Nomadenbraut - Larissa Lang - E-Book

Nomadenbraut E-Book

Larissa Lang

4,8

Beschreibung

Larissa (41) lebt seit Jahren in einem kleinen Häuschen in einem Dorf im Spessart. Ihre langjährige, seit fast 18 Jahren bestehende Erkrankung macht ihr zu schaffen – nicht nur im Alltag, sondern auch finanziell. Sie sucht einen Ausweg aus der Krankheit und aus der Armut... ohne Hoffnung. In all diesen schwierigen Lebensumständen hat Larissa einen einzigen Herzenswunsch: sie will unbedingt ihren alten, sterbenden Großvater noch einmal sehen. Seit Monaten sucht sie vergeblich eine Fahrgelegenheit zu ihm, doch überraschend hat sie Glück: ein Freund wagt die Reise mit der schwerkranken Frau. Was für eine Freude, den geliebten Großvater in Sachsen umarmen zu können! Als hätte er nur noch auf seine Enkeltochter gewartet, geht es nun steil bergab mit seinen Kräften. Im Reise-Tipi zeltet Larissa mit ihrem Hündchen Flux und begleitet ihren Großvater, bis er stirbt. Nach der Urnenbeisetzung sucht sie für ihr Leben einen Neuanfang, doch wie dieser aussehen könnte, weiß sie nicht. Tief in ihrem Innersten spürt sie jedoch: es gibt keinen Weg mehr zurück. Vorerst findet sie für den Winter Unterschlupf auf einem Seminarhof, bewohnt dort ein Zimmerchen und lässt ihren Hausstand nachkommen, sortiert aus und löst jedes Band zur Vergangenheit. Ohne zu wissen, wie es weitergeht, versucht sie, ihrer Intuition zu vertrauen und will letzten Endes nur eines: sich nach so vielen Jahren des Leidens wieder lebendiger fühlen! Diese außergewöhnliche, wahre Geschichte ist der Auftakt einer mehrbändigen Reihe, die beschreibt, wie Larissa ihr Leben ändert, weil sie es einfach tun muss...

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Seitenzahl: 502

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Dieses Buch und alle folgenden Bände der

„NOMADENBRAUT“

widme ich in Liebe meinem Großvater!

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

21. Juni Status quo

27. Juni Meditative Neumond-Woche

11. Juli Marcel

16. Juli Der Countdown läuft...!

13. August Wiedersehen

14. August Zwei Tage LUXUS

16. August Auf dem Campingplatz

17. August Ich bleibe!

22. August Die ersten Tage im Tipi...

23. / 24. August Schlimme Erkenntnis

25. August Sternenhimmel

28. August Umzug in die Sonne & Besuch

19. September Fünf Wochen Camping

17. September Horrorwoche

26. September Abschiedsworte

27. / 28. Sept. Der Tod nimmt ihn mit sich...

01. Oktober Seminarhaus

05. Oktober Der Campingplatz schließt

09. Oktober Urnenbeisetzung & ein Wunder

10. Oktober Am Grab

12. Oktober Ab ins Erzgebirge!

13. - 16. Oktober Nasse Kälte und Einsamkeit

17. Oktober Letzte Nächte im Tipi

19. Oktober Umzug auf den Seminarhof

21. Oktober Schamanische Sitzung

25. Oktober Besichtigung im Spukhaus & Besuch bei Oma

27. Oktober Ein Abend mit Sam

30. November Meine Möbel kommen...

03. Dezember Ausflug und die Wochen danach

24.-26. Dezember Weihnachten

31. Dezember Silvester

26. März Gedanken & Tom

29. / 31. März Wintergarten & Flurgespräch

02. April Schloss Moritzburg

03. - 06. April Osterfest & ein Geschenk

Nachwort

Dank

Quellenverzeichnis

Wenn alles sich wandelt . . .

. . . wenn alles reißt,

wenn alles droht, abzustürzen und unterzugehen,

dann schau in dein Herz,

ob es freudig dich noch trägt

auf deinem Pfad!

. . . wenn alles sich wandelt und nichts mehr bleibt

vom Alten und Bekannten,

dann leg‘ deinen Hochmut nieder und

versöhne dich mit dir selbst!

. . . wenn alles sich losreißt von dir,

du es festhalten willst, aber nicht kannst,

dann schnür deinen Rucksack,

pack wenig hinein und lass dich treiben:

zurück ins LEBEN!

Larissa Lang

Vorwort

Schon als Kind wusste ich: „Eines Tages werde ich sehr krank, viele Jahre später würde ich wieder gesund werden, und dann wollte ich Bücher darüber schreiben, wie ich das gemacht habe. Diese Bücher sollten viele Menschen auf der ganzen Welt lesen können, um zu verstehen, WIE ich gesund wurde. Und dann könnten sie das auch: genesen, glücklich und sie selbst sein!“.

Das war immer meine Vision.

Wurde ich gefragt, was ich eines Tages für einen Beruf ergreifen möchte, dann sagte ich:

...ich möchte mit Kindern arbeiten,

...ich möchte Ärztin sein, aber nicht Ärztin,

...und: ich werde eine berühmte Buchautorin werden.

Ich, Larissa Lang, bin heute 41 Jahre alt, staatlich anerkannte Erzieherin, habe die Ausbildung zur Heilpraktikerin gemacht und viele verschiedene Heilweisen studiert. Und: ich schreibe Bücher, u.a. meine Biografie, in der ich den Menschen erzählen möchte, wie ich mich wieder aufgerafft habe aus vermeintlich ausweglosen Lebensumständen, wie ich zurückfand zu mehr Lebensfreude und Lebenssinn.

Ich fand MEIN LEBEN!

Wie alles begann...?

Seit 18 Jahren macht mir eine Erkrankung das Leben schwer. Meiner damaligen Ansicht nach traf sie mich völlig unvorbereitet. Ich ging zur Arbeit, hatte meinen Alltag, Träume, Pläne, und doch sollte Vieles anders kommen...

Ich, Larissa, habe eine Autoimmunerkrankung, welche meine Gelenke und die inneren Organe angreift. Wann ich wieder in der Lage bin, zu laufen, zu rennen, Auto zu fahren? Immer mal wieder in all den Jahren hat mir die Erkrankung einen schweren und heftigen „Strich durch die Rechnung gemacht“. Planen? Ich lächle nur noch, wenn ich dieses Wort höre. Planen kann ich gar nichts. Ich weiß nie, wie es mir morgen oder gar in ein paar Stunden geht, ob ich Kraft habe für das, was ich mir vornehme.

Erleben Sie mit mir, wie ich aufbrach aus meinem alten, festgefahrenen, freudlosen Leben, wie mich der nahestehende Tod meines Großvaters aus allem riss, was mir bisher vermeintliche Sicherheit versprach. Ich lebte nicht mehr, ich existierte. Einsam durch die Krankheit und durch die dadurch entstandene Armut entschloss ich mich zu einem Weg, der Abschied beinhalten sollte und mir doch einen Neubeginn schenkte - dank meines Mutes und meiner Entschlossenheit, die ich in letzter Konsequenz aus mir herausquetschte, weil es einfach keinen anderen Weg mehr für mich gab.

Wenn du mit dem Rücken zur Wand stehst, wenn du krank, deshalb auch arm und irgendwann einfach nur noch verzweifelt bist, siehst du nicht mehr viele Möglichkeiten. Wenn du nicht mehr weißt, wie du leben sollst, weil da nichts mehr ist, was dein Herz höher schlagen lässt, musst du es einfach wagen: dich ins Leben hineinstürzen und darauf vertrauen, dass es dich trägt. Das Risiko, unterzugehen, trägt man dabei ganz allein.

Ich berichte in diesem ersten Band aus einem Zeitabschnitt meines Leben, der alles andere als leicht war, und doch möchte ich davon erzählen, denn viele Menschen fragten danach, wie denn alles begonnen hat.

Mein zweites Buch „NOMADENBRAUT - 2015. Mit meinem Bett auf Reisen...“ sollte eigentlich ein Einzelwerk sein. Doch schon beim Schreiben des Buches war klar: es braucht ein Buch voran und wohl auch mehrere danach...

Vielleicht wird es ja eine Trilogie in fünf Bänden...? ;-)

Vielleicht wird diese Reihe von Büchern die verwirklichte Vision meiner Kindheit? Ich wünsche es mir...

Mögen meine Zeilen Sie nicht traurig machen, mögen Sie nicht den Schmerz empfinden, den ich empfand in dieser dunklen Zeit, aber mögen die Lichtfunken meiner Kraft und meines aufgebrachten Mutes Sie mitnehmen, auf dass Sie in IHREM Leben ebenso Ausschau halten nach Erneuerung und Veränderung. Ich verspreche Ihnen: es lohnt sich!

In diesem Sinne - herzlichst...

...Ihre Larissa Lang!

21. Juni 2014

Status quo

„Sag mal, willst du nicht mal wieder Rasen mähen?“.

