Ninon und Hermann Hesse - Gisela Kleine - E-Book

Ninon und Hermann Hesse E-Book

Gisela Kleine

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Beschreibung

Ninon war vierzehn Jahre alt, als sie 1910 an den berühmten Autor des Peter Camenzind schrieb – zwanzig Jahre später wurde sie seine Frau.
Nach Jahren der Korrespondenz besucht Ninon – inzwischen von ihrem ersten Mann, dem Wiener Künstler Benedikt Fred Dolbin, getrennt – Hermann Hesse erstmals 1922 im Tessin. Fünf Jahre später bricht sie alle Brücken hinter sich ab, verkauft ihr Elternhaus, löst ihren Wiener Hausstand auf, um Hesse aus einer lebensbedrohenden Krise zu retten. Sie wird zu seiner Vertrauten und ist ihm besonders in der krisenhaften Zeit des Steppenwolfs so unentbehrlich, dass der Schriftsteller das Wagnis einer dritten Ehe eingeht. Es wird eine harmonische Ehe, die über drei Jahrzehnte bis zu Hesses Tod währt.
Doch wer war diese außergewöhnliche Frau, die Hesse von der Zerrissenheit des mittleren Lebensjahrzehnts zur inneren Stabilisierung und Ausgewogenheit seines Spätwerks führte? Und dabei auch ihre eigenen kunsthistorischen Interessen nicht vernachlässigte?
Gisela Kleine erzählt fesselnd und einfühlsam die Geschichte dieser Ehe und zeigt, wie die dialogische Gemeinschaft mit Ninon auch das Werk Hermann Hesses geprägt hat.

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Seitenzahl: 1054

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ninon war vierzehn Jahre alt, als sie 1910 an den berühmten Autor des »Peter Camenzind« schrieb – zwanzig Jahre später wurde sie seine Frau.

 Nach Jahren der Korrespondenz besucht Ninon – inzwischen von ihrem ersten Mann, dem Wiener Künstler Benedikt Fred Dolbin, getrennt – Hermann Hesse erstmals 1921 im Tessin. Fünf Jahre später bricht sie alle Brücken hinter sich ab, verkauft ihr Elternhaus, verzichtet auf den Abschluß ihrer Doktorarbeit, löst ihren Wiener Hausstand auf, um Hesse aus einer lebensbedrohenden Krise zu retten. Sie wird zu seiner Vertrauten und ist ihm besonders in der krisenhaften Zeit des »Steppenwolf« so unentbehrlich, daß der Schriftsteller das Wagnis einer dritten Ehe eingeht. Auch Ninon übernahm eine schwere Aufgabe, wenn sie dem hochsensiblen Schriftsteller, der für sein Werk einen störungsfreien Raum brauchte, verständnisvoll wartend zur Seite stand. Sie wußte jedoch, daß trotz seiner hart verteidigten Einsamkeit stets ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit in ihm wach war. Es würde dennoch ein langer, schmerzvoller, von immer neuen Rückschlägen und Krisen gezeichneter Prozeß, der aus der »Fern-Nähe« ihrer ersten Ehejahre zu einer dialogischen Gemeinschaft führte, durch die Hesse sich in den gelassenen Glasperlenspieler verwandelte.

 Doch wer war diese außergewöhnliche Frau, die Hesse von der Zerrissenheit des mittleren Lebensjahrzehnts zur inneren Stabilisierung und Ausgewogenheit seines Spätwerks führte? Und dabei auch ihre eigenen Forschungsgebiete, Archäologie und Mythologie, nicht vernachlässigte?

 Gisela Kleine erzählt fesselnd und einfühlsam die Geschichte dieser Ehe und zeigt, wie Ninon, die Eigenständigkeit mit Hingabe verband, das Werk Hermann Hesses geprägt hat.

Gisela Kleine schloß ihr Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte mit einer Dissertation über Hermann Hesse ab. Da ihm ihre Arbeit gefiel, wurde sie zu ihm nach Montagnola eingeladen und führte danach mit dem Ehepaar Hesse einen Briefwechsel. Im Verlauf ihrer vielseitigen publizistischen Tätigkeit erhielt Gisela Kleine für ihre Frauenforschung den Kulturpreis der Stadt München.

Von ihr liegen im Insel Verlag und im Suhrkamp Verlag u. ‌a. vor:

Ninon Hesse, »Lieber, lieber Vogel«. Briefe an Hermann Hesse, herausgegeben und erläutert von Gisela Kleine

Gabriele Münter und Wassily Kandinsky. Biographie eines Paares (it 1611)

Gabriele Münter und die Kinderwelt (it 1924)

»Die Dinge sind auf den Künstler angewiesen. Begegnung mit Ninon und Hermann Hesse«, in: Hermann Hesse in Augenzeugenberichten. Hg. von Volker Michels (st 1865)

GISELA KLEINE

Ninon undHermann Hesse

Biographie eines Paares

Die Ausgabe erschien erstmals 1982 im Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen, unter dem Titel Ninon und Hermann Hesse – Leben als Dialog. Als suhrkamp taschenbuch (st 1384) war sie unter dem Titel Zwischen Welt und Zaubergarten erhältlich.

eBook Insel Verlag Berlin 2017

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des insel taschenbuchs 4498.

© Insel Verlag Berlin 2017

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Umschlagabbildung: Ninon und Hermann Hesse während der 50er Jahre

Foto: Privatarchiv Gisela Kleine, München

Umschlag: Schimmelpenninck. Gestaltung, Berlin

Umschlagabbildung: Ninon und Hermann Hesse während der 50er Jahre

eISBN 978-3-458-74935-6

Inhalt

Einleitung

Erstes KapitelZwänge und FreiheitenKindheit und Jugend in Czernowitz

Zweites KapitelVersuche mit der WirklichkeitMedizinstudium in Wien

Drittes KapitelÜbergängeDas Studium der Kunstgeschichte und die Ehe mit Benedikt Fred Dolbin

Viertes KapitelVerlassenheitDer Tod von Eltern und SchwesterDie Trennung von Dolbin

Fünftes Kapitel

Doppelbindung

Hesse – Schutzgott und Geliebter

Dolbin – Freund und Bruder

Sechstes KapitelFern-NäheGemeinschaft ohne Gegenseitigkeit

Siebtes KapitelGeteiltes Leid und produktive EinsamkeitWandlung von Hesses Frauenbild

Achtes KapitelZwischen Welt und ZaubergartenEhe im Bannkreis des gläsernen Spiels

Neuntes KapitelDoppelklang der späten EhejahreHilfe für Verfolgte und Bedrängte

Zehntes KapitelSpiegelungenDionysos – Apollon – Hera

Elftes KapitelAbschied

Wenn ich mir einen Grabspruch

wünschen dürfte,

so wäre es Sophokles, Aias 394:

σϰότος ἐμὸν ϕάος

Dunkel, du mein Licht

Abb. 1: Das Aufgebot vom 16. Oktober 1931

Einleitung

Oktober 1931. Im Gemeindeamt von Montagnola/Tessin und im Rathaus zu Bern hängt ein Aufgebot: das Eheverlöbnis des vierundfünfzigjährigen Schriftstellers Hermann Hesse und der sechsunddreißigjährigen Ninon Dolbin geb. Ausländer aus Czernowitz. Die Hochzeit wird auf den 14. November 1931 festgesetzt. Am Vorabend der Trauung schreibt Hesse an den Publizisten Heinrich Wiegand: »Morgen nachmittag gehe ich aufs Standesamt, um mir den Ring durch die Nase ziehen zu lassen. Es war Ninons Wunsch schon lange, und diesen Sommer wurde ihre Wiener Ehe geschieden, und da sie jetzt das Haus so sehr hat bauen helfen etc., etc., kurz, es geschieht nun also.«

Was Hesse von einer neuen Ehe – es ist seine dritte – zu halten scheint, verdeutlicht auch sein Brief an Alfred Kubin: »Meine Heirat ist nichts anderes, als was bei mir eben eine Heirat sein kann: ein Akt der Ergebung nach langem Sträuben, eine Gebärde des Nachgebens und Fünfe grade sein lassen der Frau gegenüber. Immerhin, ich bin dieser Frau dafür dankbar, daß sie mich an der Grenze des Alters noch einmal in Versuchung geführt und zu Fall gebracht hat, daß sie mein Haus führt und mich mit leichten, bekömmlichen Sachen füttert, da ich meistens krank bin.«

Ähnlich äußert Hesse sich auch gegenüber Hermann Hubacher: »Unter anderem muß ich grade noch vor dem Abfahren in meine Badener Gruft aufs Standesamt und dort Ninon als Ehefrau eintragen lassen. Na, wenigstens macht es ihr Spaß, und eine Hochzeitsreise macht sie auch, nach Rom, sie hat es in den langen Bau-Monaten redlich verdient.«

Am Tag nach der Trauung schreibt Ninon von ihrer »Hochzeitsreise« an Hermann Hesse, der sich in Baden bei Zürich zu seiner alljährlichen Rheumakur aufhält: »Manchmal bist Du gütig wie mein Vater, und ich glaube ihn zu sehen, wenn ich Dich ansehe. Ich liebe Dich immer – Vogel – kleiner Knabe – geheimnisvoller Zauberer. […] Ich bin wieder die kleine Ninon und träume von dem wunderbaren Dichter. Ich bin vierzehn Jahre alt und liege in der Hängematte zwischen dem Nußbaum und der Laube und denke an Dich. Hermann, es sind so viele Jahre seither vergangen, vom Lauscher zum Leo war der Weg weit, ich habe soviel erlebt und auch gelitten und auch Schönes gehabt – aber ich denke an Dich wie damals in der Hängematte – an den wunderbarsten Menschen der Welt! Du bist mir soviel geworden – Geliebter, Beschützer und nun Gatte – und doch bist Du mir ein Wunder geblieben, das beglückendste Wunder meines Lebens.«

Ist es Pose, wenn Hesse das Beiläufige dieser Heirat betont und sie lediglich als eine Gefälligkeit oder Belohnung für Ninon ausweist? Ist es ärgerliche Einsicht, daß ihre Gegenwart ihm in einem seit April 1927 erprobten »getrennten Zusammenleben« unentbehrlich wurde? Ist er gezwungen, seine Bindungsangst und seinen Hang zur werkfördernden Isolation zu überwinden, um sich vor dem Verlust Ninons zu schützen? Braucht er sie, und will er es sich selbst und anderen nicht eingestehen?

