Nimm ihm die Blumen mit - Peter Wilfried Bening - E-Book

Nimm ihm die Blumen mit E-Book

Peter Wilfried Bening

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Beschreibung

Peter Wilfried Bening erzählt in diesem seemännischen Liebesroman die Romanze eines Matrosen in einem skandinavischen Hafen, die sich tragisch entwickelt und ihn als späteren Kapitän nach einem Jahrzehnt wieder einholt. In diesem Band geht es nicht um Zeitzeugen-Erlebnisberichte, sondern es handelt sich um einen seemännischen Liebesroman, in dem aber zum großen Teil authentische Erinnerungen eines ehemaligen Seemanns gespiegelt werden, wie sie sicherlich von manchem Fahrensmann ähnlich erlebt werden konnten.

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Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Peter Wilfried Bening

Nimm ihm die Blumen mit

Roman einer Seemannsliebe mit autobiographischen Anteilen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Vorwort des Herausgebers

Der Autor

Anreise und Ankunft

Kontaktaufnahme

Verliebt

Enttäuschung

An Land

Überraschender Besuch

Etwa 10 Jahre später

Weitere Informationen

Maritime gelbe Buchreihe „Zeitzeugen des Alltags“

Impressum neobooks

Widmung

Für dich, meine Tochter!

Hallo mein kleiner Schatz – das bleibst du,

auch wenn du bereits erwachsen bist.

Ich habe für dich am großen Himmelszelt einen Stern angesteckt, der mir in den unendlichen Weiten der Ozeane immer den Weg zeigt – und vielleicht auch eines Tages zu dir!

Dein Vater

Vorwort des Herausgebers

Von 1970 bis 1997 leitete ich das größte Seemannsheim in Deutschland am Krayenkamp am Fuße der Hamburger Michaeliskirche, ein Hotel für Fahrensleute mit zeitweilig 140 Betten. In dieser Arbeit lernte ich Tausende Seeleute aus aller Welt kennen.

Im Februar 1992 begann ich, meine Erlebnisse bei der Begegnung mit den Seeleuten und deren Berichte aus ihrem Leben in einem Buch zusammenzutragen, dem ersten Band meiner gelben Reihe „Zeitzeugen des Alltags“:

Seemannsschicksale.

Insgesamt brachte ich bisher über 3.800 Exemplare davon an maritim interessierte Leser und erhielt etliche Zuschriften zu meinem Buch. Diese positiven Reaktionen auf den ersten Band und die Nachfrage ermutigen mich, in weiteren Bänden noch mehr Menschen vorzustellen, die einige Wochen, Jahre oder ihr ganzes Leben der Seefahrt verschrieben haben. Diese Zeitzeugen-Buchreihe umfasst inzwischen fast zwei Dutzend maritime Bände.

In diesem Band 34 geht es nicht um Zeitzeugen-Erlebnisberichte, sondern es handelt sich um einen Roman einer Seemannsliebe, in dem aber zum großen Teil authentische Erinnerungen eines ehemaligen Seemanns gespiegelt werden, wie sie sicherlich von manchem Fahrensmann ähnlich erlebt werden konnten.

Herrn Dieter Herrmann (†) sei Dank für die skandinavischen Landschaftsbilder.

Hamburg, im Oktober 2007 /2014 Jürgen Ruszkowski

Der Autor

Mitten im Herzen Berlins erblickte Peter Wilfried Bening im Sommer 1951 das Licht der Welt. Bis zu seinem zehnten Lebensjahr wuchs er nicht weit entfernt von dieser pulsierenden Metropole in einem Dorf auf. Bereits in dieser Zeit erwachte in ihm der Wunsch, einmal zur See zu fahren und Kapitän zu werden.

Im Jahre 1961 beschlossen seine Eltern, die DDR auf nicht ganz gesetzeskonforme Art zu verlassen. Eigentlich hatte man vor, nach Venezuela auszuwandern, jedoch endete dieses Unterfangen in einer norddeutschen Stadt, wo man sich dann ein Häuschen kaufte und niederließ. Da die Eltern ihrem einzigen Sprössling etwas Gutes tun wollten, versuchten sie, ihn in einen guten Beruf zu geleiten. Doch sie hatten nicht mit der Dickköpfigkeit des Sohnes gerechnet! Nein, er wollte aufs Schiff! Irgendwann gaben die geplagten Eltern nach, und er hatte es geschafft.

