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Bernd Gundermann wurde 1947 in Magdeburg geboren. Das ist lange her. Auch die Kindheits- und Jugendjahre, die er dort und anschließend in Nürnberg und Brackwede verbrachte, liegen weit zurück. Kann er sich daran noch zuverlässig erinnern? Können seine Erinnerungen gar dokumentarischen Wert beanspruchen? Der Autor bezweifelt das. Doch zieht er aus dem Mangel einen Gewinn, indem er Erinnerungen als Rohstoff für fantasievolle Geschichten benutzt. Das Ergebnis sind siebzehn Geschichten, die den Leser schmunzeln lassen, ihn nachdenklich machen, ihn vielleicht auch an eigene Erlebnisse erinnern. Wie war das doch damals, als es Wiesen und Weiher für jugendliche Abenteuer gab? Als der lange Schulweg zu Fuß zurückgelegt werden musste und im Unterricht stumme Lehrfilme gezeigt wurden? Wie hat ein Kind die 'Republikflucht' aus der DDR erlebt und wie die Zeit im Westberliner Flüchtlingslager? In welche Schwierigkeiten geriet ein jugendlicher Klassik-Fan, wenn er mit Popmusik und linken Ideologien konfrontiert wurde? Diese und andere Themen sind der Inhalt von facettenreichen Geschichten, deren erzählerische Pointen nicht immer dem Original-Erlebnis entsprechen, die aber die Individualität des Verfassers und den Geist der Zeit umso lebendiger vor Augen führen.
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Seitenzahl: 139
Veröffentlichungsjahr: 2020
Bernd Gundermann
Nicht immer Glückgehabt
Erinnerungen an Kindheit und Jugend
© 2020 Bernd Gundermann
Das Comic-Bild auf dem Umschlag mit freundlicher Genehmigung des Egmont-Ehapa-Verlages. Alle anderen Bilder und Illustrationen © 2020 Bernd Gundermann
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-8599-5
Hardcover:
978-3-7497-8600-8
e-Book:
978-3-7497-8601-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt
EIN PAAR GEDANKEN VORWEG
FRÜHER TRIUMPH
DER FERNE KLANG
HELDEN IM MORAST
EINE RASENDE KUTSCHFAHRT
RUDOLF AUF ABWEGEN
DIE DONNERBRÜCKE
GEÄCHTETES KIND
KLÄNGE, FARBEN UND EIN DIEB
FLUCHT IN DEN FREIEN WESTEN
GLÜCK AM HORIZONT
DER BANGE WEIHNACHTSABEND
IMPRESSIONEN AUS MEINER SCHULZEIT IN BRACKWEDE
DER WILDE SÄGER
VERRÜCKT MIT SCHUBERT
IM ABSEITS
ÜBER EISENBAHNEN UND ANDERE MERKWÜRDIGKEITEN
STERNENGLÜCK
ANHANG
WIE AUS EINEM HUBSCHRAUBER-FAN EIN SCHRAUBHUBER WURDE
THEATER BEIM RITTER KUNIBERT
VERMISCHTES
EIN PAAR GEDANKEN VORWEG
Fotografien sind Zeit-Fenster. Sie liefern Augenblicks-Ansichten, die einzeln stehen. So sind sie den inselhaften Erinnerungen ähnlich, die wir aus unserem Gedächtnis abrufen können. Doch während Erinnertes oft in nebulösen Mutmaßungen sich verliert, sind gelungene Fotos klar und deutlich konturiert. Was sie darbieten, ist von einer sinnfälligen Konkretheit, die keine Retuschen zulässt. Dieser kleine Chauffeur im Tretauto, dieser verträumte Wicht, der hinter einem viel zu großen Akkordeon steht, dieser blinzelnde Knabe, der sich halb im Ufersand der Elbe hat einbuddeln lassen - all diese Gestalten zeigen zweifellos mich. Aber es sind Bilder des Augenblicks, aus dem Zeitverlauf herausgeschnittene Momente, die verschweigen, was ihnen voranging oder was nachfolgen wird. So wirken sie wie Szenenbilder alter Kinofilme, von denen ich nur den Titel noch erinnern kann.