Hesses Lebensweg ist in zahllosen Publikationen getreulich nachgezeichnet worden. Dabei hat man ihn zu einem monomanisch lebenden Einsiedler stilisiert. Ninon blieb neben ihm fast unbeachtet, denn sie störte das Bild vom »Einspänner« und »Eremiten von Montagnola«. So trifft immer noch zu, was diese am 16. Juli 1952 – nach fünfundzwanzigjährigem Zusammenleben mit Hesse – unmutig gegenüber Karl Kerényi äußerte: »Anläßlich des Geburtstages ist viel über den ›einsamen‹ Hesse geschrieben worden, über sein ›Einsiedler‹-, sein ›Eremitenleben‹, ein neu erschienenes Lebensbild hat es fertiggebracht, zwar die Namen der ersten und zweiten Frau von H. ‌H. (wenn auch falsch) anzugeben, die dritte Frau aber überhaupt nicht zu erwähnen – so daß ich manchmal versucht bin, an meiner Existenz zu zweifeln.«

Ohne die geistige und biographische Verflechtung von Ninon und Hermann Hesse einzubeziehen, bleibt jedoch vieles in der Werkgeschichte unverstanden. Hesses Werke kreisen stets um die eigene Befindlichkeit, doch fand er, von Stufe zu Stufe wie auf einer sich weitenden Spirale höher steigend, eine immer umfassendere Lösung seiner Lebensfragen: vom Selbstgenuß des Ästheten Lauscher, über den Aussteiger Camenzind, den in die Innenschau vertieften Demian und den steppenwölfischen Outsider Harry Haller, dem Ninon sich helfend zugesellte, führte sein Weg über die erlösende Freundschaft Narziß' und Goldmunds zum Bund der Gleichgesinnten in der »Morgenlandfahrt« und danach zum Orden der kastalischen Bruderschaft. Der Weg des »Magister Ludi« aus der weltabgekehrten Geisterprovinz Kastalien in die pädagogische Verantwortung, in den Dienst an der nächsten Generation, kennzeichnet Hesses Alterswunsch nach einer Mitgestaltung der Wirklichkeit. Seine Entwicklung von der steppenwölfischen Zerrissenheit und Isolation in die Bindung wird getragen vom gelebten Dialog mit Ninon.

Wer ist Ninon? Als vierzehnjährige Schülerin schreibt sie ihren ersten Brief an Hermann Hesse, weil ihr der Roman-Schluß seines Frühwerkes »Peter Camenzind« unglaubhaft erscheint: der junge Dichter bricht sein Werk unvollendet ab, da er dessen Voraussetzung, das Alleinsein, scheut. Daß Camenzind sich mit der Behaglichkeit eines kleinbürgerlichen Durchschnittsglücks bescheide und sich in die umzäunte Idylle seines Kindheitsdorfes zurückziehe, deutet sie als Verrat an seiner Begabung, seiner »Sendung«. Werkflucht aus Resignation? »Ich kann es nicht glauben!« Da Ninon erkennt, daß der Roman autobiographisch ist, trifft ihre Kritik an Camenzind zugleich Hermann Hesse. In dem nun beginnenden Briefgespräch vertritt die junge Leserin gegenüber dem erfolgreichen Schriftsteller bescheiden und doch selbstbewußt die Meinung, das Glück eines Dichters könne nur am beglückenden Widerhall seines Werkes gemessen werden.

Wie ein zweiter beherzter Zugriff auf den Autor wirkt Ninons Entschluß im April 1927, in Hesses Nähe zu ziehen. Wieder geht es um die Glücksferne und den Lebensverzicht des Künstlers für sein Werk, um die »tiefe böse Verdrossenheit, diese Dreckhölle der Herzensleere und Verzweiflung«, die Hesse in seinem 1926 verfaßten Roman »Der Steppenwolf« darstellt. »Ich habe mein Leben lang die Unabhängigkeit gesucht und habe sie nun so gründlich, daß ich daran ersticke«, schreibt er im Mai 1925 an Martha Ringier, und kündigt an, sich an seinem fünfzigsten Geburtstag aufzuhängen. Zum Jahresschluß 1926 hofft er in einem Brief an Emmy Ball-Hennings, die Courage zu finden und sich »den Hals durchzuschneiden, denn das Leben ist mir unerträglich«.

Ninon erkennt, daß Hesses depressive Lebensstimmung diesmal bedrohlicher, sein Zerfall mit der Wirklichkeit radikaler ist, entsprechend krasser klingen die Signale seiner Not. Hier nützt kein brieflicher Zuspruch mehr! Sie verständigt ihren Mann, den Karikaturisten B. ‌F. Dolbin, von ihrem Entschluß, Hesses »Martyrium« durch behutsame Zuwendung abzumildern: »Hesse lebt ein so martervolles Leben, er quält sich so fürchterlich, er leidet so unter dem Leben und liebt es doch, er braucht die Einsamkeit und leidet doch auch unter ihr – das ist alles ein solcher Komplex von Tragik – aber meine Rolle ist die entsagungsvollste in dem Drama von uns Dreien: H., der Mensch, der sich hat fallen lassen – Du, dem es freisteht, zu handeln, und ich, ich schwebe in der Luft. Ich bin allein.«

In der ihr eigenen Zähigkeit durchbricht sie die Abkapselung des Steppenwolfs. Dadurch verschafft sie nach langem »Dahinwehen« auch ihrem eigenen Leben Ausrichtung und Halt.

Bei meinen Besuchen erlebte ich Hermann und Ninon Hesse in ihrer wechselseitigen Zuordnung. Danach versuchte ich, über Ninons Biographie eine neue Perspektive auf Hesses schriftstellerische Arbeit zu gewinnen. Ich sichtete ihren Nachlaß im Deutschen Literaturarchiv in Marbach und sammelte ihre Tagebücher, autobiographischen Romanentwürfe, Kurzgeschichten, Gedichte, Reiseniederschriften, wissenschaftlichen Arbeiten über die griechische Mythologie und ihre Briefwechsel. Ich befragte Verwandte und Freunde des Ehepaars, das Hauspersonal und die Dorfbewohner Montagnolas. Ninons Weg aus Czernowitz, der Provinzhauptstadt im östlichsten Kronland der Habsburgischen Monarchie, über das gärende und völkervermischende Wien des Ersten Weltkriegs, über Paris und Berlin in Hesses Tessiner Dorf kennzeichnet zugleich die geistige Spannweite ihrer Entwicklung.

In ihren Selbstzeugnissen vibriert die Unrast begabter Frauen. Sie fürchtete ein Leben aus zweiter Hand und teilte ihre Zeit ein in die Pflicht für Hesse und die Verpflichtung gegenüber ihrer eigenen Begabung. »Lernen Sie nicht Aufopferung als Postulat an das Weibliche«, schrieb sie mir wohlmeinend warnend. »Gefährte-Sein ist eine Forderung, die für den Mann ebenso gilt wie für die Frau, beides aber ist ein Nebenziel, nicht die Hauptsache.« In einer aus Widerspruch und Einklang wachsenden Zusammengehörigkeit verbanden Ninon und Hermann Hesse die Qual des Sich-Ertragens mit dem Glück des Sich-Brauchens.

Unter dem Aspekt eines gelebten Dialoges möchte ich diese vielschichtige und wandlungsreiche Beziehung darstellen. Da ein Zitat lebendiger charakterisiert als viele erzählende Worte, habe ich alle Gestalten aus ihren Selbstzeugnissen aufgebaut. Die neu erschlossenen Quellen geben Auskunft über Hesses Frauenbild, seine überaus starke Mutterbindung, seine zwanghaften Verweigerungen, seinen Selbstgenuß im Leiden. Aus Ninons Tagebüchern erschließt sich der Zusammenhang zwischen Leidensdruck – seiner oft bezeugten »Lebensqual« – und dichterischer Produktion; Hesses Klagen über depressive Verdüsterungen und die hypochondrische Betonung der kleinen Leiden mußten von seiner Umgebung als seelische Voraussetzung seiner schöpferischen Arbeit akzeptiert werden, bis wieder ein Werk, eine neue »Leidverarbeitung« entstand. Während Hesse der fernöstlichen Geisteswelt zugewandt war, fand Ninon ihre Wahlheimat in Griechenland. Während er den Weg nach innen ging, war sie weltgeöffnet. Glück bestand für sie darin, das ihr Auferlegte mit Sinn zu füllen, es zu wollen; so verwandelten sich Zwänge für sie in Freiheiten. Mehr als alle Träume und Utopien galt ihr die Würde des Konkreten.

Ninons Briefe und Tagebücher werfen ein Licht auf das Zwiespältige im Wesen Hermann Hesses. Sie hatte schon bei ihrer ersten Hesse-Lektüre erkannt, daß dem jungen Dichter Camenzind, der im Trotz einer verzweifelten Selbstbehauptung gegen jede Anpassung protestierte, nichts willkommener gewesen wäre als eine familiäre oder soziale Geborgenheit. Sie spürte von Anfang an den Widerspruch zwischen Hesses Selbstdarstellung als Außenseiter und seinem wahren Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

Hesse erscheint neben Ninon als der Sich-Versagende, der dennoch von der Liebe der anderen abhängig ist, als der Trotzig-Alleinbleibende, der stets gesucht werden will, als der Aufbegehrende, der immer versöhnungsbereit bleibt, als der Eigensinnige, der seinen Eigensinn schrittweise zurücknimmt. Er nennt sich »winzig kleiner Vogel«, aber sein Lieblingstier ist der Elefant. Er tritt als ein »Wanderer« ins Bild, der im Umgrenzten Heimat sucht, als »Zölibatär«, der dreimal heiratet, als zeitkritischer Bürgerfeind, der auf die Reputation eines Schriftstellers seiner Zeit nicht verzichten kann, als Außenseiter, der sich als Repräsentant seiner Zeitgenossen versteht, als Introvertierter, der den Dialog braucht.

Trotz aller Widersprüche und Vieldeutigkeiten, trotz aller Brüche und Sprünge in seiner Entwicklung bleibt eine Grundüberzeugung für ihn konstant: die Unvereinbarkeit von Kunst und Leben. Er sieht darin zwei Mächte, die einander verzehren und die von ihm eine klare Entscheidung verlangen: Gemeinschaft oder werkbezogene Konzentration, Familie und Ehe oder Schriftstellerberuf? Im Spannungsfeld zwischen diesen für ihn zwingenden, aber nicht lebbaren Gegensätzen wird er zeitlebens hin- und hergerissen, und wo Eindeutigkeit ihm versagt bleibt, entwickelt er sein literarisches Ich zur ausgleichenden Komponente.

