Neu codiert - Dirk Otto - E-Book

Neu codiert E-Book

Dirk Otto

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Beschreibung

In nur einer einzigen Nacht wird der linientreue DDR-Bürger Dirk Otto zum Widerstandskämpfer: Er sieht mit an, wie sich seine Kameraden im Zuge der 89er Demonstrationen darauf vorbereiten, mit Waffengewalt gegen das eigene Volk vorzugehen. Otto, gegen den die Stasi bereits wegen verdeckter Kontakte ins nichtsozialistische Ausland ein Ermittlungsverfahren anstrengt, entschließt sich, in die Bundesrepublik zu fliehen und dort mit dem BND an dem Sturz des DDR-Regimes mitzuwirken. »Neu codiert« ist nicht nur ein zeitgeschichtliches Dokument, das den Alltag in der DDR und der Volksarmee lebensnah beschreibt, sondern auch ein Bericht darüber, wie sich ein über Jahrzehnte aufgebautes Wertegefüge binnen weniger Stunden ins Gegenteil verkehren kann.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Meiner lieben Tochter Emelie – und allen Menschen, die für Toleranz, Freiheit und Frieden eintreten.

Neu codiert

Ein Schießbefehl verändert den Lebensweg nachhaltig

Von Dirk Otto

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© 2021 Dirk Otto

Text, Projektkoordination, Satz: Bastian Steinbacher · BastianSteinbacher.de

1. Auflage (November 2021)

978-3-347-46927-3 (Softcover)

978-3-347-46928-0 (Hardcover)

978-3-347-46937-2 (E-Book)

Über den Autor

Aufgewachsen als Sohn einer Lehrerin und eines Ingenieurs in Bannewitz bei Dresden. Unteroffizier bei der Nationalen Volksarmee von Juni 1987 bis Januar 1990. Dann Übersiedlung in die Bundesrepublik. Heute führt er als Manager ein überregionales Wirtschaftsunternehmen und ist Präsident eines branchennahen Berufsverbandes.

Dirk Otto lebt mit seiner Familie in der Nähe von München.

www.NeuCodiert.de

Inhalt

Cover

Urheberrechte

Einleitung

Kapitel: Ein verhängnisvoller Brieffreund

Kapitel: Der Vermerk in der Akte

Kapitel: Der Umschwung in Osteuropa

Kapitel: Die Jugend und das Leben in der DDR

Kapitel: Mein neues Leben als Soldat

Kapitel: Die Lizenz zum Töten

Kapitel: Die Fialka, der Fehler und die Ermittlungen

Kapitel: Im Fokus der Beamten

Kapitel: Zweifel bei der Strafarbeit

Kapitel: Die vergessene Nacht

Kapitel: Der Tag danach

Kapitel: Der Entschluss

Kapitel: Die Flucht

Kapitel: Auf der anderen Seite

Kapitel: Die Rückkehr

Neu codiert

Cover

Urheberrechte

Introduction

Einleitung

Kapitel: Die Rückkehr

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Einleitung

Ohne die Sperrung des Drehkreuzes wäre ich jetzt tot.

Zumindest hätte ich mich mit hoher Wahrscheinlichkeit in akuter Lebensgefahr befunden. Oft hängt die Zukunft von einem einzigen Moment ab.

In meiner Freizeit fahre ich gerne Ski und betätige mich immer mal wieder als Skilehrer. Im November 2000 war ich mit einer kleinen Gruppe unterwegs auf dem Gletscher von Kaprun, einer Gemeinde südwestlich von Salzburg in den österreichischen Alpen. Das Wetter war herrlich an diesem Morgen, der blaue Himmel erstrahlte über dem Kitzsteinhorn und wir alle konnten uns vor lauter Vorfreude kaum noch in den Sitzen halten.

Ein langer Reisebus beförderte uns zum Parkplatz, von dem aus wir noch ungefähr 200 Meter zu Fuß zur Lifteinrichtung zurücklegen mussten. Auf der Hinfahrt wollte ein Mitglied unserer Gruppe noch schnell an einem Rastplatz halten. Ich weiß noch, wie ich mich ärgerte; warum anhalten? Wir waren doch fast da, am Lift würde es ebenfalls Toiletten geben sowie einen angeschlossenen Mini-Markt. War das wirklich notwendig? Ja, ist es, signalisierte mir die Truppe. Also gut, legen wir einen weiteren Zwischenstopp ein. Unsere Reise sollte nach einer kurzen Unterbrechung weitergehen.