Als Schiffsjunge musterte er zunächst auf einem kleinen Inselversorger an. Dies hatte für ihn auch den Vorteil, dass er nicht auf die „Morfiefabrik“ (Schiffsjungenschule) musste. Dann schlossen sich Fahrtzeiten auf verschiedenen Kümos an. Nachdem er Matrose geworden war, versuchte Peter W. Bening in der großen Fahrt Fuß zu fassen. Doch er trat in jedes nur erdenkliche Fettnäpfchen. Von jeher war er gewohnt, dass alle Arbeiten an Bord zum Job gehörten, egal ob es sich um technische Aufgaben des Maschinenbereiches handelte oder um Brückendienst und Wachegehen. Man war Mädchen für alles, und das wurde bisher auch erwartet. Auf einem „Großen“ war das anders. Hier hatte jeder seinen bestimmten Aufgabenbereich und wachte mit Argusaugen darüber, dass ihm niemand in die Quere kam. Außerdem liefen genug „Kolbenringträger“ herum, so dass es auch nicht vorkam, dass man den besoffenen Steuermann vertreten musste. Da Bening ein besonderes Feingefühl für das Verhalten eines Schiffes und dessen Kursstabilität hatte und dies schnell erkannt wurde, ernannte man ihn zum „Gefechtsrudergänger“. Das war aber auch nicht unbedingt die befriedigende Aufgabe. Nachdem er abgemustert hatte, wollte der Staat unbedingt, dass er in so einem grünen Anzug durch die Botanik hopste. Dies war nun überhaupt nicht sein Ding! Danach fand man ihn an Bord von Kümos wieder. Auch auf Binnenschiffen versah er Dienst und sammelte Fahrtzeit, sowohl für das begehrte See-, wie auch fürs Binnenpatent. Irgendwann und irgendwo lernte er einst seine Frau kennen, und sie heirateten. Er fuhr weiterhin auf See- und Binnenschiffen, und sie kümmerte sich um die alltäglichen Dinge des Landlebens und um die zwei Kinder. Mit dem mehrmaligen Versuch, an Land zu bleiben, scheiterte Bening und somit ging’s wieder ab an Bord. Bis 2001 fuhr er auf verschiedenen Schiffen als Steuermann, erster Offizier und Kapitän.

Dann warf ihn ein Hirntumor, der operativ entfernt wurde, unwiderruflich an Land. Auch heute macht ihm seine Gesundheit arg zu schaffen, denn Lungenhochdruck und Herzschwäche vertragen sich nicht gut miteinander. Peter Wilfried Bening lebt jetzt in einer ländlichen Gemeinde in Norddeutschland und ist bereits fünfmal Opa.

Dann schrieb er Geschichten und Romane. Zum Teil spiegelt sich darin selbst Erlebtes aus seinem eigenen Leben, Miterlebtes und Fiktives in einer bunten Mischung wieder.

Bei einem internationalen Autorenwettbewerb wurde er unter über 12.500 Teilnehmern für eine Preisverleihung nominiert. Herauszufinden, in welcher Kategorie sich der vorliegende Roman abspielt, bleibt dem geneigten Leser selbst überlassen. Auf jeden Fall wünscht Peter W. Bening allen eine gute Unterhaltung.

Da der Herausgeber seit Jahren nichts mehr von dem Autor hörte, vermutet er, dass dieser seiner schweren Krankheit erlegen ist.

Anreise und Ankunft

Es war ein herrlicher Tag. Die Sonne lachte vom wolkenlos strahlenden Himmel, der sich heute in seinem schönsten Blau zeigte. Das Schiff fuhr ruhig dem sich nahenden Land entgegen, und sein Bug durchschnitt die spiegelglatte, türkisfarbene See, die mit Rauschen eine hell spritzende Bugwelle empor warf, grad so, als wollte sie sich gegen diese Störung wehren. Dazu sang der Schiffsdiesel sein monotones Lied. Die nahe Küste mit ihren dunklen Wäldern und den bunten Häusern dazwischen bot einen Kontrast, wie ihn kein Künstler hätte besser malen können. Es lag Ruhe und Frieden, ja fast etwas Mystisches über diesem Land, diesem Ort.

Nachdem der Lotse an Bord war, das kleine Versetzboot wieder Richtung Land entschwand, erschall die Stimme des Kapitäns fragend aus dem Lautsprecher der Messe: „Tomas?“

„Jaaah?“, antwortete der in seiner Ruhe Gestörte etwas mürrisch.

„Ist die Ankerwinsch klar?“

„Ja, ja, ist fertig!“

„O k, dann Anker klar zum Fallen und Steuerbord Landseite – kannst aber erst deinen Kaffee austrinken.“

„Anker klar und Steuerbord Land, o k – ach ja, Kaffee austrinken o k.“

Tomas betrachtete den restlichen Schluck in seiner Tasse. ‚Neu einschenken? Nee, dauert zu lange’, dachte er.

