Oeconomia non(?) olet - Kurt Bayer - E-Book

Oeconomia non(?) olet E-Book

Kurt Bayer

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Beschreibung

Kurt Bayer erlebte in seiner langen Ökonomen-Karriere viele Institutionen: als Student Universitäten in Graz, Bologna und den USA, als Forscher und Funktionsträger das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), das Finanzministerium in Wien, die Weltbank in Washington , D.C. oder die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) in London. Dabei wandelte er oft auf einem schmalen Grat zwischen Loyalität zu seinem jeweiligen Arbeitgeber und seiner Lust am Kritisieren und der Neugierde nach innovativen Ideen. In den hier versammelten kurzen Vignetten geht es aber nicht um die großen Linien der österreichischen und internationalen Wirtschaftspolitik, sondern um den »soft underbelly« der Politik und ihrer Macher und Macherinnen. Sie zeigen das allzu Menschliche einer oft ernsten Materie. Auch ein mächtiger Weltbankpräsident James D. Wolfensohn erscheint da als fast normaler Mensch mit Macken.

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EPUB
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Seitenzahl: 146

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Kurt Bayer – Oeconomia non (?) olet

Kurt Bayer

Oeconomia non(?) olet

Duftspuren aus dem Innerender Wirtschaftspolitik

© Kurt Bayer, 2019 in Wien

www.kurtbayer.wordpress.com

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Lektorat: Volker Plass

Cover-Bild und Illustrationen: Rosemarie Hebenstreit

Schriftsatz und Layout: Volker Plass

Gesetzt in der Minion

Verlag & Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN 978-3-7482-4124-9

Die abgebildetenScherenschnitte wurden vonRosemarie Hebenstreitfür dieses Buchangefertigt.

Herzlichen Dank!

Einleitung

Der Anfang

Studieren: Curiosus venter…

Studentenpolitik

Neue Wege

Kulturprobleme der Internationalität

Austriaca burocratica et politica

Freuden der Auslandsreisen

Internationale Finanzinstitutionen von Innen

Das lange Ende: wieder Wien

Einleitung

 

In diesen Aufzeichnungen geht es nicht um die »harte« Wirtschaftspolitik (und meine nicht immer erfolgreichen Bemühungen dazu), sondern um persönliche Erlebnisse mit dieser: als Student, als Universitätsassistent, Vortragender und Wirtschafts(politik)forscher, als Bediensteter im Finanzministerium sowie als Aufsichtsrat internationaler Entwicklungsbanken und zuletzt als Publizist und Blogger.

Der Titel dieses Buches nimmt eine Anleihe bei einem dem römischen Kaiser Vespasian anlässlich der Erhebung einer Latrinensteuer zugeschriebenen Ausspruch: »Pecunia non olet!« (Geld stinkt nicht!) Hier bleibt die Frage offen, ob »die Ökonomie«, also Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftspolitik, sowie alles, was institutionell mit diesen und deren Akteuren zusammenhängt, »stinkt« oder nicht.

Meine persönlichen Erfahrungen sind durch Personen, Zeit und Ort geprägt und damit einzigartig, jedenfalls nicht zu verallgemeinern. Sie sind charakterisiert durch mein oft distanziertes, jedoch immer loyales Verhältnis zu meinem jeweiligen Arbeitgeber, durch den dadurch entstehenden Spagat zwischen der Notwendigkeit, den offiziellen Mainstream im Auge zu behalten und auch vertreten zu müssen, und der mich antreibenden Neigung, diesen zu kritisieren – eine Zerrissenheit zwischen Insiderwissen und dem Versuch, von außen neue Aspekte in die Diskussion zu bringen.

