Norman Mailer - Steven Thomsen - E-Book

Norman Mailer E-Book

Steven Thomsen

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Beschreibung

Am 31. Januar 2023 jährt sich der Geburtstag von Norman Mailer zum hundertsten Mal. Ein würdiger Anlass für eine Wiederentdeckung des zweifachen Pulitzerpreisträgers, dem wir unvergängliche Meisterwerke verdanken. Steven Thomsen nähert sich dem leidenschaftlichen Chronisten amerikanischer Befindlichkeiten und seiner in jeder Hinsicht schillernden Persönlichkeit mit einer detaillierten Biografie und einer umfassenden Werkschau. Interviews, die er mit Mailers wichtigsten Weggefährten selbst geführt hat, und exklusives Bildmaterial beleuchten bisher unbekannte Seiten des Ausnahmeschriftstellers und geben intime Einblicke in ein Leben voller Widersprüche.

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Seitenzahl: 470

Veröffentlichungsjahr: 2022

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© 2022 LMV, ein Imprint der Langen Müller Verlag GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Sabine Schröder

Umschlagmotiv: Robert Belott / Alamy Stock Photo

Innengestaltung und Satz: Sibylle Schug

E-Book Konvertierung: Satzwerk Huber

ISBN: 978-3-7844-8439-6

www.langenmueller.de

Steven Thomsen

Norman Mailer

Die Biografie

Meiner Mutter.

Und ihrer Mutter

Inhalt

Vorbemerkung

Heimat Brooklyn

Harvard

Amerikas Eintritt in den Zweiten Weltkrieg

Von Harvard an die Front

Die Nackten und die Toten

Auf der Suche nach der verlorenen Generation

Der Shootingstar in Hollywood

Das verflixte zweite Werk und das dritte

Kommentator der Zeitläufe

Werbung in eigener Sache

Lockruf der Politik und Beginn des New Journalism

Die Attacke

Eine neue Frau, ein neuer Roman, eine neue Frau

»I tell ya what we got to do is make a march on Washington«

No More Bullshit

Im Fadenkreuz radikaler Feministinnen

Marilyn

Der Fall Gary Gilmore

Loyalität bis zum Äußersten

Im Reiche Ramses’ II.

Fakten und Fiktionen

Auf Tuchfühlung mit Madonna

Annäherung an Christus

Schreiben gegen die Zeit

Daheim bei Hitlers

Ein letzter Drink

Anmerkungen

Danksagung

Bibliografie Norman Mailer

Literaturverzeichnis

Register

Chicago, Sheraton Hotel, 26.9. 1962: Am Tag nach dem Boxkampf zwischen Sonny Liston und Floyd Patterson wird der betrunkene Norman Mailer von Listons Pressekonferenz entfernt.(picture-alliance: dpa | UPI)

Norman Mailer, 1978, mit Truman Capote(Newscom | Adam Scull/PHOTOlink)

Vorbemerkung

Der Kunsthistoriker Robert Hughes hat über den schillernden US-Maler James McNeill Whistler gesagt: »Nur zu gerne würde man den Künstler Whistler von der ›Berühmtheit‹ Whistler und von der Persönlichkeit Whistler trennen. Dies gelingt nicht.« Schon früh in der Karriere von Norman Mailer hat sich gezeigt, wie schwer es Kritikern fällt, seine literarischen Werke losgelöst von seinem Image zu bewerten. Dem Image des egomanen Chauvinisten. Dem Image eines Mannes, der von Gewalt fasziniert ist und bereit ist, beim geringsten Anlass sein Gegenüber körperlich zu attackieren – und sei es die eigene Frau. Der im permanenten Rausch von Affäre zu Affäre taumelt, unabhängig davon, mit welcher seiner sechs Ehefrauen er gerade zusammenlebt. Der zudem radikale Positionen vertritt und entschlossen ist, diese umzusetzen, sobald man ihm ein politisches Amt anvertrauen würde.

Das sind die vielleicht augenfälligsten Teile, aus denen sich das Bild zusammensetzt, das sich die Öffentlichkeit zu Lebzeiten von dem Schriftsteller Norman Mailer gemacht hat, der Ende der 1940er-Jahre mit seinem Romandebüt »The Naked and the Dead« (»Die Nackten und die Toten«) einen Welterfolg landen konnte. Und dieses Bild legt sich bis heute wie ein farbiger Chiffonschleier über seine schöpferische Arbeit. Bevor Journalisten etwas zu seinen Werken sagen, arbeiten sie sich an seinen Verfehlungen und persönlichen Schwächen ab. Ein Reflex, der sich auch andernorts beobachten lässt. So ist es schwer vorstellbar, dass wir in absehbarer Zeit von Günter Grass sprechen, ohne auf seine von ihm jahrzehntelang verschwiegene Mitgliedschaft in der Waffen-SS zu verweisen. Oder dass wir Peter Handkes Beitrag zur Weltliteratur betrachten, ohne seine Parteinahme für Serbien zu verhandeln.

Und selbstverständlich ist Norman Mailer als Person in besonderem Maße mit seinem Werk verwoben, weshalb wir nicht umhinkommen, sein ereignisreiches Leben gleichberechtigt neben seine Karriere zu stellen. Doch wollen wir uns nicht mit dem öffentlichen Bild begnügen, sondern immer auch versuchen, die Beweggründe in seinem Verhalten und für seine Überzeugungen offenzulegen. Indem wir das Image, das zeitgenössische Kritiker, Journalisten, Schriftstellerkollegen und nicht zuletzt sein Publikum von ihm angefertigt haben, überprüfen, wollen wir jedoch nicht gleichzeitig der Selbstinszenierung des Norman Mailer aufsitzen, sondern diese genauso aufmerksam durchleuchten.

»Ich glaube, er [Mailer] war mehr ein Geschöpf der Publicity als der Literatur«, so der Autor und Hochschullehrer Jay Parini 2020, »und ich glaube nicht, dass ihn in zehn Jahren noch irgendjemand lesen wird.«1 Tatsächlich wird Norman Mailers Schaffen schon jetzt kaum noch wahrgenommen. In den USA kennen selbst viele Amerikanistikstudenten seinen Namen nicht mehr. »Das liegt an seinem unverschämten Macho-Ton«, ist die Schriftstellerin und Kritikerin Wendy Lesser überzeugt. »Mir gefällt dieser Ton, aber ich glaube, vielen Frauen – und auch vielen jungen Männern – geht das anders.«2 Die Ursache dafür sieht sie in der Betonung von Befindlichkeiten, die den Umgang miteinander erschweren: »Diese Ära der Triggerwarnungen und extremen Sensibilität in Bezug auf Rassen- und Geschlechterfragen ist keine, in der man Mailer in vollem Umfang zu schätzen weiß.«3

Nein, ein von identitätspolitischen Themen und moralischem Furor geprägtes gesellschaftliches Klima würde keinen Norman Mailer, keinen Ernest Hemingway, keinen André Malraux gebären oder dulden. Vielleicht aber bedarf gerade eine erstickend konformistische Phase, wie wir sie im Augenblick in freiheitlichen Gesellschaften erleben, wieder furchtloser Individualisten, die deren Verkrustungen absprengen. Nun verkörpern gerade Mailer und die von ihm verehrten Hemingway und Malraux ein atavistisches Männlichkeitsideal, das die meisten westlichen Zivilisationen überwunden zu haben glauben. »Die Gesellschaft ist überall gegen die Mannheit jedes ihrer Mitglieder verschworen«, heißt es in »Self-Reliance« (»Selbständigkeit«), Ralph Waldo Emersons berühmtem Lobgesang auf den Individualismus. »Die Gesellschaft gleicht einer Aktiengesellschaft, deren Mitglieder, um jedem Aktionär sein tägliches Brot zu sichern, übereingekommen sind, die Freiheit und selbständige Ausbildung jedes Brotessers zu opfern. Ihre gesuchteste Tugend ist Konformität. Selbständigkeit ist ihr verhasst. Sie liebt nicht Wirklichkeiten und Schöpfer, sondern Gebräuche und Namen. Wer da ein Mann sein will, muß ein Dissident sein.«4

Norman Mailer war zeitlebens ein solcher Dissident, ein Nonkonformist. Er war überzeugter Marxist, als man in den Vereinigten Staaten mit diesem Bekenntnis noch seine Existenz aufs Spiel setzte. Gleichzeitig wandte er sich gegen Stalin, was Ende der 1940er-Jahre in der US-Linken nicht opportun war. Er tauchte kopfüber in die Subkultur des Jazz ein, die dem weißen, puritanischen Amerika unter Eisenhower als verderbt und unerwünscht galt. Als er 1960 das erste Mal Bürgermeister von New York werden wollte, setzte er sich für Menschen ein, die üblicherweise keine Lobby haben: Obdachlose, Prostituierte, Alkoholiker, Fixer, Gangmitglieder. Bei seinem zweiten Anlauf am Ende des Jahrzehnts ging er mit dem Versprechen ins Rennen, den fünf Bezirken New Yorks ein hohes Maß an Selbstbestimmung zu gewähren, eine zu jenem Zeitpunkt unerhörte Agenda.

