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Das Buch beschreibt den Gleitschirmabsturz des Autors, durch den alle seine Vorstellungen und Lebenspläne in Sekundenbruchteilen zunichte und wertlos werden. Offen und ungeschminkt schildert Rolf Hofmann die selbstkritische Überprüfung seiner Werte und seine Empfindungen bei den "notwendigen" Erlebnissen, die ihn erbarmungslos dazu zwingen, sein Leben und seine Denkweise zu verändern. Anscheinend reichte sein Absturz zur Veränderung nicht aus, weshalb er in den darauffolgenden Jahren mit schmerzlichen Ereignissen nur so bombardiert wird, gekrönt von einem lebensbedrohlichen Schlaganfall, der ihn in den Rollstuhl zwingt. Wie ein Stück Schnitzelfleisch wird er vom Leben regelrecht weichgeklopft und zermürbt. Er erzählt ehrlich, wie er durch seine schmerzhaften Erlebnisse die liebevolle Fürsorge der geistigen Welt und deren Gesetzmäßigkeiten kennenlernt und dadurch zu einem in sich ruhenden, zufriedenen, ja glücklichen Menschen heranreift. Zittern und Lachen Sie herzhaft mit ihm, und erkennen Sie dabei auch die Spielregeln Ihres Lebens etwas deutlicher. Diese Ausgabe ist eine Neuauflage und Fortsetzung des 2009 erschienenen Erstlingswerkes des Autors.
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Seitenzahl: 540
Veröffentlichungsjahr: 2016
©2016 Rolf M. Hofmann
Satz, Umschlag, Lektorat: www.ofaatu.de Nadja & Rolf Hofmann
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7345-6239-6
Hardcover
978-3-7345-6240-2
eBook
978-3-7345-6241-9
eVoiceBook
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Rolf M. Hofmann
Vielen Dank
an alle Seelen, die mich im Laufe meines Lebens berührt haben.
Speziellen Dank
an jene Seelen, die mich schmerzlich dazu genötigt haben, mich meiner Berufung und meinem Glück zuzuwenden.
Ich bin ein wertvoller Mensch
beschützt, behütet und über alle Maßen geliebt
von meinem Vater, dem Schöpfer des Himmels und der Erde.
Seine Flamme lodert in meinem Herzen als Zeichen dafür,
dass ich sein geliebtes Kind und Teil von Ihm selbst bin.
Er gab mir meinen freien Willen, damit ich lerne,
was gut und förderlich für meine Entwicklung ist.
Es ist mein fester Wille
dass ich als Mensch, so wie ich bin, geachtet,
geschätzt, und angenommen werde.
Ich lasse es nicht zu
dass ich verletzt, benützt oder betrogen werde.
Ich danke Gott, meinem Vater
dass er mich in seiner unendlichen Weisheit genauso geschaffen hat,
wie ich bin,dass er mir die Kraft und den Mut gibt Dinge zu ändern,
die ich ändern muss,
dass er mir hilft Dinge zu ertragen, die nicht zu ändern sind, und dass er mich erkennen lässt, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Ich danke ihm, dass er mir nicht das gibt, was ich mir wünsche, sondern das, was ich brauche.
Amen
Ist das Leben nicht schön?
Wie verstehen Sie diesen Satz, als positive Feststellung - oder als negative Frage?
Dieser Satz ist wie unser Leben, es kommt immer darauf an, auf was wir unser Augenmerk legen. Es ist wie ein großes Buffet, bei dem wir die freie Wahl haben, zu nehmen, was uns schmeckt. So, wie bei einem Buffet, können wir aber nur von den Dingen auswählen, auf die wir uns konzentrieren, das, was wir bemerken. Erst wenn wir am Tisch sitzen und auf den Teller unseres Nachbars schauen, sind wir überrascht, dass er eine ganz andere Zusammenstellung vom selben Buffet gewählt hat. Insgeheim beneiden wir ihn, wie er so voller Freude seine Auswahl zu sich nimmt. Das, was er hat, würde uns bestimmt auch schmecken, aber wir haben diese Leckereien nicht gesehen. Wir haben uns auf einen ganz anderen Bereich des Angebotes konzentriert und uns aufgeladen, was gerade in unserem Blickfeld lag. Hauptsache wir werden satt und nehmen uns so viel wie möglich. Wir haben nicht reiflich überlegt, ob wir unsere Auswahl wirklich uneingeschränkt mit Freude und Lust genießen könnten. Erst, als wir auf den Nachbarteller geschaut haben, wird uns bewusst, dass wir jetzt das essen müssen, was wir gewählt haben, obwohl es uns eigentlich nicht so schmeckt – auf jeden Fall bestimmt nicht so, wie uns der Nachbarteller schmecken würde.
Wer hat nun die Schuld, dass Ihnen Ihr Essen nicht schmeckt? Ist es derjenige, der das Buffet bereitgestellt hat? Ist es Ihr Nachbar, nur weil er eine bessere Wahl getroffen hat?
Nein – es sind nur Sie alleine, der dafür verantwortlich ist, was auf Ihrem Teller liegt und was Sie jetzt auch essen müssen – kein anderer.
So ist halt das Leben, Sie müssen die Suppe auslöffeln, die Sie sich eingebrockt haben…
Haben Sie sich nicht schon oft gefragt, warum ausgerechnet immer Sie in solche Situationen kommen?
Womöglich immer wieder in die selben oder ähnlichen Verstrickungen? Haben Sie sich nicht auch schon gefragt, ob Ihr Leben überhaupt einen Sinn hat?
Und wenn, was wäre dann wohl der Sinn Ihres Lebens?
Was könnte wohl der Grund dafür sein, dass Sie unter dem Ihnen aufgebürdeten Leben so sehr zu leiden haben?
Wenn Ihnen solche Gedanken fremd sind, herzlichen Glückwunsch. Dann gehören Sie zu den Wenigen, die am Buffet des Lebens mit Bedacht nur das aufladen, was Ihnen schmeckt, was Sie „anmacht“ und Sie befriedigt, um es auch genießen zu können.
Wenn das auf Sie zutrifft, nun dann habe ich dieses Buch eigentlich nicht speziell für Sie geschrieben, aber genießen Sie es trotzdem.
Für all die anderen, die mühselig und beladen sind, für SIE habe ich dieses Buch geschrieben.
Warum, - weil ich alles besser weiß? Nein, das auf gar keinen Fall. Ich habe es deshalb geschrieben, weil mir früher das Buffet meistens auch nicht geschmeckt hat, weil ich immer nach dem harten Brot gegriffen habe. Weil ich mich genauso nach dem Sinn meines Lebens gefragt habe. Weil ich total am Boden war und nicht mehr leben wollte. Weil die vermeintlichen, ungerechten Belastungen mich erdrückten, und sie mir gänzlich die Freude am Leben nahmen.
Ich lade Sie ein, mich in den turbulenten Jahren der nötigen Wende auf meinem Lebensweg zu begleiten. Ein Weg, der mich mit teilweiser großer körperlicher, seelischer und auch materieller Not durch mein Leben geführt hat. Ich will Sie schmunzelnd an meinen notwendigen Erfahrungen und Erkenntnissen teilhaben lassen, und Ihnen dadurch einen anderen Blickwinkel auf Ihr eigenes Lebensbuffet anbieten. Sie werden überrascht sein, wie genussvoll das Angebot sein kann, wenn Sie bereit sind Ihren Standpunkt zu verändern. Nur dann haben Sie auch die Gelegenheit, sich wirklich von dem Buffet das auszusuchen, was Sie wünschen, was Sie wirklich befriedigen kann und schön für Sie ist.
Mit meiner Geschichte möchte ich Sie zum Lachen bringen, und wenn Sie sich in der einen oder anderen Episode wiedererkennen, lachen Sie mit mir zusammen über unseren oft so kleinkarierten Horizont – das Leben ist überhaupt nicht so ernst, wie wir es uns immer vormachen.
Es gibt unendlich viele Bücher, Meinungen und Ansichten zu dem Themenkreis „Sinn des Lebens“, aber ich beschreibe hier ausschließlich nur meine persönlichen Erfahrungen, meine Erkenntnisse und meine Gedanken.
Ich möchte Ihnen meine Geschichte ehrlich erzählen, ganz genau so, wie ich sie erlebt und empfunden habe, ohne dass bei Ihnen der Eindruck entsteht, dass ich die Weisheit mit Löffeln gegessen habe, nur weil ich mich auf den Hosenboden gesetzt und darüber geschrieben habe.
