Nicolaus von Vicken - Nils Lenke - E-Book

Nicolaus von Vicken E-Book

Nils Lenke

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Beschreibung

Nicolaus von Vicken (1571 bis nach 1625) ist als Briefpartner Johannes Keplers und erster Leser seiner "Astronomie Nova" eine durchaus relevante Figur der Wissenschaftsgeschichte, und dieses Buch ist seine wissenschaftliche Biographie, auf der Basis von Briefen, Gerichtsakten, seinem Stammbuch und anderen Dokumenten aus mehr als 20 Archiven und Bibliotheken in ganz Europa. Doch gleichzeitig wird hier ein Leben nachvollzogen, das in Teilen auch einem Abenteuerroman entsprungen sein könnte. Denn außer Astronom war von Vicken auch Astrologe, Alchemist, Bergrat, Stahlhersteller, Autor einer Schrift über die Handlesekunst - die Liste ließe sich fortsetzen. Im Dienst mehrerer Kaiser, Könige und anderer Fürsten erlebt von Vicken Kriege, von den Rigaer Kalenderunruhen über den polnisch-schwedischen Krieg 1600-1629 und die Türkenkriege bis zur Schlacht am Weißen Berg. Er ist Agent am Hof Kaiser Rudolfs II, wird des Hochverrats am polnischen König angeklagt, mehrfach inhaftiert, und der schwedische König bietet an, Bäume zu schicken, damit Nicolaus und einer seiner Brüder daran aufgehängt werden können. Sein Leben lässt ihn mit zahlreichen Größen der Geschichte zusammentreffen, aber auch mit weniger bekannten und dafür umso schillernden Persönlichkeiten, und führt von Riga über Leipzig, Norddeutschland, den Harz, Wolfenbüttel und Prag bis nach Schlesien und Siebenbürgen. Von Vicken jagt geheimnisvollen Manuskripten und magischen Ringen hinterher, stellt astronomische Beobachtungen an, fährt in Bergwerke ein, heuert Söldner an und versucht das Unrecht zu rächen, das seinem Vater widerfuhr. Und stets erfindet er sich als Renaissancemensch selbst neu.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Bis 1570

1571

1572

1573

1574

1575

1576

1577

1578

1579

1580

1581

1582

1583

1584

1585

1586

1587

1588

1589

1590

1591

1592

1593

1594 und 1595

1596

1597

1598

1599

1600

1601

1602

1603

1604

1605

1606

1607

1608

1609

1610

1611

1612

1613

1614

1615

1616

1617

1618

1619

1620

1621

1622

1623

1624

1625

Nachklang I

Nachklang II

Danksagung

Anhang

Benutzte Bestände und Archivalien

Gedruckte Schriften von Nicolaus und Diederich von Vicken

Bücher aus dem Besitz Nicolaus von Vickens

Bibliographie

Anmerkungen

Vorwort

Am 24. Februar 1583 veröffentlicht Papst Gregor XIII die Bulle Inter gravissimas curas, mit der er den neuen, nach ihm benannten Kalender einführt, der den julianischen ersetzen soll. Um die in den letzten Jahrhunderten aufgelaufenen Fehler zu eliminieren und das Osterfest wieder näher an die tatsächliche Tag- und Nachtgleiche heranzubringen, werden 10 Tage gestrichen; außerdem wird für die Zukunft die Schaltjahrsregel verbessert. Natürlich kann der Papst nicht hoffen, seinen Kalender für die ganze Welt durchzusetzen, Juden und Muslime bleiben selbstverständlich bei ihrer Zeitrechnung. Doch auch bei den Christen findet der Kalender nur auf der katholischen Seite Akzeptanz. Die protestantischen Territorien lehnen ihn mehrheitlich ab – nicht weil er sachlich falsch ist, sondern weil er vom Papst kommt - und führen ihn teilweise erst Jahrhunderte später ein, die orthodoxe Kirche bis heute nicht. Dieser Akt des Papstes setzt aber auch eine Kausalkette in Gang, die das Leben eines 12-jährigen Jungen in Riga entscheidend prägen wird. Dieses Buch versucht sein Leben nachzuzeichnen. Dieser Junge heißt – und hier fangen die Probleme bereits an. Seinen Vornamen teilt er mit Vater und Großvater und er taucht in vielen Varianten auf: Nikolaus, Nicolas, Niclas, Claus, Claves usw. Und der Nachname lautet je nach Laune des Schreibenden Vicke, Viccius, Ficke, Ficken, von Vicken, Ficcius, Fikh und viele Varianten mehr. Aus der Not eine Tugend machend, werden wir in diesem Buch den Vater Claus Ficke und den Großvater Clawes Ficke nennen, unsere Hauptperson aber durchgehend Nicolaus von Vicken.1

Er ist keiner der Großen der Geschichte, oder auch nur der Wissenschaftsgeschichte, aber auch kein gänzlich Unbekannter. Am bedeutendsten ist wohl seine Rolle im Umfeld Johann Keplers. So haben Nicolaus von Vicken und Kepler es immerhin auf einen Briefwechsel von mehr als einem Dutzend Briefen gebracht, er ist der erste dokumentierte Leser von Keplers „Astronomia Nova“2 und das Bindeglied zwischen Kepler und Simon Marius, einem der ersten Beobachter der Jupitermonde. Von Marius frühen Fernohrbeobachtungen weiß Kepler nur durch einen Brief von Vickens, den er im Vorwort seines Buches Dioptrice auch zitiert.3 Zudem hat sich Kepler auch in Vickens Stammbuch verewigt, und nicht nur er, sondern auch der bedeutende Astronom Tycho Brahe und der astronomisch sehr interessierte Simon VI zur Lippe4. Auch an den ostfriesischen Astronomen David Fabricius hat Vicken geschrieben5. War er also ein Astronom oder Astrologe, der noch zu entdecken wäre?

Doch da sind auch seine alchemistischen Eskapaden, seine Bemühungen zur Stahlherstellung und Ausflüge in die Bergwerkskunst, aber auch in die Magie. Für Suermann ist er deshalb ein „dubioser Magier aus Hildesheim“6. Auch diese Sichtweise ist nicht von der Hand zu weisen, wie sich zeigen wird. Sollte er also doch eher als „Alchemist“ einsortiert und biographisch gewürdigt werden? Auch ein solches Unterfangen kann ergiebig sein und einen Einblick in den Beginn der modernen Wissenschaft ermöglichen, wie wir spätestens seit Moran7 und Nummedal8 wissen. Die Alchemie ist ein spannendes Feld, und unser Proband fügt diesem Bild durchaus eine interessante Facette hinzu.

In ihrem eigenem biographischem Abriss beschränkt sich Christiane Schwarz, die Herausgeberin seines Stammbuchs, auf gerade einmal eine halbe Druckseite; sie stellt noch fest, es gäbe „wenige biographische Quellen“9. Dabei behandelt sie von Vicken als Diplomaten und Politiker. Sicherlich ebenfalls eine berechtigte Sichtweise, hat dieser aus Riga stammende Adlige doch in drei Kriegen u.a. dem polnischen und schwedischen König gedient, mehreren Kaisern und zahlreichen Fürsten.

Oder war er ganz einfach „ein schlechter Mann“, wie es ein Archivar in Wolfenbüttel aufgeschrieben hat?10 Oder gar ein „meineidiger strangwürdiger Erzschelm und Speichellecker“11, wie ihn einer seiner Kontrahenten nennt? Passend dazu bot zu einem späteren Zeitpunkt ein schwedischer König an, Bäume ins waldlose Norddeutschland zu schicken, um Nicolaus und einen seiner Brüder daran aufzuhängen. Mindestens aber war er wohl ein „schräger Vogel“12, wie es ein anderer Zeitgenosse ausdrückt, mit einem Hang zu guter Kleidung und einem ausgeprägten Selbstbewusstsein. Immerhin etwas Positives weiß ein Sammler biographischer Information im 19. Jahrhundert zu berichten, unsere Hauptperson sei ein „treffl[icher] Redner“ gewesen.13

Vermutlich ist es gerade diese Vielschichtigkeit, die Nicolaus von Vicken als Person der frühen Neuzeit so interessant macht. Jedenfalls hat mich Nicolaus von Vicken auch nach der Herausgabe zweier wissenschaftlicher Aufsätze14 nicht losgelassen. Immer wieder stieß ich auf neue Quellen und Hinweise zu seinem Leben, so dass es möglich erschien, sein Leben in der Gesamtheit aufzuschreiben, eher unter biographischen und eher erzählendem als wissenschaftlichem Gesichtspunkt. Dabei wird vieles aus den genannten Aufsätzen wieder aufgenommen, aber um zahlreiche neue entdeckte Quellen ergänzt, sowie durch Aspekte aus den bereits bekannten Quellen, die damals aus nicht relevant schienen. Zur besseren Verständlichkeit werden die Quellen mit zusätzlichen Hintergründen kontextualisiert. Hinzudichten und Fabulieren muss man dabei gar nicht, um aus von Vickens Leben eine Art Abenteuerroman zu machen. Sein Leben war abenteuerlich, führte ihn durch einige der epochenprägenden Konflikte und Ereignisse und brachte ihn mit einer Fülle spannender und bekannter Personen zusammen. Die Darstellung wurde bewusst chronologisch, nach Jahren, angelegt und nicht thematisch gruppiert, so wird deutlich, wie sehr die verschieden Interessen und Tätigkeiten von Vickens in seinem Leben miteinander verflochten und verschränkt waren. Sich gerichtlich mit einem Opponenten wegen eines alchemistischen Kontraktes auseinanderzusetzen und dazu auf konspirative Art und Weise belastendes Material zu sammeln, hielt ihn nicht davon ab, gleichzeitig mit Kepler über dessen „Astronomia Nova“ zu kommunizieren.

