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Sarahs Ehemann Jens wird immer verwirrter. Er ist launisch, öfter gereizt, zeigt sich verbal aggressiv, ist desorientiert. Sie vermutet, dass es die Wechseljahre sein könnten. Nach langem Bitten lässt sich Jens endlich untersuchen. Die Diagnose: Krebs, Stadium 4, unheilbar. »Sowas will mir nicht ins Hirn! Sowas will ich nicht denken, sowas scheint außerhalb jeglicher Realität und doch muss ich lernen, es zu begreifen, es zuzulassen. Aber das geht nicht. Ich habe mir, ehrlich gesagt, mit der Hand gegen den Kopf geschlagen, um den Gedanken dort hinein zu bekommen. Genützt hat es nichts.« Sarah Breitling beschreibt in ihrem Buch viele Ereignisse, die zeigen, dass das Leben an der Seite von Jens einzigartig war. Schonungslos beschreibt sie, was nach den ersten Anzeichen der Krankheit vor ihren Augen geschieht. »Bekommt man hier eigentlich so eine Bonuskarte, wie beim Bäcker? Wer den meisten Krebs hat, bekommt eine Chemo frei Haus? Entschuldigung, aber ich muss mich mit Sarkasmus irgendwie über Wasser halten. Anders schaffe ich das nicht!« Die Autorin spendet den Erlös des Buches an das Projekt »Der Wünschewagen-letzte Wünsche wagen« des ASB Deutschland e.V.
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Seitenzahl: 370
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Sarah Breitling, 1976 in Bad Honnef geboren und dort aufgewachsen mit zwei Geschwistern, schreibt schon in ihrer Jugend Gedanken und Ereignisse aus ihrem Leben auf. Manche in Gedichtform oder auch als Kurzgeschichten. Im Buch der Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichtes, ausgewählte Werke II, veröffentlichte die Autorin eines Ihrer Gedichte.
Die Autorin arbeitete 22 Jahre als staatlich anerkannte Kinderpflegerin in einer Kindertagestätte, absolvierte 2008 eine 3- jährige Ausbildung zur staatlich anerkannten Heilpädagogin und arbeitet heute in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung.
Sarah Breitling ist verwitwet und lebt mit den beiden Hunden Bodo und Elliese bei Neustadt im schönen Westerwald.
Aus der Idee, das Erlebte und die Erfahrung der letzten Monate als Erinnerung für sich und andere festzuhalten und zu teilen, wurde dieses Buch.
Für Jens Uwe Breitling Simm. Langer Name, großer Kuss.
Vorwort
Was ist DAS denn?
Boxershorts und Bohrmaschine
Deutschlandreise
Eine orangefarbene Couch
Unter Mordverdacht
Pottsau
Do you speak englisch? oder Unser erster und letzter Streit
Komm in die Hand
Ein kleines zänkisches Bergvolk feiert Weihnachten 1
Herzschmerz im März
Jens, die Romantik und ich
Hochzeit, eine Herzensangelegenheit
takk for en fin ferie i norge
Umzug
Bärchenpflaster
Nur mal gucken 1
Ich und mein Holz 1
Ein kleines zänkisches Bergvolk feiert Weihnachten 2
Nur mal gucken 2
Eins ist nicht gleich Eins
Was willst du von mir?
Der Bus kommt nicht und Ich drehe durch
Ich verstehe nur Bahnhof
Fahrverbot
Bitte tu was sie sagen
Sie wollen in Jens´ Gehirn?
Froschkostüm
Vorsorgevollmacht
Ergebnisse, weitere Untersuchungen und Spekulationen
Diagnose
Kann ich das verantworten?
Hier wohnen wir also?
Nur ein Vorstellungstermin
Möchten Sie reanimiert werden?
Wüstenfüchse und Mit voller Wucht
War der Schreibtisch schon immer so klein?
Im Foyer
Cowboy, du Arsch!
Ein Anschluss unter dieser Nummer
Warten auf die Expressbrieftaube
Nicht im Streit
Geduld bitte! Und Gedanken, Taten und Tatsachen
SAPV
Ich und mein Holz 2
Glaubensfrage
Lass mich mit den scheiß Tabletten in Ruhe
Hä?
Wir überlegen uns das und melden uns dann
Hospiztermin
Hypnose
3.30 Uhr
Rückzug des Rudels
Kirschsaft
Hase, ich sterbe!
Ich und mein Holz 3
Kräfte mobilisieren
Ich und mein Holz 4
Ich helfe dir sehr gerne
Wünsch dir was Auto
Zwischenmenschliches Vertrauen und geschäftliche Angelegenheiten
Haustierpflege
Hier möchte ich dann wohnen
Berni und Tina
Ungeahnte Grenzen
Sarah, fang an zu zählen!
Flutwelle
Entschuldigung, wo bitte ist mein Mann?
Ich kann Jens nicht gehen lassen
08.02.2020
09.02.2020 morgens/ vormittags
09.02.2020 nachmittags
09.02.2020 Wir sehen uns wieder
Ich darf das
Sie lügen mich jetzt bitte einfach an
Erzählen Sie mir was von Ihnen beiden
Schneeglöckchen und Sonnenstrahlen
Das Leben ist gar nicht so schwer und Siehste!
Ich kann die Lücken im Nebel sehen
Freiheit und Rebellion
3.30 Uhr Nachwehen
Entspannen des Rudels
Fragen fragen
Herzliches Beileid
Träume
Ich wünschte ich hätte Zeit für den Nervenzusammenbruch, den ich mir verdiene
Käseblättchen mit Sahnehäubchen
Nä, ne?!
Zahlen bitte!
Zufälle gibt es nicht, oder doch?
Nachwort
Danksagung
Dieses Buch schrieb ich für meinen Ehemann Jens, der mit 52 Jahren an Lungenkrebs erkrankte und daran starb.
Als ich anfing dieses Buch zu schreiben, war mein Mann, nach achtwöchigem Krankenhausaufenthalt, in denen die Diagnostik und letztendlich die Diagnose gestellt wurde, zu Hause. Er hatte sich bewusst dafür entschieden, keinerlei Therapien mehr zu machen, die den Tumor und die Metastasen am Wachstum hemmen oder verkleinern lassen würden. Ihm war auch bewusst, dass er an dieser Krankheit sterben würde, mit oder ohne Therapie. Ich, als Ehefrau, trug diese Entscheidung mit. Jeden Weg wäre ich mit ihm bis zum Schluss gegangen, egal, wie er sich entschieden hätte.