Nein, ganz im Gegenteil. Ich möchte Ihnen zeigen, dass es mir nicht besserging als Ihnen, dass ich mich auch, vielleicht genauso wie Sie im Moment, durch mein Leben geplagt habe. Deshalb möchte ich Sie hautnah an meinen Gefühlen teilhaben lassen, damit Sie erkennen, dass mir meine Erkenntnisse nicht geschenkt wurden, sondern dass ich diese – wie auch Sie, hart und schmerzlich Stück für Stück erarbeiten, erfahren und erleben musste.
Aber um gleich am Anfang ganz ehrlich zu sein, bei all meinen Erfahrungen und meinem Wissen, greife ich mir auch heute noch die eine oder andere bittere Pille vom Buffet, aber es wird immer seltener. Auch ich habe natürlich Tage, an denen mir dies oder jenes ohne ersichtlichen Grund weh tut, ich am liebsten im Bett bleiben würde oder ich mir Gedanken mache, wie ich die Miete bezahlen kann.
In solchen Situationen (wenn ich es nicht schon selbst gemacht habe), zieht mich Uschi am Ohr und meint mit ernster Miene (und zugekniffenem Auge), ich solle gefälligst die klugen Ratschläge auch selbst beherzigen, die ich anderen immer geben würde.
Und wirklich, im Rückblick war immer alles zu meinem Besten – sonst wäre ich nicht an diesem Punkt angekommen, wo ich jetzt bin! Und hier, wo ich jetzt bin, bin ich wunschlos glücklich und zufrieden!
Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie sich das Schönste, was Sie sich nur vorstellen können, aus Ihrem Buffet auswählen werden, dass Sie voller Vertrauen und Humor Ihr Leben genießen, um selbst sagen zu können: “ Ist das Leben nicht schön?“
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen.
Rolf Hofmann
Sonntag, 16. Mai 2004, es ist ein rundherum traumhafter warmer Mai-Nachmittag mit fast wolkenlosem, tiefblauen Himmel und die Vögel ziehen ihre Kreise in den leichten Aufwinden. Ich stehe hier oben auf dem Stöckerkopf – einem kleinen Ski Hang im nördlichen Schwarzwald, in meinem gelben Fliegeroverall in dem ich (wie mir nur meine guten Freunde sagen) aussehe, wie der Willi der Kinderserie Biene Maja.
Den Gleitschirm hinter mir ausgelegt, die Steuerleinen in den Händen, warte ich auf den idealen Wind um mich in die Lüfte zu erheben – oder wie meine Frau Doris sagt, vom Berg zu schmeißen.
Langsam kommt der Wind meiner Idealvorstellung näher, mein Pulsschlag geht so an die 200er Grenze, ich drehe mich für den Rückwärtsstart um und lege mich in das Gurt Zeug, um meinen Schirm vom Boden zu reißen. Wie in einem Paragliding- Lehrfilm steigt mein Schirm hoch, am Scheitelpunkt über mir angekommen, drehe ich mich in die Flugrichtung, einen gefühlvollen Zug an den Bremsleinen – und wie in einem Fahrstuhl, ohne einen Schritt zu laufen, zieht mich der Schirm sanft vom Boden in die Freiheit der Lüfte. Mein Herz jubelt und ich unterdrücke einen Lustschrei ob dem Gefühl der Schwerelosigkeit und der Leichtigkeit mit der meine 94 Kg der Erdenschwere entzogen werden.
Mein Vario (Höhenmesser) quittiert mit lautem Stakkato das Steigen in den Baiersbronner Himmel. Sekunden nachdem die Hangkante hinter mir ist, wird das Vario wieder still, und ich gleite ohne größeren Höhenverlust über Baiersbronn, es ruckelt mal da, es zupft mal dortes ist einfach genial wie mein Schirm jeden kleinsten Hauch von Thermik in Höhe umsetzt. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken – eigentlich besteht der Flug nur aus einem langsamen aber beständigen Abgleiten zum Landeplatz – aber für mich sind diese wenigen Minuten mit einem unbeschreiblichen Glücksgefühl der grenzenlosen Freiheit verbunden. In diesen Minuten bin ich ganz allein mit mir, nur für mich, und für sonst Niemandem auf der Welt verantwortlich, ich bin ganz und gar nur auf mich und die Bewegungen der Luft um mich herum sensibilisiert. Mein Schirm fungiert als Wünschelrute, als Nerv, um mir die Schwingungen und den Zustand meiner Umgebung mitzuteilen. Nur das Rauschen der den Schirm und Leinen durchströmenden Luft, kein Gedanke an Geschäft, Geld, Termine, Zwang dieses oder jenes unbedingt noch machen zu müssen – hier erlebe ich eine bisher nie erreichte
Freiheit so intensiv, dass es fast unwirklich scheint und ich versucht bin, meine unbändige Lebensfreude lauthals hinauszuschreien. Vogels gleich, eingebettet in Wind und Thermik, ist es mir erlaubt den uralten Menschheitstraum des Fliegens in reinster Form zu erleben, überhaupt noch an einem solch wunderschönen Tag wie heute, so etwas kann sich niemand mit keinem Geld der Welt erkaufen. Mein Herz hüpft mit jedem kleinen Windhauch mit, und ich strahle über alle 4 Backen – wenn mich jetzt einer so sehen könnte, würde er bestimmt denken, dass ich wohl nicht alle Tassen im Schrank hätte.
Mein Vario ermahnt mich Richtung Landeplatz zu fliegen – über den Parkplatz drüber, den Sankenbach entlang, Queranflug, Endanflug wieder gegen den Wind Richtung Baiersbronn stellen, noch 2m Höhe leeeeicht anbremsen, noch 50cm bis zum Boden, jetzt gefühlvoll und zügig durchbremsen. So sanft und so anmutig wie ein Kaliber meiner Gewichtsklasse überhaupt in der Lage ist, lande ich butterweich, ohne dass ich nur einen Schritt machen muss, direkt vor der Pizzeria, am Weg auf der Wiese. Doris steht oben auf der Straße und sieht mir zu, wie ich meinen Schirm (böse Zungen behaupten ja, dass ich mit einem Festzelt fliege) zusammenlege und verpacke. „Und wie war es?“ fragt sie. Ich strahle wieder so, wie vorhin in der Luft und verdrehe die Augen, dass man fast nur noch das Weiße sieht, „einfach geil, geil, saugeil!!!“
Einen anderen Ausdruck oder Steigerungsmöglichkeit gibt es einfach nicht, um dieses Gefühl zu beschreiben, das noch Stunden, ja Tage nach so einem Flug in mir ist. Ich bin einfach absolut 100% zufrieden und glücklich, ohne dass noch der klitzekleinste Wunsch offengeblieben wäre. Doris weiß das! Obwohl sie wirklich bei jedem Flug um mein Leben bangt, ist sie so lieb und fährt mich auch noch an den Startplatz hoch und wartet mit einer Eselsgeduld Stundenlang unten in der Pizzeria auf mich, bis ich wieder verschwitzt und strahlend neben ihr mein Apfelschorle hinunterstürze, um sie mit meinen Flugerlebnissen zu überschütten.
So auch heute: „Sollen wir einen Café trinken – oder willst du gleich noch mal rauf?“ fragt sie. „Erst mal was trinken, dann Café, dann sieht man weiter“ antworte ich. Meinen Packsack lade ich in ihr Auto ein, das sie unweit geparkt hat, und wir setzen uns auf die Terrasse hinter die Pizzeria. Phhuuu - ich bin einfach nur selig und schwärme Doris von meinem traumhaften Start und meiner Lehrbuchmäßigen, nicht zu übertreffenden Landung vor – ich weiß es nicht, aber so muss man sich fühlen, wenn man einen Joint raucht.
Sie schaut mich interessiert an, aber ich glaube Sie hört mir überhaupt nicht zu – verständlich, jedes Mal das Gleiche mit mir. Mit dem Café bestelle ich noch ein Stück Schwarzwälder-Kirschtorte, mein Gewicht kommt ja nicht von ungefähr. Ich behaupte immer, dass ich auf das Gramm genau mein Idealgewicht hätte – ich wäre nur etwas zu klein dafür, deshalb die optische Täuschung.