Nicolaus von Vickens Leben ist eng verbunden mit dem seines Vaters und Großvaters, gerade das Handeln des Vaters stellt wichtige Glieder der oben genannten Kausalkette dar, die mit Papst Gregors neuem Kalender begann. Daher beginnt die Darstellung mit den vorhergehenden Generationen. Eng verflochten ist Nicolaus‘ Leben auch mit dem seiner beiden Brüder, Heinrich und Dietrich (ein vierter Bruder verstarb früh). Ein Biograph Heinrichs weiß wenig Schmeichelhaftes über diesen zu sagen, führt dann aber aus: „Nur ein guter Zug ist von ihm bekannt: die Unzertrennlichkeit von seinem Bruder“ (nämlich Nicolaus)15. Und dies galt ebenso umgekehrt. Wo immer einer der Brüder in Probleme geriet (oft war es Heinrich), tauchte Nicolaus auf, teils zusammen mit Dietrich, um ihn aus der Klemme zu befreien, und wenn es galt, dafür bis zum Kaiser nach Prag zu ziehen. Auch das Leben der Brüder wird daher - soweit bekannt - in der Erzählung miterfasst.

Möglich wurde die Darstellung natürlich nur dadurch, dass sich doch recht viele Quellen zu Nicolaus von Vickens Leben erhalten haben, vor allem wenn man sich klarmacht, dass von den allermeisten seiner Zeitgenossen, die als Bauern oder Handwerker ihr Leben fristeten, nichts oder höchstens eine Handvoll Kirchenbucheinträge übrig geblieben ist. Oder dass sich von einer Lichtgestalt wie Shakespeare, ziemlich genau ein Zeitgenosse unserer Hauptfigur, lediglich 14 Wörter in eigener Hand geschrieben erhalten haben, und so wenig Konkretes über sein Leben bekannt ist, dass seine pure Existenz, oder zumindest die Tatsache, dass er seine Werke selber verfasst hat, bis heute in Frage gestellt werden.16 Im Gegensatz hierzu haben sich bei von Vicken nicht nur sein Stammbuch erhalten – natürlich eine extrem nützliche Quelle, da sich aus den oft datierten und mit Ortsangaben versehenen Einträgen rekonstrieren lässt, wo er wann war, und wen er getroffen hat – sondern auch zahlreiche Briefe und andere Dokumente. Diese finden sich heute in den Archiven von Bückeburg, Celle, Gotha, Hamburg, Hannover, Innsbruck, Magdeburg, Salzburg, Stockholm, Warschau, Wien und Wolfenbüttel und in den Bibliotheken von Basel, Cambridge, Uppsala und München17. Dazu hat nicht so sehr seine eigene Bedeutung beigetragen, sondern die seiner Briefpartner, etwa Keplers und zahlreicher Fürsten. Die Auffindung und Auswertung dieser Quellen wurde dadurch sehr erleichtert, dass viele Archivbestände heute gut erschlossen, über elektronische Findmittel durchsuchbar und digital einsehbar oder kopierbar sind. Dazu kommen Dienste wie „Google Books“, die seltene oder gar obskure gedruckte Sekundärquellen aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert in durchsuchbarer Form zur Verfügung stellen. Trotzdem muss man natürlich auch heute noch teilweise selbst in den Archiven recherchieren, was einem das sinnliche Vergnügen ermöglicht, Dokumente in der Hand zu halten, die vor mehr als 400 Jahren geschrieben wurden, und von denen einem noch der Sand entgegenrieselt, mit dem die Tinte damals abgestreut wurde.

Trotz aller Quellenfunde, die uns zum Beispiel verraten, mit wem unsere Hauptfigur am Nachmittag des 21. April 1609 im Wirtshaus „Zum güldenen Stern“ in Blankenburg zusammengesessen hat, gibt es natürlich in Nicolaus von Vickens Leben auch große Lücken. Da es für ihn gerade keine Kirchenbucheinträge gibt, wissen wir nicht genau, wann er geboren ist (bzw. es bieten sich mehrere Daten an), auch nicht, wann er gestorben ist, und für einige Jahre dazwischen haben wir nur wenige Fixpunkte. Zudem enthüllen die Dokumente über ihn und auch die von ihm geschriebenen Briefe, die fast immer einem Zweck dienten, nicht, was er gedacht hat. Er hat kein Tagebuch geführt, oder es ist nicht überliefert; nur ein einziger Zettel aus dem Jahr 1612 gibt uns einen Einblick in sein Seelenleben, weil er ihn als Erinnerung für sich selbst geschrieben hat. Dazu kommen einige wenige „intimere“ Briefe an einen Bruder und eine Lebensgefährtin. Ohne Zweifel schlummern jedoch noch weitere Dokumente von ihm und über ihn unentdeckt in den Akten. Was folgt, ist damit nur die vorläufige Summe dessen, was wir über von Vickens Leben wissen.

Was ist nun die Forschungsfrage hinter diesem Buch? Die erste Motivation ist wie bereits erwähnt, zunächst, einfach das aufzuschreiben, was über Nicolaus und seine Brüder bekannt ist, und ihrer Biographie in quasi detektivischer Kleinarbeit nachzuforschen. Mit anderen Worten, das Leben so weit wie möglich zu erzählen „wie es eigentlich gewesen“. Darüber hinaus könnte etwa gefragt werden nach der Stahlherstellung in der frühen Neuzeit unter alchemistischen Gesichtspunkten, oder nach dem Verhältnis von Alchemie und Konfessionalisierung, dem schwedischen Einfluss auf Norddeutschland, ober ob die rigischen Kalenderunruhen und der baltische Krieg von 1601 als Vorläufer des 30-jährgen Krieges zu sehen sind, usw. All das wird auch eine Rolle spielen, allerdings keine Hauptrolle. Eher mag man das Buch als Fallstudie für das sogenannte „Self fashioning“ ansehen, wie es Stephen Greenblatt als für die Rennaissance typisch herausgearbeitet hat.18 Werden wir doch sehen, wie Nicolaus sich lebenslang bemüht ein bestimmtes Bild von sich aufzubauen, das von der Kombination seiner adeligen Herkunft mit seinen astrologischen und alchemistischen Kenntnissen bestimmt ist. Und das eben gerade in der Auseinandersetzung mit den äußeren Faktoren, die sein Leben in gewisser Weise vorherbestimmten, im Sinne der oben angerissenen Kausalkette.

Nebenher ist aber kaum zu vermeiden, dass dabei auch eine partielle Geschichte der Zeit von 1570 bis 1625 herauskommt, und dass uns viele Akteure dieser Periode begegnen, Kaiser, Könige und Fürsten, und zwar nicht durch eine an den Haaren herbeigezogene Gleichzeitigkeit („Während Hans Müller seinen Acker bewirtschaftete, entdeckte Christoph Columbus am anderen Ende der Welt Amerika“) sondern ganz natürlich und nahezu unvermeidlich, stolperten Nicolaus und seine Familie doch von einem Krieg in den nächsten und begegneten nachweislich persönlich drei Kaisern, mindestens fünf Königen und ungezählten Kur- und sonstigen Fürsten. Schließlich ist es auch ein Stück Wissenschaftsgeschichte, speziell der Astronomie und der Alchemie, in dem Johannes Kepler, Tycho Brahe und andere ihren Auftritt haben.

Noch einige methodische Vorbemerkungen: Zitate sind der besseren Lesbarkeit halber in der Regel orthografisch modernisiert, bei den niederdeutschen Zitaten aus der frühen Rigaer Zeit wird daraus dann gleichzeitig Hochdeutsch. Eckige Klammern zeigen an, dass an einem Wort Änderungen über das rein Orthographische hinaus gemacht wurden, etwa eine Kasusänderung oder der Ersatz einer Vorsilbe, die einen für heutige Leser:innen besseren Lesefluss ermöglichen.

Nicolaus von Vicken begegnete vielen spannenden, skurrilen oder anderswie bemerkenswerten Menschen, gerade aus der zweiten Reihe. Biografische Notizen zu einigen von ihnen sind durch einen Kasten abgesetzt. Zu den „Rockstars“ der Geschichte, etwa Kaiser Rudolf II, Johannes Kepler, oder Heinrich Julius von Braunschweig wurden biographische Angaben nur insoweit beigegeben, als sie erhellenden Kontext darstellen. Ihre Biographien an sich lassen sich leicht nachschlagen.

Und damit auf nach Riga und Vorhang auf!

Bis 1570

1941 endetet mit der Umsiedlung der letzten Baltendeutschen aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes eine mehr als 700-jährige Geschichte. Seit dem späten 12. Jahrhundert waren deutsche Kaufleute, aber auch zweitgeborene Söhne aus westfälischen und anderen Adelsfamilien ins Baltikum ausgewandert, nachdem der deutsche Orden, statt die Wiedereroberung Jerusalems weiterzubetreiben, lieber „Kreuzzüge“ mit dem Ziel der Christianisierung der Ostseeküste durchführte. Die Ordensritter eroberten sich ein eigenes Staatsgebiet; außerdem entstanden mehrere Bistümer mit damit verbundenem Landbesitz.

