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Dies ist eine Lebensgeschichte voller Erlebnisse und Ak tionen, die ich erlebt habe. Immer wieder gab es Situati onen und Erlebnisse, die teilweise außergewöhnlich und auch lebensgefährlich waren, aber im Nachhinein gut verlaufen sind. Es sind alles Geschichten, die ich erlebt habe und die auch tatsächlich geschehen sind. Auch des wegen vielleicht, da ich zwei Kulturen gelebt habe und das Wichtigste für mich war, ein selbstbestimmendes, freies Leben zu führen.
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Seitenzahl: 190
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Normal ist langweilig
Texte: © Copyright by Albert Munk
Umschlaggestaltung: © Copyright by Albert Munk
Albert Munk
Postfach 11 18
56737 Mendig
Druck: Neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin
Inhaltsübersicht
• Vorwort
• Kapitel 1:Meine Wohngeschichte
• Kapitel 2:Meine Schulzeit
• Kapitel 3:Meine Jugendzeit
• Kapitel 4:Mein Musiker-Leben
• Kapitel 5:Mein Berufsleben
• Kapitel 6:Die Gigi-Story
• Kapitel 7:Mein Flucht- und Auswanderungsvorhaben
• Kapitel 8:Sinti-Union
• Kapitel 9:Meine sportlichen Interessen
• Kapitel 10:Meine Geschwister
• Kapitel 11:Meine erste Ehe
• Kapitel 12:Mein Geburtstagsgeschenk – meine zweite Ehe
• Kapitel 13:Meine Kinder
• Kapitel 14:Einige Schrottplatzgeschichten
• Kapitel 15:Extreme einzelne Erlebnisse und Anekdoten aus meinem Umfeld
• Schlusswort
• Über mich
Vorwort
Dies ist eine Lebensgeschichte voller Erlebnisse und Aktionen, die ich erlebt habe. Immer wieder gab es Situationen und Erlebnisse, die teilweise außergewöhnlich und auch lebensgefährlich waren, aber im Nachhinein gut verlaufen sind. Es sind alles Geschichten, die ich erlebt habe und die auch tatsächlich geschehen sind. Auch deswegen vielleicht, da ich zwei Kulturen gelebt habe und das Wichtigste für mich war, ein selbstbestimmendes, freies Leben zu führen.
Meine Wohngeschichte
Ich heiße Albert Munk, Rufname Meck, bin deutscher Zigeuner (Sinti) und bin 1953 in Köln-Lindental geboren. Mein Vater war Verfolgter im Nationalsozialismus und wurde nach Auschwitz deportiert, wo er die Leidenszeit überlebte. Meine Mutter wurde nach Warschau ins Ghetto deportiert und musste dort Zwangsarbeit leisten.
Meine Geschichte beginnt, als wir mit unserem Wohnwagen nach Kruft auf freiem Feld angefahren sind. Bei einem Besäufnis meines Vaters in einer Kneipe kaufte er das Stückchen Land, ein freies Ackerfeld, eines krufter Bürgers. Die Lage des Grundstückes war 400 m bis zum Ortsausgang entfernt. Hier war kein Strom, kein Wasser und wir lebten die ersten Jahre im Wohnwagen. Unser Trinkwasser konnten wir 400 m entfernt beim ersten Nachbarn haben. Mit Milchkannen beladen auf einem Handkarren mussten wir jeden 3. Tag zu Fuß nachhause karren. Zum Baden benutzten wir aufgefangenes Regenwasser. Bis wir ans Wassernetz durften und eine Genehmigung von der Gemeinde hatten, dauerte es einige Jahre. Mit viel Schweiß und der gesamten Familie gruben wir vier Wochen lang einen Graben, um die Zuleitung bis an unseren Platz installieren zu können. Nun hatten wir Wasser. Ha ha ha. Beim ersten Aufdrehen des Wasserhahns auf unserem Platz tanzten wir wie verrückt um unsere erste Wasserstelle. Es war Freude pur und wir machten ein großes Familienfest aus dieser Situation. Meine Mutter weinte vor Freude. Wir hatten es geschafft.