Hier sitzen wir nun und beobachten den Ostwind, der mit den Birkenblättern Roulett spielt und mal mehr, mal weniger das Sankenbachtal hinaufsäuselt. Wir genießen einfach diesen ersten wirklich warmen Sonntag im Mai, mit seinem strahlend tiefblauen Himmel und dem würzigen Duft der blühenden Gräser um uns herum. Es ist schon fast 17 Uhr, und die Schatten der Birken kriechen über unseren Tisch, als Doris mich fragt, ob ich noch mal fliegen wolle, oder ob wir so langsam nach Hause düsen sollen. Hmmm, es ist fast zu schön, um schon einzupacken – „ich glaub, ich mach noch einen „Abgleiter“ antworte ich ihr. Mit Abgleiter ist einfach ein kurzer Flug ohne Thermik direkt zum Landeplatz gemeint. Ok, wir bezahlen und Doris fährt mich mit ihrem weißen Bonsai-Mercedes (A-Klasse) die holprigen Waldweg–Serpentinen entlang bis zum Startplatz hoch. Wie immer bleibt sie noch einige Minuten bei mir, um die anderen Flieger zu beobachten und auch um auf mein OK zu warten, ob die Bedingungen einen Flug zulassen. Der Wind hier oben wechselt im Moment ständig, weht aber überwiegend aus Richtung Süd (Freudenstadt), was mich veranlasst, den Schirm vorerst noch nicht auszupacken. Doris schicke ich trotzdem wieder zum Landeplatz hinunter, falls ich eventuell nicht fliegen kann, haben wir ja Funk, und sie muss mich halt dann wieder abholen.
Sie sitzt lieber in der Pizzeria, als dass sie sich hier oben die Beine in den Bauch steht. Doris kennt mich, wenn ich nicht absolut 100% sicher bin, fliege ich nicht. Schon oft sind die anderen Piloten gestartet und haben sich - egal wie, „rausgeschmissen“ – und ich habe in aller Ruhe zusammengepackt und mich von Doris wieder abholen lassen, weil es für mich nicht gepasst hat.
Allmählich pendelt sich der Wind auf Ost ein, d.h. er wird immer idealer zum Starten. So hieve ich mir meinen Packsack auf den Rücken und stapfe schnaubend (Raucherlunge lässt grüßen) die letzten Meter von der Straße bis zum oberen Startplatz hinauf.
Mit der mir innewohnenden Bedächtigkeit und Ruhe breite ich meinen Schirm aus, sortiere die Leinen und hänge mich ins Gurtzeug ein. Helm auf, Funk an, alles noch einmal gecheckt.
Hmmm-Wind bockelt noch etwas, aber nach 2-3 Minuten warten, kommt er schön den Hang herauf – genauso, wie ich es liebe. Umgedreht und Rückwärtsstart - ab geht die Post!! Idealstart, fast noch perfekter als der vor 2 Stunden. Richtig stolz (hoffentlich haben es die Drachenflieger auch gesehen) rüttle ich mich in meinen Sitz hinein und fliege erst mal Richtung Baiersbronn-Mitte. Mein Vario zeigt mir traurig quäkend sinken, sinken, sinken an – na ja, also doch nur ein Abgleiter, aber schön ist es trotzdem, wie ich lautlos über die Häuser den Weg auf den Landeplatz einschlage. Die letzten Häuser vorm Landeplatz liegen unter mir, jetzt nur noch den Parkplatz überqueren, etwas rechts halten, damit man noch den letzten Rest Hangaufwind mitnimmt.
Aufgepasst! Da vorne rechts ist der Hang schon im Schatten, dort darf ich auf keinen Fall hinfliegen, da geht’s garantiert viehmäßig abwärts. AUTSCH! Hier geht’s aber auch schon ganz schön schnell runter!
MANN - jetzt erwischt mich auch noch eine Böe von links hinten und drückt mich nach rechts gegen den Hang, genau dorthin, wo ich auf gar keinen Fall hinwill! Sch…, das wird eng! Sofort ziehe ich den Schirm stark nach links, wieder auf die Landewiese zu. Mein Vario heult auf: ich falle viel zu schnell!! Die Pappeln schieben sich durch die Abdrift der Böe jetzt plötzlich zwischen die Landewiese und mich und ich rase mit abartiger Geschwindigkeit auf die Pappeln zu. Peilung: Baumwipfel 30m entfernt in Augenhöhe – Geht NIEEE- Du bleibst mit dem Arsch in den Bäumen hängen. Rechts herumreißen, die Böe schiebt noch immer, die Bäume sind jetzt links von mir, ein steiler Hang rechts von mir, die Böe prügelt mich vor sich her – der Abstand zwischen den Bäumen links und dem Steilhang rechts wird immer enger, durch diesen Trichter werde ich mit der schiebenden Böe immer schneller, das Vario heult, ich falle viel zu schnell, kann kaum noch lenken, mit so viel Rückenwind. Vorne an der kleinen Brücke sehe eine Stelle mit niedrigeren Bäumen, da schaffe ich es bestimmt noch rüber zur Wiese.
2 Sekunden später bin ich bei den Bäumen - zu niedrig - keine Chance. 50m vor mir ist ENDGÜLTIG SCHLUSS!!
Die Bäume auf der linken Seite vereinen sich vor mir mit dem Steilhang – ich fliege mit einem Affenzahn (50-60 Stundenkilometer) wie in einen Trichter hinein.
KEIN AUSWEG - DAS MUSS KRACHEN!!!
Instinktiv lege ich meine ganze Kraft und ganzes Gewicht auf die rechte Bremsleine, vielleicht schaffe ich doch noch einen „Turn“ gegen den
Wind – die Böe ist viel zu stark - Lenkung fast keine Reaktion - Steilhang rast auf mich zu! Gott da steht ja eine Kuh! Ich erschlage sie! Voll bis zum Anschlag durchbremsen! Knie bis zum Bauch - oder die Kuh fehlt.
DAS ÜBERLEBST DU NIE!!!
Ab der Kuh sehe ich plötzlich alles in Zeitlupe. Dort wo ich aufschlagen werde, ist eine braune Erdkuhle von ca. 50 cm in dem Steilhang, die Kühe haben das Gras bis auf drei Büschel abgegrast, an der Aufschlagstelle ist durch die Hufe die Grasnarbe abgeschabt. Ein spitzer Stein schaut ca. 20cm aus dem Boden heraus, ich werde versuchen links von dem Stein aufzuschlagen, sonst sind meine Füße hinüber.
Walter (mein Fluglehrer) hat gesagt, dass wenn man schnell runterkommt, soll man auf keinen Fall die Beine ausstrecken – das geht bös in die Gelenke! Wenn es passiert, dann winkelt die Knie leicht an, die Beine zusammen und dann mit aller Kraft die Muskeln anspannen – das nimmt viel Energie auf, ohne dass es zu großen Verletzungen führt.
Also tue ich was Walter gesagt hat! Der Boden kommt schon ganz ordentlich näher, 1m, 0,5m.
Meine Füße schlagen auf dem braunen Boden links neben dem Stein auf. Er streift mich nur noch am rechten Fußknöchel.
Walters Rat funktioniert: meine Beine klappen mit viel Widerstand in sich zusammen, mein Hinterteil schlägt durch das Sitzbrett hindurch, dann durch den 25cm dicken Protektor (Airbag am Hintern) und dann sehr hart auf dem Boden auf, mein Kopf wird durch den Aufprall nach vorne auf die Brust geschleudert und der Kinnschutz des Sturzhelmes gräbt sich in meine Brust, ich höre hässliches, nicht aufhören wollendes Krachen in meiner Brust. Ein zerreißender Schmerz explodiert in mir.
S T I L L E
Ich kann ja die Augen aufmachen! Jesses - das war aber hart! Kopf lieber nicht bewegen.
SCHMERZ!!!
Ok - ruhig bleiben, wackle mal mit den Füßen – Gott sei Dank, funktioniert, hebe linke Hand – ok, funktioniert, hebe rechte Hand - ok, funktioniert. Aber…. Ich krieg keine Luft!!!!!!
So wie es gekracht hat, sind bestimmt alle Rippen gebrochen und stecken in der Lunge. Brustkorb zusammengedrückt, ruhig bleiben, wenn Brust zusammen, keine Luft, LUFT!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Wie ins Unendliche dehnt sich mein Zeitempfinden. Meine Brust brennt wie Feuer und sie lässt sich keinen Millimeter ausdehnen um das lebenserhaltende Gasgemisch zu inhalieren. Hmmm – so ist es also, wenn man sterben muss. Mein Gehirn hat ja noch genug Sauerstoff um noch für ein paar Minuten bei Bewusstsein zu bleiben. Es ist eigenartig ruhig, richtig friedlich. Hmmmm, jetzt ist es also soweit. Komisch – ich habe gelesen, dass man in den letzten Minuten noch mal das ganze Leben runterspult und selbst bewertet, wie es war.