Das 16. Jahrhundert war für Riga und die Provinz Livland eine Zeit der Umbrüche. Schon 1522 setzte sich die Reformation durch, auch wenn der letzte katholische Bischof erst 1561 abdankte. Dies tat im selben Jahr auch der Ordensmeister des Deutschen Ordens. Freiwillig hatte der Orden Livland natürlich nicht geräumt, aber das Baltikum war zunehmend zum Zankapfel zwischen dem Fürstentum Polen-Litauen im Süden, und den Königreichen Russland im Osten und Schweden im Norden und Westen geworden.

Livland gegen Ende des 16. Jhdts. in einer Karte von A. Ortelius.19

1558 marschierte Russland ins Ordensgebiet ein20; in der Folge löste sich der Ordensstaat auf und weite Teile unterstellten sich der neuen Schutzmacht Polen-Litauen. Ein anderer Teil wurde zum Herzogtum Kurland und Semgallen umgeformt, dessen erster Herzog der letzte Ordens-Landmeister Livlands, Gotthard Ketteler, wurde. Der Norden um Reval, im heutigen Estland, fiel an Schweden. Lediglich Riga, an der Düna gelegen und geschützt durch eine starke Stadtmauer, bewahrte sich zunächst die Unabhängigkeit.

Von Bischof und Orden befreit, dominierten ab dieser Zeit noch stärker als bisher die reichen Patrizier und Kaufmannsfamilien das politische Leben Rigas. Auch das wirtschafliche Leben wurde vom Handel geprägt, schließlich war Riga bereits seit 1282 Mitglied der Hanse. Vor allem profitierte man vom Warenverkehr mit dem russischen Hinterland, das Pelze und Wachs lieferte, die über die Düna, und im Winter auf Schlitten, nach Riga gebracht wurden, um hier gegen Importe aus dem Westen gehandelt zu werden.21

Riga 1582.22 Links am Rand das Schloss, Sitz des Burggrafen, dann von links nach rechts Jakobuskirche, Dom und Petrikirche. Im Vordergrund die Düna.

Riga und Livland waren seit dem Mittelalter Einwanderungsgebiet; viele der Zugezogenen kamen aus Westfalen, aber auch aus anderen Teilen des Reiches; enge Beziehungen gab es natürlicherweise auch zu den anderen Hansestädten. Riga war eine deutsche Stadt, reichsunmittelbares Mitglied des Heiligen Römischen Reiches, in der die Liven und anderen slawischen Völker, in der Zeit einfach unter dem bemerkenswerten Sammelbegriff „Undeutsche“ zusammengefasst, nur eine untergeordnete Rolle spielten.23 Den Ton gaben die deutschen Kaufleute und Adeligen an.

Woher die Familie Ficke/Vicken stammt, lässt sich nicht eindeutig feststellen, Möglichkeiten gibt es einige. 24 So taucht in den Akten der Hanse bereits Mitte des 15. Jhdt. ein „Clais Vicke“ auf25, einen Schiffer gleichen Namens gab es 1503 in Lübeck26. Schon 1421 wird ein „Claws Ficke“ in Danzig erwähnt27, 1433 nochmals, in einem öffentlichen Amt28. 1431 ist ein „Nickel Vicke“, Bürgermeister von Schlochau in Pommern29 und Anfang des 16. Jhdts. ein „Helmich Vicke“ Kaufmann im von Riga nicht weit entfernten Reval.30 Und schließlich geben die Quellen zum schwedischen Adelsgeschlecht von Vicken/Wicken (Nachfahren der Rigaer Familie, wie wir noch sehen werden) Breslau als ursprünglichen Wohnort der Familie an.31 In der Tat gibt es Bezüge der Familie nach Breslau, doch sind die schwedischen Qellen notorisch unzuverlässig, wie noch festzustellen sein wird.

Aus genealogischer Sicht mag das schade sein, zumal sich die jeweiligen Ehefrauen der Fickes, die aus alten Hansegeschlechtern kommen, bis ins 14. Jhdt., oder sogar ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, nach Lübeck, Hannover, Dortmund usw.32 Letztlich ist es aber für die Geschichte hier unerheblich. Hier zählt nur, dass irgendwann in den frühen 1530er Jahren ein Clawes Ficke in Riga erscheint, wohl als Junggeselle, denn er wird erst in Riga heiraten. Das erste dokumentierte Auftreten von Clawes in Riga ist 1534 der Erwerb eines Hauses in der Rikenstraße „hinter der Schule“.33 Die im sogenannten Erbebuch (Vorläufer der heutigen Grundbücher) eingetragenen Immobiliengeschäfte stellen zunächst die einzige Quelle zur Familiengeschichte da. 1542 kommen zwei „Steinhäuser“ (wohl Wirtschaftsgebäude) dazu34 und 1545 ein Garten.35 Auch weitere Transaktionen spiegeln den Aufstieg der Familie wider. Durch Heirat kommen zunächst 1550 ein Anteil an einer Scheune und ein „Raum“ hinzu36, 1553 ein weiteres Haus in der Sunderstraße37, 1556 noch ein Haus in der Rikestraße38.

Aus den Jahren 1555/6 hat sich ein Kämmereiregister erhalten39, aus den Einnahmen können wir z.B. erkennen, dass Clawes Ficke (auch mal nur als „der Ficksche“ bezeichnet, woraus wir ersehen können, dass er wohl der einzige seines Names war) bei zwei Gelegenheiten Akzise für selbstgebrautes Weißbier zahlt, jeweils 1 Fass, für das jeweils ½ Mark rigisch fällig war. Verglichen mit anderen Abgabenzahlern (das Brauen war überhaupt nur privilegierten Bürgern, den Handwerken und Kaufleuten, gestattet, die einfachen Leute mussten Bier kaufen40) war das nicht besonders viel. „Rotbier“, also untergärig gebrautes Bier41, scheint ihm und seiner Familie besser geschmeckt zu haben, den hier versteuert er bei drei Gelegenheiten zusammen insgesamt 7 Fässer zu je 6 Schilling. Auf die Immobiliengeschäfte und daraus resultierende Umbau- oder Renovierungsmaßnahmen verweisen Käufe von jeweils 1 Last Kalk bei zwei Gelegenheiten im gleichen Zeitraum. Die Stadt trat hier als Verkäuferin auf.42

Den stattlichen Betrag von 1000 Mark verleiht er gegen jährlich 60 Mark Rente im Dezember des Jahres 155843, und im Jahr davor (1557) immerhin schon 200 Mark gegen eine Rente von jährlich 12 Mark auf ein weiteres Haus in der Sunderstraße44. Dies verweist auf ein erhebliches Vermögen, das Clawes bis dahin angehäuft hat und das angelegt werden will.

Damit noch nicht genug, kommt der wohl schon in Riga geborene Sohn Claus (der Vater unseres Protagonisten) durch Heirat mit der reichen Witwe des Kaufmanns Johann Dullen (am 10.12.156445) 1565 in den Besitz eines weiteren Hauses „samt einem Steinhaus hart daran, ein Raum dabei, in der Kuterstraße“.46 Und schließlich kommt um 1568 eine weitere Scheune von der Witwe des Hans Dickmanns dazu47 (Claus Ficke übernahm im Gegenzug die Vormundschaft über die Kinder Dickmanns).

Scheunen und Steinhäuser zur Aufbewahrung von Korn u.ä. waren notwendig, weil die Bürger Rigas, gleich welchem Hauptberuf sie nachgingen, in der Regel unmittelbar außerhalb der Stadtmauern gelegene Gärten, Äcker und Wiesen besaßen, die der Selbstversorgung dienten. Die Familie Vicken besaß darüber hinaus aber auch Bauernhöfe in der weiteren Umgebung Rigas, der sogenannten Landmark.48 Dort waren durch Rodung von Wäldern und Trockenlegung von Sümpfen seit dem 13. Jahrhundert Bauernhöfe entstanden, die in der Regel einen oder einen halben „Haken“ umfassten. Beim Haken handelt es sich um ein baltisches Maß für die Leistungsfähigkeit eines Hofes, es diente nicht nur seine Fläche als Grundlage der Berechnung, sondern auch die Qualität des Bodens.49 Das Land gehörte oft der Stadt, die die Höfe an freie Bauern verpachtete, die diese mit Hilfe von Knechten bewirtschafteten. Darüber hinaus gab es aber auch Höfe im Besitz von Bürgern, die diese in der Regel nicht selbst bewirtschafteten, sondern dies durch einen sogenannten „Hofmann“ oder „Hofkerl“ erledigen ließen, der jeweils für ein Jahr eingestellt wurde. Der Besitzer stellte Pferde und Aurüstung, sowie Saatgut, der Hofkerl hatte am Ende des Jahres wiederum Saat für das Sommergetreide und einen eingesäten Acker mit Wintergetreide zu hinterlassen. Die restliche Ernte wurde zwischen Besitzer und Hofkerl geteilt. Wie sich aus einer Gerichtsakte ergibt50, besaß Clawes gleich 4 solcher Höfe. Denn wiederum durch seine Heirate ererbte er, neben den oben erwähnten Liegenschaften innerhalb der Stadt, zunächst 1/7 Anteil an den besagten vier Höfen in der Landmark, war jedoch finanziell in der Lage, 5 seiner 6 Miterben auszuzahlen. Nur der 6. wollte nicht verkaufen, und mit diesem gab es 1564 Streit um seinen Anteil an den Ernten der letzten Jahre. Dieser war zwar jedesmal getrennt aufbewahrt worden, wurde aber nie vom Besitzer abgeholt und war nun nicht mehr vorhanden, da er Kriegswirren zum Opfer gefallen war. Clawes Ficke gibt bei Gericht an, dass er dreimal Opfer von Plünderungen von durchziehenden Heerscharen wurde, 1558 durch livländische bzw. Ordenstruppen, 1559 durch russische und 1563 durch polnische Truppen, die jedesmal Heu und Getreide mitgehen ließen und auch andere Schäden verursachten.

