Nie wieder Opfer - Aline Bachmann - E-Book

Nie wieder Opfer E-Book

Aline Bachmann

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Beschreibung

Als sich die ehemalige DSDS-Teilnehmerin Aline Bachmann im Juni 2020 am Berliner Alexanderplatz halbnackt mit Cellulite und hängenden Hautlappen zeigt, setzt sie ein dramatisches Zeichen gegen Bodyshaming. Über ihren Leidensweg, ihre verzweifelten Hilferufe nach Aufmerksamkeit und den Weg aus der Fresssucht schreibt die beliebte Influencerin und Comedian mit beeindruckender Klarheit. Seit früher Kindheit war ihr Leben von Mobbing überschattet, aber Aline wagt den Sprung in die Öffentlichkeit und baut sich mit ihrem schnoddrigen Humor einen beachtlichen Fanclub auf. Hinter den Kulissen leidet sie jedoch unter ihrem ungesunden Übergewicht. 2020 trifft sie eine folgenschwere Entscheidung – für sich, für ihren Körper, koste es, was es wolle. Aline legt den Finger in die Wunde, sie zeigt, was unsere auf visuelle Perfektion getrimmte Gesellschaft mit denen macht, die nicht ins Raster passen. Dass sie damit aneckt, nimmt sie mit Kusshand in Kauf.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 207

Veröffentlichungsjahr: 2021

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IMPRESSUM

Aline Bachmann mit Tina Gerstung

Nie wieder Opfer

eISBN: 978-3-95910-321-3

Eden Books

Ein Verlag der Edel Verlagsgruppe

Copyright © 2021 Edel Germany GmbH, Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edenbooks.de | www.edel.com

1. Auflage 2021

Einige der Personen im Text sind aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonymisiert.

Projektkoordination: Juliane Noßack

Lektorat: Tanja Bertele

Covergestaltung: zero-media.net, München Covermotiv: © Moritz Thau

Leopardenprint Kapitelaufmacher: Designed by vectorstock (Image #16420689 at VectorStock.com)

E-Pub-Konvertierung: Datagrafix GSP GmbH, Berlin | www.datagrafix.com

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

INHALTSVERZEICHNIS

Wonneproppen im Anmarsch – mein holpriger Start ins Leben

Ungeliebt und anders – die fette Grundlage

Runter mit den Pfunden – wer war noch mal Jo-Jo und warum hat er diesen Effekt auf mich?

Interview mit der Psychologin Rajana Bildhauer über Mobbing und Essstörungen

Auf frischer Tat ertappt – wie ich meinen eigenen Vater beim Fremdgehen erwischte

Falsche Freunde – von schlechten Entscheidungen und meinem Stopp in der U-Haft

Meine geliebte Oma – der größte Schatz und der tragischste Verlust meines Lebens

Meine erste große Liebe – mein erster großer Reinfall

Von Dieter, YouTube & Co. – wie ich mich ins Rampenlicht kämpfte

Alles auf neu, alles auf schlank – wie eine Magenverkleinerung mein Leben veränderte

2020 – das Jahr, in dem ich ein komplett neuer Mensch wurde

Interview mit Dr. Sinis von der Sinis Aesthetics Privatklinik Berlin

Mein Weg zum Glück – zehn ultimative Tipps für mehr Selbstliebe

Im Leben kommt es nicht darauf an, ein gutes Blatt in der Hand zu haben, sondern mit schlechten Karten gut zu spielen.

– Robert Louis Stevenson

Gezeugt wurde ich in einer Skihütte im Urlaub – falls du es genau wissen möchtest. Aber davon ahnte meine 32-jährige Mutter Astrid noch nichts, als sie am nächsten Tag gemeinsam mit meinem Vater Torsten fröhlich durch den Schnee stapfte und sich nachts mit ihm in der rot-weiß karierten Bettwäsche im rustikalen Kiefernholzbett wälzte. Sie hatte keine Ahnung, dass ihr großer Traum, endlich ein kleines Mädchen zu bekommen, sich bald erfüllen würde.