Martha, meine hochgewachsene, kurz- und rothaarige Nachbarin steht vor meinem Gartenzaun und wirft diese leicht kritisch und auffordernd gemeinte Frage mitten in den Raum, in den Frei-Raum, der sich eben Garten nennt. Ich liege auf meinem Feldbett, das meine Ruhezone im Grünen darstellt, setze mich nun aber hin und stehe auf. Nachdenklich schaue ich sie an, während ich mit langsamen Schritten auf sie zulaufe und ihr die Hand reiche. Ich mag Martha sehr. Sie und ihr Mann helfen mir, wann immer sie können. Aber sie ist eine von Vielen, die nicht verstehen können, dass ich zwar gesund aussehe, es aber definitiv nicht bin. Ihrer Meinung nach könnte man heute zwei Reihen Rasen mähen, morgen wieder zwei, und irgendwann wäre man dann fertig. Sie weiß nicht, wie das ist, wenn man sich kraftlos fühlt, wenn die Muskeln ihren Dienst versagen und man während des Fernsehens einfach vom Stuhl auf den Boden fällt und nicht mehr hochkommt. Heftige, neurologische Ausfälle - wie oft hatte ich schon gedacht, mein letztes Stündlein hätte geschlagen.

Ich kenne die körperliche Kraftlosigkeit, die Einen keinen Arm mehr heben lässt; man kann sich nicht schleppen, kommt kaum einen Meter voran. Die Beine sind schwach, versagen ihren Dienst. Ich darf mich kein bisschen anstrengen.

„Ach Martha, ich denke, ich mache es dann, wenn ich mich gut genug fühle...“. Zweifelnd schaut sie mich an. „Ich kann auch nicht immer alles auf einmal machen. Das muss man sich einteilen: jeden Tag ein bisschen!“. Wenn ich Martha nicht so mögen würde, wie ich es tue, hätte ich ihr schon längst gesagt, wie ich über all das denke. Aber ich glaube ganz einfach: sie kann es nicht verstehen, weil sie fit und gesund ist, obwohl sie bald in Rente gehen wird. Sie fährt Fahrrad, macht mit ihrem Mann Rad-Touren, von denen ich nur träumen kann. Ja, das Träumen... Das ist das, was uns Kranken und „Behinderten“ uneingeschränkt bleibt und dessen Kraft uns zur Verfügung steht. Träumen eröffnet neue Horizonte, die sich verwirklichen können. Ich träume von der Reise nach Sachsen. Ich will zu meinem Opa!

Zurück ins Jetzt. Martha steht immer noch am Zaun und blickt kopfschüttelnd auf das relativ hohe Gras. Mit „relativ“ meine ich: ich habe keinen Rasen, ich habe Wiese! Bei mir wachsen Blümchen, und ich finde das ausnehmend schön! Natur, wie sie leibt und lebt. Ich hole mir Brennnesseln aus dem Garten für meinen Tee und bin außerordentlich dankbar, dass auch Löwenzahn und Gänseblümchen bei mir wachsen. „Unkraut“ - das ist es in ihren Augen und in den Augen meiner anderen, unmittelbaren Nachbarn. Die südlich von meinem Grundstück wohnenden Herrschaften schneiden den Rasen an den Kanten des Grundstücks mit der SCHERE! Ich sage: kein Kommentar!

„Was ist das eigentlich, was da in deinem Garten steht?“ fragt Martha nun doch neugierig und schaut auf mein abenteuerlichgespanntes Tarp. „Das ist eine Zeltplane. Die habe ich aufgebaut!“. Dass mich das gestern die Kraft eines ganzen Tages gekostet hat und mir tatsächlich wichtiger war als Rasenmähen, braucht sie nie zu erfahren. „Du willst doch nicht im Garten übernachten, oder?“. Ungläubig schaut sie mich an. Oh Mann. Ich möchte sie ja nicht für kleingeistig halten, aber manchmal stoße ich an die Grenzen meiner Toleranz, weil die anderen in meinem Umfeld keine zu haben scheinen. Da läuft alles in geordneten Bahnen und nach Schema F. Bei mir ist das so nicht, geht auch gar nicht. Ich kann eh nicht planen, weil ich nie weiß, wie es mir im nächsten Augenblick geht. Ich mache, was ich kann, und wenn ich nicht mehr kann, muss ich ruhen - ob ich nun will oder nicht.

„Ach nee, ich will nur mal ausprobieren, wie man es aufbauen kann. Schlafen werde ich schon im Häuschen...“ sage ich und denke das Gegenteil. Insgeheim freue ich mich schon auf meine heutige oder morgige „Outdoor-Übernachtung“ - jenseits ihrer Obacht, denn in DEN Teil meines Gartens kann sie von ihrem Haus aus nicht sehen, nicht mal von ihrem Küchenfenster aus, das noch einen relativ großen Einblick in weite Teile meines kleinen Grundstücks gewährt. Martha würde nie im Garten übernachten. Kein Anderer, den ich kenne, würde im eigenen Garten übernachten. Sie schlafen - „wie es sich gehört“ - in ihren Betten im Haus. Noch bevor ich eine weitere Bemerkung machen kann, kommt ihre dritte Frage: „Willst du nicht mal ein Stück spazieren gehen? Es ist doch so schönes Wetter!“. Spätestens bei diesem Satz könnte ich sie … - na, ich sage das jetzt besser nicht. Meine Hilflosigkeit und Traurigkeit darüber, dass ich nicht mehr wandern kann, machen mir eh schon seit so vielen Jahren schwer zu schaffen. Wie kommt man als junge Frau damit klar, dass man dies und das plötzlich nicht mehr kann - von einem Tag auf den anderen? Wie geht man damit um? „Sie müssen sich eben damit abfinden, dass Sie krank sind!“. Das höre ich meistens von den Ärzten, die - meiner Meinung nach - so etwas niemals zu einem Patienten sagen dürften, weil sie ihm mit dieser Aussage jeden Mut und jede Hoffnung auf Besserung oder gar Heilung nehmen. Nee, ich finde mich mit gar nichts ab, das meine Freiheit beschneidet und mir das Gefühl gibt, nicht mehr wirklich am Leben zu sein. Ich zähle mittlerweile im Badezimmer die Fliesen an der Wand, wenn ich auf Toilette sitze, und das ist ein Zeichen äußerster Einsamkeit! Fragen Sie mal das Pflegepersonal in den Pflegeheimen; die werden Ihnen das bestätigen.

Einsamkeit ist ein nagendes Unwohlsein, das nach dir greift, und wenn es dich hat, lässt es dich sobald nicht mehr los. Da hilft auch kein Wollen. Wenn du nicht weg kannst, wenn du „gefangen“ bist und nicht mehr am Leben teilnehmen kannst, wie du das eigentlich gerne möchtest, wenn dich niemand mehr besuchen kommt, weil sie eh alle wissen, dass es dir schlecht geht, da stehst du da mit einem Grauen, das dich alt, vertrocknet und dürr macht - innerlich! Es macht dich klein, macht dich schreiend, macht, dass du irgendwann nicht mehr leben willst, weil du keinen Grund und keinen Sinn mehr siehst. Nein, ich bin nicht depressiv. Ich bin einsam! Ich brauche Menschen, brauche Lachen und Leichtigkeit. Und: ich brauche Hilfe.

„Martha, ich weiß, du meinst es gut mit mir. Aber ich KANN NICHT spazieren gehen, denn wenn ich es könnte, würde ich es machen.“. Äußerst mühsam kommen mir in gefasster Haltung diese Worte über meine Lippen - mir immer vor Augen haltend, dass sie nicht weiß, wovon sie spricht. „Na, jeden Tag ein paar Schritte mehr, dann wird das wieder!“. Mensch, Martha, es reicht! Ich habe keinen Beinbruch gehabt und brauche jetzt Training, um die Muskeln wieder aufzubauen. Wenn es so einfach wäre - juhu! Ist es aber nicht. Und wie soll ich dir, liebe Martha erklären, dass es schlichtweg nicht geht? Gar nicht!

Bald verabschiedet sie sich erfolglos vom Gartenzaun. All ihre gutgemeinten Ratschläge habe ich zum wiederholten Male nicht angenommen. Dass ich es nicht kann, selbst, wenn ich es möchte - das wird sie wohl nie verstehen, denn genau dieselben Fragen wegen des Rasenmähens und Spazierengehens hat sie mir in den letzten sieben Jahren, in denen ich nun hier alleine wohne, mindestens schon fünfzig Mal gestellt, wenn wir gelegentlich an meiner „Grundstücksgrenze“ einen „Zaunplausch“ hielten.

Wieder bin ich allein. Und doch bin ich es auch in Gesellschaft, denn keiner versteht mich und hat eine Nähe zu mir, die sich gut anfühlen würde. Ob sich das noch einmal ändert?? Ich bin jetzt gerade mal zarte 41 Lenze jung... Ich finde, die Chancen stehen fair - FÜR MICH!

