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Stephan Urbach

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Beschreibung

Stephan Urbach wird als junger Hacker Mitglied der Netzaktivistengruppe Telecomix. Diese sorgt dafür, dass die Menschen in Krisenländern wie Syrien und Ägypten während des Arabischen Frühlings via Internet weiterhin ihre Stimme in die Welt tragen können. Von der anfänglichen Euphorie getrieben, ihm unbekannten Leuten helfen zu können, stürzt Stephan sich immer weiter in das Projekt – und vergisst darüber sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse. Schlaf, Essen und soziale Kontakte werden durch Kaffee, Zigaretten und Onlinechatgruppen ersetzt, bis er schließlich zusammenbricht. Seinem Ruf als Superheld im Internet fühlt sich Stephan immer weniger gewachsen, bis ein radikaler Selbstmord ihm als einziger Ausweg erscheint. Nur durch die Hilfe seiner Onlinefreunde schafft er es, diesem Teufelskreis zu entkommen und ist heute, nur wenige Jahre später, ein erfolgreicher und vielgebuchter Spezialist für Netz- und Datenschutzfragen.

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Stephan Urbach

mit Ingo Petz

.NEUSTART

Aus dem Leben eines Netzaktivisten

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Stephan Urbach wird als junger Hacker Mitglied der Netzaktivistengruppe Telecomix. Diese sorgt dafür, dass die Menschen in Krisenländern wie Syrien und Ägypten während des Arabischen Frühlings via Internet weiterhin ihre Stimme in die Welt tragen können. Von der anfänglichen Euphorie getrieben, ihm unbekannten Leuten helfen zu können, stürzt Stephan sich immer weiter in das Projekt – und vergisst darüber sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse. Schlaf, Essen und soziale Kontakte werden durch Kaffee, Zigaretten und Onlinechatgruppen ersetzt, bis er schließlich zusammenbricht. Seinem Ruf als Superheld im Internet fühlt sich Stephan immer weniger gewachsen, bis ein radikaler Selbstmord ihm als einziger Ausweg erscheint. Nur durch die Hilfe seiner Onlinefreunde schafft er es, diesem Teufelskreis zu entkommen und ist heute, nur wenige Jahre später, ein erfolgreicher und vielgebuchter Spezialist für Netz- und Datenschutzfragen.

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

Vorwort

Das ist meine Geschichte

Grundakkord

Weltensucher

Forscherdrang

»Nach Hause telefonieren…«

Bildungspunk

Muttersterben

Es ist gut, wenn man brennt

Polyphonie

It’s political, stupid!

Ich bin ein mächtiger Pirat!

Telecomix

B-B-B-Berlin, Baby!

Tunesia was on my mind

Error 404 – page not found

Der Wahnsinn beginnt. Tunesien, Ägypten

Killswitch. 85 Millionen Ägypter ohne Internet

Do-ocracy. Zuerst handeln, dann diskutieren

Weiter geht’s. Libyen

Muhammad, Syrien

Klimax

Making the web – even if your local dictator hates it

Let’s meet in better times

Phantom Menace

Outro

The Telecomix system is going down for a reboot

Schluss. Ende. Aus. Neustart.

If there’s one thing [...]

Anhang: Wie man ein dezentrales Cluster wie Telecomix baut

Glossar

Danke-Sagen

Für Muhammad.

Für Cameron.

 

There is no dancefloor anymore.

 

Liebe ist die Struktur der allgemeinen Vereinbarung

in dem vereinbarten Text.

 

Cameron

Vorwort

von Jürgen »tante« Geuter

Es gibt Momente im Leben, die sich ins Gehirn einbrennen. Die Aufregung des ersten Schultags. Die Wärme des ersten Kusses. Der Herzschlag im Moment des Verliebens. Der kalte Schmerz beim Verlust eines geliebten Menschen.

Es sind diese prägenden Momente, an denen sich die Biografie eines Menschen formt. Momente, über die man noch Jahre später redet, im Kreise von Freunden und Familie, lachend, schulterklopfend, glücklich, traurig oder still und nachdenklich.

»Weißt du noch, damals …«

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich das erste Mal direkt mit Stephan Urbach gesprochen habe. Es muss irgendwann im Jahr 2011 gewesen sein, irgendwo an der Schnittstelle zwischen Frühling und Sommer, wenn die Tage langsam länger werden und die Abende von der Wärme des Tages nachglühen. Ich weiß auch nicht mehr genau, was das Thema unseres ersten digital vermittelten Gesprächs war. Wahrscheinlich ging es um die Anbahnung eines Interviews für einen Podcast, das ich mit dem bekannten Vertreter der Netzaktivisten von Telecomix führen wollte. Aufgrund ihrer Aktivitäten während des ägyptischen Frühlings waren Stephan Urbach und Telecomix zu Berühmtheit gelangt.

Eigentlich sollte ich mich erinnern können, immerhin trat damit einer meiner heute besten Freunde in mein Leben. Vielleicht ist mir der Moment nur deshalb verloren gegangen, weil ich dort mit »dem anderen Stephan Urbach« sprach, dem prominenten Netzaktivisten aus Funk und Fernsehen.

Meinen Freund tomate kannte ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht. Erst während wir später gemeinsam an Texten arbeiteten, uns immer häufiger unterhielten, merkte ich, wie deutlich die Linie zwischen der öffentlichen Person, dem Helden, und dem Menschen dahinter verlief. Wie die Erfolge des Netzaktivisten tomate die Person Stephan Urbach an den Rand der Existenz gebracht haben. Und wie bei aller »getting things done«-Mentalität des Aktivisten Stephan Urbach die direkte Erfahrung des Leids der Menschen in Syrien den empathischen tomate langsam aufgefressen haben.