Zur Unterordnung des Lebens unter die Kunst war Hesse entschlossen, seit er als Dreizehnjähriger entweder ein Dichter oder sonst gar nichts werden wollte. Die Hartnäckigkeit, mit der er dieses Ziel verfolgt, wurzelt in früher Kindheit. Sein Wunsch nach Elternliebe und -nähe wird bald durch die Bitterkeit verdrängt, in seiner Eigenart nicht angenommen zu sein. Darum möchte er sich eine widerstandslose Ersatzwelt zaubern und darin auch ein unverletzbares, autonomes Zweites Ich. Durch Einbildungskraft genährt, wächst es zum Kontrast-Ich, zum Ich-Ideal eines Künstlers, dessen Lebensverzicht und familiäre und soziale Bindungslosigkeit er in allen Werken als Notwendigkeit und Forderung an sich selbst thematisiert. Die Kluft zwischen Wollen und Vollbringen bleibt sichtbar, wenn in vielen Erzählungen sein »Doppel-Ich« auftritt oder seine »Ich-Spaltung« in der polaren Veranlagung seiner Protagonisten veranschaulicht wird. Sein Ziel aber ist und bleibt ein exemplarisches Dichterleben.

In der Metapher eines einsam herumschweifenden Wolfes zeichnet er 1926 ein Selbstbild, das eine seiner Entwicklungsstufen ausschnitthaft beleuchtet, das jedoch in seiner Einprägsamkeit für die Hesse-Rezeption maßgeblich bleibt. Durch das Gleichnis dieses sardonischen, unbehausten Menschentieres gerät er ins Bewußtsein seiner Leser als ein Autor, der am Rande der von ihm geächteten Gesellschaft unzähmbar seiner schriftstellerischen Arbeit nachgeht. Diese steppenwölfischen Züge haben sein literarisches Ich nachhaltig geprägt; zum Stereotyp verfestigt, wird es auch nicht aufgesprengt, als Hesses Weg zu Bindung und Gemeinschaft führt. Darum fand die Opferthematik seines Spätwerkes nicht die gebührende Beachtung, die er auch handelnd ins eigene Leben übertrug. Bedrängt durch die zahllosen Leserbriefe, übernahm er eine weit über sein literarisches Wirken hinausreichende Rolle: er opferte nach dem Krieg für die Wegweisung Rat suchender Menschen täglich viele Stunden, indem er die Leserpost gewissenhaft beantwortete und dabei jeder ernsthaften Anfrage aufs persönlichste entsprach. Dieses moralische Amt eines Lebenshelfers betrachtete er als seinen Dienst an der Gemeinschaft.

Doch als Einsamer und Außenseiter hat Hesse in drei aufeinanderfolgenden Generationen seine Leserschaft gewonnen. Die einen suchen in ihm ein bestärkendes Vorbild; sie sehen in ihm einen Verteidiger des Eigensinns gegen die Norm, der Erlebniskraft gegen die Manipulation durch Massenmedien, des freien Spiels gegen die Vorherrschaft des Zweckmäßigen und des Privaten gegen die Macht des Kollektivs. Die anderen beziehen von ihm den formenzersprengenden Mut, sich von Regelhaftigkeit und hemmender Autorität zu lösen und eine dynamische Sicht vom Leben zu gewinnen. Darüber hinaus wurde er zur einladenden Identifikationsfigur für alternative Gruppen, von San Franciscos Blumenkindern über die Erziehungsreformer bis zu den Ökologen. Solche auf Legitimation bedachten Gesinnungskreise werten Hesses Erzählungen oft wortwörtlich wie Rezeptbücher aus, um sie in den Dienst ihrer weltanschaulichen Ziele zu stellen. Diese Teilaspekte müssen den Leser irritieren, der die Geschlossenheit des Gesamtwerkes vor Augen hat und darin die dichterische Verwandlung des Gelebten sucht, dessen Überhöhung zur künstlerischen Gestalt – die »Verdichtung«.

Und die biographische Wahrheit? Wer will schon wahrnehmen, daß Hesses Leben peinlich geordnet verlief, in sorgfältig geplanter Regelmäßigkeit und Tageseinteilung? Auch war er keineswegs weltfremd und hielt viel von Zettelkästen und fehlerloser Buchführung. Es gab wenig Rausch und kaum Anarchisch-Lustvolles in seinem auf Askese und Sparsamkeit bedachten Hausstand. Hesse disziplinierte sich lebenslang für sein Werk, das gegenüber dem in strenger Pflichttreue verlaufenden Alltag die blühendste Kontrastfärbung aufweist. Im Privaten sah Hesse einen Schlupfwinkel, den er vor fremden Blicken verschloß. Die persönlichen Dokumente beweisen, wie weit die Auslegung seiner Werke sich oft von den biographischen Tatsachen entfernt hat.

Daß Hermann Hesse sich im Rollenspiel der von ihm so oft geschmähten zeitgenössischen Gesellschaft selbst einen festen Platz zubilligte, verrät seine Betrachtung »Ausflug in die Stadt« vom Dezember 1925: »Daß Eremitentum kein Beruf sei oder ein minderwertiger, ebenso wie das Betteln, ist eine europäische Modemeinung, […] welche niemand ernst nehmen wird. Einsiedler ist ein Beruf ebenso wie Schuster.« Er schilderte dann, wie er hin und wieder »aus seinem Beruf, aus seiner Maske und Rolle herausfällt«.

Hermann Hesse war im Erleben immer zugleich der selbstbeobachtende Registrator. Es gab bei ihm keinen Satz, keine Regung, keine Geste, denen er nicht mit ironischer Distanz zusehen konnte, und er hat seinen Lesern ein wohlabgestimmtes Bild seiner selbst geliefert und es konsequent beibehalten. Seine Biographen haben ihn auf dieses literarische Selbstporträt festgelegt. Sie gingen davon aus, daß seine Romane das unmittelbare Zeugnis seines gelebten Lebens darstellten, darum leiteten sie seine Biographie aus der Werkanalyse ab. Doch das Leben ist nie deckungsgleich mit der dichterischen Selbstaussage. Trotz aller dokumentarischen Züge, trotz der erkennbaren Schauplätze und Ereignisse ist Hesses Dichtung immer auch Lebensersatz für ein Leben, das er gerade nicht zu führen vermochte.

Da Ninon und Hermann Hesse in gegenseitiger Entsprechung jenseits von »Maske und Rolle« lebten, wird von ihrer Gemeinschaft her sichtbar, wo sich die autobiographische Darstellung vom biographischen Hintergrund löst.

In einem Brief vom August 1929 klagt Hesse, daß die Dichtung sein Leben ausgezehrt habe. Der Dichterberuf sei nicht der gewünschte Hilfsweg zu dem ersehnten »wirklichen, persönlichen intensiven, nicht normierten und mechanisierten Leben« geworden, sondern Selbstzweck. »Ich bin ein Dichter geworden, aber ein Mensch bin ich nicht geworden!« Da stand die ausgleichende Gefährtin schon an seiner Seite, geistvoll, vital und weltoffen – Hingabe gepaart mit Eigensinn. »Mein Lebenskamerad Ninon«, nannte Hesse sie, und auch »Schülerin des Aristoteles«, nicht nur, weil sie dessen Abhandlung »Von der Seele« aus dem Altgriechischen ins Deutsche übersetzt hatte, sondern weil sie im Sinne dieses Philosophen ihr Leben gestaltete: Der Weg zur Erkenntnis führt durch diese Welt.

Wenn ihr indirekter Dienst an Hesses Werk auch Verzicht und Selbstrücknahme verlangte und mancher Unmut beim Mittragen seiner Lebensqual in ihr aufstieg, wenn sie in Schweigen und Einsamkeit neben ihm auf ein neues Werk wartete und für den alternden Dichter den unliebsamen Dienst als abschreckende Türhüterin übernahm, wenn sie vor allem keine Gelegenheit fand, ihre Forschungsarbeit über die griechische Mythologie fertig zu stellen, dann bezeugte sie dennoch in ihrem Tagebuch das bleibende Einverständnis mit ihrer 1926 getroffenen Entscheidung, hilfsbereit in die Nähe Hesses zu ziehen: »Ich produzierte nicht Kunst, nur mein Leben, das war mein Werk.«

Erstes Kapitel

Zwänge und Freiheiten

Kindheit und Jugend in Czernowitz

Heimat war mir die deutsche Sprache

Ich wußte, was ein Dichter ist, schon früh. Ich ahnte es, bevor ich es wußte. Ich wußte es, als ich ›Unterm Rad‹ und ›Peter Camenzind‹ gelesen hatte, mit 14 Jahren. Dieses Wissen wurde mit den Jahren vertieft; die Ehrfurcht vor der Dichtkunst wuchs.

Wir waren Töchter und blieben es auch, als es den Vater nicht mehr gab. Wir haben die Sehnsucht zu verehren, uns anzulehnen, nie verloren.[1]

Als vierzehnjährige Schülerin las Ninon Ausländer Hermann Hesses Frühwerk »Peter Camenzind«.1 Betroffen von der Übereinstimmung dessen, was sie empfand, mit Hesses Weltsicht, schrieb sie ihm im Februar 1910 den ersten Brief:

»Ich habe lange hin und her gedacht, ob ich Ihnen schreiben soll, oder nicht. Manchmal war ich schon ganz nahe daran, es zu tun, aber immer wieder unterließ ich es, aus Furcht – ja aus Furcht vor Ihrer möglicherweise kommenden Antwort. So ein liebenswürdig-banales Briefchen, wie es Dichter an unbekannte junge Mädchen zu schreiben pflegen, das fürchtete ich. Aber wie schon jeder Mensch glaubt, eine Ausnahme zu sein, und hofft, als Ausnahme behandelt zu werden (sogar in diesem Glauben schablonenhaft), so glaube auch ich, und ich überredete mich langsam zu diesem Brief. ›Am Ende‹, dachte ich, ›kommt gar nicht das gefürchtete kleine Briefchen, sondern – sondern – – –‹. Und nachdem ich einmal so weit war, setzte ich mich hin, diesen Brief zu schreiben. Und nun ich so weit bin, sehe ich erst, wie schwer das ist. Alles, was Ihre Werke in mir erregt haben, zu schildern, das ist schwer, nein es ist mir direkt unmöglich!