Trotz dieser Kriegsverluste und der Querelen mit dem Miterben dürften die Erträge aus den vier Höfen erheblich zum wachsenden Wohlstand der Familie beigetragen haben. Der soziale Aufstieg schlägt sich auch in Ämtern nieder. 1539 ist Clawes Ficke Mitglied der „großen Gilde“, er ist bei denen, die Bestimmungen bzgl. des Handels, der Brauerei und gewisser Gildegesetze unterschreiben.51 In der „großen Gilde“ hatten sich die großen Kaufleute Rigas zusammengeschlossen; in der „kleinen Gilde“ waren die Handwerker organisert. Die unverheirateten Kaufmannssöhne bildeten zusammen die „Compagnie der Schwarzhäupter“, deren berühmtes Haus nach dem Wiederaufbau (das Original wurde im Krieg zerstört) heute wieder eine Touristenattraktion Rigas bildet (die Kompagnie selber, 1399 gegründet, musste 1939 in Folge des Hitler-Stalin-Paktes, zusammen mit den Riga-Deutschen, Riga verlassen und residiert nun in Bremen).

Zumindest Clawes und sein Sohn Hans (ein Bruder von Claus) müssen im Fernhandel tätig gewesen sein, worüber ein weitere rechtliche Auseinandersetzung Kenntnis gibt52. 1566 war Hans Einwohner (aber nicht Bürger) von Amsterdam und erwähnt in einem Brief an seinen Vater z.B. das Verschiffen von Heringen und Teer; als Zielorte werden neben Riga und Reval auch Danzig und Königsberg genannt. Dabei war das Geschäft nicht ohne Gefahr, die Auseinandersetzung dreht sich um den Verlust einer Schiffsladung Salz, wobei auch schwedische Freibeuter Erwähnung finden.

Das eigentliche Machtzentrum Rigas war jedoch der Rat, in dem die Patrizier die Geschicke der Stadt bestimmten. Die reichsten Kaufleute konnten sich Hoffnung machen, dorthin aufzusteigen, und das gelang auch Clawes, 1557 wird er erstmals in den Rat gewählt53. 1559 kann der Großvater unseres Protagonisten es sich finanziell erlauben, bei zwei Gelegenheiten 100 Mark zu einem Darlehen der Stadt Riga an den deutschen Orden und seinen Meister Gotthard Kettler beizusteuern, immerhin gegen eine Verrentung von 6%.54 Im selben Jahr ist er außerdem „Ziegelherr“55, d.h. Aufseher über die städtischen Ziegelöfen; in einer Stadt, die wie alle Ostseemetropolen von Backsteinbauten geprägt ist, stellt dies ein durchaus wichtiges Amt dar. Allerdings scheint in seiner Amtszeit allerhand schief gelaufen zu sein; trotzdem wird er dann 1561 bereits als Kämmerer genannt56, auch 1563 und 1565 beurkundet Clawes Immobiliengeschäfte als Rat und Stadtkämmerer57. 1566 wird Clawes wiederum in den Rat gewählt58. 1570, nach seinem Tod59, dann stattdessen sein Sohn Claus.60

Die Familie scheint schon früh an der (protestantischen) Religion mindestens durchschnittlich interessiert und gebildet gewesen zu sein, zumindest notiert ein Zeitgenosse in sein Tagebuch, dass er 1540 von Clawes mehrere Bücher und Schriften geliehen habe, darunter einen Sendbrief Martin Luthers an Livland.61 Allerdings nahm Clawes auch einen Altar aus St. Peter in in sein Haus auf, nachdem die protestantischen Priester seine Entfernung wünschten. Er hatte diesen Altar von seinem Schwiegervater von Geißmar geerbt; der den Altar zu katholischer Zeit gestiftet hatte.62

Sein Sohn Claus heiratete, wie bereits kurz erwähnt, 1564, und zwar Katrine Hane, die die Mutter unseres Nicolaus wurde. Als Witwe des Kaufmanns Johann Dullens brachte sie dessen Anteile an einer in Köln und Riga ansässigen Handelsfirma in die Ehe ein, die über Amsterdam und Seeland Wein, Brandwein und Essig nach Riga importierte und auf dem Rückweg Roggen, Flachs, Talg, Wachs und Teer exportierte. Wie sein Vater wurde auch Claus in ein Gerichtsverfahren involviert; hierüber gibt eine Gerichtsakte aus dem Historischen Archiv Köln Auskunft, deren Geschichte an sich schon erzählenswert ist.63 Die Akte stammt usprünglich aus dem Bestand des Reichskammergerichts (RKG). Dieses wurde 1495 eingerichtet, als im Heiligen Römischen Reich (HRR) der „ewige Landfriede“ verkündet wurde. Da Fehden, als Lösung von Konflikten mit Gewalt, von da an verboten waren, entstand ein erhöhter Bedarf an Gerichten, u.a. an einer Appellationsinstanz, wenn man mit dem Urteil einer lokalen Instanz nicht zufrieden war. Diese Rolle nahm das RKG ein, das nach einigem Hin und Her seinen Sitz in Speyer nahm und in den gut 300 Jahren bis zu seiner Auflösung 1806, im Zuge der Aufhebung des HRR unter Napoleon, ca. 100.000 Verfahren durchführte. Diese Prozesse liefen in der Regel über mehrere Jahre, weil auf dem Postwege ab. In Speyer selbst nahmen sogenannte Prokuratoren die Interessen der oft über das Reichsgebiet verteilten Parteien war; diese trafen sich unter Vorsitz eines Richters alle paar Monate, um Schriftsätze auszutauschen und die nächsten Prozesschritte abzustimmen. Bis zum nächsten Termin wurde dann per Boten mit den Parteien kommuniziert. Im 19. Jhdt. wurden die Akten des RKG, je nach Herkunft der Kläger, auf die Territorien des untergegangenen HRR aufgeteilt; ca. 77.000 Akte haben bis heute überlebt. Da der Kläger im uns interessierenden Verfahren, Heinrich Dullen, in Köln saß, schlummerte die Akte weitere 200 Jahre friedlich im Historischen Archiv der Stadt Köln, und zwar bis zum 3. März 2009. An diesem Tag stürzte das Archiv im Zuge von Arbeiten an einer U-Bahn-Linie ein, 2 Menschen starben, und 90% des Archivgutes wurden verschüttet. Große Teile davon wuden inzwischen geborgen und provisorisch gesichert. „Unsere“ Akte ist nur leicht beschädigt (die ersten Seiten haben in der Mitte ein Loch) und wurde nach der Bergung digitalisiert. Ihr Inhalt gibt uns Einblicke in die zwischen Riga und Köln herrschenden Handelsbeziehungen und ein wenig auch Informationen zur Person und zu den Verhältnissen Claus‘ und seiner Familie in den Jahren kurz vor bis kurz nach der Geburt seines Sohnes, unserer Hauptperson.

Die Dinge nehmen ihren Lauf, als Johann Dullen, der erste Mann Katharina Hanes, 1561 starb. Er betrieb von Riga aus eine Handelsgesellschaft zusammen mit seinem Bruder Heinrich, der in Köln ansässig und dort auch Ratsherr war. Ein dritter Bruder, Dietrich, war von der Gesellschaft angestellt. Im Jahr 1562 kam Heinrich Dullen nach Riga, um die Schlussabrechnung mit den Vormündern der Witwe Johanns – scheinbar traute man ihr die Geschäftsfähigkeit nicht zu – und ihrer Kinder durchzuführen. Hier erfahren wir zum ersten Mal, dass es aus der ersten Ehe der Katharina Hane Kinder gab. Allerdings werden diese 1574 als „selig“ bezeichnet, und man hofft beim Lesen natürlich, dass sie – bei der hohen Kindersterblichkeit sehr gut möglich – eines natürlichen Todes gestorben sind, und die Witwe nicht etwa fand, die Kinder könnten einer weiteren Heirat im Wege stehen.