Weitere drei Jahre dauerte es, bis wir am Stromnetz angeschlossen waren. Besonders stolz und voller Freude waren meine Geschwister und ich, als wir einen gebrauchten Fernseher bekamen. Der erste Schritt war getan und uns erschloss sich eine neue Welt, die wir vorher nicht kannten. Es war ein sehr einfaches, primitives, aber auch ein sehr freies Leben.
Kapitel 2
Meine Schulzeit
Da wir Zigeuner (Sintis) in dieser Zeit immer auf Reisen waren und nie sesshaft waren, gingen wir auch selten zur Schule. Die Anfänge der Schulpflicht waren geboren und meine Mutter musste mich in unserem Wohnort, wo wir jetzt lebten, anmelden. Den ersten Schultag meines Lebens erlebte ich mit außergewöhnlichen Gefühlen. Ich wurde von meinen Mitschülern stark beleidigt, beschimpft und verspottet. Heute würde man sagen, diskriminiert. In der Schulpause musste ich mich wie ein wildes Tier, das in die Enge getrieben wird, wehren. Da ich mir nicht anders zu helfen wusste, verkloppte ich in der ersten Pause vier meiner Mitschüler. In der Klasse angekommen, wurde ich von meinem Lehrer, da in dieser Zeit noch die Prügelstrafe in unserer Schule herrschte, mit einem Stock auf Hintern und Hände geschlagen. Danach durfte ich in der Ecke mit dem Gesicht zur Wand stehen bleiben, bis der Unterricht nach zwei Stunden zu Ende war. Ich lief vor Wut weinend nachhause und wollte nicht mehr zur Schule gehen.
Eine Woche verweigerte ich den Schulgang, bis meine Mutter mich wieder zur Schule brachte und somit mein zweiter Schultag begann. Ich merkte in der ersten Schulstunde, dass meine Mitschüler anders reagierten als vorher. In der Pause wurde ich auf dem Schulhof nicht mehr beschimpft und gedemütigt. Ich hatte gemerkt, dass sie Respekt vor mir hatten, da ich mir von keinem was gefallen ließ. Ich hatte auch gesehen, dass andere Mitschüler aus meiner Klasse vom Lehrer geschlagen wurden und ebenfalls in der Ecke stehen mussten. Also ging ich den nächsten Tag wieder zur Schule. Hier sprachen einige Mitschüler mit mir und ich erzählte ihnen von uns Sintis und sie begannen mich zu respektieren. So fand ich nach und nach Freunde. Einmal oder auch zweimal wurde ich von älteren Schülern angegangen und diskriminiert. Hier hatte ich natürlich Hilfe meiner neu gewonnenen Freunde, die mir zur Seite standen.
In den nächsten Wochen musste ich feststellen, dass die schlimmste Schulstunde die Bibelstunde war. Unser damaliger Pastor Müller, Lebendgewicht ca. 150 kg, machte aus der Bibelstunde eine aggressive, mit Schlagstock sadistische Prügelstunde. Er sagte am Anfang der Stunde: „Bibel aufschlagen!“, bestimmte jemanden von meinen Schulkameraden, der vorlesen sollte, und achtete darauf, einen zu erwischen, der nicht aufpasste und dann weiterlesen sollte. Dieser hatte die Zeile verpasst und musste vor ihm an das Lehrerpult und bekam dann zehn Schläge auf sein Hinterteil. So ging das die ganze Stunde. Ich weiß nicht, ob Gott das so gewollt hat, aber ich habe es am eigenen Leib verspürt und mich gefragt, wo ist der liebe Gott, der so etwas zulässt. Die einzige Genugtuung an Pastor Müller war, dass wir Jungs nach der Schulentlassung nachts nach unserer Feier zu seinem Grab an der Kirche gingen und ihn alle bepissten.
Eines ist noch aus meiner Schulzeit zu erwähnen: ein ganz besonderer Lehrer, Herr Heiliger. Zeitweise Klassenlehrer. Ein Sadist gleichermaßen, der uns Schüler peinigte und mit Schlägen taktierte. Der meistgehasste Lehrer der Schule. Ich glaube nicht, wenn es einen Himmel gibt, dass Gott ihn dort aufgenommen hat. Der Teufel hat sich bei der Aufnahme an ihm gefreut.
