Nazikind - Anna Louise Rundau - E-Book

Nazikind E-Book

Anna Louise Rundau

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Beschreibung

In dieser Lebens- und Entwicklungsgeschichte zeigt sich, wie die Ideologie der schwarzen Pädagogik und des Nationalsozialismus auf einen Menschen gewirkt hat. Sie ist nicht als Nestbeschmutzung oder Anklage gemeint. Sie ist als Protokoll der Suche nach Klarheit zu verstehen.

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Seitenzahl: 167

Veröffentlichungsjahr: 2021

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meinen Söhnen und E. M.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Frage

Momentfetzen

Dekaden

Erste Dekade (1937 bis 1946)

Zweite Dekade (1947 bis 1956)

Dritte Dekade (1957 bis 1966)

Vierte Dekade (1967 bis 1976)

Von der fünften Dekade bis 2020

Antwort

Anhang Leitworte

Ich frage mich, wie es anfing. Mit „es“ meine ich den Wunsch, meine Geschichte aufzuschreiben. Ich lande in einer Therapiestunde in den 1980er Jahren, die Psychoanalytikerin sagte: Schreiben Sie es auf. Papier ist geduldig. Und ich fing an zu schreiben. In der ersten Zeit hatte ich in der ganzen Wohnung leere Zettel liegen, und wenn Wörter kamen, die aufgeschrieben werden wollten, schrieb oder kritzelte ich sie hin. Ich sammelte diese kleinen Aus-Bruch-Stücke und schnürte irgendwann ein ziemlich großes Paket, brachte es der Psychoanalytikerin und sagte: Hier, das habe ich alles aufgeschrieben.

Anfang der 1990er Jahre nahm ich an einem Kontaktstudiengang für Familienfrauen von der Forschungsstelle Frauenstudien/Frauenforschung teil. Als Abschlussarbeit schrieb ich meine Erinnerungen an Situationen mit meiner Mutter auf. Ich hatte mich für diese Arbeit vierzehn Tage lang in meine Wohnung zurückgezogen, genug Vorräte für die Zeit angelegt, Freundinnen und Söhnen mitgeteilt, dass ich mich auf meine Erinnerungen besinnen will.

Beim Eintauchen in meine ersten Jahre und in die Gefühle, erlebte ich mich kauernd in einer dunklen Ecke in einem Zimmer, mit meinem Rücken an der Wand, mit meinem Blick nach innen, mit einem Satz in mir: ich werde alles sagen – irgendwann.

Ich war fünf oder sechs Jahre alt, als ich mir dieses Versprechen gab, es machte mir möglich, mir eine Zukunft vorzustellen.

Frage

Es war plötzlich in meinem Kopf, das Wort Nazikind. War es aus dem Nichts gekommen oder war es die Quintessenz alles dessen, was ich in meinem Leben erinnert, erfragt, aufgeschrieben hatte? Das Wort gefiel mir nicht. Ich schob es beiseite, wandte mich meinen Alltagsdingen zu. Das Wort tauchte auf und verschwand, tauchte auf und verschwand. Ich fragte mich, was es mit mir zu tun hat. Erst einmal wirkte es fremd. Ich hatte mich in den vergangenen Wochen und Monaten intensiv mit meinen Erinnerungstexten beschäftigt. Ich wollte sie in ein Buch bannen. Nun begann ich zu fragen, ob alles unter diesem Titel erscheinen sollte.

In den 1980er Jahren hatte ich mit dem Aufschreiben begonnen. Im Rahmen meiner Therapie öffneten sich unvermittelt Türen zu Begebenheiten, die ich als Kind erlebt hatte. Es waren kurze Momente, in denen die Gegenwart beiseitegeschoben war und Erlebtes unverfälscht und intensiv, gleichsam konserviert hervortrat. Ich bekam von meiner Therapeutin die Anregung „Schreiben Sie es auf. Papier ist geduldig.“ Überall in meiner Wohnung lagen von da an Zettel und Stifte, und wenn sich eine Tür zum Erleben in der Vergangenheit öffnete, schrieb ich rasch, zügig ohne nachzudenken oder nach Worten zu suchen. Die Worte, die ich als Kind nicht hatte, waren da. Ich sammelte diese kleinen Aus-Bruch-Stücke und schnürte irgendwann ein ziemlich großes Paket, brachte es der Psychoanalytikerin und sagte: „Hier, das habe ich alles aufgeschrieben.“ Nach einem Monat holte ich das Paket wieder ab. Es war nicht aufgeschnürt worden.