Die Geschichte, die dieses Buch erzählt, ist eine Geschichte des Beinahescheiterns. Es ist eine Geschichte der Selbstaufgabe und -zerstörung und ein Zeugnis dessen, was die Nachrichtenbilder und Artikel in Zeitungen nicht erzählen. Wir vergessen nur zu leicht und gerne, dass die besonderen Leistungen und Ereignisse von Menschen bestimmt werden. Menschen, die im Angesicht der Katastrophe, des Leids oder der Ungerechtigkeit aufstehen und sagen: So nicht mehr.

Wenn die Zeit der Schlagzeilen vorbei ist und der mediale Zirkus zum nächsten Event weiterzieht, bleiben die Menschen – die Betroffenen wie auch die Aktivisten – alleine mit sich selbst zurück.

Der britische Philosoph Bertrand Russell begann das Vorwort seiner Autobiografie mit dem Satz: »Drei einfache, doch übermächtige Leidenschaften haben mein Leben bestimmt: das Verlangen nach Liebe, der Drang nach Erkenntnis und ein unerträgliches Mitgefühl für die Leiden der Menschheit.«

An diesen Satz musste ich beim Lesen der vorliegenden Geschichte immer wieder denken. Daran, wie das Mitgefühl für das Leiden der Menschheit auch die Stärksten in unserer Mitte aufreiben kann. Wir entrücken die Menschen, die Besonderes für uns alle tun, verklären sie zu überlebensgroßen Heldenfiguren. Und dann wundern wir uns, wenn sie zerbrechen. Am Stress, an der Last, am Leid, am eigenen Unvermögen, die Welt auf einen besseren Weg zu steuern.

Auch deshalb ist die Erzählung von Menschen wie Stephan Urbach wichtig: nicht nur, um zu verstehen, dass große Taten aus unserer Mitte und sogar aus uns selbst entstehen können, sondern auch, um zu begreifen, dass wir die Verpflichtung haben, uns um die Menschen, die sich für uns in die Bresche werfen, zu kümmern. Ihnen stützend, als Freund oder Freundin, als Anker in der Welt diesseits der Grenze zu den fast mythischen Ereignissen der Weltpolitik zur Seite zu stehen.

Ich habe das Glück, das Privileg, tomate meinen Freund nennen zu dürfen und ihn in meinem Leben zu haben.

Dieses Buch hat mir viele neue Facetten meines Freundes gezeigt. Es lässt mich zurück in Ehrfurcht vor dem, was menschlicher Wille alles leisten kann. Es hat in mir den Wunsch entfacht, mich besser um Menschen zu kümmern, die mir nahe und wichtig sind. Und den Wunsch, jetzt, in diesem Moment und mit diesem Atemzug, die Welt ein wenig besser machen zu wollen.

Mehr kann kein Buch der Welt leisten.

Das ist meine Geschichte

Ich muss etwas gestehen. Etwas sehr Persönliches. Ich wollte sterben.

Ich schlucke und starre auf das, was ich schreibe, taste jedes Wort mit den Augen ab und scanne die Bedeutung, die dahintersteckt. Sterben. Das Wort brennt sich in meine Netzhaut, schmerzt beim Ansehen. Wollte ich wirklich sterben? Ja. Das wollte ich. Ich wollte mich von diesem Alptraum, den andere Leben nennen, befreien. In der Nacht vom 12. auf den 13. August 2011 entschied ich mich jedoch dagegen. Ich entschied mich für das Leben, obwohl ich in jenem Moment keine Ahnung hatte, was das sein sollte. Was das noch sein konnte. Nach all dem, was ich erlebt hatte. Ich fühlte mich wie eine Hülle, die kurz davor war, sich in Luft aufzulösen.

Für meinen Selbstmord hatte ich alles geplant. Ich hatte geplant, wie ich es tun würde. Ich hatte die notwendigen Werkzeuge besorgt. Und ich hatte Vorbereitungen getroffen, wie meine Familie an die Zugangsberechtigungen zu meinen Internet-Accounts gelangen konnte. Mein Leben fand zu neunzig Prozent im Internet statt. Ich lebte im Internet. Also schrieb ich auf, wie man an meine E-Mail-Accounts gelangte, an meinen Server, an meine Chat-Sessions, und wer über meinen Tod informiert werden sollte.

Ich werde nicht beschreiben, wie ich es tun wollte. Das geht niemanden etwas an. Und letzten Endes ist das auch nicht wichtig. Der Tod sollte einen Punkt setzen. Mehr nicht.

Auf meinem Server hatte ich einen Totmannschalter installiert. Das heißt: Alle 24 Stunden musste ich einen Befehl eingeben, damit das System wusste, dass ich noch lebte. Blieb der Befehl aus, wusste das System, was es zu tun hatte: Ein Abschiedsblogpost wäre auf meinem Blog erschienen und über meinen Twitter-Account verbreitet worden. Mein Vater hätte eine Abschiedsmail bekommen. Meine Chat-Sessions hätten sich geschlossen, indem mein Nickname jeden Chat automatisch verlassen hätte. Eine E-Mail mit Zugangsdaten zu diversen Systemen wäre an einige Mitglieder der Aktivistengruppe Telecomix versandt worden. Das Wichtigste: Mein privater E-Mail-Account hätte sich automatisch geleert. Für einen anderen Account wären die Zugangsdaten an diverse Freunde und Bekannte verschickt worden. Ich besaß nicht viel, was ich meiner Nachwelt hinterlassen konnte. Aber auch mein Testament hätte sich automatisch verschickt. Ich hatte an alles gedacht. Meine Depression hatte mich dazu getrieben, das alles beenden zu wollen. Bevor aber alles zu Ende gehen würde, wollte ich zumindest das Ende wohlgeordnet vorbereiten. Mein Leben war alles andere als geordnet gewesen. Mein Ende aber sollte es sein: geordnet.