Außenansichten verraten selten, wie es drinnen aussieht. Das gilt besonders für Fotos von Kindern, die längst erwachsen geworden sind. Bin ich selbst darauf zu sehen, kann Entzücken mit Wehmut, Befremden mit Verwunderung, naive Sehnsucht mit dunkler Beklommenheit sich mischen. Ich möchte mehr über dieses seltsame Kind erfahren. Ein paradoxer Wunsch - bin ich doch niemals von mir getrennt gewesen, und dieser kleine Kerl auf dem Foto lebt auch jetzt noch in mir fort. Trotzdem weiß ich erstaunlich wenig über ihn, erinnere manche Szene, versuche dieses oder jenes Ereignis zu rekonstruieren.
So deutlich konturiert die alten Schwarz-Weiß-Fotos sind, so vieldeutig und vage erscheinen mir heute die abgelichteten Situationen. Wurde da ein braves Kind fotografiert? Oder dessen unbraver Widerwille gebrochen? Wurde ein selbstverliebtes Äffchen aufgenommen? Oder ein Tagträumer beim Sinnieren überrascht? Unvermeidlich gerate ich ins Spekulieren, und wie beim Erinnern ohne Bildstütze erfinde ich mehr oder weniger wahrscheinliche Geschichten.
Der Blick in die Vergangenheit wird durch Vorlieben und Aversionen beeinflusst. Sie können mit der aktuellen Lebensphase, ja mit der momentanen Stimmung sich ändern. In manchen Stunden selektiere ich schlimme Zufälle oder sehe mich als Opfer empörender Willkür, in anderen scheinen Wohlwollen und glückliche Fügungen mein Leben bestimmt zu haben. Gemütszustände haben die Tendenz das Denken ganz und gar zu vereinnahmen. So gelangen wir schnell zu einstimmigen Deutungen und lassen zu pauschalen Urteilen uns hinreißen. Unterm Diktat der Emotionen gerät die Selbstbiographie zur grimmigen Abrechnung, oder sie neigt dazu, einen euphorischen Dankgesang anzustimmen.
Wir erinnern nie das Ganze. Und wir können nie sicher sein, ob ein Kindheitsereignis wirklich so stattgefunden hat, wie wir es erinnern. Es könnte ja mehr oder weniger stark modifiziert sein, damit es einem favourisierten Lebenskonzept sich einfügt. Oder erinnerte Situationen werden verharmlost, um Gefühle abzuwehren, die die eigene Souveränität ins Wanken bringen könnten. Auch ist mit theatralischen Übertreibungen zu rechnen, die grauen Vorfällen interessante Glanzlichter aufsetzen möchten.
Wer seine Lebenserinnerungen aufschreibt, muss erfahren, dass auch die gelungene Darstellung den unerwünschten Nebeneffekt hat, Gedächtnis-Spuren irreversibel zu verwischen. Es ist wie beim Spurengehen auf feuchtem Sand: Mein Fuß zerstört den Fußabdruck des Vorgängers. Analog legt sich das Wortgewebe erzählter Erinnerungen wie ein Teppich über das Erinnerte. Schließlich können Zweifel aufkommen, ob ich dergleichen überhaupt erlebt habe.
Ähnliches geschieht, wenn ich nach Jahren die Orte meiner Kindheit aufsuche. Nur im ersten Moment spüre ich einen Hauch der geheimnisvollen Aura, die den Dingen damals eigen war: Das Ungreifbare von heimeligen Häuserfronten, den Zauber von Innenhöfen, Schrebergärten oder Badeplätzen, wo einst das spielende Kind seine Zeit verträumte.
"Mach den Mund zu, sonst fliegen dir die Fliegen hinein!" spottete damals mein Vater, wenn ich das tiefe Blau einer Enzianblüte anstaunte. Erwachsene sehen anders; vielleicht sehen sie ja gar nicht mehr - sie registrieren nur, was ihnen längst bekannt zu sein scheint und begnügen sich mit abgenutzten Denkschablonen, die sie nachlässig mit der Realität verwechseln.