Zuerst hielt meine Mama die Symptome der Schwangerschaft tatsächlich für ein Magengeschwür. Der Arzt hingegen dachte, ich sei eine Lungenentzündung. Und dafür gab er meiner Mutter auch die entsprechenden Medikamente, die natürlich nicht wirkten. Als sie wenige Tage später mit den gleichen Beschwerden – Magenschmerzen und Übelkeit – wieder bei ihm im Sprechzimmer saß, schaute er sie mit großen Augen an – und gab ihr eine Überweisung zum Frauenarzt. »Herzlichen Glückwunsch, Frau Bachmann, Sie sind in der neunten Woche schwanger«, erklärte dieser ein paar Tage später lächelnd. Noch heute erinnert sich meine Mama gern an diesen frohen Moment: »Ich konnte mein Glück kaum fassen und es überhaupt nicht erwarten, nach Hause zu kommen, um es deinem Papa zu erzählen!« Der machte sich vor Freude erst mal ein Bierchen auf. Als dann noch Mandy, die beste Freundin meiner Mutter, zu Besuch kam, war das Glück perfekt. Stolz legte meine Mama das Ultraschallbild, auf dem ich als Minipünktchen zu sehen war, auf den Küchentisch. Und große Überraschung! Mandy fing an zu kichern und legte ein Ultraschallbild daneben, denn sie hatte tatsächlich am gleichen Tag von ihrer Schwangerschaft erfahren. Ja, da war die Freude groß!

Bei einer Ultraschalluntersuchung in der zwanzigsten Schwangerschaftswoche gab ich mein erstes deutliches Lebenszeichen von mir: Ich – damals noch ein alienartiges Miniwesen – hatte den einen Daumen im Mund und winkte mit der anderen Hand meiner Oma Ursula zu, die neben meiner aufgeregten Mama im Sprechzimmer des Frauenarztes saß. Das hat meine Oma sich zumindest erfolgreich so eingeredet. Ihr Herz ging auf – sie konnte es kaum erwarten, mich kennenzulernen. Auch mein sechsjähriger Bruder David freute sich riesig auf sein Geschwisterchen. Endlich jemand, mit dem er Lego spielen konnte! »Yippie, ich bekomme eine Schwester! Wann kommt sie denn nun?«, löcherte er meine Mama unentwegt. Ein paar Monate musste er aber noch warten.

Meine Mutter nahm in ihrer Schwangerschaft mit mir satte dreißig Kilogramm zu, was daran liegen könnte, dass sie in dieser Zeit am liebsten MAOAMs gefuttert hat. Ansonsten ging es ihr – bis auf die normale Übelkeit in den ersten Monaten – prächtig. Am 11. Oktober dann machte ich mich auf den Weg. Scheinbar habe ich unterwegs ganz schön getrödelt, denn meine Geburt hat insgesamt dreißig Stunden gedauert. Dafür hat meine Mama heute eine einfache Erklärung: »Mein Sonnenschein hatte offenbar noch viel zu tun, um auch ja die Schönste zu sein, wenn sie dann endlich auf die Welt kam.« Woran sich meine Mutter außerdem gern erinnert, ist, dass sich ihre Freundin Mandy – selbst noch kugelrund und kaum bewegungsfähig – mit einer Babybadewanne als Geschenk in den Kreißsaal schob.