Im Nachhinein gibt es, von meiner Seite aus, Bedenken, ob der Weg, den wir nach der Diagnose gegangen sind, der Ebenste war. Zweifel, Unsicherheit und Unwissenheit ließen uns aber genau diesen Weg gehen, auch wenn dies bedeutete, dass jeder von uns beiden dafür einen sehr hohen Preis zahlen musste. »Ich gehe diesen Weg mit dir zusammen, egal was kommt!«, sagte ich einmal zu ihm. Jens erwiderte: »Da bin ich ja mal gespannt!«
Mit sehr viel Stolz kann ich in meinen Himmel schauen und sagen: »Ich bin diesen Weg mit dir gegangen, bis zur Erinnerung, die mir bleibt!«
Meine Erfahrungen, Erkenntnisse, unsere Erlebnisse, Jens unerschütterlicher Wille und schließlich die Erinnerungen habe ich festgehalten. Für ihn, für mich, für unsere Familien, für unsere Freunde, die wir allesamt Teil dieses Lebens von Jens waren, sind und immer bleiben werden!
Anmerken möchte ich noch, dass der Humor, der Spott oder aufkommender Sarkasmus, den es, trotz allem, in diesem Buch gibt, auf Jens abgestimmt wurde. Viele Aussagen hat er genauso getroffen, wie ich sie aufgeschrieben habe. Wenn nicht, kann ich mit sehr ruhigem Gewissen sagen, dass ich Jens so gut kannte, dass er meine Ausführungen toleriert und akzeptiert hätte.
Mein Mann ist:
Charakterstark, willensstark, prinzipientreu, groß, respekteinflößend, überzeugend, situativ akribisch, einfühlsam, rotelinsenhasser ,empathisch, fordernd, gelassen, stark, glücklich im Job, ein Macher, ein Fahrer, um Ausreden manchmal nicht verlegen, breitschultrig, tierlieb, stolzer Ossi, kein Sachse, ein Vogtländer, Schalker, Sportschaugucker, Weihnachtsliebhaber, Fürsichselbstsorger, Nudelfreund, ein Rudelführer, unabhängig, Trash,- und Speedmetalhörer, Selbstmitleidshasser, konsequent, Pilzeimwaldfindfreund, Totenkopfliebhaber, Thrillergucker, Getränkeausglasflaschenmöger, Holzliebhaber, Organisator, Kamintollfinder, Kaffeetrinker, Bockwurstliebhaber, mutig,
Beitraurigenfilmenweiner, selbstbewusst, guterrechner, Seinerfraublumenschenker, Weltbesterautoeinparker, ein Beschützer, zielstrebig, gernemitöffentlichenverkehrsmittelnunterwegsfahrer, tollergeschenkeschenker, verlässlich.
Mein Mann und ich lernen uns vor etwa 16 Jahren kennen. Eigentlich ist es von Anfang an so, als ob wir uns schon ewig kennen. »Ein Arsch un ein Kopp«, wie der Rheinländer zu sagen pflegt. Wir wohnen in einem Mietshaus, er eine Etage unter mir. Da er von Beruf ein Fahrer ist, ist er nur selten zu Hause. Meist die ganze Woche unterwegs oder immer nachts gefahren. Wenn er mal zu Hause ist, schläft er oder ist mit seinen Kumpels saufen, so mein Eindruck.
Wenn ich in meiner Wohnung im Bad stehe, kann ich vom Fenster aus auf die Straße schauen. Da kommt Jens, Sonntagmorgens, sehr konzentrierten Ganges, die Hände in den Hosentaschen, mit seiner Jeansjacke und seiner grauen Kappe auf dem Kopf, leicht schwankend die Straße runter, zum Hauseingang. Es rappelt und rumpelt im Hausflur, der Schlüssel fällt mal auf den Boden, dann ein fluchen, nun geht endlich seine Wohnungstür zu. Eigentlich ist zu diesem Zeitpunkt mein erster Gedanke: »Was ist DAS denn? Wenn man den mal sieht, ist der immer hackedicht.« Auch wenn er, meiner Ansicht nach, gut aussieht, aber dieser Lebensstil liegt mir doch sehr fern. »Wie heißt der eigentlich?« An dem Klingelschild an der Wohnungstür steht sein Name. » ...und was ist das überhaupt für ein Name? Kein Wunder...seltsamer Typ.....«
Ein paar Tage später riecht es im Hausflur nach verbranntem Iltis. Der Gestank kommt aus der Wohnung des eben beschriebenen Mannes. Meine Nachbarin macht sich Sorgen um ihr kleines Kind, welches vielleicht an einer Rauchvergiftung sterben würde, da auch der Qualm, der leicht durch den Hausflur kriecht, nicht ganz zu ignorieren ist. Ich weiß nicht mehr wer von den anderen Parteien die noch im Haus wohnen, bei Jens Sturm klingeln, um ihn auf diese unangenehme Tatsache aufmerksam zu machen. Die Gerüchteküche, (dieses Wort wähle ich in diesem Zusammenhang sehr gerne) berichtet im Nachhinein, dass der angebliche Iltis eine Pizza war, die Jens sich in den Ofen geschoben hatte und darüber eingeschlafen war. Boahr, voll typisch für den seltsamen Mieter da über mir.
Dass es aus meiner Wohnung mal ähnlich roch, da mein Toaster defekt war und das Weißbrot darin, nah sagen wir, der Farbe von Asphalt sehr nahe kam, erwähne ich hier nicht weiter. Mit der Zeit laufen wir uns immer öfter, wenn auch zwangsläufig, im Treppenhaus über den Weg. Meist beim Wäschewaschen im Gemeinschaftswaschkeller. In meiner Kellerwohnung bekomme ich oft mit, wenn jemand die Stufen runter geht um, an meiner Wohnungstür vorbei, Wäsche zu waschen. Als ich einmal mitbekomme, dass Jens´ Haustür zugezogen wird und er die Treppen runter kommt, fasse ich all meinen Mut und eine einzige Unterhose, die jetzt dringend noch in die Wäsche muss, zusammen, um, auch an meine Waschmaschine gehen zu müssen.
»Hallo!«, sage ich. Dem Himmel sei Dank ist der Keller recht dunkel und man sieht hoffentlich meinen hochroten Kopf nicht, wobei mir so warm ist, dass ich bestimmt auch im Dunkeln leuchten muss. »Hallo!«, sagt er. Uoh, was für eine dunkle Stimme! Die mag ich auch! Als ich meine Wohnungstür wieder schließe, lehne ich mich, wie manchmal in Filmen, von innen an die Tür und rutsche daran hinunter in die Knie. Ich muss kichern und hoffe, dass er mich nicht hört, als er an meiner Tür vorbei, wieder nach oben geht. Was ein Typ!!! WOW!
Jens ist ein Fahrer und oft die ganze Woche über unterwegs um seiner Arbeit nachzugehen. Ich schaue auf den Parkplatz draußen. Gut, er ist unterwegs. Dann gehe ich in den Waschkeller, wo seine Wäsche auf der Leine hängt.
Aha, er trägt Boxershorts.