Die Tatsache, dass ich mich oft nicht hundertprozentig mit der jeweiligen Institution, für die ich tätig war, und deren Positionen identifizieren wollte, führte zwar manchmal zu einer leichten beruflichen »Schizophrenie«, hat mir jedoch eine gewisse Unabhängigkeit verschafft und letztlich auch Freude und Stolz bereitet. Mit einer solchen Haltung macht man sich jedoch nicht immer Freunde – ganz im Gegenteil! In einem Land wie Österreich, wo absolute Loyalität als das wichtigste Kriterium für Einbeziehung und Dazugehörigkeit gilt, wird diese »Verlässlichkeit« sowohl von Regierungen und Ministerien, als auch von Forschungsinstitutionen und den Sozialpartnern immer höher bewertet als das Fachwissen. Wer hier als Berater in Diskussionen gehört werden möchte, muss dem Gegenüber die Sicherheit vermitteln, dass auf gar keinen Fall die jeweils zu beratende Institution (oder Person) kritisiert wird. Wer die eigene Meinung allzu kritisch und selbstbewusst vorträgt oder zu Papier bringt und dadurch (scheinbar) die Eigeninteressen des Gegenübers verletzt, erlebt immer wieder Ausgrenzung. Dies führe ich auf die hierzulande immer noch vorhandene provinzielle Bunkermentalität zurück, auf die herzliche Abneigung gegenüber den jeweils anderen, die in – nur einige Male kurz unterbrochenen – 70 Jahren aus Großer Koalition, Proporz und Sozialpartnerschaft gewachsen ist. In einem solchen Klima wird jemand, der weder einer Partei noch einer »Partie« angehört, immer suspekt sein, da er als »nicht kontrollierbar« gilt. Diese Eigenständigkeit wird oft mit Misstrauen und Ausgrenzung »bestraft«, mit Nichtberücksichtigung bei der Einladung zu Diskussionskreisen oder bei Vergaben von verantwortungsvollen Ämtern, da »man« ja nicht weiß, wessen Interessen diese Person vertreten würde.

Ich will aber nicht jammern: Meine Eigenständigkeit brachte zwar Probleme, Ausgrenzung, Nichtbeachtung und auch Missgunst mit sich, sie lässt mich jedoch nachträglich sehr stolz darauf sein, dass ich mich während meiner gesamten Berufslaufbahn (fast) nicht verbiegen musste und – im Rahmen des jeweils selbst gewählten Loyalitätsgrades – meine eigene Meinung bilden und vertreten konnte. Im Rückblick zählt dies als großes Plus.

Im Laufe meines Lebens hatte ich die Möglichkeit, viele verschiedene wirtschaftspolitische Institutionen und Kulturen zu »bevölkern« und kennenzulernen: bei meinen Studien in Graz, Bologna und den USA, durch Berufsabschnitte in der Forschung (WIFO), während Auslandsaufenthalten, im Finanzministerium nach dem Beitritt Österreichs zur EU, in der Weltbank in Washington, D. C. oder bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) in London sowie durch meine Mitarbeit in zivilgesellschaftlichen Ökonomie-Institutionen. Auf dem Weg durch diese vielen Stationen hat sich ein Schatz an Beobachtungen der nicht immer ernsthaften Art aufgebaut. Teile dieser Geschichten habe ich zweimal in Alphabet-Form (»from a to z. Kurt Bayer’s World Bank Alphabet«, Wien 2004; »from e to d, Kurt Bayer’s EBRD Alphabet«, Wien 2012) im Eigenverlag publiziert, sowie später auch in meinem Blog (www.kurtbayer.wordpress.com). Viele dieser Anekdoten sind nicht weitererzählbar, einige bringe ich jedoch hier zu Papier.

Die einzelnen Begegnungen, von denen ich im Weiteren berichte, haben wie beschrieben tatsächlich stattgefunden. Die handelnden Personen, vor allem jetzt noch lebende, sind jedoch oft nicht beim Namen genannt, um deren Persönlichkeitsrechte nicht allzu sehr zu verletzen. Der Leserin und dem Leser sollte klar sein, dass es sich bei diesen Erinnerungen um meine subjektive Sicht der Dinge handelt – und nicht um eine objektive Darstellung. Es gilt jedenfalls die Unschuldsvermutung!

In diesen kurzen Vignetten geht es also nicht um die großen Linien der österreichischen und internationalen Wirtschaftspolitik (gibt es solche überhaupt?), sondern um deren Kehrseite, um den »soft underbelly« der Politik und ihrer Macher und (wenigen) Macherinnen. Sie zeigen die leichte Seite, das oft allzu Menschliche einer durchaus ernsten Materie auf, wie sie von mir erlebt wurde. Es besteht natürlich die Gefahr, dass die Leserinnen und Leser aus diesen Aufzeichnungen gesamthaft auf die österreichische und internationale Wirtschaftspolitik schließen. Dies ist jedoch keineswegs meine Absicht, denn meine subjektiven Einblicke und Erlebnisse sind bestenfalls ein kleiner Teil der allgemeinen Wahrheit.