Mit seinen Schriften und Kommentaren und nicht zuletzt mit seinem Auftreten war Norman Mailer oftmals unbequem. Das war Ernest Hemingway ebenfalls, und auch »Papa« wird zumeist nicht von seiner Berühmtheit und seiner Persönlichkeit getrennt. Doch seine Texte sind nach wie vor präsent – weniger im akademischen Bereich, wo der Anhänger blutrünstiger Tierhatzen ebenfalls in weiten Teilen zur Persona non grata ausgerufen und sein erzählerisches Werk als für die Lehre ungeeignet erkannt worden ist, aber überall sonst. Daher ist Hemingway auch sechzig Jahre nach seinem Tod ein household name.

Für Norman Mailers langjährigen Weggefährten Larry Schiller ist die Sache klar: Mailers Bücher werden im öffentlichen Raum nicht mehr behandelt, weil in ihnen »zu viel Analsex«5 vorkommt. Diese intime Spielart findet sich in der Tat in mehreren seiner Arbeiten, etwa in »An American Dream« (»Der Alptraum«), in »Ancient Evenings« (»Frühe Nächte«) und noch in seinem letzten Roman »The Castle in the Forest« (»Das Schloss im Wald«). Überhaupt hat Norman Mailer seine Texte gerne mit sexuellen Darstellungen ausgekleidet, ohne dabei aber ins Pornografische abzugleiten oder auch nur obszön zu sein. Dem Autor waren erotische Darstellungen kein Selbstzweck. Dennoch versieht man ihn, den frauenverschleißenden Macho, mit diesem Label. Spätestens seit seinem Buch »The Prisoner of Sex« (»Gefangen im Sexus«), in dem er sich neben der Frauenemanzipation unter anderem mit den Bereichen Heterosexualität, Homosexualität, Onanie und Empfängnisverhütung (der Vater von neun Kindern – davon leibliche – war strikt dagegen) auseinandersetzt.

Der Grund dafür, dass wir den einst berühmten Schriftsteller erst wiederentdecken müssen, um uns der Großartigkeit seines umfangreichen Œuvre zu vergegenwärtigen, sollte aber vielleicht auch in dem Umstand gesehen werden, dass dieses in einen fiktionalen und einen größeren nichtfiktionalen Teil zu trennen ist. Maggie McKinley, Literaturprofessorin und Präsidentin der Norman Mailer Society, hält seine Reportagen, Zeitungs- und Magazinartikel, Essays, Biografien und Tatsachenromane für bedeutender als das belletristische Werk. Mailer hat mit seiner Kriegsgeschichte »Die Nackten und die Toten«, mit dem das unbedingte Freiheitsrecht des Individuums feiernden Werk »Der Alptraum« oder dem experimentellen Wurf »Why Are We in Vietnam?« (»…am Beispiel einer Bärenjagd«) dem amerikanischen Roman wichtige Impulse gegeben. Seine nichtfiktionalen Arbeiten, die zusammengenommen einen gewaltigen zeitgeschichtlichen Block ergeben, sind jedoch unentbehrlich für all jene, die wissen wollen, wie Menschen in den USA des zwanzigsten Jahrhunderts gedacht und gefühlt haben. Ein Eindruck, den Geschichtsbücher üblicherweise nicht vermitteln.

Der 1923 geborene Mailer hat bis ans Ende seines langen Lebens Buch geführt über das, was seine Zeitgenossen und ihn selbst bewegt und bestimmt hat. Er schrieb über Krieg, Rassenfragen, Emanzipationsbestrebungen von Minderheiten, Hollywood, Stierkampf und Stierkämpfer, die Kubakrise, Schriftstellerkollegen, das Schreiben an sich, immer wieder über die Parteikonvents von Demokraten und Republikanern und viele andere Dinge mehr.

»The Armies of the Night« (»Heere aus der Nacht«), Mailers Protokoll vom gegen den Vietnamkrieg gerichteten Marsch aufs Pentagon im Oktober 1967, war laut Maggie McKinley »ein bahnbrechender Beitrag zur Literatur und zum Journalismus sowie ein bedeutender Kommentar zum politischen Geschehen, und dafür wurde es bei seiner Veröffentlichung gefeiert und mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet«6. Dasselbe gelte für »The Executioner’s Song« (»Gnadenlos«). »Doch vierzig, fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung dieser Werke und nach dem Höhepunkt von Mailers literarischer Berühmtheit haben diese Bücher in der amerikanischen Kultur nicht mehr dieselbe Präsenz.«

Das Los des Chronisten besteht darin, dass die Gegenwart mit ihren immer neuen Entwicklungen über ihn hinweggeht. Ein Twitter-User hat es so formuliert: »Norman Mailer hat ungefähr so viel Relevanz für Millennials wie ein Faxgerät.«

Während Individualität sich heute immer stärker an Äußerlichkeiten festmacht, war es einem Mailer noch wahrhaftig um eine umfassende Freiheitsentfaltung des Menschen getan. Gerade auch der des Künstlers, der sagen und ausdrücken können muss, was immer ihm notwendig scheint. So hat sich Mailer etwa für Henry Miller und Vladimir Nabokov eingesetzt, deren Werk in den USA von der Zensur bedroht wurde. Und auch er selbst hatte von Anfang an Probleme damit, seine Bücher so zu veröffentlichen, wie er sie für den Druck vorgesehen hatte. Bei »Die Nackten und die Toten« machte er gegenüber seinem Verlag Zugeständnisse bei der Art, wie er die Soldaten reden ließ; er strich Kraftausdrücke und gotteslästerliche Flüche. Bei seinem dritten Roman »The Deer Park« (»Der Hirschpark«) ging die Gängelung so weit, dass er sich am Ende bei einem vergleichsweise unbedeutenden Passus querstellte und seinem Verlag erklärte: so oder gar nicht. Der Chef von Rinehart & Company entschied sich kurzerhand gegen eine Veröffentlichung. Für den Autor begann eine langwierige Suche nach einem neuen Verlagshaus, das bereit war, sein fertiges Manuskript herauszubringen. Nach dem Misserfolg seines politisierenden zweiten Romans »Barbary Shore« (»Am Rande der Barbarei«) war Mailer äußerst dünnhäutig; er durchlief depressive Phasen, trank, nahm Drogen. Doch er widerstand dem Druck und schrieb sich aus seiner Schaffenskrise heraus. In seinem mit autobiografischen Texten gespickten ersten Sammelband, dem berühmten »Advertisements for Myself« (»Reklame für mich selber«), legt er unter anderem genüsslich die Mechanismen des Literaturbetriebs offen. Aber er entblößt sich auch selbst: In einer brillant geschriebenen Schilderung der Verwicklungen rund um »Der Hirschpark« zeigt er sich als eitler, überheblicher, sturer Jungschriftsteller, der aufgrund des Welterfolgs seines Debüts glaubt, alles zu wissen und fordern zu können, aber unversehens um seine Existenz und seinen Lebenstraum bangen muss.

Es sind grandiose Werke wie diese, die es für uns heute wiederzuentdecken gilt. Daneben auch das rauschhafte »…am Beispiel einer Bärenjagd«, in dem Mailer seinen Landsleuten vor Augen führt, worauf ihre Nation und ihr Reichtum gründen: Gewalt, Gewalt und nochmals Gewalt. Oder das überwältigende Reportagebuch zur ersten Mondlandung, »Of a Fire on the Moon« (»Auf dem Mond ein Feuer«); die Boxreportagen; seine Beschäftigung mit dem Mythos Marilyn Monroe; »Gnadenlos«, Mailers ausladende Darlegung des wahren Falles um den zum Tode verurteilten Doppelmörder Gary Gilmore, der vehement gegen seine mögliche Begnadigung angekämpft hat; das machtvolle Pharaonenepos »Frühe Nächte«, mit dem Mailer tief in das Reich Ramses’II. eintaucht und nebenbei eine grandiose Schilderung der Schlacht von Kadesch mitliefert; sowie eine collagenartige Biografie des Kennedy-Mörders Lee Harvey Oswald. Mit »The Gospel According to the Son« (»Das Jesus-Evangelium«) wagte sich der Jude Norman Mailer sogar an eine »Autobiografie« Jesu; und in »Das Schloss im Wald« setzt er sich mit der Kindheit und Jugend des Antichristen Adolf Hitler auseinander. Dieses und noch weit mehr aus Mailers thematisch vielfältigem wie umfangreichem Gesamtwerk gilt es, mit frischen Blick zu betrachten.

Wie oben ausgeführt, wird aufgrund Mailers problematischer Vita und seiner bisweilen radikalen Überzeugungen der Impuls zu einer Bergung und Neubewertung dieses famosen literarischen Schatzes wohl kaum von außen kommen, stattdessen muss dieser in einer offenen, interessierten, mündigen Leserschaft selbst entstehen. Zu Norman Mailers einhundertstem Geburtstag am 31. Januar 2023 wird es Artikel und Beiträge im Netz, in Presse, Hörfunk und Fernsehen geben. Und auch diese werden wieder in großen Teilen einem Schwarzbuch ähneln und weniger eine unbefangene kritische Beschäftigung mit dem künstlerischen Werk bieten. Denn es gelingt noch immer nicht, den Künstler Mailer von der Berühmtheit Mailer und von der Persönlichkeit Mailer zu trennen. Gerade in diesen Tagen will dies nicht gelingen.