Zur Welt kam ich schließlich an einem kalten Dienstag, den 12. Oktober 1993, in Freudenstadt. Das war mit ordentlich Geschrei verbunden. Meine Mutter und ich schrien am Ende jedenfalls um die Wette. Das weiß ich so genau, weil mein stolzer Vater Torsten die gesamte Geburt mit der Videokamera begleitete – willste nich’ sehen, kann ich dazu nur sagen. Gruseliger als alle Scream-Filme zusammen! Bei meiner Geburt wog ich 3.030 Gramm und war fünfzig Zentimeter groß, so ziemlich der einzige Moment in meinem Leben, in dem sich mein Body-Mass-Index im grünen Bereich bewegt hat. Ich war sehr rot und zerknautscht. Aber die Hebamme Frau Dr. Kuznik war sich sicher: »Die wird mal wunderschön!« Das haben ihr meine Eltern gern geglaubt, als sie in mein kugelrundes Babygesichtchen mit den blauen Kulleraugen und dem dunklen Haarflaum obendrauf geguckt haben. »Du warst aber einfach auch zauberhaft. Und wir so unfassbar glücklich und stolz!«, bestätigt mir meine Mama heute noch gern und bekommt dabei jedes Mal Pipi in die Augen.

Unser perfektes Familienglück zu viert währte aber leider nur drei Monate. Denn dann bekam ich an einem kalten Tag im Januar plötzlich hohes Fieber. Zu später Stunde kletterte das Fieberthermometer über die gefährliche Vierzig-Grad-Marke. Kurzatmig lag ich in meinem quietschrosa Babystrampler in meinem ebenfalls quietschrosa Bettchen im Kinderzimmer und reagierte nicht mehr. Als meine Eltern mich so apathisch daliegen sahen, bekamen sie es mit der Angst zu tun. Sie fuhren mit Vollgas in die Klinik, wo ich sofort lauthals brüllend eine Lumbalpunktion über mich ergehen lassen musste. Dabei wird mit einer speziellen Nadel eine kleine Menge Hirn- oder Rückenmarksflüssigkeit aus dem Wirbelkanal im Bereich der Lendenwirbel entnommen. Dieses Nervenwasser wird dann genau untersucht, um eine Entzündung oder Blutung im Gehirn auszuschließen. Klingt ganz schön fies, oder? Gott sei Dank kann ich mich an diese ganze Prozedur nicht erinnern. Meine Eltern bibberten die halbe Nacht vor dem Behandlungszimmer und hatten fürchterliche Angst, mich zu verlieren. Als sie dann die Diagnose bekamen, waren sie völlig erschüttert: Hirnhautentzündung! Wie konnte ihr schönes Baby denn einfach so eine so schlimme Krankheit haben? Als sie mich endlich wiedersehen durften, hatte ich einen Gipsverband um mein kleines Babyköpfchen, genau da, wo an der Fontanelle die Infusionsnadel lag. Meine Mutter erzählte mir später oft, dass sie diesen Anblick in ihrem Leben nie wieder vergessen wird. Alles, was sie sich in diesem Moment wünschte, war, dass ich bloß wieder gesund werde! Gut, dass man Krankheiten damals noch nicht googeln konnte. Wenn sie damals nämlich schon gewusst hätte, dass es statistisch gesehen so ist, dass bei Säuglingen und Kindern die Sterblichkeitsrate bei bakterieller Meningitis bei etwa fünf bis zehn Prozent liegt und bei 15 bis 25 Prozent der Fälle geistige Behinderungen, Spastik, Lähmungen, Schwerhörigkeit oder Anfallsleiden zurückbleiben – ja, dann wäre sie vor Schreck wahrscheinlich sofort in Ohnmacht gefallen und hätte sich gleich ins Krankenhausbett nebenan legen können.

Nach dieser schlimmen Nacht musste ich einen Monat lang unter ständiger Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Eine Zeit, in der Mama und Papa nächtelang bangend an meinem Bettchen gesessen und mich gestreichelt haben. Doch ich war stark und fing schon früh in meinem Leben an zu kämpfen. Eine Meningitis?! Pah, so was konnte mir doch nichts anhaben! Ich hatte mich dazu entschlossen, zu leben – also machte ich das auch.