Die einzelnen Kapitel folgen keiner Zeitlogik, sondern stellen eher neun inhaltliche Gruppen dar. Wie bei jeder solchen Einteilung sind die Grenzen fließend.

Der Anfang

 

Gelebte Diversität à la 1949

Im zweiten Jahrgang der Grazer Albert-Muchar-Volksschule beschloss unsere Lehrerin, mit ihrer Bubenklasse das Märchen »Hänsel und Gretel« szenisch aufzuführen. Die Rollen waren bald vergeben, Schwierigkeiten bereitete nur die Besetzung der Gretel: Wo sollte man sie hernehmen?

Zu meinem Entsetzen meinte die Lehrerin, dass ich ja drei Schwestern hätte, die wohl alle Dirndlkleider besäßen, und dass ich daher die ideale Besetzung der Gretel wäre – noch dazu, weil ich einer der Kleinsten der Klasse war. Sie kontaktierte meine Mutter, und zum Gaudium meiner Schwestern musste ich die Dirndlkleider der beiden Älteren probieren. Dann wurde ein bisschen was zurecht gezupft, der eine Einnäher hier, der andere dort, ein Kopftuch auf – und fertig war ich als Gretel. Meine tränenreichen Beteuerungen, dass ich das alles nicht wolle, halfen nichts.

Die Aufführung war ein voller Erfolg, die zuschauende Elternschar war besonders vom Darsteller der Gretel begeistert: »So a liabe Gretel, der Bua – a richtig’s klanes Madl«, oder so ähnlich lauteten die mich in Scham versinken lassenden Kommentare. Mein Standing bei den Klassenkameraden war dahin, und das Trauma wurde ich bis heute nicht los. Meine Ablehnung von Dirndlkleidern (und Steireranzügen) geht neben ihrer Blut-und-Boden-Affinität wahrscheinlich auf dieses unrühmliche Schauspiel-Debüt zurück.

Human Capacity Building: Grashalmzupfen beim Bundesheer

Da ich bei meinem Matura-Abschluss relativ zu jung und mein Jahrgang (1943) sehr geburtenstark war, wurde mir bei der Musterung bedeutet, dass ich nur dann sofort im September 1961 einrücken könne, wenn ich mich zu zusätzlichen drei Monaten Dienst mit Ausbildung zum Reserveoffizier verpflichten würde. Da mir ein älterer Freund mitgeteilt hatte, dass man sich bis drei Monate nach dem Einrückungstermin wieder zurück auf die damals allgemein vorgeschriebenen neun Monate melden könne, sagte ich zu.

Nach der Grundausbildung in Graz kam ich als Funker in die »Trostkaserne« in Wien zu einer sogenannten »Maturanten-Kompanie«. Dort stellte sich heraus, dass eine ganze Reihe von Kollegen denselben Plan hatte, nämlich zum letztmöglichen Termin einen Rapport beim KompanieKommandanten zu beantragen, um auf die zusätzlichen drei Monate Wehrdienst zu »verzichten«. Da diese Vorgangsweise bei den Oberen des Bundesheeres nicht besonders gern gesehen war, wollten wir bis zum letztmöglichen Termin (Ende November) warten, um möglichen Schikanen zu entgehen.

Wir waren daher einigermaßen überrascht, als am vorletzten Novembertag plötzlich spät abends eine mehrtägige Alarmübung ausgerufen wurde und wir um Mitternacht mit Marschgepäck auf Lastwagen Platz nehmen mussten. Nach einigen Kilometern schlaftrunkenen Sitzens sagte ein Kollege: »Ihr wisst eh, dass mit dieser Übung unser Plan obsolet ist und wir den nächsten Sommer beim Heer verbringen. Bei Gefechtsübungen finden keine Rapporte statt, und bis wir wieder zurückkommen, ist unsere Drei-Monats-Frist abgelaufen.« Heulen und Zähneknirschen war die Reaktion, das Bundesheer hatte uns ausgetrickst.