Die einzelnen Vorwürfe Claus‘ werden mit der Zeit mehr, und auch Heinrich Dullen stellt Gegenforderungen, nun, wo die Rechung einmal wieder aufgemacht worden ist. Man streitet über Rechenfehler, den Verbleib von 8-10 Panzerhemden, die Heinrich Dullem seinem Bruder geliefert hat (vermutlich aus bergischer Produktion), Lieferungen von (Rhein-)Wein, Branntwein und Essig (in „elsässischen Fässchen“) nach Riga und umgekehrt um Lieferungen von Roggen, Teer, usw. nach Köln. Aber auch um komplexe Geschäfte mit dem Herrenmeister des Deutschen Ordens, Wilhelm Fürstenberg64, dem Johann Dullen gesalzene Ochsenhäute und Malz für 200 Taler abgekauft und mit einem Wechsel bezahlt hat, der auf seinen Bruder in Kön augestellt war, und dort von einem Untergebenem des Herrenmeisters eingelöst wurde. Vieles dreht sich um einen Vorfall aus dem Jahr 1560 und eine Lieferung von mehr als 45 Fudern Wein (je nachdem welches Fuder zugrundelag, können dies mehr als 45.000 Liter Wein gewesen sein), die Heinrich Dullen im Frühjahr mit einem holländischen Schiff und in Begleitung eines Handelsknechtes und seines Jungen über Dänemark nach Riga schickt. Allerdings geht dieses Schiff vor einer Insel unter, ein Teil der Fässer wird jedoch angespült und geborgen; außerdem gibt es eine ominöse Vericherungspolice, nach der das Schiff und seine Ladung in Amsterdam versichert waren. Laut Heinrich Dullen ist darauf jedoch bis 1568 noch keine Zahlung erfolgt, was Claus nicht recht glauben mag und in Frage stellt. Außerdem ist da ein „Weinkeller“ in Riga, der nicht nur als Lagerraum dient, sondern als eine Art halb-öffentliche Schenke, in der die Witwe Johann Dullens nach dessen Ableben noch 15 Monate lang Mahlzeiten für Heinrich Dullen (während seines Aufenthalts in Riga), seinen Bruder Dietrich und einen Angestellten der Firma zubereitete; die Kosten für Brot, Butter, Bier, Geschirr usw. stellt Claus ebenfalls in Rechnung. Insgesamt kommen so strittige Forderungen von mehr als 10.000 Mark Rigisch zusammen, die von den zu stellenden Bürgen der streitenden Parteien verbürgt und teilweise auch hinterlegt werden müssen. 1568 und 1569 kommt es zu ersten Urteilen durch das Untergericht des rigischen Rates, und sie fallen alle zu Gunsten Claus‘ aus. Ob er die besseren Argumente hatte, oder einfach dem Rat das Hemd des Ratskollegen Claus (der in Dokumenten des Rates auch schon mal einfach nur mit dem Vornamen bezeichnet wird) näher war als der Rock des Fremden aus Köln, ist schwer zu beurteilen. Dass dieser Verdacht im Raume stand ist klar, denn der Prozessbevollmächtigte (und Bürge) Heinrich Dullens bittet den Rat in einem Schriftsatz inständig, doch zu bedenken, dass sie ja vielleicht auch einmal in Köln oder sonst einem anderen Ort Recht bekommen wollten. Jedenfalls legt Heinrich Dullen, der wiederum nach Riga gekommen ist, Berufung ein, die das Untergericht einfach ignoriert und stattdessen Vollstreckung zugunsten Fickes anordnet. Dullens Bevollmächtigter (der als Bürge nun eventuell auch finanziell bluten müsste) schäumt (und, wie wir vermuten können auch Heinrich Dullen) und legt Protest ein, gespickt mit zahlreichen Zitaten aus der juristischen Fachliteratur. Der Rat bestätigt sein Urteil zugunsten Fickes, räumt jedoch Dullen das Recht ein, sie binnen Jahr und Tag mit Beweisen vom Gegenteil zu überzeugen; Ficke hätte dann das Geld ggfls. zurückzuzahlen. Und in der Tat reist Heinrich Dullen nach Köln zurück, sammelt Dokumente, darunter Auszüge aus seinem Rechnungsbuch, und Zeugen und lässt dieselben vom Rat der Stadt Köln beglaubigen bzw. befragen und unter Eid ausagen und protokollieren. Darauf aufbauend reicht sein Bevollmächtigter im Herbst 1570 eine ausführliche Schrift ein. Der Rat räumt nun Claus das Recht ein, darauf zu antworten und spätestens jetzt geht die Sache den Beteiligten (wohl außer den Streithähnen) gehörig auf die Nerven. Der Bevollmächtigte Dullens distanziert sich ausdrücklich von dem Eindruck, er würde hier irgend etwas tun, außer seinem ehemaligen Dienstherren einen Gefallen zu tun. Auch er hatte gehofft, die Herren hätten sich endlich auf enen Kompromiss geeinigt, so dass Friede und Verstand eingekehrt wären. Dem ist aber nicht so, der Prozess setzt sich im nächsten Jahr fort.

1571

Im März legt Claus seine Gegenschrift gegen die Beweise Heinrich Dullens vor. Punkt für Punkt legt er dar, warum seiner Meinung nach den Zeugen nicht zu trauen ist (weil sie alle wirtschaftliche Interessen haben, die mit denen ihres Dienstherren Henrich Dullen verknüpft sind, und man könne ja nicht „In den eigenen Beutel schwören“), oder warum Dokumente nicht relevant sind. Der Rat belässt es daraufhin erstmal bei seinem alten Urteil, stellt die Zahlungen an Claus Ficke aber wieder unter Vorbehalt und legt beiden Seiten weitere rechtliche Schritte nahe. Und dazu wird es auch kommen, mehr dazu später.

Wie sich aus diversen Briefen ergibt (wir kommen jeweils noch dazu) hatte Nicolaus drei Brüder, Heinrich, Frowein/Frobenius und Dietrich68. Wiederum aufgrund der Nichtexistenz von Kirchenbüchern aus der Zeit wissen wir nicht, wann die Brüder geboren sind. Es gibt jedoch Hinweise, dass Diederich der älteste Bruder war, denn er nimmt später die Rolle des Haupterben ein und schreibt sich außerdem ein Jahr vor Nicolaus an der Universität in Rostock ein69. Zudem erhält Heinrich von ihm noch 1611 regelmäßige Wechsel, wohl in Vertregung des verstorbenen Vaters als Verwalter des Familienvermögens.70 Da mehrfach Diederich und Niclas für ihren Bruder Heinrich sprechen, wäre dann anzunehmen, dass er der jüngste der drei überlebenden Brüder war.

Andererseits gibt es auch Argumente, die für Nicolaus als Erstgeborenen sprechen. So war es üblich, diese nach dem Vater zu benennen. Sollte Dietrich der (überlebende) älteste Sohn sein, so müsste man annehmen, dass es schon einen anderen Nicolaus gab, der vor Dietrich geboren wurde, aber nach dessen Geburt starb und daher durch „unseren“ Nicolaus ersetzt wurde. In den schon zitierten biographischen Notizen aus dem 19. Jahrhundert, die in der Nationalbibliothek Riga aufbewahrt werden71, finden sich die Söhne ohne Beleg in der Reihenfolge Nicolaus, Heinrich, Dietrich und Frowein.

Der vierte Bruder, Frowein oder Frobenius, scheint früh verstorben zu sein; in einem Schreiben Nicolaus‘ an Kaiser Rudolf aus dem Jahr 1604 (es ist die einzige Quelle, wo er überhaupt auftaucht), wird er bereits als „selig“ bezeichnet. Weitere Familienmitglieder, die aber nicht mit im selben Haushalt gewohnt haben dürften, waren die zwei Brüder des Vaters Claus, Johann (oder Hans)72, der älteste73 und Hermann, ein Geistlicher74. Der Vater hatte außerdem zwei Schwestern. Nicolaus‘ Tante Anna war mit Adolf Thorhaken und dann, nach dessen Tod, spätestens 1568, mit Otto Meppen, dem Bürgermeister verheiratet75, eine weitere, namenlose Tante mit Hermann Westerotten.76 Eventuell wohnten die Töchter der Witwe Dickmanns, für die Claus Vormund war, samt ihrer Mutter mit im Haus, jedenfalls wird die Hochzeitsfeier einer der Töchter später hier ausgerichtet (siehe →).

Dem Brauch der Zeit gemäß dürfte sich der Vater wenig um den Säugling gekümmert haben, zumal ihm dafür die Zeit gefehlt haben dürfte. Zu den schon genannten Ämtern (und seinem „Hobby“, dem Rechtsstreit mit Heinrich Dullen) wird in Nicolaus Geburtsjahr zum ersten Mal auch eine „diplomatische“ Tätigeit seines Vaters im Außenverhältnis Rigas zu den Nachbarn deutlich. In den Padelschen Tagebüchern ist vermerkt, „den 11. September zogen unsere Herren abermals nach Kirchholm zu Kotkewitz [nämlich] Herr Hinrich Ulenbrock, Herr Jochem Wittincq, der Syndikus, Herr Niclas Ficke, Johan Tastius und beide Älterleute“77. Claus ist also Teil einer siebenköpfigen Delegation nach Kirchholm (heute lettisch Salaspils, ca. 18 km südöstlich von Riga78) zum seit 1567 amtierenden polnisch-litauischen Gouverneur Livlands, Johann Chodkiewicz79. Am 1.10. notiert Padel eine weitere Reise einer Delegation, an der Claus wiederum teilnimmt.

1572

Die letzten drei Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts waren durch mehrere astronomische Großereignisse gesegnet, wodurch die Astronomie die Chance bekam, auch ohne das noch nicht erfundene Fernrohr Fortschritte zu machen und letztlich die sogenannte wissenschaftliche Revolution einzuleiten. Das erste dieser Ereignisse, das Nicolaus natürlich noch nicht bewusst erlebt haben dürfte, möglicherweise aber seine Familie, war die Nova von 1572. Diese wurde von dem jungen Astronomen Tycho Brahe am anderen Ende der Ostsee, in Dänemark, entdeckt und von ihm benannt. „Nova“ (lateinisch für „neu“) sollte einen neuen Stern bezeichen, obwohl wir heute wissen, dass in Wirklichkeit bei einer „Nova“ ein alter Stern spekatulär stirbt. So energiereich, dass eine Nova in unmittelbarer Nachbarschaft der Sonne in unserer Milchstraße das Potential hätte, das Leben auf der Erde auszulöschen und Novae in anderen Galaxien noch gut sichtbar sind. Tycho hatte das Glück, das „seine“ Nova in der Milchstraße, aber in sicherer Entfernung explodierte, so dass sie einen sehr hellen, kaum zu übersehenden „Stern“ abgab.