Nach vier Wochen gaben die Ärzte grünes Licht, und ich durfte wieder nach Hause. Aber die Angst blieb. Meine Eltern konnten nachts kaum schlafen, aus Sorge, sie würden mich am nächsten Tag reglos in meinem Bettchen vorfinden. Doch tatsächlich lag das Schlimmste hinter uns. Meine Genesung ging langsam, aber stetig voran. Zwar mussten wir noch monatelang regelmäßig zu Nachkontrollen ins Krankenhaus, aber die Ärzte machten meinen Eltern immer wieder Mut. Das half meiner Mama und meinem Papa sehr, während sie all ihre Kraft in die langwierige Aufgabe steckten, mich in allen möglichen Bereichen zu fördern und zu unterstützen. Bis ich etwa vier Jahr alt war, besuchten sie mit mir sämtliche Spezialisten, um etwaige neurologische Defizite wieder abzubauen und sicherzustellen, dass ich mich so normal wie möglich entwickeln würde. Ergotherapeuten, bei denen ich Übungen auf einem Ball machen musste, um meine Koordination zu verbessern. Logopäden für Stimmübungen, weil mir das Sprechen von Anfang an schwerfiel. »Du konntest noch sehr lange nicht in ganzen Sätzen sprechen, da haben oft ein paar Worte dazwischen gefehlt«, erinnert sich meine Mama an meine ersten Jahre. Wenn ich beispielsweise Lust auf ein Eis hatte, zog ich meine Mutter einfach am Ärmel und sagte: »Mama, Eis, haben!« Und das zu einem Zeitpunkt, wo andere Kinder in meinem Alter schon längst in vollständigen Sätzen sprechen konnten.

Um Entwicklungsverzögerungen entgegenzuwirken und meine Motorik und mein Sprechen gezielt zu fördern, legten die Ärzte meinen Eltern Reittherapie ans Herz. Ich erinnere mich an viele Wochenenden in meiner Kindheit, die wir auf dem Reiterhof verbrachten. Meine Eltern waren in dieser ganzen Zeit immer geduldig und haben nie den Mut verloren, und das, obwohl ich durch die Hirnhautentzündung ein richtiger körperlicher Spätzünder war. Die Konsequenz aus der ganzen Geschichte ist allerdings: Bis heute hat meine Mama wahnsinnige Angst um mein Leben.

Mit vier Jahren kam ich in den Kindergarten in Besenfeld. Ich bin dort von Anfang an wirklich gern hingegangen und hatte nie Probleme, wenn meine Mama mich morgens mit ihrem grünen Citroën-Bus abgesetzt hat. Küsschen und Tschüsschen und ab in die Mäusegruppe! Ich war zwar damals schon ein kleines Pummelchen, aber immer hübsch zurechtgemacht, die blonden Haare geflochten, ein schönes Kleidchen und Sandalen an – meine Mama putzte mich jeden Morgen heraus und war stolz auf ihr Mädchen.

Mein Kindergarten war so ein hübscher Flachdachbau, der in U-Form angelegt war. Drum herum gab es einen großen Garten mit Sandkasten, Rutsche und zwei Schaukeln. Wie oft habe ich dort allein auf der Schaukel gesessen! Dieses Gefühl, allein zu sein, hat mich von Kindergartentagen an begleitet. Immer. Wie eine dicke, dunkle Wolke, die seitdem über mir schwebt. Ich weiß noch, dass ich richtige Rundgänge durch den ganzen Kindergarten gedreht habe: An jeder Station – in der Spiel-, der Puppen- und der Kostümecke – habe ich angehalten und gefragt: »Wollen wir zusammen spielen?« Wie ein kleiner Marktschreier. »Will sich hier irgendjemand mit mir beschäftigen?« Die Antwort lautete aber nahezu immer: »Nein, mit dir wollen wir nicht spielen.« So stand ich also in der Puppenecke, mal wieder allein, und eine dicke, fette Träne kullerte über meine vor Scham erhitzte rote Wange. Schnell drehte ich mich zur Wand, damit sie bloß keiner sehen konnte. Nicht dass sie mich auch noch auslachten! Um mich abzulenken, fing ich dann an, ganz für mich allein Puppenmutti zu spielen. Da gab es Papa, Mama, Kind – und die Welt war in Ordnung. Zumindest für den Augenblick. Und dann gab es ja noch den Marmorkuchen, den die Kindergärtnerin gebacken hatte. Essen gab mir Trost – schon damals. Ich war in diesem zarten Alter zwar schon moppelig, meine stämmigen Arme und Beine sowie mein kleines Bäuchlein gingen aber noch locker als Babyspeck durch.