Diese letzten drei Monate im Hochsommer 1962 verbrachte ich wieder in meiner Grazer Stammkaserne, wo man mit mir, dem Reserveoffizier in spe, nichts anzufangen wusste. Die meiste Zeit waren ich und ein ähnlich ausgebildeter Kollege eingeteilt, die Aschenbahn des Sportplatzes von Unkraut und Grashalmen zu befreien. Hatten wir eine 360-Grad-Runde mühsam absolviert, war wieder neues Gras nachgewachsen.

Meine Stimmung gegenüber dem Bundesheer war dem entsprechend, umso mehr, als meine Freunde in diesen letzten Monaten vor dem Studium nach Schweden oder Deutschland zur Ferialarbeit fuhren und gutes Geld verdienten, oder irgendwo im Süden Urlaub machten. Ich besorgte mir jedoch ein Skriptum der Jus-Einführungsvorlesung und studierte es neben den Grashalmen am Sportplatz. Dadurch konnte ich die Eingangsprüfung bereits vor Weihnachten ablegen und gewann zumindest ein Semester.

Studieren:Curiosus venter…

 

Archaisches Universitätswesen in Österreich

Als ich 1961 in Graz Rechtswissenschaften zu studieren begann, gab es in Österreich kein separates Ökonomiestudium. Erst 1967 wurde mit der Errichtung der neuen Universität in Linz ein Studienlehrgang in Volkswirtschaftslehre plus einige verbundene Fächer eingerichtet. Im dritten Studienabschnitt Jus gab es allerdings das Prüfungsfach »Volkswirtschaftslehre«. Da es hierzu kaum passende Vorlesungen auf systematischer Ebene gab, besuchte ich einen »Paukerkurs« außerhalb der Universität, wo man auf die notwendigen Prüfungen vorbereitet wurde. Meine Wissensbasis war dementsprechend mager. Ich hatte zwar erfahren, dass afrikanische Kulturen Geld als »Tränen des Sonnengottes« bezeichneten, aber mir war nicht einmal bewusst, dass es einen Unterschied zwischen Mikro- und Makroökonomie gibt. Die besuchten Kurse reichten aber jedenfalls für den Studienabschluss in Jus.

Das Jus-Studium erforderte nur wenig Präsenz. Man konnte eigentlich alles aus den Skripten lernen, Diskussionsveranstaltungen gab es praktisch keine, auch der damals noch vollkommen unbekannte Schriftsteller Peter Handke lümmelte in den von mir besuchten Einführungsvorlesungen herum. Viele bundesdeutsche StudentInnen, die einen »Dr. Graz« in Staatswissenschaften erreichen wollten, kamen (wenn überhaupt) nur zu den wenigen schriftlichen und mündlichen Prüfungen nach Graz. Es gab daher einen schwungvollen Handel (und Einkommensmöglichkeiten für österreichische StudentInnen) mit dem Schreiben von Klausurarbeiten und sogar Dissertationen. Zum Teil wurden diese Dienste sogar – im Geheimen natürlich – durch den Dekanatsdirektor vermittelt.

Eine besondere Skurrilität war das Fach »Völkerrecht und Internationale Beziehungen«, in welchem durch den Professor im Jahr 1965/66 noch immer ein Skriptum aus dem Jahr 1948(!) Verwendung fand. In diesem wurde gerade die Gründung der UNO als Novum beschrieben. Dieser Professor pflegte seine Prüfungen auf Wanderungen in die Umgebung von Graz abzunehmen. Dabei hatten jedenfalls jene, die gut bei Fuß waren, Start- und Ergebnisvorteile gegenüber den Fußmaroden.

Bei den so genannten Rigorosen galt es zu wissen, welcher der externen Prüfer einem zugeteilt wurde, da man dann dessen Rechtsmeinung, und gefälligst nur diese, wiederzugeben hatte. Auch hier half – gegen Bares – der Dekanatsdirektor bei der Zusammenstellung der jeweiligen Prüfungskommission. Angesichts der hier beschriebenen Qualität dieses Studiums erstaunt es, dass heute viele Rechtsberufe kompetent erledigt werden. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man damals bis zur Richteramtsprüfung zusätzlich drei Jahre und bis zur Rechtsanwaltsprüfung zusätzlich sieben Jahre »Learning on the job« absolvieren musste, wobei das gefürchtete »Gerichtsjahr« oft auch verlorene Zeit war – je nach Richter, für den man zu arbeiten hatte.