„Also, Leute, auf ihn mit Gebrüll!“, sagte er zu den anderen in der Messe sitzenden Mannschaftsmitgliedern und stand auf.

„Nun mal nicht so hastig, kommst noch früh genug an Land!“, bekam er von Rudi, dem Decksmann, zur Antwort.

„Kann ihm nich’ schnell jenuch jeh´n, sonst platzt wat“, mischte sich Heiner, der Moses, ein.

„Ach leckt mich doch!“, knurrte Tomas vor sich hin und verließ die Messe.

„Auweia, der Herr Matrose hat schlechte Laune“, bemerkte daraufhin der Jungmann Holger amüsiert.

„Ja, der ist heute schon den ganzen Tag so ´n kleiner Giftzwerg“, untermauert Rudi Holgers Feststellung.

„Aber kommt, lasst uns lieber an Deck gehen, bevor er noch stinkiger wird. Der muss ja nachher auch noch in den Fettkeller und die Reparatur am Jockel machen.“

„Oooch, der Arme, und wir trinken dann sooo gemütlich in einer Kneipe `nen Bierchen!“

Rudi und Holger grinsten sich an, als sie aufstanden und die Messe verließen.

Tomas hatte sich an die Reling des Backdecks gelehnt und blickte träumend zu diesem kleinen Hafen hinüber, der sich nun langsam zu erkennen gab. Er genoss diese Momente, wenn sich das Schiff dem Land näherte. Obwohl er Seemann mit Leib und Seele war, das Meer, die grenzenlose Weite und die Freiheit liebte, sehnte er sich in solchen Augenblicken nach der Geborgenheit eines eigenen Heimes, nach einer Familie. Aus einem unerfindlichen Grund war diese Sehnsucht grade heute besonders ausgeprägt. Lag es an der Nähe des Landes, am Duft der Wälder, am Rauschen der Bugwelle, dass er eine unerklärliche Unruhe in sich verspürte? Vielleicht wollte er auch einfach nur wieder an Land sein, ausspannen, abschalten.

Tomas hatte bereits die Anker klargemacht und die Wurfleine parat gelegt.

„Ach du lieber Himmel, was ist das denn für ´n Kaff? Hier sind wir ja am Arsch der Welt! Maa - maaa ich will nach Hause!“, entfuhr es Rudi, der nun ebenfalls nach vorn auf die Back gekommen war, als er den Hafen, oder besser das Häfchen genauer betrachtete.

„Hoffentlich gibt es hier wenigstens so etwas wie eine Kneipe!?“

Rudi ging langsam in Richtung Bug und schaute über das Schanzkleid zum Anlegeplatz.

„Hä, sehe ich richtig? Jawollo! Tomas – Tooomaaas! Da stehen Mädels, echt und lebendig, drei Stück, - da vorn!“, rief er und hüpfte wie ein kleines Ziegenlamm über das Backdeck.

„Na und?“, kam die lakonische Antwort von Tomas, ohne dass er dieser Entdeckung eines Blickes würdigte. Stattdessen verschwand sein Oberkörper in der Kabelgattluke, wo er etwas Unverständliches vor sich her murmelte.

Sachte schob sich das Schiff der Pier entgegen, grad so, als wolle es mit seiner Seite den Anleger zärtlich streicheln.

„Jungejunge, der Alte fährt heute wohl wieder mit seinem goldenen Händchen, oder was meinst du Tomas?“

„Halt die Klappe, pass lieber mit deinem Fender auf und klar bei Vorspring!“, erschall die Stimme des Kapitäns über Lautsprecher zu dieser Bemerkung.

„Siehste Rudi, der liebe Gott sieht und hört alles“, feixte Tomas.

Er stand mit der Wurfleine in der Hand an der Verschanzung und hielt Ausschau nach den Festmachern. Für die etwas abseits stehenden Mädchen hatte er im Moment keinen Blick übrig. Sein Adlerauge suchte unablässig nach den Leuten, die die Leinen vom Schiff annehmen sollten, konnte aber niemanden entdecken.

„Back an Brücke!“

„Brücke“, hallte die Erwiderung über das Backdeck.

„Kaptän, ich kann keine Festmacher sehen“, machte Tomas Meldung.

„Schei - be!! Dann muss einer an Land!“, kam es zurück.

„O k, einer an Land!“, quittierte er die Order von oben.