Ob man dies oder jenes hätte besser machen können. Wann fängt der Film an? Bis jetzt kommt nicht einmal die Vorschau – es ist einfach still und friedlich. Aus den Rückführungen mit meinen Patienten weiß ich, dass ein Licht aufgeht und meine lieben Freunde die Elohims (Engel) mitsamt meinen verstorbenen Verwandten kommen sollten um mich abzuholen – ich wäre soweit! Aber kein Licht, keine Elohims – nichts, nur Ruhe, nicht einmal Panik - OK, warte ich halt noch. Wie kriege ich meine Brust auseinander? Was ist eigentlich aus den drei Kühen geworden, von denen ich eine fast getroffen hätte? Lieber Heiland, ich danke dir, dass ich mit meinem Scheiß nicht noch einer anderen Kreatur geschadet habe! Mensch hat die Kuh Glück gehabt, ich habe ihr Kreuz nur um ein paar Zentimeter verfehlt.
Ich muss jetzt irgendetwas tun, ich brauche L U F T.
Bleib ganz ruhig, jetzt probieren wir es: Arme ausstrecken, Armmuskeln anspannen und die Arme über den Kopf nach hinten ziehen, so müsste ich meine Brust wieder auseinanderziehen können.
Jeder Zentimeter, den ich meine Arme mehr nach oben und nach hinten drücke, bereitet mir bestialische Schmerzen. Jeder Zentimeter mehr, verursacht ein ekelhaftes, markdurchdringendes Krachen in meinem Brustkorb. Bestimmt ist meine Brust nur noch ein blutiger Brei aus Fleisch und Rippensplittern, und wird nur noch durch meinen Overall zusammengehalten. Bestimmt werde ich gleich endgültig ins Koma fallen. Es geht nicht mehr, ich kann nicht mehr, es tut höllisch weh, ich kann mich doch nicht selbst zerreißen.
Ich spüre, wie sich die Knochen in meiner Brust bewegen, wie wenn man mit einem Schlachtermesser in einem Fleischklumpen herumrührt und die Klinge mit einem hässlichen Geräusch an den Knochen schabt.
AUF JETZT, LOS, MACH SCHON!!!
Da musst du durch, du brauchst Luft, wenigstens bis der Notarzt kommt. Mit todesverachtender, übermenschlicher Anstrengung, ohne auf den Schmerz, ohne auf das durchringende Krachen in meiner Brust zu achten, ziehe ich meine ausgestreckten Arme, soweit es nur geht hinter meinen Kopf, bis ich den Boden auf meinen Handrücken spüre.
Ganz vorsichtig hole ich ein paar Kubikzentimeter Luft – ES GEHT. Ganz flach Atmen! Schön regelmäßig, ganz flach, nur die Ruhe bewahren, es geht. So ein Schmerz!!
Mir läuft der Schweiß von der Stirn in die Augen, und Tränen die Wangen entlang. Aushalten, durchhalten, bestimmt kommt gleich jemand und hilft dir.
Ich höre Doris über Funk: „Roooolf, sag was, ist dir was passiert, sag doch was!!!“ Ich höre sie keuchen, wahrscheinlich rennt sie zu mir her. Ganz langsam, wie in Zeitlupe drücke ich die Sprechtaste an meinem Helm: „Doris, hilf mir, hol Hilfe, Hilfe!“ Doris wird mir später sagen, dass sie nur ein furchtbares Stöhnen gehört hat.
Jetzt höre ich Doris näherkommen, höre auch eine männliche Stimme, die auf mich zukommt: „Ich bin Sanitäter, der Notarzt ist unterwegs, können Sie Ihre Beine bewegen? Können Sie sprechen?“ Der höllisch brennende Schmerz in mir ist so übermächtig, dass ich das Geschehen um mich herum kaum wahrnehme und zeitweise wegtauche.
Was ziehen die denn jetzt an mir so herum?? „Wir können ihn nicht losschnallen! Kennt sich einer mit dem Zeug aus? Komm, wir schneiden die Gurte einfach auf, es geht nicht anders“ Jetzt regt sich aber der Schwabe in mir – und besiegt den Schmerz: einfach das teure Gurtzeug zu zerschneiden! „ Ja nicht!!!“ In meinem Zustand, ohne den Kopf zu bewegen, fingere ich an meinem Bauch herum, finde die Schnallen und kann das Gurtzeug selber öffnen, einschließlich der Oberschenkelschnallen, sodass sie mich endlich von meinem Schirm befreien können. „Aus dem Overall muss er auch noch raus! Mensch wie geht das? Wo geht das Teil auf?“ „Schneide ihn einfach quer über die Brust auf, dann können wir ihn abziehen“ „ Finger weg!!!“
Der knallgelbe „Willi-Anzug“ ist mein Heiligtum. Mit geschlossenen Augen ziehe ich die Reißverschlüsse bis zur Hüfte hinunter. Durch meine schlangengleiche Gelenkigkeit ☺ brechen sie mir beinahe die Arme, als sie mich aus meinem unantastbaren Overall herausschälen.
SCHMERZ…
Mich wundert es, dass das Gezerre an mir meinen Schmerzpegel nicht anhebt – wahrscheinlich bin ich eh am ertragfähigen, oberen Anschlag, und es kann nicht noch schmerzhafter werden – auch ein Trost!
Ich höre das Martinshorn des Notarztwagens näherkommen und in der Nähe verstummen. Ich höre, wie der Sanitäter, der mich zuerst versorgt hat, sich mit einem etwas außer Atem geratenen Mann unterhält und einen kurzen Zustandsbericht über mich abgibt. Eine Sauerstoffmaske wird mir über die Nase und Mund gedrückt – Ahhhhh, das tut gut – mehr, mehr, endlich wieder genügend Sauerstoff – oh tut das gut. Der Mann rüttelt mich, bis ich die Augen öffne und ihn ansehe. Ein geöffneter Arztkoffer steht neben mir und er hat eine Spritze in der Hand, die er mir gerade in die linke Armbeuge injiziert. „Sie werden sehen, gleich wird es erträglicher“ sagt er mit einem so fürsorglich-väterlichen Tonfall, dass ich zu diesem Menschen sofort ein totales Vertrauen und Geborgenheitsgefühl habe. Endlich kann ich mich fallen lassen und mich diesem Mann überlassen. Ich spüre, wie das Mittel in der Ader Sekundenschnell meinem Arm hochsteigt und eine warme Spur zu hinterlassen scheint. Die Spur geht quer durch meine Brust, es wird in mir ganz warm. ERLÖSUNG - der Schmerz weicht einem wohlig, watteartigen Gefühl, wie auf Wolke sieben. Entspannung – loslassen, oh ist das ein schönes Gefühl, so leicht, so weich – oh ist das schööööön. Wie die Blende einer Kamera, so schließen sich meine Pupillen, und es wird dunkel….
Mensch ist es hier kalt! Warum ist es nur so saukalt? Und hart ist der Boden! Es ist dunkel – auch wenn ich die Augen aufmache. Ich bin nackt!! Es ist mir so kalt, dass ich am ganzen Körper wie Espenlaub zittere. Mein Unterkiefer zittert so sehr, dass ich wirklich meine Zähne klappern höre. Hat denn keiner Erbarmen mit mir? Helft mir doch! Hat denn niemand eine Decke für mich? Aber kein Ton kommt über meine zitternden Lippen. Ich friere so stark, dass ich richtig durchgeschüttelt werde. Da ist ein starker, komisch dumpfer Schmerz in meiner Brust und meinem Rücken.
Wo bin ich?
Ganz langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit, es scheint ein Röntgenraum zu sein. Bin ich im Krankenhaus? Oh Gott – jetzt kommt es mir so langsam wieder:
ICH BIN ABGESTÜRZT!!!!
Es ist kein Traum, es ist Realität. Oh Herr, lass alles doch nur ein böser Traum sein. Ich wache bestimmt gleich auf, schüttle den Kopf und gehe ins Bad. Aber in meinem Bett ist es nie so kalt!! Es ist kein Traum!! Ich friere erbärmlich, ich liege tatsächlich hier nackt auf dem Röntgentisch, habe tierische Schmerzen und keiner kümmert sich um mich. Spinnen die eigentlich, mich einfach hier so herumliegen zu lassen? Bei diesem Gedanken geht wieder die Blende zu, und es wird dunkel hinter meinen Augenlidern.
Oh, da streichelt mich jemand an der Hand Lass mal lieber die Augen zu, derjenige könnte sonst aufhören. Es tut gut, die weiche, warme Haut auf meinem Handrücken zu spüren. Behutsam öffne ich wenige Millimeter meine Augenlider und spähe durch die Wimpern, um sehen zu können, wer da streichelt. Es ist Doris, die neben mir steht und mich zu beobachten scheint. Jetzt öffne ich die Augen ganz, und die ganze Situation wird mir schlagartig bewusst. Ich bin tatsächlich abgestürzt und liege hier in der Notaufnahme (die kenne ich durch etliche unfreiwillige Besuche mit meinen Kindern).