1991 zog ich mich für vierzehn Tage zurück und verfasste eine Textsammlung, die ich Kakeidoskop nannte im Gegensatz zu Kaleidoskop, das schöne wechselnde Bilder erzeugt. Ich folgte damit der Aufforderung Grabe wo du stehst, die der Schwede Sven Lindqvist 1978 in einem Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte aufstellte (1989 in Deutsch erschienen).

Die Textsammlung Kakeidoskop gab ich einigen Frauen zum Lesen.

Die Reaktion war entweder Betroffenheit mit Weinen oder Ablehnung mit dem Vorwurf Larmoyanz. Ich legte den Text in einen Schrank.

Wenn ich später diese Texte las, war ich beeindruckt von der Klarheit und Unmittelbarkeit, ich empfand alles als stimmig, ich hatte nichts zu verändern. Ich hatte eine Last abgelegt, denn die in Worte gefassten Erinnerungen waren auf dem Papier und drängten sich nicht mehr in meinen Alltag. Ich schrieb weiterhin plötzlich auftauchende Erinnerungen auf und nannte diese Sammlung Momentfetzen. Jeder Momentfetzen bekam zwei Jahreszahlen: das Jahr des Geschehnisses beziehungsweise des Erlebens und das Jahr des Aufschreibens. Die Erinnerungsfetzen tauchten nicht chronologisch geordnet auf.

In einer angeleiteten Schreibgruppe begann ich, meine Erinnerungen chronologisch aufzuschreiben. So entstand das, was ich die Dekaden nenne: immer in Abschnitten von zehn Jahren. Dazu sammelte ich Material, das zu der jeweiligen Dekade passt: Urkunden, Fotos, Zeitungsartikel, Buchauszüge, Briefe. Die Materialien füllen mehrere Ordner. Die Texte der Dekaden umfassen nur wenige Seiten. Und sie sind in der Suche nach Worten entstanden. Und dabei war die Wucht meiner Gefühle groß. Ich achtete sehr darauf, für den Alltag funktionsfähig zu bleiben. Für die Erinnerung an die unmittelbare Nachkriegszeit nahm ich mir drei Wochen, in denen ich in einer Ferienwohnung in der Nähe der Nordsee in Klausur ging. Erinnerung, Schreiben, Abwechslung durch Bewegung und Ernährung waren mein Programm. Und ein vorher festgesetztes Datum für den Schlusspunkt. Ich ging vorsichtig mit mir um, machte Pausen, ging an den kleinen Fluss,fuhr mit dem Rad, saß auf der Bank auf dem Deich, schaute in den Himmel, der so aussah wie im Mai und Juni 1945.

Damals war das Wort Nazikind noch nicht erschienen.

Nach der Klausur tauchte ich wieder in meinen Alltag. Die beschriebenen Seiten gab ich in den Computer ein, druckte sie aus und sah mich nach Menschen um, denen ich vorlesen durfte. Meine zaghaften Andeutungen, dass ich vorlesen möchte, wurden von einer Freundin aufgenommen. Sie blieb die einzige. Und so sicherte ich alles auf externer Festplatte und USB-Stick und als Ausdruck auf Papier bis 2019. Das war das Jahr, in dem ich anfing, aus den Momentfetzen und den Dekaden das Buch zusammen zu stellen. Und dabei tauchte das Wort Nazikind in meinem Kopf auf.

Auf die Frage, was das Wort Nazikind mit mir zu tun hat, gebe ich am Ende des Buches die Antwort.

Momentfetzen

Hochzeitsfoto meiner Eltern

Hamburg vor Juli 1943 / 1991

Sie im langen weißen Kleid mit langem weißen Schleier,

er im schwarzen Anzug mit halbrasiertem Kopf

vor einer dunklen Wand,

über ihnen hängt ein Bild.

Hitlers Porträt

Als ich das Hochzeitsfoto nach dem Krieg wiedersah,

war am oberen Rand ein kleines Rechteck herausgeschnitten.

Als ich Jahre später wieder Fotos ansehen durfte,

war das Hochzeitsfoto meiner Eltern ganz,

und es war von dem Porträt nichts mehr zu sehen. Meine

Fingerspitze auf dem Foto

und der Satz

Da war doch mal etwas.

wurden weggescheucht durch eine Bewegung mit der Hand

und einen Blick.