Kapitel 3
Meine Jugendzeit
Meine Jugendzeit begann mit einer Lehre als Tankwart. Es war natürlich keine weltbewegende Lehre, ich musste meistens auch nur Autos mit der Hand waschen und wurde mehr als Putz- und Waschservice benutzt, wie gedacht als Lehrling. Bei dieser Geschichte habe ich nur eins gelernt, dass ich für ein Trinkgeld (Lehrgeld) Zwangsarbeit leisten musste. Dies hatte ich relativ schnell, nach ein paar Monaten, eingesehen und habe meine schöne Lehre abgebrochen.
Nun ging ich arbeiten, um Geld zu verdienen. Ich arbeitete in verschiedenen Bims- und Betonfirmen und leistete immer nur Schwerstarbeit. Nach zwei Jahren merkte ich, dass ich für diese Arbeiten untauglich war, vor allem merkte ich, dass ich mich nicht unterordnen konnte. Am liebsten hatte ich Freizeit.
In dieser Zeit gründete ich einen Mofa-Rocker-Club mit vielen Freunden. Oft fuhren wir durch die Gegend und am Wochenende zelteten wir in den Wäldern der Eifel. Donnerstags war in der Disco in Kruft, dort, wo ich wohnte, Lady-Time. Sämtliche Mädchen aus der Umgebung hatten freien Eintritt. Wir warteten schon sehnsüchtig mit unserem Club, um diesen Mädchen zu imponieren. Gleichzeitig war die Bundeswehr in Mendig am Flughafen stationiert, somit kamen junge Rekruten, die 1-2 Jahre älter waren als wir, donnerstags auch in die Disco. Diese wollten natürlich auch nach den hübschen Mädchen sehen, die sich dort befanden. Man brauchte nur zwei und zwei zusammenzählen, was dann passiert ist. Es wurde hin und her provoziert, bis es zu Schlägereien kam. Ich trainierte Boxen zuhause, um auch als Alphatier ein Vorbild zu sein. Wir hatten das Glück, immer wieder die Soldaten verhauen zu können. Dies wiederholte sich immer, wenn donnerstags Lady-Tag war in der Disco. Mit der Zeit sprach sich diese Geschichte in den Dörfern herum und viele Jugendliche respektierten uns oder hatten Angst vor uns, weil wir wie Pech und Schwefel zusammenhielten. Es war eine aufregende und schöne Jugendzeit. Bis heute besteht mit vielen eine freundschaftliche Beziehung.
Als ich 17 war, lernte ich ein kokettes Mädchen aus dem Nachbardorf Plaidt kennen. Wir verliebten uns ineinander und trafen uns regelmäßig. Was ich nicht wusste: Sie ging noch zur Schule und war 13 ½ Jahre alt. Ihre Eltern waren natürlich total dagegen, dass sie einen Sinto (Zigeuner) als Freund hatte und meine Eltern waren dagegen, dass ich ein Mädchen aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft als Freundin hatte. Um zusammen zu sein, sind wir mehrmals zwei bis drei Tage zusammen abgehauen und haben bei Freunden oder im Wald im Zelt übernachtet. Sie wurde natürlich von ihren Eltern mit harten Strafen, wie vier Wochen Stubenarrest, bestraft. Meine Eltern verboten mir jeglichen Kontakt zu diesem Mädchen. Dies ging ein Jahr hin und her. Wir entschlossen uns beide, nicht mehr nachhause zu gehen, und verschwanden sechs Wochen in den Wäldern in der näheren Umgebung. Ganz enge Freunde belieferten uns mit Essen und Trinken, auch konnte ich als Sinto, da wir sehr naturverbunden sind, mit den Händen Fische fangen und Hasenschlingen legen. Es war ein tolles Erlebnis! Natürlich hatten unsere Eltern die Polizei alarmiert und wir wurden überall gesucht. Erst als wir erfahren hatten, dass beide Elternteile einverstanden waren, kamen wir aus unserem Versteck hervor. Es war mit der größte Polterabend in Plaidt, als bekannt wurde, dass wir heirateten. Sie war die jüngste deutsche Frau mit knapp 15 Jahren, die offiziell derzeit in Deutschland geheiratet hat. Natürlich nur mit Sondergenehmigung der Eltern. Beim ersten, zweiten und dritten Klassentreffen ihres Jahrgangs schämte sie sich, dass sie schon verheiratet war und ein Kind hatte. Beim sechsten und siebten Klassentreffen schämte sie sich, dass sie noch verheiratet war. Diese Ehe hielt 30 Jahre lang und brachte eine Tochter und drei Söhne hervor. Das war meine Jugendzeit.