Ich litt unter einer Depression. Es ist seltsam, das nun so klar zu benennen. Eigentlich war ich mir dessen schon lange bewusst, aber ich konnte es nicht in Worte fassen. Weil ich Angst davor hatte, weil ich sie nicht ertragen wollte – die Wahrheit. Depression. So was haben doch die anderen. Diese übereifrigen, Burnout-geplagten Workaholics und Supermanager, aber doch nicht ich. Depression ist was für Schwache. Ich aber bin nicht schwach. Ich bin stark. Mich haut nichts so schnell um. Es war alles einfach nur ein bisschen zu viel geworden. Und mal nicht mehr funktionieren zu können, am Ende seiner Kräfte und übermüdet zu sein, das kann schließlich jedem mal passieren.

Aber ich war nicht nur vorübergehend übermüdet, überarbeitet, fertig, platt, alle. Ich war am Ende meiner physischen und seelischen Kräfte. Die Symptome waren eindeutig. Diese Leere, die in mir aufstieg, wenn ich nicht am Rechner saß. Diese furchtbare Leere. Dieses Gefühl der Sinnlosigkeit, das sich wie ein Schwamm in mir aufblähte, sobald ich mir keine Ablenkung verschaffen konnte wie ein Junkie seinen Stoff. Dieses Gefühl der eigenen Nutzlosigkeit. Wenn kein Symbol auf dem Rechner aufblinkte und mir damit Zeichen gab, dass jemand kommunizieren wollte. Diese verdammte, höllische Leere, die zu Schmerz wurde, wenn ich zu lange mit mir alleine war. Ein Schmerz, der aus der Seele kam. Die Leere war ein helldunkles Grau, das alles in mir mit dem großen Nichts füllte, die Wirklichkeit verdrängte, ihr keinen Platz mehr in mir gab, keine Farben und guten Gefühle mehr zuließ.

Es klingt idiotisch. Aber allein das Aufblinken des Cursors auf dem Bildschirm konnte mich zufriedenstellen. Wenn der Cursor blinkte, war alles gut. Keine Leere. Keine Angst. Meine Existenz hatte einen Sinn. Jemand wollte mit mir kommunizieren. Ich hatte etwas zu tun. Der Drang, im Internet aktiv zu sein. Ich befand mich in einer Dauerschleife, in einer Spirale, deren Sog mich nach unten katapultierte. Chat-Fenster waren für mich realer als der Baum vor dem Küchenfenster. Realer als die Sonne, die das Fenster in meiner Wohnung wärmte.

Eine einzige Twitter-Nachricht war wichtiger als die tägliche Körperpflege. Selbst das Duschen verursachte Schmerzen. Unter der Brause stehend, spürte ich meinen Herzschlag, hörte das Rauschen des Bluts im Ohr und war mir bewusst, wie einsam ich eigentlich war. Selbst das Rauschen des Wassers verschwand im Rauschen, das ich in meinen Ohren spürte. Dieses Rauschen übertönte alles. Das Leben aber klingt anders. Leben klingt nicht wie dieses Rauschen in den Ohren. Leben ist der Wind in den Baumwipfeln, der hochdrehende Motor auf der Straße, das Klappern der Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. Leben ist das Geräusch, das spielende Kinder machen; die Musik, die aus dem Café dringt; die zwitschernden Vögel, die den Morgen begrüßen. All die Geräusche, die von den meisten Menschen als Lärm abgetan werden. Ich aber habe ständig dieses Rauschen im Ohr. Das Rauschen der Einsamkeit. Mit dem Rauschen kommt die Angst vor dem Gedanken, dass die eigene Existenz nichts anderes ist als schnöde, sinnentleerte Funktion. Ein Organismus funktioniert. Man funktioniert. Tagaus, tagein. Aufstehen, waschen, arbeiten, essen, schlafen. Damit wollte ich mich aber nicht abfinden. Wer will das schon? Nur funktionieren. Wie ein verdammter Roboter, wie ein Zombie. Aber wie lebt man wirklich? Wie lebt man sinnvoll? Wie wird man glücklich? Das hatte ich nie gelernt. Ich wusste es nicht.

Ich kämpfte. Ich kämpfte gegen meinen Schlafzyklus, gegen meine Essgewohnheiten und gegen den Drang nach Erholung, die mein müder Kopf einforderte. Zu manchen Zeiten war es für mich normal, mehr als dreißig Stunden wach zu bleiben. Ich kämpfte gegen den Schlaf. Ich kämpfte gegen mein Leben.

Der Tod, Schlafes Bruder. Ich wollte nun schlafen. Lange schlafen. Endlich ausruhen. Nur einmal richtig schlafen. Die müden Arme einfach liegen lassen, die Augen geschlossen halten und die Welt da draußen nicht mehr ertragen müssen, abtauchen, verschwinden.

 

Tag für Tag prasselten diese schlimmen Nachrichten auf mich ein. Tragische Nachrichten, die mich nicht direkt betrafen. Denn ich lebte ja weit weg. Dennoch berührten mich diese Nachrichten – und sie trafen mich. Sie jagten Pfeile in meine Seele. Der Druck wuchs, jenen zu helfen, die unter gefährlichen Bedingungen für ihre Freiheitsrechte kämpften. Ich war Mitglied der Internet-Aktivistengruppe Telecomix, die aus internationalen Hackern und Netzaktivisten bestand. Wir hatten beschlossen, den Demonstranten des Arabischen Frühlings zu helfen, indem wir beispielsweise das Internet über Modems wiederherstellten, nachdem es vom Mubarak-Regime abgeschaltet worden war. In Syrien halfen wir Oppositionellen, Videos von ungeheuren Grausamkeiten über das Internet zu verbreiten. Je mehr wir aber halfen, desto größer wurde unsere Verantwortung, desto größer wurde meine Verantwortung. Ich rotierte rund um die Uhr und vergaß darüber mein eigenes Leben, das im grauen Nebel der Depression verschwand.