Geburt

Lübeck 10. Mai 1937 / 1991

Am Abend des 10. Mai war meine Mutter allein zu Haus. Mein Vater war zu einer Parteiversammlung der NSDAP. Sie hatte ständig das Gefühl, auf das Klo gehen zu müssen, das Wasser lief ihr nur so weg, wie sie sagte. Sie ging in der Wohnung auf und ab, wartete auf Papa, wie sie sagte, und ging auf das Klo.

Endlich, später als er gesagt hatte, nach 22.00 Uhr, kam er. Er brachte sie sofort ins Krankenhaus.

Du warst sofort da, sagte sie zu mir gewandt.

Ich war gerissen, sagte sie, Dammriss. Und sie zeigte

ein Gesicht voller Schmerz.

Sie ist dreißig Jahre, als sie mich, ihr erstes Kind zur Welt bringt. Sie hat sich geärgert, dass am Fuß ihres Bettes geschrieben stand: alte Erstgebärende. Meine Geschwister hat sie in Hamburg in einer Privatklinik entbunden.

Am Anfang

Lübeck Mai 1937 / 1991

Meine Mutter und ich wurden abgeholt aus dem Krankenhaus.

Ich lag in einem Kopfkissen.

Mein Vater und Onkel Alex und Tante Hannah brachten sie und mich in die neue Wohnung, die sie noch nicht gesehen hatte.

Sie hatte bis zu meiner Geburt in der Mengstraße gewohnt und sich unglücklich gefühlt.

Während der Zeit im Krankenhaus machten mein Vater, Onkel

Alex und Tante Hannah den Umzug und richteten die neue

Wohnung in der Ratzeburger Allee ein.

Als sie mit mir in die Wohnung kam, hatte sie keine Nahrung für mich.

Ich hatte keine Milch, sagte sie.

Onkel Alex ging Milch holen, und weil es so windig war, hielt er den offenen Milchtopf in seinem Mantel geschützt vor Staub.

Als sie das erzählte, fühlte ich, wie sie der Anblick dieses groß gewachsenen Mannes gerührt hat, wie er den Milchtopf mit seiner Mantelseite einhüllt.

Sie erzählte, dass ich in einen Wäschekorb gelegt wurde, unten hinein wurden Bücher gelegt.

Ein Bett oder ein Kinderwagen waren noch nicht da.

Papa

Lübeck 1937 / 1991

Papa schob den Kinderwagen.

Das taten andere Männer nicht.

Das war nicht üblich, es galt als unmännlich, wenn ein Mann das tat.

Für mich klang das so, als wolle meine Mutter sagen, wie besonders Papa war.

Sie erzählte uns Kindern: Er kümmerte sich nicht darum, was andere Leute sagen.

Er tat das, was er wollte.

Er half ihr. Er war gut zu ihr und den Kindern, ein guter Papa.

Er hat auch die Windeln gewechselt bei mir und mir Essen gegeben.

Später bei meinen Geschwistern hatte sie Hilfe nicht mehr nötig,

da machte sie es allein.

Daraus klang eine gewisse Befriedigung, wie ich meine, als sie das sagte.

Als er von anderen Männern gehänselt wurde, dass er nur eine

Tochter bekommen habe, hat er, so erzählte sie, gesagt:

Ich habe ein Kindermädchen für meinen Sohn, wenn er kommt.

Auch das fand meine Mutter stark, so kam es bei mir an.

Beschmutztes Nest

Lübeck 1938 oder Hamburg 1939 / 1991

Ich im Gitterbett

an einem Morgen

ich hatte meinen Kot an die Wand

in das Bettzeug

an die Stäbe des Bettes

geschmiert.

Als meine Mutter das uns Kindern erzählt, frage ich:

Was hast du da gemacht? Hast du geschimpft?

Sie zeigt ihr hartes geschlossenes Gesicht

fester geschlossene Lippen.

Ich fühle meinen Rücken schwellen – wund – wund – wund,

sinke mit meinen Gedanken weg,

es ist ein großes un-nenn-bares Dunkel, das mich umhüllt.

Heute weiß ich, sie hat mich geschlagen,

verprügelt,

verdroschen, wie meine Schwester es nannte.

Ich habe das Nest beschmutzt.

Annäherungsversuch

Hamburg 1939 / 1991

Es ist viel Besuch in der Wohnung.

Ich gehe in das Nebenzimmer, da steht der Kinderwagen.

Ich nähere mich dem Kinderwagen.

Das Verdeck ist heruntergelassen.