Kapitel 4
Mein Musiker-Leben
Ich war nicht nur ein aggressiver Mensch, sondern auch ein sehr lustiger und spaßiger Zeitgenosse. Ich liebte Musik und sang immer laut in der Disco mit oder auch, wenn ich sonst wo meine Lieblingsmusik Rock n Roll hörte. So geschehen in einer Kneipe in Plaidt, wo ich laut aus voller Überzeugung einen Titel von Jack Berry mitsang. Dies hörte zufällig der Sohn der Kneipenwirtin und er sprach mich daraufhin an. „Du kannst ja gut singen!“, sagte er zu mir. „Ich habe eine Band und wir suchen zurzeit einen geeigneten Sänger. „Hast du Lust, mal zur Probe zu kommen?“, sagte er und ich vereinbarte mit ihm einen Termin. Und am Wochenende in seiner Kellerbar, versuchte ich mich schon als Sänger. Mein 1. Lied war “The House of the rising Sun”. Ich hatte natürlich Probleme, den Text abzulesen, da ich überhaupt kein Englisch konnte, also lernte ich das Lied auswendig und bei der nächsten Probe konnte ich aus voller Brust diesen Titel singen. Alle vier Bandmitglieder haben sich beraten und ich wurde als neues Bandmitglied (Sänger) aufgenommen.
Hiermit überschritt ich eine Grenze in eine andere Welt, die ich vorher nicht kannte. Ich bekam Kontakt nur noch mit gebildeten Menschen, Gymnasiasten und Studenten. Und da ich sehr anpassungsfähig bin, hatte ich dort auch sehr schnell gute Freunde gefunden.
Während der Probe beobachtete ich immer unseren Schlagzeuger, weil mich das Schlagzeug als Instrument sehr interessierte. Nach der Probe setzte ich mich ans Schlagzeug und hämmerte wie ein Wilder drauf los. Erst nach und nach konnte ich ein paar Takte spielen. Dies ging drei Monate so weiter, bis ich besser war als unser Schlagzeuger. Weil dieser sehr unzuverlässig mit den Probezeiten war, wurde er aus der Gruppe rausgeschmissen. Nun war ich Sänger und Schlagzeuger dieser Band.
Ich hatte auf unserem Platz in Kruft einen kleinen Wohnwagen. Hier riss ich einige Möbel raus und kaufte mir mein erstes Schlagzeug. Ich übte jeden Tag wie ein Verrückter zwei bis drei Stunden. Meine Mutter und mein Vater wurden fast wahnsinnig. Er spannte meinen Wohnwagen an und zog mich 200 m entfernt auf freies Feld, damit ich ihre Nerven nicht mehr strapazieren konnte. Auch nahm ich mir einen Schlagzeuglehrer, den ich selbst bezahlte, der mir verschiedene Techniken und Übungen beibrachte. Nach zwei Monaten konnte er mir nichts mehr beibringen und ich zeigte ihm Schläge, die er noch nicht kannte.
Bei jedem Rockkonzert, wo andere Gruppen spielten, beobachtete ich nur den Drummer, um besser zu werden. Nach einem Jahr hatte ich schon ein gutes Niveau erreicht und meine derzeitige Band hatte sich qualitativ nicht weiterentwickelt und ich suchte eine bessere Herausforderung.
Ich nahm Kontakt mit anderen Musikern auf und veranstaltete bei meiner Schwester, die einen alten Gewölbekeller hatte, Musikertreffs. Hier spielten wir fast jedes Wochenende bis in die frühen Morgenstunden.
Einige Wochen später hatte ich meine Formation gefunden. Snowhite. Es waren alle weg, überdurchschnittliche Musiker, die das gleiche Niveau hatten mit einem Topsänger. Wir machten nur eigene Rocksongs und entwickelten unseren eigenen Stil. Hier funktionierte auch der Chorgesang. Mit dieser Gruppe spielten wir auf verschiedenen Festivals, wo wir sehr gute Kritiken hatten. Wir hatten nach 1-2 Jahren eine Fangemeinde hinter uns versammelt, die bei jedem Konzert immer mehr wurde. Wir spielten sogar als Vorgruppe der bekannten Rockgruppe BAP. In der Kölner Musikszene hatten wir uns einen Namen gemacht und spielten in der Stollwerkfabrik vor mehreren tausend Zuschauern. Auch in bekannten Clubs wie Black Börd in Köln hatten wir sehr gute Kritiken.