„Mensch Rolf, was machst du denn für Sachen? Wie geht es dir?“. „Na ja, ging schon besser, wie du siehst…“ antworte ich ohne großartig die Zähne auseinander zu kriegen. „Ich bin total fertig und zittere immer noch. Wasist denn passiert? Ich hab an der Pizzeria auf dich gewartet und alles gesehen. Weißt du, dass ich drüben (200m entfernt) den Aufschlag und das Krachen deiner Knochen gehört habe?
Ich habe schon geglaubt, du wärst tot, als ich dich so liegen gesehen hab, ich bin schier verrückt geworden, bis ich endlich den Eingang zu der Weide gefunden habe, um zu dir hinzukommen.“
„Was haben eigentlich die Kühe gemacht?“ frage ich. „Komisch, jetzt wo du danach fragst, fällt mir ein, dass da ja auch noch die Kühe auf der Weide waren. Um die hat sich keiner kümmern müssen, die sind ganz hinten dicht beieinandergestanden und haben keinen Mucks gemacht, komisch gell?“ „Was ist mit meinem Schirm?“ „Dem hat’s nichts gemacht, 50cm vom Stacheldrahtzaun der Weide war er weg! Einer vom Baiersbronner Club hat ihn zusammengepackt und dann hat ihn die Polizei beschlagnahmt.“
Auf mein Erstauntes „Was, die Polizei hat ihn?“
Grinste Sie „Ja, ja nur keine Angst, Jürgen (ein Bekannter von uns und auch Polizist) hat ihn vorher schon wieder hierher ins Krankenhaus gebracht und mir ins Auto gelegt.“
Bei Ihrer Erzählung wird mir bewusst, dass mir anscheinend ein Stück fehlt – die Uhr in meinem Blickfeld zeigt schon kurz vor 21 Uhr, also war ich knappe 3 Std. „weg“.
Ein honorig aussehender, älterer Mann im weißen Kittel kommt in mein Gesichtsfeld. Ich nehme an, dass er Arzt oder sogar Oberarzt ist, da er einen weißen Kittel anhat, ein sehr bestimmtes Auftreten hat und die Krankenschwester neben ihm etwas unterwürfig guckt. Er spricht mich von der Seite an: „So, geht es wieder? Sie haben noch mal Glück im Unglück gehabt, Lendenwirbelbruch - scheint stabil zu sein. Können Sie Ihre Beine bewegen?“
„Mhmmm, AHHHHHHHHHH!!!“ antworte ich ihm, als er mein linkes Bein leicht anhebt und seine Finger in meine Fußsohle gräbt.
„Gut, und das da?“ Die gleiche Prozedur macht er jetzt mit meinem rechten Bein.
„AAAHHRRRRR!!!!“ – Das tut aber verdammt irre weh!!
„Gut. Tja, wir werden Sie einige Zeit ruhigstellen müssen, mit der Wirbelsäule ist nicht zu spaßen, aber wir kriegen Sie schon wieder hin!“
„Und das da?“ Ich deute ängstlich und ehrfurchtsvoll auf meine unter dem weißen Krankenhaushemd verborgene Brust.
„Brustbeinbruch, da werden Sie noch einige Zeit daran zu knabbern haben, aber da können wir gar nichts machen, das braucht eben Zeit, um zu heilen.“ Er schaut mir dabei ernst in die Augen und setzt eine mir etwas zu überheblich, besserwisserische Miene auf:
„Sagen Sie mal, wie kommt ein Mann Ihres Alters auf die verrückte Idee, noch mit einem Gleitschirm fliegen zu wollen? Wenn Gott gewollt hätte, dass wir Menschen fliegen, dann hätte er uns Flügel wachsen lassen.“ (diesen blöden Spruch werde ich in nächster Zeit noch öfters zu hören bekommen)
Ich denke nur „A...rmleuchter “, antworte ihm aber nur: „weil es halt tierisch Spaß macht.“ Er scheint mit dieser Antwort nicht so ganz zufrieden zu sein. Vielleicht erkennt er aber auch an meinem Gesichtsausdruck, was ich denke. „Ja, und??? - Wenn Sie wieder gesund sind, werden Sie dann wieder fliegen??“ fragt er so richtig provozierend von oben herab.
„Mit absoluter Sicherheit!!!“ antworte ich ihm so bestimmt, wie ich ihm in meiner Lage nur antworten kann, und denke in etwa so Ähnliches wie vorhin. Er dreht sich wortlos um, und rauscht den Kopf schüttelnd aus dem Aufnahmeraum hinaus, die Schwester demütig hinterher.
Nachdem ich auf die Intensivstation verlegt, und an zig Kabel und Schläuche angeschlossen worden bin, verabschiedet sich Doris, die heute vermutlich einen größeren Schock erlitten hat, als ich selbst. Kurz darauf zieht die Nachtschwester die Vorhänge um mein Bett zu, und ich bin mit meinen Gedanken endlich alleine.
Warum bin ich denn abgestürzt? Was hat das zu bedeuten? Warum? Welche Bedeutung soll ich dem Absturz beimessen? Was habe ich falsch gemacht? Was wird von mir erwartet? Auf was will mich mein Heiland aufmerksam machen, das ich anders nicht erkennen würde? Fragen über Fragen drehen sich in meinem Kopf, wie die Wäsche in der Waschmaschine, ohne Anfang, ohne Ende.
Der Gedanke, dass ich fliegerisch etwas falsch gemacht oder auf die Flugverhältnisse falsch oder nicht entsprechend reagiert hätte, kommt mir überhaupt nicht in den Sinn. Es ist mir sofort vom ersten Moment des Erwachens an klar, dass es einen anderen Grund geben muss, als etwa mein fliegerisches Unvermögen, das den Absturz herbeigeführt hat. Zu viele Botschaften und Beweise aus der geistigen Welt habe ich in den letzten Jahren erhalten, als dass ich den Unfall als nichts anderes, als ein „Stopp“ oder „Schuss vor den Bug“ für mich deuten kann. Eine dieser Botschaften geht mir im Moment ständig durch den Kopf. Ich erinnere mich noch an ein Selbsterkennungs-Seminar, das ich auf der griechischen Insel Thassos im Juni 2001 organisiert hatte.
Zur ersten Meditation des Tages, teilten wir die Gruppen auf, damit Wolfgang und ich besser auf die Teilnehmer in einem kleineren Kreis eingehen konnten. Diese morgendlichen Meditationen erlebten wir alle als äußerst intensiv, und sie brachten oft sehr tief „Eingemachtes“ ans Tageslicht. So auch an jenem Morgen. Eigentlich lief die „Medi“ wie sonst auch. Pünktlich 8 Uhr öffnete ich die Zimmertüre, vor der „meine“ Gruppe geduldig gewartet hatte. Jeder suchte sich still seinen Platz, die Meditationsmusik lief schon, und beginnend mit einer Atemübung versanken wir – wie an jedem Morgen – in uns selbst.
Je nachdem, welches Thema „angesagt“ war, wanderten wir unter meinen Richtungsvorgaben – jeder für sich - durch unser Innerstes, um sich selbst besser verstehen-, kennen- und lieben zu lernen. Eine halbe Stunde war schon fast vergangen, als ich bemerkte, wie scheinbar mein eigener Geist in meinem Kopf zur Seite geschoben wurde, um einer kraftvollen, keinen Widerspruch duldenden Energie Platz zu machen.
Eine Stimme erklang in meinem Kopf, und ich hörte mich, wie ich diese Worte aussprach, ja aussprechen musste, die nicht von mir selbst stammten, die ich nicht erdacht, ja so weise nie denken könnte. Ich erinnere mich, wie überrascht ich war, als ich feststellte, dass ich meine Stimme nicht mehr unter Kontrolle hatte und wie gebannt ich meinen eigenen Worten zuhörte – ich wusste ja nicht, was ich noch sagen würde.
Ein Teil davon war sinngemäß:
„Not wendet, Ihr wendet Euch aber nur in der Not, deshalb braucht Ihr die Not, damit Ihr Euch wendet.
Es wird notwendig, weil Ihr euch nicht von selbst gewendet habt.
Wenn Ihr rechtzeitig erkennen würdet, wann es Zeit ist, eine andere Richtung im Leben einzuschlagen, dann müsstet Ihr niemals Not erfahren, denn Ihr hättet Euch freiwillig aus Erkenntnis gewendet.