Kairo. Tripolis. Damaskus. Alles Orte, an denen Menschen ab Dezember 2010 während des sogenannten Arabischen Frühlings aufstanden, um für ihr Recht zu kämpfen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung, auf freie Entscheidungen. Gegen die Herrschaft alter Männer, für die Selbstbestimmung.

Wir mussten ihnen einfach helfen. Denn darauf ist unsere europäische Kultur doch gebaut. Auf Freiheit und Selbstbestimmung. Oder etwa nicht?! Diese Werte, die es immer und überall zu verteidigen gilt, wie man es in der Schule gelernt hat. Mag sein, dass Freiheit für viele ein nichtssagender Begriff ist. Wer immer in Freiheit gelebt hat, weiß nicht, wie es ist, wenn sie fehlt. Manch einer braucht sie auch nicht, will sie noch nicht einmal. Es reicht ihm, wenn es jemanden gibt, der ihm Tag für Tag vorgibt, was er zu tun hat.

Freiheit: für viele ein Begriff ohne Fleisch und Muskeln. Auch »Selbstbestimmung« ist so ein schwammiges Wort, das von westlichen Politikern gern in die Menge geschleudert wird. Aber als wir uns bei Telecomix entschlossen, den Menschen in Ägypten und Syrien mit unseren technischen Fähigkeiten zu helfen, wurden diese Begriffe von einem Moment auf den anderen lebendig. Wir, die wir das Internet von klein auf als einen Hort der Freiheit kennen- und lieben gelernt hatten, verstanden sie intuitiv. Wir wollten den Menschen helfen, freier zu sein. Weil auch wir frei waren.

Natürlich war das ein naiver Gedanke. Wir waren jung und beseelt von der Richtigkeit unseres Tuns. Zweifel kannten wir nicht. Wir fühlten uns im Recht. Also halfen wir den Menschen, damit ihre Stimmen gehört werden konnten – vom Rest der Welt. Wir gaben ihnen eine Stimme, über das Internet. Als die ersten dieser Stimmen schließlich starben, ermordet wurden, eskalierte alles. Da draußen und dann: in uns.

Ich war besessen. Besessen von dem Gedanken, diesen Menschen helfen zu müssen. Die Besessenheit raubte mir den Verstand und den Schlaf. Ich trank zu viel. Ich rauchte wie ein Schlot. Ich sah keinen Sinn mehr in meinem Leben. Ich vergaß, was mir guttat. Schlaf, Erholung, Musik, Filme. Mit meinen Freunden abzuhängen, ohne ständig daran denken zu müssen, wie es den Leuten an diesen grausamen Orten während der Revolutionen erging. Ich hatte vergessen, mich um mich selbst zu kümmern. Wahrscheinlich konnte ich das aber auch gar nicht.

Eines Tages begriff ich, dass ich verloren war. Verloren in einem Leben, das nicht mehr das meinige war. Dann kam der Reboot, der Neustart.

Aber um zu verstehen, warum ich mich umbringen wollte, muss ich ausholen. Ich muss in der Zeit zurückgehen, um mir selbst klarzuwerden, wie alles so kommen konnte. Ich muss diese Geschichte erzählen. Diese Geschichte mag schockierend sein, sie mag an manchen Stellen unglaubwürdig klingen. Manchmal habe ich selbst das Gefühl, dass mein Leben eine Seifenoper ist. Oder ein Thriller. Aber ich kann versichern: Alles ist genau so passiert. Alles war genau so, ich weiß es, ich habe es erlebt. Denn diese Geschichte ist meine Geschichte.

Grundakkord

Weltensucher

Es ist dunkel und still. Nur das helle Licht meines Laptops erhellt das Zimmer. Kisten stapeln sich übereinander. Noch ist nichts ausgepackt. Aber die Zeit dafür wird kommen. Das spüre ich, wenn ich aus dem Fenster in die Nacht blicke – ein tiefschwarzes Meer, in das ich mich hineinfallen und treiben lassen will. Schwarz wie der Kaffee, den ich unentwegt in mich hineinkippe. Eigentlich trinke ich ihn mit Milch und Zucker, um das Bittere zu betäuben. Aber heute ist er schwarz, ohne Milch, denn ich habe mal wieder nicht eingekauft. Typisch.

Draußen ist die hessische Provinz. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich zurückgekehrt bin. Nach all dem, was passiert ist. Dorthin, wo ich zu dem geworden bin, was ich bin. Zumindest zu einem Teil. Ich musste einfach hierhin zurück. Hier kenne ich jeden Stein. Hier fühle ich mich geborgen. Und nach all dem Wahnsinn brauche ich sie jetzt einfach: diese Geborgenheit.

 

Ihr merkt: Ich mag die Theatralik, das Pathos. Und wenn die Erinnerungen hochkochen und den Bauch zum Brodeln bringen, neige ich zur Sentimentalität. Wäre Heimat hier das richtige Wort? »Heimat« ist ein komisches Wort. Es klingt leer und hohl, ein Wort, das man so sagt, obwohl es einem nicht viel bedeutet. Der Nebel kriecht langsam durch den Garten, holt sich mit seinen Geisterfingern das Gras, die Büsche, die Bäume, die Welt. Es fällt mir wirklich schwer, mich zu erinnern, meine Erinnerungen dem Nebel, der sich in meinem Kopf wie ein Geschwür breitgemacht hat, zu entreißen und sie vor mich hinzustellen – wie scharfe und klare Fotos. Die Kindheit, das Elternhaus, das Leben damals. Wie war das doch gleich, das Leben damals?