Als wir bei einem Rockwettbewerb in der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz vor über 3000 Zuschauern teilnahmen, hatten wir die Möglichkeit bekommen, professionell mit anderen Voraussetzungen unsere eigene Rockmusik bekannt zu machen und zu vermarkten. Nun war die Entscheidung zwischen allen Bandmitgliedern gefragt, wie es mit uns weitergeht. Da drei unserer Mitglieder voll im Studium waren und die Eltern darauf bestanden, dass sie ihr Studium fortführen, ist die Gruppe Snowhite auseinandergebrochen.
Interessanterweise haben wir uns nach 30 Jahren im gereiften Alter wieder zusammengefunden. Es wurde über uns ein Fernsehbericht gesendet und wir wollten erneut durchstarten. Leider hatten sich die Charaktere der einzelnen Musiker durch ihr Berufsleben sehr verändert und dieses Vorhaben wurde für immer begraben. Die Gruppe Snowhite ging wieder auseinander.
Mit dem Bassisten habe ich einige Jahre später 13 Lieder komponiert. Diese entstanden in der Coronazeit mit zwei super Zigeuner-Gitarristen und meiner Tochter als Sängerin. So haben wir die Coronazeit musikalisch überstanden.
Auch habe ich einige Lieder geschrieben und getextet für Sintis, die heute noch auf allen Sinti-Festen laufen, wo die Leute sich amüsieren und dazu tanzen.
Des Weiteren hat mir die Musik viel gegeben. Sie hat mich als Mensch verändert, hat mir viele neue Türen geöffnet, mit hohen Politikern und vielen, vielen Bekanntschaften, die bis heute bestehen.
Auch habe ich zwischen den Jahren, wo ich nicht berufstätig war, meinen Lebensunterhalt damit verdient und schöne
Stunden verlebt. Ich wollte diese Zeit niemals missen und bin dafür dankbar.
Kapitel 5
Mein Berufsleben
Da ich jung verheiratet war und sonst auch keine finanziellen Rücklagen hatte, musste ich mir überlegen, wie ich mir meinen Lebensunterhalt gestalten wollte. Durch einige Versuche wie Nachtwächter, Staplerfahrer oder Eisverkäufer bin ich dann doch wieder an dem Punkt angekommen, dass ich mir Nichts sagen lassen konnte. Sehr wahrscheinlich war ich ein Alphatier.
Nun überlegte ich mir, was Eigenes aufzubauen. Ich wusste, dass mein Vater jahrelang als fahrender Schrotthändler tätig war und uns mehr schlecht als Recht ernährte. Also kam dieses auch für mich nicht in Frage. Ich lieh mir 5000 Mark von meinen Schwiegereltern und kaufte mir einen abgehalfterten Lkw mit Kran. Ich hatte die Idee, Altautos kostenlos zu entsorgen und sie in einem Schrotthandel, der eine Schredderanlage betreibt, abzuliefern. In relativ schneller Zeit hatte ich gut verdient und konnte meinen Schwiegereltern mit Stolz, da ich ein Mann von Wort bin, meine Schulden begleichen.
Neben unserem Platz in Kruft, wo ich wohnte, lag ein großes ehemaliges Bimsgelände. Dieses mietete ich mir für kleines Geld an und stellte dort Altautos ab, die entweder als Gebrauchtwagen aufbereitet werden konnten oder als Ersatzteilträger dienten. Ich hatte mir nach wenigen Monaten einen Kundenstamm aufgebaut, die bei mir gebrauchte Ersatzteile kauften und auch selbst an den Ersatzteilträgern demontierten. Somit ist hier meine erste Autoverwertung entstanden. Ich war nach einem Jahr schon ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden.