Da Ihr Euch nicht rechtzeitig gewendet habt, deshalb erschafft Ihr Eure Not und Leiden, damit Ihr gezwungen seid, Euch zu wenden. Das ist die Notwendigkeit“
Diese Worte gehen mir ständig durch den Kopf und obwohl die Situation alles andere als zum Lachen ist, fange ich an, mich selbst zu belächeln, und ich bete inständig: „Lieber Heiland, ich danke Dir für alles, was Du mir heute gegeben hast, Deine Gnade und Deine Liebe und Deinen Langmut mit mir. Ich danke Dir wirklich für ALLES, was Du mir heute gegeben hast. Vergib mir meine Sünden, hauptsächlich meine Dummheit und Ignoranz – wie blöd und störrisch muss ich doch sein, dass Du zu solch drastischen Maßnahmen greifen musst, um mir klar zu machen, dass ich verpasst habe, etwas Wichtiges in meinem Leben zu ändern. Bitte verzeih mir meine Dummheit und Ignoranz!“
Und jetzt muss ich richtig lachen:
„Aber sei mir bitte nicht böse, ich weiß nicht, was Du eigentlich von mir willst! Bitte, ich bitte dich inständig, zeige es mir, schenke mir die Weisheit, es zu erkennen, damit ich dann das Richtige tun werde“
Es ist viel passiert heute - ich bin erschöpft, todmüde und die Medikamente tragen ihr Übriges dazu bei.
Mit dem Gebet an meinen Heiland auf den Lippen, tauche ich in einen tiefen erlösenden Schlaf ein.
Der Begriff „Heiland“ ist tief verwurzelt in mir und symbolisiert für mich, ein mich über alles liebender Jesus – der mein bester Freund, mein Beschützer, mein Allwissender, ständiger Begleiter meines Lebens ist. Der Ausdruck stammt aus meiner frühen Kindheit, als ich 3-4 Jahre alt war und oft bei der „Fleckadotte“ in ihrer warmen Küche saß, die mir unermüdlich von der unendlichen Güte, Liebe und Fürsorge unseres „Heilandes“ erzählte.
So sah ich es nur als absolut normal an, dass man sich mit einem so lieben Freund – der anscheinend immer für mich da wäre, auch unterhält. Die Fragen an ihn klappten von meiner Seite aus, aber mit den Antworten haperte es etwas. Direkt hören konnte ich ihn nicht - nur hatte ich immer das Gefühl, dass er es mich fühlen ließ, ob etwas richtig oder falsch war.
Absolut sicher, dass mein Heiland mir auch tatsächlich antworten kann und mit mir redet, wurde ich durch folgendes Erlebnis:
Von meinem Vater bekam ich im Spätsommer – ich muss so 4-5 Jahre alt gewesen sein, ein Günter-Spielflugzeug mit Gummimotor geschenkt. Schon damals faszinierte mich alles, was mit Fliegen und Flugzeugen zu tun hatte. Da wir mitten im Ort wohnten, war es viel zu gefährlich (für das Flugzeug), es dort gen Himmel brummen zu lassen. Also marschierte ich mit meinem Flieger den Reuteweg hinauf, denn dort oben auf dem Hügel und dem angrenzenden Bärenwiesen-Tal drohte keine Gefahr einer Baumlandung. Auf der Wiese oben am Hang, kurbelte ich den Propeller-Gummi auf, bis nichts mehr ging und ich ihn fast nicht mehr halten konnte. Mit klopfendem Herzen ließ ich den Propeller los und warf den Flieger in die Luft – BRRRRRRRR der Propeller schnurrte und zog das Flugzeug in großen Spiralen in den Himmel hinauf. Ich war überglücklich und sprang am Boden hinter meinem Wolkenstürmer her. Der Propeller wurde langsamer und nach ein paar Sekunden glitt der Flieger- inzwischen recht hoch – fast lautlos in weiten – immer weiteren Kreisen wieder zu mir herab. Was ich nicht bedacht hatte: etwa 50 m weiter den Hügel entlang, war ein großes Kornfeld – die Ähren waren in Augenhöhe (es war kein Superkorn- ich war nur noch so klein!!). Mir blieb fast das Herz stehen – der Wind trieb meinen ganzen Stolz mitten in dieses Kornfeld – und es verschwand irgendwo aus meinem Sichtfeld. Was man ja gar nicht machen sollte: (Getreide ist unser täglich Brot, und man darf auf keinen Fall durch das Korn laufen – höchstens in Ausnahmefällen, am Rand entlang, Kinder, die mit Landwirtschaft aufgewachsen sind, haben dies in den Genen) ich lief geradewegs in das Kornfeld hinein! Vorsichtig bemühte ich mich, ja keinen Halm zu knicken, was logischerweise unmöglich war, aber die Angst, mein geliebtes Spielzeug verloren zu haben und NIEEEE wieder so etwas Schönes und einmaliges besitzen zu können, trieb mich durch das Kornfeld. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich gesucht habe, aber glauben Sie mir, es war lang! Egal in welche Richtung ich lief, egal wie ich mir auch die Augen aus dem Kopf schaute – es war unauffindbar. Voller Enttäuschung gab ich die Suche auf und setzte mich auf die angrenzende Wiese und heulte bitterlich, so ein schönes Flugzeug – weg, einfach weg, so ein schönes bekomme nie mehr! In meiner Verzweiflung flehte ich zu meinem unsichtbaren, angeblich alles wissenden Begleiter: „Lieber Heiland, wenn du wirklich immer bei mir bist, dann weißt du auch, wie arg mir mein Flieger fehlt, und wie arg ich mich über ihn gefreut habe. Dann weißt du auch wie schlimm es für mich ist, wenn ich ihn nicht mehr finde. Wenn du wirklich da bist, dann zeige mir bitte, wo mein Flieger liegt!“
Die Antwort kam so prompt, dass ich erschrak: „Hast du Vertrauen?“ fragte es in meinem Kopf .„Ja, klar.“ „Also dann mache die Augen zu, und gehe nochmals in das Kornfeld hinein!“ Ich blinzelte durch die Wimpern und visierte die vermutete Kornfeld-Mitte an und setzte mit fast geschlossenen Augen und gebeugtem Kopf vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Wie magnetisch zog es mich von meinem eingeschlagenen Weg etwas nach rechts, und ich folgte gehorsam dem Gefühl, bis mir etwas Hartes gegen die Stirn stieß. Ich öffnete die Augen: Da hing mein geliebtes Flugzeug direkt vor mir zwischen den Ähren!!!
JUCHUUUUUUUUUU!!!
In diesem Moment war ich bestimmt der glücklichste Mensch auf dem Erdball. „Lieber Heiland – ich danke dir, dass du mir so geholfen hast, jetzt weiß ich, dass die Fleckadotte wirklich recht hat – vielen, vielen Dank!!!“ Selig pflückte ich meinen Flieger aus den Ähren und ging schnurstracks auf die Wiese zurück. Voller Freude und Stolz begutachtete ich mein wieder zurückerhaltenes Spielzeug – und war einfach nur glücklich. Hmmmmm – was ist wenn das eben aber nur purer Zufall war? Meldete sich mein - schon damals - sehr eigensinniger Verstand. Was ist, wenn ich von selbst nochmals genauso in das Feld gelaufen wäre, ohne Heiland? Hätte ich den Flieger dann nicht auch gefunden?
Kindern verzeiht unser Gott anscheinend alles. „Ich will es genau wissen“sagte ich zu meinem Begleiter. „Wenn du der Heiland bist, dann kannst du das noch mal machen“ „Wenn du es willst und du mir vertraust, dann machen wir es noch mal“, hörte ich die Antwort. Solange ich zu der Stelle zurückging, von der aus ich das Flugzeug zum ersten Mal gestartet hatte, kurbelte ich den Propellermotor so fest zurück, wie ich nur konnte.
-- UND LOOOOS –
Wie vorher, surrte mein Flieger in die Höhe, und wie zuvor landete er wieder, schätzungsweise 10-15m innerhalb des Kornfeldes. „So, jetzt werden wir es ja sehen, ob du mich noch mal führen kannst“, animierte ich meinen Begleiter. Wie vorher, senkte ich den Kopf am Kornfeldrand und blinzelte durch meine fast geschlossenen Lider, als ich losging. Diesmal aber relativ zügig, ich erkannte das „Ziehen“ wieder und brauchte ihm nur zu folgen, und mit einem Patsch klatschte mir die Tragfläche ins Gesicht. Ohne auch nur 1cm nach links oder rechts abgebogen zu sein, hatte ich auf direktem Weg mein Flugzeug gefunden.
„Mensch Heiland, das war aber echt Klasse, vielen Dank, dass du mir nochmal geholfen hast. Dass es so einfach und schnell geht, hätte ich nicht gedacht.“
Ich griff meinen Günter-Flieger und bahnte mir den Weg zurück aus dem Kornfeld. Wie schon gesagt – Kindern scheint der Herrgott einiges durchgehen zu lassen. Fast diabolisch kam mir der Gedanke, dass es auch das zweite Mal purer Zufall gewesen sein könnte, dass ich mein Spielzeug ohne Suchen gefunden habe.