 

Vielleicht beginne ich so mit meiner Geschichte: Wenn die Gründe für eine miese Kindheit erklärt werden sollen, wird gern das Bild eines Jungen bemüht, der im Sportunterricht stets als Letzter ins Fußballteam gewählt wird. Weil er so klein ist, so dick, so tollpatschig. Weil er anders aussieht, weil er anders ist. Kinder riechen das. Und sie sind erbarmungslos. Ich war so eine kleine arme Sau. Aber ich wurde nicht nur als Letzter gewählt, nein, die Jungs stritten sich darum, welche Mannschaft mich aufnehmen musste! Wenn man klein ist, trifft einen so was mit voller Wucht. Es reißt einem das Herz heraus. Man kann nicht verstehen, warum die anderen so gemein sind und warum sie einen nicht dabeihaben wollen, warum sie einen ausgrenzen. Es dauert, bis dieser Schmerz vergeht, bis man Kraft daraus ziehen kann, anders zu sein. Wenn es so weit ist, dann wächst man über sich hinaus und schreit: Fuck you!

Aber bis man dahin kommt, das dauert. Und es ist verdammt noch mal nicht gesagt, dass es doch irgendwie gut ausgeht. Meine ersten vier, fünf Jahre verbrachte ich in einem Mietshaus in Mörfelden-Walldorf, einem kleinen Kaff im Rhein-Main-Gebiet. Mörfelden-Walldorf. Das ist so, wie es klingt: öde, spießig, toxisch für alles, was Freiheit sein kann. Meine Familie wohnte im ersten Stock mit drei Parteien. Unsere Vermieter, die Franks, wohnten im Erdgeschoss.

Ich weiß nicht mehr viel aus dieser Zeit – nur, dass die Franks mich kleinen Knirps im Garten spielen ließen. Ich war ein neugieriges Kind und erkundete gern meine Umwelt. So auch den Garten. Damals hatte ich noch keine Phobie gegen die Natur mit all ihrem widerlichen Kriech- und Krabbelgeviech. Und ich hatte auch noch keine Phobie gegen Spießer. Aber eines Tages schoben die Franks einen Brief unter der Tür unserer Wohnung durch – wie man das so in der Mittelstandsgesellschaft macht, wenn man die Schnauze nicht aufbekommt. In dem Brief stand: »Leider müssen wir Ihrem Sohn Stephan verbieten, im Garten zu spielen, weil er immer die Blumen beschädigt.« Ich war also ein Gartenrowdy. Meine Erkundungen waren damit erst mal vorbei. Die Bundesrepublik, in die ich hineinwuchs, war rund drei Jahrzehnte nach ihrer Entstehung im Grunde genommen immer noch ein piefiges Kaff, in dem die Leute mit Missgunst und Misstrauen ihre Nachbarn beäugten, um so deren Bewegungsradius und Freiheitsdrang zu begrenzen. Was zählte, waren der soziale Status, der Aufstieg, der Wohlstand. Wer hatte das bessere Auto? Wer hatte bereits ein Haus gebaut? Wer konnte sich zweimal im Jahr einen Urlaub leisten? Den meisten Leuten ging es gut, finanziell. Wer arbeiten wollte, konnte arbeiten. Hieß es. Man wählte SPD oder CDU. Die Achtundsechziger hatten die Piefigkeit der Bonner Republik als Erste in Frage gestellt. Dann kamen die Punks, die auf die Wohlstandsgesellschaft kackten, auf die Zukunft pfiffen, und dann die Grünen, die das Politestablishment und die Atomkraft attackierten. Wer freier sein wollte als der Rest, konnte freier sein. Hieß es. Man lebte ja schließlich in der westlichen BRD und nicht im sowjetischen Ostblock. Diese Freiheit beinhaltete aber anscheinend nicht das Spielen in Nachbarsgärten.

 

1986 – im vierten Jahr der demokratischen Diktatur, die Helmut Kohl bis 1998 aufziehen sollte – kauften sich meine Eltern das, was sich alle BRD-Mittelstandsfamilien in den Achtzigern kauften: ein Eigenheim, einen Abstellraum fürs Leben – mit Garten und Garage. Mein Vater, der selbst aus einer alten Frankfurter Beamtenfamilie stammte, arbeitete – durchaus nicht ungewöhnlich für Frankfurt – bei einer Bank. Einkünfte, die eine Kreditwürdigkeit garantierten, waren also ausreichend vorhanden. Meine Mutter war Hausfrau.

Der Vollständigkeit halber sollte ich erwähnen, dass meine Eltern nicht meine Eltern sind, also nicht meine leibliche Eltern. Sie hatten mich als Neugeborenes adoptiert, wie auch meinen drei Jahre älteren Bruder.

Dass ich ein Adoptivkind bin, weiß ich, seitdem ich denken kann. Für mich war klar, dass meine Eltern meine Eltern waren. Meine sogenannten biologischen Eltern interessierten mich nicht. Die wollten mich anscheinend nicht. Das kommt in den besten Haushalten vor. Erst in der Pubertät machte ich daraus ein Problem. Warum? Weil man in der Pubertät aus jedem Scheiß ein Problem macht. Man versteht die Welt und sich selbst nicht mehr und all die Ichs, die einen wie Affen auf einem Felsen bevölkern. Ich habe meine biologische Mutter später getroffen. Ein einziges Mal. Und das hätte ich mir auch sparen können. Mein biologischer Vater? Ich weiß, wer er ist. Getroffen habe ich ihn nie. Und das ist auch gut so.

Meine neue Heimat wurde eine aufstrebende kleine Gemeinde auf der anderen Seite des Main, nördlich der Weltstadt Hanau: Nidderau. Das Spannendste, was da je passiert ist: Der heilige Bonifatius ist irgendwann mal an Nidderau vorbeispaziert. Wir bezogen ein Haus in einem dieser Neubauviertel, wo Eigenheim an Eigenheim steht, quadratische, nichtssagende Mittelstandshäuser mit quadratischen, ordentlich gearbeiteten Gärten, geometrisch angeordneten, sauberen Straßen – ein Ort, wo das Gefühl des Durch-und-durch-Behütet-Seins und die Stille des Wochenendes wie ein Presslufthammer in dir wummern. Eine Stille, die dich zum Wahnsinn treiben kann.