Nachdem wir uns ein paar Mal so rein zufällig begegnen, bitte ich Jens, mir bei meinem Umzug zu helfen. Von der Kellerwohnung in eine schönere, größere Wohnung desselben Mietshauses, überhalb von Jens. Für den Umzug leine ich meinen damaligen Hund Shaka an der Heizung fest, damit er uns nicht zwischen den Füßen rumläuft. Jens nimmt sich einen Karton in der Nähe von Shaka und der Hund beißt ihm in die Hand. Das sagt er mir allerdings erst Wochen später. Warum, weiß ich nicht. Das ist ja mal peinlich.
In der neuen Wohnung oben, finde ich jedenfalls, kann bestimmt keiner so toll eine Küche aufbauen wie er! Jens ist sehr hilfsbereit. Vieles muss er gebückt unter der Spüle fummeln, was mir sehr recht ist, da ich Rücken vortäusche. Seinen Hintern finde ich übrigens heute noch schön!
Dann muss ich bohren! Sehr viel bohren! Löcher in Wände, Regale und Haken anbringen. Ich musste noch nie so viel bohren in meinem Leben. Ganz wichtige Sachen, tagelang.
Eine Bohrmaschine habe ich leider nicht. Aber ich weiß vom Umzug, dass Jens eine hat. Total praktisch! Da kann ich mir die von ihm bestimmt ausleihen! In einem gelben Eimer bewahrt er sie auf.
Oft reiße ich Jens aus dem Schlaf, weil er ja ein Fahrer ist und wenn er mal zu Hause ist, schläft. Total verpennt macht er mir die Tür auf. Verschmitzt huscht mein Blick an ihm runter. Die Boxershorts kenne ich doch! »Netter Anblick«, denke ich, denn weiter hat er, bis auf Socken, nichts an. Auf beiden Armen sehe ich Tätowierungen. Dass mir auf einmal ganz schön heiß wird, merkt er hoffentlich nicht.
Leider sinkt meine Körpertemperatur schlagartig wieder. Hat er da wirklich weiße Tennissocken mit diesen bunten Streifen, Marke 80ger Mode und im Schrank vergessen, könnt ich mal wieder anziehen, statt mir neue zu kaufen an den Füßen? Ich kann es nicht fassen. Immer wenn ich jetzt bei ihm klingle, tu ich so, als wenn mir das total peinlich ist. »Aach, das tut mir voll leid, jetzt störe ich dich schon wieder!«, lüge ich, ohne rot zu werden. Aber Jens ist immer freundlich und sagt: »Mach! Immer mach!« »Ich mach ja schon«, denke ich, »merkst du das denn nicht?« Nein, Jens merkt nicht, dass mein Bohren nichts mit der Bohrmaschine an sich zu tun hat.
Nachdem wir uns jetzt öfter sehen, lädt er mich auch hin und wieder zu einem DVD Abend zu sich ein. Dabei lerne ich »Dicker« kennen. Dicker ist sein schwarzer Kater. »Hm«, denke ich, »ein Mann und sein Kater, soll ja viel blicken lassen.« Da mir jedoch Katzen nicht so liegen, konzentriere ich mich doch mehr auf den Mann. Der wird mir immer sympathischer und wir verstehen uns direkt auf Anhieb. Die Unterhaltungen sind zwanglos, es ist mächtig unkompliziert, nur ein bisschen verkrampft, so wie ich auch. In einer Unterhaltung erzähle ich ihm, dass mein Spitzname »Teewurst« ist. »Meine Schwester hat ihn mir vor Jahren gegeben, warum, weiß ich nicht mehr.« Jens schaut mich etwas verwirrt an, sagt aber nur »Aha«. Hätte ich das besser nicht erwähnen sollen? Es ist mir, nach diesem nichtsaussagenden »Aha«, jetzt doch etwas peinlich. Seinerseits sagt er mir dann, dass er von allen nur »Ossi« genannt wird. Ossi und Teewurst, das gefällt mir irgendwie. Ich fühle mich sehr wohl bei ihm, aber es tut sich nichts, was auf ein innigeres Zusammensein schließen könnte. Er sitzt auf der Couch, ich auf dem Sessel. Als er auf die Toilette geht, wechsle ich schnell den Platz auf die Couch. Wo setzt sich Jens hin, als er wiederkommt? Auf den Sessel. Nah vielleicht beim nächsten Mal.
Auf der Arbeit erzähle ich meiner Kollegin von dem netten Nachbarn. Zum Scherz sagt sie: »Schreib ihm doch ne SMS, dass du ihn toll findest!« Das ist die Idee! Er ist noch ein paar Tage unterwegs und ich muss ihm, wenn es ein Reinfall wird, nicht heute schon über den Weg laufen. Damals gab es noch keine schnellen praktischen Handygeschichten zum Senden und Empfangen von Nachrichten. Zu der Zeit sind es noch SMS, die man schreiben muss und die Anzahl der Zeichen in einer SMS sind begrenzt. Und so ballere ich acht Nachrichten hintereinander raus, um ihm zu schreiben, dass er mir nicht mehr aus dem Kopf geht, dass ich ihn wirklich toll finde...und, und, und…Ab jetzt heißt es warten, was er antworten wird, oder ob er überhaupt jemals antworten wird? Alle fünf Sekunden schaue ich ab jetzt auf mein Handy.
Ob er und was er zurückgeschrieben hat, dass weiß ich nicht mehr genau. Ich weiß aber noch, dass er irgendwann abends, als er nach Hause kommt, vor meiner Wohnungstür steht und wir uns an diesem Abend zum ersten Mal küssen.
Später, als wir zusammen sind, erzählt er mir, dass ihn diese acht SMS, durch das ständige Bimmeln seines Handys, aus dem Schlaf gerissen haben. Völlig verpennt hätte er auf sein Handy geschaut und im Halbschlaf die erste SMS gelesen. Danach war er hellwach und las die sieben anderen. Den restlichen Tag verbrachte er mit einem Dauergrinsen im Gesicht.
Das gegenseitige Besuchen gestaltet sich sehr praktisch, wohnt er ja direkt unter mir. Ich muss mich nicht wirklich in Schale schmeißen, sondern kann gleich im Schlafdress- sofern man überhaupt eins braucht, durch das Treppenhaus huschen. Über den Punkt, dass man sich etwas Vorteilhaftes, Tolles für den Partner anzieht, weil man ihn ja gerade erst kennengelernt hat und man seine Schokoladenseite zeigen möchte, sind wir irgendwie schon drüber oder wir brauchen das gar nicht. Nach DEN Socken, kann ich auch in Jogginghose kommen.
Übrigens, das Erste was ich mache, nachdem wir ein paar Wochen zusammen sind: Ich schmeiße diese Socken weg! Heute trägt er immer noch Tennissocken, aber die sind jetzt grau oder schwarz ohne Streifen!