Ich kann gerade über den Rand des Wagens hineingucken.

Da ist ein kleiner Kopf zu sehen.

Habe ich auch meine Hand ausgestreckt und mit der

Fingerspitze den kleinen Kopf berührt oder mit der flachen

Hand gepatscht?

Das Schreiweinen ruft alle aus dem Wohnzimmer herbei.

Um mich herum stehen viele große Menschen,

ihre Augen sehen auf mich,

ich sehe meine Mutter,

sie hat das schreiende Kind auf dem Arm,

drückt es an sich.

Die Augen, ihre Augen.

Säuglingsschwester

Hamburg vor Juli 1943 / 1991

Die fremde Frau trug einen dunkelblauen Mantel und hatte eine Haube auf ihrem Kopf – weißer Rand und langer nach hinten herunterhängender dunkelblauer Schleier.

Sie hatte eine große Ledertasche, die sie öffnete, in die ich gerne hineinguckte, der ich jedoch nicht allzu nahekommen durfte. Gucken, ja, Anfassen, nein.

Ich sah sie auch auf der Straße gehen, wenn ich aus dem Fenster sah.

Sie ging auch in andere Häuser.

Sie besuchte die Familien, in denen ein Kind geboren war.

Mein Wunsch, was ich werden wollte?

Säuglingsschwester

Soldat

Hamburg vor Juli 1943 / 1991

Er steht in der Küche.

Er hat einen Uniformmantel an. Einen Stahlhelm auf dem Kopf.

Auf der Brust hängt das gebogene Schild an der Kette.

Er zieht seinen Mund zu einem Lächeln,

oder ist Grinsen das richtigere Wort.

Seine Frau mag ihn nicht ansehen. Sie wendet sich ab.

Sie sagt eindringlich, laut und deutlich:

Ich will nichts mitgebracht haben

Ich will nicht, dass du was schickst

Sein Lächel-Grinsen wirkt mühsamer,

sein Imponieren weicht auf.

Ich will das Gewehr sehen.

Nein

Das kommt klar von ihr und wird nicht zurückgenommen.

Er soll die Sachen nicht wieder mitbringen, sagt sie.

Babyrolle

Hamburg vor Juli 1943 / 1991

Im Dunkeln,

im Kinderzimmer, im Bett

versuchte ich, mir eine Babyrolle zu machen mit dem Kamm.

Ich vertüdelte den Kamm in meinem Haar.

Je mehr ich versuchte, ihn herauszubekommen, desto schlimmer.

Ich ging ins Wohnzimmer.

Sie schimpfte und zerrte.

Was machst du aber auch für Sachen.

Sie nahm die Schere und schnitt den Kamm heraus.

Wie siehst du nun aus, so kannst du dich nicht auf der Straße sehen lassen.

Ich schämte mich und fühlte immer nach,

ob das Haar nachgewachsen war.

Pfeifen

Hamburg vor Juli 1943 / 1991

Ich lernte pfeifen, Melodien pfeifen.

Meine Mutter verbot es mir.

Ich fragte: Warum darf ich nicht pfeifen?

Mädchen tun das nicht.

Und sie erzählte, dass sie als Kind gerne Bockspringen gemacht hat. Ihre Mutter hat es ihr verboten, sie tat es heimlich, wenn die Mutter es nicht sah.

Es machte ihr so viel Spaß. Wehe, die Mutter sah es.

Warum durftest du nicht Bockspringen?

Sie schwieg in der Weise, bei der ich nicht weiter fragte.

Ich wollte das Pfeifen nicht aufgeben.

Es war angenehm für mich zu pfeifen.

Die spitzen Lippen, die Leichtigkeit des Halses, die Bewegung, die sich vom Pfeifen und der Melodie von oben nach unten ausdehnte.

Sie berief mich. Sie drohte.

Ich pfiff noch auf der Toilette.

Da, dachte ich, hört sie es nicht.

Ich pfiff.

Ihre Stimme drang durch Mauer und Holz.

Ich verstummte.

Ich nahm mir vor, es nicht zu verlernen und zu pfeifen, wenn ich weit weg bin von ihr, aber ich habe es verlernt.

Wenn ich später fragte, warum Mädchen nicht pfeifen dürfen, hörte ich:

Mädchen, die pfeifen, und Hähne, die krähn, soll man beizeiten die Hälse umdrehn.

Es ist wohl so, dass im Gebrauch des Un-Sprichwortes aus Hennen Hähne gemacht wurden. Trotz des Fehlers wurde die Drohung verstanden.