„Heinerr“, rief Tomas über das Deck, dem Schiffsjungen zu. „Ja?“ –

„Du musst an Land!“

„Warum icke?“

„Halts Maul und komm her – du Hornochse.“

„Jajaja.“

Heiner, damit beschäftigt, die Gangway zu klarieren, setzte sich langsam Richtung Back in Bewegung. Auf der Treppe hielt er inne, schaute an Land und sah die drei Mädchen.

„Wow! Da sind ja Weiber an Land, und ick bin der erste drüben!“, entfuhr es ihm lautstark.

„Ja, und die nehmen dich alle einzeln zur Brust“, vernahm er daraufhin die Stimme des Steuermanns hinter sich, der auch nach vorn gekommen war.

„Nur die Drei? Ick vernasch dat janze Kaff!“, gab Heiner großspurig von sich.

„Pup nicht rum, Kleiner und hops an Land. Na Klaus, auch auf Brautschau? Ach nee, du darfst ja noch nicht wieder; tut ja noch aua“, frotzelte Tomas den Steuermann an.

„Lass mich bloß damit in Ruhe. Diese alte...!“, gab dieser unwirsch zurück.

„So Heiner, jetzt rüber, und die Spring gleich auf den ersten Poller.“

„Jawollo Chef, bin schon weg!“

Wie schon Dutzende Mal zuvor klappte dieses Anlegemanöver auch wieder wie aus dem Lehrbuch. Sie waren eben eine eingespielte Crew, bei der jeder wusste, was zu tun ist und was jeder zu tun hat. Dies war auch etwas, was der Kapitän an seinen Leuten so schätzte. Sie konnten saufen, manchmal raufen, hatten ihre Nücken und trotzdem: Wenn es darauf ankam, stand jeder seinen Mann und tat seine Arbeit, ohne dass erst große Anordnungen erteilt werden mussten. Diese Leute waren ein Team - sein Team! So manches Mal musste er leise vor sich hinlächeln, wenn er sah, wie auf einem anderen Schiff das Chaos ausbrach und gebrüllt wurde, dass es über den Hafen schallte. Nein, so etwas gab es bei ihm an Bord nicht! Das machte auch den Ton auf seinem Schiff aus: Man konnte sich annörgeln, anpflaumen, flachsen, ohne dass jemand es krumm nahm oder sich im Ton vergriff. Dienst war Dienst, und Schnaps war Schnaps; so wurde es gehalten, und wer sich nicht daran hielt, der passte nicht dazu, der flog!

Nachdem das Schiff ordentlich vertäut war, die Gangway an Land und die Bäume getoppt waren, gab es eigentlich nichts mehr zu tun. Oder doch?

„Ist noch was, oder können wir los?“

Rudi und Heiner standen vor Tomas, und ihre Augen blickten unruhig zu den Mädchen an Land hinüber.

„Ja, noch die Laschings los, aber nur jeden zweiten und jeden zweiten Keil raus“, antwortete der Gefragte.

„Mann, können wir doch auch morgen früh machen oder Montag. Heute ist Freitag, und die fangen jetzt am Nachmittag mit dem Laden sowieso nicht mehr an.“

„Was du heute kannst besorgen – oder?“

Leise schimpfend begannen die Beiden mit der Arbeit. Tomas räumte noch einige Sachen vom Backdeck weg und beobachtete dabei amüsiert, wie Rudi und Heiner bemüht waren, ihre Arbeit zu verrichten und trotzdem versuchten, mit den Mädchen anzubändeln.

Kontaktaufnahme

Diese standen nun ziemlich nah beim Schiff, lachten, kicherten und riefen ihnen ständig etwas in ihrer Landessprache zu, was natürlich keiner verstand.

Als Tomas die Schönen genauer musterte, blieb sein Blick wie gebannt an der in der Mitte stehenden haften. ‚Düvel noch mal, was ein hübsches Ding’, dachte er und hielt in seiner Tätigkeit inne. Die langen dunklen Haare boten einen großartigen Kontrast zu ihrem weißen Jeansanzug und schimmerten seidig in der Sonne. Ihr schlanker Körper wurde von einem roten Pulli und den ziemlich engen Jeans betont. Sie war hübsch, ja richtig süß, wie sie so dastand. Den Kopf leicht geneigt und mit einer zarten Röte im mädchenhaften Gesicht, blickte sie zu ihm hinüber. Tomas kam es vor, als sei sie seiner Phantasie entsprungen, käme nicht von dieser Welt. Er war fasziniert, überwältigt, einfach hingerissen. ‚Ach was soll’s, ist sowieso nur so `ne Hafenjule’, ging es ihm durch den Kopf. Und trotzdem: Er konnte den Blick nicht von ihr lassen!

Hastig erledigte Tomas seine Arbeit und ging zu den Kollegen, die zwischenzeitlich ihre Tätigkeit beendet hatten.