Von dort musste ich jeden Morgen mit dem Bus zum Kindergarten und mittags nach Hause. Im Bus setzte ich mich immer nach vorne, um den Blick durch das große Frontfenster hinaus in die Welt zu genießen. Den Blick auf die weiten Felder, saftigen Wiesen und hinein in die dichten Wälder, die wir durchfuhren. Dort vorne im Bus konnte ich alles vergessen, meine Gedanken auf Reisen schicken – und träumen. Ohne dass ein bescheuerter Nachbar mir das verbot.

Jeder Hügel, den der Bus überquerte, war für mich ein kleines Abenteuer: Was verbarg sich hinter dem Hügel? Ein weiterer tiefer Wald? Eine Schlucht? Ein Tal, das die Sonne in ein schönes Grün tauchte? Der Scheitel des Hügels trieb meine Träume schließlich auf die Spitze – würde es dem Bus diesmal gelingen, abzuheben und dorthin zu fliegen, wo der Himmel blau strahlte und nachts die Sterne glühten? Natürlich blieben sie aus, die Abenteuer auf der anderen Seite des Hügels. Aber das hielt mich nicht davon ab, auch weiterhin zu träumen und die Träume hinter den Hügeln zu suchen.

 

Der Kindergarten war kein Raum für Träume. Da wurde ich mit der knallharten Kinderrealität konfrontiert. Und die hieß: Klein-Stephan war allein. Die Gruppe mochte ihn nicht. Warum, kann ich nicht sagen. Ich muss damals schon nach Nerd und Außenseiter gerochen haben. Aber je länger mein Ausgeschlossen-Sein dauerte, je länger es schmerzte, desto mehr sagte ich mir: »Eigentlich willst du doch auch gar nicht mit diesen Langweilern spielen.« Dieser Gedanke krallte sich in mir fest. Aus Schmerz wurde Wut, eine erhabene Wut, die schließlich in einer Feststellung mündete, die sich in mir zementierte: Ich wollte die anderen Kinder nicht mehr mögen.

Aber es gab ein Mädchen in meiner Gruppe, das ich mochte: Mareike. Ihr gelang es, dass sie meine übliche Abneigung, die ich mittlerweile gegen die Mitkindergartenkinder kultiviert hatte, nicht traf. Zufälligerweise wohnte sie in unmittelbarer Nähe meines Elternhauses in Nidderau, so dass wir uns ab und zu zum Spielen auf dem grauen Asphalt der Mittelstandssiedlung trafen. Mareike und ich waren beim Spielen auf einer Wellenlänge. Für die Puppen dachten wir uns Abenteuer aus. Die hatten allerdings selten ein Happy End! Denn am Ende tauchte regelmäßig ein grässliches, gefräßiges Monster auf, das unsere Puppenhelden verspeiste. Das gefiel mir – Fantasie befeuern, Schicksal spielen. Und Mareike gefiel es auch. Ihre kleinen Augen glühten vor Freude, wenn das Monster mal wieder zugeschlagen hatte. Dann lachten wir beide. Mareike verschwand schließlich wieder aus meinem Leben. Wie fast alle, mit denen ich einigermaßen klarkam. Bis heute bin ich nicht besonders gut darin, Kontakte zu pflegen und Freundschaften aufrechtzuerhalten.

 

Schule. 1987 war es so weit. Die Einschulung konnte ich kaum erwarten: den öden Kindergarten hinter mich lassen und das sinnlose, verordnete Spielen. Ich wollte endlich lesen und schreiben lernen. Die Welt der Bücher und Buchstaben hatte mich schon früh interessiert. Mich faszinierte, wenn mein Vater im Wohnzimmer saß, seine Nase zwischen zwei Buchdeckel steckte – auf Seiten starrte, die mit seltsamen schwarzen Zeichen gefüllt waren. Er tat das für Stunden, ohne sich zu regen – und ich vermutete, dass die Zeichenkonstruktionen ein Code waren. Ein Code, der ihn offensichtlich hypnotisierte und in eine andere Welt transferierte. Das wollte ich auch – weg, in eine andere Welt.

Hätte mir einer gesagt, dass es so lange dauert, bis man selbst in der Lage ist, den Code des Lesens zu knacken: Wahrscheinlich hätte ich die Lust verloren. Meine Mum erzählte mir Jahre später, dass ich häufig von der Schule nach Hause kam und statt eines »Hallo« der Begrüßung erst mal eine fulminante Beschwerde in den Raum polterte: »Wir haben heute schon wieder nicht geschrieben, für was bin ich eigentlich in der Schule?« Geduld war noch nie meine Stärke.

Aber ich fand andere Wege, neue Welten zu entdecken. Als ordentliche Mittelstandsfamilie fuhren wir regelmäßig in den Skiurlaub nach Österreich. Um mich auf der langen Fahrt ruhigzustellen, schenkten meine Eltern mir einen roten Sony-Walkman – der absolute Hit in den Achtzigern. Von einem Freund meines Bruders bekam ich eine Kassette geschenkt. Als ich sie in den Walkman schob, die Kopfhörer aufsetzte und die Play-Taste drückte, schossen mir rotzig-sägende Gitarren, ein schnelles wuchtiges Schlagzeug und ein unendlich wütender Gesang durch die Synapsenbahnen. Meine Finger begannen zu trommeln, meine Beine zu stampfen, mein Herz zu beben. So etwas hatte ich noch nie gehört. Eine Musik wie ein Schlag in die Fresse – für all die Popper und Modern-Talking-Idioten, die die Welt bevölkerten. Eine Musik, die mich verstand, ohne dass ich nur ein Wort sagen musste. Eine Musik, die mich aufbaute, wenn ich die Schnauze voll hatte – vom ständigen Behütet-Sein und von diesem schnarchigen Leben in Nidderau. Der Deutschpunk jener BRD-Jahre mit den Toten Hosen und den Ärzten und solche Songs wie Dein Vampyr oder Mysteryland wurden zum Soundtrack für meinen Alltag. Vor allem die etwas düsteren Songs der Ärzte gefielen mir, wie der über den Outlaw El Cattivo: »Und er lächelt, denn er weiß: Das Böse siegt immer! Ja, so muss ein Cowboy sein: dreckig, feige und gemein, hejaho, hejaho, ouhouhouwou.«

Ein knallharter Outlaw wollte ich sein. Einer, der gegen alle und alles war. »Nobody likes us, but we don’t care.« Kopfhörer auf, Play gedrückt – und ich nahm es auf, das Duell gegen die Geister meiner sinnlosen Existenz.