Was heute an Ton hervor kommt, wenn ich pfeifen möchte, ist schwach und zittrig.

Der alte Ton mit dem Gefühl des graden Nackens stellt sich nicht wieder ein.

Das Messer

Hamburg vor Juli 1943 / 1991

Abendessen am Familientisch

Messer groß und lang

in der Hand von Papa

kleine Hand

meine

oder die meiner Schwester

das Messer schlägt zu, wenn ich etwas greifen will,

wenn meine Schwester zugreifen will

oder mein Bruder

Sprechen ist nicht erlaubt

Ich ducke mich

Sitz grade

Kinder haben zu parieren

ohne Worte

auf Blick

Rathausmarkt

Hamburg vor Juli 1943 / 1991

Er nahm mich mit in die Stadt, zum Rathausmarkt

dort ließ er mich bei den Tauben stehen

und sagte

Warte hier auf mich, geh nicht weg

bleib hier stehen

ich wartete und wartete

ich sah den Tauben zu

ich sah das Rathaus

den Sonnenschein auf dem Pflaster

ich wartete

es war lang

die Sonne war heiß

eine Frau kam und fragte freundlich, was ich hier mache

sie wollte mich wegführen

ich sagte: ich warte auf meinen Papa

Er kam, nahm mich und brachte mich nach Hause

Sie hat mit ihm geschimpft

Das eigene Kind vergessen

einfach stehen lassen mitten in der Stadt

Er sagte nichts dagegen

ich war leer ich konnte nichts sagen

ich habe mich verkrochen

Einkaufen

Hamburg vor Juli 1943 / 1991

Sie schickte mich allein zum Einkaufen.

Ich sehe die Schneewälle auf dem Bürgersteig. Längs der Fahrbahn.

Ich hatte eine Milchkanne aus hellem Metall, etwas verbeult, mit Deckel, der sich manchmal verkantete. Dann ließ er sich schwer öffnen. Und er hatte offen zu sein, wenn ich die Kanne im Laden reichte zum Füllen.

Ich holte auch andere Lebensmittel, Butter, Quark, Käse.

Wenn es drei Dinge waren, hatte ich Mühe, sie auswendig zu lernen. Ich sagte sie mir den ganzen Weg vor, es war schrecklich, wenn ich eins vergaß, und nur noch die Anzahl wusste.

Umkehren und nachfragen? Nein.

Weitergehen und hoffen, dass es mir wieder einfällt? Ja.

Ich hatte genaue Anweisungen, wie ich zu gehen hatte und wo, und wo ich aufzupassen hatte.

Und wenn dir jemand was will, gehst du zum Schutzmann, der hilft.

Grüßen

Hamburg 1938 bis 1943/ 1991

Meine Mutter wies mich an, jeden im Treppenhaus zu grüßen.

Ich sollte immer laut und deutlich Guten Tag sagen.

Das gehört sich so, wir wollen uns nichts nachsagen lassen.

Wenn ich Guten Tag sagte, bekam ich keine Antwort.

Da soll ich mich nicht drum kümmern, sagte sie.

Am Bahnhof

Hamburg vor Juli 1943 / 1991

Der S-Bahnhof Alte Wöhr war derjenige, der am nächsten zu der Wohnung in der Hermann-Kauffmann-Straße war. Von dort aus konnten wir nach Planten un Blomen, Haltestelle Dammtor, oder an die Elbe bei Nienstedten, Haltestelle Klein Flottbek, fahren.

In einem Erinnerungsfetzen sehe ich Güterwagen, die auf dem Nebengleis stehen. Ich sah, wie aus einem schmalen Querfenster oben am Güterwagen flehende Menschengesichter sprechen. Ich wollte hin, wollte verstehen, sah auf meine Mutter, sie hielt mich fest, zog mich weg und sagte: Jetzt kann man nicht mal mehr hier hingehen.

Seitdem ging sie den weiteren Weg zur U-Bahn-Haltestelle Stadtpark (jetzt Saarlandstraße).

Ich erinnere, dass wir einmal im heißen Sommer von der Saarlandstraße zu Fuß nach Hause gingen. Ich protestierte, weil der Weg so lang war, länger als der von der Alten Wöhr, ich maulte und muckschte, beklagte mich auf dem Weg am Kanal entlang. Keine Antwort von meiner Mutter. Starres Gesicht, starrer Körper, unnachgiebiges Weitergehen, stumm und doch beredt.