Nach Ankunft trabten wir gemeinsam in Richtung der Lifteinrichtung. Ich blickte nach hinten und sah, dass noch in Rucksäcken geraschelt und an Schuhen geschnürt wurde. Ich entschied mich dazu, schon mal ‚vorzufahren‘, Treffpunkt war ohnehin oben auf dem Gletscher, die Bahn kam alle 20 Minuten, der Rest meiner Schützlinge würde eine Fahrt später nehmen müssen.

Kurz vor Erreichen der Lifteinrichtung sah ich, wie andere Fahrgäste vor mir die Bahn bestiegen; ich begann zu sprinten, »das schaffe ich noch!« – doch das Drehkreuz war bereits gesperrt, die Bahn voll. Ich musste die nächste Fahreinheit abwarten.

***

Nur eine halbe Stunde später beflogen Hubschrauber das Gebiet und die Feuerwehr rückte mit mehreren Einsatzwagen an. Sanitäter eilten an uns vorbei, Hektik, Trubel, Gebrüll. Nach einer Zeit kam ein Bediensteter auf uns zu, sprach was von „Feuer im Tunnel“ und forderte uns auf, zurück zum Parkplatz zu gehen. Wir alle spürten, dass etwas Furchtbares passiert sein musste.

***

Nach Verlassen der Talstation bog die Zahnradbahn, die ich um nur wenige Sekunden verpasst hatte, über eine 200 Meter lange Brücke in den im Felsen gelegenen Tunnel ein. Im letzten Drittel der insgesamt vier Kilometer langen Strecke entzündete sich aufgrund eines im Führerstand befindlichen Heizlüfters ein Brand. Das Feuer brachte das Abteil mitten im Stollen zum Erliegen und versetzte die Fahrgäste in Panik. Sie schlugen die Plexiglasscheiben ein und zwängten sich aus dem Abteil. Instinktiv liefen sie von dort aus nach oben, dem Licht der Freiheit entgegen, was sich als tödliche Sackgasse entpuppte, weil das Gasgemisch ebenfalls nach oben stieg und den Passagieren die Luft zum Atem raubte.

Lediglich zwölf Passagiere überlebten das Unglück; 155 Menschen starben, für die Republik Österreich die schlimmste Katastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg.

Und ich? Wäre beinahe mittendrin gewesen. Ich überlebte, weil das Drehkreuz gesperrt war. Was wohl passiert wäre, hätte unser Teilnehmer nicht noch die Pause einlegen wollen? Was, wären wir zwei Minuten früher vom Rastplatz abgefahren? Die Entscheidung eines einzigen Menschen machte den Unterschied. Ein Umstand, über den ich mich zunächst ärgerte, stellte sich als lebensrettende Fügung heraus.

Dieses Motiv, es auf den zweiten Blick ankommen zu lassen, sollte mir in meinem Leben immer wieder begegnen.

Heute bin ich Geschäftsführer eines großen Unternehmens und Präsident eines branchennahen Berufsverbandes. Das ist karrieretechnisch mehr, als ich mir jemals erträumt hätte, vor allem, wenn ich die Vorstellungen gegenüberstelle, die ich 30 Jahre zuvor hatte, als ich in der Kaserne auf meiner Bettkante saß. Ich sah mich als Ingenieur oder Maschinenbauer in einem Dresdner Betrieb arbeiten, eine Familie gründen und die Zeit genießen. Aber aus der DDR fliehen? Verrat begehen? Fortbildungen absolvieren, beruflich umsatteln und eine Karriere anstreben? Das alles hatte ich nicht auf dem Schirm; bereits das kritische Reflektieren der herrschenden politischen Ideologie lag mir fern.

Das Zurückliegende fühlt sich wie ein anderes Leben an; wohl einer der Gründe, das Erlebte niederzuschreiben, ehe es in Vergessenheit gerät.