Jens versöhnt sich mit Shaka wieder und die beiden gehen spazieren, während ich an einem Tag mal Jens´ Wohnung putze. Unverhofft klingelt es an der Wohnungstür. »Hat er den Haustürschlüssel vergessen?«, denke ich noch, während ich die Tür öffne und Olli, sein bester Kumpel, den ich noch nicht kenne, vor der Tür steht. Ich schaue ihn genauso verdutzt an, wie er mich. Dann entspannen sich zumindest seine Gesichtszüge »Ähm, Halloooo, wo is denn der Jens?«, fragt er und grinst dabei fast unmerklich. »Der ist mit meinem Hund raus, ähm... dafür putze ich seine Bude.«, antworte ich und merke, dass ich den Wischmop noch in der Hand halte und man die Tatsache, dass ich putze, bestimmt nur unschwer erkennen kann. Ich hätte also auch sagen können: »Ich habe eine Wassermelone getragen!« Meine Güte, lernt man den Freundeskreis seines neuen Partners nicht auf einem netten Stelldichein kennen oder irgendwie anders? Nein, Olli und ich lernen uns kennen, während ich Jens´ Wohnung putze, dabei schwitze und wahrscheinlich wie ein Iltis rieche. »Wie peinlich ist das denn bitte?!«, denke ich, als mir das so bewusst wird. »Aaaaja«, sagt Olli ganz leicht irritiert, aber jetzt mit einem offensichtlichen Grinsen im Gesicht, »dann komm ich später oder besser morgen nochmal wieder!«
Da bei DVD Abenden im Allgemeinen bekanntlich nicht viel Kommunikation stattfindet, frage ich Jens, ob wir nicht mal ein Gesellschaftsspiel spielen. Man muss ja auch erst mal die gegenseitigen Interessen erkunden. »Mnja, so gerne spiele ich eigentlich nicht, würde aber mal mitspielen«, sagt er etwas lustlos, strengt sich aber an, nicht zuu lustlos zu klingen. Es wird das Spiel »Deutschlandreise«, welches ich aussuche.
Aus psychologischen Gründen versteht sich. »Ein Fahrer« fühlt sich bestimmt gebauchpinselt, wenn er seinem Gegenüber sofort sagen kann, wo welche Städte liegen.
Kurz erklärt:
Bei Deutschlandreise geht es darum, dass man etwa fünf Städtekarten aus einem großen Stapel zieht, um mit einer Spielfigur und einem Würfel alle diese Städte auf einem Spielfeld zu bereisen. Wer als erster alle seine gezogenen Städte »bereist« hat, ist Sieger.
Aus einem großen Stapel, der aus 220 Karten besteht, ziehe ich die erste und bin gespannt, in welche Stadt ich meine Spielfigur zuerst setzen muss. Ich drehe sie um und was steht auf ihr?
PLAUEN
Jens´Heimatstadt!
Mit der Zeit, die wir nun schon zusammen sind, wird es oft noch ein bisschen unheimlicher. Viele Dinge, die Jens denkt, weiß ich, ohne dass er sie ausspricht. Umgekehrt ist es genauso. Es braucht oft nicht viele Worte, denn der eine antwortet auf Fragen, die der andere noch nicht mal gestellt hat. Das kenne ich nur von eingespielten Paaren, die sich schon über Jahre in- und auswendig kennen.
Jens hatte mir mal zum Hochzeitstag, an den er übrigens jedes Jahr dachte und mir Blumen auf die Arbeit schickte, eine Karte beigelegt, auf der ein Spruch stand, der sehr genau auf die beschriebenen Situationen passte:
Ein Mann ist erst richtig verheiratet, wenn er jedes Wort versteht, dass seine Frau nie gesagt hat.
Da wir uns jeden Tag sehen und das Zusammenleben gut funktioniert, beschließen wir, zusammen zu ziehen, in ein gemeinsames Haus zur Miete. Nicht groß, nicht weit weg von dem Mietshaus, aber gut genug für uns beide. Die Möbel sind schnell ausgesucht, haben wir beide ja den gleichen Geschmack.
Dass die schöne neue orangefarbene Couch nach langem Hin und Her weder durch, noch über das schmale Treppengeländer passt um im oben gelegenen Wohnzimmer ihren Platz zu finden, ist unpraktisch aber nicht unmöglich. »Der Bauer muss her!«, sagt einer der zahlreichen Kumpel von Jens, die zum Umzug da sind. »Der Bauer? Welcher Bauer?«, denke ich. »Jaaa genau, der Bauer!«, ruft bald einer nach dem anderen. Der Bauer kommt dann nach einem kurzen »Männertelefonat«, das sich wie folgt anhört: »Ey Bauer! Wie isset?«, die Antwort nicht abwartend weitergesprochen: »Hömma Bauer, wir haben hier ein Problem. Wir kriegen die Scheiß Couch nich durchs Haus beim Jens, kannste mal vorbeikommen?«, auch gleich mit dem Traktor in den Hof gefahren. Ich stelle mich ihm vor: »Hallo, ich bin Sarah!« Bauer rülpst erst einmal und murmelt dann »Hallo...« »Ja super, Stück Brot dabei oder geht’ s so?«, fällt mir dazu nur ein. Patty, Jens´ Kumpel und ich schmeißen uns weg vor Lachen, dem Bauer ist das jetzt total peinlich.
Ich sehe zu, wie die Couch über das Dach der Garage, welches dem Gewicht phasenweise doch nicht so standhält wie gedacht, von der Seite rüber, durch das Fenster gewuchtet wird. Viel helfen kann ich dabei nicht, das ist Männersache!
Alle ziehen, schieben, drücken, schwitzen und fluchen.
»Mehr links!«
»Pass auf, die Dachpfannen!«
»Man, pack doch da hinten mal mit an!«
»Das passt hier nicht!«
»Mehr liihiinks!«
»Das passt!«
»Scheiße, doch nicht!«
»Mehr rechts!«
»Du musst da mehr ziehen!«
»Achtung, Fensterrahmen!«
»Braucht ihr die Scheiben noch?«
»So jetzt nur noch mal kurz ruckeln!«
»Nimmt eigentlich drinnen jemand die Couch entgegen?«
»Warte ich renn hoch!«
Es dauert gefühlte drei Stunden und mindestens fünf Mann sind mit dieser Couch beschäftigt, als das Ding endlich da steht, wo es hin soll. Alle atmen auf und durch. Pattys Worte höre ich jetzt noch im Ohr: »Nah, das ging ja fix!«
Jens und ich wohnen schon eine Weile zusammen, als eines Tages ein Brief von der Polizei aus Plauen ins Haus flattert. Er ist an Jens adressiert und dieser ist, wie so oft, auf Tour. Sofort öffne ich den Brief, weil, bestimmt wichtig.
Ich lese, lese nochmal und ich lese ein drittes Mal. Da steht tatsächlich: Sehr geehrter Herr Breitling, ...Vorladung...hiermit werden Sie, wegen Verdacht des Mordes am soundsovielten ins Polizeipräsidium Plauen geladen.