O wenn ich alles sagen könnte, was ich möchte! Denn das, was ich sage, was ich schreibe, das ist alles ein so unvollkommenes Bild dessen, was ich denke und empfinde. O wie ich sie beneide, die Dichter! Sie können sagen, was sie fühlen, sie können den ›tiefsten Schmerz, die höchste Lust‹ in Worten ausdrücken. Und doch hat Peter Camenzind recht mit seinen Worten: ›Das Schönste, das Allerschönste, kann man ja nicht sagen.‹ Vielleicht ist das gerade das Schöne am Allerschönsten, daß man es ganz für sich hat, daß kein anderer darum weiß! Ja, Peter Camenzind hat recht. Das, was uns die Dichter geben, ist noch nicht das Schönste, das Beste ihrer Gedanken. Aber viel Schönes, viel Gutes sagen sie uns. Und wir armen Nichtdichter, die wir nicht die Schaffensfreude kennen, die wir nur allzuhäufig die Natur und das Schöne, das in uns verborgen liegt, vor dem Schmutz des gemeinen Lebens vergessen, wir stehen staunend vor einem Menschen wie Camenzind, der sich eine so reine Seele bewahrt hat, vor einem Menschen, dessen Herz immer für das Gute und Schöne geschlagen hat und noch schlägt. Denn Peter Camenzind ist nicht gestorben, er lebt – und er ringt weiter. Denn Glück, Glück hat er gesucht, und hat es auch damals noch gesucht, als er glaubte, den Frieden errungen zu haben.

Oder ist der Friede Glück? Es muß eigentlich schön sein, wenn es still in einem geworden ist, ganz still und ruhig, und doch wieder muß es furchtbar sein, diese Ruhe, wenn sich keine Hoffnung an sie knüpft, Hoffnung, die vielleicht der beste Teil vom Glück ist. Aber sollte denn wirklich ein Mann, der mitten im Leben steht, der arbeitet und schafft, schon mit dem Leben abgeschlossen haben? Doch nein, er hat ja nicht mit dem Leben abgeschlossen, nur den Kampf mit dem Leben hat er aufgegeben, die Sehnsucht in seinem Herzen nach Liebe, nach Glück, die ist erstorben. Aber ich glaube auch das nicht! Ich kann es nicht glauben, daß ein Mensch plötzlich alle Gefühle, die ihm momentan lästig sind, über Bord wirft und ein andres Leben beginnt, daß einer, der immer ein ›Werdender‹ war, sich plötzlich sagt: ›Halt! Soweit und nicht weiter!‹ und sich damit begnügt, wehmütig lächelnd auf die Vergangenheit zurückzublicken.

Nein, ein Glücksucher wie Camenzind, der ist nicht glücklich, wenn er die Zufriedenheit statt des Glücks gewonnen hat. Zufriedenheit ist das Philisterglück! Und Camenzind ist doch kein Philister! – Ich habe viel zu danken, ihm, der den Camenzind geschrieben, ihm, der Camenzind selbst ist. Und da diese beiden doch nur eins sind, so danke ich Ihnen für das, was Sie mir mit Ihrem Werke gegeben haben. Es war ein Kennenlernen neuer Dinge, ein Aufgehn in der Natur und in einer Menschenseele, ein stilles Selbstvergessen – und eine kurze Stunde Seligkeit!

Ninon Ausländer«

Ninon beschrieb in diesem Brief ihr erstes großes Leseerlebnis. Hermann Hesse hatte ihr eine überwältigend schöne und doch befremdende Erfahrung vermittelt, die ihren geregelten Schulalltag auf eine bisher unbekannte Weise überhöhte: er hatte ihr etwas geschenkt, was sie empfinden konnte. Sie umschrieb es vieldeutig als ein »Kennenlernen neuer Dinge«. Schlagartig hatte sie die befreiende Kraft der Dichtung erfahren, die ihr alles gewährte, was sie bisher unbewußt entbehrt hatte: Mitschwingen, Gleichklang, Einverständnis. Sie fühlte sich verändert, ahnte Umkehr und neue Ziele. Aber ein solches Ereignis der Erregung und Erweckung lag außerhalb jeder Mitteilbarkeit. Hesse selbst hatte es einmal als Zwölfjähriger beim Lesen Hölderlinscher Verse erfahren und es ein dämonisches Erlebnis, ein »Erlebnis des Geweckt- und Gerufenwerdens«2 genannt, das »erste Erstaunen meiner Knabenseele vor der Kunst«. Sicher spürte er, der die bahnbrechende Macht der Dichtung an sich selbst erfahren hatte und seine Berufung zum Dichter später auf diesen ersten Leserausch zurückführte, die Ergriffenheit der jungen Briefschreiberin.

Ninon hatte sich erst nach langer »Selbstüberredung« an Hesse gewandt. Würde er erkennen, daß dies kein beiläufiges Briefchen für sie war, sondern ein Anruf, zu dem sie nur allmählich ihre »Furcht« überwunden hatte? Für sie wäre eine unverbindliche Rückantwort – etwa ein Autogramm oder ein ähnlicher Fetisch gewährender Künstlergroßmut – etwas Furchtbares gewesen. Durch die erlebnishafte Teilhabe am Werdegang des jungen Dichters Camenzind war in ihr eine Zugehörigkeit entstanden, die sie entfalten und vertiefen wollte. Darum lieber keine Antwort als eine nichtssagende! Aber ihr Vertrauen zu Hesse hatte schließlich gesiegt; er, dessen Gedanken und Gefühle sie beim Lesen geteilt hatte, würde sie verstehen, er würde merken, daß sie »eingeweiht« war, und sie darum nicht mit der üblichen Dichterhöflichkeit für anonyme Verehrer abspeisen. So hatte sie schließlich gewagt, ihm zu offenbaren, wie befreit sie sich fühlte, weil sie mit ihren bisher ungeteilten Empfindungen nicht mehr allein war. Sie benutzte dazu religiöse Vokabeln, sprach von »Seligkeit« und »Selbstvergessen« – der Aufhebung der schmerzhaft empfundenen Ich-Begrenzung im Leseglück –, vom mystischen Einbezogensein als dem »Aufgehen in der Natur und in einer Menschenseele« und ihrer Identifikation mit der vom Autor geschaffenen Gestalt. Hesses Roman war ihr zum Mittel der Selbstentdeckung geworden. Sie fand darin fällige Antworten auf lange gestellte Fragen. Zwischen ihr und der autobiographischen Hauptfigur des Romans, dem jungen Camenzind, bestand eine innere Entsprechung, und sie wußte von nun an: Hesse war ihr Dichter.

Abb. 2: Der Anfang von Ninons erstem Brief an Hermann Hesse (1910)

Ninons gesteigerte Empfänglichkeit für die Romanhandlung wurzelte in ihrem zwiespältigen Lebensgefühl gegenüber ihrer Umgebung, einer von altösterreichischen Konventionen geprägten, sittenstrengen Provinzstadt. Sie hatte die Rolle der höheren Tochter fraglos angenommen, und dabei erschienen ihr Fügsamkeit und diszipliniertes Wohlverhalten als selbstverständlich. Nun aber begann sie, die Zwänge der Schule, die ständische Rücksichtnahme in der Kleinstadt und den solide vorgeplanten Lebensweg an der Freiheitslust Peter Camenzinds zu messen. Er, der Außenseiter, predigte den Sieg der Sehnsucht über die Realität.

»Um aus der nüchternen und drückenden Luft der Heimat herauszukommen, tat ich große Flügelschläge der Wonne und Freiheit«, schrieb Hesse-Camenzind, und er floh aus der normierten Umwelt, weil er »den Zusammenklang der Dinge und die Harmonie alles Lebens« erfahren wollte. Dabei wurde er von der Gewißheit getrieben, daß es für sein unstillbares Verlangen einen Widerhall geben müsse, den er im Alltag der Erwachsenen nicht vernehmen konnte. So wanderte er unbeirrt hinter seinen Träumen her und suchte befreiende Auswege aus der für Phantasie und Schönheitssinn so unzulänglichen Wirklichkeit.

In seliger Rückerinnerung an die Kindheit, als zwischen Ich und Welt noch keine Spaltung klaffte und das Leben als beglückende, von Zeit und Raum unabhängige Einheit gegenwärtig war, wagte Peter Camenzind, »sein eigenes kleines Leben mit dem Unendlichen und Zeitlosen zu verbrüdern«. Die vierzehnjährige Schülerin Ninon fragte sich nun, wie weit sie sich den Anforderungen ihrer Umwelt stellen und zugleich so ungehemmt leben könnte wie Peter Camenzind. Wie weit durfte sich ein »normaler Mensch« aus den Pflichten des Alltags lösen, um »durch den Dienst an Wahrheit und Schönheit an das Herz das Daseins« zu gelangen? Camenzind hatte den Mut, sich zu weigern, im Gleis der Vielen mitzulaufen. Er wollte seinen Idealen, die von den meisten Menschen mit der scheidenden Kindheit für Nutzen und Tüchtigkeit geopfert werden, weiterhin die Treue halten. Aber er war ein Dichter! Darum durfte er sich entziehen. Einem Dichter gestattete die Gesellschaft diesen Ausbruch.

Als »einsamer König in einem von ihm selbst geschaffenen Traumreich«, in dem die Grenzen und Widerstände der Lebenswirklichkeit aufgehoben waren, herrschte Camenzind wie zu Kinderzeiten. Dafür verzichtete er auf die Eingliederung in die Gemeinschaft. Er litt unter dieser Einsamkeit, die er dennoch brauchte. Ninon erfuhr, daß die Gnade des Schöpferischen mit dieser Leiderfahrung durch Einsamkeit und Nicht-Zugehörigkeit verbunden war; denn nur weil Peter Camenzind sich aus der geschäftig-lauten Welt der Tüchtigen fernhielt, blieb er einfühlsam und hellhörig. »Hermann Lauscher« nannte sich Hesse beziehungsreich in seiner ersten Prosa-Dichtung. Auch Camenzind war »Lauscher«, seine Sinne blieben durch Stille und Einsamkeit geschärft. Ihm war, »als sehnten sich Sterne, Berge und Seen nach einem, der ihre Schönheit und das Leiden ihres stummen Daseins verstünde und ausspräche, und als wäre ich dieser Eine und als wäre dies mein wahrer Beruf, der stummen Natur in Dichtungen Ausdruck zu gewähren.« Darum versuchte er, »als Dichter die Sprache der Wälder und Ströme zu reden« und das Rauschen des Wassers, das Ziehen der Wolken in die menschliche Sprache zu übersetzen. Es ging bei Camenzinds Dichtungsversuchen um die Wiedergeburt der Welt in der Sprache, um die Rückgewinnung und Erhaltung der unversehrten, der von Zweck und Nutzen entbundenen, der »wirklichen Wirklichkeit«.