Erschöpft von diesem Gespräch gehe langsam ich in mein Häuschen, das mir seit Jahren Schutz und Zuflucht vor der Ignoranz der Menschen gewährt und mein Zuhause geworden ist. In der Nachkriegszeit erbaut, ist es ohne jeden Luxus: keine Zentralheizung, keine Tapeten an der Wand, aber: ich liebe es! Und was das Beste ist: ich habe einen kleinen Garten! Wer mit einer kleinen Rente, wie ich sie habe, kann sich schon ein Häuschen mit Garten leisten? Dafür habe ich im Haus eine Rarität, mit der ich mein kleines Domizil warm bekommen muss: einen einzigen, kleinen Holz-Kohle-Ofen. Den Luxus einer Zentralheizung - den gibt es hier nicht. Im Bad wacht im Winter ein Frostwächter über die Temperaturen, sodass mir das Wasser in den Leitungen nicht einfriert. Aber duschen kann man dort bei kalten Temperaturen eher nicht. Da muss man schon sehr mutig oder abgehärtet sein. Im Winter hole ich mir immer Wasser in einer Schüssel ins Wohnzimmer auf einen kleinen Tisch direkt vor den Ofen und wasche mich. Alle paar Tage bin ich mutig und wasche in Windeseile meine Haare über der Wanne, indem ich mich darüber beuge und das heiße Wasser aus dem kleinen, weißen Plastikduschkopf über meinen hurtig eingeschäumten Haarschopf fließen lasse. Irgendwie habe ich - wenn ich über das Leben der letzten sieben Jahre in meinem Häuschen so nachdenke - plötzlich und im Moment das Gefühl, dass ich keinen weiteren Winter in diesem, meinem Häuschen erleben werde... Unwahrscheinlich, dass das stimmt.

Aber Eines kann ich nicht vom Tisch fegen: immer zum neuen Jahr bekomme ich eine „Vorhersage von OBEN“. Zumindest nenne ich das so... Meine medialen Fähigkeiten, die ich von Kindesbeinen an habe, schenken mir gelegentlich Einsicht in bestimmte Bereiche, die man sonst vielleicht so nicht wahrnehmen würde. Für dieses Jahr lautet die Prophezeiung:

„Dreimal TOD in diesem Jahr:

im Januar, im Mai und im September.

Du gehst von Trauer zu Trauer,

von Abschied zu Abschied.

Wenn du das hinbekommst, gehst du gestärkt,

GERADE und ZIELSTREBIG in ein neues Leben hinein.

Es liegt bei dir!“.

Klingt nicht besonders erbaulich, finde ich. Und doch weiß ich nach all den Jahren meines Lebens eines ganz genau: wenn nichts stirbt, kann nichts Neues geboren werden. Erst muss gestorben und verabschiedet werden, bevor sich Neues entfalten und sich ins eigene Leben hineinbewegen kann. Manchmal ist der Übergang fließend, aber man muss loslassen, um zu gewinnen.

Wer oder was kann bzw. sollte denn in meinem Leben sterben?

Meine Großeltern sind alt. Sie haben mich großgezogen, haben mich aufgenommen, denn meine Mutter wollte mich nicht. So empfand ich es als Kind, so empfinde ich ihr Verhalten heute noch. Meinen Vater kenne ich kaum. Er hat kein Interesse, mit mir Kontakt zu halten, ruft gerade mal jedes Jahr ein einziges Mal an, um mir zu meinem Geburtstag zu gratulieren und um mir zu sagen, ich solle die Ohren steifhalten. Ja, mache ich, aber nicht, weil er es sagt. Ich mache es mir selbst zuliebe.

Meine Gedanken wandern zurück...

Damals - mit zarten neunzehn Lenzen, als ich jung war, ganz jung - kam ich gerade vom Studium, machte mich mit dem Leben „da draußen“ und mit meinem neuen Job vertraut. Ich liebte meine Arbeit, ich liebte meine Großeltern, die mir immer alles versuchten zu ermöglichen, wenn ich etwas WIRKLICH wollte. Meine Ernsthaftigkeit und mein volles Interesse an einer Sache vorausgesetzt, bereiteten sie mir einen Weg, der mich weiterbrachte. Ich lernte reiten und Gitarre spielen, machte Turniertanz. Ich lernte Sprachen, weil ich es spannend fand und immer noch finde, wenn man sich mit Menschen anderer Nationen unterhalten und verständigen kann, sie besser verstehen lernt, wenn man denn ihre Sprache spricht.

Und nun der „Sprung ins Heute“: meinen Job kann ich nicht mehr ausüben. Seit knapp 18 Jahren bin ich krank, wurde aus meinem damaligen Leben herausgerissen, das ich liebte und zur Gänze lebte. Ich schlief wenig, aber ausreichend, war aktiv, jung und blühend, machte Kampf- und Kraftsport. Meinen Job liebte ich, genau, wie die tagelangen Wanderungen durch tiefe Wälder, in denen ich mich ganz bei mir selbst wähnte. Ich schlief auf einer Iso-Matte in meinem Schlafsack. Ich fühlte mich zu dem Gefühl des Abenteuers hingezogen, denn alles, was absehbar war, empfand ich als Gräuel. Meine Abenteuerlust hat sich noch immer nicht gelegt; sie ist noch da, nur ruhiger, milder, weil ich eingeschränkt bin. Der Rollstuhl, der mich die ersten Jahre meiner Krankheit, als ich stärkste Schmerzen hatte, durch die Welt fuhr, wurde Geschichte. Ich erlernte das Wissen, das ein Heilpraktiker braucht, um seinen Beruf zu ergreifen, und ich eignete es mir selbst an - parallel mit meinen Freundinnen, die zur Heilpraktiker-Schule gingen und mir die Aktenordner nach Hause brachten. Ich lernte, um meinen Hintern und mein Leben zu retten. Sah mich jemand, gab er mir keine Chance mehr - weder, dass ich die nächsten Jahre überleben würde, noch, dass ich jemals den Rollstuhl verlassen könnte. Ich wusste es besser - tief in mir. Und dass es nicht leicht war, das zu bewerkstelligen, das kann man sich - glaube ich - denken. Ich habe aber nicht vor, über meine Krankheitszeit zu schreiben, denn sie war eine Zeit der absoluten Düsternis, der Einsamkeit, der Abgeschiedenheit. Sie war mein Rückzug aus dem Leben, sie war meine Fahrkarte in die Weisheit. Ich lernte, ich studierte. Ich eignete mir schamanische Techniken an, brachte mir selbst jede Menge bei, indem ich nicht lockerließ. Ich kämpfte - mit dem Ziel, irgendwann wieder am Leben teilhaben zu können. Drei Rückschläge kosteten mich fast mein Leben. Ich atmete, ich litt. Ich kämpfte. Ich wurde lebenslang berentet - nicht ohne Grund lebenslang. Doch ich hatte und habe eine Vision: GESUNDHEIT!

In diesem Jahr sollte ich also dreimal Abschied nehmen?

Von wem? Von was?

Tatsache ist: ich habe mich im letzten halben Jahr durch meinen gesamten Besitz gearbeitet. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los: das brauche ich bald alles nicht mehr. Ich räumte und räumte in meinem Häuschen, verkaufte, verschenkte und warf weg, was ich nicht mehr brauchte. Ich fühlte mich leer und ohne Ziel. Ich hatte Angst, furchtbare Angst. Ich wollte gar nichts mehr und doch alles.

Zwei für mich schwere Abschiede habe ich jetzt - Ende Juni 2014 - tatsächlich schon hinter mir:

Der Januar hat mir fast alle meine Freunde genommen. Wie „von Zauberhand“ verschwanden sie aus meinem Leben: sie zogen weg und verabschiedeten sich von mir oder ich mich von ihnen. Was zurückblieb, waren zwei Freunde und trotz allem eine unsägliche Leere, die ich nicht und auch sonst niemand füllen konnte.

Der Mai nahm mir Leopold. Unsere gegenseitige Vertrautheit wurde jäh unterbrochen. Nicht, dass ich mich auf ihn eingelassen hätte, denn ich wusste ja: er ist verheiratet. Und doch zog es mich mit aller Macht und erotischer Anziehung zu ihm hin, und auch ich hatte das Gefühl, dass es ihm ganz ähnlich ging. Doch er wollte Beides: er wollte mich und seine Frau. „Ich habe nicht noch einmal den Mut und die Kraft, neu anzufangen in meinem Alter.“ sagte er zu mir. Da war es klar. Ich fahre nicht zweigleisig. Ich habe einen Wert, und wer den nicht erkennt, muss gehen. Ich bin keine Mätresse, keine Geliebte auf Zeit und Abruf. Ich vermisse meine Freunde, ich vermisse Leopold. Wieso ist er nicht gekommen und hat mich in den Arm genommen und mir gesagt, dass er mutig sein will? Ich trauere...

Was wird der September für mich bereithalten? Wer oder was wird da noch von mir gehen? Ich ahne es...

Schon seit Monaten - genaugenommen seit ca. 30 (!) Monaten - suche ich eine Möglichkeit, zu meinem Großvater zu kommen. Er lebt in Sachsen, ich aber lebe in Hessen - für mich in meinem Gesundheitszustand eine unüberwindbare Strecke.

Ihm geht es nicht gut. Monat für Monat plagt und quält er sich durch jeden einzelnen Tag. Begonnen hatte alles vor vielen Jahren mit einem Oberschenkelhalsbruch, als Opa das Gleichgewicht auf seinem Teppich daheim im Wohnzimmer verlor und in die Vitrine stürzte. Die Vitrine blieb erstaunlicherweise heil, der Knochen nicht. Die Operation scheiterte, jedes Jahr folgten weitere Operationen, bis es nichts mehr zu operieren gab und Opa sich zu allem Übel auch noch einen bösen Krankenhauskeim einfing. Seitdem eitert die Wunde; Opi ist pflegebedürftig. Meine Oma macht, was sie kann. Sie hilft und pflegt. Opa kann nicht mehr; ihm fehlt die Kraft zum Leben und für weitere Jahre - ich spüre es. Ich liebe meinen Großvater so sehr, wie ich es nicht beschreiben kann. Ich habe große Angst, ihn irgendwann tatsächlich „hergeben“ zu müssen.