***

Ich schreibe diese Zeilen im Herbst 2021. Die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands ist über 30 Jahre her. Damals war ich froh über den Fall des Eisernen Vorhangs und über den Sieg gegen ein totalitäres System. Die Niederreißung der Mauer ließ uns aufatmen; nirgendwo anders manifestierte sich der Kalte Krieg so konkret wie inmitten der Millionenstadt, die 1961 in zwei Hälften geteilt wurde. Ab 1990 durfte das deutsche Volk dann wieder zusammenwachsen, wir alle waren bereit, neue Kapitel zu schreiben, und insbesondere jüngere DDR-Bürger spürten den Drang, endlich ein Leben in Freiheit zu führen.

In den heutigen frühen 2020er-Jahren sehe ich autoritäre Systeme in einigen Regionen dieser Erde auf dem Vormarsch. Sogar bei uns in der Bundesrepublik gibt es politische Strömungen, deren vorgeschlagene Route ich nicht als liberal einordne; wenn das Individuum zu sehr zurückstecken soll, werde ich skeptisch, weil es mich an das Wesen der DDR erinnert. Auch damals gab es gewisse Ziele, hinter denen sich der einzelne Bürger einzuordnen hatte. Natürlich werden heutzutage andere Motive auf die Wände geklebt. Zwar glaube ich nicht, dass eine Partei dem Land vorsätzlich schaden möchte, aber die ein oder andere Parallele beschäftigt mich schon. Früher fing ebenfalls alles langsam an und wurde Stück für Stück ausgebaut. Ich glaube, dass sich viele Bürger auf weitreichende Einschnitte einlassen, wenn man ihnen das „höhere Ziel“ nur häufig genug vorbetet.

Haben wir im Westen überhaupt noch eine gemeinsame Vision? Wir sind gespalten und können uns in den großen Fragen (Corona, Klima, Migration) auf keine gemeinsame Position mehr einigen. In Sozialen Netzwerken zerfleddern wir uns und vergessen, dass wir doch alle Teil einer Gemeinschaft sind.

In den folgenden Kapiteln berichte ich über mein Aufwachsen in der DDR, über meine Zeit als Soldat und meine Übersiedelung in die Bundesrepublik. Ich verstehe dieses Buch nicht als Abrechnung, auch wenn ich nicht verhehle, dass missgünstige Gedanken entstanden, als ich mich in die damalige Zeit zurückversetzte. Die seitens der damaligen DDR-Regierung erzeugte Stimmung brachte mich dazu, mich an einer Kehrtwende, ja dem Sturz meines Heimat-Regimes beteiligen zu wollen.

Begeben wir uns zu Beginn an den Ort, an dem ich heute mit meiner Familie lebe. Ich habe die Schublade mit dem Archivmaterial geöffnet und blättere in den Dokumenten, die ich mir nach dem Fall der DDR besorgen konnte …

Kapitel: Ein verhängnisvoller Brieffreund

Herausarbeitung des Charakters der Rückverbindungen und

Ursachen der Verschleierung über die Adresse der Großmutter.

Dieser Satz blieb mir hängen. Ich stand in meiner Wohnung und wusste nicht, wie mir geschah.

War ich wütend, weil ich monatelang durchleuchtet wurde? Von wem? Wer waren die IMs „Pohle“ und „Georgie“, die auf mich angesetzt wurden?

War es Erleichterung, weil die Grenzen geöffnet wurden und sich das Ministerium für Staatssicherheit, wie die „Stasi“ offiziell hieß, in Luft aufgelöst hatte und das Ermittlungsverfahren gegen mich fallen gelassen wurde?

Vielleicht war ich in Sorge, weil ich nicht wusste, ob es Vergeltungsakte geben würde. Wer sich einmal so nah an mich heranpirscht, tut das möglicherweise mehrmals. Bestimmt war es von allem ein bisschen und ich muss sagen: Ich hatte es kommen sehen.

Immer wieder hegte ich Zweifel, ob ich das, was ich tat, fortführen sollte. Es hatte sich rumgesprochen, wie Pakete durchsucht wurden, und es war nur eine Frage der Zeit, bis man mir auf die Schliche käme.

Wenn ich das 30 Jahre später erzähle, klinge ich wie ein Verbrecher. „Auf die Schliche“ kommt man doch eigentlich nur Kriminellen; Mördern, Räubern, Triebtätern. Aber so muss man es so sagen: Aus Sicht der Regierung war ich kriminell.