Von dem Kindergarten an sich hielt meine Mama damals nicht viel, das weiß sie heute noch. Zum einen fand sie die Betreuungszeiten für Berufstätige wirklich unmöglich. Mittags hatte die Kita nämlich einfach zu – wann sollte man da denn bitte schön das Geld verdienen? Zudem gab es kein gemeinsames Frühstück, sondern jeder konnte einfach essen, wenn er Hunger hatte. Nicht gerade optimal für ein Kind, das sich sowieso bei jeder Gelegenheit irgendetwas Essbares in den Mund schiebt. Zudem bedeutete die Kindergarteneinteilung in offene Gruppen, dass sich jedes Kind im Gebäude aufhalten konnte, wo es wollte. Wenn ein Kind auf die Toilette musste, wurde an der Tür geruckelt, die anderen Kinder guckten von unten in die Kabine hinein oder stellten sich aufs WC nebenan und riefen: »Ihhh, das stinkt!« Kann man sich ja vorstellen, dass man unter den Bedingungen nicht gerade entspannt sein Geschäft verrichten kann. Weil ich nicht ungestört aufs Klo gehen konnte, musste ich einmal sogar in die Klinik, wo ich unter Schmerzen wegen einer Verstopfung behandelt wurde. Das hat mir zumindest meine Mama erzählt – ich kann mich zum Glück nicht daran erinnern.

Was ich hingegen noch ganz genau weiß, ist, dass mein Bedürfnis, anderen was wegzuessen, sich schon in jener Zeit entwickelte. Dadurch, dass ich zu Hause kaum Süßigkeiten bekam, wurde mein Verlangen nach Zucker nur größer und größer. Da gab es beispielsweise diesen übergewichtigen Jungen, Hannes hieß der, und er war tatsächlich deutlich beleibter als ich, aber hatte trotzdem jeden Tag ein kinder Pinguí in seiner Brotbox. Das beobachtete ich einige Tage lang neugierig. Dazu muss man wissen: In meiner orangefarbenen Brotbox lagen Tag für Tag so langweilige Dinge wie Vollkornbrot und Apfelschnitze – und zwar wirklich immer. SodaStream-Wasser war meine Capri-Sonne. Wie furchtbar unfair! Deshalb habe ich eines Tages, als Hannes gerade mit den anderen Jungs draußen Ball gespielt hat, einfach meine Chance ergriffen. Ich schaute, ob mich auch bloß keiner beobachtete, und ging dann flugs an sein Fach, wo ich mir die Brotbox schnappte und mir den cremigen Schokoriegel ratzfatz in den Mund schob. Wenn er jeden Tag ein kinder Pinguí hat, kann er ja wohl mal einen Tag drauf verzichten, dachte ich mir. Schließlich durfte ich so was nie essen! Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, während ich mich an die Brotbox heranschlich, weil ich wahnsinnige Angst hatte, dass mich jemand erwischen würde. Aber dieser wunderbare Augenblick, in dem die milchig-süße Creme auf meiner Zunge zerging, ließ mich alles um mich herum vergessen. Sodass ich im ersten Moment gar nicht bemerkte, dass die Kindergärtnerin schon direkt neben mir stand. Schuldbewusst und mit schokoladenverschmiertem Mund schaute ich sie an, während sie mir eine saftige Standpauke hielt. »Das kannst du nicht machen, Aline! Das ist doch die Brotbox von Hannes! Überleg dir mal, wie traurig der Hannes gleich sein wird, wenn er sieht, dass sein Schokoriegel weg ist.« Ich ließ ihre Worte zerknirscht über mich ergehen, aber im Grunde war es mir egal. Mir hat es nicht leidgetan. Ich war glücklich in diesem Moment. Weil mir das kinder Pinguí einfach zu gut geschmeckt hat.