Ist unser Abschied der nächste?? Ich will nicht daran denken, muss mich ablenken...

Die Sonne scheint, es ist herrliches Wetter! Im Garten habe ich ja mein Tarp aufgespannt. Eine einzelne Zeltplane kann man so verschiedenartig aufstellen, dass man immer wieder andere Übernachtungs- und Schutzmöglichkeiten darunter erhält. Ich tüftele gerne an solchen „Bauten“. Mein Weg nach Sachsen wäre auf jeden Fall auch der auf einen Campingplatz, denn selbst ein kleines Pensionszimmer kann ich mir nicht leisten. Ich habe unter das Tarp mein Feldbett gestellt, darauf meine weiche Auflage aus Schaumstoff, die sonst das Sitzen auf meiner blauen Gartenliege sehr bequem macht. Wenn ich auf meinem Feldbett liege, träume ich vor mich hin. Mein Garten ist nicht groß, aber er ermöglicht mir, Raum unter freiem Himmel zu genießen. Die Nachbarn schauen immer etwas verquer, wenn ich so herumliege und in den Himmel schaue.

Träumen ist anscheinend öffentlich nicht erlaubt. Ich überlege, wie ich es schaffen könnte, zu meinem Opa zu kommen. Meine Freunde und Bekannten habe ich schon gefragt, ob sie mich fahren könnten und würden. Aber leider: sie machen es nicht. Ungefähr 500 km wären zurückzulegen, aber keiner traut sich, mich in meinem Zustand eine so weite Strecke zu fahren. Ist es Ignoranz? Ist es Faulheit? Oder ist es Angst? Ich will meinen Freunden Letzteres zugestehen, weil ich ihnen die beiden ersten Versionen übelnehmen würde.

Ich liebe meinen Opa über alles. Er ist der letzte Mensch aus meiner Familie, dem ich mich nah fühle. Was, wenn er es tatsächlich ist, der mir im September genommen wird? Oder ist es mein Hündchen? Mein kleiner Flux ist seit ein paar Jahren an meiner Seite, und er ist nicht mehr so ganz jung. Ich habe ihn übernommen, als er bereits 6 Jahre alt war.

Ach, all das Grübeln hat doch keinen festen Boden. Es führt mich in fortwährend-kreisende Gedankenspiralen, aus denen ich mich nur schwer wieder auf den Boden der Tatsachen bewegen kann. Aber vielleicht will ich das ja auch gar nicht? Denn die Tatsachen sind dermaßen ernüchternd, dass ich ihnen gut und gerne entfliehen möchte.

Jede Woche ist der Gang zur TAFEL eine dieser ernüchternden Tatsachen. Wer, bitte, will schon Essen zugeteilt bekommen? Die Frauen, die in der Ausgabestelle ehrenamtlich arbeiten, sind nett und geben sich Mühe; alle dort sind freundlich. Aber als ich das erste Mal dorthin musste, sah ich es nicht als Geschenk und Hilfe; ich betrachtete es als entwürdigend und als Zeichen bitterster Armut! Ich stand da, nahm mein Essen entgegen und konnte doch die Hälfte davon zu Hause im Müll entsorgen: Manches war schlecht, Manches vertrug ich nicht, weil meine Nahrungsmittelunverträglichkeiten „die Ausbeute“ nochmals drastisch reduzierten. Mit der Zeit bekamen die Frauen von der Ausgabestelle mein Problem mit und versuchten, mir DAS Essen zu geben, was ich vertrug. Eine große Hilfe! Und doch: das Gefühl des Ausgestoßenseins aus der Gesellschaft nagt an dir. Du hast kein Geld, um dir DAS Essen zu kaufen, das du gerne essen möchtest. Du musst kochen, was die Gaben der TAFEL hergeben. Ich würdige die Arbeit der Menschen, die für die TAFEL arbeiten, weil sie helfen wollen. Aber ich kenne die Gedanken und Gefühle der meisten Menschen, die draußen stehen und auf ihr Essen warten: Dankbarkeit kommt nach dem Gefühl der Entwürdigung als Mensch.

Ich schiebe alle negativen Gedanken beiseite und wähle vom Festnetz-Telefon aus die Nummer meines Großvaters. „Ja?“. Wie schön es ist, seine Stimme zu hören. Jedes Mal, wenn ich anrufe, habe ich Angst, dass er nicht mehr da sein könnte.

„Hey, wie geht es dir? Wie geht es Omi?“. Ich will es wissen; ich frage nicht nur so. „Ach, naja, wie immer...“. Ja, ich weiß: alles ist wie immer. Das ist nicht mein Ding! Ich mag Bewegung, ich mag Leben. Wenn man immer die gleichen Dinge macht, kann man sich nicht weiterentwickeln. So lautet meine Devise. Na, Opa kann ja nichts mehr machen. Er ist hiermit aus meinem gedanklichen Urteilsfluss ausgeschlossen.

Ich berichte von Flux und unseren kleinen, manchmal lustigen Alltagsbegebenheiten. Dafür ist mein Hündchen immer gut. Es gibt öfter drollige Situationen, von denen ich erzählen kann. Wenn Opi von Flux hört, blüht er jedes Mal regelrecht auf am Telefon! Er kennt meinen kleinen weißen Wuschelhund noch gar nicht, aber er hat Fotos gesehen und liebt ihn aus der Ferne wohl fast so sehr wie ich ihn hier in echt und ganz nah.

Meistens erzähle ich nur Dinge, die Opa nicht belasten. Mit meinen Sorgen und Nöten - meistens kräftemäßiger und finanzieller Art - stehe ich allein, denn ich kann ihm das nicht mehr zumuten. Schon vor einem guten Jahr habe ich aufgehört, meinen Großeltern davon zu berichten. Wenn ich nichts von mir hören lasse, wissen sie, dass es mir nicht gut geht. Ansonsten rufe ich jeden Tag an, wirklich jeden Tag. Wer weiß, wie lange sie noch an meiner Seite und auf dieser Erde sind. Ich bin dankbar für jedes Gespräch und jedes liebe Wort!

Opa sehnt sich sehr nach mir. Ich kann es spüren. Er hat kaum noch Kraft, hält nur noch durch, um mich ein letztes Mal sehen zu können. „Opa, ich suche eine Möglichkeit, um zu dir zu kommen!“ sage ich leise, denn ich will ihm Mut machen, ihm Kraft schenken. Er freut sich, aber er weiß auch, dass die Chancen denkbar schlecht stehen. Dass ich nachts oft nicht schlafen kann, dass ich stundenlang nachdenke über mögliche Reisegelegenheiten - das weiß er nicht. Aber ich denke, er kann es ahnen. Oma sagt in kräftigem Tonfall von hinten im Raum: „Ach, lass das! Bleib, wo du bist! Spar dein Geld!“. Das ist ihre burschikose, sachliche Art, und da geht es wieder mal nur ums Geld. Ja, ich habe zu wenig von diesem Mittel, das mir mein Leben lebenswerter und angenehmer machen könnte. Geld würde mir Möglichkeiten eröffnen, von denen ich derzeit nur träumen kann. Da sind wir also schon wieder: beim TRÄUMEN!

Ich stelle mir vor, dass ich genügend Geld habe, um mit einem Chauffeur und einem Wagen nach Sachsen zu fahren. Ich stelle mir vor, dass ich heute einfach so eine Entscheidung treffen und DAS tun kann, was mir wichtig ist. Leider sieht die Realität anders aus: ich kann nicht tun, was ich will, weil ich keine Möglichkeit sehe. Und doch will ich daran glauben.

Läuft mir die Zeit weg? Wie lange wird mein Opa noch durchhalten? „Na, sag mir lieber nicht mehr, dass du kommen willst. Mach es einfach, wenn du kannst...“ sagt mein Opa leise, als meine Oma offensichtlich das Wohnzimmer kurz verlassen hat, denn ich habe als Hintergrundgeräusch das Läuten der Haustürklingel vernommen. Wie traurig mein Opi klingt! Mir kommen die Tränen, und da steigt eine Wut in mir hoch über diese furchtbare Hilflosigkeit, diese für mich so schreckliche Abhängigkeit von anderen Menschen. Ich bitte, ich bitte darum, dass mich jemand mit zum Einkaufen nimmt. Ich bitte, ich bitte darum, dass mich jemand zum Arzt und zur Behandlung fährt oder mitnimmt. Ich bitte, ich bitte darum, dass jemand für mich einkauft, wenn ich es nicht kann. Aber bitten heißt nicht, dass es auch erhört wird. Die Menschen helfen eine Zeit lang; dann wird es ihnen zu viel. Sie fragen sich: wieso fährt sie nicht selbst mit dem Bus einkaufen? Stattdessen sitzt sie faul in ihrem Garten und sonnt sich, während ich für sie einkaufen soll?

„Opa, ich hab dich lieb!“ hauche ich ins Telefon. „Ich auch!“ sagt er. „Du hast dich auch lieb?“ necke ich ihn. Er sagt nie: „Ich dich auch!“. Er sagt immer: „Ich auch!“ - seit Jahren! Und doch spüre ich in seinen Worten, wie sehr er mich liebt...