„Tomas, sag mal, verstehst du, was die sagen?“, fragte ihn Rudi.

„Für mich sind das böhmische Dörfer“, meldete sich Holger zu Wort, der sich zu ihnen gesellt hatte.

„Haallooo Toomaas! – du bist gemeint! Oha, nun guck die bloß nicht weg, kriegst ja gleich Stielaugen. Toooomaaaas, aufwachen!“

„Waah? Ach so ja, nee, versteh ich auch nicht. Hast du es schon mal mit Englisch versucht?“

„Englisch, Spanisch und mit meinem bisschen Französisch, - nüscht, die quasseln nur in ihrem Kauderwelsch.“

„Wie wäre es denn mit der berühmten Zeichensprache?“

Tomas hatte sich wieder gefangen, obwohl er meinte, in einem schweren Sturm geraten zu sein, als sich sein Blick und der des dunkelhaarigen Mädchens trafen.

„Dat isset!“, jubelte Heiner und begann zu gestikulieren.

„Ich glaube, ich weiß, was die meinen“, hatte Tomas plötzlich eine Eingabe.

„Na wat, schieß los!“, drängte Heiner, der bemerken musste, dass seine Kunst der Zeichensprache nur heftiges Gelächter auslöste.

„Die wollen mit uns was trinken gehen. Irgendwo da hinten“, deutete Tomas und zeigte in Richtung der Lagerschuppen.

„Hei, das ist doch schon mal die halbe Miete“, freute sich Holger.

„Tomas, mach ihnen irgendwie klar, dass wir uns eben noch landfein machen und dann kommen. Sie sollen hier solange warten. Gebe dafür auch extra einen aus. O k? Tooomaaas! Mensch, der träumt schon wieder! Hast du verstanden?“

„Ja, ja, ja“, antwortete der völlig Abwesende und holte sich langsam aus diesen wunderschönen blauen Augen des Mädchens zurück, worin er versunken war, wie in den Tiefen des Meeres. Tomas beugte sich über das Schanzkleid zu den Mädels hinunter.

In diesem Moment trat dieses faszinierende Wesen nach vorn, kam ganz dicht an das Schiff heran und sah schweigend zu ihm hinauf. Ein seltsam strahlender und doch melancholischer Glanz lag in ihren Augen. Es schien ihm, als wollten sie ihn etwas fragen, ja als würden sie eine Bitte zu ihm hinauf schicken. Er, der Seemann, der Starke, den nichts umwarf, der große welterfahrene Aufreißer wurde verlegen, bekam nasse Hände und kein Wort heraus. Wie sehr fesselten ihn diese Augen, wie tief drangen sie in ihn hinein. Wie zog dieses Mädchen ihn in seinen Bann – und wie gern verlor er sich im Blau dieser Augen. Ohne den Blick von ihm zu lassen, bückte sie sich, pflückte ein Gänseblümchen, das einsam auf der Kaimauer wuchs und hielt es ihm entgegen. Als sei er in Trance, griff Tomas danach und berührte dabei leicht ihre Hand. Er spürte, wie sein Herz zu rasen begann, hörte das Rauschen seines Blutes und meinte, gleich in Ohnmacht fallen zu müssen. Da stand er, unfähig sich zu rühren oder auch nur Piep zu sagen. Es dauerte einige Zeit, bis aus ihm ziemlich gequälte Worte hervordrangen, die nach „warten, kommen gleich“ oder so ähnlich klangen.

Doch anscheinend war dieses Gekrächze verständlich, denn das Mädchen nickte, und die anderen hatten mit dem albernen Gekicher aufgehört.

‚Auweia, du spinnst’, dachte Tomas bei sich, ‚bloß ab in den Keller und was tun!’.

Aus einem unerfindlichen Grund lief ihm die Arbeit nicht wie gewohnt von der Hand. Mit seinen Gedanken war er ständig bei diesem einen Mädchen, und das Werkzeug hatte heute die blöde Angewohnheit, dauernd weg zu fallen. Nichts ging richtig, alles war verkehrt.

Das war doch nicht er, den eigentlich nichts aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Kribbeln im Bauch oder gar etwas tiefer gab es ja des Öfteren, aber so etwas war ihm noch nie passiert.

‚Das kommt sicher von der langen Zeit auf See. Außerdem hast du lange keine Maus mehr gehabt – gab ja nur Nutten und die – nee danke, nichts für mich. Ja, genau das ist es: Du sehnst dich mal wieder nach so richtig was hübschem Kuscheligem zum Schmusen und so’, dachte Tomas und kämpfte verzweifelt mit einer aufmüpfigen Dichtung.