So erfuhr Ninon, was ein Dichter war und wieviel er vermochte. Dichten erwies sich für sie als ein zweiter Schöpfungsakt. Sprachkunst bedeutete ihr seit der Camenzind-Lektüre eine Wiederherstellung des Vergessenen und Verlorenen. Der Dichter erschien ihr als ein Retter, der die Wahrheit der Dinge durch die Macht seiner Worte unverfälscht bewahrte. »O wie ich sie beneide, die Dichter!« Sie selbst aber fühlte nicht die Kraft, das Wirklichkeitserlebnis, durch das sie sich an die Seite des Dichters gestellt fühlte, zu gestalten und ein Werk zu schaffen. Das Element des Schöpferischen hatte sie beim Lesen des Camenzind-Romans zum ersten Mal verzweifelt an sich vermißt, und von nun an klagte sie häufig, ihr sei zwar die Empfindungs- und Erlebnisfähigkeit eines Künstlers gegeben, nicht jedoch seine Gestaltungskraft.

In diesem ersten Brief an Hermann Hesse zeigte Ninon sich schon als kritische Leserin mit einem untrüglichen Gespür für das Echte. Das Ende des Romans erschien ihr unglaubwürdig: Peter Camenzind legte seine Dichtung unvollendet beiseite und wurde als Gastwirt in seinem Heimatdorf seßhaft.

Das Ungenügen, das Camenzind an der Wirklichkeit empfunden und das ihn zum Dichter gemacht hatte, hatte sich schließlich in ein wehmütiges Arrangement mit der Umwelt verwandelt. Ninon verstand zwar, daß er aus der Leidfülle seiner Einsamkeit in die seelenwärmende Gemeinschaft floh, in das Behagen an den kleinen Freuden des Lebens. Aber sie mißbilligte seine Kraftlosigkeit, sein lässiges Versagen. Ein Dichter, der sich zur Ruhe setzte? Ninons ungläubiges Staunen klingt durch all ihre Überlegungen. Sie hatte sich mit Camenzind, dem Glücksucher, identifiziert. In dem Moment, da er – sich selbst bescheidend – in eine Dorfidylle auswich und ein »Philisterglück« statt Hoffnung und Entwicklung wählte, löste sie sich von ihm. Camenzinds bereitwillige Versöhnung mit der »sogenannten Wirklichkeit« erschien ihr als ein unlauteres Zugeständnis an die Welt, aus der er vorher so mutig den Absprung gewagt hatte. Ihr Brief klingt wie angstvolle Abwehr und gleichzeitig wie ein Ordnungsruf. Sie möchte Camenzind zu sich selbst zurückführen. Sein Ende als Dichter setzt sie mit »Gestorbensein« gleich. Sie sträubt sich gegen die Vorstellung, daß ein »Auserwählter« die offene Bewegung auf die Zukunft hin eintauschen könne gegen ein gemütliches Nest; denn nur die Freiheit gestattete ihm jederzeit den Aufbruch zur »wirklichen Wirklichkeit«. So wirkt Ninon – bei aller Ehrfurcht – schon in ihrem ersten Brief an Hermann Hesse wie eine Gewissensinstanz, voll jugendlicher Kompromißfeindlichkeit.

Da der Roman, wie die junge Ninon wohl spürte, autobiographisch zu verstehen war, identifizierte sie sich über den Titelhelden Camenzind auch gleichzeitig mit Hermann Hesse: »Ich habe viel zu danken, ihm, der den Camenzind geschrieben hat, ihm, der Camenzind selbst ist, und da diese beiden doch nur eins sind, so danke ich Ihnen.« Hier erfolgte ihr erster kühner Zugriff auf den Autor. Denn all ihre Zweifel an dem jungen Dichter Camenzind, der, wie sie rügte, sich selbst untreu wurde, galten somit auch Hesse. Geprägt durch die bildungsbürgerliche Tradition ihres Elternhauses, erklärte sie ihm, ihrer Meinung nach könne ein schöpferischer Mensch sich nie damit begnügen, »wehmütig lächelnd auf die Vergangenheit zurückzublicken«. Sie appellierte an seine Leidenswilligkeit und weigerte sich, an ein Ende seiner dichterischen Entwicklung zu glauben: »Denn Peter Camenzind ist nicht gestorben, er lebt – und er ringt weiter.« Mit dieser Bemerkung trennte sie Hermann Hesse von der Camenzind-Gestalt ab.3

In ihrem Brief benutzt Ninon neunmal das Wort »Glück«. Darin zeigt sich ihr eigentliches Anliegen. Was bedeutet Leid? Was Glück? Etwa Selbstbescheidung? Können Ruhe, Stille, Frieden denn Glück sein? Sie unterscheidet Frieden und Zufriedenheit als eine Ruhe, an die sich keine Hoffnung knüpft, – das »muß furchtbar sein«. Das atemberaubende Glück eines Dichters aber war von anderer Art, – sie hatte es mit Camenzind durchlebt.

»Ich wußte, was ein Dichter ist […], als ich ›Unterm Rad‹ und ›Peter Camenzind‹ gelesen hatte«,4 notierte Ninon rückblickend in ihr Tagebuch. Weil sie die Literatur an sich selbst als ein Medium der Ich-Findung kennengelernt hatte, sah sie den Dichter fortan als Seelenführer und Menschenbildner. Durch ihr erstes Leseglück, das ihr die Identifikation mit Hesses Roman-Ich, Peter Camenzind, vermittelt hatte, entstand gleichzeitig ihre rätselhafte und unzerstörbare Bindung an Hermann Hesse. Noch an ihrem 60. Geburtstag erinnerte sie sich daran: »Der Peter Camenzind hatte auch Geburtstag, im Jahre 1909, also vor 46 Jahren, habe ich ihn zum Geburtstag bekommen«.5 Und sie versicherte Hermann Hesse: »An meinem Geburtstag habe ich Dich kennengelernt […], also ist dieser Tag auch Dein Geburtstag in meinem Herzen«.6

Ninon setzte ihren Namen unvermittelt unter den Text des Camenzind-Briefs, schmucklos und klar. Keine konventionellen Floskeln, keine artigen Grußworte. Nur: Ninon Ausländer.

Namen gelten als Kraftträger. Namensgebung ist Beschwörung, Anruf. Erstaunlich, daß Ninons Mutter, Gisela Anna Ausländer geb. Israeli, der ersehnten Tochter, die am 18. September 1895 um 22 Uhr geboren wurde,7 den Kosenamen einer berühmten französischen Kurtisane gab! Wahrscheinlich war sie wie alle Bürgertöchter aus den Gegenden Österreichs mit vorwiegend polnischer Bevölkerung – sie stammte aus der Gegend von Krakau – in der Bewunderung für die französische Kultur aufgewachsen, und Anne de Lenclos, »Ninon« genannt,8 war für sie das Urbild einer klugen und freizügigen Französin, die als eine an Bildung und Wissen ebenbürtige Partnerin geistvoller Männer anerkannt wurde. Ihr Salon bildete den Treffpunkt eines freisinnigen Freundeskreises; durch ihre einflußreiche Fürsprache unterstützte sie Künstler, so auch Molière, sie erkannte die Begabung des jungen Voltaire9 und förderte ihn. Entsprach diese Frau, gleicherweise wegen ihres Charmes und ihres Esprits gerühmt, dem Traumbild des phantasiebegabten, doch kleinbürgerlich gezähmten Mädchens? Gisela Anna war neben zwei Brüdern streng erzogen worden; ohne die Freiheiten der Buben wuchs sie in engem Pflichtenkreis auf und hatte auf einen Ehemann zu warten, der sie aus der Strenge des Andrychauer Elternhauses herausholen würde.

Vielleicht aber dachte die seit ihrer Lyzeumszeit mit der französischen Literatur wohlvertraute Gisela Anna Ausländer bei der Namenswahl auch an Mussets Komödie »A quoi rêvent les jeunes filles«, in der die Zwillingsschwestern Ninon und Ninette nicht von einem respektablen Ehemann träumen, sondern von kühnen Entführern und Eroberern. Die leidenschaftliche Leserin Gisela Anna, die lebenslang dazu neigte, in der Literatur Leitbilder zu suchen, könnte auch an dieser Bühnenfigur Gefallen gefunden haben: Ninon verkörperte hier den Idealtyp eines phantasiebegabten, unbürgerlichen Mädchens, den sie vielleicht in ihrer Tochter wiederzufinden hoffte.

Im Nachnamen »Ausländer« spiegelte sich das durch die jüdische Geburt auferlegte Geschick, auf Erden keine echte Zugehörigkeit zu finden.

Die Herkunft der Familie Ausländer liegt im dunkeln, bis sie in der Bukowina auftauchte. Dieses geschichtsträchtige Land, dessen Hauptstadt Czernowitz war, gehörte als nördlichster Teil des Fürstentums Moldau über 250 Jahre lang dem Osmanischen Reich an; der Vertrag von Konstantinopel brachte 1775 den Anschluß an Österreich, das nach den drei Teilungen Polens dieses Gebiet zur Abrundung seines Territoriums im Donau-Karpaten-Vorland forderte.10 Die damalige österreichische Verwaltung unter Kaiser Joseph II., der als der »Aufklärer« in die Geschichte einging, war fortschrittlich liberal, verglichen mit der Gewaltherrschaft in benachbarten Staaten, Rußland und der Moldau. Das berühmte »Toleranzpatent« Josephs II.11 ermöglichte, daß Protestanten, Griechisch-Orthodoxe und Juden einwandern durften, die bis dahin im katholischen Österreich Maria Theresias, der Mutter Josephs II., nicht gelitten waren. Er hingegen gewährte freie Religionsausübung, um die benötigten Siedler ins Land zu ziehen. Er sicherte den Einwanderern jede Entfaltung zu, während in Rußland und der Moldau Juden zum Beispiel nicht in Städten siedeln und keinen Grundbesitz erwerben durften, sie erhielten dort bis zum Ersten Weltkrieg keine Bürgerrechte und waren hoher Besteuerung und häufigen Pogromen ausgesetzt. So erklärt es sich, daß viele, dem Gefälle des leichteren Lebens folgend, nach Galizien und in die Bukowina überwechselten. Aus Kontrollgründen verordnete die österreichische Verwaltung, »daß die im bukowinischen Kreis befindlichen 264 Judenfamilien mit deutschen Namen in den Militärkonskriptbüchern angeführt werden müssen«. Bis dahin hatte der Vorname genügt, dem man den Vatersnamen zur Identifizierung anfügte. Nun aber mußte das Oberhaupt jeder Familie vor einer Kommission, die in der Bukowina aus österreichischen Offizieren gebildet wurde, erklären, welchen Geschlechternamen man zu führen wünsche. Die verschüchterten Bauern und die aus den angrenzenden Ländern ständig neu einströmenden Juden waren oft der Landessprache nicht mächtig und wußten nicht, wie sie ihre Wahl treffen sollten.12 Dann »verordnete« die Kommission Namen, die manchmal das Herkunftsland anzeigten (Pollak, Litauer, Ungar), die aber auch oft lächerlich oder anrüchig wirkten.13 Es ist anzunehmen, daß einem aus Rumänien oder Rußland geflohenen Vorfahren Ninons kurzerhand der Familienname »Ausländer« zugeteilt wurde. Ninon vermerkte in ihren Tagebuchblättern: »Wir Juden haben keine Heimat […] Das Reich, in dem man lebt, duldet einen bloß, die Stadt, in der ich geboren bin, hieß nur Heimatstadt, sie bedeutete mir nichts«.