Die US-amerikanische Journalistenikone Gay Talese ist überzeugt, dass sein Land einen Norman Mailer heutzutage nötiger hat denn je. Die Vereinigten Staaten seien inzwischen in Geiselhaft woker Wortführer, die bereit seien, jeden mundtot zu machen, der öffentlich eine Meinung vertrete, die ihren Überzeugungen zuwiderlaufe. »Würde Norman Mailer noch leben«, so Talese im Jahr 2020, »würde er sich sicherlich gegen diesen Frontalangriff auf den Ersten Verfassungszusatz [der in den USA unter anderem die Redefreiheit garantiert] stellen. Aber leider gibt es heute keine Schriftsteller, die Mailers Charakterstärke haben, sein widersprüchliches Wesen und seinen ausgeprägten Sinn für unabhängiges Denken, um diesen jungen Jakobinern die Stirn zu bieten. Oh, wie ich Norman Mailer gerade jetzt in Amerika vermisse!«7

Vielleicht gelingt es einem deutschsprachigen Lesepublikum, den USA hierin zuvorzukommen und den expatriierten Schriftsteller Norman Mailer für sich zu reklamieren. So wie es das bereits bei einem Jack London oder einem Charles Bukowski geleistet hat.

Steven Thomsen, im Juni 2022

Der junge Norman Mailer, 1940

Heimat Brooklyn

Norman ist das erste Mitglied der Familie Mailer, das in den USA zur Welt kommt. Seine Eltern sind litauische Juden und beide auch in dem osteuropäischen Land geboren, das damals noch zum Russischen Kaiserreich gehört. Der Vater, Isaac Barnett »Barney« Mailer, ist im Jahr 1900 als Neunjähriger mit seinen Eltern nach Südafrika ausgewandert. Das Land am Kap der guten Hoffnung ist seit der Entdeckung von Gold- und Diamantminen in den 1870er-/80er-Jahren ein Anziehungspunkt für Tausende junger Juden, die hier ihr persönliches Ophir, das sagenhafte Goldland der hebräischen Bibel, zu finden hoffen. Norman Mailers Mutter Fanny Schneider kommt vierjährig als jüngstes von fünf Kindern 1895 in die Vereinigten Staaten. Ihre Familie betreibt ein Hotel in Lakewood, New Jersey. 1921 trifft Fanny dort auf Barney Mailer, der sich mit seiner Schwester Anne Kessler und deren Mann Dave Kessler in dem Hotel eingemietet hat. Barney Mailer ist Buchhalter und lebt in New York. An dem Wochenende, an dem das Trio eincheckt, hat Fanny Schneider frei. Während Anne Kessler sich mit ihrem Mann einrichtet, muss Barney Mailer unter der Woche zurück nach New York zur Arbeit. Diese Zeit nutzt Anne, um sich mit Fanny bekanntzumachen und mit der in Liebesdingen unbedarften Frau über ihren Bruder zu sprechen. Die junge Wirtin zeigt eine gewisse Neugier in Bezug auf den abwesenden Gast. Am darauffolgenden Wochenende begegnen sich die beiden.

Barney Mailer ist eine auffällige Erscheinung. Der Dreißigjährige legt großen Wert auf sein Äußeres, gibt sich mondän, trägt Handschuhe und Gamaschen, benutzt aus modischen Gründen einen Gehstock. Er hat die Anmutung eines Mannes von Welt, wenngleich der Geck nur wenige Schichten unter der Oberfläche schlummert. Auch seine Art zu reden ist ungewöhnlich, vermengt er doch britisches Englisch mit Jiddisch und seinem südafrikanischen Zungenschlag.

Fanny Schneider hat schon als junge Frau etwas Gluckenhaftes, das Weltläufige geht ihr ab. Obwohl keine Schönheit, ist sie alles andere als unansehnlich. Das kleine, robuste, gutmütige Gesicht wird geprägt von einem großen Mund und einer leicht knubbeligen Nase. Die verschiedenen Facetten ergeben ein dennoch harmonisches Ganzes. Auffallend an ihr ist das dichte, wellig-wollige dunkle Haar, das nicht fällt, sondern sich auftürmt.

Dass sie Barney Mailer gefallen will, zeigt sich weniger an Äußerlichkeiten als daran, dass sie sich ihm gegenüber jünger macht. Mit ihrem Geburtsjahr nimmt sie es auch innerhalb der eigenen Familie nicht so genau. Sie legt bei ihren »Verjüngungskuren« ein solches Geschick an den Tag, dass ihr tatsächliches Geburtsjahr heute nicht mehr zweifelsfrei nachzuweisen ist. Wahrscheinlich aber ist, dass Fanny Schneider 1891 und somit im selben Jahr wie Barney geboren wurde. Ihrem Kavalier aber verkündet sie, zehn Jahre später zur Welt gekommen zu sein. Das geht ihr auch deshalb so leicht über die Lippen, weil sie ohne Geburtsurkunde eingereist ist und von den USA aus praktisch keine Möglichkeit hat, auf das in Litauen befindliche Dokument zuzugreifen.

Fanny und Barney finden Gefallen aneinander. So sehr, dass sie sich bereits im folgenden Jahr, am 14. Februar 1922, in Manhattan das Jawort geben. Sie unternehmen eine einwöchige Hochzeitsreise nach Atlantic City. Über ihren Aufenthalt auf dem – laut Eigenwerbung – »Spielplatz der Welt« ist nichts bekannt. Es wäre aber nicht verwunderlich, wenn die frisch vermählte Fanny hier, wo Touristen dem in den USA eigentlich verbotenen Glücksspiel frönen können, erstmals eine der Schattenseiten ihres Mannes entdeckt oder zumindest erahnt: Barney Mailer ist wett- und spielsüchtig. Dieses Laster wird ihn und die Familie in den kommenden Jahren mehr als einmal in große Bedrängnis bringen.

Nach seiner Rückkehr richtet sich das Paar zunächst bei der weitverzweigten Familie der Braut in Long Branch, New Jersey, ein. Barney fühlt sich wohl bei den Schneiders, sicherlich auch deshalb, weil er mit Ausnahme seiner Schwester vom eigenen engsten Familienkreis in Südafrika abgeschnitten ist. Es dauert nicht lange, bis die beiden Jungvermählten ihre eigene Familie gründen. Am 31. Januar 1923, morgens um kurz nach sieben, kommt im Monmouth Memorial Hospital in Long Branch ihr erstes Kind zur Welt. Die Geburt ist so belastend und langwierig, dass sich die junge Mutter schwört: »Keine weiteren Babys mehr. Nie mehr.«8

Das Neugeborene erhält den hebräischen Namen Nachum Malech, anglisiert in Norman Kingsley, Norman der König. Tatsächlich behandelt Fanny ihren Jungen von Anfang an so, als sei er qua Geburt für Höheres bestimmt. Auch ihre Schwestern lieben das Baby, ebenso wie der Rest des Schneider-Clans. Tante Anne und Onkel Dave sind ebenfalls von dem Kleinen entzückt. Für die Kesslers, die selbst keine Kinder haben, nimmt Norman von Anfang an eine besondere Stellung in ihrem Leben ein.

Am 6. April 1927 bricht Fanny Mailer ihren über den Kreißschmerzen herausgestoßenen Schwur und bringt mit Barbara Jane ein zweites Kind zur Welt. Einen weiteren Spross aber versagt sie sich.

Im Sommer 1928 verlassen die Mailers Long Branch. Sie ziehen mit den Kindern nach New York City, in den Bezirk Brooklyn, das Zentrum des streng orthodoxen Judentums in den USA. Die Familie erzieht ihre Kinder im Glauben an Gott, doch bestimmen die Regeln ihrer Religion nicht den Alltag der Mailers. Vier Jahre später lässt sich die Familie in Crown Heights nieder, der Ecke Brooklyns, wo sie nun wirklich sesshaft wird.

Norman ist inzwischen neun Jahre alt und besucht die Grundschule. In der Public School161 in der Crown Street fällt er mit herausragenden Noten auf, nicht zuletzt deshalb, weil er schon vor seiner Einschulung lesen kann. Als er die Schule verlässt, um an die angesehene Boys’ High School in der Marcy Avenue in Bedford-Stuyvesant zu wechseln, ruft ihm der Schulleiter nach, Norman verfüge über »den höchsten IQ, den wir jemals an der P.S.161 hatten«9.

Der intelligente Junge denkt sich schon früh Geschichten aus und schreibt sie auf – ein erstes Indiz dafür, dass die Mutter mit ihrer Ahnung Recht behalten wird: Ihr Kind ist etwas Besonderes. Vor allem aber ist es wohlbehütet. Fanny überschüttet ihren kleinen Prinzen, den kommenden König Norman Kingsley, mit Liebe und Aufmerksamkeit, gibt ihm das Gefühl, dass das Schicksal ihn tatsächlich für Höheres auserkoren hat. Sie richtet die Erziehung ihrer Kinder ganz auf die Förderung der Anlagen Normans hin aus. Vater und Schwester sehen in ihm ebenfalls den Hochbegabten, den es unter allen Umständen zu schützen und zu unterstützen gilt. Zwar erziehen die Eltern auch Barbara dahingehend, dass sie besser und klüger zu sein habe als andere Kinder. Doch Norman gilt ihre Hauptaufmerksamkeit.

Ausgestattet mit einem solchen Rüstzeug, wächst im jungen Mailer rasch ein Bewusstsein der eigenen Bedeutung heran. Diese ist bis dahin rein innerlich angelegt. Von Wuchs ist Norman klein, schmal, eher schwächlich. Körperlichen Auseinandersetzungen ist er trotz zum Teil wilder Nachbarsjungs nicht ausgesetzt, geschweige denn, dass er das durchaus alterstypische Kräftemessen sucht.