Das besondere war, dass Brahe nachwies, dass die Nova offenbar in der äußersten Sphäre, der der Fixsterne, lag. Dies widersprach dem Jahrhunderte alten aristotelischen Dogma und damit der auch von der Kirche anerkannten allgemeinen Lehrmeinung, dass diese Sphäre ewig und unveränderlich sei. Wie gesagt war diese Nova nur der Startschuss zu einer Reihe von weiteren Himmelsereignissen, so die Kometen von 1577 und 1580, die Nova von 1604 und das Kometenjahr 1618. Wir wissen, dass sich Nicolaus mit einigen davon befasst hat, (mehr dazu später). Auch Tycho Brahe wird er persönlich begegnen.

1573

Nicht nur, dass wir zu Nicolaus Leben aus dem Jahr 1573 keine Nachrichten haben – wenig überraschend, ist er doch erst zwei Jahre alt – auch aus dem seiner Familie gibt es keine erhaltenen Urkunden. Ja, das Leben in ganz Riga scheint so ereignisarm gewesen zu sein, dass der sonst unermüdliche Jürgen Padel (oder doch zumindest der Bearbeiter der Tagebücher) das Jahr nur einer einzigen Eintragung wert erachtet, die jedoch darauf verweist, dass das Leben außerhalb von Riga keinesfalls ruhig und ereignisarm war. Padel schreibt nämlich, dass Ostern von der Kirchenkanzel ein kaiserliches Dekret verlesen wurde, das „bei Verlust des Gutes und Lebens“80 vor Reisen an den Fluss Narva (heute Grenzfluss zwischen Estland und Russland81) warnte.

1574

Für das Jahr 1574 haben wir immerhin einen weiteren Hinweis auf eine diplomatische Tätigkeits Claus Fickes für seine Heimatstadt. Wiederum verdanken wir ihn einer Tagebucheintragung Padels82, der notiert, dass Claus mit zwei anderen Delegierten am 11.7. „nach Wenden [zog] von wegen der Stadt, des Zolls halber den [die] zu Dünamünde wollten auf die Schiffe legen“. Wenn Dünamünde begann, Zoll auf Schiffe zu erheben, die dünaaufwärts nach Riga wollten, so bedrohte dies den Handel Rigas natürlich unmittelbar, und eine Intervention in der Kreisstadt Wenden (heute Cesis83) war angezeigt. Details zu dieser Mission, oder ihr Ausgang, sind allerdings nicht bekannt.

Außerdem flackert das Gerichtsverfahren zwischen Heinrich Dullen und Claus Ficke wieder auf. Der Bevollmächtigte des ersteren wendet sich schon im Februar an die Stadt Riga und fordert sie auf, das Verfahren seines Mandanten wieder aufzunehmen und die schriftlichen Beweise endlich zu würdigen. Eine angebliches Fristversäumnis seines Mandanten weist er zurück, er habe bereits in früheren Schreiben die Gründe dafür dargelegt. Sollte sich die Stadt dieser Sicht nicht anschließen, so droht er Konsequenzen an, und die sollten dann im nächsten Jahr auch sichtbar werden.

1575

Am 21. September gibt es eine unangenehme Überraschung im Elternhaus des mittlerweile vierjährigen Nicolaus. Ein Bote des RKG aus Speyer klopft schon morgens um 8 an die Tür; der Hausherr lässt ihn in die Wohnstube bitten. Dies wissen wir aufgrund des Protokolls, das der Boten nach seiner Rückkehr nach Speyer dem Botenmeister zukommen lässt, und das der gewöhnlichen Prozedur nach zu den Akten genommen wurde84. Der Bote eröffnet Claus, dass Heinrich Dullen im Frühjahr 1575 vor dem RKG Appellationsklage eingelegt hat, und übergibt ihm entsprechende Dokumente des Gerichts. Darunter ist eine Ladung zu einer ersten Sitzung im Februar, wobei ihm natürlich nahegelegt wird, sich durch einen Prokurator vertreten zu lassen. Claus reagiert kühl, er lässt den Boten wissen „er verhoffe nicht dass [es] also weit kommen soll“. Um 9 ist der Bote bereits im Rathaus und übergibt dort in der Ratsstube dem anwesenden Rat ebenfalls Dokumente, u.a. die Aufforderung die Akten der Vorinstanzen herauszugeben und an das RKG zu überstellen.

Dies wird jedoch in der Folge vom Rat verweigert und es wird klar, warum Claus hoffte, dass das RKG-Verfahren niemals stattfinden würde. Denn der Rat und er sind der Aufassung, dass Riga im Besitz von Privilegien sei, die ihnen noch zur Zeit der Herrschaft des Ordens eingeräumt wurden und die unter anderem die Möglichkeit ausschlossen, gegen Urteile des Rigaer Ratsgerichts anderswo vorzugehen. Mit anderen Worten, man hält das RKG gar nicht für zuständig.85 Dies musste Claus sehr angenehm sein, hatte doch das Rigaer Ratsgericht bisher immer für ihn entschieden, beim RKG Speyer hatte er also nichts zu gewinnen, aber einiges zu verlieren.

Ansonsten scheint es Nicolaus‘ Familie wirtschaftlich weiterhin gut zu gehen. Claus Ficke wird in diesem Jahr von seinem Bruder Johann („Hans“) im Namen der Mutter, Brüder und Schwäger das Haus des verstorbenen Vaters in der Sunderstraße übertragen, samt zwei Steinhäusern.86 Der Großvater Clawes war ja schon 1570 gestorben, vielleicht benötigte die wachsende Familie Claus‘ jetzt mehr Platz, oder er konnte es sich leisten, seine Brüder und Schwäger auszuzahlen.

1576

Am 21. Mai erhält Claus von seinem ihm am RKG zugeteilten Prokurator Groenenberger einen Brief, datiert vom 21. März in Speyer, in dem dieser u.a. um die formale Ausstellung einer Vollmacht bittet. Am 25. des gleichen Monats antwortet Claus ihm, bedankt sich für den bisherigen Einsatz, meint aber ansonsten, dass er nicht recht wisse, wozu den die Vollmacht gut sein solle? Man hätte dem RKG ja bereits mitgeteilt, dass man es nicht für zuständig halte, und daher werde das Gericht doch sicher das Verfahren einstellen?

Auch der Rat scheint bei dieser Linie zu bleiben, denn am 26. Juni erscheint ein wutschnaubender Gerd Ringenberg87, der Bevollmächtigte Heinrich Dullens, vor dem Notar Otto Kanne88 und diktiert diesem vor herbeigerufenen Zeugen eine Protestnote. Er erinnert an die Aufforderung des RKG, die Akten der Vorinstanzen herauszugeben, und daran, dass man diese dem Boten aus Speyer verweigert habe. Seitdem habe er selber bereits zweimal beim Rat um diese Akten „fleißig, fleißiger, und zum allerfleißigsten nach Gebühr angehalten“, sei aber jedesmal ebenfalls abgewiesen worden. Die Protestnote sollte zur Einleitung weiterer Schritte durch das RKG dienen.

Claus scheint irgendwann eingesehen zu haben, dass der RKG-Prozess so schnell nicht verschwinden wird, er stellt im Oktober die gewünschte Vollmacht an den Prokurator aus (diese trifft im Februar des Folgejahres in Speyer ein). Er hatte um diese Zeit ausreichend Gelegenheit die Arbeit der lokalen Rigaer Justiz zu verfolgen, auch am Beispiel von Hexenprozessen. Das Phänomen der sogenannten „wissenschaftlichen“ Hexenverfolgung, die festen Regeln gemäß einer in sich geschlossenen Theorie folgte, machte auch vor Riga keinen Halt. Im Jahr 1576 fand dort ein gut dokumentierter Hexenprozess statt89; gemäß der nicht zimperlichen Einstellung der Zeit kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch Nicolaus trotz seiner erst 5 Jahre Zeuge der teils öffentlichen Vorgänge wurde. Mit Sicherheit war es sein Vater. Die Beschuldigte, ein „undeutsches Weib“ (also eine Livin oder Lettin) mit Namen Katharina Schwogster hatte den Verdacht der Zauberei auf sich gezogen, weil sie Menschen und Tiere gegen Krankheiten behandelte. Als erster Schritte wurde sie der „Wasserprobe“ unterzogen, d.h. gefesselt in die Düna geworfen, und da sie nicht direkt unterging, wurde dies als Schuldbeweis gewertet: offenbar musste sie mit dem Teufel im Bunde sein. Als nächstes wurde sie dann der Folter unterworfen. Nachdem sie zunächst noch beteuerte, lediglich Halsschmerzen bei Kindern und Würmer bei Tieren und Menschen mit harmlosen Sprüchlein behandelt zu haben, gestand sie mit zunehmender Dauer der Folter alles, was ihre Peiniger zu hören wünschten. Der Satan sei ihr nachts in Gestalt eines deutschen Mannes erschienen, die ihr vom Teufel verliehene Zauberkunst habe sie genutzt, um eine andere Frau, Anna Dimse, die ihr ein Kopftuch gestohlen hatte, zu verzaubern. Die geständge „Hexe“ wurde zur Verbrennung verurteilt. Ihr Mann wurde nun ebenfalls befragt und behauptete zunächst zu seiner „Verteidigung“, er habe seine Frau wegen ihrer Heilungsversuche regelmäßig geschlagen. Das „energische Eingreifen der Tortur“ brachte aber auch bei ihm das gewünschte Ergebnis: Er „gestand“, sein Weib habe ihn verführt und auch er stehe seit Jahren im Dienste des Teufels, in dessen Auftrag er Schadzauber gegen die Äcker und Ernten namhafter rigischer Bürger angewandt hätte. Beide Eheleute wurden am gleichen Tag, dem 1. Oktober schuldig gesprochen. Die Verbrennungen fanden, wie alle anderen Exekutionen durch Hängen oder das Schwert, sowie die Strafen durch Verstümmelung, Brandmarkung oder körperliche Züchtigungen, in aller Öffentlichkeit vor dem Rathaus oder auf einem benachbarten Platz statt, nur wenige Gehminuten von Nicolaus Elternhaus entfernt. Folterungen fanden im sogenannten „Peinturm“ statt, der ebenfalls zentral gelegen war „und wohl jedem Kinde bekannt war. Vernahm man doch nicht selten das Gestöhn und die Scherzensrufe der Gefolterten auf den benachbarten Gassen, und erhielt dadurch die Volksphantasie genügende Nahrung, sich die Vorgänge im Peinthurme mit ihren Ursachen und Consequenzen auszumalen“, wie der Chronist so schön schreibt.