Eine interessante kleine Nebengeschichte! Als ich vier Wochen mit dem Wohnwagen auf Reisen war, sollte mein Vater die Gelder entgegennehmen, als die Kunden sich Ersatzteile abgebaut haben. Als ich nach vier Wochen nachhause kam, sah ich, dass viele Leute an meinen Ersatzteilträgern rumschraubten und ich mit Freude zu meinem Vater ging, um mein angehäuftes Kapital abzuholen. Es war unglaublich. Mein Vater hatte keinen Pfennig Geld eingesammelt. Er schenkte meiner Kundschaft die Ersatzteile. Dies sprach sich nach ein paar Tagen herum und deswegen waren so viele Schrauber auf meinem Platz unterwegs. So war mein Vater.
Nach ca. zwei Jahren wurden die Kreisverwaltung und Bezirksregierung auf meine Firma aufmerksam und der Gesetzgeber bestand auf ein Genehmigungsverfahren, das ich dort an dem Standort nicht erfüllen konnte, da das Gelände für eine Autoverwertung (Schrottplatz) nicht geeignet war und Wasserschutzgebiet war. Nun musste ich alles räumen und entsorgen. Somit musste ich meine erste Autoverwertung aufgeben.
Die Suche begann nun nach einem geeigneten Gelände und ich wurde fündig in Miesenheim, wo sich ein alter stillgelegter Bimsbetrieb befand. Diesen mietete ich sofort an und beantragte bei der Kreisverwaltung eine ordentliche Genehmigung für eine Autoverwertung. Nach langem Hin und Her und mit vielen Auflagen hatte ich die Genehmigung bekommen. Nun konnte ich meine Arbeit wieder beginnen.
Mit vollem Eifer und täglich zehn bis zwölf Stunden Arbeit war auch diese zweite Autoverwertung ein Erfolg. Nach zwei Jahren hatte ich schon zwei Häuser gekauft und eine Kleiderboutique eröffnet. Auch fuhr ich PS-starke Autos wie Cadillac, Mercedes und Porsche. Und war wiederum ein erfolgreicher Geschäftsmann. Um weiter expandieren zu können, eröffnete ich in Andernach im Gewerbegebiet eine zweite Autoverwertung. Und in Leutesdorf, auf einem ehemaligen Tankstellengelände, eine dritte. Somit hatte ich zwei Filialen und meine Hauptstelle. Diese drei Stammplätze hatte ich ca. neun Jahre. Es war mir einfach zu viel Arbeit geworden.
Nach und nach verkaufte ich diese drei Geschäfte und wollte etwas ruhiger leben und weniger arbeiten, um mehr meine Sinti-Kultur zu leben und mehr Freizeit zu haben. Ich kaufte mir ein Haus außerhalb von Mendig und betrieb dort mit einem Freund, da ich aus der Autobranche nicht aussteigen wollte, einen PKW/Unfallwagen An- und Verkauf. Bis hierhin hatte ich sehr erfolgreiche Jahre, hatte mir drei Häuser gekauft und stand natürlich finanziell auf festem Boden.
In all den Jahren nahm ich mir immer eine Auszeit und verkaufte meinen Schrottplatz. Wenn meine finanzielle Lage sich verschlechterte, hatte ich immer wieder einen neuen Platz eröffnet und nach einiger Zeit wieder verkauft. In der ganzen Zeit waren es insgesamt sieben Schrottplätze.
Mein berufliches Leben wurde auf eine andere Ebene gehievt, als der Name „Gigi“ in mein Leben trat. Dies war eine schlimme Zeit, die vor mir stand und mit Kapitel 6 beginnt…
Kapitel 6
Die Gigi-Story
Es begann wie jedes Jahr. Im Herbst fuhr ich mit meinen Freunden mit dem Wohnwagen nach Illingen auf die Wallfahrt. Auf dieser Wallfahrt trafen sich viele internationale Zigeuner (Sintis), um eine Woche zu beten und dort mit einer Prozession zu einer Kapelle zu wandern, ausgiebig zu feiern und zusammen zu sein. Dies war auch immer wie ein Heiratsmarkt, wo sich Männer und Frauen begegnen, um dann zusammen zu leben. Auch wurden intern immer viele Geschäfte untereinander gemacht, gehandelt, getauscht usw.