Doch auch ein sensibler Rückkehrer wird unvermeidlich auf verdeckende Vordergründe stoßen. Nicht nur weil jeder neue Eindruck die alten umformt. Auch objektiv hat sich vieles verändert. Bäume wurden abgesägt oder neu gepflanzt, Verkehrswege verbreitert, Vorgärten verkürzt, einstige Abenteuer-Spielflächen von Häusern überbaut. Die schmalen Siedlungsstraßen, die geplasterten Gehwege, über die mein Tretroller einst holperte - heute sind sie mit Autos zugeparkt. Auch schwindet jeder Anflug kindlicher Poesie, wenn ich die monströsen Müllcontainer betrachte. Nur wenige Dinge gibt es, die kaum verändert sind. Eine unverputzte Backsteinmauer, ein grober Schotterweg zur Straßenbahn, ein immernoch vorhandener Strauch mit seinen violetten kleinen Blüten - das alles ist mir vertraut und empfängt mich mit heimatlicher Wärme. Als eine würzige Duftwolke aus einem Schrebergarten herüberweht, fühle ich mich nur wenige Schritte vom Garten meiner Großeltern entfernt - diesem weiträumigen Paradiesgarten, dessen Beerensträucher, Gemüsebeete, Laubengänge, Obstbäume und Blumenrabatte eng platzierten Wohnhäusern weichen mussten.
Meine erste Rückkehr nach Magdeburg hat mich mehr verwirrt als beglückt. Als sechszehnjähriger Urlauber ging ich durch die Wohnsiedlung. Sie war zu einer Miniaturwelt geschrumpft; alle Häuserzeilen waren zusammengerückt und die Straßenzüge verkürzt. Erst als ich mich auf dem Gehsteig niedersetzte, bekamen die Dinge wieder ihre gewohnten Dimensionen.
Auch Orte gewähren nur punktuelle Erinnerungen. Das haben sie mit alten Fotografien gemein. Abgerufene Lebenserinnerungen zu einer Lebenslinie zu verbinden - das ist eine reizvolle, aber nie ganz überzeugende Prozedur. Rückblickend scheinen Zusammenhänge und leitende Motive erkennbar zu werden. Doch könnten das auch respektable Fiktionen sein, die geeignet sind, Fehlentscheidungen oder peinliche Brüche zu kaschieren. Sollte es wirklich Sinnvektoren geben, die die Grundzüge unseres Lebensganges bestimmen; so bleibt fraglich, ob diese unserem Bewusstsein vollends zugänglich sind.
Auch der gewissenhafteste Biograph wird unvermeidlich Geschichten erfinden; und seine Lebenserinnerungen werden - ob er es will oder nicht - ein Gemisch aus Dichtung und Wahrheit sein.
Das ermuntert meine Fabulierlust. Ich darf meine Erinnerungen ein wenig verändern und sie durch erfundene Zusätze bereichern. Ich darf Erlebtes ein wenig dramatisieren oder humoristische Pointen aufsetzen. Auch kann ich mir erlauben, Vorfälle zu beschreiben, von denen ich keine Erinnerung habe, die mir aber mein Vater oder ein ehemaliger Mitschüler geschildert hat.
Die Kernereignisse habe ich beibehalten. Auch die agierenden Personen habe ich so beschrieben, wie sie mir in Erinnerung geblieben sind. Mehr Freiheiten nahm ich mir bei der Komposition eines Handlungsrahmens. Auch wollte ich nicht darauf verzichten, Kommentare oder Reflexionen einzustreuen, ja in einem Fall habe ich sogar ein aktuelles Ereignis eingearbeitet. Dass die Texte über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten entstanden sind, kann man ihnen vermutlich anmerken. Heute fällt es mir leichter mich schriftlich auszudrücken. Die Diktion ist einfacher und flüssiger geworden. Vielleicht haben meine Aufzeichnungen ja auch mich selbst verändert, doch hält sich mein Optimismus in Grenzen. Was unterscheidet doch einen Autor von seinem Text? - Den Text kann er leichter und nachhaltiger bessern.