Meine sofortige SMS an Jens beinhaltet Folgendes: »Hase? Hast du mir irgendetwas zu sagen? Hast du irgendwen umgebracht? Ruf mich sofort an!« Drei Sekunden später klingelt das Telefon. Das übliche »Hallo« spart sich Jens. Unter diesen Umständen durchaus nachvollziehbar. »Bist du besoffen?« Schallend lacht es am anderen Ende der Leitung. »Hase, so lustig finde ich das nicht!«, sage ich empört. »Wie kommst du denn darauf, dass ich jemanden umgebracht haben soll?« Ich erzähle ihm von dem Brief. »Hase«, sagt er ernst, sehe ihn aber durchs Telefon grinsen, »ich habe niemanden umgebracht!« »Sicher?« »Sicher!«
Als er freitags wieder zu Hause ist, liest er sich den Brief selbst nochmal durch. Darin steht noch, dass 19XX irgendwer in Plauen ermordet worden ist. Sie haben Hinweise von einem Zeugen, der den Täter gesehen haben will und DNA Spuren. Die Beschreibung des Täters passt irgendwie auch auf Jens, der, zum genannten Zeitpunkt, seinen Wohnsitz in Plauen hatte.
Jens fährt zur Vorladung extra in die Heimat. Er freut sich, da kann er gleichzeitig seine Schwester Katrin und seinen Schwager in Spe besuchen. Die Polizei nimmt eine Speichelprobe, befragt ihn wo er 19XX um 17.09 Uhr gewesen sei, mit wem er unterwegs war, wie seine damaligen Kumpels hießen und, und, und. Jens kann nach seiner Aussage gehen und wir hören nie wieder etwas davon, dass mein Ehemann angeblich einen Mord begangen haben soll. Das Ereignis bleibt uns allerdings noch lange im Kopf und wir müssen oft darüber lachen. »Weißt du noch, als du unter Mordverdacht gestanden hast?«
Mit der Zeit hat sich zwischen Jens und mir eine lässig unkomplizierte Umgangsweise entwickelt. Das typische Filmliebespaar, mit Händchen halten und Küsschen hier, Küsschen da, das waren wir nie. Wir können uns auch schon mal Schimpfwörter um die Ohren hauen, ohne, dass der andere verletzt gewesen wäre.
Meine Schwester Barbara kommt uns besuchen. Wir sitzen in der Küche, essen Kuchen, trinken Kaffee und reden über dies und das. Zwischendurch muss ich eine Zigarette rauchen und gehe, selbstverständlich, dafür vor die Haustür. Da ich gerade meine Hausschuhe nicht finde, tun es auch die Gummistiefel. Wenn man draußen steht, kann man von dort aus in die Küche schauen und wir unterhalten uns weiter.
Mitten im Satz merke ich, dass ich aufstoßen muss. Während die Luft also aus meinem Mund entweichen möchte, merke ich, dass es wohl doch kein kleines Bäuerchen wird, sondern mehr ein Rülpser der Marke Donnerschlag werden könnte. »Ach, wir sind ja unter uns.«, denke ich noch und hau ihn mit einem baßtiefen Ton ungeniert raus. Die bisher rege Unterhaltung in der Küche stoppt abrupt. Stille! Jens ruft im Affekt zu mir raus: »DU ALTE POTTSAU!«
Ich kann mich vor Lachen kaum halten. Das Wort habe ich ja schon ewig nicht mehr gehört.
Jens schmeißt sich drinnen vor Lachen ebenso weg und reibt sich nach ein paar Sekunden die Tränen aus den Augen. Barbara fällt vor Lachen der Kuchen aus dem Mund und bekommt Schnappatmung. »Teewurst, du stehst da wie Frau Flodder!«, bekommt sie gerade noch so heraus, bevor sie vom nächsten Lachanfall geschüttelt wird. »Gummistiefel, Jogginghose auf halb acht und rülpst hier wie ein Bauarbeiter!« Uns alle drei haut es vor Lachen von einer Ecke in die andere. Mir laufen die Tränen. Ich liege fast auf dem Boden.
Noch Jahre später, immer, und ich schwöre immer dann, wenn ab jetzt jemand einen unanständigen Ton von sich gibt, sagt irgendwer von uns dreien: »POTTSAU!«
Jens soll beruflich ein Auto nach England überführen und fragt mich, ob ich mitfahren möchte. Klar möchte ich das! Einen Aston Martin habe ich noch nie gesehen und in England war ich auch noch nie. Mein Hund Shaka bekommt Asyl bei meinem Ex Freund, zu dem ich zu diesem Zeitpunkt noch guten Kontakt habe. Wir fahren los und ich dokumentiere alles in Bild und Schrift. Sowas will ja schließlich festgehalten werden! Die Fahrt läuft reibungslos und Jens lädt das Fahrzeug bei seinem Besitzer, in einem noblen Golfhotel, ab. Wow, was ein Schuppen! »Übernachten wir hier?«, frage ich mit einem grinsenden Gesicht. »Klar, in der Besenkammer haben die bestimmt noch was frei für unser Budget!«
Wir fahren weiter und suchen uns ein Bed and Breakfast. In Musselburgh finden wir eins. Gegenüber liegt direkt der Strand. Jetzt wissen wir, warum Musselburgh, Musselburgh heißt. Solche Muscheln haben wir noch nie gesehen! Irre!
Das Bed and Breakfast ist, sagen wir, in einer Zeit stehen geblieben, die selbst meine Oma noch nicht live miterlebt hat. Das Tapetenmuster ist eine Wucht, die Bommeln an den mit Stoff überzogenen Lampen findet man überall wieder, auch an den Teppichfransen. Die bodenlangen schweren Vorhänge, an beiden Seiten des Fensters, beißen sich erschreckend gut mit dem Muster der Tapete. Sekundenlang stehen wir einfach nur da und schauen uns alles an. Dann kugeln wir uns vor Lachen. »Scheißegal! Beim Schlafen haben wir ja die Augen zu!«
Abends klopft die Vermieterin an unsere Tür. Sie gibt uns, natürlich auf englisch, Informationen. Ich verstehe: »Wenn Sie morgen früh das Haus verlassen, bin ich schon weg, weil ich einen wichtigen Termin habe. Wenn Sie die Tür hinter sich zu ziehen, stellt sich automatisch die Alarmanlage ein.« Ich denke noch: »Naja, das kann uns ja eigentlich egal sein, aber gut.« Ich bedanke mich für die Info und wir gehen zu Bett. Am nächsten Morgen wollen wir gegen 9.00 Uhr abfahren. Abends schreibe ich noch die am Mittag gekauften Postkarten an die Lieben zu Hause. Auch wenn wir nur drei Tage weg sind, was sein muss, muss sein. Unter anderem schreibe ich meinem Ex Freund, der auf Shaka aufpasst, zum Ende des Postkartentextes einen lieben Gruß und denke mir nichts dabei. Ich gebe Jens alle Karten zum Unterschreiben rüber, dazwischen befindet sich auch die Karte an den besagten Ex Freund. Jens flippt völlig aus, als er sie sieht und liest. »Wie kannst du deinem Ex Freund eine Postkarte schreiben?« »Nah, weil er auf Shaka aufpasst, einfach so.« »Da steht drunter lieber Gruß. Wieso schreibst du nicht direkt ´Ich liebe dich noch?'. Ich bin völlig perplex und weiß in den ersten Sekunden überhaupt nicht, was ich dazu sagen soll. Im Leben wollte ich diese Assoziation nicht hervorrufen, außerdem war es doch nur ein lieber Gruß?! Nein, Jens schimpft weiter und behauptet lautstark auch noch: »Du bist ja nur mit mir zusammen, damit du in der Weltgeschichte rum kommst!!« Ich starre ihn an und mir laufen die Tränen, weil das doch gar nicht stimmt! Außerdem, was ist überhaupt in ihn gefahren? Jetzt habe ich meine Stimme wieder gefunden und schimpfe laut zurück. Ein Wort gibt das andere. So einen eifersüchtigen Eindruck hat er mir nie gemacht und die Sache mit meinem Ex Freund ist nun wirklich nicht mehr der Rede wert. Jens schimpft weiter und weil wir nur ein Zimmer und das Bad haben, verziehe ich mich irgendwann in letzteres. Jens fährt an die Tankstelle und kauft sich zwei Bier, die er dann im Zimmer kurz hintereinander weg trinkt. Er schimpft weiter vor sich hin und ich schimpfe weiter zurück. Jetzt alles etwas leiser. Dann, irgendwie, irgendwann beruhigt sich die Situation und wir gehen wieder friedlich miteinander um.