***

Mit 16 befand ich mich in der Blütezeit der Pubertät: Ich fuhr ein Moped, trug tolle Klamotten, war viel mit Freunden unterwegs und genoss die unbeschwerte Zeit, führte ein ganz normales Leben. Mein Vater arbeitete als Ingenieur bei der Post, meine Mutter als Lehrerin, wir hatten nicht viel, aber auch nicht wenig, uns ging es gut. Die sozialistische Indoktrination habe ich zwar wahrgenommen, aber nicht weiter reflektiert. Amerika und der Westen waren ‚böse‘, Konzepte wie Kapital, Wohlstand und Freiheit wurden verhöhnt und in der DDR standen wir auf der Seite der ‚Guten‘. Mich interessierte das nicht; meine Tage waren vollgepackt mit Hausaufgaben, dem Werkkeller und dem Besuch von Badeseen.

Meine Oma erzählte mir eines Tages, sie habe Kontakt zu einer Bekannten, die einige Jahre vorher in den Westen übergesiedelt war. Sie bot mir an, einen Brief an sie zu schreiben, da sie einen Sohn hatte, der ebenfalls in meinem Alter war. Ich verbrachte gerne Zeit mit meiner Oma, sie hatte ein Funkeln in den Augen und gewann mit ihrer mitreißenden Art Menschen für sich. Ich willigte ein – ein Brieffreund im Ausland, sowas hatten meine Kumpels nicht. Spannend klang das – und auch ein bisschen aufregend.

Der Brief war schnell geschrieben, ich gab mir nicht besonders viel Mühe. Ein bisschen erzählte ich von meinem Zimmer, dem Zweirad und meinen anderen Freunden, verklebte ihn und übergab ihn meiner Oma, die ihn in die Stadt mitnahm und dort versendete. Ob ich wohl eines Tages eine Antwort erhalten würde?

***

Sie kam – und wie!

Sein Brief war um einiges ausführlicher als meiner. André hieß der Junge, und er erzählte mir ausführlich von der Wohnung, in der er mit seiner Mutter lebte, seinen Steckenpferden und dem, was er in seiner Freizeit so trieb. Außerdem legte er drei Klebesticker in den Umschlag, auf denen verschiedene Abbildungen von Motorrädern zu sehen waren – ich war völlig aus dem Häuschen! Auch meine Oma war gerührt, als sie ein paar Tage später zu Besuch bei uns war und ich ihr den Brief zeigte: „Das finde ich aber toll, dass er dir so nett geantwortet hat! Jetzt hast du einen neuen Freund gewonnen!“ Ich war motiviert, mir bei meiner Antwort dieses Mal ebenso viel Mühe zu geben und verfasste ein mindestens genauso langes Schreiben an André. Zwar hatte ich keine Sticker, aber ich zeichnete ihm den Zündschlüssel meines Mopeds an den Rand. Bestimmt würde er sich darüber freuen.

Die Brieffreundschaft ging eine Weile hin und her. Zu Beginn noch im Zwei-Wochen-Takt, mittelfristig alle drei bis vier Monate. Nicht jedem Brief lag ein Geschenk bei, aber wenn, dann freute ich mich sehr. Neben Süßigkeiten wie Schokolade gab es die ein oder andere Chrom-Kassette, die ich über das Gerät meines Vaters abspielen konnte. Das hatte neben dem ideellen auch einen realen Wert, da ich in meinem Freundeskreis immer öfter für die Musik zuständig war. Es entwickelte sich ein Hobby daraus und ich wurde zum DJ; wann immer wir uns in größerer Runde trafen, übernahm ich die Verantwortung für die musikalische Untermalung des Abends. Zwar gab es damals einige ostdeutsche Rockbands, aber wir zogen es vor, die Musik von Rockbands aus dem Westen zu hören. Es machte mir großen Spaß, die Kassetten von André aufzulegen und die Leute mit erstklassiger Rock- und Popmusik zu verwöhnen. Dass das nicht erlaubt war, tat den Abenden keinen Abbruch; im Gegenteil, wir fühlten uns auf gewisse Weise wichtig, etwas Halb-Verbotenes zu tun und die ganze Nacht zu trinken und zu den Hits von Falco, Nena oder deutschen Punkbands zu tanzen.