Ich habe das Zwielicht dieser Welt an einem Novembermorgen des Jahres 1947 erblickt. Die ersten acht Jahre verbrachte ich in Magdeburg, die nächsten drei in Nürnberg, und den Rest meiner Jugend in Brackwede am Teutoburger Wald.
FRÜHER TRIUMPH
Ist man vier Jahre jung, bestimmen Mama und Papa wo's lang geht. Dies blieb auch mir nicht erspart. Die Eltern dekretierten, was erlaubt und was verboten war. Meine Wenigkeit hatte sich damit abzufinden, mit einem Szepter der Ohnmacht zu regieren. Auch wenn die Leute angetan flöteten, was für ein allerliebstes, goldiges Prinzlein ich sei: Ich blieb ein machtloser Untertan, der strikten Gehorsam zu üben hatte. Das bereitete mir nicht immer Vergnügen. Einmal allerdings bot sich mir die Gelegenheit, die Führung zu übernehmen.
Die Waldgaststätte Herrenkrug war ein gern besuchtes Ausflugslokal. In seiner Nähe befand sich eine Pferderennbahn, an die man leicht auch ohne Eintrittskarte herankommen konnte. Junge Paare, Familien, ja ganze Familienclane waren am Wochenende mit ihren Fahrrädern unterwegs, um dieses Ausflugsziel zu erreichen. Mama, Papa und ich waren also nicht die einzigen an diesem sommerlichen Tag, wir radelten inmitten eines fröhlichen Rudels. Ich selber musste meine Füße freilich still halten, denn ich saß in einem Sitzkorb, direkt unter Papas gebieterischer Nase. Vorsorglich hatte Mama mir ein weiches Kissen unter den Po gelegt, weshalb ich, meinem Rang entsprechend, auf einem komfortablen Prinzenthron saß. Drüben, jenseits des Grünstreifens und der Autostraße, kam uns eine altersschwache, metallisch rasselnde Straßenbahn entgegen, deren harte Holzbänke ich erst gestern zu spüren bekommen hatte.
Wir waren einige Zeit unterwegs, da schrillten Fahrradklingeln hinter unserem Rücken. Das war gewiss nicht Mama, die unauffällig in Papas Windschatten radelte. Es waren, wie sich zeigen sollte, drei Männer auf Rennrädern, die es eilig hatten. Aufmerksam registrierte ich, wie Papa und die anderen Radler bereitwillig zur rechten Seite auswichen, um die Rennfahrer vorbei zu lassen.
Der Radweg nach Herrenkrug ersteckte sich schnurgerade entlang einer Allee von Linden- und Kastanienbäumen. Hier zu fahren war nicht gerade aufregend, zumal Papa beim Fahren kaum redete. Hatte das Überholmanöver nicht eine willkommene Abwechslung geboten? Auch Papas Fahrrad hatte eine Klingel, und die Leute vor uns fuhren in einem ziemlich lahmen Tempo. Kurz entschlossen drückte ich die Klingel, drückte sie ein zweites Mal, und staunte nicht schlecht, als man gehorsam die linke Fahrbahn freigab. Papa blieb nichts anderes übrig als loszuspurten. Er mißbilligte zwar meine Aktion, trat aber kräftig in die Pedale bis wir die angeklingelten Radler überholt hatten. Schon kam das nächste Fahrradgrüppchen in Sichtweite, und ich drückte die Klingel. "Hör mit dem verdammten Unsinn auf!" schimpfte Papa. Doch das beeindruckte mich nicht. Ich saß am Drücker, und alle Macht lag in meinen Händen. Als regierender Prinz ließ ich das Glockensignal ertönen, die Leute machten den Weg frei, und Papa musste losspurten.
Bald hatten wir die Waldgaststätte Herrenkrug erreicht. Allerdings mussten wir eine Weile auf Mama warten, die mit unserem Tempo nicht hatte mithalten können.
„Mach' das nie wieder!“, drohte Papa und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht: „Sonst nehme ich dich nie wieder mit.“ Papa war verärgert, außerdem roch er wie ein Rennpferd.