Genauso wie ich als Kindergartenkind Spaghetti Bolognese mit ganz viel Soße mehr als alles andere geliebt habe. Da kam auch nach zwei Portionen kein Sättigungsgefühl bei mir auf. Mit den Worten »Mehr, Mama, mehr!« streckte ich meiner Mutter meinen Teller entgegen, obwohl ich den Mund noch voll hatte.

»Jetzt muss aber mal Schluss sein, meine kleine Blumberbiene«, sagte sie dann häufiger mal.

Doch zu diesem Zeitpunkt machte sich noch keiner wirklich Sorgen, denn ich war zwar pummelig, aber als Vier- und Fünfjährige nie faul. Ich habe mich immer gern bewegt, bin in unserem Hof eifrig Fahrrad gefahren oder war ganz in der Nähe auf dem Reiterhof Schulz in Hochdorf. Dort stand nämlich mein Lieblingspferd, Pinto, ein schwarz-weiß gescheckter Tinker. Den kannst du dir so vorstellen wie Pippi Langstrumpfs Kleinen Onkel. So wie Pippi ihren Schimmel, habe ich meinen Pinto geliebt. Wenn ich mein Gesicht in seiner zotteligen Mähne vergraben konnte und er mich aus seinen treuen schwarzen Augen anschaute, war es mir egal, dass ich sonst keine Freunde auf der Welt hatte. Der Reiterhof, wo ich manchmal sogar über Nacht bleiben durfte, hatte außerdem noch andere Vorzüge: Hier konnte ich so viele Chicken-Nuggets und Pommes mit Ketchup essen, wie ich wollte. Mama war schließlich nicht dabei, wenn ich hier ordentlich zulangte. Schon in meiner frühen Kindheit waren so die kalorienreichen Grundsteine für meinen späteren Lebens- und Leidensweg gelegt.

Sie lachen über mich, weil ich anders bin. Ich lache über sie, weil sie alle gleich sind.

– Kurt Cobain

Meine gesamte Schulzeit lang war ich die willkommene Außenseiterin, und zwar von Anfang an. Wenn ich mir heute die Videos von meinem ersten Schultag in der Grundschule angucke, die mein Opa Thilo gedreht hat, kommen mir jedes Mal die Tränen. Ich war damals knapp sieben Jahre alt. Meine ganze Verwandtschaft reiste extra aus Dresden nach Freudenstadt an. Sechshundert Kilometer sind sie gefahren, um bei meiner Einschulung im Jahr 2000 dabei zu sein. Alle haben sich so viel Mühe gegeben, damit ich einen rundum perfekten ersten Schultag habe. So eine Einschulung ist ja schließlich eine echt große Sache im Leben. Gerade bei uns im Osten wurde daraus immer eine bombastische Familienfeier gemacht. Meine Eltern mieteten dafür extra ein schönes Holzhaus mit einem großen Wohnwagen im Garten, sodass die ganze Familie miteinander feiern und an einem Ort schlafen konnte – und abends noch lange draußen ums Lagerfeuer herumsitzen und babbeln ging so auch prima. Sogar ich kleiner Knirps durfte fast bis Mitternacht dabei sein. Denn es war ja ein besonderes Ereignis, und da kann man schon mal eine Ausnahme machen.

