niemals sein kann. Mein ganzes Leben als Schriftsteller bin ich immer von einem überzeugt gewesen: In der Fiktion muss die Geschichte selbst so gut sein, dass sie alle anderen Qualitäten des Autors in den Schatten stellt; Charakterisierung, Stil, Thema, Stimmung, das alles bedeutet nichts, wenn die Geschichte langweilig ist. Und wenn die Geschichte fesselt, kann der Leser alles andere verzeihen. Meine Lieblingszeile in dieser Hinsicht stammt aus der Feder von Edgar Rice Burroughs, kein Kandidat für den Ruhm eines großen Dichters der Weltliteratur, aber jemand, der den Wert einer guten Geschichte völlig verstanden hat. Auf der ersten Seite von »The Land That Time Forgot« findet der Erzähler ein Manuskript in einer Flasche. Das restliche Buch besteht aus der Wiedergabe dieses Manuskriptes. Der Erzähler sagt: »Lesen Sie eine Seite, und ich bin vergessen.« Das ist ein Versprechen, das Burroughs hält – vielen Schriftstellern mit größerem Talent, als er es besaß, ist das nicht gelungen.

Stephen King

Briefe aus Jerusalem

2. Oktober 1850

Liebes Bones,

wie wohl es tat, in die kalte, zugige Halle hier von Chapelwaite zu treten, jeder Knochen von dieser grässlichen Kutsche schmerzend und mit dem dringenden Bedürfnis, meine drückende Blase zu erleichtern – und den Brief, adressiert in Deinem unnachahmlichen Gekritzel zu sehen, der auf dem hässlichen kleinen Kirschholztisch neben der Tür lehnte! Sei versichert, dass ich mich an seine Entzifferung gemacht habe, sobald ich die Bedürfnisse des Körpers erledigt hatte (in einem kühl ausgestatteten Badezimmer im unteren Stock, wo ich den Atem vor meinen Augen aufsteigen sehen konnte).

Es freut mich zu hören, dass Du von dem Miasma genesen bist, das so lange Deine Lunge befallen hatte, obwohl ich Dir versichern kann, dass ich vollstes Verständnis für das moralische Dilemma habe, in das Dich die Heilung gestürzt hat. Ein kränkelnder Abolitionist, der vom sonnigen Klima des Sklavenstaates Florida geheilt wird! Trotz und alledem, Bones, bitte ich Dich als Freund, der ebenfalls im finsteren Tal gewandelt ist, gut auf Dich aufzupassen und erst dann nach Massachusetts zurückzukehren, wenn es Dein Körper erlaubt. Was helfen uns Dein scharfer Geist und Deine spitze Feder, wenn Du Asche bist, und wenn der Süden eine heilsame Region ist, liegt in dieser Tatsache nicht poetische Gerechtigkeit?

Wirklich, das Haus ist genauso prachtvoll, wie ich es nach den Aussagen der Testamentsvollstrecker meines Cousins annehmen durfte, allerdings sehr düster. Es liegt auf einer gewaltigen, vorragenden Landspitze vielleicht drei Meilen nördlich von Falmouth und neun Meilen nördlich von Portland. Dahinter schließen sich etwa vier Morgen Land an, das auf unglaubliche Art und Weise verwildert ist – Wacholder, Gestrüpp, Gebüsch und verschiedene Arten von Kletterpflanzen ranken wild über die pittoresken Steinmauern, die den Besitz vom Stadtgebiet trennen. Abscheuliche Imitationen griechischer Statuen starren von kleinen Hügeln blind durch die Wildnis – meist scheint es, als warteten sie darauf, sich auf den Vorübergehenden zu stürzen. Der Geschmack meines Cousins hat anscheinend die ganze Stufenleiter von untragbar bis regelrecht schreckenerregend umfasst. Inmitten eines offensichtlich ehemaligen Gartens habe ich eine seltsame kleine Laube entdeckt, die fast gänzlich von scharlachrotem Sumach überwuchert ist, und eine groteske Sonnenuhr. Dies vervollständigt den Eindruck des Wahnsinns.

Doch die Aussicht vom Salon entschädigt dafür mehr als genug; von hier habe ich einen schwindelerregenden Ausblick auf die Felsen am Fuß von Chapelwaite Head und auf den Atlantik, auf den ein großes, bauchiges Erkerfenster hinausgeht, neben dem ein mächtiger Sekretär steht. Er passt ausgezeichnet, um mit jenem Roman zu beginnen, über den ich so lange (und zweifellos bis zum Überdruss) geredet habe.

Der heutige Tag war grau mit gelegentlichen Regengüssen. Wenn ich hinausblicke, gleicht alles einer Studie in Schiefer: die Felsen, alt und ausgelaugt wie die Zeit selbst, der Himmel und natürlich die See, die mit einem Geräusch gegen die zerklüfteten Granitfelsen unter mir kracht, das eigentlich kein Geräusch, sondern Vibration ist; ich kann die Wellen sogar jetzt, während ich schreibe, durch meine Füße spüren. Ein Gefühl, das nicht unbedingt unangenehm ist.

Ich weiß, dass Du meine Vorliebe für die Einsamkeit missbilligst, lieber Bones, aber sei versichert, dass es mir gut geht und ich glücklich und zufrieden bin. Calvin ist bei mir, praktisch, schweigsam und zuverlässig wie immer, und ich bin sicher, dass wir beide bis Mitte der Woche alle wichtigen Dinge geregelt und die nötigen Lieferungen aus der Stadt arrangiert haben – und dass dann eine Kompanie Reinigungsfrauen anfängt, den Staub aus diesem Haus zu vertreiben!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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