Trotz aller Missgeschicke und Widrigkeiten wurde die Arbeit fertig, und er konnte für heute Feierabend machen.

‚Eben noch dem Käpt´n Bericht erstatten und dann nichts wie zu der Kleinen’, dachte er und stellte darauf erstaunt, aber nicht widerwillig fest: ‚Die hat dir anscheinend den Kopf verdreht!’

Nachdem die Pflicht der Berichterstattung erledigt war und der Kapitän sich scherzend über sein unruhiges Verhalten ausgelassen hatte, wusch er sich noch schnell die Hände, und los ging es an Land; ohne sich landfein zu machen.

* * *

Obwohl er nicht wusste, wo die Anderen hingegangen waren, zog es ihn doch magisch in eine bestimmte Richtung. Und als ob er sich hier auskennen würde, stand er mit einemmal vor einem Wirtshaus, aus der ganz unverkennbar Rudis Stimme durch die offene Tür nach draußen drang. Tomas trat ein. An einem großen runden Tisch saßen seine Kameraden. Die Mädchen zwischen ihnen und sie – die Eine – neben Holger!

Vor ihr standen diverse Gläser mit den unterschiedlichsten Getränken. Holger war der Konsum des Alkohols bereits leicht anzumerken; jedenfalls lies seine Ausdrucksweise und die Aussprache darauf schließen.

„Hallo Tomas, ’na hast wohl noch den ganzen Maschinenraum aufgewischt, so wie du aussiehst! Los komm, setzt dich hin und trink erst mal einen!“, wurde er lautstark begrüßt.

„Von denen bekommst du aber keine mehr ab“, sagte der ebenfalls schon leicht angesäuselten Rudi und deutete dabei auf die drei Mädchen.

Tomas setzte sich, nahm ein Bier und musterte die Runde. Sagen konnte er nichts, da er dummerweise, oder war es doch Absicht, genau gegenüber diesem dunkelhaarigem, blauäugigem Traumwesen Platz genommen hatte, das ihn nun beharrlich anschaute.

In ihren Augen stand ein Ausdruck, der ihm flehend, ja Hilfe suchend erschienen. Grad so, als wollte dieser Blick ihn um etwas inständig bitten.

Wie dem auch sei: Sie war bei Holger, und diese Spielregeln wurden eingehalten.

Nun saß er hier und ärgerte sich darüber, dass er nicht gleich mitgegangen war. Hätte er doch bloß…, dann würde die Kleine jetzt bestimmt nicht bei Holger sitzen, und er hätte, - würde, - wenn, ja wenn, … hätte und haben!

Er konnte, trotz aller Spielregeln seinen Blick dennoch nicht von ihr lassen, und sie erwiderte ihn so, das ihm heiß und kalt wurde und er einen dicken Kloß im Hals verspürte. ‚Junge ist die niedlich, richtig hübsch, echt ’was fürs Herz. Und diese Augen! Wie die einen damit anschaut!’ Tomas’ Gedanken rasten durch sein Hirn. Ein Teil von ihm sagte: ‚Spann sie ihm aus’, der andere Teil hielt dagegen und meinte: ‚Lass es, gibt Ärger an Bord!’

Was sollte er jetzt nur machen?

Er fühlte doch, dass es jede Zelle in ihm zu diesem Mädchen zog, und ihre Augen und sein Gefühl sagten, dass auch sie lieber bei ihm, als bei Holger wäre.

„Mann, das is’ doch zum Mäusemelken! Nun sieh dir bloß mal an, was ich der schon alles bestellt habe, und die trinkt einfach nüscht, sagt keinen Ton, nich’ mal piep. Scheiß blöde Kuh! Bei kleinem hab’ ich die Schnauze voll!“

Holger war sichtlich ärgerlich, hatte er doch inzwischen etliche gute Getränke vor dem Mädchen auftischen lassen. Da die hier nicht grade billig waren, riss dies natürlich ein ziemlich großes Loch in seine Heuer.

„Vielleicht steht sie ja nicht auf dich oder ist stumm“, war die Schlussfolgerung von Rudi, der dafür die Mund zu Mund Beatmung bei seiner Holden unterbrach.

„Das ist mir doch scheiß egal“, schnauzte Holger, „die braucht mich ja nicht zu heiraten, ich will ’se ja nur in die Koje haben!“

Bevor er sich recht versah, bekam er von dem Mädchen links und rechts eine schallende Ohrfeige. Sie schnellte auf, so dass der Stuhl, auf dem sie grade noch saß, polternd durchs Lokal fiel.