Noch heute fühle ich mich für kurze Zeit wieder jung, wenn ich einen dieser drei Songs höre. Die wuchtige Musik füllte meine wuchtige Leere, die damals schon wie ein schwarzer, bauchiger Schatten in mir stand. Es gab nichts, was mich wirklich zufrieden oder sogar glücklich gemacht hätte. Ich fühlte mich leer. Und das machte mich wütend. Aber auch das kam mir sinnlos vor. Also fühlte ich mich wieder leer. Ich war gefangen in mir und wusste keinen Ausweg. Das mag albern klingen. Denn meine Familie hatte keine Geldsorgen. Eigentlich ging es mir gut. Ich hatte Eltern. Ich hatte ein Zuhause. Wir fuhren ständig in Urlaub, sogar in die USA. Ich hatte einen Sony-Walkman. Woher kam also diese verdammte Leere? Wird die manchen Kindern bei der Geburt eingehaucht? Oder hatte mir der große Geist des Mittelstands meine Seele abgesaugt? Ich verstand es einfach nicht.

Wir hatten einen eigenen Garten. So einen mit gepflegtem Rasen und zurechtgeschnittenen Büschen. Aber auch den mied ich wie die Pest. Wie ein Vampir das Sonnenlicht. Mein Bruder hatte einen C64, auf dem wir Summer Games oder Maniac Mansion spielten. Oder ich traf mich mit Martin, einem kleinen, dicken Nerd – wie ich einer war –, und wir bastelten mit Lego-Technik. Um es gleich zu sagen: Martin war kein Freund. Ich mochte sein Spielzeug. Aber wir waren einfach zu verschieden. Er: der stille Zurückhaltende. Ich: der misanthropische Draufgänger mit der großen Klappe. Das konnte nicht zusammenpassen. »Du bist ein echter Stubenhocker«, schimpfte meine Mutter. »Geh doch mal raus.« Was sollte ich aber draußen? In die Sonne schauen, Ameisen zerquetschen, Bäume umarmen?! Draußen, da lauerte die Natur, da lauerten Menschen, also Gefahren.

 

Nachdem ich Lesen und Schreiben gelernt hatte, legte sich die Begeisterung für die Schule. Ich war weder ein guter noch ein schlechter Schüler. Ich war unruhig im Unterricht, kippelte mit dem Stuhl und las mich durch das Sachkundebuch über ferne Länder, über Geschichte oder über Ackerbau. In »Betragen« gab’s deswegen regelmäßig nur eine »3« auf dem Zeugnis. Die Frontalbespaßung war eben nichts für mich.

Wenn ich an meine Grundschuljahre in Nidderau zurückdenke, sehe ich keine klaren Bilder in lebendigen Farben, sondern einen grauen, milchigen Schleier, hinter dem ich mein absurdes Leben zu erfassen versuche. Heute verstehe ich, dass ich meine erste depressive Episode erlebte. Damals fühlte ich sie nur, diese Ödnis, die durch meine Adern floss und meine Seele vergiftete. Weil ich nicht verstand, was mich davon abhielt, ein normales Kind zu sein, konnte ich auch mit niemandem darüber reden. Was hätte ich auch sagen sollen? »Du, Mum. Ich fühle mich so leer.« Guter Witz. »Geh mal an die frische Luft«, hätte sie mir wahrscheinlich geraten.

Manchmal stand ich nachts am Fenster meines Zimmers und blickte in die Dunkelheit. Ich streckte meinen Arm aus und wollte der Dunkelheit ihren Umhang entreißen, um zu sehen, wer sich darunter verbirgt. Aber meine Hand griff ins Leere. Hätte ich gewusst, dass mich dieser Umhang mein Leben lang begleiten würde: ich kann nicht garantieren, dass ich heute noch leben würde.

Dann kam ich auf eine dieser integrierten Gesamtschulen. Ein paar Jungs in meiner Klasse hatten es von Anfang an auf mich abgesehen. »Aussätziger«, riefen die mir hinterher. Sie verprügelten mich nicht. Die Gewalt der Mittelstandskinder ist das Mobbing. Diese Waffe kann viel verletzender sein als ein dumpfer Schlag ins Gesicht. Der schmerzt, er ist kurz und heftig. Aber das Mobbing bohrt sich in deinen Magen und dann in dein Herz und schließlich in deinen Kopf. Es kam der Tag, als mir das alles zu bunt wurde. »Hei, Aussätziger! Heute wieder schlechte Laune?«, rief einer von denen. Die anderen lachten. Ich umklammerte die Stuhllehne, drückte fester und fester. Wut kochte auf. Die Halsschlagader begann zu pochen. Dann packte ich den Stuhl und warf ihn. Ich hatte gut gezielt. Der Stuhl traf den Idioten direkt ins Gesicht. Er krümmte sich und fing an zu heulen. Seine Lippe blutete. Ich bin nicht stolz auf diese Episode, da ich Gewalt verabscheue. Aber immerhin hatte die Episode ein Gutes: Diese Typen ließen mich für den Rest der Schulzeit mehr oder weniger in Ruhe. Ich hatte ein Statement abgegeben – und das war angekommen.