„Wenn du es zwei Mal gemacht hast – ehrlich, ich bin noch nicht ganz überzeugt davon, dass du es bist, der mich geführt hat,- dann kannst du es bestimmt noch einmal“
„Ja ich zeige es dir noch einmal, aber dann ist Schluss“ hörte ich ihn mit einem fast ironischen Tonfall in meinem Kopf „Du sollst nicht versuchen den Gott, deinen Herrn!!!“ Das war ernst, sein erhobener Zeigefinger war nicht zu überhören. „Ja nur noch das eine Mal, aber dann bin ich mir ganz und gar sicher, dass es keine Einbildung ist“.
Es ist nicht zu glauben, ich zog den Propeller wieder bis zum Anschlag auf, drehte mich mit dem Rücken zu dem Kornfeld, und warf das Flugzeug über meine linke Schulter nach hinten weg. Ich hörte, wie sich brummend mein „Fliegerle“ wieder in weiten Kreisen hinter mir in den Nachmittagshimmel schraubte. Stur, aber mit Herzklopfen schaute ich mich auch nicht um, als der Motor verstummte, und ich erwarten konnte, dass mein heiß geliebtes Testobjekt jetzt langsam in ca. 200m Umkreis irgendwo heruntersegelte. Um ganz sicher zu sein, die Landestelle nicht ausfindig machen zu können, hielt ich mir mit beiden Händen die Ohren zu und presste die Augen fest zusammen. So stand ich (etwas bescheuert anzusehen) einige Zeit da, bis ich die Augen öffnete und die Hände von den Ohren nahm. „So, jetzt will ich es endgültig wissen, lieber Heiland. Bitte führe mich zu meinem Fliegerle.“ Insgeheim hatte ich, ehrlich gesagt, enormen Schiss, dass er mich dieses Mal im Regen stehen lässt, und ich mein geliebtes Teil blöderweise endgültig verloren hätte. Wieder spürte ich, wie es mich, fast wie ferngesteuert, in eine bestimmte Richtung zog. Wie ein Flugzeug dem Landeleitstrahl der Bodenkontrolle, so folgte ich der inneren Empfindung: „links - jetzt geradeaus – geradeaus - geradeaus - etwas mehr rechts - nicht so viel - wieder etwas links – Stopp - jetzt nur noch geradeaus – geradeaus.“
BATSCH- Knallte mir der Propeller auf den Mund. Ich erinnere mich, wie ich ehrfürchtig mein Flugzeug zwischen den Ähren heraushob und mit etwas zittrigen Beinen aus dem Kornfeld zurück auf die Wiese ging. Ich konnte nicht anders, ich kniete hin „Lieber Heiland, bitte verzeih mir ganz, ganz arg, dass ich so ungläubig und unverschämt zu dir war, bitte vergib mir, ich werde nie wieder an dir zweifeln.“
Seit jener Stunde auf dem „Reuteweg-Acker“, steht für mich ohne den kleinsten Hauch eines Zweifels fest, dass der Heiland, mein Gott, mich ständig begleitet, und dass er MICH hört und ich, wenn ich mich von meinen profanen Alltagsgedanken befreien kann, auch in der Lage bin, ihn zu hören. Ganz zu schweigen von den unzähligen kleinen und großen Hinweisen um mich herum, die er mir als „Leitstrahl“ auf den Lebensweg gibt. Was dabei herauskommt, wenn man diese ignoriert, habe ich am eigenen Leib zu spüren bekommen. Wenn wir diese „Leitplanken“ nicht erkennen, oder sogar willentlich mit unserem gelobten „gesunden Menschenverstand“, entgegen unserer mahnenden inneren Stimme ignorieren, dann fangen wir an, unsere Not und unser Leiden zu erschaffen. Je schneller und weiter wir uns von dem für uns vorgesehenen Ziel und uns somit von unserem Leitstrahl entfernen, desto größer wird die Not, desto schmerzhafter wird das Leid, das unsere Seele erschaffen muss, damit wir wieder zurück auf den göttlich vorgezeichneten Lebensweg zu kommen.
Mein Kindheitserlebnis steht als Beispiel für viele Begebenheiten in meinem Leben. Es hat mir auch gezeigt, dass wenn ich freiwillig meine Wünsche und Sehnsüchte loslasse und mich völlig auf meine göttliche Führung verlasse, aber wirklich 100%ig, bis zur letzten Konsequenz, dann fügt sich alles um mich herum, wie von selbst.
Bis zu meiner Pubertät war es für mich völlig normal, mich mit meinem Heiland zu unterhalten, seinen Rat und Vorschläge einzuholen. Leider sind mir später dann viele andere Dinge wichtiger erschienen, als die Verbindung zu meinem Heiland. Die Verbindung zu ihm ist nie abgerissen, aber zuerst Mädchen, dann Berufsausbildung, später dann Frau und Familie, Haus bauen, Geld verdienen und so weiter, schoben sich in der Rangfolge vor meinen Heiland.
Zurück ins Krankenhaus…
Nach einer mehr oder weniger ruhigen Nacht, unterbrochen durch jähe Schmerzattacken bei jedem Versuch mich im Schlaf zu bewegen, werde ich durch eine Krankenschwester geweckt, die meine Temperatur, Puls und weiß ich nicht was, messen will. „Ja, das war’s auch schon – gleich bringen wir Ihnen das Frühstück – mögen Sie Kaffee oder Tee?“
Etwas überrumpelt, da ich schon wieder am eindösen bin, und ich nicht damit gerechnet habe, dass man am frühen Morgen schon eine so tiefschürfende Entscheidung von mir verlangt, krächze ich: „Kaffee, hmmkgmhkhhhh“, beinahe hätte ich mich an meiner eigenen Spucke verschluckt, es geht grad noch so. Ich versuche mich zu räuspern, aber der Hustenreiz geht nicht weg – also setze ich zu einem befreienden Husten an – auuuuohhhhh, das mit dem Husten war keine gute Idee. Der durchdringend stechende Schmerz, der in meiner Brust explodiert, lässt mich die angesaugte Luft statt mit einem Husten, nur mit einem langen „ghfffffffffffft“ aus den Lungen pfeifen, während mir das Wasser in die Augen schießt.
„Jetzt gibt’s Früüühstüüück, ich werde ihnen dabei helfen!“ flötet die gutgelaunte Schwester und umsorgt mich rührend. „Bleiben sie ja liegen!! Ja nicht aufsitzen, das dürfen sie nicht!“ Bei den ersten 5cm, die ich meinen Kopf über das Kissen hebe, ergebe ich mich vor Schmerz freiwillig ihrer Anweisung. Sie füttert mich geduldig, es tut gut, wieder etwas in meinen Bauch zu bekommen und als die Schwester abräumt, kann man meinen
Zustand durchaus als „relativ zufrieden“ einstufen. Ich bin wieder alleine und trotz der Geräuschkulisse um mich herum, döse ich friedlich vor mich hin. Immer wieder bete ich: „Lieber Heiland, Du hast mir immer noch nicht gezeigt, was Du von mir willst. Kannst Du mir nicht einen Traum schicken, damit ich es sehen kann? BITTE, bitte zeige mir, was Du von mir erwartest und vergebe mir, dass ich es nicht kapiere, bitte habe Geduld mit mir“
So viele Gedanken gehen mir durch den Kopf. Endlich habe ich mal Zeit, meinen Gedanken ohne schlechtes Gewissen nachzuhängen, einfach nur dazuliegen und zu dösen. Wenn man es genau nimmt und ich ehrlich bin, ist es schön hier, jeder bedauert mich, alle bemühen sich um mich, und ich brauche mich um nichts zu kümmern – ich kann natürlich auch nichts tun – außer endlich mal meinen Gedanken freien Lauf zu lassen.
Schon wieder beginnt sich mein Gedankenkarussell „Warum? Wieso?“ zu drehen. Stopp! Das will ich nicht!
Energisch versuche ich mir schöne Bilder vorzustellen: Wie ich auf meinem Schiff bei einer leichten Brise sanft bei strahlendem Sonnenschein über den Bodensee gleite. Wie das Wasser vom Bug rauschend geteilt wird und es gurgelnd unter dem Heck wieder hervortritt. Wie kleine Wellen an der Bordwand entlangplätschern, wie mich der Wind mit leichter Schräglage und prallen Segeln durch das Wasser zieht. Es wirkt anscheinend, denn irgendwann bin ich eingedöst.