„Wenn du meinst, wir sind Nutten und ich versteh dich nicht, dann hast du dich geirrt, du – du – du Arschloch!“, schrie sie ihn an und rannte zur Tür. Alle starrten ihr erschrocken hinterher.

Verliebt

Tomas sprang auf, hastete ihr nach und erwischte sie grade noch am Ausgang. Vorsichtig hielt er ihren Arm fest und stellte sich vor das wütend dreinschauende Mädchen.

„Entschuldige bitte, Holger hat das nicht so gemeint, der ist schon ein bisschen angetüdelt. Ich bitte dich, nicht zu gehen, bleib doch bitte noch, - ich lade dich herzlich ein, und wir beide trinken etwas zusammen, - ich möchte mich für Holger entschuldigen, sonst ist er nicht so, und wir wollen doch nicht so auseinander gehen.“ Ein Redeschwall ergoss sich über sie, und Tomas wusste gar nicht, wo er das alles hernahm.

Das Mädchen schaute ihn an, musterte ihn, und aus den vorhin noch so freundlichen und fragenden Augen schaute etwas, was ihn bis ins Mark traf. Nein, er konnte sie nicht gehen lassen und so schon gar nicht. Tomas suchte noch nach passenden Worten, als er fühlte, wie sich ihre Hand auf seine legte, die immer noch ihren Arm leicht festhielt. Er meinte in diesem Moment, rot wie ein Primaner zu werden, und seinen Körper durchfuhr es, als würde ihn ein Blitz treffen.

„Na gut, aber nur, weil du es bist und unter der Bedingung, dass der mich zufrieden lässt“, hörte er sie sagen.

„Natürlich, keine Frage, werd’ ich für sorgen...“

Sie streichelte leicht über seine Hand, und der Ausdruck ihrer Augen hätte selbst das ewige Eis des Südpols schmelzen lassen.

Tomas konnte einfach keinen Ton mehr hervorbringen, als sie zum Tisch zurückgingen.

„Ach so is’ das: Der Herr Matrose und die…“

Holger wurde abrupt im Satz unterbrochen. Tomas zog ihn langsam am Kragen vom Stuhl hoch. „Halt ’s Maul! Noch eine Bemerkung, einen Ton, und ich brech’ dir die Gräten!“

„Is’ ja schon gut, ich sag ja nix mehr.“

„Nicht mal daran denken, rat ich dir!“

Tomas war so zornig geworden, wie er es von sich selbst eigentlich nicht kannte, seine Kameraden von ihm aber auch nicht.

„Wow, da is’ eener verknallt und wie!“, stellte Heiner fest und vertiefte sich nach diesem Schreck, wieder in die Anatomie seiner Partnerin.

„Was möchtest du denn trinken?“, fragte Tomas das Mädchen an seiner Seite, „und sag mal, wie heißt du eigentlich? Ich bin Tomas.“

„Eine Cola, und dass du Tomas heißt, weiß ich nun schon. Ich bin Susanne, hey.“

Sie setzten sich dicht nebeneinander, und Tomas begann Fragen zu stellen: Woher sie denn komme, warum sie so perfekt Deutsch spräche, warum, warum, warum.

Susanne beantwortete geduldig jede Frage, und so wusste er, dass sie in diesem Ort wohnte, ihr Vater eigentlich Deutscher war und früher auch einmal zur See gefahren war, bevor er ihre Mutter kennen lernte und hier blieb.

Ebenso, dass sie zur Schule ginge, jetzt aber Ferien waren und dass heute Abend hier eine Band spiele und alle, ja wirklich alle, hingingen.

Tomas hätte noch tausend Fragen gestellt, wäre nicht Rudis murrende Stimme ertönt: „Mein Gott, macht ihr hier ein Rede- und Antwortspiel? Ist ja nicht zum Aushalten. Kennen sich grad ’ne halbe Stunde und sind am quasseln wie ’n altes Ehepaar.“

Oh ja, Tomas fand es schön, sich mit ihr zu unterhalten, obwohl er sie lieber in den Arm genommen hätte.

Doch irgendetwas hielt ihn davon ab. Oder traute er sich einfach nicht?

„So Tomas, ich muss jetzt nach Hause“, sagte Susanne und schaute ihn wieder mit so einem fragenden Blick an, den er einfach nicht deuten konnte.

Sie stand auf, sagte „tschüß“ und verschwand durch die Tür. Tomas, bei dem anscheinend ein Zeitzünder installiert war, reagierte mit entsprechender Verzögerung, als er ihr hinterherlief.

„Susanne – Susanne, warte mal“, rief er bestürzt, als er sie grade noch an der Hausecke erreichte. Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm um. „Jaaa?!“ Und diesmal schaute sie ihn mit strahlend leuchtenden Augen an.