Das zweite Statement folgte kurz darauf. Mein Bruder und seine Freunde brauchten noch einen Mitspieler, und so lernte ich die Welt des Schwarzen Auges kennen: Magier, Hexen, Zwerge, Krieger, die gefährliche Abenteuer bestehen mussten. Für mich waren die Rollenspiele eine weitere Möglichkeit, in eine andere, aufregendere Welt abzutauchen, selbst zum Baumeister von neuen Welten zu werden und meine Leere zu stopfen. Inspiriert durch die Modewelt der Pen-&-Paper-Rollenspiele, beschloss ich eines Tages, nur noch schwarze Klamotten zu tragen. Ich verpasste meiner dunklen, leeren Seele also die adäquate Außenwirkung. So wurde ich zum Jungen in Schwarz, als der ich bald in ganz Nidderau bekannt war. Mit den Toten Hosen und den Ärzten ließ sich meiner Leere und meiner Wut allerdings nicht mehr beikommen. Gib mir mehr. Ich will mehr. Gib mir mehr. Ich brauchte härteren Stoff und entdeckte Punkbands wie Slime, Hass oder Daily Terror. Zudem Gruft-Punk wie Der Fluch. Dann folgten Metal und Goth-Metal.

Meine Mum war von meinem modischen Wandel nicht begeistert. Aber je mehr sie zeterte, desto besser gefiel mir mein neues Outfit. Ich war der schwarze Engel. Ich blieb der einsame Junge in Schwarz, der Ausgestoßene, der, der nicht dazugehören will.

 

Natürlich wünschte ich mir Freunde. Wer will schon immer alleine sein?! Aber gleichzeitig fand ich die meisten Menschen furchtbar langweilig. Ein Dilemma, das ich nicht auflösen konnte. Und selbst die Affinität zur Subkultur bescherte mir keine Freunde, zumindest vorerst nicht. Für die Gruftis war ich nicht edel genug, für die Punks nicht bunt genug. Selbst für die Außenseiter der Gesellschaft war ich also ein Außenseiter. Und Subkulturen hatten ohnehin keine allzu große Konjunktur an unserer Schule, wo es nur Kinder von Bankern, Ärzten, Anwälten oder Lehrern gab. Ich war zwar auch ein Mittelstandskind. Aber den anderen war der Wille zum Widerstand und die Lust an der Revolte wohl schon bei der Geburt herausoperiert worden. So waren es bittere Tage, wenn einer der coolen Jungs eine große Geburtstagsfeier schmiss, zu der ich mal wieder nicht eingeladen war.

Heute verstehe ich überhaupt nicht mehr, warum es diese Momente gab, in denen ich doch irgendwie dazugehören wollte. Wahrscheinlich, weil es sich schlichtweg beschissen anfühlt, wenn man ausgegrenzt wird, wenn man einsam ist. Einsamkeit höhlt einen aus, frisst einen auf, killt die Seele. Nüchtern betrachtet, empfand ich die coolen Jungs als langweilig. Deren Gespräche waren so trivial, dass mir schlecht wurde. Die unterhielten sich über Klamotten, über Frauen und am schlimmsten: über Popmusik. Meine Welt aber war viel spannender und aufregender. In meiner Welt geschahen die fantastischsten Abenteuer. Nicht in meiner trostlosen Nidderau-Welt. Aber in der Welt, in der ich gern lebte, seitdem ich lesen konnte – in der Welt der Bücher.

Forscherdrang

Das Lesen wurde zu einer Droge. Bücher, das Tor zu den Abenteuern, die ich mir immer erträumt hatte, die ich hinter den Hügeln wähnte. Sie waren auch: ein Fluchtweg – weg von mir selbst. Jede freie Minute verschwand ich in meinem Zimmer, öffnete ein Buch und tauchte mit Kapitän Nemo 20000 Meilen unter dem Meer oder reiste mit Jim Hawkins über die Weltmeere, auf der Suche nach Der Schatzinsel.

Ich verschlang alles, was ich in die Finger bekam. Von klassischen Abenteuergeschichten bis hin zu neuen Fantasybüchern wie Die schwarze Stadt von Tamora Pierce und später die Roboter-Geschichten von Science-Fiction-Altmeister Isaac Asimow. Alanna von Trebond hatte es mir besonders angetan. Sie war die Heldin aus der Schwarzen Stadt: eine draufgängerische, freche Prinzessin mit einem Sturkopf, wie ich ihn hatte. Ich war verliebt in dieses wilde Mädchen, das, statt – wie von der Familie befohlen – ins Kloster zu gehen, sich als Junge verkleidete und lieber eine Ritterin wurde, die es mit Göttern und Bösewichten aufnahm. So eine mutige, rebellische Freundin wollte ich haben. Eine, die das machte, was sie wollte, die gegen Regeln verstieß und am Ende doch bekam, was sie wollte. Alanna hat mich so sehr geprägt, dass ich Bekanntschaften bis heute immer darauf teste, ob sie der furchtlosen Ritterin nicht zumindest ein wenig ähnlich sind.

Das dumpfe, leere Gefühl, das in mir wummerte, führte aber nicht zur vollkommenen Untätigkeit und Lethargie. Trotz aller Leeregefühle war ich ein aufgewecktes und durchaus selbstbewusstes Kind. Ich bewahrte mir meine Neugierde, die Welt zu entdecken und verstehen zu lernen, obwohl ich sie gleichzeitig so scheiße fand. Ich musste schon früh geahnt haben: Wer die Bausteine kennt und sie benutzen kann, kann die Welt mitgestalten.

 

Den Forschungsdrang hatte ich meinem Vater zu verdanken. Wir besuchten Museen. Ich löcherte ihn schon als kleines Kind mit Fragen. Und da lernte ich bereits: Es gibt mehr Fragen auf dieser Welt als Antworten. Aber mein ständiges Fragen, meine Lust am Erkunden und mein Widerwille, mich mit dem Offensichtlichen zu begnügen, brachte mich zu meiner zweiten Leidenschaft: der Technik.