In Opas Video bin ich ein grinsendes Mädchen mit Zahnlücke unten rechts im Mund, das allein an seiner Schulbank im Klassenzimmer sitzt und glücklich winkt. »Hallo, Opa! Guck mal, das hier ist mein Platz! Ich bin jetzt ein Schulkind!« Lachend saß ich da also vor der Kamera – und konnte mein Inneres schon damals ganz schön gut verbergen. Denn am liebsten hätte ich in diesem Augenblick lautstark geheult. Schließlich wollte niemand neben mir sitzen – dem Mädchen mit dem komischen Ossi-Dialekt und dem alten Schulranzen mit den Tomaten drauf. Ich trug keine Markenklamotten. Levi’s-Jeans, Nike-Pullover und T-Shirts von Adidas waren für die anderen. Nicht für mich, denn ich war alles andere als cool. So blieb der Platz neben mir von meinem ersten Schultag an leer – und das blieb die nächsten drei Jahre auch so. In nahezu jeder Pause stand ich allein auf dem Hof, und im Sportunterricht war ich jedes Mal die Letzte, die ins Völkerballteam gewählt wurde. Ich fühlte mich wie die unbeliebteste und hässlichste Person auf dem ganzen Schulhof. Trotzdem ging ich jeden Tag tapfer in die Schule. Leider sehr, sehr oft mit einem dicken Knoten im Hals und einem schweren Klumpen im Magen. So sollte sich kein Kind der Welt morgens auf dem Weg zur Schule fühlen.

Meine Lehrerin in der ersten Klasse, Frau Mayer, eine kleine, sehr sportliche Person mit Lockenkopf, schrieb mir in mein Zeugnis: »Aline findet nur schwer Anbindung, und es gibt häufig Streitigkeiten.« Das war ja wohl die Untertreibung des Jahrhunderts! Wenn es nach Frau Mayer ging, war ich in diesen Situationen nie das Opfer, sondern immer die Schuldige – so fühlte es sich für mich zumindest an. Nie tröstete sie mich, nahm mich liebevoll in den Arm oder stand mir bei. Im Gegenteil: Immer war ich diejenige, die etwas verbockt hatte. Egal was gerade mal wieder los war.

Es gab zwei Jungs in meiner Klasse, die es regelmäßig auf mich abgesehen hatten: Tobias, ein echter Fußballjunge, und Jakob, der Sohn des Pfarrers, bei dem ich Religionsunterricht hatte. »Guck mal, da kommt die dicke Aline wieder!«, brüllten sie zum Beispiel über den ganzen Pausenhof, stupsten sich gegenseitig in die Seiten und lachten. Ich schluckte dann meist den Kloß in meinem Hals herunter und lief einfach weiter in irgendeine Ecke des Pausenhofs, in der mich keiner sehen konnte. Am liebsten wäre ich in diesen Momenten unsichtbar gewesen. Aber ich hatte leider keine Tarnkappe zum Aufsetzen dabei. Stattdessen schob ich mir schnell ein, zwei kinder Riegel in den Mund, um mich abzulenken. Oft klebten Tobias und Jakob mir auch Kaugummis, die fiesen rosafarbenen Hubba Bubbas, ins lange blonde Haar, sodass meine Mama mir mehr als einmal bei uns zu Hause im Badezimmer am Abend ganze Strähnchen abschneiden musste. Jedes Mal habe ich dabei bittere Tränen geweint. Meine schönen Haare! Diese doofen Jungs!

Einmal haben sie mich sogar heimlich bis auf die Mäd­chentoilette verfolgt. Und gerade als ich auf der Kloschüssel saß – Rock, Strumpf- und Unterhose baumelten um meine Beine –, kamen über mir zwei dämlich lachende Gesichter zum Vorschein. Vor Scham lief ich knallrot an und wünschte mir einfach nur, dass sich ein Loch im Erdboden auftun würde, in dem ich verschwinden konnte. Von da an schaute ich vor jedem Toilettengang erst mal ängstlich nach oben und lauschte, ob nicht vielleicht jemand in der Toilette nebenan kicherte. Und ich beeilte mich jedes Mal ganz doll.