Englisch statt Wirtschaftsgeschichte

Im Jahr 1965 wurde an der Universität Graz ein neuer Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte eingerichtet und mit einem früheren Mittelschullehrer für Geschichte, einem Freund des amtierenden Volkswirtschaftsprofessors, besetzt, der keine Ahnung von theoretischer Ökonomie hatte. Da er auch niemanden mit einschlägiger Expertise kannte, fragte er seine Freunde, darunter meinen Vater, ob sie nicht jemanden als Assistenten vorschlagen könnten. Ich hatte damals zwar kein besonderes Interesse an der Materie und schon gar keine Kenntnis von Wirtschaftsgeschichte, war aber an einem bezahlten Job interessiert, meldete mich bei ihm und wurde genommen. Offenbar waren meine guten Englisch-Kenntnisse (ich hatte neben Jus am Dolmetsch-Institut Englisch studiert) ausschlaggebend für meine Wahl.

Der Professor fragte mich, ob ich ein gutes Ökonomie-Lehrbuch kenne. Nach einigem Herumfragen fand ich heraus, dass der US-Amerikaner Paul Samuelson sein Buch »Economics«, ein Standard-Werk für Ökonomie-Anfänger, seit 1948 schon in der x-ten Auflage publiziert hatte.

Also schlug ich dieses Buch meinem Professor vor. Es war jedoch nur auf Englisch verfügbar, und da er auch nicht Englisch konnte, verbrachte ich meine Assistenzzeit (neben dem Lernen für die dritte Staatsprüfung) damit, mit meinem Professor Kapitel für Kapitel des Samuelson-Lehrbuchs durchzugehen. Für mich war es eine interessante Erfahrung und diente mir zum Erlernen der Grundbegriffe, für einen Professor war es hingegen als Grundlage seiner Lehrbefugnis vielleicht doch eine etwas dünne Basis.

Erster Augenöffner: Modernes Bologna

Auf Anraten eines Assistenten-Kollegen an der Grazer Universität bewarb ich mich im Jahr 1966 für ein Stipendium an der »Johns Hopkins University School of Advanced International Studies« (SAIS), einer hoch angesehenen Graduate School für Internationale Beziehungen mit einem europäischen Campus in Bologna. Ich bekam sogar zwei Vollstipendien zugeteilt, eines vom damaligen Unterrichtsministerium, das andere vom Land Steiermark. Letzteres war 1955, im Gründungsjahr des Bologna Campus, eigens für den Sohn des damaligen steirischen Landeshauptmannes, der Jahre später selbst Landeshauptmann wurde, geschaffen und seither an niemand anderen mehr vergeben worden. Da ich mit diesem Sohn als Assistent im selben Zimmer saß, machte er mich auf diese Möglichkeit aufmerksam, die ich dankend und erfolgreich annahm.

Bologna war ein Augenöffner für mich: systematische Kurse mit hoch qualifizierten Professoren, das Abarbeiten von wöchentlichen Leselisten, intensive Diskussionen in den Tutorien sowie eine internationale Studenten- und vor allem Studentinnenschaft.

Der Kulturclash zwischen den USA und Europa wurde dort sofort zweifach deutlich: Zum einen fanden wir Europäer nichts dabei, beim Eingangs-Italienisch-Kurs für die Prüfung Schwindelzettel zu verwenden, was uns unter den Amerikanern den Ruf, »moralisch minderwertig« zu sein, eintrug. Wir wurden dann belehrt, dass Schwindeln an amerikanischen Universitäten ein absolutes Tabu sei, und hielten uns ab dann auch überwiegend daran. Das zweite war eher persönlich, da die US-Studentinnen in Bologna lieber mit uns Europäern ausgingen als mit ihren US-Boys. Das trug uns – vorgebracht in einer Sitzung der Studienvertretung – die Bezeichnung »sexsüchtig« ein (was wohl eher eine Projektion der eigenen Wünsche gewesen zu sein scheint). Also: »moralisch minderwertig« und »sexsüchtig«, eine schöne Reputation!