Auf diesem Treffen stand ein teures neues großes Wohnmobil, indem immer wieder Männer rein und wieder rausgingen. Es wurde unter den Reisenden erzählt, dass da ein Mann wäre, der „Gigi“ heißt und man dort Geld anlegen könnte, mit 30% Gewinn alle drei Monate. Ich ging aber nicht hinein, beließ die Geschichte so, wie sie war, und fuhr dann zwei Tage später nachhause.
Nach drei Monaten hörte ich von verschiedenen Freunden, Bekannten und auch von anderen Sintis, dass sie Geld eingezahlt hätten und ihre 30% Gewinnzinsen erhalten hätten. Nach Sicherheit wurde überhaupt nicht gefragt, weil bei uns Sintis, das Wort, das man gibt, niemals gebrochen wird. Wenn man das tut, wird man wie der letzte Dreck behandelt, gemieden und sogar aus unserer Volksgruppe ausgestoßen. Das ist bei uns in der Kultur die Höchststrafe. Gigi gab sein Wort und wie es auch anscheinend so war, hielt er sein Wort und zahlte 30%, egal welche Summe man eingezahlt hatte, als Gewinn nach drei Monaten aus.
Nach und nach hörte ich, dass er in Kaiserslautern und überall im Saarland Autohäuser gekauft hatte und er dort Sintis als Geschäftsführer mit einem horrenden Gehalt von 10.000 Mark im Monat eingestellt hatte. Ein Freund von mir sagte: „Lass uns doch mal mit ihm treffen. Wir haben hier doch auch Autohäuser. Vielleicht kauft er das und wir betreiben es auch als Geschäftsführer.“ Seine Verwandtschaft würde auch schon für ihn im Saarland arbeiten.
Mittlerweile wurden die Nachricht und die Anzahl der Anleger bei Gigi immer mehr. Und mein Freund nahm Kontakt mit ihm auf. Auch fanden wir ein Autohaus in Plaidt, eine ehemalige BMW-Vertretung, welche in Konkurs gegangen ist. Hier trafen wir uns mit Gigi und es dauerte nur wenige Tage, dann hatte er das Autohaus samt Inventar gekauft. Er sprach zwei Stunden mit mir und wir gingen zusammen mit Freunden essen. Er hatte schon gehört, dass ich in der Autobranche qualifiziert war und auch einige Jahre Erfahrung mitbringe, um als erster Geschäftsführer das Autohaus leiten zu können. Mit zwei Freunden und meinem ältesten Sohn, der seine Lehre als Kfz-Mechaniker abgebrochen hatte, fingen wir an, das Autohaus zu bewirtschaften. Wir hatten alles ausverkauft und hatten keine Fahrzeuge und er belieferte uns mit Nobelfahrzeugen wie Rolls Royce, Ferrari, Mercedes und anderen hochwertigen Marken. Diese wurden schnell von uns abgesetzt und wir standen immer wieder ohne Autobestand dar, da die Lieferungen nicht immer regelmäßig, sondern nur alle 2-3 Wochen schubweise kamen. Er erzählte mir, dass er ein System entwickelt habe, wie man Pkws von anderen Autohäusern kaufen könne; man müsse nur gut verhandeln können und den Verkäufern erklären, dass wir alles aufkaufen, aber erst nach drei Monaten zahlen würden. Meine Freunde und einen Verkäufer schickten wir los, aber ohne Sicherheit und Bankwirtschaft wollten sie kein Fahrzeug herausrücken. Da ich mittlerweile schon 20 Jahre in der Autobranche tätig war und immer wieder von Autohäusern Autos gekauft habe, die Altfahrzeuge immer entsorgt habe und immer zuverlässig, freundlich und korrekt mit diesen umgegangen bin, ging ich mit meinem Aktenkoffer und meiner Sekretärin zu den Vertragshändlern in der Umgebung, hier im Kreis Mayen und Bad-Neuenahr. Erst gaben sie mir knapp für 100.000 Mark Fahrzeuge mit, die ich auch nach drei Monaten durch Gigi bezahlen konnte.
Auch pilgerten viele Sintis und sonstige zwielichtige Figuren, wie Zuhälter, bei uns zum Autohaus und wollten Gelder für Gigi einzahlen. Das konnten wir machen laut Vorgabe seiner Hauptstelle in Kusel, aber ich tat das nicht.