In Czernowitz, der Provinzhauptstadt der Bukowina,14 war Ninon als älteste von drei Schwestern geboren worden, und hier, im östlichsten Kronland der Habsburgischen Monarchie, blieb sie, bis sie im Herbst 1913 nach Wien übersiedelte, um ihr Universitätsstudium zu beginnen. Sie wuchs in einer Grenzstadt auf, in der das buchenländische Deutschtum15 von der Wiener Regierung nachdrücklich gefördert wurde.16 Stolz waren die Einwohner von Czernowitz auf die östlichste Universität mit deutscher Lehrsprache, die 1875 anläßlich der hundertjährigen Zugehörigkeit der Bukowina zu Österreich gegründet worden war. Mit vier Fakultäten, der griechisch-orthodoxen theologischen, der juristischen, der philosophischen und der naturwissenschaftlichen Fakultät erfüllte sie als »deutschsprachige Nationalitäten-Universität«17 einen im habsburgischen Sinne völkerverbindenden Auftrag, bis sie 1914, beim Einmarsch der Russen in Czernowitz, nach Wien verlegt wurde.

Viele der akademischen Lehrer, unter ihnen Richard Wahle, Professor für Philosophie,18 verkehrten im Hause Ausländer. So wurde Ninon von Kind auf mit einer traditionsbewußten, deutschbetonten Geisteswelt vertraut. Obwohl die Angehörigen der Oberschicht die deutsch-österreichische Kultur gezielt stützten und ausbauten, gehörten sie doch zum Typ des »Donau-Europäers«, der gegen jeden Chauvinismus gefeit war und durch dessen Toleranz sich das Zusammenleben verschiedener Völker erst fruchtbar gestaltete.19

Ninon wuchs in einer Mischbevölkerung20 von mehr als einem Dutzend Nationalitäten und zehn verschiedenen Glaubensbekenntnissen auf, dadurch gewann sie früh eine besondere Art von Weltläufigkeit. Der Reichtum an Vergleichsmöglichkeiten von fremden Sitten schärfte ihre Beobachtungsgabe und erzeugte jene in Grenzgebieten übliche Lebenskunst, sich weltoffen anzupassen und dennoch selbstbewußt abzugrenzen. So erwarb sie ein feines Gespür für das Andersartige in all seinen Abstufungen, sie wurde geübt, es intuitiv zu erfassen und einzuordnen. Als Kind schon schätzte sie die Eigenart der polnischen Köchin, die Kapusniak (Krautsuppe) und Borschtsch (Rote-Rüben-Suppe) kunstreich komponierte, und des schlau-biederen ruthenischen Händlers; der rumänische Gärtner war ihr ebenso vertraut wie der tschechische Schneider oder der ungarische Schuhmacher, der mit seinem handwerklichen Können gleichzeitig seine Musikalität zeigte, wenn er bei der Arbeit heimische Weisen pfiff.21 Ninons eigene Zuordnung: »Heimat war mir die deutsche Sprache« ist aus der nie in Frage gestellten Zugehörigkeit ihres Elternhauses zur Kultur Alt-Österreichs erwachsen.

Im bukowinischen Völkerkessel bedeutete die Sprache von Anfang an mehr als ein bloßes Verständigungsmittel, sie umschloß inmitten anderer Volksgruppen zugleich eine Erlebnis- und Geistesgemeinschaft. Daß jede Sprache eine andere Weise des Zugriffs auf die Wirklichkeit vermittelt und darum ein anderes Weltverständnis erzeugt, wurde Ninon früh bewußt. Daß Worte die Wirklichkeit immer schon auf die eine oder andere Weise auslegen, daß sie alles mitenthalten, womit frühere Generationen sie aus ihren Erfahrungen und Gewohnheiten befrachtet haben, daß sie also kaum übersetzbar einen ganz speziellen Sinn mitliefern, war den Bewohnern der östlichen Provinzen vertraut. Manès Sperber, der aus einem galizischen »Schtetl« am Pruth stammt, beschrieb in seinen Kindheitserinnerungen das verführerische Aroma, das den Worten der verschiedenen Sprachen entströmte, wenn er sich als Kind »immerfort zurechtfinden mußte zwischen dem Ukrainischen und Polnischen, dem Jiddischen, Hebräischen und Deutschen […] Wasser, Woda, Majim bedeuten das gleiche, ebenso wie aqua, eau und water. Aber ich ahnte recht bald, daß in jedem dieser Worte etwas mitschwang, das vielleicht nicht wirklich in ihm steckte, aber von ihm angerufen, mitgenannt wurde. Das slawische Woda ist noch heute für mich eine Flüssigkeit, die man aus dem Brunnen schöpft, das hebräische Majim sprudelt aus einer Quelle, das deutsche Wasser kommt aus dem Wasserhahn«.22 Wer diese vermischte Sprachluft lange genug eingeatmet hatte, entwickelte eine besondere Sensibilität für den Gehalt von Worten und von der besonderen Atmosphäre, die ihnen anhaftet. Ninons Sprachgefühl wurzelte in dieser Erfahrung der Grenzbewohner, die nicht fraglos wie Menschen im Landesinnern in eine Muttersprache hineinwachsen, sondern inmitten des Fremdartigen ein reflektiertes Verhältnis zum Wort entwickeln und sich bewußt einer Sprachheimat zuordnen. Viele Schriftsteller ostjüdischer Herkunft haben diese existentielle Beziehung zur Sprache durch ihr Scheitern bezeugt, wenn sie nach Vertreibung oder Emigration die geistige Heimat im Wort aufgeben mußten.23

Auch für Ninon wurde die Sprache in jenem östlichen Zipfel des Habsburgischen Vielvölkerstaates zum heimatspendenden geistigen Raum. »Worte konnten mich gefangen nehmen, verletzen, berauschen. Worten lauschte ich lange nach. Worte überzeugten mich.« Worte bedeuteten für sie die Nahtstelle zwischen Wirklichkeit und Imagination. Lesend würde sie sich durch die Macht der Worte immer neue Freiheitsräume erschließen. Worte waren darum für sie prall mit Wirklichkeit gefüllt – einer Wirklichkeit, der gegenüber die Welt der Tatsachen und Fakten wie wesenloser Schein verblaßte. Durch Hermann Hesse hatte sie zum ersten Mal von der Geborgenheit des Geistes in der Sprache erfahren, und seitdem erschienen ihr Dichterworte wie kostbare Gefäße, die einen spirituellen Inhalt wohlverwahrt umschlossen.

Aber ihre achtungsvolle Scheu vor dem Wort hatte außerdem einen religiösen Ursprung: ihre jüdischen Vorfahren werteten das Wort als machtgeladen und wahrheitsspendend; denn die Glaubenswelt des jüdischen Volkes bestand allein in der Überlieferung durch das Wort. Es bewahrte für Ninon »die fiktive Wirklichkeit, die der Jude Jahrhunderte mit sich geschleppt hatte. Diese fiktive Wirklichkeit war die Autorität der Thora, und das Festhalten an ihr, wenn auch mit Hilfe der Auslegung, die den wörtlichen Sinn des Gesetzes bestehen ließ. Sie zauberte dem Juden die Atmosphäre seines alten Landes vor, ließ ihn glauben, daß alle Generationen am Sinai gestanden haben.« Aus dieser zeitüberbrückenden, sakralen Kraft der Sprache, die Ninon durch die Eigentümlichkeit ihrer an die Wortsubstanz gebundenen Religion erfuhr, wird ebenfalls ihre tiefe Bewunderung für die Dichter verständlich, die in schöpferischer Freiheit mit dem Wort umzugehen vermochten und aus der Sprache geistige Räume bauten, die nach ihrer Meinung denen der Religionsstifter an Ausstrahlung nicht nachstanden.

Die Sprache vermittelte Ninon aber auch in einem sehr realen Sinne Verbundenheit und Geltung. In der Hierarchie des spätfeudalistischen Kronlandes war die Sprache ein Kennzeichen der sozialen Schicht, der man angehörte, – bei der Familie Ausländer war es die pro-österreichische Oberschicht.

Daß der deutschsprachige Bevölkerungsanteil – die Einwohnerstatistik wurde nach der Umgangssprache erstellt – einen ständigen Zuwachs an Zahl und Einfluß erzielte, verdankte die dünne österreichische Oberschicht den jüdischen Mitbürgern, die sich zur deutschen Sprache bekannten.24 Gerade sie waren entschiedene Anhänger der österreichischen Monarchie, auf ihre Staatstreue konnten sich Kaiser und Regierung verlassen. Diese Tradition hatte sich schon beim ersten Besuch Kaiser Franz Josephs 1851 in einer spontanen Huldigung gerade von seiten der jüdischen Bewohner herausgebildet. Durch ihn erhielten sie die ersehnte Gleichberechtigung mit den christlichen Einwohnern, noch geltende Besitzbeschränkungen und mangelnde Freizügigkeit – etwa die Zulassung zum Staatsdienst – wurden aufgehoben. Der Kaiser wußte sehr wohl um diese Anhänglichkeit. Als er 1855 wiederkam und 1880 am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Glaubensfest, sogar den Czernowitzer Tempel besichtigte, war die Ergebenheit der jüdischen Bevölkerung für das Kaiserhaus nicht mehr zu steigern. Sie hatte die Habsburger Monarchie als ihr Schicksalsland anerkannt, das durch liberale Gesinnung ihren sozialen Aufstieg ermöglichte. Auch Ninons Vater, ein angesehener Advokat in Czernowitz und der ganzen Bukowina, war ein treuer Anhänger des Kaisers.