Heute weiß ich, dass ich damals einen Zug gesehen hatte, in dem Menschen, die zu Juden erklärt worden waren, eingesperrt waren und litten und flehten.

Aufklärung

Hamburg vor Juli 1943 / 1991

Ich durfte einmal unten spielen

allein mit anderen Kindern.

Ich wurde gefragt:

Weißt du, wo die Kinder herkommen?

Ja, vom Klapperstorch.

Die Töne, die aus den Mündern der Kinder kamen, ließen mein Gefühl von sicherem Wissen einbrechen, ließen mich dumm fühlen.

Die Töne ließen mich innen die Frage spüren, woher denn dann?

Den Klapperstorch ließ ich sofort fallen unter dem Eindruck der Töne, der Überlegenheit und der Sicherheit, die die Kinder zeigten.

Öööööh, die kommen aus dem Bauch von der Mutter.

Als ich wieder oben war, teilte ich diese aufregende Nachricht, diese Berichtigung, gleich meiner Schwester mit. Ob mein Bruder dabei war, weiß ich nicht.

Es entlud sich ein Sturm über mir, dass ich den kleinen Kindern sowas erzähle.

Verbot, unten zu spielen. Verbot, mit meiner Schwester und meinem Bruder zu sprechen.

Beim Spaziergang mit Hannelore, dem Pflichtjahrmädchen, wurde ich von ihr harsch angewiesen, in Entfernung zu bleiben, weil ich einen schlechten Einfluss auf die kleinen Geschwister habe.

Ich sehe die beiden Kleinen mit ihr, sie hielt sie an der Hand.

Ich stand allein.

Ich ging allein.

Zuckerbrot

Hamburg vor Juli 1943 / 2020

Meine Geschwister und ich drängen sich in freudiger Erwartung um den Küchentisch, unsere Mutter verspricht uns Zuckerbrot. Sie bestreicht Schwarzbrot mit gelber Butter und streut dann weißen Zucker darauf. Wir sind begeistert und genießen jeden Happen.

Topfauslecken war auch sehr begehrt. Wenn Mama Pudding oder Grießbrei kochte, lungerten wir schon rum und warteten darauf, dass sie die Speise in eine Schüssel füllte. Wir bettelten, dass sie den Topf nicht auskratzt, sondern noch etwas drinlässt. Auch am Kochlöffel sollte noch etwas sein zum Ablecken. Im Topf zog sie Linien und machte damit Felder. Für jeden ein Feld. Und wir hielten uns daran, es gab keine Übergriffe.

Die wunderbarste Zeit war die Adventzeit, wenn die Braunen und Weißen Kuchen und die Makronen und die Terrassen gebacken wurden. Dann gab es Teig zu naschen, nicht zu viel, weil das ungesund war. Es war eine freudige Stimmung rund um den Küchentisch mit der großen Teigschüssel.

Weihnachtsabend I

Hamburg vor Juli 1943 / 1991

Ich bin im Bett, habe geschlafen, bin aufgewacht.

Ich sehe einen Lichtschein,

höre ein Flehen: Nein…nein…nein.

Ich stehe auf, gehe in Richtung Licht,

sehe in das helle Zimmer.

Links am Fenster steht der Weihnachtsbaum,

an der Wand mir gegenüber steht das Sofa,

auf dem Sofa meine Mutter und mein Vater,

sie unten, er oben,

er bedrängt sie, sie wehrt sich.

Ich gehe schnell zurück, wecke meine Schwester,

sie kommt mit.

Als sie die Szene sieht, sagt sie: Mama.

Beide lassen voneinander ab,

sie sehen uns.

Was macht ihr hier!

Ihr sollt im Bett bleiben! Untersteht euch, noch einmal aufzustehn!

Mama schimpft.

Meine Schwester und ich sind ungezogen, unartig.

Wir werden ins Kinderzimmer getrieben.

Da haben wir auch drin zu bleiben,

wenn wir zu Bett gebracht worden sind.

Und der geschmückte Tannenbaum war dabei.

Der Teppichklopfer

Hamburg vor Juli 1943 / 1991

Der Teppichklopfer ist ein wichtiger Gegenstand in meinen ersten Jahren gewesen. Bis 1943, danach hatte sie keinen mehr. Er war verbrannt oder von anderen aus der zerstörten Wohnung genommen.

Sie schlug mit dem Teppichklopfer.

Ich habe sie dabei gesehen, und ich habe sie dabei gefühlt.