Außerhalb Rigas brachte das Jahr wichtige Änderungen. In den 1570er Jahren war es Russland gelungen, weite Gebiete Livlands unter seine Kontrolle zu bringen, Riga jedoch immer noch ausgenommen. Der Süden stand weiterhin unter dem Einfluss Polen-Litauens, wo in diesem Jahr ein neuer König gewählt wurde. 1574 hatte es Heinrich IV, der diesen Titel kurzzeitig besaß, vorgezogen König von Frankreich zu werden. Die Wahl seines Nachfolgers fiel zur Überraschung aller (einschließlich ihm selber) auf Stephan Bátory, den Fürsten von Siebenbürgen, den man mit der 53-jährigen, unverheirateten Schwester des vorherigen Königs Sigismund II August verheiratete.90 Er vergab nach seinem Amtsantritt in dem ihm verbliebenen Teil Livlands viele Güter neu, wovon auch zahlreiche Livländer profitierten. Claus war davon nicht direkt betroffen, so hoch stand er – noch – nicht in der Gunst des Königs. Allerdings verpfändete ihm in diesem Jahr Georg von Wolsdorff die Starostei Tarwast91, ein Schloss mit mehreren zugehörigen Gütern und erheblichem Landbesitz (im Jahr 1637, dies ist die früheste verfügbare Angabe, waren es 18 ¼ Haken92). Wiederum ein Anzeichen, zu welche Wohlstand die Familie mittlerweile gekommen war.

1577

Claus sammelt in diesem Jahr weitere Immobilien ein, im September erwirbt er drei weitere Scheunen.93 Auch ein weiteres astronomisches Großereignis prägt das Jahr aus wissenschaftlicher Sicht, der Komet von 1577.

Zeitgenössische Darstellung des Kometen von 1577.94

Dieser wurde zum erneuten Studienobjekt Tycho Brahes; er und zahlreiche andere Wissenschaftler schrieben über ihn. Insbesondere versuchte man seine Parallaxe zu messen, d.h. eine scheinbare Bewegung vor dem Fixsternhimmels im Laufe eines Tages, bedingt durch die Rotation des Himmels um die Erde (aus heliozentrischer Sicht). Je näher der Komet an der Erde war, um so größer hätte diese Parallaxe ausfallen müssen. Tycho und weitere Beobachter kamen jedoch zu dem Schluss, dass die Parallaxe so klein war, dass der Komet sich jedenfalls jenseits der Mondbahn bewegen musste; wiederum war das Dogma der Unveränderlichkeit des Fixsternhimmels erschüttert. Ptolemäus und Aristoteles hatten Kometen noch als „Ausdünstungen“ der Atmosphäre gedeutet, um dies zu vermeiden. Der Komet wurde dem sechsjährigen Johann Kepler (er war im gleichen Jahr geboren wie unsere Hauptperson) von seiner Mutter gezeigt95. Gut möglich, dass auch Nicolaus ihn sah, denn die Himmelserscheinung war überaus beeindruckend.

Es haben sich keinerlei Unterlagen zu einem Schulbesuch Nicolaus erhalten, doch wenn wir davon ausgehen, dass er nicht von Privatlehrern unterrichtet wurde, dann dürfte er etwa in diesem Jahr begonnen haben, die Domschule Rigas zu besuchen, die nur wenige Minuten von seinem Elternhaus entfernt war, und in der sein Onkel Hermann bis zu diesem Jahr als Kantor fungiert hatte.96Aus den Aufzeichnungen eines Geistlichen erfahren wir, dass Hermann Ficke, Bruder von Claus, eben um diese Zeit nicht nur als Kantor sondern auch vom Predigeramt in Riga zurücktrat.97 Ein Grund wird nicht genannt.

In seinem „Cursus vitae et studiorum“ aus dem Jahr 1614 schreibt Nicolaus, dass sein Vater ihn „in allen guten Sitten, freien Künsten und Tugenden in schola principali erziehen“98 ließ. Im 18. Jhdt. sollte Johann Gottfried Herder an der Domschule tätig werden; zu Nicolaus‘ Zeit war Georg Marsau Rektor, dann 1580 bis 1583 Stefan Teuthorn und ab 1583 Heinrich Möller, der in den noch zu behandelnden sogenannten Kalenderunruhen eine Rolle spielen wird.99

Der Unterricht begann morgens um 6 mit dem Katechismus und endete nachmittags um 4, zwischendurch wurden die Schüler, die ja alle in unmittelbarer Umgebung lebten, zweimal nach Hause geschickt, so dass auch Nicolaus die Mahlzeiten zuhause eingenommen haben dürfte. Unterrichtet wurde auch samstags und, für eine Stunde während des Abendgottesdienstes, auch sonntags; der Donnerstagnachmittag war frei. Die Domschule war um diese Zeit noch kein Gymnasium und der Unterricht fokussierte auf das Trivium, d.h. die grundlegenden drei der sieben freien Künste, Grammatik, Rhethorik und Dialektik. Diese wurden sehr gründlich und anhand zahlreicher Klassiker behandelt. Dazu gehörten im Lateinischen vor allem Cicero, auch Caesar, Salust, Ovid, Vergil und Terentius; dazu im Griechischen Lucian, Plutarch, Xenophon, Iokrates, Demosthenes, Homer, Theognis, Theokrit und Sophokles. Allerdings wurde zumindest in der Prima auch im eigentlich den höheren Schulen vorbehaltenen Quadrivium, also in den restlichen vier der freien Künste, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie, unterrichtet, und zwar jeweils eine Stunde am Montag und Dienstag.100 Die hier erworbenen Kenntnisse sollten Nicolaus später bei seinen eigenen Bemühungen in der Astronomie und Astrologie sehr zu pass kommen. Und auch die sprachlich-humanistische Bildung zeigt sich später immer wieder; selbstverständlich schreibt Nicolaus häufig in Latein, und griechische und römische Klassiker zitiert er durchgehend.

Der Erfolg des Unterrichts wurde überprüft, indem die Schüler zweimal jährlich öffentlich durch den kirchlichen Superintendenten und einen Vertreter des Rates examiniert wurden, worauf über ihre Versetzung in die nächste Klasse entschieden wurde. Daneben wurde bereits unter Rektor Marsau und dann vermehrt unter seinen Nachfolgern Theaterstücke von den Schülern aufgeführt, meist zu Themen aus dem alten Testament. Und wenn ein Chronist 1588 festhält, dass er für 32 Mark und 16 Schillinge Bier für das Theaterstück gekauft hat, so dürfen wir daraus natürlich nicht entnehmen, dass sich das Publikum die Aufführung schön trinken musste; aus hygienischen Gründen war es für Alte und Junge erheblich sicherer Bier zu trinken als unbehandeltes Wasser (das aus der Düna besorgt wurde).

Interessant sind auch Anweisungen, die den jüngeren Schülern zu ihrem Verhalten gegeben wurden; bereits die Zeit bis Schulbeginn war kleinteilig mit Ge- und Verboten abgedeckt101: „Zuerst, morgens nach dem Aufstehen: 1) Sollt ihr Gesicht und Hände waschen; 2) den Mund mit kaltem Wasser spülen; 3) für den Schutz in der vergangenen Nacht sollt ihr Gott von ganzem Herzen Dank sagen; 4) ihr sollt das Haar kämmen; 5) ihr sollt ängstlich zusammensuchen, was zum lernen nötig ist; 6) putzet eure Schuhe; 7) reinigt eure Kleider mit der Bürste; 8) beschneidet eure Nägel. Darauf, wenn die Zeit mahnt oder die Stunde ruft: 1) Sollt ihr euch zeitig zur Schule rüsten und euch dort vor der festgesetzten Stunde versammeln; 2) unterwegs sollt ihr weder stehen bleiben, noch euch umsehen, sondern gerade und rasch vorwärts gehen; 3) unterwegs sollt ihr keinem unnützen Geschwätz nachhängen; 4) noch weniger sollt ihr mit einem Bekannten oder Unbekannten streiten oder jemand zum Zank herausfordern; 5) auf der Straße sollt ihr kein Geschrei erheben; 6) Ratsmitgliedern und Predigern, ferner gelehrten und angesehenen Männern, gleichwie Greisen, welchen ihr zufällig begegnet; ebenso ehrbaren Frauen und Jungfrauen sollt ihr die schuldige Ehrerbietung erweisen.“. Wie es in Wirklichkeit zugegangen sein dürfte, kann man sich vorstellen, wenn man bedenkt, dass Verbote ja in der Regel nur erlassen werden, wenn es notwendig erscheint. Aus den restlichen Anweisungen soll nur noch zitiert werden, was über das Führen von Heften gesagt wird102: „jeder halte 3 Hefte bereit, eins zur Uebung im Schreiben, ein zweites als Tagebuch und Kladde zum Sammeln von Notizen, ein drittes zum Deklinieren und Konjugieren der euch aufgegebenen Wörter“. Nicolaus wird auch später noch solche Kladden mit Notizen führen, zumindest erwähnt er solche in seinen Briefen.103