Als Präsident der Advokatenkammer zählte Dr. Jakob Ausländer zu den Spitzenhonoratioren der Provinz. Bei allen offiziellen Anlässen hatte er neben dem Landespräsidenten und dem Erzbischof, dem Landgerichtspräsidenten und anderen Würdenträgern des Kronlandes ehrenvolle Aufgaben wahrzunehmen.25 Seine patriotische Gesinnung äußerte sich nicht nur im aufrichtigen Stolz über den »Franz-Josefs-Orden« für besondere Verdienste am österreichischen Staatsgedanken, in seiner Mitgliedschaft beim »Österreichischen Flottenverband« oder in der dreimaligen Zeichnung von hohen Kriegsanleihen, wodurch die Familie im Ersten Weltkrieg nahezu das ganze Vermögen einbüßte. Sein österreichisches Engagement zeigte sich auch noch, als die Rumänen 1918 die Bukowina für sich beanspruchten.

Czernowitz wurde geprägt durch den Pruth; seine lehmigen Fluten strömten breit und träge unterhalb der Hügelstadt vorbei, die anmutig und beherrschend zugleich auf jenen Ausläufern der Karpaten lag, die der asiatischen Weite zugerichtet waren. Das Flußbett verlief östlich der waldkarpatischen Gebirgszüge am Rande der lößgelben podolischen Tiefebene bis zum Schwarzen Meer – wie eine Grenzscheide zwischen Abend- und Morgenland. Vom Flußtal, dessen weidenumsäumte Ufer den Bewohnern der Grenzstadt immer etwas unheimlich waren und hinter denen im Osten die endlose bessarabische Steppe begann, stieg der Weg von der Pruthbrücke aus steil zur Stadt hoch, deren mitteleuropäisches Stadtbild von der Silhouette des Erzbischöflichen Palastes und der orthodoxen Kathedrale bestimmt wurde. Die russische Grenze war 30 Kilometer weit entfernt. Wien hingegen konnte man nur durch eine mehr als 800 Kilometer lange Bahnfahrt erreichen. Und doch fühlten sich die meisten Bewohner wie in einer Vorstadt Wiens; denn dieser Vorposten des Habsburgischen Reiches und der österreichisch-deutschen Kultur war eindeutig westlich ausgerichtet. Wien war Maßstab. Wien war unbestrittenes Vorbild. Wien war immer Ziel.

Abb. 3: Blick auf Czernowitz (aus: Czernowitz wie es einmal war, hg. von der R. ‌F. Kaindl Gesellschaft e. ‌V., Stuttgart)

Die Czernowitzer haben ihre Stadt denn auch mit liebevollem Stolz »Klein-Wien« genannt. Die unverwechselbare Atmosphäre des kaiserlichen Österreichs lag über ihr, die sich kuppelgekrönt inmitten reicher Obst- und Weingärten auf der fruchtbaren Terrasse über dem Pruthtal ausbreitete. Auf alten Photos erkennt man an Straßen, Gassen, Plätzen und öffentlichen Gebäuden die »Nähe« zur österreichischen Hauptstadt.

Der Geist Alt-Wiens wurde aber auch beschworen im Klang der Namen, die Czernowitzer im Aufblick zu dem großstädtischen Vorbild übernahmen. Da gab es den »Ringplatz« mit den Ringstraßen, auf denen sich die Bürger gern zum Sonntagsbummel trafen. Sie waren stolz auf die öffentlichen Gärten, die im Anklang an Wien das Stadtbild liebenswürdig auflockerten. Im »Volksgarten« wollten die Spaziergänger sehen und gesehen werden, wenn die Kapelle des k. ‌u. ‌k. Infanterieregiments Erzherzog Eugen Nr. 41 im Musikpavillon ein Platzkonzert gab und sie auf der breiten Hauptallee nahe am »Kursalon«, einem Gartenrestaurant, entlangschlenderten. Die »Schützenhöhe« am Ende des Volksgartens bildete den Schauplatz vieler Festlichkeiten von des Kaisers Geburtstag bis zu den Schützenfeiern, wo nicht nur die altgedienten Veteranen durch ihre schmuckfreudigen, mit Stolz getragenen Uniformen von einer kaisertreuen Gesinnung zeugten. Auf der schattigen »Habsburgerhöhe« hinter dem Erzbischöflichen Palais konnten lufthungrige Städter im Buchen- und Tannenwald auf Serpentinen hochsteigen, um einen weiten Ausblick ins Pruthtal zu genießen. Der »Franz-Josephs-Park« im Stadtinnern mit dem Denkmal der Kaiserin Elisabeth und dem repräsentativen Gebäude der Landesregierung im Hintergrund bot inmitten verkehrsreicher Straßen einen Ort zum Ausruhen. Die »Göbelhöhe« und der »Schillerpark« waren ebenso beliebte Treffpunkte wie die Biergärten und Eislaufplätze. Die Kaffeehäuser, das »Habsburg« in der Herrengasse, das kurzlebige »Nachtcafé Wien« oder das »Kaiser-Café« am Elisabethplatz, hatten etwas Wienerisches. Der Historismus in der Czernowitzer Architektur erinnerte an das Renaissance und Barock imitierende, museale Stilgemisch der Wiener Ringstraße, Musterbeispiele dafür boten die Deutsche Landesbibliothek und das Landesmuseum, worauf die Bewohner besonders stolz waren. Alle öffentlichen Gebäude sprachen vom damaligen Kunstgeschmack in der Hauptstadt, nicht zu vergessen das Stadttheater, das nach Wiener Bauplänen errichtet und zum hundertsten Todestag Schillers eröffnet wurde, wobei die Honoratioren feierlich eine Statue des Dichters an der Frontseite des Gebäudes enthüllten, – das war ein kulturpolitisches Programm! Das Stadtbild wurde zu allen Tageszeiten durch Gruppen junger Gardeoffiziere belebt, die an der »Pardini-Höhe« flanierten, und auch die Studenten der »Alma Mater Francisco Josephina« trugen durch ihre bunten Kappen zum farbenfrohen Eindruck eines Miniatur-Österreichs bei.

Alles Liebenswerte dieser Stadt, aber zugleich auch alles Beengende der gesellschaftlich festgefügten Szene hat sich in Ninons Kindheitserlebnissen niedergeschlagen. Sie liebte die eingrenzende Geborgenheit, die gemütliche Überschaubarkeit, die Nachbarschaft des Vertrauten. Aber gleichzeitig strebte sie aus den einschränkenden Erwartungen und Forderungen dieser Umgebung, wo Klatsch und Tratsch blühten, in eine großzügigere Lebensart, bei der die Maßstäbe der provinziellen Rücksichtnahme nicht galten.

Ninon lernte in dieser kleinstädtischen Enge, sich geistige Freiheitsräume zu erschließen, sie überließ sich, so oft sie konnte, dem widerstandslosen Traumreich ihrer Phantasie. Denn meistens war viel Selbstbeherrschung notwendig, um nicht aus dem Rahmen zu fallen, in dem die Mitbürger das Bild einer wohlerzogenen Advokaten-Tochter zu sehen wünschten. Zwischen den oberen hundert Familien waren die Umgangsformen festgelegt, und es war zweifellos schwierig, vor dieser sittenstrengen Oberschicht untadelig zu bestehen.

Die Rücksicht auf den öffentlichen Rang des Vaters stand als Leitstern über dem Familienleben. Sie wurde stets ängstlich betont von der Mutter, die den Reiz der jung erheirateten gesellschaftlichen Stellung im Czernowitz der Jahrhundertwende stolz und in vollen Zügen genoß. Sie konnte sich schöngeistigen Liebhabereien widmen, denn an Hausangestellten herrschte kein Mangel. In der Sorglosigkeit und Großzügigkeit dieser Ehe mit einem alles gewährenden, 14 Jahre älteren Mann erwuchs in ihr das Bedürfnis, die in ihrer Jugend versäumten Möglichkeiten des Erlebens und Lernens nachzuholen. Dabei übertrug sie ihren ausgeprägten Bildungsanspruch auf Ninon, die sie zu ihrer Gesprächspartnerin und vertrauten Begleiterin machte. Sie vermittelte der Tochter beizeiten das Gefühl, sich dem Diktat der lobenden oder verdammenden Umgebung beugen zu müssen, um Vorurteile abzuwehren. So lernte Ninon im Schatten ihrer schönen und geistvollen Mama die ihr zugewiesene Rolle der Gymnasiastin aus gutem Hause schicklich zu übernehmen. Zweifel in ihrem Selbstverständnis entstanden, als sie sich mit Camenzinds Augen sah, dadurch erhielt die weitgehende Identifizierung mit der bewunderten Mutter einen ersten Riß.