Einen Streit, in diesem, für mich heftigen Ausmaß, gibt es nie wieder. Ab und zu mal provoziert Jens in all den Jahren einen Streit, indem er, wie ich finde, unwichtige Dinge aufbauscht, weil...ja, ich vermute fast, weil es ihm zu harmonisch läuft und er ein bisschen den Macker raushängen lassen möchte. Natürlich gibt er das nie zu, als ich dies irgendwann mal anspreche, aber er grinst dabei. Volltreffer.
Ich lerne damit umzugehen, lasse ihn einfach kratzbürstig sein, kommt ja, dem Himmel sei Dank, nicht oft vor, gebe meinen Senf zu seinen Kommentaren und ignoriere ihn dann leicht von oben herab, was ihn noch mehr auf die Palme bringt. Irgendwann frage ich nur noch grinsend: »Bist du jetzt fertig?« , dann grummelt er noch etwas vor sich hin, ich grummle zurück, bis einer von uns beiden auf das Kasperletheater keine Lust mehr hat und fragt: »Möchtest du auch was aus der Küche?«
Dieses Möchtest du auch was aus der Küche?, wird mit der Zeit so eine Art »Ja, ich war doof, jetzt sei wieder lieb mit mir!« Metapher bei Jens. Jedes Mal muss ich grinsen, wenn er das sagt, weil er sich einfach nicht anders auszudrücken weiß. Wenn ich dann zum Beispiel sage: »Ja, die Gummibärchen bitte!«, kommt ab und zu ein: »Dann hol´ sie dir selbst!«
Wir sind immer noch in England. Am nächsten Morgen, wir schlafen noch, klopft die Vermieterin an unsere Zimmertür. Sie sagt sowas wie: »Aufwachen, ich muss gleich zu meinem Termin!« Jens sagt leise: »Psst, wir stellen uns einfach schlafend, die spinnt wohl!« Vor der Tür hört man, wie sich Schritte entfernen. Nach etwa 10 Minuten klopft es erneut, jetzt energischer. Wieder die Stimme der Vermieterin, dass wir aufstehen sollen, sie müsse weg. Da mein Englisch etwas besser ist( aber wohl nicht gut genug, wie sich rausstellen sollte) rufe ich ihr hinaus, dass wir gleich aufstehen werden. Das tun wir aber nicht und schlafen wieder ein. Nach weiteren 10 Minuten poltert es heftig an der Tür und die Vermieterin sagt jetzt leicht panisch, dass wir bitte sofort aufstehen müssen. Wir wissen immer noch nicht warum, aber wir stehen auf, machen uns fertig und gehen runter zu ihr. Sie erklärt uns, jetzt langsam und in einfachen Worten, was ich am Abend falsch verstanden hatte:
Sie hat heute Morgen, sehr früh, einen wichtigen Termin.
Wenn sie aus dem Haus geht, schaltet sich automatisch die Alarmanlage ein. Wenn wir uns also, nachdem sie das Haus verlassen hat, noch im selbigen aufhalten, tut die Alarmanlage dass, was sie tun soll, nämlich Alarm schlagen. Aus diesem Grund sollten wir also, mit der Vermieterin zusammen, sehr früh, das Haus verlassen. Ups!
Scrambled egg, mit der typischen Handbewegung dazu, wird unser Running Gang für die nächsten Sonntage, an denen es bei uns Eier zum Frühstück gibt.
Wie schon erwähnt, hat Jens, als ich ihn kennen lerne, eine Katze. Einen Kater, um genau zu sein. Einen bulligen, schwarzen Kater. Der Name des Tieres ist »Dicker«. Jens liebt ihn sehr. Oft, sehr oft, eigentlich bei jeder Gelegenheit, erwähnt er, dass er ihn davor bewahrt hat, von einem sehr entfernten Bekannten in einer Toilette runtergespült zu werden, da dieser mit dem Wurf seiner Katze nichts anfangen konnte. Dicker ist, als ich Jens kennen lerne, schon ausgewachsen. »Das ist übrigens mein Kater! Mein Dickerchen, mein Baby!« Da ich es mit Katzen nicht habe, weil sie mir zu suspekt sind, ich ihre Sprache nicht lesen kann und überhaupt, winke ich kurz in die Richtung des Tieres und sage »Hallo Katze!« »Das ist keine Katze, das ist ein Kater!« sagt Jens leicht empört. »Oh Verzeihung, natürlich!«
Die erste Zeit, muss ich zu meiner Schande gestehen, ist mir der Kater ziemlich egal. Wenn Jens die Woche unterwegs ist, kümmere ich mich um das Tier. Das heißt, er ist ein Freigänger und ich lasse ihn raus und rein und gebe ihm sein Futter. Ein bisschen streichele ich ihn auch, aber nur kurz. Wenn er sich bewegt, dann nicht mehr. Meist rede ich gerne auf Abstand mit ihm, man weiß ja nie. Als Jens und ich zusammen ziehen, kann ich schon mehr mit dem Kater anfangen. Kann ihn besser lesen, kann ihn einschätzen, was er mag und was nicht. »Bloß nicht am Bauch kraulen!«, merke ich mir schnell, nachdem ich mir von Dicker eine gefangen habe. Wenn wir auf der Couch sitzen, kann ich ihn streicheln, kraulen und er gehört jetzt einfach mit dazu.