Seit Kindheit an, war mein größter Traum, einmal ein richtig großes Segelschiff zu besitzen, auf jeden Fall wesentlich größer als eine Jolle. In meinem Büro über dem Schreibtisch hing ein Bild von meinem Traum an der Wand: Eine schneeweiße Yacht unter vollen Segeln pflügt durch die Wellen. Wie man einem störrischen Esel ein Bündel Heu vors Gesicht hält, damit er weiterläuft, mit der gleichen Absicht hatte ich mir dieses Bild vor Jahren schon in mein Büro gehängt. So hatte ich immer meinen Traum vor Augen, wenn ich nach 13 oder mehr Stunden, immer noch im Büro saß und irgendetwas „Unaufschiebbares, Wichtiges„ zu erledigen hatte. Oft dachte ich bei mir: „Eigentlich bist du eine arme Sau - das Leben geht an dir außerhalb deines Geschäftes spurlos an dir vorbei und außer dem Scheiß hier hast du nichts“. Nun, ganz so schlimm war es auch wieder nicht, aber um mich innerlich bei der Stange zu halten, sparte ich für meinen Traum. Unser kleines, altes Segelboot hatte meiner Frau Doris und mir schon so viele traumhafte Tage und Wochen am Bodensee beschert, aber wie der Mensch halt so ist, man möchte immer etwas noch Größeres, noch Schöneres als das, was man im Moment schon hat. Immer wieder gingen wir auf Messen und wälzten Prospekte um unser Traumschiff ausfindig zu machen, schließlich hatten wir uns auf eine Bavaria 31 geeinigt, gerade noch erschwinglich, zwar kein Mercedes unter den Schiffen, aber so Opel/Ford – Klasse. Trotzdem, es musste vorerst ein Wunschtraum bleiben, denn es fehlten uns noch ein paar Mark. Durch eine kleine Erbschaft war aber der Traum urplötzlich in greifbare Nähe gerückt. So richtig freuen konnten wir uns darüber nicht, denn wir wollten unseren an paranoider Schizophrenie erkrankten Sohn Steffen, in ein anderes Heim verlegen. Wir hatten die berechtigte Hoffnung, dass er in dem von uns ausgesuchten Heim intensiver betreut werden konnte, als im bisherigen. Es wurde uns aber auch gesagt, dass wir monatlich wahrscheinlich an die 3000 DM dazuzahlen müssten, somit war von einer Minute zur anderen der Schiffstraum für immer vorbei.
Ich saß Anfang August 2000 mal wieder vor meinem Traumbild im Büro und betete inbrünstig: “Lieber Heiland, ich danke Dir für Alles, was Du mir gegeben hast, für Deine Liebe und Fürsorge. Bitte verzeihe mir, wenn ich so egoistische Wünsche, wie zum Beispiel dieses Schiff hatte, es ist eigentlich überhaupt nicht wichtig, ob ich es besitze oder nicht. Es gibt wirklich wesentlich wichtigere Dinge in meinem Leben, als so ein Schiff. Ich danke Dir, dass ich so lange, so viel Vorfreude habendurfte. Es soll anscheinend nicht sein und ich akzeptiere dass die Situation, so wie sie ist, richtig für mich ist und nehme sie ergeben an.“ Dabei verabschiedete ich mich innerlich endgültig von meiner langjährigen Vorstellung, einmal stolzer Eigner eines solch schönen Schiffes zu sein. Ohne Wehmut, ohne Klage, ließ ich meine Vorstellung und Wunsch einfach los. Komischerweise trauerte ich meinem Traum keine Sekunde nach – er war einfach weg.
Nur ein paar Tage später, am 19.August, war ich zum Geburtstag meines Freundes Matthias eingeladen. Er feierte seinen 40sten und viele Freunde und Bekannte waren gekommen, um mit ihm zu feiern. So auch Brauni, ein gemeinsamer alter Bekannter, den ich seit mehreren Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er ist ein noch begeisterterer Segler als ich, und man hat den Eindruck, dass er schon seit seiner Geburt segelt, oder auf einem Schiff zur Welt gekommen sein muss.
Der „Zufall“ wollte es, dass neben ihm der noch einzige freie Sitzplatz war. Brauni hatte aus seinem Hobby schon vor Jahren einen lukrativen Nebenerwerb gemacht und verchartert in der Türkei und Ägypten sein Segelschiff, das groß genug für eine Mannschaft und 16 Passagiere ist. Wenige Minuten, nachdem ich mich neben ihn gesetzt hatte, fragte er mich locker: „Und, was macht deine Yacht? Du wolltest dir doch, als wir uns letztes Mal getroffen haben eine anlachen, hast du dir inzwischen eine Größere zugelegt?“ Ich erzählte Brauni wahrheitsgemäß, dass ich meinen Traum begraben hätte und halt meinen kleiner Kreuzer segeln würde, bis uns die Osmose (Alterserscheinung, ähnlich wie Rost beim Auto), scheiden würde.
„Mensch Rolf, sei doch nicht so blöd und gebe deinen Traum auf, ich kann dir nur zu dem raten, was ich getan hätte, wenn ich nicht schon den großen Kahn am Hals hätte“ Er erzählte mir von seinem langjährigen Freund Rainer am Bodensee, der ein absolut solides und sicheres Schiffkauf-Chartermodell anbieten würde, und er beide Hände für Rainer ins Feuer legen würde. „Du kaufst dir ein Schiff und durch die Charter-Einnahmen bezahlt es sich von ganz von selbst. Nach 7-8 Jahren ist es komplett abbezahlt.“ Da ich Brauni als absolut vertrauenswürdig kenne und vor allem seine Sachlichkeit (durch seinen Beruf als Polizist geschult) schätze, glaubte ich ihm. Eine zarte Hoffnungskerze, meinen Traum doch wieder ausgraben zu können, flammte in mir auf. Fast den ganzen Abend erzählten wir uns von unseren Erlebnissen, und er machte mir schmackhaft auf diese geniale Art, zu einer neuen Yacht zu kommen.
„Aber eins musst du wissen, wenn er das Geschäft mit dir macht: Er bestimmt, was du für ein Schiff kaufen musst, denn er nimmt nur solche, die er auch mit Sicherheit verchartern kann!“ Oh, ich habe es geahnt - das war das berühmte Haar in der Suppe, aber man kann ja mal auf jeden Fall die Verbindung aufnehmen. Brauni gab mir die Telefonnummer von Rainer und trug mir auf, ich solle ausdrücklich sagen, dass er mich geschickt hätte, Rainer wüsste mich dann schon einzuschätzen.
Gesagt getan, sofort am nächsten Tag rief ich Rainer an, und er war mir auf Anhieb schon am Telefon sympathisch. Er teilte mir seine Geschäftsgepflogenheiten mit. Dann kamen wir auf den Schiffstyp zu sprechen: „Herr Hofmann, Brauni hat ihnen bestimmt auch gesagt, dass ich nur ganz bestimmte Schiffe zum Verchartern nehme, und das einzige, was ich für nächstes Jahr brauchen kann, ist eine Bavaria 31, wenn sie die nehmen, dann kommen wir ins Geschäft, sonst nicht. Ich schicke ihnen mal die Unterlagen zu….“
Ich war absolut platt – echt platt, platter ging es nicht mehr. Genau für dieses Schiff hatten Doris und ich uns schon vor fast einem Jahr entschieden – das konnte kein Zufall mehr sein. Soviel noch zu der Geschichte: wir machten das Geschäft miteinander, und so konnten wir uns damals doch noch das erträumte Segelboot zulegen, trotz Steffens Heimwechsels. Auch die monatliche Zuzahlung an den Heimkosten war letztendlich nur ein Bruchteil von dem ursprünglich erwartet hohen Betrag.
Habe ich meinen Wunsch nur deshalb, oder erst dann erfüllt bekommen, als ich ihn losgelassen habe? Als es überhaupt nicht mehr wichtig für mich war, ob ich dieses Schiff nun besitze oder nicht? Hat sich deshalb mein Wunsch doch noch erfüllt, weil ich mich rückhaltlos, ohne Wenn und Aber, dem göttlichen Plan gefügt und meinen Willen untergeordnet hatte?
Ich denke ja, so war es.
So, wie mit dem Schiffswunsch, so hatte ich schon viele Erlebnisse. Ich wurde aber jedes Mal aufs Neue vor die Wahl gestellt, am eigenen Wunschdenken festzukrallen, oder es der göttlichen Fügung anheim zu stellen. Jedes Mal ist es ein innerer Kampf, den ich ausfechten muss, aber im Lauf der Jahre scheint dieser Kampf immer schwächer und weniger schmerzhaft für mich zu werden, aber er bleibt bestehen und wird auch wahrscheinlich nie enden.