Einem Kräftemessen existenzieller Art sehen sich seine Eltern gegenüber. Eine landesweite Wirtschaftskrise greift um sich, die sich schließlich zu einer weltweiten Rezession auswächst. Ausgehend von einem weitreichenden Spekulationsfieber und dem darauffolgenden Kollaps der New Yorker Börse im Herbst 1929, befindet sich die US-Wirtschaft in einer schweren Krise. Norman ist zu Beginn der Great Depression, wie diese Zeit großer Entbehrungen genannt wird, sieben Jahre alt. Seine Familie kämpft wie so viele andere im Land um ihre wirtschaftliche Basis. Der Vater verliert seine Anstellung als Buchhalter und schlägt sich fortan als Gelegenheitsarbeiter durch. Sein unregelmäßiger Verdienst landet immer öfter in den Taschen von Buchmachern. Sein Schwager Dave Kessler, der auch schon mal Barneys Schulden bei einem Kredithai begleicht, betreibt in Brooklyn unter anderem einen kleinen Heizöllieferservice. Anfangs hilft Barney in dessen Sunlight Oil Company aus, genauso wie seine Frau. Getrieben vom Verantwortungsgefühl für ihre Kinder, arbeitet sich Fanny in das Business ein und leitet schließlich das Büro. In ihrem aufopferungsvollen Einsatz für die Familie ähnelt Fanny Mailer der Mrs. Schearl in Henry Roths 1934 erschienenem Roman »Nenn es Schlaf«, einer eindrucksvollen Schilderung jüdischen Lebens in New Yorks Lower East Side. Der Literaturkritiker Melvin J. Friedman sagt über die lebenstüchtige Romanfigur: »Sie ist die bescheidene Einwanderermutter und Ehefrau, die mit großem Mut auf Armut und Vertreibung reagiert.«10 Mailers Vater hat den Betrieb des Schwagers zu diesem Zeitpunkt schon wieder verlassen. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs geht er keiner geregelten Arbeit mehr nach.

Trotz der bedrückenden Lage während der Great Depression verbringen Norman und seine Schwester beglückende Sommerurlaube im Hotel ihrer Tante Jennie in Long Branch an der Küste New Jerseys. Die See hat es dem Jungen angetan. Das Licht, die Gerüche, der Wind, das Getöse und die Gewalt der Wellen, der schier unendliche Horizont beeindrucken ihn tief. Hier, im touristisch geprägten Ferienort, können er und Barbara die Bilder der fortschreitenden Verelendung der Menschen, denen sie in New York ausgesetzt sind, zeitweise ausblenden. Für Norman Mailer zählen die Sommertage in Long Branch zu den schönsten Kindheitserinnerungen. Hier entsteht auch eine tiefe Verbindung zu seinem acht Jahre älteren Cousin Cy Rembar, von dem er später sagt, dass er seiner Vorstellung von einem großen Bruder am nächsten kam11.

Unterdessen gefährdet die fortgesetzte Spielsucht Barney Mailers ernsthaft die Ehe der Eltern. Entgegen allen Beteuerungen setzt der Vater weiterhin Geld auf alles, worauf sich wetten lässt, und bedroht damit die wirtschaftliche Existenz der Familie. Er ist in dieser Hinsicht ein Gegenbild des Arnold Morgenstern, des selbstlosen jüdischen Familienvaters in Herman Wouks Roman »Marjorie Morningstar«, von dem es heißt: »Seit seiner Heirat hatte er jeden Dollar, den er verdiente, für den Komfort seiner Familie und die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen ausgegeben.«12

Die Situation ist verwickelt, und die Belastungen der Ehe sind tiefgehend, eine Scheidung aber kommt für Mailers Mutter nicht infrage. Fanny glaubt, sie müsse alle Schwierigkeiten, die ein Eheleben mit sich bringt, auf sich nehmen und erdulden. Alles andere wäre ein Scheitern, das auf sie selbst zurückfiele. Außerdem hätte, so vermutet Norman Mailer gut dreißig Jahre später in einem Brief an einen Freund, eine Trennung das Lebenswerk seiner Mutter gefährdet, »das zufälligerweise ich war«13. Also arrangiert sie sich. Wenn es finanziell eng wird, rückt eben die gesamte Familie zusammen.

Ungeachtet der angespannten gesamtwirtschaftlichen Situation und der Eskapaden ihres Mannes schafft es die Mutter durch ihre leitende Stellung im Heizöllieferdienst ihres Schwagers, die Familie über Wasser zu halten. Während sie täglich zehn bis zwölf Stunden im Einsatz ist, kümmert sich eine Nanny um Norman und Barbara. Tatsächlich mangelt es den Kindern zu keiner Zeit an den elementaren Dingen des Lebens. Norman erhält sogar Klarinetten- und Saxofonunterricht. Für beide Instrumente fehlt ihm das Talent. Dafür zeigt er großes Geschick im Bau von Modellflugzeugen. Der Jugendfreund Arnold Epstein erinnert sich: »Norman war ständig mit dem Bau seiner Flugzeuge beschäftigt, er baute einige der besten Modelle, die wir je gesehen hatten.«14

Doch da ist gleichzeitig die Freude am Lesen und Schreiben, die den Heranwachsenden begleitet. Wie viele Jungs in seinem Alter interessiert er sich für Science-Fiction. Die vom Sender CBS seit 1932 ausgestrahlte Hörspielreihe um den Raumfahrer Buck Rogers inspiriert den jungen Mailer dazu, sich eine eigene Weltraumgeschichte auszudenken. Sein Zukunftsroman »The Martian Invasion«, in dem vom Helden Bob Porter angeführte Eroberer den Planeten Mars besetzen, umfasst gut zweihundert Notizblockseiten. Ein erstaunliches Quantum für einen Zehnjährigen.

Als Jugendlicher begeistert sich Norman Mailer für die Abenteuerromane von Schriftstellern wie Jeffery Farnol oder Rafael Sabatini, dessen Buchreihe um Captain Blood er liebt. In den Werken beider Autoren steht ein besonderer Rollentypus im Zentrum, der sogenannte Swashbuckler, der ritterliche, galante Held, wie er in Mantel-und-Degen-Filmen von Douglas Fairbanks und Errol Flynn verkörpert wird: Draufgänger, die Gefahren und Abenteuer mühelos bewältigen, die sich als Piraten artistisch durch die Takelage schwingen oder als Musketiere eine feine Klinge führen. Auch verschlingt das fantasiebegabte Kind Edgar Rice Burroughs’ auf dem Planeten Mars angesiedelte »Barsoom«-Bände ebenso wie dessen »Tarzan«-Bücher. In der Schule sind es aber nach wie vor Mathematik und die Naturwissenschaften, in die der Teenager all seine Energie steckt.

Außerhalb des Klassenzimmers erblüht Normans Interesse am anderen Geschlecht. So wie sein Geist nach intellektuellen Herausforderungen giert, lechzt die Libido des Jugendlichen nach ersten sinnlichen Erfahrungen. Doch steht er sich dabei zunächst selbst im Weg. Er ist, wie er noch 1968 über sich sagt, »der brave jüdische Junge aus Brooklyn«15 und beileibe kein Draufgänger. Mailer ist als Jugendlicher so ganz anders als sein Idol Studs Lonigan, der hitzköpfige, erlebnishungrige Halbwüchsige der gleichnamigen Romantrilogie von James T. Farrell, die er in seinem ersten Jahr an der Universität verschlingen wird. Dass in den Büchern jüdische (und schwarze) Kids von Studs’ Straßenbande gewaltsam drangsaliert werden, überliest er geflissentlich. Ihn zieht das Wilde und Rohe der Geschichten an, die archaische Seite männlicher Adoleszenz, die ihm bislang fremd ist, die er aber sehr wohl in sich verspürt.

Da Mailers Interesse an Flugzeugen und technisch-mathematischen Dingen sowie an naturwissenschaftlichen Fächern anhält, beschließt die Familie, dass er sich für ein Luftfahrttechnikstudium einschreiben soll. Die Entscheidung für eine akademische Ausbildung ist damit gefallen. Als Studienort werden zwei Optionen diskutiert. Anne und Dave Kessler sprechen sich für das renommierte Massachusetts Institute of Technology aus. Hier würde ihr Neffe eine großartige technische Ausbildung genießen. Aber eben nur eine technische. Fanny Mailer wünscht sich für ihren Sohn umfassendere Studien, und diese auf höchstem Niveau. Der Name Harvard fällt. Die grimmige Entschlossenheit Fanny Mailers, ihren Kindern den idealen Start ins Leben zu ermöglichen, bereitet Norman schließlich den Weg an die im siebzehnten Jahrhundert gegründete Privatuniversität. »Seine Mutter kratzte alles [an Geld] zusammen, was möglich war«, erklärt Maggie McKinley, Präsidentin der Norman Mailer Society. »Außerdem wurde Mailer durch seinen Onkel Dave finanziell unterstützt; darüber hinaus erhielt er in seinem zweiten Studienjahr ein Stipendium.«16

Nun ist es allerdings so, dass die Harvard University im Jahr 1939 gar keinen Studiengang im Bereich Luftfahrttechnik anbietet, sondern nur ganz allgemein Ingenieurwissenschaft. Das bedeutet freilich nicht, dass Mailer seinen Traum vom Flugzeugbauer aufgeben muss. Mit einem Harvard-Bachelor17 in der Tasche kann er überall in den USA ein ergänzendes Studium draufsatteln.