1578

Das Jahr 1578 bietet ein häusliches Ereignis, eine Hochzeit. Padel notiert unter dem 31. August, dass Christianus Miick, „Prediger zu Ekau“, in „Claus Ficken Haus“104 heiratet. Miick, auch Micke oder Mücke, ist in sofern von Interesse, als er später an der Erstellung des ersten Gesangbuches in lettischer Sprache mitwirken sollte, das 1587 in Königsberg erschien, und zwar unter dem schönen Titel „Undeudsche Psalmen und geistliche Lieder und Gesenge, welche in den Kirchen des Fürstenthums Churland und Semgallien in Liefflande gesungen werden“.105 Der Herzog von Kurland gab es vor allem deswegen in Auftrag, um die Letten bei der lutherischen Konfession zu halte, als unter dem polnischen König Stefan Bátory (von dessen Wahl oben die Rede war) die Gegenreformation vorangetrieben wurde (mehr dazu unten).

Mücke heiratete keine Schwester Nicolaus‘, sondern Grete Dickmann.106 Claus Ficke war ja Vormund der Tochter des verstorbenen Hans Dickmann107, siehe auch oben unter „vor 1570“. Die Hochzeit dürfte, da es sich um eine Halbwaise handelte, nicht zu den prächtigsten gehört haben; im Allgemeinen wurden diese Anlässe aber genutzt, um zu zeigen, was man hatte, und was man sich leisten konnte.108 Und das war eine ganze Menge, zumal bei Familien wie den Fickes. So viel, dass der Rigaer Rat sich bemüßigt sah regulierend einzugreifen, z.B. in einer Ordnung aus dem Jahr 1593. Hier wird die Anzahl der Gäste bei Hochzeiten in Privathäusern auf 50 männliche und 40 weibliche begrenzt; wird in der Großen Gildestube gefeiert, dürfen es insgesamt 130 Gäste sein. Die Anzahl der Gerichte wurde auf 26 eingeschränkt, vorher waren es teilweise 50 bis 60. Auch der Einsatz von Silbergeschirr wurde reglementiert und für einige Umtrunke Zinngeschirr angeordnet. Auch wenn die Hochzeit Mücke – Dickmann noch vor dieser Verordnung stattfand, dürfte sie eine Nummer kleiner, aber trotzdem eine prächtige Angelegenheit gewesen sein. Allerdings nichts im Vergleich zu den fürstlichen Hochzeiten, an denen Nicolaus später teilnehmen wird.

Überhaupt gehörten Regeln zum Alltag des Lebens in Riga (wie in anderen Städten auch). Zur Tätigkeit des Rates gehörte es auch, die Regelwerke der Handwerkezünfte, die sogenannten „Schragen“ zu erlassen, bzw. die Zünfte bei ihrer Aufstellung zu kontrollieren. Dies wurde jeweils durch zwei Ratsmitglieder erledigt und 1578 finden wir hier zum ersten Mal auch Claus in Aktion, der zusammen mit einem weiteren Ratsmitglied eine Revision der Schragen der Schmiedezunft überwacht.109 Er muss also zumindest über Grundkenntnisse des Rechts verfügt haben. Bemerkenswert bei dieser Zunft ist, dass neben Deutschen explizit auch Schweden, Esten und „Undeutsche“, also Letten und Liven, als Lehrjungen zugelassen wurden. In der Regel war der Zugang zu den Zünften den „Undeutschen“ verwehrt.

1579

Auch im Jahr 1579 sehen wir Claus als Aufseher der Zünfte in Aktion, diesmal überwacht er eine Überarbeitung der Regeln der Semischgerber110.

1580

Zunächst ist Claus auch in diesem Jahr wieder in Sachen Zünfte tätig, diesmal zusammen mit dem Ratsherrn Rotger zur Horst (wir begegnen ihm später noch); es geht diesmal nicht um die Schragen, sondern um eine Entscheidung in einem Streit russischer Pelzhändler aus Vilnius mit den Rigaer Kürschnern. Erstere hatten unerlaubt Hüte verkauft, diese wurden ihnen zunächst abgenommen, dann aber wiedererstattet und ihnen erlaubt diese bis Ostern zu verkaufen, mit der Auflage, dass sie sich eine Abschrift der Regeln besorgen und übersetzen lassen sollten, und sie sich in Zukunft daran halten würden111.

Doch darüber hinaus wurde Claus auch in das Amt des Oberamtsherrn gewählt.112 Aber damit nicht genug, Ficke profitiert außerdem von der polnischen Rückeroberung weiter Gebiete Livlands von den Russen, die 1578 unter König Stephan Bátory begonnen hatte. Der Monarch fuhr fort, die zurückeroberten Güter an neue Eigentümer zu vergeben, darunter auch Rigaer Bürger und Ratsmitglieder. Sicher war das mit der Erwartung verbunden, diese einflussreichen Entscheidungsträger Polen gewogen zu machen, hoffte Bátory doch darauf, auch Riga unter seinen Einfluss zu bekommen. Darüber war in den 20 Jahren seit der Auflösung des Ordens verhandelt worden, mal mehr und mal weniger intensiv. So belehnte der König z.B. den Syndikus Gotthard Welling und den Sekretär Johann Tastius mit Gütern und adelte sie außerdem.113

Doch auch Claus Ficke, zusammen mit seinen Brüdern Johann und Hermann, wird vom polnischen König 1580 geadelt.114 Dies war sicherlich ein Höhepunkt in Claus‘ Leben und schien ihm und seiner Familie eine glänzende Zukunft zu sichern. Doch so sehr der neugewonnene noble Status seinem Sohn später helfen wird, so sehr ist er auch Quelle von Streit und Auseinandersetzungen, wie wir noch sehen werden. Es wird später angezweifelt, ob die

Familie überhaupt adelig war; doch die Eintragung im polnischen Adelsregister ist unzweideutig. Das Wappen ist bis heute (nun in Schweden, aus Gründen auf die wir noch kommen werden) in unverändertem Gebrauch.115 In Uppsala befindet sich eine Abschrift der Nobilitierungsurkunde116, nachdem diese im 17. Jahrhundert teilweise verschollen war, siehe mehr dazu unten.

Im Spätherbst 1580 erscheint wiederum ein auffälliger Komet, heute nach dem Astronomen Michael Maestlin bzw. Moestlin benannt, der sich bei seiner Beobachtung hervortat.117 Allgemein anerkannt war im 16. Jahrhundert der Glaube an Kometen als Warnung Gottes oder Anzeichen bevorstehenden Unheils. Für Claus und seine Heimatstadt Riga kündigte dieser Komet nach diesem so erfreulichen Jahr in der Tat stürmische Zeiten für die nähere Zukunft an. Die im Vorwort angesprochene Kausalkette nimmt ihren Lauf.

1581

Claus Ficke ist zunächst, wieder mit Rotger zur Horst, für die Neuaufstellung der Schragen für das Böttcherhandwerk zuständig (1581)118. In der immer noch anhängigen Gerichtssache beim RKG sind nach dem Tod auch der Witwe des Heinrich Dullens nunmehr die Erben aktiv. Auf ihre Initiative hin setzt das Gericht der Stadt Riga eine „letzte Frist“ von 6 Monaten, um nun endlich die Akten der Vorinstanzen herauszugeben. Im August wird die Frist nochmals verlängert. Die Stadt bequemt sich nun endlich, dieser Forderung nachzukommen, die Akten werden verschickt und kommen im Mai des Folgejahres (1582) endlich in Speyer an. Im Vorgriff sei gesagt, dass wenn die Gegenseite gehofft hatte, das Verfahren würde nun endlich in Gang kommen würde, so hatten sie sich getäuscht. Denn das Verfahren am RKG endete ohne Urteil, da Riga aus dem Heiligen Römischen Reich auscheiden sollte und das RKG nicht mehr zuständig war. Immerhin haben sich die Akte der Vorinstanz so erhalten.

Denn die zwanzigjährige „Freiheit“ Rigas, nach dem Ende des Ordensstaates, neigt sich 1581 dem Ende zu. Bedrängt von Polen im Westen und Russland im Osten, die sich einen Kampf um Livland lieferten, schien es der Stadt ratsam, nunmehr den Schutz Polens zu suchen und dem Verlangen Stephan Bátorys nachzugeben. Es beginnt eine Zeit der Unruhe, gipfelnd in den berüchtigten Kalenderunruhen. Claus Ficke spielt dabei eine durchaus hervorgehobene Rolle, allerdings kommt er bei den meisten Geschichtsschreibern nicht besonders gut weg. Es ist dabei allerdings zu bedenken, dass die meisten diesbezüglichen Darstellungen letztlich auf einen einzigen Augenzeugenbericht, den des Bürgermeisters Nienstädt (auch Nyenstädt, Neustädt) zurückgehen, der ein persönlicher Gegner Fickes war und daher wohl kaum ein neutraler Berichterstatter.119 Nienstädt hat in seiner niederdeutschen Chronik sogar ein Gedicht anzubieten, das mit den Zeilen