»Unsere Erziehung lag ganz bei der Mutter, und weil sie von ihren Eltern überaus streng erzogen worden war und eine schwere und peinliche Jugend gehabt hatte, – so wurden auch wir ›erzogen‹. Wäre es nach meinem Vater gegangen, wir wären aufgewachsen wie die Fohlen; er besaß eine natürliche Ehrfurcht vor allem Lebendigen und eine Vorurteilslosigkeit, die ihn befähigte, alles zu begreifen. Wir aber hatten Kinderfräulein und Gouvernanten und eine Typologie der Erscheinungen, ›vom Kinderzimmer aus gesehen‹, in der ich lange stehen geblieben bin«.26 In ihrem Rom-Tagebuch 1934 zog sie Bilanz: »Ich hatte einen Hang zum Konventionellen, ich war von jeher unrevolutionär und wollte mich nicht auflehnen. ›So sein wie die anderen‹ war meine Sehnsucht. Gekleidet sein wie Charlotte, frisiert wie Steffi – ach nur den anderen möglichst gleichen! Nicht: ›Wie handle ich‹, hieß es bei uns zu Hause, sondern: ›Wie handelt man?‹ in diesem oder jenem Falle, und dies ›man‹, dieses bürgerliche Gespenst, dieser kategorische Imperativ, beherrschte mich viele Jahre lang, angefangen mit der Kleidung und aufgehört mit der Lebensführung.«

In einer ihrer Kurzgeschichten aus dem Jahre 1912 hat sich Ninon selbst geschildert: »Lolo [Ninon] war im Grunde eine verschlossene Natur. So stark und mächtig jedes Gefühl auch in ihr aufflammte, so wenig verriet sie es je mit einem Wort, ja auch nur mit einem Blick den anderen. Es war fast ein Trotz in ihr, ein Stolz: ›Wenn ich dich auch liebe, was geht's Dich an‹.« Die Sechzehnjährige, die ihre Gefühle meisterhaft zu verbergen gelernt hatte, schrieb: »Einen Moment durchzuckte es sie wie ein entsetzlicher, unerträglicher Schmerz. Aber sie wechselte nicht einmal die Farbe, als sie mit gleichgültiger Stimme antwortete.«

Die Maske, die die gesellschaftliche Rolle vorschrieb, beengte und schützte sie zugleich. Sie wurde ihr zur hemmenden Gewohnheit: »In mir lebte ein Ideal von Selbstzucht und Strenge, das ich immer am unrechten Ort verwirklichte. Vielleicht weil dieses Ideal unecht war, von außen in mich eingepfropft, nicht in mir gewachsen.«

Kein Zweifel: Ninon wollte wohlgelitten sein. Doch ab und zu versuchte sie kleine Ausbrüche, so zum Beispiel, als sie sich mit zwölf Jahren weigerte, Klavierspielen zu lernen, unverzichtbarer Inhalt bürgerlicher Erziehung. »Ich werde zeichnen lernen«, versprach sie. Sie fiel aus der Norm, als sie weiterhin erklärte: »Zur Tanzstunde gehe ich nicht, das finde ich albern!« Daß sie in Wien studieren wollte, stand von Anfang an fest. Dort lockte die Freiheit, – kein Wunder, wenn man die Realität ihres Schulbesuchs im Czernowitzer k. ‌u. ‌k. Ersten Staatsgymnasium mit der ersehnten Studienzeit vergleicht: Drei Mädchen, unter ihnen Ninon, saßen als »Hospitantinnen« in der vordersten Bankreihe einer Jungenklasse unter dem auf sie besonders streng gerichteten Blick des Gymnasialprofessors. Wenn es zur Pause schellte, führte ein Lehrer die Mädchen unverzüglich hinaus, sie hatten bis zur nächsten Unterrichtsstunde in einem abgesonderten Raum zu warten. Dann wurden sie als letzte wieder in die Klasse geführt. Unter erschwerten Bedingungen mußten sie zudem als »Externe« in jedem Schuljahr eine besondere Prüfung ablegen. Wie sollte da nicht ein Ressentiment gegenüber den Jungen entstehen: warum sind wir benachteiligt? Wir Mädchen werden es zu etwas bringen! Wir gehen nach Wien und studieren!

Hier liegt wohl auch die Ursache dafür, daß sich Ninon nur schwer als Mädchen annehmen konnte – das teilte sie mit vielen begabten Frauen, die unter der Rollenzuweisung ihrer Umgebung litten. Sie fühlte sich als »Vater-Tochter«, und der Vater war und blieb zeitlebens das geliebte und unerreichbare Vorbild. Wie konnte sie ihm nachstreben, wenn sie – den Erwartungen der Umwelt entsprechend – in die hausgebundenen Pflichten einer Ehefrau und Mutter hineinwachsen mußte? Dagegen lehnte sie sich auf, nicht etwa aus blindem Ehrgeiz, sondern aus einem Gefühl der Gerechtigkeit, das in der Schule verletzt worden war.

Aber Ninon lernte noch eine Möglichkeit kennen, der Rücksichtnahme auf die ungeschriebenen Gesetze der Kleinstadt zeitweise zu entgehen: das Reisen. Sie wurde schon als Sechsjährige von der fernwehkranken Mutter mitgenommen, besuchte regelmäßig mit ihr Museen, Konzerte, Theateraufführungen, auch »im Westen«; das waren Wien, Kopenhagen, Ostende, Mailand und Genua. Die Mutter wollte sprunghaft und hastig die kulturellen Angebote ausschöpfen, ein dankbares Verweilen beim Erreichten war ihr fremd. So lernte Ninon, einbezogen in diese vorwärtstreibende Unrast, kein entspannendes Genießen kennen, keine Freude am Gewonnenen, keine innere Zufriedenheit. Hieraus läßt sich auch ihre Auslegung des Wortes »Zufriedenheit« in ihrem ersten Brief an Hesse verstehen, es wurde von ihr in den Gegensatz zur dynamischen »Glücksuche« gestellt und eindeutig abgewertet. Aufschlußreich erscheint dazu ein anderer Satz aus diesem Brief: »Es muß eigentlich schön sein, wenn es still in einem geworden ist, ganz still und ruhig.« Dieser zaghafte Wunsch, der Unstete – als weitertreibende, innere Sehnsucht gedeutet – einmal zu entfliehen, stieg in der Vierzehnjährigen auf, aber dann wies sie den Gedanken schnell wieder von sich und beschwor das Gespenst einer »Ruhe, wenn sich keine Hoffnung an sie knüpft«.

Das Reisen vermittelte Ninon und ihrer Mutter im Kennenlernen neuer Dinge das Glücksgefühl der Freiheit, während die beiden jüngeren Schwestern in einer Art von Schutz- und Trutzbündnis gegen Ninon und die Mama daheim blieben, mit Bediensteten in die weiten Buchenwälder der Umgebung fuhren oder die Ferien in den Karpaten verbrachten. Der Vater, meist unabkömmlich und oft tagelang bei Gerichtsverhandlungen in der Provinz, gewährte seiner Frau und ihrer erlebnishungrigen jungen Reisegefährtin gutmütig und verständnisvoll jeden ersehnten Ausbruch. Weil er beruflich von morgens bis abends eingespannt war, überließ er alle privaten Entscheidungen der Mutter, deren blitzende Intelligenz und sprühendes Temperament er als Gegenpol zu seinem schwerblütigen Wesen liebte und bewunderte. Gisela Anna Ausländer, unter deren ungebrochenem Einfluß Ninon aufwuchs, war in dem ihr überlassenen Freiraum ängstlich bemüht, daß sie und die Kinder dem Vater Ehre machten.

So gebunden das Alltagsleben in konventionellen Regeln ablief, so frei gestaltete es sich für die Familie Ausländer hinsichtlich konfessioneller Gebräuche: Dr. Jakob Ausländer war ein frommer Mann, dessen Güte, Hilfsbereitschaft und Toleranz sprichwörtlich waren. Er machte aus dieser Haltung heraus seiner Familie keine religiösen Vorschriften. »Unseres Vaters Frömmigkeit betrachteten wir als liebenswürdige Schwäche, die wir gütig duldeten. Wenn er am Vorabend des größten jüdischen Feiertags, des Versöhnungstages, aus dem Tempel kam, sah sein mildes Gesicht noch milder aus als sonst, ein Glanz ging von ihm aus, eine überströmende Güte. Er saß mit uns bei Tisch, während wir unser Nachtmahl aßen, und wir wollten nur immer wieder wissen, wie er das Fasten ertrage. Ob er schon hungrig sei und ob der Duft der Speisen ihn nicht reize und ob man im Tempel das Knurren der Mägen höre – überhaupt, Fasten erschien uns hochinteressant. Er lächelte, beruhigte uns darüber, versuchte, uns auf die Bedeutung des Festes hinzuweisen. Wir hörten zu und fanden den Papa famos – das Fest, das Judentum, die Religiosität sagten uns nichts. Wir vermochten nicht durch Äußerlichkeiten hindurchzuschauen in die Tiefe, uns über Formen, die abstießen, hinwegzusetzen, wir kamen nicht los vom Augenschein.«

Dr. Ausländer selbst hielt die Ostermahlzeit und den Versöhnungstag27 streng ein, während er der Familie am Weihnachtstag auch den Christbaum schmückte und die Kerzen anzündete, weil, wie er meinte, die Kinder dieses Fest brauchten. Aber an den hohen Bußfesten des Neujahrs- und des Versöhnungstages ging er stets zum Tempel, betete und fastete. Für sich allein feierte er Gedenken und Entsühnung und versäumte nie den Höhepunkt der Andacht im jüdischen Gottesdienst, das Kol nidre (aramäisch: alle Gelübde), benannt nach den Anfangsworten des volkstümlichen Gebetsgesangs am Vorabend des Versöhnungstages. Die schwermütige hebräische Melodie, von Max Bruch in einem Cellokonzert aufgegriffen und ausgestaltet,28 hat Ninon auch in späteren Jahren als eine Erinnerung an den Vater stark berührt. Bis zu ihrem letzten Lebensjahr zündete sie ihm am »Jom Kippur« – dem Versöhnungstag – eine Totenkerze an.

So gern Ninon jede freie Stunde des Vaters mit ihm geteilt hätte, zum jüdischen Gottesdienst begleitete sie ihn nicht, weil sie die Tempelbräuche als zu ekstatisch ablehnte. »Wir liebten die Rasse nicht, zu der wie gehörten, das heftige Temperament, die fahrigen, maßlosen Bewegungen stießen uns ab; wir hatten von Kind auf zu lernen, uns maßvoll zu bewegen, gedämpft zu sprechen – im Tempel überließen sich alle ihrer Leidenschaft, es wurde geschluchzt, gestöhnt, der Singsang des Betens stieß uns ab. Der Gottesdienst wurde in hebräischer Sprache abgehalten. Wir konnten nicht hebräisch, verstanden die Vorgänge nur zum Teil, begriffen überhaupt nie, warum man sich immer wieder mit dem längst Vergangenen beschäftigte, der ägyptischen Knechtschaft, der babylonischen Gefangenschaft, mit allem, was der Jude seit Jahrhunderten mit sich trägt und was ihm die Atmosphäre seines alten Landes vorzauberte und ihm das Heimatgefühl gibt, das er nirgends dort, wo er wirklich lebt, finden kann.«

Diese »wilden Beter«,29 die Ninon gelegentlich im Tempel beobachtet hatte, waren ihr, die stets auf Distanz und diszipliniertes Auftreten Wert legte, unheimlich. Darum lehnte sie die ostjüdischen Kultgebräuche ab, in denen das religiöse Entflammen so unverhüllt bezeugt wurde und die Betenden sich gebärdenreich in eine enthemmende Maßlosigkeit hineinsteigerten. Von Galizien her war eine mystische Erweckungsbewegung einflußreich geworden, die sich um eine Wiederbelebung des Chassidismus30