Harvard

Mit seinen sechzehn Jahren ist Norman einer der Jüngsten in Harvard. Er sticht zudem mit seinem Brooklyner Slang heraus, der seine Herkunft aus der unteren Mittelschicht New Yorks anklingen lässt. Und auch mit seinem Studiengang fällt er aus der Reihe: Harvard hat eine lange Tradition in den Fachbereichen Politik, Wirtschaft, Literatur, Jura und Geschichte. Ja, Ingenieurwesen wird ebenfalls angeboten, aber das studiert man hier nicht.

Und dann ist Mailer Jude. Sicherlich nicht der einzige am Campus, doch wird Harvard in jenen Tagen noch von den Söhnen der WASPs dominiert, der White Anglo-Saxon Protestants, der Spitze der amerikanischen Gesellschaftspyramide. Sie umweht der Habitus der eigenen Bedeutung, des Wohlstands sowie des politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Einflusses ihrer seit dem siebzehnten Jahrhundert in Amerika ansässigen Familien. Norman Mailer erfährt in seinen vier Jahren in Harvard nach eigenem Bekunden keinerlei offen antisemitische Anfeindungen. Dennoch ist der Wechsel in das Upperclass-Milieu Neuenglands ein Schock für den Jugendlichen. Er reagiert mit Rückzug. Seine Mitbewohner berichten später, dass er das Wohnheim anfangs praktisch nur für Lehrveranstaltungen verlässt. Das Bild, das sie aus dieser Zeit von ihm im Gedächtnis behalten haben, ist das des in seiner Bude am Schreibtisch über die Bücher und die Schreibmaschine gebeugten Studenten. Dass er aber auch beim Pauken seine Gedanken schweifen lässt, belegen die Pin-ups von populären Schönheiten wie Betty Grable oder Rita Hayworth, die er an der Wand befestigt hat.

Sicher will Norman am College sein Bestes geben, um die Familie, die so viele Opfer für ihn bringt, nicht zu enttäuschen. Gleichzeitig ist Lernen für den körperlich noch immer etwas unterentwickelten Teenager nach wie vor der ideale Weg, um in Harvard dem System Harvard zu entfliehen. Im Laufe seiner Studienzeit wird er sich mithilfe des gewaltigen Bestands der weltberühmten Harvard Library ein enzyklopädisches Wissen aneignen.

Im Winter 1939/40 entdeckt er die zeitgenössische amerikanische Literatur für sich. Norman besucht die Pflichtveranstaltung »English A«, wo die Studenten an die Werke von Autoren wie John Dos Passos, F. Scott Fitzgerald, William Faulkner, Ernest Hemingway und John Steinbeck herangeführt werden. Die Auseinandersetzung mit Büchern wie »Fiesta«, der »U.S.A.«-Trilogie oder »Früchte des Zorns« elektrisiert den aufnahmebereiten Jungen, der dadurch an seine eigenen Ambitionen erinnert wird. Rund vier Jahre lang hat er keine Texte mehr geschrieben. Jetzt fängt er wieder damit an.

Vor allem die Lektüre James T. Farrells bestärkt Norman darin, selbst schreiben zu können und überhaupt etwas mitzuteilen zu haben. Farrells konventionell erzählte Romantrilogie »Studs Lonigan« gibt am Beispiel von Chicago ein naturalistisches, ungeschöntes Bild der Vereinigten Staaten zur Zeit der Great Depression. Sein Titelheld ist all das, was der »nette jüdische Junge aus Brooklyn« nicht ist. Der junge Draufgänger William »Studs« Lonigan, zu Beginn der Geschichte vierzehn Jahre alt und wie Mailer von kleiner Statur, treibt sich in den Straßen Chicagos herum, lässt sich mit Prostituierten und Kriminellen ein, trinkt unmäßig, prügelt sich, legt sich mit der Polizei an und entfremdet sich innerlich von seiner irisch-katholischen Familie und ihren Bestrebungen, sich aus ihren prekären Verhältnissen zu befreien. Die harte, schmucklose, mit Slangausdrücken gespickte Milieuschilderung enthüllt Norman Mailer eine Seite, von der er bislang bestenfalls eine dunkle Ahnung gehabt hat. Im 1932 erschienenen ersten Band der Erzählung gibt es diese Szene, in der Studs vor dem Spiegel steht, im Mundwinkel eine Zigarette, und verschiedene Posen und Gesichtsausdrücke ausprobiert, ehe er denjenigen vor sich erkennt, der er sein möchte: »Er steckte sich die Kippe wieder in den Mund und sah aus, wie Studs Lonigan aussehen sollte.«18 Die eigene Persönlichkeit oder zumindest deren Erscheinung nach den Parametern formen, die man für sich erträumt, um der Mann zu werden, der man sein will – eine solche Verheißung fällt bei Norman Mailer in seinem ersten Jahr in Harvard auf fruchtbaren Boden. Er möchte nicht der weiche, verzärtelte Knabe bleiben, als der er hierhergekommen ist.

Seine Sprache wird rauer, Flüche und Kraftausdrücke gehören bei ihm irgendwann wie selbstverständlich dazu (auch hier ist der Einfluss seines literarischen Vorbilds Studs Lonigan spürbar). Außerdem beginnt er zu rauchen. Ausnehmend lässig sitzt er dann da und schnippt die Asche einer Zigarette in die umgestülpte Hosentasche, die ihm seitlich vom Becken absteht. Reinlich ist das nicht, aber cool. Und ein Signal an seine Kommilitonen. Denn schließlich ist das Küken Norman – ähnlich wie der kleine Uli von Simmern in Erich Kästners Jugendroman »Das fliegende Klassenzimmer« – in einer Situation, in der er sich den anderen in seiner Lehranstalt gegenüber glaubt beweisen und behaupten zu müssen. All dies vollzieht sich nicht plötzlich, es ist ein Prozess. Und auch als Mailer Harvard verlässt, ist sein Image des harten Kerls noch längst nicht fertig modelliert.

Schrittweise vollzieht sich auch Normans innerliche Ablösung von seinem Studienhauptfach Ingenieurwesen. Nach einem Jahr am College aber steht für ihn fest: Er will Schriftsteller werden. Den langgehegten Traum vom Flugzeugbauer gibt er auf, um sich Zutritt zum luftigen Reich der Geisteswelt zu verschaffen. Im Schreiben hat er seine eigentliche Berufung gefunden. Befeuert nicht zuletzt durch hochqualifizierte Lehrkräfte, intellektuelle Stützen, wie sie sich ein angehender Literat in den USA jener Tage nur wünschen kann. Zu Mailers Dozenten gehören unter anderen der spätere Pulitzerpreisträger Wallace Stegner, der gefeierte Kritiker Mark Schorer und der junge Dichter Delmore Schwartz, der fünfundzwanzig Jahre später an der Universität von Syracuse, New York, auch dem Literaturstudenten und kommenden Rockstar Lou Reed als Mentor zur Seite stehen wird.

Im darauffolgenden Jahr 1941 ermuntert ihn ein Dozent, an einem landesweiten Literaturwettbewerb teilzunehmen. Dieser wird alljährlich vom angesehenen New Yorker Magazin »Story« veranstaltet und richtet sich an vielversprechende studentische Autoren. Der Achtzehnjährige reicht einen Beitrag ein, den er zuvor in der universitätseigenen Kulturzeitung The Harvard Advocate veröffentlicht hat. Und der Redaktion der Zeitschrift, in der schon Erzählungen namhafter Autoren wie Farrell, Erskine Caldwell oder Richard Wright veröffentlicht worden sind, gefällt, was sie da liest: »The Greatest Thing in the World« (»Das Größte auf Erden«) ist die spannend und flink erzählte Geschichte des jungen Landstreichers Al Groot. Dieser lernt eines Nachts drei Männer kennen und gibt ihnen gegenüber vor, etwas Geld zu besitzen. In einer schäbigen Kellerpinte lässt sich Groot mit einem von ihnen auf eine Partie Billard um einen geringen Betrag ein. Der Mann lässt Al zunächst gewinnen. Rasch steigt der Einsatz, und der Junge erkennt, dass der andere ihn betrügerisch um sein – nicht vorhandenes Geld – bringen will.

Die mit lebendigen, sich gegenseitig übervorteilenden Figuren ausgestattete Erzählung lässt sich nur vor dem Hintergrund der Great Depression gänzlich erfassen. Das Sujet ist für einen Harvard-Graduate zumindest ungewöhnlich. Mailer taucht in dieser Geschichte ab in eine Welt, die nicht die seine ist, die es aber gibt. Eine Welt von Gewalt und Perspektivlosigkeit, bevölkert von Menschen, denen Instinkte und Triebe den Weg weisen. Eine Welt, in der diejenigen bestehen, die die Schwächen ihres Gegenübers sofort zu erkennen und skrupellos für sich zu nutzen wissen. Eine Welt voller Härte, aber nicht ohne Poesie.