Im Laufe des Jahres beruhigten sich diese Auseinandersetzungen jedoch. Die Erfahrungen in Bologna, sowohl vom akademischen her, aber besonders die Interaktion mit Studentinnen und Studenten aus rund 30 Ländern, weiß ich bis heute sehr zu schätzen.

Zweiter Augenöffner: Politik – USA

1967 kam ich mit einem Assistantship in die USA, nach College Park, einen Vorort von Washington, D. C., an die University of Maryland. Meine diesbezügliche Aufgabe bestand darin, einige Tutorien zu halten, im Gegenzug wurden mir die Studiengebühren für die Graduate School erlassen und auch noch ein Gehalt ausbezahlt, das sogar über dem »Living wage«-Niveau lag.

In College Park sah ich, wie man gezielt Wissen lehrt und aufbaut, wie man StudentInnen verpflichtend zur laufenden Mitarbeit aktiviert und dabei auch mit hochqualifizierten Professoren Diskussionen auf Augenhöhe bestreitet. Die Angewohnheit einiger Jung-StudentInnen, während meinen Veranstaltungen in der letzten Reihe Marihuana zu rauchen, verschwand erst, als ich ihnen mit der Note »Ungenügend« drohte, wodurch sie ihren Aufschub zur Army (und in der Folge wohl zu ihrem Vietnam-Einsatz) verloren hätten.

Das war auch die Zeit mehrerer negativer Höhepunkte im so wichtigen und langsam Erfolg zeigenden Civil Rights Movement. Nachdem Martin Luther King im April 1968 erschossen worden war, brannte Washington, D.C. jenseits der 16.Straße. Die Stadt war weitgehend abgesperrt, Demonstrationen liefen aus dem Ruder. Als zwei Monate später auch Justizminister Robert Kennedy einem Attentat zum Opfer fiel, waren wieder Millionen Menschen auf der Straße, um den Trauerzug zu begleiten. Es schien, als ob eine Ära des Aufbruchs und der verstärkten Gleichberechtigung gewalttätig zu Ende gegangen war.

Die wilden Gewaltausbrüche der Polizei und der Nationalgarde anlässlich der Demonstrationen beim Konvent der Demokraten zur Präsidentschaftswahl 1968 in Chicago, die fast in bürgerkriegsähnliche Zustände mündeten, wiesen auf den unbedingten Willen des »Systems« hin, der Kommunenbildung sowie der Friedens-, Free-Speech- und Hippie-Bewegung, die sich in ganz Amerika auf die Suche nach einem neuen friedlicheren Gesellschaftsmodell begeben hatte, ihre ganze beträchtliche Macht und Härte entgegenzusetzen.

Die Demonstrationen hatten sich – wieder einmal – gegen die Fortführung des Vietnam-Kriegs gerichtet, die auch der demokratische Bewerber Hubert Humphrey befürwortete. Gewählt wurde letztlich der Republikaner Richard Nixon, der Jahre später aufgrund des »Watergate-Skandals« einer Absetzung durch den Senat (»Impeachment«) nur durch Rücktritt entkommen konnte.

Der Kontrast hätte stärker nicht sein können. Mich politisierte er, hinund hergerissen zwischen politischem Aktivismus, Studium sowie den Peace- und Marihuana-Erfahrungen des Alltags. Bei Betrachtung der politisierten AktivistenkollegInnen fiel mir negativ auf, dass der Fokus der Debatte jeweils auf Einzelprobleme gelegt wurde, eine systemische Auseinandersetzung mit den Ungerechtigkeiten des Systems fehlte hingegen. Man konnte zwar für einen besonderen Anlass viele Menschen auf die Straße und auf den Campus bringen, es gab jedoch nur ganz wenige, die versuchten, die tiefer liegenden gemeinsamen Hintergründe der Probleme zu durchleuchten und zu diskutieren. Ein bisschen marxistische Ökonomie drang jedoch auch ins verschlafene College Park durch.

Dennoch: Innerhalb des Systems schien mir die US-amerikanische Demokratie mit ihrer strikten Gewaltentrennung, ihren »Checks and Balances«, der starken Rolle des Obersten Gerichtshofs und der relativ geringen Parteidisziplin bei Abstimmungen gut zu funktionieren.