„Tschüss und winke, winke...“ sage ich meinen ersten Teil vom alltäglichen Abschiedsgruß, der allein UNSER Gruß ist, und Opa`s Part lässt nicht lange auf sich warten: „...Ihr Heinz, der Quermann!“. Stammen Sie aus Ostdeutschland? Dann brauche ich Ihnen den Spruch vermutlich nicht zu erklären. Für alle anderen: Heinz Quermann, ein ostdeutscher Schauspieler und Entertainer, hat sich mit genau diesen Worten immer in seiner Show im Fernsehen von seinem Publikum und seinen Zuschauern verabschiedet. Wie wir beide darauf vor Jahren gekommen sind, dass wir diesen Spruch benutzen... - keine Ahnung. Ich weiß es wirklich nicht mehr. Aber mein mittlerweile auch leicht demenzkranker Opi freut sich über diesen stabilen Abschiedsgruß, noch dazu, wo er Heinz Quermann immer gerne im Fernsehen sah. Gute Erinnerungen, gute Verknüpfungen - und deshalb auch immer ein Lächeln am Hörer zum Abschied: das schenkt Kraft!

Ich stelle das Telefon beiseite, lege mich auf mein Bett, auf dem ich drinnen im Häuschen während unseres Telefonats gesessen habe, schaue an die nicht-tapezierte Wand mit den uralten, braunen Rollwalz-Mustern und lasse meinen Tränen freien Lauf. „Ich brauche deine Hilfe! Ich muss und will zu meinem Großvater!“ bete ich und schaue an die Decke, meine aber das Universum, dem ich meine Bitte eindringlichst klarlege. Aus traurigen Augen schaue ich Momente später auf den großen Haufen von Dingen, die ich heute aussortiert habe, die ich - so fühle ich es - nicht mehr brauchen werde. Ich gehe einem neuen Leben entgegen, kann es weder greifen noch begreifen, kann es nur ganz tief in meinem Bauch fühlen, dass sich mein Leben wandeln muss. Es gibt keinen Weg zurück. Meine Freunde sind weg, Leopold ist unerreichbar. Gehhilfe? Ich hänge an dem Ort, an den Wiesen und Wäldern, an dem Flüsschen im Tal. Ich hänge an den Menschen, an den Tieren, die ich liebe. Fluxi ginge mit. Aber alles Andere müsste ich zurücklassen. Müsste? Nein, muss ich zurücklassen. So wird es kommen. Ich weine mich in einen hilflosen Schlaf und lasse für kurze Zeit meine Sorgen und Begrenzungen los. Träumen darf ich - ohne Grenzen! Und ich werde erst am nächsten Morgen merken, dass ich doch nicht unter meinem Tarp im Garten geschlafen habe - noch nicht...!

27. Juni 2014

Meditative Neumond-Woche

Erkenntnisse

Montag, 23. Juni

Jeder muss DAS tun, was er gut kann!

Dienstag, 24. Juni

Wie komme ich zu meinem Opa???

Mittwoch, 25. Juni

Ich brauche ein Zelt. So kann ich in der Nähe von meinem Opa zelten. Eine Pension kann ich mir nicht leisten, und darinnen atmen kann ich meistens auch nicht; Stichwort: allergisches Asthma.

Donnerstag, 25. Juni

Meditation: ATMEN ist die Lösung! Einatmen - begrüßen.

Ausatmen – loslassen. Liegen. Schmerzen. Was kann ich tun?

Wieso geht es mir so schlecht?

Freitag, 27. Juni: NEUMOND!

Ich fühle: Mein Leben wird neu!

Samstag...

...ergreife ich nach all meinen Erkenntnissen die Initiative. Ich überwinde mich und rufe meinen Ex-Freund an. Ich brauche Geld, sonst kann ich mir kein Zelt kaufen. Mein Budget ist so gering in jedem Monat, dass ich davon nicht leben kann - und das seit Jahren! Ich habe nur eine kleine Rente, und mein Traum / mein Ziel ist, dass ich irgendwann ganz viel Geld verdiene mit meinen Büchern, und dann kann ich meine Rente abgeben und endlich wieder menschenwürdig leben. Doch heute ist dieser Tag nicht, heute muss ich bitten. Und weil ich unbedingt zu meinem Opa will, weil mich die Liebe zu ihm so sehr vorantreibt, ist es mir egal, dass ich mich erniedrigen muss, und so tue ich, was ich eben tun muss und will.

„Hey Pat, Larissa hier!“. Pat, dessen richtiger Name eigentlich Patrick lautet, ist ein selbständiger Unternehmer. Er hat eine Werkstatt, arbeitet hart für sein Geld und weiß seinen Wohlstand zu schätzen. Bescheiden ist er, menschenfreundlich nicht immer. Seine Tiere liebt er über alles; selbst ich - so schien mir - hatte ihren Stand nicht. Traurig, aber so empfand ich es. Da er mich verlassen hat vor einigen Monaten, mag ich eigentlich nicht bei ihm anrufen, denn ich liebte ihn sehr. Aber er ist der Einzige, den ich um so viel Geld bitten kann. Lange habe ich recherchiert, lange habe ich nach einem Zelt gesucht, das bestimmte Voraussetzungen erfüllt: ich muss darinnen stehen und laufen können, ich muss durch den Eingang aufrecht hineingehen können, weil mein Rücken sonst weh tut und meine Wirbel blockieren könnten. Ich brauche ein Zelt, in dem ich atmen kann und keinen Asthma-Anfall bekomme. Und solch ein Zelt habe ich nun vermutlich gefunden: es ist ein Reise-Tipi aus Bio-Baumwolle, und meine Wahl ist gut; ich weiß es einfach - tief in mir!

„Hallo Larissa! Was gibt`s?“. Pat ist immer kurz angebunden. Nur am Anfang unserer Begegnung war er redselig. Stundenlang haben wir telefoniert. Nun ist das Geschichte. „Ich habe eine Bitte!“. Mein Herz rutscht mir fast in die Hosen, aber da muss ich jetzt durch. „Ich möchte mir ein Zelt kaufen, damit ich meinen Opa besuchen kann, und möchte Dich bitten, ob Du mir ein paar hundert Euro leihen würdest!“. So nun ist es raus! Wenn er jetzt NEIN sagt, ist alles vorbei. Dann wäre es amtlich: ich könnte von meinem Opa keinen Abschied nehmen. Doch ich denke, ich höre nicht richtig: „Ja, geht klar! Schick mir nochmal per SMS deine Kontoverbindung!“. Juchhu! Mein Herz hüpft vor Freude! „Danke!“ sage ich zum ersten Mal wieder mit weicher Stimme ins Telefon!. „Du bekommst das Geld zurück. Versprochen!“. „Das weiß ich!“. Obwohl wir kein Paar mehr sind: Pat würde ich immer vertrauen, und er vertraut mir wohl auch. Das ist schön! Lange habe ich ihn vermisst, ihn, den fast glatzköpfigen, drahtigen, muskulösen und doch schlanken, willensstarken Mann aus der Rhön, der mir eine Zeit voller Intensität und Zuneigung schenkte, und ich wage zu behaupten: vor der Begegnung und besonderen Intimität mit ihm wusste ich nicht, was sexuelle Erfüllung bedeutet; mit Pat habe ich es erfahren dürfen. Im Nachhinein betrachtet, war das das schönste Geschenk, das er mir machen konnte. Unsere Zweisamkeit war voller Leidenschaft, voller Feuer und Glut! Das macht schnell abhängig! Ich sehnte mich nach ihm, wenn ich nicht neben ihm lag. Seine Hände kannten meinen Körper, wie niemand ihn bisher kannte. Er wusste, was ich liebte, er wusste, wie er mir Lust machen konnte, sie ausreizte, bis ich vor Erregung fast wahnsinnig wurde. Unsere Begegnungen waren freundschaftlich, leicht und geerdet zugleich und voller schöner Momente - einvernehmlich und mit einem Funken des Ungewöhnlichen, das man braucht, um die Neugierde aneinander nie versiegen zu lassen! Und doch versiegte sie. Irgendwann fand er, nichts könne er mir noch recht machen. Ich wäre fordernd. War ich das? Bin ich das? Nein, ich bin krank und muss bestimmte Dinge einfach so haben, wie ich sie brauche. Da kann ich keine Abstriche machen. Irgendwann wird das jedem Mann zu viel. Nach seiner Trennung von mir hatte ich beschlossen: ich möchte nie wieder einen Freund, maximal einen Liebhaber. Keine emotionale Bindung mehr! Mein Herz ist zerbrochen, als Pat ging. Ich habe schon so viel mit meinem Leben zu tun; ich darf es nicht noch schwerer machen, als es ohnehin schon ist. Tief in mir wusste ich genau, dass das keine gute Idee war: das mit dem „ich möchte keinen Freund mehr haben“. Aber in diesem Moment war es mein einziger Schutz, um weitergehen zu können.