Die Entscheidung der Jury fällt einstimmig. Der junge Verfasser erzielt den ersten Preis. Ein großartiger Erfolg, der dem Studenten im zweiten Semester eine höchst willkommene Siegprämie von einhundert Dollar beschert und ihm auch auf dem Campus Anerkennung einbringt. Wichtiger aber ist, dass ein Mitarbeiter des Magazins Time die Geschichte in die Hand bekommt und diese an Theodore »Ted« Amussen vom Verlag Farrar & Rinehart (ab 1946 Rinehart & Company) in New York weiterleitet. Der junge Lektor ist beeindruckt von dem studentischen Autor. Er ermutigt Mailer weiterzuschreiben, nach Möglichkeit einen Roman.

Ermuntert durch seinen Erfolg und den Ansporn durch Amussen, nimmt Mailer im Sommer 1941 in Long Branch einen eigentlich fertigen Text wieder zur Hand, für den er bereits fünfundvierzigtausend Wörter zu Papier gebracht hat. Am Ende seiner Ferien hat er diesen auf rund achtzigtausend Wörter erweitert. »No Percentage« ist der erste von zwei Romanen, die er als Student verfasst. Hauptfigur des Textes ist Robert Branstein, ein Kunststudent aus reichem Haus, der mit seiner wunderschönen Freundin Sheila einer scheinbar idealen Zukunft entgegensieht. Tatsächlich aber ist er mit seinem Leben unzufrieden. Als Sheilas Vater ihn zur Heirat mit seiner Tochter drängt, macht er sich aus dem Staub. Er zieht los, um per Anhalter die Welt zu entdecken. Doch er ist nicht gemacht für ein Leben als Aussteiger am Straßenrand; keinesfalls verfügt er über die Zähigkeit des Protagonisten aus Tom Kromers Hobo-Roman »Waiting for Nothing« (1935). So kehrt Branstein nach New York in sein unerfülltes Dasein zurück.

Mailer schickt das Manuskript an Amussen. Und dem Lektor gefällt auch diese Geschichte. Er reicht sie innerhalb des Hauses an einen seiner Chefs weiter. Doch dieser winkt ab, er hält den Text für zu juvenil, für unausgegoren. Eine Einschätzung, die Mailer Jahre später nachvollziehen kann: »Es gefiel ihm [Ted Amussen], und er zeigte es John Farrar von Farrar and Rinehart, der vermutlich dachte: ›Na ja, das ist der Enthusiasmus eines sehr jungen Lektors für das Buch eines sehr jungen Schriftstellers. Tatsächlich ist es ein bisschen einfältig und nicht wert veröffentlicht zu werden.‹«19

Die Absage ist der erste Rückschlag Mailers auf seinem Weg zum Berufsschriftsteller. »No Percentage« ist bis heute nicht erschienen; das Manuskript lagert im Norman-Mailer-Archiv des Harry Ransom Center an der University of Texas in Austin.

Amerikas Eintritt in den Zweiten Weltkrieg

Seit Mailer als Sechzehnjähriger den Campus in Cambridge betreten hat, herrscht Krieg in Europa. Die vom Ausland ungläubig verfolgte beispiellos rasante Erweiterung des deutschen Macht- und Einflussbereichs durch die Niederwerfung von Polen, Norwegen, Dänemark, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Frankreich und Bulgarien sind Gesprächsstoff auf dem Campus. Die meisten Harvardstudenten unterstützen noch die Neutralitätspolitik ihres Landes. Sollten die USA sich genötigt sehen, in den Krieg einzutreten, steht zu vermuten, dass viele Absolventen einberufen werden. Mailer verdrängt diese Aussicht für sich zunächst. Als am 7. Dezember 1941 die mit dem Deutschen Reich verbündeten Japaner den US-Flottenstützpunkt Pearl Harbor auf der Hawaiiinsel Oahu attackieren, treten die Vereinigten Staaten in den von Nazideutschland entfesselten Krieg ein, der jetzt einen weiteren Schauplatz im Pazifik erhält und sich damit zum Weltkrieg ausweitet. Am 8. Dezember erklären die USA Japan den Krieg. Drei Tage später erklären Deutschland und Italien den USA ihrerseits den Krieg. Die Aussicht, gegen Japan und die Achsenmächte ins Feld ziehen zu müssen, statt einen hochdotierten Posten zu bekleiden, ist für Studenten von Harvard und der anderen Colleges im Land real geworden.

Wenige Wochen nach Pearl Harbor lernt Norman Mailer eine junge Musikstudentin der Boston University kennen. Ihr Name ist Beatrice »Bea« Silverman. Die Metzgerstochter aus dem nahegelegenen Chelsea, Massachusetts, ist wie er ein Kind von Aschkenasim, von osteuropäischen Juden. Die väterliche Seite ihrer Familie stammt aus der Ukraine, die mütterliche aus Litauen. Ein befreundeter Kommilitone Mailers, den er zu einem Konzert der Bostoner Sinfoniker begleitet, hat das Treffen arrangiert. Beas fester Freund ist krank und kann sie an diesem Tag nicht begleiten. Mailer wittert seine Chance. Er selbst interessiert sich nicht für klassische Musik und hat auch keine Ahnung davon. Trotzdem fühlen sich die beiden jungen Leute zueinander hingezogen. Gleich in der ersten Nacht landen sie zusammen im Bett. Es ist Bea, die dem darbenden Jungmann seine erste reife sexuelle Beziehung, überhaupt seine erste richtige Partnerschaft, beschert.

Die um ein Jahr Ältere ist in Liebesdingen erfahren und freigiebig. Bea tritt für die sexuelle Freiheit der Frau ein und macht sich auch für andere Freiheiten stark, die ihr wie allen anderen Frauen noch verwehrt seien. Die weitgehend selbstbestimmte Studentin folgt Norman bereitwillig in dessen Bude auf dem Campus. Dort kommen die beiden tagelang nicht aus dem Bett.

Sie sind ein auffälliges Paar. Bea ist eine ausgesprochene Schönheit. Sie hat volles dunkles Haar, ein offenes Gesicht mit klaren, scharf geschnittenen Zügen und einen weit gefassten Mund mit feinen Lippen und einem gewinnenden Lächeln. Und sie hat einen wachen Blick, der ihren freien Geist verrät. Genauso wie ihren scharfen Verstand. Bea diskutiert leidenschaftlich gerne über Musik, Literatur und Politik. Sie genießt die Aufmerksamkeit anderer Menschen. Gleichzeitig gibt sie sich gerne ordinär, ohne es zu sein, aus Übermut und um ihr Umfeld zu provozieren. So entsinnt sich Alice Adams, eine Bekannte des Paars, eines Besuchs Beas bei den Eltern ihres Mannes Mark Linenthal: »Ich erinnere mich, dass sie Wörter wie ›Scheiße‹ und ›Fuck‹ sagte, nur weil es die Linenthals ärgerte und sie absichtlich peinlich wirken wollte. Sie benutzte viele sogenannte schmutzige Wörter, aber zielgerichtet«.20

Norman besitzt ebenfalls eine starke Aura. Menschen, die ihm das erste Mal begegnen, heben übereinstimmend seine eindrucksvollen blauen Augen hervor, deren Blick man sich kaum entziehen könne. Er ist nach wie vor schmal, hat aber inzwischen markante männliche Züge entwickelt. Ein fescher junger Kerl. Noch legt er eine gewisse Scheu an den Tag, die aber nach und nach – wir sprechen hier von (wenigen) Jahren – von seiner Impulsivität, seiner Energie und einer entwaffnenden Selbstgewissheit überstrahlt und schließlich verdrängt wird. Gemeinsam sind die jungen Liebenden eine Naturgewalt. »Wenn Norman und Bea einen Raum betraten, erhellte er sich«, weiß Beas jüngere Schwester Phyllis Silverman-Ott zu berichten. »Sie waren unsere Idole.«21

Amerika dürstet derweil nach anderen Helden. Immer mehr junge Männer melden sich zum Dienst an der Waffe. Auch die Zahl der Harvardabsolventen, die sich in den Registrierungsbüros einschreiben, steigt. Mailer zögert noch. Der Neunzehnjährige ist im dritten Studienjahr. Auch er könnte seine Prüfungen vorantreiben, um möglichst rasch seinen Abschluss zu machen und so in den Krieg im Pazifik zu ziehen. Er tut es nicht. Über die Gründe spricht er nicht. Immerhin gilt im Land eine allgemeine Wehrpflicht, der alle wehrfähigen Männer zwischen einundzwanzig und fünfundvierzig Jahren unterliegen. Mailer wird sich demnach so oder so mustern und registrieren lassen müssen. Einmal registriert, wird er wie alle anderen an der sogenannten Draft Lottery teilnehmen, das heißt, der Einberufungsbescheid erfolgt per Los. Im gesamten Verlauf des Krieges wird etwa jeder fünfte registrierte Amerikaner zum Militärdienst eingezogen.

Derweil hat der Student Norman Mailer ein dringlicheres Problem: Ihm gehen die finanziellen Mittel aus. Er braucht unbedingt einen Ferienjob. Ihm kommt zu Ohren, dass das Boston State Hospital, eine rund fünfzehn Kilometer entfernte Nervenheilanstalt, Aushilfskräfte sucht. Zusammen mit dem Kommilitonen Douglas Woolf bewirbt er sich dort. Beide werden genommen. Am 12. Juni tritt Mailer seinen Dienst in der Klinik an, bei einem Wochenverdienst von fünfzehn Dollar plus Unterkunft und Verpflegung. Vorher versichert er seiner Mutter noch, dass sie sich nicht zu sorgen brauche, da die Patienten auf seiner Station harmlos seien.22 Neben der Aufbesserung seiner Finanzen geht es dem angehenden Berufsschriftsteller darum, neue Erfahrungen zu sammeln. Und mit der Arbeit in der psychiatrischen Anstalt taucht er in eine Sphäre ein, die ihm vollkommen unbekannt ist. Doch Mailer ist dieser pathologischen Gegenwelt zu Harvard nicht gewachsen. Das stellt sich schnell heraus.