Endlich kam Mama angeradelt. „Na, das ist mir ein feiner Jockey! Der Kleine hat dir ganz schön Dampf gemacht“. Mama stieg vom Fahrrad und musste unwillkürlich loslachen. Nun konnte auch Papa sich ein Lächeln nicht verkneifen.
Wir saßen vergnügt im Gästegarten und tranken Apfellimonade, als die Straßenbahn mit schrillem Gequietsche in den Bogen der Endstation einfuhr. Minuten später kamen Tante Minna und Tante Klara in den Gästegarten. Beide begrüßten uns herzlich und nahmen sogleich meine Person ins Visier. Sie hoben und senkten ihre faltigen Gesichter, spitzten die Lippen und begannen die üblichen Komplimente zu flöten:
„Ei, da ist ja auch unser kleines Prinzchen. Sieht er nicht allerliebst aus heute? Was für ein wunderschönes Herzchen er hat“.
Tante Klaras hagerer Zeigefinger pikste auf meine weiße Latzhose, genauer: auf dessen bunt besticktes Oberteil, das die Form eines großen Herzens hatte. Unwillig schob ich den Finger beiseite und ließ mich auf Mamas Schoß nehmen. Nun hielt Tante Minna mir ihre schiefe Nase entgegen:
„Ja, mein kleines Herzchen hat ein großes Herz“, flötete sie, „und aus dem kleinen Prinzen wird gewiss bald ein großer, starker Mann werden.“
Die beiden Tanten kicherten vergnügt. Dabei nickten sie meinem Papa zu. Der aber zog nur sein Taschentuch heraus und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn.
DER FERNE KLANG
In jedem Ton tönt die Erinnerung. Wenn heute magische Klänge mich berühren, wenn Orgelakkorde in Gewölben verhallen oder ein Gong düster im Konzertsaal erdröhnt, oder wenn ich tibetische Klangschalen anschlage und ihrem leise ausklingenden Goldklang nachlausche - so führen mich diese Klänge aus großen Räumen oder fernen Kulturen auf verborgenen Wegen ins traute Wohnzimmer meiner Großeltern zurück. Sie führen mich dorthin, wo das Kind, ungeduldig den Stundenschlag erwartend, vor der hohen Bodenstanduhr hockte, und wo das alte Klavier stand, an dem ich mit kleinen ungeschickten Fingern staunend und erschaudernd das Universum zum Klingen brachte.
Uhr und Klavier waren Schwellen zu einer anderen Welt. Sie lockten mit unheimlichen Hintergründen. Schon der tickende Herzschlag aus dem hölzernen Standuhrgehäuse war mir unheimlich, das unablässig bewegte Perpendikel, und erst recht das Rasseln und Surren, welches einsetzte, bevor der Stundenschlag erklang. Zwei Messinggewichte senkten sich hinter der Glasscheibe. Sie mussten von Zeit zu Zeit mit vorsichtiger Hand wieder hochgezogen werden, damit der Uhr ihr Lebensgeist nicht ausging. Bisweilen durfte ich selbst die Fronttür öffnen und an der Kette ziehen, um die schweren Messingzapfen schnarrend nach oben zu befördern. Bei einer dieser Gelegenheiten habe ich versucht, Glocken in der Uhr zu entdecken. Ich wurde enttäuscht. Es waren keine da. Nur ein paar Metallstäbe ragten herunter, deren kümmerliches Aussehen durchaus nicht dem herrlichen Klangspiel entsprach, das ihnen entströmen konnte. Man durfte das Geheimnis nicht mit den Augen suchen. So beschränkte sich mein Augenmerk fortan darauf, am Zifferblatt den Zeigerstand zu beobachten, der das Klangereignis ankündigte. Sobald das Surren begann, war ich nur noch Ohr. Ich lauschte den sonoren Stundenschlägen und ließ mich auf immer zarter werdenden Klangwolken forttragen, bis das Tönen verstummte und ich in eine mysteriöse Stille sank. Es war eine Reise in unbekannte und dennoch seltsam vertraute Fernen. Ich wurde ernst, und in mir wurde eine Sehnsucht wach, die bis heute nicht gestillt ist.