Das Geld ist - wie versprochen - nach wenigen Tagen auf meinem Konto. Ich bestelle mein Tipi, und eine Freundin kommt einige Tage später in meinen Garten, um es mit mir gemeinsam aufzustellen. So ganz einfach, wie es jetzt klingt, ist es aber nicht... Das Tipi ist groß und schwer - das Material ist reine Baumwolle. Wo ist der Eingang? Reißverschluss finden! Ohne Boden das Zelt aufstellen - eine echte Herausforderung, denn ohne den passenden Zeltboden, der mich weitere - wie ich fand: unnütze - mehrere hundert Euro gekostet hätte, hat man keine Orientierung, ob man das Zelt auch wirklich „rund bekommt“. Steht es windschief, dann hält es nicht, verzieht sich, und man bekommt den Reißverschluss am Eingang nicht mehr zu. Ich habe eine Idee. Während Claudi noch probiert und den Zeltstoff hin- und herschiebt, hole ich eine Schnur und messe sie ab.

Welchen Durchmesser hat mein Tipi nochmal?? Ich messe den Radius am Strick ab, schneide ihn auf die entsprechende Länge und dann befestige ich ihn mittig an der Zeltstange. Und von diesem festen Punkt aus stellen wir nun auf, was mein Zuhause für ein paar Tage sein soll, aber definitiv meine schützende Unterkunft für etliche Wochen wird - wovon ich jetzt ja noch nichts ahne. Hätte mir das jemand vorher gesagt, was ich mich traue, was ich wage: ich hätte ihm oder ihr kein Wort geglaubt!

Nun steht das große, ungewöhnliche Zelt. „Claudi, du bist einsame Spitze!“. Ich nehme meine Bekannte in den Arm, und ich freue mich riesig, dass sie mir das ermöglicht hat: mein Tipi im Garten ausprobieren zu können, damit ich weiß, was auf mich zukommt, wenn ich nach Sachsen aufbreche. Und damit ich mich nicht ganz so verloren fühle, wenn sie wieder weg ist, weil ich dann nichts mehr heben und räumen kann so allein, bitte ich sie noch: „Würdest du mir bitte noch mein Feldbett und meine Schlafsachen in mein Tipi tragen? Ich muss und will probe-übernachten!“. „Na, klar, kein Ding!“. Claudi ist praktisch, und mit ihrer Werkstatt, die sie betreibt, ähnelt sie eigentlich Pat. Von Anfang an habe ich gedacht: die beiden wären das ideale Paar. Werkeln - jeder in seiner Werkstatt, Hundis ausführen, wenig reden, denn beide sind eher schweigsam und in sich gekehrt. Aber wäre das nicht auch binnen kürzester Zeit langweilig? Alles so ähnlich? Wenn ich den Anderen anschaue, weiß ich, wie ich selbst ticke? Nee, das würde mir - glaube ich - nicht gefallen...

Nun ja, Claudi hatte letztens Pat noch kennengelernt, und ihre Begeisterung für ihn war in ihren Augen nicht zu übersehen. Ich bin ja eigentlich kein eifersüchtiger Typ, aber da habe ich das Gefühl zum ersten Mal zu spüren bekommen - tief in meiner Magengrube. Ich wollte, dass sie geht, dass sie ihm nicht mehr diese Blicke zuwirft, wie sie es tat. Nun ist alles anders: er ist nicht mehr da, und meine Eifersucht hat sich mit seinem Gehen in Luft aufgelöst.

Ich freue mich, dass Claudi und ich uns wieder angenähert haben. Gesagt habe ich es ihr nie, wie ich empfand. Ob sie das mitbekommen hat? Bestimmt. Ich nehme sie nochmal in den Arm, sie, die einen ganzen Kopf kleiner ist als ich, spüre ihr langes, hochgestecktes Haar an meiner Wange und freue mich, ihre Tatkraft geschenkt bekommen zu haben. Sie ist unkompliziert, hilfsbereit, und wenn ich nicht wüsste, dass mein Weg mich bald wegführen wird aus diesem kleinen Ort, dann wäre sie eine wunderbare Freundin.

„Larissa...?“. „Ja.“. „Ich muss dir was sagen...“. Ich lausche gespannt. Etwas langatmig hat sie diese Worte ausgesprochen, und nun bin ich ehrlich neugierig darauf, was jetzt kommt. Aber - wie ich erleichtert feststellen muss - , hat es nichts mit Pat zu tun. Er ist also immer noch nicht aus meinem Herzen verschwunden...

„Sie reden nicht gut über dich!“. Ich blicke sie erstaunt an. „Wer redet nicht gut über mich?“. Ihr Blick will ausweichen, aber nun hat sie einmal angefangen, mir zu berichten, was wichtig zu sein scheint, und so fährt sie fort: „Alle, sie alle reden nicht gut über dich! Ich möchte, dass du das weißt!“. Geahnt hatte ich es schon länger. Ich bekomme keine Hilfe mehr, muss ständig Leute bitten, aber sie lehnen ihren Beistand regelrecht ab. Ich fühle mich schon seit mehreren Monaten in diesem Dorf völlig verloren. Mein Ex-Ex-Freund, Christian, hat es schon vor Jahren gesagt: „Du gehörst hier nicht her!“. Ja, seine Worte waren wahr; ich wusste es damals schon, als er es mir deutlich machte, und ich sehe das auch jetzt so. Doch: alleine und ohne Hilfe komme ich nirgendwo hin. Und mit dem bisschen Geld, was ich an Rente bekomme, kann ich keine großen Sprünge machen bzw. eigentlich fast gar nichts tun, was leben heißt. Ich kann atmen und schlafen, denn das ist umsonst, kostenlos. Mein Essen hole ich von der TAFEL, weil ich mir nicht leisten kann, es zu kaufen. Ich kann nicht mit dem Bus fahren, weil ich kein Geld für die Fahrkarte habe. Ich sehe fern, surfe im Internet. Das sind Dinge, die man allein tut. Sie sind mehr oder weniger auch gratis, aber wenn man ausgehen und mit Menschen zusammen sein will, wenn man Kultur erleben und mal was Anderes sehen will - dafür braucht man Geld. Arm sein... - ich habe mich nie arm gefühlt, und ich tue es auch jetzt nicht. Ich habe ein reich-gefülltes Herz, das sich verströmt zur rechten Zeit an die Menschen, die es wert sind. Fast alle Menschen sind es wert, dass man sich ihnen öffnet, dass man ihnen vertraut. Nur Manche muss man meiden. Sie säen Hass und Bosheit, ernten Sturm und säen erneut Hass und Bosheit. Manche Menschen machen das unter dem Banner der Freundlichkeit. Da ist Obacht geboten. Und anscheinend hat diese Seuche auch unser Dorf heimgesucht, das Dorf, in dem ich seit vielen Jahren lebe und mich zuhause fühle. Nix zu machen. Es ist nicht mein Zuhause! Christian hatte Recht!

„Was reden sie denn über mich?“. Ich will es wissen. Sie muss schon ein paar mehr Infos haben, sonst würde sie mit der Sprache gar nicht rausrücken. Wieder schaut sie mich unsicher an, möchte sich am liebsten davonstehlen, aber sie hat ein Rückgrat und ein Herz, diese Frau, die hier vor mir steht. Glücklicherweise gibt es solche Menschen! „Sie erzählen, dass du eine reiche Familie hast, dich von ihr aushalten lässt, faul herumsitzt, und...“ - sie traut sich kaum, es zu sagen. „Jaaa??? ...was und??“. „...und dass man sich mit dir nicht einlassen darf, weil du Einen dann nicht wieder loslässt und ständig irgendwas willst!“. Das sitzt. Das haut mir die Beine weg und sticht mir tief ins Herz. Ich bin krank! Ich könnte heulen und schreien, ich könnte anbrüllen gegen die Dummheit der Menschen, die glauben, was sie sehen und nicht hinterfragen. Ich sehe gut aus. Die Zeiten im Rollstuhl, die Zeiten der Pflege - sie sind vorbei. Dem Himmel sei Dank dafür! Hier haben sie mich nicht im Rollstuhl kennengelernt. Als wir - mein damaliger Lebensgefährte und ich - hierherzogen, konnte ich wieder ein bisschen laufen. Ich bin stolz. Ich sitze nicht im Rollstuhl, wenn ich es vermeiden kann. Und so dachten und denken sie alle, dass ich mir einen Lenz mache... Ich sitze herum, und ich brauche keine Hilfe, aber ich will sie, will mich wie ein Blutsauger an die heften, die blöd genug sind, mir Gutes zu tun. So sehen sie mich? Mir treibt es Tränen in die Augen. Meine Hilflosigkeit wird gerade mehrfach potenziert - mit der bitteren Erkenntnis, dass ich diesen Ort, dieses wunderschöne Tal und meine noch übriggebliebenen Freunde hier loslassen muss. Ich MUSS es einfach tun. Hier ist mein Weg zu Ende, und wenn ich es noch nicht begriffen hatte bis zum heutigen Tage, dann hat mir Claudi jetzt den größten Freundschaftsdienst erwiesen, den sie mir erweisen konnte.

Mein Tipi steht. Jetzt weiß ich, wofür ich meine Möbel verkauft habe. Ich muss gehen. Und wenn ich zelten gehe - nach Sachsen zu meinem Opa...: wer weiß! Vielleicht kehre ich gar nicht mehr zurück...