Eines Tages halte ich meine Hand als Höhle für seinen Kopf hin und sage lustig: »Komm in die Hand.« Dicker legt seinen Kopf in meine Hand, als ob er verstanden hätte. Begeistert rufe ich aus: »Guck mal Hase! Der macht das sogar!« Hase sagt nur: »Is klar, komm in die Hand...« Dicker legt jetzt öfter seinen Kopf in meine Hand und immer sage ich: »Komm in die Hand!« Irgendwann macht er es dann nicht mehr, weil er vielleicht einfach keine Lust mehr hat, aber »Komm in die Hand« bleibt auch ein Running Gag bei uns.
So sagt Jens zum Beispiel als wir spazieren gehen und ich seine Hand dabei halten möchte »Komm in die Hand...ich kann so nicht gehen!« Wir schmeißen uns weg vor Lachen.
Am 15. September 2018 muss Dicker, mit stolzen 19 Jahren, nach längerer Krankheit eingeschläfert werden. Die Tage und Wochen davor fahre ich täglich mit ihm zum Tierarzt, weil er Infusionen bekommt, Medikamente und Spritzen. Am Tag, an dem wir mit dem Tierarzt zusammen entscheiden, dass Dicker, trotz allen Versuchen, nicht mehr auf die Beine kommen wird und wir ihn erlösen sollten, fällt mir eine Stunde, bevor der Arzt zu uns nach Hause kommt ein, dass wir nie ein Foto mit ihm und uns zusammen gemacht haben. »Komm Hase, das machen wir aber noch!« sage ich und Jens nimmt ihn auf den Arm. Über die Fotos die wir dann machen, müssen wir später grinsen und lachen. Da schaut ein verstörter Kater mit dem Gesichtsausdruck »Was soll das denn jetzt werden?« in die Kamera. Neben ihm, zwei verheulte, aufgequollene Gesichter, die versuchen der traurigen Situation ein Lächeln abzugewinnen. Dicker liegt seitdem bei meinen Eltern im Garten begraben, neben Shaka, meinem ersten Hund. Die zwei kannten sich und vertragen sich dort bestimmt auch weiterhin.
Der Vogtlandkreis ist ein Landkreis im Südwesten des Freistaats Sachsen. Daher stammt Jens. Dort wohnt seine Schwester, sein Schwager in spe, seine Nichte, sein Onkel und seine Tante. Seine Cousine nicht zu vergessen, allerdings hat es diese, der Liebe wegen, nach Ostfriesland gezogen, sie ist aber auch oft zu Besuch in Plauen. Jens besteht immer darauf, dass er kein Sachse ist, sondern bitteschön ein Vogtländer! Wenn wir uns mal zanken, sagt er nicht selten: »Ja, man nennt uns nicht umsonst Das kleine zänkische Bergvolk!«
Ein stolzer Ossi, der schon mal einen neuen Arbeitskollegen, den er mit auf Tour nehmen soll, mitten auf einer Raststätte im Nirgendwo stehen lässt, da dieser über die Ossis herzieht. Als dieser Kollege mit seinen üblen Ansichten fertig ist, fährt Jens rechts raus und sagt nur: »Du kannst jetzt aussteigen, deine Tour ist hier beendet!« Der Kollege fragt verdutzt: »Warum?« »Ich BIN Ossi, raus!« Dieser Arbeitskollege trat seinen Dienst in dieser Firma leider nicht an.
Wir sind, in all den Jahren, oft im Vogtland, es ist wirklich wirklich schön dort! Sigmund Jähn, den würde Jens jetzt erwähnen, der erste deutscher Raumfahrer, kam aus dem Vogtland. Die Göltzschtalbrücke, als größte Ziegelbrücke der Welt, die Talsperre Pöhl, wo Jens früher oft baden war, der Kemmler. Klingenthal mit der Skisprungschanze, weite schöne Natur, in der er früher oft Langlauf im Schnee machte oder mit Kucki dem Dackel spazieren ging. Es gibt noch so viel Schönes mehr dort. Vor allem ist es das Fest der Liebe, welches im Vogtland noch viel schöner ist.
Weihnachten beziehungsweise die Vorweihnachtszeit ist dort ein bisschen wie auf einer Messe für allerlei Dekorationsartikel zu sein, nur heimeliger. Überall in den Fenstern, Vorgärten und an Hauswänden sieht man Lichterketten, Schwippbögen, Räuchermännchen, Nussknacker, Engel und Bergmänner, beleuchtete Tannen, Kugeln, Kerzen. Wenn dann auch noch meterhoch der Schnee liegt, isses fei schee!!
Bei uns, beziehungsweise Jens zieht dieser Weihnachstraum-/ wahnsinn auch ein. Ganz unmerklich, still und leise. Irgendwann bringt der Postbote ein Paket für Jens. Da er auf Tour ist und wir jeden Abend telefonieren, sage ich im Gespräch: »Soll ich das Paket schon mal öffnen?« »Nein, das mache ich am Wochenende, wenn ich zu Hause bin, selbst!« Gut, es wird Freitag, Jens kommt nach Hause, sieht das Paket und ein Grinsen huscht über sein Gesicht, als er den Absender sieht. »Was ist denn jetzt da drin?«, möchte ich wissen. »Ich hab uns was gekauft!« »Aha, und was?« Er öffnet das Paket, in seiner Hand hält er ein Räuchermännchen und einen Nussknacker. Jens strahlt übers ganze Gesicht. Meine Stirnfalten kombinierten sich mit meinem fragenden Gesicht glaub ich ganz gut. »Guck nicht so, original Erzgebirge! Das stellen wir Weihnachten auf!« »Ja, nett!«, sage ich, »Bis Weihnachten sind es ja nur noch 5 Monate.« »Das is egal, wenn man die im Sommer kauft, sind die billiger!« Da von mir kein wirklicher Widerspruch kommt und Jens dieser, glaube ich, auch ziemlich egal gewesen wäre, zieht neben Räuchermännchen und Nussknacker noch so allerlei andere Weihnachtsdekoration bei uns ein. Immer mehr Pakete kommen an mit dem Kommentar »Ich hab uns was gekauft!« und verschwinden sorgfältig auf dem Dachboden.