Ein einschneidendes Erlebnis bei seiner Arbeit mit den Patienten ist die Konfrontation mit einem Jugendlichen. Mailer hat Dienst, als der junge Schwarze unvermittelt ausrastet. Er brüllt herum und schlägt unkontrolliert um sich. Schließlich zerbricht er einen Tisch und fuchtelt mit den Tischbeinen herum. Die Diensthabenden müssen befürchten, dass er sich und andere gefährdet, sie versuchen ihn mit Matratzen in eine Ecke zu drängen und zu überwältigen. Als der Junge sich aus dieser Situation befreit, kriegt Mailer ihn zu fassen; die Kollegen springen ihm bei und bringen den psychisch Kranken schließlich zur Räson. Unter Räson wird im Boston State Hospital die Unterwerfung eines Patienten verstanden, und die Unterwerfung in dieser Situation sieht so aus, dass die Pfleger den Jungen zu Boden bringen und bewusstlos prügeln. Mailer sieht dies mit an. »Ich habe ihn nicht geschlagen«, sagt er gut zwanzig Jahre später in einem Interview mit dem Magazin Life, »aber ich wusste, dass es vermutlich höchstens drei Monate gedauert hätte, bis ich selbst in eine solche Lage geraten wäre«23. Er meldet den Vorfall und wird daraufhin in einen anderen Bereich der Klinik versetzt. Auf der neuen Station kommt er in keine vergleichbare Situation mehr. Dafür schiebt er Zwölfstundenschichten und muss im Akkord Patienten waschen, Bettpfannen leeren und Böden wischen. Nach nur einer Woche schmeißt er hin.24 Sein Kumpel Douglas hat da bereits seit vier Tagen die Arbeit in der Anstalt aufgegeben. Das, was Mailer in der kurzen Zeit in der Klinik erlebt hat, verarbeitet er während des Sommers in einer Geschichte. Er will daraus ein Theaterstück machen. Am Ende hat er einen Dreiakter beisammen, dem er den Titel »Die Nackten und die Toten« gibt, diesen aber schließlich in »Man Chasm« (Menschliche Abgründe) abändert.

Langsam richten sich die Antennen des Studenten auch auf das, wovon jeder im Land direkt oder indirekt betroffen ist. Für Mailer bietet der Krieg der Amerikaner gegen die Japaner die Aussicht auf Erfahrungen, die er sonst nirgendwo machen kann. Dass der Einsatz hierfür exorbitant ist, ist ihm so klar, wie dies einem Mann seines Alters klar sein kann. Die Vorstellung vom eigenen Tod ist bei Menschen von neunzehn, zwanzig Jahren noch so abstrakt, noch in einem Maße undenkbar, dass sie bereit sind, das eigene Leben einzusetzen, wenn sie von einer Sache beseelt sind. Ernest Hemingway schreibt in der Einleitung zu der 1942 veröffentlichten Kriegsgeschichtenanthologie »Men at War«: »Andere Leute werden getötet, nicht du. Anderen kann das widerfahren, aber nicht dir.«25

Norman Mailer ist ein Mensch, der, wie sich ein Kommilitone ausdrückt, außerordentliche Ereignisse sucht, um daraus einen Nutzen für sich zu ziehen. Krieg ist für ihn ein solches Ereignis. Genauso wie der Brand in einem Bostoner Nachtclub. Am 28. November 1942 kommen bei einem Feuer und der einsetzenden Panik im überfüllten Cocoanut Grove fast fünfhundert junge Menschen zu Tode. Mailer schlägt zwei befreundeten Studenten vor, mit ihm die rund sieben Kilometer zum Leichenschauhaus zu fahren, um sich die dort zur Identifizierung aufgereihten verkohlten, teils schauerlich deformierten Körper zu besehen. Sie winken ab. Schließlich kann er Bea überreden, sich mit ihm dem schaurigen Spektakel auszusetzen. Sie geben sich als Verwandte eines vermissten Jugendlichen aus und werden tatsächlich vorgelassen, die Leiber der Unglückseligen zu inspizieren. Was sich ihm hier einprägt, wird er Monate später in einem literarischen Text verarbeiten.26

Von Harvard an die Front

In seinem letzten Studienjahr verfasst Norman Mailer »A Calculus at Heaven« (»Eine Rechnung mit dem Himmel«). Vollendet an seinem zwanzigsten Geburtstag, stellt die Erzählung seine erste literarische Auseinandersetzung mit dem Krieg – mit irgendeinem Krieg – dar. In gewisser Weise steckt er hier bereits den Rahmen für »Die Nackten und die Toten« ab: Hier wie dort sieht sich ein Trupp amerikanischer Soldaten einem Gegner gegenüber, den er nicht zu sehen und nicht zu fassen kriegt. Die US-Kämpfer in »Eine Rechnung mit dem Himmel« schaffen es zu Beginn der Geschichte gerade noch rechtzeitig, sich in einer Verteidigungsstellung vor den Maschinengewehrsalven der Japaner in Sicherheit zu bringen. In den folgenden Tagen liefern sie sich von dort aus immer wieder Feuergefechte mit dem unsichtbaren Feind.

Um Menschen in Kampfhandlungen glaubhaft schildern zu können, greift der Neunzehnjährige allein auf seine Vorstellungskraft zurück.27 Unter diesen Umständen kann die Erzählung die Strapazen und das Leid, die Selbstüberwindung und das Entsetzen, den Schweiß und das Blut zu keinem Zeitpunkt so authentisch wiedergeben wie sein Roman, den er nach seinem Kriegseinsatz schreiben wird. Dennoch ist »Eine Rechnung mit dem Himmel« ein eindrucksvoller Versuch. Der Text findet 1944 Aufnahme in »Cross-section: A Collection of New American Writing«, einer vom Harvardabsolventen und späteren Romancier und Kritiker Edwin Seaver zusammengestellten Anthologie mit unveröffentlichten Texten junger Schriftsteller.

Im Juni 1943 ist es so weit: Mailer schließt sein Ingenieurstudium erfolgreich ab und erfüllt so das in ihn gesetzte Vertrauen seiner Familie. Wobei dort jeder ahnt, dass er wohl niemals in einem technischen Beruf arbeiten wird. Der Traum des modellbaubegeisterten Jungen, irgendwann für Hersteller wie Boeing oder Lockheed echte Flugzeuge zu entwickeln, ist vom hochfliegenden Wunsch verdrängt worden, die literarische Welt auf den Kopf zu stellen. Fakt ist, Mailer hat seinen Bachelor in der Tasche. Diesen kann er jederzeit vorzeigen, wenn ihn die Schriftstellerei nicht ernähren sollte. An diesen Gedanken klammert sich die Familie.

Der frischgebackene Harvardabsolvent feiert das Ende seines Studiums zusammen mit Bea mit einem Trip nach Provincetown, einem Küstenort in Massachusetts. Für ihn ist es der Beginn einer lebenslangen Liebe. Hier, am äußersten Zipfel der Halbinsel Cape Cod, dem »einstmals starke(n), jetzt aber knotige(n) und unansehnliche(n) Arm eines alten Mannes«28, kommt Mailer zur Ruhe. Ausgerechnet hier, muss man sagen, denn P-Town, wie die Ansiedlung mit ihren rund dreitausendfünfhundert Bewohnern umgangssprachlich genannt wird, ist im Sommer Anziehungspunkt für Vergnügungssüchtige aus unterschiedlichsten Ecken der USA ebenso wie für Kreative, darunter Schriftsteller, Künstler und Filmemacher. Und auch Amerikas Gay Community hat hier schon früh einen Ort mit liberaler Atmosphäre für sich entdeckt und macht diesen im Sommer zu einem schwulen Hotspot.

Nach der Auszeit geht es für Norman Mailer zurück nach New York. Seine Eltern sind innerhalb Brooklyn Heights umgezogen und wohnen jetzt in einem Apartment in der Pierrepont Street (Barbara lebt mittlerweile in Cambridge, wo sie seit Sommer 1943 an der Kunsthochschule in Radcliffe studiert). Dort befasst sich Norman noch einmal mit seinen Erlebnissen als Pfleger im Boston State Hospital. Seine dort gesammelten Erfahrungen sind ihm so bedeutsam, dass er dem im Sommer 1942 verfassten Theaterstück einen umfangreichen Prosatext zur Seite stellen möchte. Er will den Roman unter allen Umständen fertigstellen, bevor er zur kämpfenden Truppe eingezogen wird. Aufgrund der Ungewissheit über seine Einberufung schludert er bei der strukturellen Ausgestaltung seines Werks, wie er selbst bekennt.29 Anfang 1944 schließt er das Manuskript ab. Mailer hat inzwischen eine Agentin, die für ihn Verlage kontaktiert und mit diesen gegebenenfalls Verhandlungen führt. Berta Kaslow von der bekannten Künstleragentur William Morris ist überzeugt vom Roman ihres Klienten. Sie schickt »A Transit to Narcissus« an rund zwanzig Verlage. Die Resonanz ist gleich null. Mit einer Ausnahme: Ein Lektor beim Branchenriesen Random House zeigt Interesse an dem Werk, kann sich aber innerhalb des Hauses nicht durchsetzen. Tatsächlich erscheint das Manuskript erst 1978, vierunddreißig Jahre nach seiner Entstehung. Wäre das Buch im Jahr seiner Niederschrift erschienen, hätte »A Transit to Narcissus« das Sujet der berühmten Romane »Einer flog übers Kuckucksnest« (1962) von Ken Kesey und »Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen« (1964) von Hannah Green um zwei Jahrzehnte vorweggenommen. Ob mit ähnlich durchschlagendem Erfolg beim Publikum, muss unbeantwortet bleiben.