Ich umarme Claudi nun zum dritten Male und danke ihr. Ich danke ihr aus tiefstem Herzen für ihre Ehrlichkeit! Das erfordert Mumm, mir das so ins Gesicht zu sagen. Und auch, wenn sie so nicht über mich denkt, weil sie mich besser kennt und nicht auf den Kopf gefallen ist, so ist es doch nicht leicht, so etwas loszuwerden. Ich verneige mich in Gedanken vor ihr und ihrem Edelmut, denn nach meinem Empfinden hat sie wahre Größe bewiesen!

Nun ist das Ortsgespräch über mich sicher wieder neu entfacht! Mit meinem Tipi im Garten ist alles auf den Kopf gestellt; sie müssen sich wieder irgendwelche Lügengeschichten ausdenken, die spannend klingen. Um alles klarzustellen: ich habe keine arme Familie, und obwohl Reichtum relativ ist, sind meine Familienmitglieder ausnehmend auf ihr eigenes Wohl bedacht. Keiner hat mir auch nur einen Cent zu viel zugesteckt. Höchstens meine Großeltern und meine Paten haben mir mal geholfen, wenn es so eng war, dass ich gar nicht mehr wusste, wie ich Essen auf meinen Tisch bekommen sollte, wenn ich Medikamente kaufen musste, die ich dringend brauchte, die mir aber die Krankenkasse nicht bezahlt. Ich bin eine Rentnerin, die eine mickrige Rente erhält, die jeden Tag schauen muss, wie sie klar kommt. Tja, ich brauche Hilfe und frage Menschen. Und ich kann verstehen, wenn ihnen das zu viel wird. Aber ich kann es nicht anders machen!

Ab in die Welt! Ich habe Angst, ich habe schreckliche Angst, denn: was wird mir meine Entscheidung bringen? Werde ich mein Leben verlieren? Oder ist es der Weg in eine neue Zukunft?

Am Neumondtag habe ich gefühlt: mein Leben wird neu! Wenn es neu wird, dann müssen alte Dinge sterben. Ohne den Tod kein neues Leben. Ich muss das endlich begreifen, auch wenn ich festhalten will, bis man mir alles entreißt! Ich muss verstehen, dass ich wieder in den Fluss des Lebens zurück muss, denn ich bin versumpft in meiner Existenz, die mir keine Hoffnung und keine Optionen schenkt. Ich muss mich für das Leben entscheiden!

Der Tag klingt aus bei Kerzenlicht im Zelt, auf meinem Feldbett im Schlafsack - mein Hündchen, mein treuester Gefährte, liegt neben mir in einem Kinder-Fahrrad-Anhänger, in welchem er glücklich auf seinem Fell schläft: geschützt und sicher. Bin ich in Sicherheit? Bin ich beschützt? Gibt es überhaupt eine Sicherheit im Leben?

Die einzig „sichere Erkenntnis“, die ich meinen wirren Gedanken abringen kann, während ich müde und leicht blinzelnd in die Flamme des Teelichtes schaue und das Tipi in seiner ganz eigenen Form bewusst um mich herum wahrnehme; die einzig „sichere Erkenntnis“, die ich glaube, zu kennen und zu spüren, ist die, dass es den Tod gibt und nach jedem Abschied neues Leben. Und so soll es sein!

„Wenn du das nicht hast, dies:

Stirb und werde!

Bist du nur ein trüber Gast

auf der dunklen Erde.“

Johann Wolfgang von Goethe

11. Juli 2014

Marcel

„Ich muss alles Alte loslassen!“

Diese Erkenntnis ziehe ich aus Telefonaten mit Marcel. Wer Marcel ist? Ein ehemaliges Blind Date, mit dem ich mich auf dem Frankfurter Hauptbahnhof traf, weil er nur Bahn- und Busreisender ist und allerhöchstens noch - wenngleich meistens - das Rad benutzt, um von A nach B zu kommen. Marcel ist depressiv. Daraus macht er keinen Hehl. Er sagte es mir gleich zu Beginn unseres telefonischen Kennenlernens, und auch bei unserem damaligen Treffen erzählte er offen und ohne Probleme von seiner psychischen Einschränkung. Ich fand und finde das gut. Man kann sich zwar nicht in den Anderen hineinversetzen, man kann nicht fühlen, was er fühlt, aber man kann versuchen, zu verstehen, wie sich so etwas anfühlt, und genau das ist wichtig, um eine Basis schaffen zu können für ein Miteinander oder eben auch nicht.

Marcel und ich - wir verstanden uns gut. Aber das war`s dann auch. Reden und reden und reden in einem kleinen Café, das den Zuglärm und die Hintergrundgeräusche der Reisenden nicht ganz außen vor lässt, denn dafür geht einfach viel zu oft die Türe auf und zu, wenn Leute das lauschige Café betreten oder es verlassen.

Ja, das Treffen war spannend. Heute sind es unsere Telefonate.

Die sind uns geblieben, wenngleich das letzte auch schon ein paar Monate zurückliegt. Marcel ist blond, größer als ich, schlank, beweglich, eloquent und ein sagenhaft aufmerksamer Zuhörer. Ich habe anscheinend immer wieder das Glück, solche Männer kennenzulernen, und dass das nicht selbstverständlich ist, höre ich von Bekannten allemal öfter als mir lieb ist. Männer können also auch anders...

„Na, wie geht es dir? Was gibt es Neues?“ fragt Marcel und will es wirklich wissen. Er fragt nicht höflichkeitshalber nach, wenn ich schon mal anrufe, und in jedem Fall rufe ich ihn an, weil er das wegen seiner Depression seltenst hinbekommt. Seine „Komfortzone“ selbst zu Telefonaten zu verlassen, bedeutet für ihn schon allergrößte Anstrengung - so habe ich es mittlerweile mitbekommen und versuche, es zu verstehen. „Was es Neues gibt? Mmh... Die Nachbarn denken, ich bin eine faule Socke, ich mähe den Rasen nicht, weil ich keine Lust dazu habe, sitze gerne müßig in der Sonne und lasse es mir gut gehen...“ antworte ich leicht sarkastisch auf seine Frage. „Und wie geht es dir wirklich?“. Schweigen. „Mein Opa ist krank, sehr krank, und ich suche dringend eine Möglichkeit, zu ihm zu kommen, aber niemand fährt mich.“. „Hast du mal an eine Art Mitfahrgelegenheit gedacht?“. Marcel ist flott in seinen Gedanken und nicht auf den Kopf gefallen. „Ja, natürlich habe ich daran schon gedacht, aber in meinem Gesundheitszustand kann ich das niemals: alleine reisen.“. Marcel kann sich wahrscheinlich nicht vorstellen, wie es mir geht, so, wie ich mir nicht vorstellen kann, wie es ihm geht. Er meint dann immer: „Bei dir versagt dein Körper den Dienst, und bei mir ist es die Psyche.“. Traurig, wie ich finde. Ein so hübscher Kerl, sportlich bis zum Umfallen (er fährt am Tag so an die 100 km Fahrrad, und das jeden Tag!), aber er kann nicht oder kaum am Leben teilnehmen, weil es ihm eine Qual ist.

Ihm ist einfach alles zu viel.

Heute habe ich Glück, dass ihm unser Telefonat nicht zu viel ist, und ich genieße unseren fröhlichen, leichten und ausführlichen Gedankenaustausch sehr! Marcel ist immer eine Inspiration, und auch heute ist er gut dabei, mir verständlich zu machen, dass ich feststecke.

„Ja, ich weiß, ich muss einen Schritt nach vorne machen! Aber das ist leichter gesagt als getan. Erstens brauche ich für den nächsten Schritt Hilfe, und zweitens glaube ich, dass ich nicht mehr in mein altes Leben zurückkehren werde, wenn ich erst einmal aufgebrochen bin. Das sagt mir mein Bauchgefühl. Was mein neues Leben ist? Keine Ahnung. Meine Möbel habe ich verkauft; nur ein paar besitze ich noch, die füllen gerade noch ein Zimmerchen.“. Marcel ist baff und begeistert dazu. „Das ist doch klasse! Dann bist du frei und kannst gehen, wohin du willst! Dann hält dich nichts mehr, endlich wieder mehr Leben zu schnuppern!“. Ja, kann schon sein. Aber ich bin krank, kann gerade mal ein paar Schritte zum Zaun laufen und zittere schon, wenn ich wieder zurück an meiner Haustüre bin. Das kann es doch nicht sein!

„Ach, weißt du was? Es gibt noch eine Neuigkeit!“ töne ich fröhlich in den Hörer. Marcel springt darauf an: „Jaaa?? Ich bin ganz Ohr...“. „Ich habe mir ein Tipi gekauft!“. „Nein, echt?! Bei dir gibt es immer was Spannendes, wenn ich mit dir rede!“. Ich empfinde das zwar nie so, eher empfinde ich meinen Alltag als äußerst lähmend, weil einsam, aber naja, was soll`s. Vielleicht ist mein Alltag gegenüber dem seinen ja tatsächlich mega-aufregend...

Das Wort „spannend“ ist ein fester Bestandteil von Marcel`s Wortschatz, zumindest, wenn er mit mir redet. Ich frage mich, ob das, was ich zu berichten habe, wirklich so spannend ist. Auf jeden Fall ist mein Alltag für mich immer anstrengend, und da „Anstrengung“ nichts mit „Entspannung“ zu tun hat, könnte man „wortschöpfen“, dass das Gegenteil von Entspannung eben (An-)Spannung sein muss.