Es wird August, es wird September, Oktober, November und endlich Dezember! Eine Woche vor dem 1. Advent hält Jens es kaum noch aus. »Samstag müssen wir die Kartons vom Dachboden holen und schmücken!« »Jaa Hase, du schmückst fein.« »Nein wir schmücken zusammen, ich mach das nicht alles alleine!« Ich denke: »ALLES? Wieviel um Himmels Willen hatte er gekauft? Lag ich im Koma? Hab ich was verpasst? ALLES, sehe ich dann in voller Pracht, einen Tag vor dem 1. Advent beim internen Haustermin »Schmücken«. Er holt einen Karton nach dem anderen vom Dachboden. Nicht nur, dass er dabei grinst, wie ein Honigkuchenpferd, nein, er summt auch noch Weihnachtslieder dabei. Ich stehe im Wohnzimmer, nachdem alle Kartons unten sind und schaue ungläubig auf die aus Pappe hergestellten Aufbewahrungskisten mit Inhalt, dann schaue ich meinen Freund an: »Ist das dein Ernst? Das willst du doch nicht alles hier im Wohnzimmer hinstellen?!« »Nein!« sagt er. Puh, ich bin ein bisschen erleichtert. »Nicht nur im Wohnzimmer, auch unten in der Küche und draußen! Schau mal, hier ist sogar eine Lichterkette, die hatte ich ja ganz vergessen! Das wird schön, wirste schon sehen. Is ja schließlich Original Erzgebirge und hat einen Haufen Geld gekostet!«
Als er sich kurz wegdreht, verdrehe ich die Augen. Na gut, da ich eh keine Chance habe, dem Wahnsinn noch zu entkommen, schmücken wir mal. Ich, mit meinem nicht vorhandenen Talent etwas schön zu gestalten, darf mich nach zehn Minuten wieder auf die Couch setzen mit dem Kommentar: »Du machst das gar nicht ordentlich. Du musst das mit Liebe machen, nicht die Sachen einfach nur so irgendwo hinstellen. Und auch die Silberfäden musst du....« »Hä? Was sind denn Silberfäden?«, unterbreche ich ihn. »Das Lametta!«, antwortet er, schon leicht genervt und verdreht nun seinerseits die Augen. Ich starte Erklärungsversuche: »Wir haben das Lametta früher bei uns zu Hause immer einfach aus der Packung raus, auf den Baum schmeißen dürfen. Die Hand voll und....«, ich mache eine Armbewegung, als ob ich einen Ball schmeißen will, »bei euch nicht?« Falsche Frage, zu falscher Zeit. Seine Augen werden groß, dann verengen sich seine Augenbrauen leicht »Was? Nein, das geht gar nicht! Die Silberfäden musst du einzeln aus der Packung holen und auch einzeln an den Baum hängen!« Mein Kopf neigt sich nach vorne, während ich ihn anstarre und dann frage: »EINZELN? Soll ich die auch noch vorher bügeln und so aufhängen, dass sie seitengleich auf einer Länge sind oder geht das auch so?« Er muss grinsen und ein protestierend- ironisch gemeintes: »Blöde Kuh! Verarsch mich nicht!« kontere ich mit: »Na entschuldige bitte, wer hat denn damit angefangen?«
Zur korrekten Vorgehensweise muss ich noch erwähnen, dass der Baum erst einen Tag vor Weihnachten, besser noch am selbigen aufgestellt werden darf! Aber das nur nebenbei.
Der absolute Knaller bei der ganzen Deko sind jedoch die goldenen Plastikglocken! »Hase, die sind aber jetzt wirklich nicht dein Ernst?!«, frage ich und halte dabei diese wirklich kitschigen Teile in die Luft. »Wo sollen diese Omadinger denn bitte hin? Wieder in den Karton, wär dir das recht?« Mit einer unumstößlichen Selbstverständlichkeit antwortete er: »Nein, die kommen von außen an die Haustür!« »Nein, auf gar keinen Fall kommen diese Teile auch noch VON AUSSEN an die Haustür! Ich bitte dich! Wenn die an die Haustür kommen, damit sie jeder sehen kann, dann zieh ich aus!«
Was soll ich sagen? Die Glocken hängen in der Weihnachtszeit nun immer von außen an der Haustür und ich bin natürlich NICHT ausgezogen!
Ich muss also auf der Couch sitzen bleiben und sehe zu, wie dieser Mann mit einer Hingabe und Liebe das Wohnzimmer schmückt, sodass ich denke: »Wo ist denn der Mann hin, der volltrunken die Straße runter torkelte? Der in Boxershorts und Tennissocken vor mir stand?« Es ist mir egal wo dieser Mann hin ist! Diesen Mann, der hier vor mir steht, mit dem zufriedensten Gesicht, was ich je gesehen habe, Weihnachtslieder summt und die Schwippbögen mit einer Wasserwaage ausrichtet, liebe ich mittlerweile so, wie ich noch nie jemanden zuvor geliebt hatte!
2011 hat Jens einen Herzinfarkt. Wie ich das für mich erlebte, schrieb ich damals, nach ein paar Monaten auf und liest sich wie folgt:
22.11.2011
März, das Jahr ist gerade mal 3 Monate alt, zu jung um zu sagen was es noch alles bringen kann. Kurz nach dem 8. März, dem Geburtstag von Jens, wurde dann klar: Obwohl es erst März war, würde dieses Jahr zum Ende hin den Namen: »Scheißjahr!« verliehen bekommen.
Vor seinem Geburtstag klagte Jens über Herzschmerzen, er wolle dem aber nicht nachgehen. Warum auch? So ein Herz wird ja schon mal schnell überbewertet! Bei meiner einer hingegen gingen da schon die Alarmklingeln an und ich fragte ihn doch sehr forsch: Hallo? Herzschmerzen? Damit ist nicht zu spaßen! Geh morgen früh vor der Arbeit bitte zum Arzt und lass das abklären! Allerdings sah Jens das nicht so eng und ging schön pflichtbewusst, wie er nun mal ist, arbeiten. Ein paar Tage später war die Herzgeschichte wieder vergessen und ich nahm an, es wäre eine einmalige Sache gewesen. Okay, er ist ein erwachsener Mann, weiß was er tut.
Rene´, mein Ex-Schwager, gönnte sich just in dieser Zeitspanne einen Urlaub und ich fütterte »Mucki«, seine Katze, nach der Arbeit. Heißt, ich fahre gleich nach der Arbeit dort hin, gebe dem Tier seine Nahrung, bespaße es ein wenig und fahre dann wieder heim. Da ich, wenn ich von der Arbeit komme, häufiger Kopfschmerzen habe (was nicht wirklich verwunderlich oder erwähnenswert wäre) lege ich mich also erstmal auf die Couch meines Ex-Schwagers um meine Kopfschmerzen etwas unter Kontrolle zu bekommen. (Natürlich hatte ich zuvor den hungrigen Katzenbauch gefüllt.)
Ich mache also mein Handy an um mir den Wecker zu stellen, so wie ich es häufig mache, wenn ich mich nachmittags kurz aufs Ohr lege. Mein Handy hat Empfang und es dauert ein paar Sekunden bis ich die Nachricht bekomme, dass ein Anruf auf meiner Mailbox ist. Ein wenig angenervt, weil ich doch Kopfschmerzen habe wie wild, wähle ich also die Nummer meiner Mailbox um zu hören, wer stört. An der Stimme erkenne ich Jens. Allerdings klingt er etwas außer Atmen und nuschelt etwas von: »Hase, ich glaube ich habe einen Herzinfarkt…« weiter verstand ich ihn nicht. Ich drückte auf den roten Hörer, als der Monolog geendet hatte und legte mich wieder in Schlafposition.