‚Himmel, dieses Mädchen, diese Augen, diese…’, dachte er, als ihre Stimme seine Gedanken durchbrachen: „Wolltest du noch was?“ Und ob er noch etwas wollte, bloß was war das jetzt? „Ähm – ja – ähm –, kann ich dich nach Hause bringen, und könnten wir heute Abend vielleicht zusammen zum Tanzen gehen?“, sagte Tomas und betete inständig, dass sie ‚ja’ sagen möge.

„Gut, du kannst mich nach Hause bringen, und das mit heute Abend überlege ich mir noch.“

Tomas hätte jetzt am liebsten einen Freudenschrei ausgestoßen, nahm aber stattdessen allen Mut zusammen und Susanne an die Hand.

Es war ein niedlicher kleiner Ort, durch den sie gingen. Die farbig gestrichenen Häuschen leuchteten im Sonnenschein, ein großer Krämerladen, in dem es anscheinend alles gab, lud zum Besuch ein, und an einer Pommesbude schien eine Dorfversammlung abgehalten zu werden. Richtig einladend und urgemütlich war es hier. Nach einem kurzen Fußmarsch waren sie bei Susannes Elternhaus angelangt. Es lag schön: Am Ende einer kleinen Seitenstraße, etwas erhöht vor einem Wald, umsäumt von Bäumen und einem verlockend gemütlichen Garten.

„Richtig schön hier“, sagte Tomas.

„Ja, nicht? Und hier wohne ich mitten drin“, erwiderte Susanne mit etwas Stolz in der Stimme. „Also, wenn du willst, kannst du mich nachher abholen. Um einundzwanzig Uhr fängt die Disco an; sagen wir also um zwanzig Uhr, damit wir auch noch einen vernünftigen Platz bekommen. Musst aber klingeln“, sagte Susanne, öffnete die Tür und verschwand im Haus.

Tomas stand wie betäubt da, unfähig, in diesem Moment einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige sich zu regen. In seinem Kopf wurde ein Formel-Eins-Rennen ausgetragen, durch seine Adern tobte ein Ameisenstaat, um seinen Hals wurde ein Strick zugezogen, und seine Kehle war so trocken wie die Wüste Gobi.

‚Sie hat ja gesagt, Su – san – ne hat ja gesagt’, sang es in ihm, und er genoss jede Silbe ihres Namens.

‚Man, wie spät ist das jetzt eigentlich, und unbedingt das Haus und die Straße merken’, durchfuhr es ihn. Er schaute auf seine Uhr und stellte entsetzt fest: Es war schon achtzehn Uhr dreißig! Rennend legte Tomas den Weg zum Schiff zurück.

An Bord lief er dem Koch direkt in die Arme und wurde nicht grade sehr freundlich begrüßt: „Kannst nicht Bescheid sagen, wenn du später kommst? Oder meinst du, ich halte die Spiegeleier extra für dich warm? Wenn du noch welche haben willst – mach sie dir selber. Ich will auch mal Feierabend haben und an Land gehen. Und wenn du in meiner Kombüse hantierst – sauber machen!“

Tomas war so voller Freude, dass er den Rüffel des Kochs überhaupt nicht wahrnahm. Stattdessen umarmte er ihn, gab ihm einen dicken Kuss auf die Stirn und rief freudestrahlend: „Sie hat ja gesagt!“

„Nun ist ja gut Tomas, ich bin’s bloß, Herbert der Koch. Außerdem bin ich verheiratet und stehe nicht auf Männer“, sagte der völlig verblüfft, machte eindeutige Stirnzeichen und ließ ihn stehen.

„Der spinnt doch, oder hat der einen zuviel gehabt?“ „Nee, der is’ total in so ’ne Tussi verknallt“, hörte Tomas hinter sich sagen, als er den Niedergang hinunter ging.

Ohne sich darum zu kümmern, stürmte er in seine Kammer, nahm seine Duschutensilien und verschwand in der Dusche. Nach einem ausgiebigen Brausebad, bei dem er fröhlich vor sich hinträllerte und die Gehörnerven eventueller Zuhörer strapazierte, machte er sich in seiner Kammer landfein. Nein, besser gesagt, fertig zum Ausgehen. „Donnerlüttje, willst wohl deiner Schwiegermutter imponieren wa’?“ Rudi und Heiner standen in der Kammertür und musterten Tomas von oben bis unten.

„Wenn du zu ihr hingehst, musst du aber Blumen mitnehmen“, bemerkte Rudi mit breitem Grinsen.