„Und was willst du mit dem Tipi machen? Einfach nur im Garten zelten?“. Marcel kennt meinen Garten zwar, denn er hat mich einmal besucht, kann sich aber genau deshalb nicht vorstellen, dass das das Ziel meiner Träume ist. Die Wiesenfläche reicht gerade so aus, um das Tipi darauf zu beherbergen. Wann immer ich aus nun meinem Fenster sehe, schaue ich auf ein Spitzzelt, das ich mir schon von Kindesbeinen an wünschte. Jetzt steht es tatsächlich hier bei mir - ganz in echt und hautnah!

„Na, ich kann mir ja keine Pension leisten, wenn ich zu meinem Opa will, und da dachte ich, ich zelte...“. „Und wie kommst du dann zu deinem Opa in die Stadt?“. Diese Frage ist berechtigt. Oma und Opa wohnen zentral in einer recht großen Stadt in Sachsen, aber doch nicht weit genug weg, um nicht vom Campingplatz hinkommen zu können. Mit Hilfe lässt sich alles arrangieren, und ich muss darauf vertrauen, dass es klappt! „Ich denke, ich wünsche mir einfach vom Universum, dass ich zur rechten Zeit am rechten Ort bin, und da sind die Fahrten zu meinem Opa eingeschlossen!“ unke ich herum und meine es doch ernster, als man im ersten Moment glauben könnte.

„Mutig!“. Ja, kann sein. „Mutig oder vielleicht doch eher dumm?“ ist meine nicht ganz ernst gemeinte Gegendarstellung. Ich bin ja auch in der Tiefe meines Herzens eher für die „mutig-Version“, denn für dumm halte ich mich kein bisschen.

Vielleicht bin ich verrückt - im besten Sinne, anders, als die meisten Menschen, die ich kenne. Und ich sehne mich nach meinem Rudel, das mich versteht, und Marcel ist da ein superguter Anfang! Er ist der einzige Mensch, mit dem ich seit „Urzeiten“ lachen kann. Traurig, wenn man bedenkt, dass so viele Menschen um mich herum sind, aber keiner lacht herzhaft und ist fröhlich. Marcel hat die Gabe, trotz seiner Depression herzhaft und ehrlich lachen zu können. Ich mag sein Lachen, ich mag seine schnellen Gedanken, denn sie sind die meinen.

Und ein schneller Gedanke ereilt ihn plötzlich: „Ich könnte dich doch ein Stück fahren, damit du zu deinem Opa kommst...“. „Ein Stück?“ frage ich zaghaft, wohl wissend, dass Marcel aus Überzeugung kein Auto hat und auch nicht fährt, wenngleich er wohl einen Führerschein besitzt. „Ja, vielleicht zu einem Menschen, der dich als Mitfahrgelegenheit mitnehmen kann...“. Auch ich habe daraufhin einen Blitzgedanken: „Kannst DU mich nicht nach Sachsen fahren?“.

Ich weiß, das ist viel verlangt und eine riesige Bitte für seinen Zustand, wahrscheinlich völlig unrealistisch. „Jaaa, naja, ich weiß nicht recht. Jaaa, eigentlich könnte ich das schon, wenn meine Mutter ihr Auto nicht braucht.“. Ich hatte zuerst an einen Mietwagen gedacht, aber so wäre es natürlich noch besser. „Echt?“. Meine Hoffnung lässt mein Herz vor lauter Vorfreude auf ein eventuelles „Ja“ hoch- und niederhüpfen. `Bitte!`denke ich, `...sag JA!`. Marcel überlegt. „Ich bespreche das mal mit meiner Mutter und melde mich dann bei dir.“. Oh, ob er das wirklich machen wird? Er ist doch depressiv! Naja, was bleibt mir anderes übrig, als sein Angebot, Rücksprache mit seiner Familie zu halten, anzunehmen, denn das ist der erste, hoffnungsvolle Lichtblick seit nunmehr zwei Jahren „Wartezeit“.

„Schön, dass wir mal wieder telefoniert haben!“. „Ja, das finde ich auch. Mach` s gut Larissa! Und viel Freude bei Übernachten in deinem Tipi! Es bleibt spannend!“. Ja, Marcel, es bleibt spannend, aber eher bin ich dafür, dass es das erst einmal wird. In meinen Augen führe ich ein suuuuuperlangweiliges Leben - der Krankheit sei Dank oder eher: sie hat daran einen großen, wenn nicht gar vollkommenen Anteil. Früher war mein Leben spannend, es geschah, ich unternahm Dinge, machte, was ich für richtig hielt. Heute geschieht mein Leben - klein, unscheinbar, extrem auf den Moment reduziert. Das kann sich kein gesunder Mensch vorstellen. Wie ich aber auch feststellen muss, hält so viel Zeit innerhalb der Krankheit auch den ein oder anderen wichtigen, eroberten Gedanken bereit. Meiner aus dem heutigen, mehrstündigen (!) Gespräch ist:

Wenn die Schlange sich häutet, macht sie das nicht teilweise. Sie streift ihre alte Haut ab und beginnt neu. Ich muss auch mein altes Leben abstreifen wie eine alte Haut. Es soll ein neues Leben entstehen, denn im alten ersticke ich an Einsamkeit und am Fehlen jeglicher Optionen. Ich häute mich gerade, und meine alte Haut wird zurückbleiben, wenn ich gehe. Erst dann finde ich wohl auch eine Antwort, wie mein neues Leben aussehen kann. Ich habe derzeit davon noch keinen blassen Schimmer...

Ich lege den Hörer auf, gehe ins Freie hinaus, um mein Häuschen herum und betrete mein Tipi. Es ist hell, ich kann darinnen atmen. Keine Asthma-Anfälle, keine Beschwerden, wenn ich mich darinnen aufhalte. Super! `Opa, ich werde einen Weg finden, zu dir zu kommen... Vielleicht habe ich ihn heute bereits gefunden...!` denke ich und freue mich auf eine Nacht in meinem Zelt, die mich umfängt und mich hält, die mich trägt und mich schützt. Ich bin daheim in meinem Tipi! Ich sende meinen Wunsch ans Universum: möge es mir die ideale Fahrgelegenheit schenken, dass ich rechtzeitig nach Sachsen komme...

Einige Tage später: Marcel ruft an. Huch, was ist passiert? „Ich kann demnächst das Auto meiner Mutter bekommen. Sie fliegt für eine Woche in den Urlaub! Ich fahre dich nach Sachsen!“. Tränen steigen in meine Augen. Er hat sein Versprechen gehalten, hat mich angerufen. Gedanklich mache ich Quantensprünge, überlege, was alles mitgenommen werden muss, was ich noch alles richten muss, falls ich nicht wieder zurückkomme. Ich habe das Gefühl, mein Weg in ein neues Leben hat gerade begonnen...

Ich schlafe in den nächsten Tagen in meinem Tipi, packe, räume, so mein Gesundheitszustand es zulässt. Wann fahren wir? Es muss passen: ich muss es schaffen können und Marcel auch. Wenn es uns beiden schlecht geht, ist das Projekt zum Scheitern verurteilt. Und tatsächlich: ein angesetzter Termin platzt. Wird es einen weiteren geben? Ich übe mich in Zuversicht und sage immer wieder vor mich hin:

„Ich werde zur rechten Zeit am rechten Platz sein.

Alles zu seiner Zeit! So soll es ein!“.

16. Juli 2014

Der Countdown läuft...!

16. Juli

Martha kommt, bringt mir Heidelbeeren aus ihrem Garten und fragt, ob ich ausziehe. Sie sieht, dass ich räume und packe, sie hat den besten Blick aus ihrem Küchenfenster auf meinen Hof und ihr entgeht offensichtlich nicht mein geschäftiges Treiben, das sich vom sonstigen Nichtstun abhebt.

Ich sehe mir abends online einen Film an: „Die Heilerin“ mit Ruth Drexel. Ich kenne diese Gaben; ich habe sie auch, und sie rufen mich, sie zu nutzen, doch noch bin ich zu schwach dazu!

23. Juli

Ich kaufe zwei Feldbetten, bestelle einen Schlafsack sowie eine Campingküche und überziehe damit weit mein Konto.

25.Juli

Behandlung bei Poldi, den ich immer nur mit seinem Spitznamen anrede und dem ich viel zu verdanken habe: er hat mir sehr geholfen in den letzten Wochen und Monaten. Was soll ich nur ohne seine Hilfe machen - da draußen in der Fremde? Wenn er mit der Dorn-Behandlung und der Breuss-Massage mich wieder neu gemacht hat, empfinde ich ein anderes Lebensgefühl. Ich spüre meinen Körper wieder. „Du musst deine Übungen machen!“ rügt er mich milde lächelnd und kopfschüttelnd. „Du hast fast keine Muskeln mehr!“. Ich weiß, aber was er nicht versteht, obwohl ich es ihm schon oft sagte: „Ich kann sie nicht machen, weil die Muskelschwäche so extrem ist und mein Herz sofort anfängt zu rasen.“. „Dann machst du sie eben nur ganz leicht und selten, aber du musst etwas tun!“. Ja, weiß ich ja!!! Aber es geht NICHT! Ich breche zusammen, wenn ich es versuche. Ich hab` s probiert.