Bea und Norman haben eine Entscheidung getroffen. Sie heiraten am 7. Januar 1944 in Yonkers im Bundesstaat New York. Die Trauung der Jüdin und des Juden findet ohne religiöse Zeremonie statt. Und ohne Kenntnis ihrer Familien. Als Fanny Mailer schließlich davon erfährt, zerspringt sie förmlich vor Wut. Sie, die ohnehin nicht viel auf die erste richtige Partnerin ihres Sohnes gibt, fordert, die Ehe zu annullieren. Bea fasst die kritische Situation in einem markanten Satz zusammen: »Fanny wollte einfach nicht, dass ihr kleines Genie heiratet.«30 Aber auch Beas Mutter ist von der Wahl ihrer Tochter alles andere als begeistert – ein Schriftsteller!

Das junge Paar widersetzt sich dem Druck der beiden Familien. Fanny muss schließlich klein beigeben. Allerdings verlangt sie, dass eine Hochzeit nach jüdischem Ritus nachgeholt wird.

Am 27. März muss sich Mailer endgültig bei der für ihn zuständigen Einberufungsstelle melden. Von Harvard kommend, könnte er sich in kürzester Zeit zum Offizier ausbilden lassen. Dies würde ihm sehr wahrscheinlich einen sicheren Schreibtischposten einbringen. Gerade das aber will Mailer nicht: Ihn dürstet es nach den Erlebnissen des einfachen Soldaten. Nur so glaubt er das hautnah beobachten und erfahren zu können, was es seinem Empfinden nach braucht, um den Kriegsroman schreiben zu können, der in ihm gärt. Und er muss sich und den Collegefreunden, die sich vor ihm verpflichtet haben, etwas beweisen. »Ich hatte ein wenig Angst, in den Krieg zu ziehen, und empfand große Scham, nicht in den Krieg zu ziehen«31.

Nach der Erfassung durch die Militärverwaltung geht es für ihn zunächst nach Camp Upton, New York. Dort werden er und seine Kameraden geimpft, sie erhalten ihre Uniformen und Versicherungsunterlagen und müssen sich einem Intelligenztest unterziehen. Mailer schließt seinen mit einhundertfünfundvierzig Punkten ab. Dreißig Punkte höher als der Durchschnitt der Kameraden im Lager, wie er voller Stolz an seine Eltern schreibt.

Von Camp Upton wird er Anfang April 1944 an einen Stützpunkt in Fayetteville, North Carolina, versetzt. Hier in Fort Bragg erhält er seine Grundausbildung. Innerhalb kürzester Zeit soll aus dem einundzwanzigjährigen Akademiker ein Mann geformt werden, der an der Front bestehen kann. Im Umgang mit dem Gewehr zeigt sich rasch, dass Mailer nicht zum Soldaten geboren ist. Zumal er kurzsichtig ist. Körperlich zählt Norman Mailer nach wie vor nicht zu den Robustesten. Wie seine Kameraden leidet er zudem darunter, dass die Truppe nicht genug zu essen bekommt. Als Bea ihren Mann in Fort Bragg besucht, erschrickt sie bei seinem Anblick. Mailer ist abgemagert, die Hosen schlackern ihm um die Beine. Doch er ist guter Dinge. Er verspricht, ihr so oft wie möglich von seinen Erfahrungen im Krieg zu berichten. Statt eines Tagebuchs schreibt er während seines Militäreinsatzes über vierhundert Briefe an seine Frau. In diesen gibt er alles wieder, was er sieht, was er als wichtig erachtet – von außergewöhnlichen Wettererscheinungen über seine Einschätzung von Kameraden und Vorgesetzten bis zu der Schilderung seiner täglichen Aufgaben. Diese Briefe bilden die Grundlage seines geplanten Romans.

Mailer ist nach wie vor in der Heimat, als am 6. Juni 1944 die Operation Overlord ihren Anfang nimmt. Die Invasionstruppen der Alliierten unter Führung des künftigen US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower landen an der Küste der Normandie an und läuten den letzten Akt im Ringen mit Nazideutschland ein. Für Mailer ist es ein Schock. Er muss in der Kaserne exerzieren, während in der Ferne Geschichte geschrieben wird. »Ich hätte fast geheult. Ich hatte immer gedacht, einmal Teil der ersten Welle an den Stränden [Europas] zu sein, aber nun befand ich mich in den Kiefernwäldern von North Carolina auf einem gottverdammten Marsch, während sich mein Schicksal, mein literarisches Schicksal, im selben Moment in Europa vollzog.«32

Am Ende ihrer Grundausbildung werden dreizehn der Männer nach Fort Ord in Kalifornien abkommandiert, unter ihnen Norman Mailer und Clifford Maskovsky, mit dem er sich angefreundet hat. Ende August trudeln die beiden Soldaten verspätet an ihrem Stützpunkt ein. Nach neun Tagen sollen sie an ihren Bestimmungsort verbracht werden. Am Ende sind sie fast vier Monate in Kalifornien stationiert. Mailer vertreibt sich die Zeit mit Lesen. So nimmt er sich etwa Oswald Spenglers »Der Untergang des Abendlandes« vor. Die vierbändige Ausgabe begleitet ihn während seiner gesamten Militärzeit. Er ist wie berauscht von der Welt, die der deutsche Denker ihm eröffnet; ergriffen von der Teilhabe an Spenglers Versuch, »Geschichte vorauszubestimmen«, wie es im berühmten Eingangssatz der einflussreichen Abhandlung heißt. Spenglers Hauptthese besagt, dass Hochkulturen ähnlich wie lebende Organismen, wie die Natur an sich, einen festgelegten Zyklus durchlaufen. Ihr Entstehen, Erblühen, Verfallen und Vergehen vollzieht sich nach Gesetzlichkeiten, die immer und überall gleichermaßen Gültigkeit haben. Somit zertrümmert der in Analogien denkende Spengler en passant Hegels Vorstellung vom Fortschritt in der Geschichte. Der junge US-Soldat Mailer ist empfänglich für die Rationalismuskritik des acht Jahre zuvor verstorbenen Philosophen. An dessen elitärem Antiamerikanismus stößt er sich offenbar nicht. An Spenglers hier vorgeführter Methode der induktiven Weltschau, die sich zu einer apodiktischen Weltanschauung verfestigt, schult der Adept aus Brooklyn seinen eigenen Blick fürs große Ganze. Die Faszination für ein solches in sich geschlossene Gedankengebäude ist nicht ungewöhnlich für einen jungen Intellektuellen wie Mailer. Die Vorstellung, mit einer einzigen – nichtreligiösen – Schrift den Schlüssel zum Verständnis der Welt in Händen zu halten und somit Teil eines esoterischen Zirkels von Eingeweihten zu sein, ist so verführerisch wie der Biss in eine Frucht vom Baum der Erkenntnis.

Nach all dem Warten und der Ungewissheit wird es für Mailer und seine Kameraden Ende November 1944 ernst. Die Soldaten besteigen die Sea Barb und stechen in See. Der kleine Truppentransporter nimmt Kurs auf Neuguinea. Nach rund einmonatiger Fahrt über den Nordpazifik, die Mailer neben seinen dienstlichen Pflichten vornehmlich mit Lesen, Schreiben und Schachspielen zubringt, erreicht die Mannschaft am ersten Weihnachtsfeiertag den Hafen von Jayapura beziehungsweise Hollandia, wie die Stadt an der Nordküste der gewaltigen Insel zu diesem Zeitpunkt noch heißt. Der Aufenthalt hier ist kurz, die Männer dürfen erst gar nicht von Bord. Von Neuguinea geht die Fahrt weiter nach Leyte, wo sie Mitte Januar 1945 ankommen. Dort ist amerikanischen und philippinischen Kräften unter der Leitung von US-General Douglas MacArthur gerade die Rückeroberung der zentralphilippinischen Insel geglückt. Ein Sieg, der den Anfang vom Ende der japanischen Besatzung der Philippinen markiert.

Der entscheidende Abschnitt der dreimonatigen Operation ist die in ihrem Ausmaß beispiellose See-/Luftschlacht im Golf von Leyte gewesen, die die japanischen Flotten- und Luftwaffenverbände aufgerieben beziehungsweise erheblich dezimiert hat. Bei dem gewaltigen Landungsunternehmen hätte der unerfahrene Private Mailer ein Maximum an Kampfhandlungen erlebt – das Erlebnis, das er fürchtet und gleichzeitig herbeisehnt. Doch als die Sea Barb vor Leyte eintrifft, ist dieser Teil der Inselkette bereits befriedet.

Bevor Mailer in Feindkontakt tritt, muss er sich zunächst Anfeindungen aus dem eigenen Lager erwehren. Er ist jetzt dem 112th