Indes die Standuhr mit ihren Zauberklängen eher geizte und mich vom trägen Gang ihrer Zeiger abhängig machte, war mir das Klavier gefügiger. Wenn ich seinen Tastendeckel öffnete, auf den Klavierhocker stieg und die grüne Filzdecke von den Tasten nahm, erfasste mich ein Gefühl von Abenteuer. Ich konnte kaum ein Lied spielen damals, denn niemand hatte mich unterrichtet. Aber ich hatte auch gar kein Verlangen nach vorschriftsmäßigem Fingerspiel. Ich wollte Klänge entfachen - von den dunklen Basstönen bis zu den hohen spitzen Steinklängen. Ich verband die tiefsten mit den höchsten Tönen, ich wechselte zwischen krausen Reibeklängen und klangschönen Harmonien, oder ich strich, mit gestrecktem Bein das rechte Pedal niederhaltend, glissando über die gesamte Tastatur.
Besonders faszinierten mich die tiefsten Töne. Ihr gongartiges Dröhnen schien in geheimnisvollen Fernen sich zu verlieren. Gebannt saß ich mit schräg geneigtem Kopf, während meine Finger die angeschlagene Taste hielten. Es war, als beugte ich mich über einen magischen Brunnen, in dem die Klänge fortschwebten, um irgendwo anzukommen in einer paradiesisch schönen Anderswelt. Unersättlich wiederholte ich das Tastenspiel. Ich kroch gleichsam in den Klang hinein, wollte wie auf einem Zauberteppich mit ihm wegfliegen und verlor ihn doch wieder, blieb verlassen und enttäuscht zurück. Daraufhin versuchte ich mit wirrem Geklimper mich abzulenken. Ich schlug laute Dissonanzen an oder malträtierte unbarmherzig die höchsten Töne. Das konnte meine Großmutter alarmieren, die dann scheltend ins Wohnzimmer kam, den Schlüssel aus der Vitrine holte und den Klavierdeckel für einige Zeit verschloss.
Solche Eingriffe waren aber die Ausnahme. Meistens tolerierten die Großeltern meine bizarren Klangabenteuer. Hin und wieder schüttelten sie ihre alten Köpfe und legten mir wohlwollend nahe, doch mal „was Anständiges“ zu spielen - den Flohwalzer zum Beispiel oder Hänschen klein. Doch ihre Vorschläge konnten mich nicht begeistern. Auch wenn ich Melodien, die sie mir vorgespielt hatten, zu imitieren begann, schweifte ich bald wieder in musikalische Mystik ab. Wie albern und hausbacken war doch das vorschriftsmäßige Melodiengeklimper, wie ungeheuer dagegen das Raunen und Dröhnen meiner kosmischen Klang-Exkursionen! Ich ließ die höchsten Töne Spuren ins Nachtgedröhn des tiefsten Basstones zeichnen, ich öffnete die Lichtschächte von Quint- und Oktavklängen, ich machte pentatonische Wellenspiele auf den schwarzen Tasten, oder ich kombinierte die schwarze und die weiße Skala, sodass schrille, befremdliche Reibeklänge hervorstachen - Klänge, wie ich sie viel später in der Musik Bela Bartoks wiederfinden sollte.
Die bestürzendsten Offenbarungen waren die Cluster-Klänge. Das war eine Reise ins abwegig Ungeheure, die man nur selten und ausnahmsweise wagen durfte. Ich ließ beide Arme auf alle erreichbaren Tasten fallen und entfachte einen kreischenden Dröhnklang, der sämtliche Laute zu enthalten schien, die jemals im Universum erklungen sind. Ich hörte Orkane tosen, hörte Menschenvölker und Tausende von Tieren brüllen, Vulkane explodieren, Gespensterheere kreischen - es war die Entfesselung eines Pandämoniums der Kraft, des Grauens und der Faszination.
Noch heute sind mir diese Cluster-Klänge unheimlich. Doch vermag ich auch das unsichtbare Leuchten zu spüren - die heilige Stille, um die das dunkle Brausen der Dissonanzen weht. Sterblich ist auch der mächtigste Missklang, auch er verschwebt ins Ferne und Unauslotbare, auch er mündet in eine schweigende Unsterblichkeit.