Selbst wenn Tobias und Jakob mir im Sportunterricht den Ball extra gegen den Kopf warfen, sodass mein Schädel dröhnte und einmal sogar ein roter Abdruck zurückblieb, erzählten sie Frau Mayer hinterher jedes Mal im Brustton der Überzeugung: »Aline hat angefangen.« Da konnte ich noch so laut rufen: »Ich war’s nicht! Tobias und Jakob sind immer so fies zu mir!« – am Ende stand es immer zwei gegen eine. Aline war mal wieder die Dumme.

Als mir meine Eltern einmal ein neues Fahrrad geschenkt haben, platzte ich vor Stolz fast. Es war pink und wunderschön, und es machte mir unglaublich viel Spaß, damit durch die Gegend zu fahren. Mit einem Lächeln im Gesicht cruiste ich durchs ganze Dorf und den angrenzenden Wald. Dafür brauchte ich schließlich keine Freundin, das ging allein auch ganz prima. Bis an einem schönen Sommertag der Spaß plötzlich vorbei war: An einer Kreuzung kurz vor der Abzweigung in den Wald standen plötzlich Tobias und Jakob vor mir. Sie blockierten mir mit ihren beiden Rädern den Weg und riefen: »Hier geht’s nicht weiter!« Dann lachten sie fies und schubsten mich ziemlich grob von meinem Fahrrad herunter. Mit Stöcken droschen sie auf mein geliebtes, nagelneues Rad ein – und einige Male auch auf mich. »Das Fahrrad ist viel zu schön für so eine fette Kuh wie dich!«, riefen sie dazu und lachten gehässig. Mit tränennassem Gesicht saß ich vor ihnen auf dem harten Boden.

Äußerlich kam ich bei diesem Ereignis zwar mit ein paar kleinen Kratzern davon, doch die Schrammen in mir drin waren umso tiefer. Völlig aufgelöst lief ich nach Hause, mein Fahrrad neben mir herschiebend. Die Situation hatte mir riesige Angst eingejagt und mich unfassbar traurig gemacht. Warum machten Tobias und Jakob das nur bei mir? Warum waren sie so gemein? Was stimmte nicht mit mir? Zu Hause angekommen – es war gerade keiner da –, machte ich mir erst mal vier Schinken-Käse-Sandwiches im Toaster– und aß sie noch im Stehen in der Küche. Mein Schluchzen verstummte endlich. Doch was ich in diesem Moment eigentlich gebraucht hätte, war jemand, der mich feste in den Arm nimmt und mir sagt: »Alles ist gut! Es liegt nicht an dir!«

Alles, was meine Eltern an diesem Abend jedoch taten, war, Tobias’ und Jakobs Eltern anzurufen – in erster Linie, weil diese mein schönes Fahrrad beschädigt hatten. Dabei waren diese oberflächlichen Kratzer doch wirklich nicht das Wichtigste. Immerhin hatte der Anruf eine gewisse Wirkung. Am nächsten Morgen haben die beiden Jungs tatsächlich schon morgens vor dem Schultor auf mich gewartet und reumütig geguckt wie zwei blöde Dackelbabys. »Es tut uns leid, Aline, das wollten wir nicht. Kommt nie wieder vor!«, entschuldigten sie sich.

Aber natürlich kam es wieder vor. Fiese Gängeleien waren mein Alltag. Irgendwelche Jakobs und Tobiase gab es immer. »Dieser komische Dialekt! Und wie die nur aussehen!« Mit »die« waren wir Ossis gemeint. Wir, die wir uns im beschaulichen Schwabenländle nun mal einbürgern mussten. Wenn ich mal wieder eine solche Gemeinheit auf dem Schulflur hörte, flüchtete ich meist auf die Toilette, wo ich weinend zusammenbrach und mich erst wieder hinauswagte, wenn ich mich und meine Emotionen wieder im Griff hatte.