Wenn ich das mit einbeziehe, war es fast so, als wäre André mit anwesend gewesen, wie in einer echten Freundschaft. Ich werde wehmütig, wenn ich mir vorstelle, wie es die Beziehung zwischen heutigen Jugendlichen verändern würde, wenn sie sich statt WhatsApp-Nachrichten im Minutentakt alle paar Wochen einen handgeschriebenen Brief senden würden …

***

Zu Weihnachten musste mein Vater bei der Post eine Art Hilfsdienst leisten; normalerweise arbeitete er dort als Ingenieur, doch zu Zeiten des vorfestlichen Trubels sollte er Kollegen in der Paketzuordnung unter die Arme greifen. Er nahm mich das ein oder andere Mal mit und ich durfte mich in der großen Halle frei bewegen und die Flut an Paketen entlang der Postleitzahlen sortieren. Riesige LKWs, gefühlt zehnmal so groß wie ich, fuhren stapelweise Pakete herein, die zunächst über ein Fließband in eine abgetrennte Nebenhalle geschoben wurden. Zu dieser hatte ich keinen Zutritt, aber nach wenigen Tagen verstand ich, dass diese dort auf staatsfeindliche Verdachtsmomente hin untersucht wurden. Die allermeisten waren nicht weiter auffällig; Menschen versendeten Schokolade, Kaffee, Grundnahrungsmittel oder Kleidung, aber ab und zu gab es unlautere Inhalte, wie etwa Briefe in Anoraks oder kritische Bücher in Schuhkartons. Es ging alles sehr schnell und die Berge an Päckchen wurden im Akkordtempo bearbeitet. Auch wenn ich nie einen Durchsuchungsprozess beobachtet hatte, bekam ich zum ersten Mal einen Eindruck von der Akribie des Geheimdienstes – etwas Derartiges war zur gleichen Zeit im Westen undenkbar.

***

Die Brieffreundschaft ging weiter und mit 19 stand ich vor der militärischen Grundausbildung bei der Nationalen Volksarmee (NVA). Durch diese bekam das Verhältnis zu André eine besondere Note, da er zur gleichen Zeit seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr absolvieren musste. Es war nicht mein sehnlichster Wunsch, zur Armee zu gehen, aber ich wollte Elektrotechnik an der Hochschule in Dresden studieren und dies war mir nur möglich, wenn ich einen dreijährigen Grundwehrdienst vorweisen konnte. Unser Briefkontakt intensivierte sich, da mir der harte Drill des Militärs an der ein oder anderen Stelle zu schaffen machte und ich auf die Erfahrungsberichte von André gespannt war.

***

Bei der NVA gab es auch den ersten Moment, an dem ich schlucken musste, da ich bei der Einweisung gefragt wurde, ob ich Kontakte ins nichtsozialistische Ausland pflegte. Über die Antwort musste ich nicht lange nachdenken: „Nein“, natürlich nicht. Äußerlich wirkte ich bestimmt, aber innerlich nagte es an mir, die Brieffreundschaft verbergen und meine Vorgesetzten anlügen zu müssen. Mit „Kontakte“ waren schließlich nicht nur militärische oder gar staatsfeindlich intendierte Bemühungen gemeint, sondern eben auch Brieffreundschaften. Das straffe Programm und die geforderte Disziplin erstickten jedoch jedes Nachdenken darüber im Keim.

Allmählich gewöhnte ich mich an meine Rolle als Rekrut und an den Umgang in der Kaserne. Nach ein paar Monaten sollte ich im Chiffrierdienst eingesetzt werden. Dieser nahm eine besondere Rolle in der Volksarmee ein, was verständlich ist, wenn man ein paar Jahrzehnte zurückblickt: Ende 1939 eroberte die deutsche Wehrmacht in Windeseile fast alle europäischen Nachbarstaaten. Kurz nach dem Überfall auf Polen erklärte Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg und wenige Stunden später auch Frankreich. Das Deutsche Reich hatte sich geweigert, das Ultimatum, die Truppen aus Polen zurückzuziehen, zu erfüllen. Damit begann der Zweite Weltkrieg, der erst sechs Jahre später nach Millionen von zivilen Opfern und unzähligen zerstörten Städten beendet werden konnte. Als einer der Hauptwendepunkte galt damals die Entschlüsselung der Funksprüche der Wehrmacht. Insbesondere den Briten gelang mithilfe einer Rotor-Schlüsselmaschine („Enigma“) die kontinuierliche Decodierung des deutschen Nachrichtenverkehrs, was ihnen erhebliche Vorteile in der Kriegsführung brachte.